Archive for the 'pornographie' Category

14
Jan
10

Die Entstehung der Pornographie und ihr Eingang in die Populärkultur

Inhalt

Die Anfänge der modernen Pornographie – Vom politischen Stilmittel zur sexuellen Stimulanz

Der Massenartikel „Pornographie“ – Definitionsprobleme
Pornographie als Genre
Pornographische Alternativen – alternative Pornographie?
Feministische Impulse für eine andere Pornographie
BDSM und andere sexuelle Subkulturen
Kulturelle Akzeptanz – der Mainstream-Porno wird populär
(Art)Porn – Ausstellungen und Performances

Die Anfänge der modernen Pornographie – Vom politischen Stilmittel zur sexuellen Stimulanz

Wann und wo die Anfänge der modernen Pornographie zu suchen sind, ist umstritten. Manche beginnen bei ihren Zuordnungen mit der „Ars Amatoria“ (Liebeskunst) von Ovid, 18 nach Christus erschienen und dem „Satyricon“ von Gaius Petronius, (65/66 n. Chr.). Ein Roman, der die intime Seite des römischen Provinzlebens im ersten nachchristlichen Jahrhundert schildert.  Weitere Werke italienischer Autoren, wie „Decamerone“* von Boccaccio, 1470 nachgewiesen gedruckt (zwischen 1348-1353 geschrieben) „Corbaccio“ ebenfalls 1470 erschienen, wie auch „Facetiarum Liber“ von Poggio und das 1526 gedruckte „Origene delle Volgari Proverbi“ von Cyuthio degli Fabritii werden ebenfalls als Frühwerke pornographischer Literatur bezeichnet.

In „Decamerone“ des Schriftstellers Boccaccio (1313-1375) wird die Sexualität in allen ihren Spielarten, von der passionierten Liebe, bis hin zur schnell genossenen sexuellen Lust be- bzw. umschrieben. Der Titel „Decamerone“ aus dem griechischen „deka“- zehn und „hemera“- Tag gebildet, gibt die Struktur der Novellensammlung vor. Boccaccio schildert als Rahmenhandlung ein realistisches Bild von der Stadt Florenz in welcher die Pest wütet. Aufgrund des Massensterbens und Elends, verlassen sieben junge Frauen in der Begleitung von drei Männern, allesamt aus besseren Hause, die Stadt. Ab da setzt sich dann das heitere Ambiente der Binnenhandlung von der düsteren Rahmenhandlung ab. Jeder der drei jungen Männer ist in eine der Damen verliebt, was für amouröse Verstrickungen sorgt- und diese zehn Menschen erzählen sich an zehn Tagen, jeweils zu einem festgelegten Thema der Liebe und Sexualität, Geschichten, insgesamt die hundert Novellen aus denen das „Decamerone“ besteht. Bei Boccaccios „Decamerone“ hat der Geist des katholischen Mittelalters mit seinem spiritualistischen Konzept des Verzichts auf erotische, sexuelle Entfaltung zur Steigerung einer vergeistigten Liebesqualität seine Verbindlichkeit verloren. Statt dessen entwirft er ein sensualistisches Liebeskonzept, in welchem die Sexualität als eine, alle Menschen erfassende Naturkraft dargestellt wird und zwar, sicherlich auch Angesichts der Katastrophe der Pestjahre, mit einer klaren Dieseitsbezogenheit. Decamerone diente dem Regisseur Pier Paolo Pasolini als Folie für seinen gleichnamigen Film, den er 1970 im Rahmen seiner „Trilogie des Lebens“ („Decameron“, „Paolinis tolldreiste Geschichten“/1971, „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“/1973)  produzierte.

Der dänische Kriminologe Bert Kutchinsky sieht die Anfänge moderner Pornographie um das Jahr 1650  – mit dem verbreitetem Erscheinen dreier pornographischer Klassiker: „La Puttana Errante“  (Veniers /1531) „L`ecole de files ou la philosophie des dames“(1655) von Heloy alias Michel Millot und „Satyra Sotodica“ (1660) von Nicholas Choriers“.

Der Roman „L`Ecoles des Filles“ benutzt eine ähnliche Dialogform wie Arentinos „Kurtisanengespräche“. Das Buch setzt sich aus zwei Dialogen zwischen Cousinen, der 16-jährigen unerfahrenen Fanchon und der reiferen Susanne, zusammen. Im ersten Teil zählt sie die Arten und Weisen auf, mit denen Männern ihr Lust bereiten können. Im zweiten Gespräch erzählt Fanchon von ihren inzwischen gemachten Liebeserfahrungen.

Diese Bücher wurden in alle wichtigen europäischen Verkehrssprachen übersetzt und decken mit der Schilderung von normalen Sexualverkehr, Lesbianismus, Homosexualität, Flagellation, Sadismus und Masochismus, etc. eine breite Varietät dieses Genre ab und standen Modell für spätere Druck- und Filmproduktionen.

Andere sehen in Pietro Arentino (1492-1556), den Gründungsvater der modernen Pornographie. Italien, bzw. die prosperierenden Stadtstaaten der italienischen Küstenregion, in denen sich früh urbane Strukturen entwickeln konnten und der Reichtum und Transfer von Waren und Menschen des Seehandels ein Ansteigen der Prostitution bedingte, boten zu dieser Zeit günstige Vorraussetzungen für eine libertine Geisteshaltung. Der in seinen letzten drei Lebensjahrzehnten in Venedig ansässige Humanist und Schriftsteller Pietro Aretino schrieb die bekannten Textsammlungen Sonnetti lussuriosi (1527) und Ragionamenti *(1534-1536) Aretino brachte in seinen Werken verschiedene wichtige Elemente zusammen, um die Basis einer pornographischen Tradition zu schaffen: die explizite Repräsentation der Sexualität, der von Frauen geführte Dialog, die Diskussion über das Verhalten von Prostituierten und die Herausforderungen an die moralische Konvention seiner Zeit.

* In „Ragionamenti“- „Kurtisanengespräche“ des Italieners Pietro Aretino (1492-1557) entwirft der Autor ein Zeitbild aus der Sicht einer Kurtisanin. Ausgangspunkt der Geschichte und der Dialoge der beiden weiblichen Romanfiguren Nanna und Antonia, ist die Zukunft von Nanna´s Tochter Pippa- und es gilt aus dem Stand der Nonne, der Ehefrau und der Kurtisane, den vorteilhafsten Beruf für sie zu finden. Da Nanna über intime Kenntnisse in allen drei dieser weiblichen Hauptbetätigungsfelder verfügt, beschreibt sie an drei Tagen der Antonia, wie auch der Leserschaft, anschaulich das Leben der Nonne, Hausfrau und Kurtisanin, in denen es jeweils an ausführlichen Schilderungen sexueller Erlebnisse und Abenteuer nicht mangelt. (Auch in dem Roman „Gargantua et Pantagruel“ des Franzosen Rabelais (1494-1553) spielt die Sexualität, in einer bildhaften, metaphorischen Sprache dargestellt, eine wichtige Rolle, wenn sie auch nicht, wie bei Arentino, das Hauptthema stellt.)

Eine der auffälligsten Erscheinungen der frühen modernen Pornographie ist die von männlichen Schriftstellern vorgestellte Dominanz der weiblichen Protagonistin und Erzählerin. Seit Arentinos Dialogen wird diese oft als unabhängige, selbstbewusste Prostituierte dargestellt, die als öffentliche Frau par excellence dazu geeignet war die Scheinheiligkeit der konventionellen Moral offenzulegen und bestehende soziale und sexuelle Beziehungen zu kritisieren. Viele dieser Texte stellten eine Verbindung von Stimulanz, Voyeurismus, Objektivierung und politischer Kritik dar, die bis Ende der 1790er demokratische und libertine Tendenzen subversiv verbreitete, während spätere Produkte größtenteils nur noch auf die sexuelle Stimulanz abzielten.

Die italienischen Humanisten des 16. Jh. verfassten eine politische Pornographie die für bestimmte elitäre Zirkel gedacht war. Dort wurden Prostituierte und „Sodomiten“ als privilegierte Beobachter und Kritiker des Establishments beschrieben und die lokale Politik in bewusst sexistischem Vokabular kritisiert. Mit der Wiederaufarbeitung der antiken Traditionen und dem Versuch eine Kultur zu erschaffen die nach der Antike modelliert war, stießen die Humanisten auf eine offen erotische Kultur mit ihren freizügigen Darstellungen und einem sozio-religiösen Kontext, wie er sich u.a. im Phalluskult des Fruchtbarkeitsgottes Priapus widerspiegelte und gerieten so oft in Konflikt mit den offiziellen Kirchenvertretern. Nichtsdestsotrotz wurde eine reichhaltige Bilderwelt mit ihrer Themenvielfalt der amourösen Begegnungen zwischen Göttern und Menschen widerbelebt. Ab 1520 kamen aus den Werkstätten von Raphael, Guillio Romana, Tizian und den Carraccis eine Vielzahl von Drucken und Gemälden zu diesem Thema auf den Markt und wurden von Kupferstechern reproduziert und dann gedruckt. Die Möglichkeit billiger Reproduktion schuf einen Markt für ein größeres Publikum – für Bilder die vorher auf die inneren Zirkel der Höfe und humanistische Kreise beschränkt waren. Beschreibungen und Darstellungen derartiger berühmter antiker Kopulationen waren die von Jupiter und Danae, Leda und dem Schwan und die der Venus mit Adonis.

1524 veröffentlichte Marcantonio Raimondi 16 Kupferstiche, die die erotischen Themen von Giulio Romano kopierten, den berühmten Schüler Raphaels, der diese aus Protest wegen der schlechten Bezahlung bei der Ausgestaltung der „Sala di Constantino“ im Vatikan dort an die Wände zeichnete. Diese Zeichnungen zeigten sechzehn Liebesstellungen von Männern und Frauen – „Modi, Attitudini e posituri“. Raimondis „modi“ sollen Ähnlichkeiten mit den sogenannten römischen „Spintriae“ aufweisen. Gutscheine, die als Form der Bezahlung in Bordellen benutzt wurden und ähnlich illustriert gewesen sein sollen. Raimondi wurde deswegen inhaftiert und verbrachte fast ein Jahr im Gefängnis. Aretino griff in den politischen Streit um die Verfolgung Raimondis ein, indem er zu jedem der Kupferstiche ein Sonett schrieb, wo er die Liebenden der Bilder selbst zu Wort kommen ließ. Das Werk wurde 1527 erstmals gedruckt. „I Modi“ – Stellungen, nannte man die Sammlung von gerade mal sechzehn Gedichten zu ihrer Zeit, „Sonetti lussuriosi“ hießen sie später. Der Bekanntheitsgrad dessen, was man nun die „Aretinischen Stellungen“ nannte, wuchs so sehr, dass im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts der Name Aretino gar zum Synonym für Pornographie und Sexualakrobatik wurden.

Arentino war einer von vielen Autoren seiner Zeit, die sich diesem Genre widmeten, welches vor allem durch die moderne Reproduktionstechnik des Buchdrucks an massenhafter Verbreitung und Bedeutung gewann. In dem Moment als der Buchdruck breiten Bevölkerungsschichten die Möglichkeit des Zugangs zu Schrift und Bild verschaffte, entwickelte sich die Pornographie zu einem separaten Repräsentationsgenre und wurde im Rahmen der Zensur zu einer regulativen Kategorie. Vordem war der Großteil aller Druckerzeugnisse auf die jeweiligen sozialen Eliten begrenzt. Aufgrund dessen begannen sich, feste Zensurmechanismen durchzusetzen, die im wesentlichen die Grenzen zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen definierten. Der Index verbotener Bücher, der in seiner umfassendsten Form 1559 vorlag, war  in erster Linie dafür erarbeitet worden, um gegen häretische Werke vorzugehen, doch wurde er auch auf den moralischen Themenkatalog von Kunst und Literatur angewendet. Gegen 1588 kamen Aretinos Schriften auf diesen Index, auf dem sie während der gesamten frühen Neuzeit vermerkt blieben.

„ Der Libertinismus verfolgt dasselbe Projekt wie die Pornographie; teilweise unter dem Einfluss der neuen Wissenschaften nahm sie im Verlauf des 17. Jahrhunderts die Gestalt einer männlichen Oberschichten-Revolte an, die gegen die konventionelle Moral und die religiöse Orthodoxie kämpfte; im 18. Jahrhundert drang sie dann in vielen westlichen Ländern in Handwerker- und Mittelklasseschichten vor, besonders in England und Frankreich. Man stellte sich Libertins als Freidenker vor, die gegenüber sexuellen und literarischen Experimenten offen waren. In der Definition ihrer Gegner von seitens der Kirche und des Staates waren die Libertins die Verkünder von Pornographie und ihr Publikum.“

Zitat aus:  Hunt Lynn (Hg.), 1994„Die Erfindung der Pornographie“,  Seite 33

Als ein Beispiel für die libertinen Tendenzen innerhalb der Bildungselite Englands kann die „Dilettanti Society“ gelten. Sie wurde 1732 mit der Intention gegründet das Wissen über die klassische antike Zivilisation zu erhalten und zu fördern. Die Mitglieder sollen alle Libertins gewesen sein und standen dem konventionellem christlichen Glauben kritisch gegenüber. Sie untersuchten u.a. die antiken Dionisus- und Priapus-Kulte in Hinblick auf den soziokulturellen Stellenwert des Geschlechtsaktes und der Emblematik der Sexualorgane und versuchten Bestandteile dieser Kulte in ihre eigenes theologisches Wertesystem einzubauen.

Mit dem Aufstieg der französischen Romanliteratur kam es zu einer Verlagerung des Zentrums für Pornographie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – nach italienischen Schriftstellern beherrschen nun englische, vor allem aber französische Autoren das Genre der obszönen Literatur. Während der 1740er Jahre erschienen erotische Klassiker wie Les Bijoux indiscrets (1748) von Denis Diderot und Fanny Hill.  In den Jahren 1748 und 1749 veröffentlichte John Cleland die beiden Bände seiner  „Memoir of a Woman of Pleasure“, das unter dem Namen „Fanny Hill“ populär wurde. Sein Werk enthielt Beschreibungen der männlichen Geschlechtsorgane und des Geschlechtsverkehrs und war primär darauf ausgerichtet seinen Leser sexuell zu erregen. „Fanny Hill“ wird u.a. als das zeitgenössische Pendant zu „Therese philosophe“ (1784) gesehen.1782 erschien in Frankreich der erotische Briefroman „Les Liasons dangereuses“* von Chelderos de Laclos, der bald eine reichhaltige Popularität erlangte und 1785 wurde Casanova Biographie gedruckt.

*Der Roman Choderlos de Laclos mit seiner Schilderung erotischer und politischer Intrigen in aristokratischen Kreisen wurde von Andre Malraux als „Vorspiel zur französischen Revolution“ bezeichnet. „Dangerous Liasons/Gefährliche Liebschaften“ wurde 1988 von Stephen Frears verfilmt.


Auch in Deutschland des 18.Jh. wurde erotische Literatur publiziert, so der „Liebesirrgarten“ (1724) von August Bohse alias Talander und „Briefe über die Galanterien von Berlin, auf der Reise zusammengestellt von einem österreichischen Offizier 1782“ von Johann Findel, gefolgt von den „Briefen aus Wien“ und die Romane von Christian Althing alias Christian August Fischer: „Der Hahn mit neun Hühnern“(1800), „Dosenstücke“(1800) und “ Der Geliebte von elftausend Mädchen“(1804).

Im Vorfeld und während der französischen Revolution wurden Pornographie und Obszönität zu einem verbreiteten Stilmittel der Subversion  Als die Kritik am „Ancien Régime“ Frankreichs schärfer wurde, griffen pornographische Pamphlete zwischen 1740 und 1790 letztlich sogar alle Träger der alten Ordnung an und während der Französischen Revolution kam es zu einer wahren Flut obszöner Flugschriften, die unmittelbar mit den Konflikten der Ära zusammenhingen. In den frühen Revolutionsjahren stellte die politische Pornographie ca. die Hälfte der sogenannten obszönen Literatur. Aristokraten wurden als impotent, von Geschlechtskrankheiten gezeichnet und  als ihren sexuellen Ausschweifungen verfallen, dargestellt. Eine Vielzahl der pornographischen Pamphlete zielten auf die Königin Marie Antoinette. Oft wurde sie bei lesbischen Spielen oder beim Sex mit ihren Bediensteten beschrieben, bzw. in Drucken dargestellt. Um 1790 wurden viele dieser Pamphlete von Weinhändlern und Wirtshausbesitzern ausgelegt oder über Hausierer vertrieben, die diese für 5 Sols bis zu 5 Livres (für eine bebilderte Ausgabe) verkauften. Ein Kommissar der Pariser Polizei verhaftete zwischen Nov. 1790 bis März 1791 siebzig Hausierer und beschlagnahmte 400 verschiedene Pamphlete. Viele der erschienenen pornographischer Pamphlete nahmen direkten Bezug zu den damaligen politischen Konflikten.  So schrieben Mirabeau und Saint-Just, zwei führende Revolutionäre vormals pornographische Pamphlete wie andererseits de Sade persönlich in den Revolutionswirren involviert war. Pornographie wurde nicht nur von Revolutionären und Kritikern des Ancient Regime geschrieben, sondern war anscheinend ein aggressives Stilmittel aller politischen Fraktionen. Royalistische Zeitungen brachten Karikaturen und Pamphlete von führenden Revolutionspolitikern heraus, die ebenso obszön und pornographisch waren.  Mit dem Werk Marquis de Sades erreichte die Pornographie der frühen Neuzeit ihren Höhepunkt, der in La Philosophie dans le Boudoir aus dem Jahr 1795 Aretinos Dialogform ein letztes Mal anklingen ließ. Dort sind bereits alle Sujets der modernen Pornographie zu finden und zwar in einer effektiv-spektakulären Aneinanderreihung pornographischer Effekte wie Inzest, Pädophilie und Sodomie, Folter, Vergewaltigung und letztlich sogar Mord.

Das pornographische Pamphlet als aggressives politisches Stilmittel erreichte in Frankreich in den 1790ern ihren Höhepunkt, verschwand danach in dieser Form aber nahezu vollständig und an deren Stelle trat eine Pornographie, die soziale und moralische Tabus in Frage stellte, ohne dabei bestimmte Personen der politischen Sphäre zu karikieren. Bis 1830 hat die Pornographie ihren früheren Zusammenhang zur subversiven Philosophie und Politik scheinbar eingebüßt und entwickelt sich gleichzeitig zu einem eigenständigen Genre. Generell kann festgestellt werden, dass bei der, im Nachhinein als Pornographie bezeichneten Produktionen Europas des 16. und 17. Jh. – vor allem die der italienischen und französischen Autoren – die subversive Infragestellung der politischen Verhältnisse eine wichtige Rolle einnahm, während die Produktionen des viktorianischen Englands des 19. Jh. bereits überwiegend die Funktionen der heutigen Pornographie erfüllten. Die Pornographie im Zeichen des Viktorianismus entwickelte sich zum Bestandteil einer Doppelmoral, die aus der Konstruktion der sozialen und politischen Differenz von Männern und Frauen und der daraus resultierenden Ideologie einer getrennten privaten Sphäre für die Frauen in ihrer Rolle als Mutter und Vorsteherin des familiären Haushalts resultierte.

Zwei Werke die einen Einblick hinter die offizielle Seite der viktorianischen Sexualmoral bieten sind der „Index Librorum Prohibitorum“ und „My Secret Life“. 1877 erschien der „Index Librorum Prohibitorum“. Der Titel spielt ironisch auf den römisch- katholischen Zensurkatalog an. 1879 folgte ein zweiter und 1885 der dritte und letzte Band. Es handelt sich um die erste Bibliographie in englischer Sprache, die ausschließlich Schriften pornographischen und sexuellen Charakter beinhaltet. Herausgeber war ein sogenannter Pisanus Fraxi, ein Pseudonym von Henry Spencer Ashbee. Er wurde 1834 in London geboren und leitete später die Londoner Handelsfirma „Charles Levy & Co, dessen Mutterfirma sich in Hamburg befand. Er war ein wohlhabender Sammler pornographischer Bücher und die 3 Bände listen nicht nur bibliographische Informationen auf, sondern liefern in der Mehrzahl eine begleitende Beschreibung oder Zusammenfassung der Werke, oft mit ausführlichen Zitaten und stellen so nicht nur eine Informations-, sondern auch eine Erkenntnisquelle dar, da sie auf Momente der Sozialgeschichte und der Moral verweisen.

Ein weiteres wichtiges Werk über das „geheime“ viktorianische England ist das über 4000 Seiten umfassende „My secret life“. Der wohlhabende Autor beschreibt dort ausführlich seine exzessiv ausgelebten sexuellen Erfahrungen überwiegend mit drei Kategorien von Frauen: häusliche Dienstbotinnen, Mädchen aus der Unter- oder Arbeiterschicht und Prostituierten verschiedener Preisklassen. Er liefert so Informationen über die sexuelle Kultur der damaligen Zeit, die sonst in dem Selbstbildnis der Briten und ihrer Gesellschaft ausgespart wurden. In den Beschreibungen des Autors findet man das, was in den viktorianischen Roman keinen Eingang fand, da es der Konvention entgegenstand, ausgelassen oder verdrängt wurde. Es finden sich zahlreiche Daten zur Hygiene im damaligen England, z.b. dass es vor der Mitte des 19. Jh. in  den Vergnügungsparks keine öffentlichen Toiletten gab und Männer wie Frauen sich in die Büsche schlugen, um sich zu erleichtern und das Frauen weitaus öfter in der Öffentlichkeit der Straße urinierten, wie man es heutzutage nur noch von Männern gewohnt ist. Oder die Tatsache, dass Unterkleidung erst nach der Jahrhundertmitte in Mode kam und die Frauen vorher oft keine Unterwäsche trugen. Der Autor beschreibt hunderte von Erlebnissen mit Prostituierten und liefert so Informationen wie die kommerziellen Liebesdienste organisiert und institutionalisiert waren.

Ein weiteres Buch aus England, welches allerdings schon ca. 200 Jahre eher erschien und der sexuellen Aufklärung verpflichtet war, waren die „Aristotle Masterpiece“. Mit dem Einsetzen der umfassenden restriktiven Gesetzgebung wurde dieses Buch als obszön und pornographisch beschlagnahmt und verboten. Dieses Buch eines anonymen Autors wurde schätzungsweise zuerst im Jahr 1684 in London herausgegeben und in Amerika wurde es ab 1820 in ca. 30 verschiedenen Ausgaben nachgedruckt  Die erste Ausgabe war in der Form eines Hebammenbuches verfasst und enthielt u.a. auch eine Beschreibung der weiblichen und männlichen Sexualorgane, die in den späteren Ausgaben vorangestellt wurden, so dass sich die „Masterpieces“ klar von den Hebammenbüchern zu unterscheiden begannen. Thematisch behandelte es die Sexualorgane und ihre Funktion, den Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und Geburt, das Fachwissen der Hebammen, Geburtsfehler, außerdem gebräuchliche Hilfsmittel gegen verschiedene Krankheiten oder nach welchen Kriterien man den Charakter eines Menschen beurteilen soll, bis hin zu einigen Kuriositäten alter Volksweisheiten. Das Buch ist getragen von dem Gedanken, dass jeder das Recht hat alles über Sex zu wissen, jenseits von moralischen Restriktionen. In dem Buch wird in erster Linie nicht über die Freude und das Vergnügen der Sexualität fabuliert, sie wird weder verteidigt noch abgelehnt. Es werden Fakten vermittelt. So lernt der Leser z.b., dass die Klitoris der Sitz der Lust bei der Frau ist und gibt neben einer organischen Beschreibung auch den Hinweis, bei der sexuellen Begegnung ihr Beachtung zu schenken. Das Buch „Aristotle Masterpiece“ entstand in einer Zeit der Freizügigkeit unter der Herrschaft von Chester dem II (1660-1685) während der Restauration. Diese Periode war eine Reaktion auf die streng-puritanische Herrschaft von Oliver Cromwell (1599-1658).


Faulstich Werner, 1994,, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick

Gnüg Hiltrud, 2002, „Der erotische Roman“, Phillip Reclam jun., Stuttgart

Hunt Lynn (Hg.), 1994, „Die Erfindung der Pornographie“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main

Marcus Steven, 1979, „Umkehrung der Moral“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

Money John , 1985, „Destroying Angels“, Prometheus Books, Buffalo, New York

weiterführende Textressource zur Geschichte der Pornographie:   http://www.libidomag.com/nakedbrunch/europorn01.html

14
Jan
10

Der Massenartikel „Pornographie“ – Definitionsprobleme

Ein Großteil der Gewinne der Sex-Industrie wird neben der direkten Dienstleistung mit dem Produkt Pornographie erwirtschaftet. Bei dem Begriff, bzw. der Definition von „Pornographie“ existieren oft Unklarheiten, vor allem in den politischen Diskussionen und den schriftlichen Diskursen über sie. Was die einen als „Erotica“ klassifizieren, gilt den anderen als Pornographie und schon alleine die konkrete Feststellung was pornographisch ist, ist oft umstritten.

„Erotica“  sind erotische Darstellungen,, die sexuelle Handlungen eher implizit ansprechen, als Verweis, Andeutung und oft durch Auslassung. Es fehlt also die spezifische narrative Struktur, wie sie in der Pornographie zu finden ist. Diese vollzieht sich, entwickelt sich projektiv, erst im Kopf des Betrachters. Andererseits werden Statuen, Zeichnungen, Holzschnitte und Vasenmalerein antiker und außereuropäischer Kulturen, auch wenn sie explizit sexuelle Handlungen darstellen, als „Erotica“ klassifiziert. Im Gegensatz zur Erotik beinhaltet die Pornografie in den meisten Fällen die reale Darstellung der Geschlechtsteile und des Geschlechtsaktes, die Grenzen zwischen den beiden Bereichen sind jedoch fließend. In der Regel hat der Term „Pornographie“ im Vergleich zu der sogenannten „Erotica“, die gesellschaftlich weitaus anerkannter ist, negative Konnotationen von niedrigerer künstlerischer und intellektueller Qualität.

Nach der etymologischen Definition schlüsselt sich „Pornographie“ folgendermaßen auf: „porne`“ (griech.) – Prostituierte. In der Hierarchie der Liebesdienste gehörte die „porne`“ zur untersten  Klasse der  Prostituierten im antiken Griechenland – und „graphos“ (griech.): Schrift, Radierung, Zeichnung. In seiner ursprünglichen Bedeutung, nach den klassischen  griechischen Wurzeln des Wortes, meint Pornographie „Schreiben über Prostituierte“ Bei dem Begriff „Pornographie“ handelt es sich um eine Wortschöpfung  aus dem 19. Jh. Der Begriff taucht 1769 bei Restif de la Bretonne in Bezug auf Schriften zur Prostitution auf. Im Sinne „obszöner, unmoralischer Literatur und Bilder“ wurde er erstmals 1806 in dem „Dictionnaire critique, litteraire et bibliographique des principaux livres condamnes au feu, supprimes ou censures“, einem Pariser Werk von Etienne-Gabriel Peignot verwendet. Im modernem Sprachgebrauch befindet sich das Wort allerdings erst seit ca. 1850, ausgehend vom viktorianischen England und wurde bald für alles Geschriebene über Sexualität verwendet, sobald die Her- und Darstellung und Konsumption des Materials dem Zwecke der sexuellen Stimulation diente.

Der Term „Pornographie“ wurde und wird von verschiedenen Seiten unterschiedlich definiert. Die Bedeutung differiert je nach historischen Kontext, sexualpolitischen Standpunkt und dem konkretem Interesse mit dem das Reizwort Pornographie in die Diskussion gebracht wird. Einige Autoren sprechen von Pornographie, wenn angebliche schädliche sexuelle Praktiken dargestellt werden. Andere definieren als pornographisch, was die Würde des Menschen verletzt. Gebräuchlich ist die Definition von Pornographie als Material mit dem sexuelle Stimulation beabsichtigt ist. Und wiederum andere, wie ein Oberstaatsanwalt der „US Attorny General Commission on Pornography“ definiert sie als „das was er erkennt, wenn er es sieht“. Viele Definitionen von Pornographie deuten auf einen psychologischen Abwehrmechanismus hin, der vor allem aus der Tabuisierung der Sexualität herrührt. In dem Maße wie Pornographie sexuelle Erregung hervorrufen will und bewirkt, werden bestehende Ängste vor Sexualität auf diesen Mechanismus, auf die Darstellung von Sexualität, übertragen. Pornographie ist oft ein subjektiver Begriff für das, was die Grenzen des Bekannten und Erwarteten überschreitet, da trotz der vermeintlichen Liberalisierung viele Tabus unter der dünnen Schicht des Medienhypes weiterexistieren.

Pornographie thematisiert Geschlechtlichkeit und dies berührt alle Menschen gleichermaßen, unabhängig von sozialen Klasse und politischer Einstellung. Oder anders gesagt, wenn ab der 10 Klasse im Sportunterricht wahlweise Sexualgymnastik angeboten würde, wäre für diese Generation das Thema Pornographie nur ein Achselzucken wert oder höchstens unter einem kulturhistorischen Blickwinkel interessant. So aber ist eine Auseinandersetzung mit diesem Thema immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur, der eigenen Person und den sexuellen Bedürfnissen, Verhaltensweisen, Sehnsüchten und Phantasien.

Im Zusammenhang mit der Pornographiediskussion taucht auch immer der Begriff der Obszönität auf. Obszönität – vom Lateinischen in der Bedeutung „beschmutzt“, Schmutz oder Exkremente enthaltend“. Obszönität ist der gesetzlich bedeutsame Begriff, der in den Diskussionen und Rechtssprechungen über Pornographie verwendet wird. Darüber hinaus können Gegenstände, verbale Äußerungen, Gesten oder andere Handlungen die das Schamgefühl einer Person verletzen, als obszön bezeichnet werden. Obszönität bedeutet immer auch Tabu-Bruch und Grenzverletzung Weil sie aber von den Moralvorstellungen einer Zeit, Kultur, Gesellschaft, Gruppe oder dem ganz persönlichen Empfinden Einzelner abhängt, lässt sich die Grenze zwischen Nicht-Obszönem und Obszönem nicht allgemeingültig bestimmen.

Seit der sogenannten “Miller Decision“ des Supreme Courts von 1973, definieren und bestimmen die lokalen Justizbehörden der einzelnen US-Bundesstaaten was obszön ist. Als verbindliche Grundlage jeder Entscheidung gilt der „Miller Standard“, der drei Tests beinhaltet. Um als obszön zu gelten muss das dominierende Thema des Werkes sexuell explizit und lüstern sein, gegen die moralischen, zeitgenössischen Standards der lokalen Kommune verstoßen und es muss ohne jeden seriösen literarischen, künstlerischen, politischen und sozialen Wert sein

Das deutsche Strafgesetzbuch definiert seit 1973 unter harter Pornographie (§ 184,3) sexuellen Missbrauch von Kindern (Pädophilie), sexuelle Handlungen von Menschen mit Tieren (Sodomie) und Sexualität mit Gewalt (Vergewaltigung, Lustmord, etc.) Der Begriff „Hardcoreporno“, wie er im Alltagsdiskurs verwendet wird, kann allerdings nicht mit „harter Pornographie“ im juristischen Sinne gleichgesetzt werden. „Hardcore“ im Film oder bildlichen Darstellungen bedeutet nichts weiter, als das sexuelle Handlungen nicht nur angedeutet, sondern das sie wirklich, in der Regel mit  Großaufnahmen der Geschlechtsorgane, gezeigt werden. Aufgrund der Gesetzeslagen und wegen der besseren Vermarktungschancen ist die Unterscheidung zwischen Soft- und Hardcore- Produktionen wichtig geworden. Oft werden von einem Setting jeweils eine Version fertiggestellt. Softcore zeigt die nackten Darsteller und sexuell suggestive Szenen, während  Hardcore oder XXX-Produktionen Nahaufnahmen der Geschlechtsorgane und der sexuellen Aktivitäten beinhalten.

Der Strafrechtssonderausschuß des Deutschen Bundestages hat Pornographie 1977 als Darstellungen definiert, die 1. zum Ausdruck bringen, dass sie ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes beim Betrachter abzielen und dabei 2. die im Einklang mit allgemein gesetzlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstands eindeutig überschreiten. Dabei wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die Darstellung von Nacktheit und von Sexualakten an sich nicht notwendigerweise pornographisch sein muss.

Mit der Problematik der Definition des Terms „Pornographie“ hat sich Werner Faulstich in seinem Buch „Die Kultur der Pornographie“ detailliert auseinandergesetzt. Er stellt klar, das Pornographie nicht ein Fall von Sexualität, sondern eine Form der Darstellung ist und es sich somit um „Darstellungspraktiken“ und nicht um „Sexualpraktiken“ handelt. Faulstich versucht eine objektive Definition zu entwickeln, nach der ist:

„Pornographie die Darstellung sexueller Handlungen in Wort, Bild und Ton in allen Medien gemäß den drei Kategorien – explizit detailliert, fiktional wirklich und szenisch narrativ.“

explizit detailliert, meint die detaillierte Darstellung sexueller Handlungen, fiktional wirklich, bezieht sich auf visuelle Pornographie und bedeutet das die sexuellen Handlungen nicht nur gespielt oder angedeutet werden, sondern tatsächlich stattfinden. (Diese Kategorie ist allerdings relativ, da inzwischen in dem pornographischen Filmgenre in bestimmten Fällen dazu übergegangen wurde bei Nahaufnahmen der Geschlechtsorgane die Darsteller zu doubeln) Und Drittens szenisch narrativ meint die ästhetisch mediale Gestaltung und das Story Board der pornographischen Produktion, die im Zusammenhang zum szenisch-dramatischen Skript der sexuellen Phantasie des Zuschauers gesehen wird.

Ein Bereich der von den klassischen Definitionen von Pornographie, Obszönität und Erotika überhaupt nicht erfasst wird, ist der der Satire, des Humors, der die moralischen Grenzlinien um die Sexualität benutzt, um zum Ziel zu gelangen. In der englischen Version einer Internet-Enzyklopädie wird er mit dem Begriff „Ribaldry“ umschrieben.  In einer Art verschieden zur klassischen Pornographie und Erotika, aber oft im gleichen Kontext auftauchend, liegt die Bestrebung nicht auf der sexuellen Stimulation, sondern eher auf dem Humor, der Komik einer bestimmten Situation. Dies kann  einfach und konventionell, aber auch politisch und subversiv umgesetzt werden. Immer bezieht sich diese Komik auf die Standards der sexuellen Konventionen, bzw. auf den tabuisierten Bruch mit denselben. Der Charakter dieses Humors kann sehr unterschiedlich sein und hängt auch davon ab wie er von dem Konsumenten „gelesen“ wird. Der Fokus kann auf den Protagonisten liegen, die die Konsequenzen dieser Tabubrüche zu spüren bekommen, oder aber auf der Lächerlichkeit bestimmter moralischer Standards im Gesamten.

Dieser notwendige rituelle Tabubruch des „Ribaldry“ mit seinen antiautoritären Tendenzen machte es oft zur Zielscheibe der staatlichen Zensur, die eine Mischung von satirischen und sexuellen Inhalten öfters als gefährlicher zu empfand, als eindeutig sexuell expliziteres Material. Formen dieses sexuell konnotierten Humors tauchen zu jeder Zeit und in jeder Kultur der Menschheitsgeschichte auf. Der bereits erwähnte Internetdiktionär rechnet Klassiker wie Aristophanes‘ „Lysistrata“, die „Cena Trimalchionis“ von Petronius, und die „Metamorphoses“ von Apuleius dazu. François Rabelais „Gargantua“ gehört sicherlich in diese Kategorie, wie auch einige der obszönen Schmähschriften der französischen Revolution. „Ribaldry“ nun allerdings als subversives Instrument der Kulturproduktion zu charakterisieren wäre weit gefehlt.

Zum einen besitzt das Lachen eine latent herrschaftskritische Funktion, die von äußeren wie von inneren Zwängen befreien kann und dem Anspruch von Autorität Grenzen setzt. Lachen verfügt über eine starke identitäts- und gemeinschaftsstiftende Kraft, die sich oft allerdings in einem Verhaltencodex einer Gruppe oder Gesellschaft definiert, denen das Lächerliche als Ausgeschlossenes gegenübersteht. In diesem Fall kann die Komik im Bereich der Erotik oft auch ein Ausdruck einer reaktionären Mentalität sein, eine Bestätigung bestehender konservativer Sexualnormen, wie z.b. die Karikatur von Homosexuellen, die oft mit einer überzogenen Sprache, Haltung und Gestik dargestellt werden oder bei Transvestiten, die früher im Variete und heute beim Film ein beliebtes Thema sind. Wenn auch die Komik in solchen Szenen, je nach  Intention des Regisseurs, durchaus reaktionär sein kann und sie eine Abwehrhaltung des Rezipienten charakterisiert, kann sie durchaus einen Freiraum, eine Möglichkeit der Darstellung an der Zensur der herrschenden Sexualmoral vorbei schaffen.

Der Geschlechtertausch hat als Thema der Bühne und später dem Film eine lange Tradition. Damen-Imitatoren waren in der Burleske und in der Vaudeville beliebt und fast alle bekannten Slapstickdarsteller des jungen Filmgenres wie Charlie Chaplin („A woman“/1915), Stan Laurel und Oliver Hardy („Twice True“/1933) bis Roscoe Airbuckel hatten diese Form des humoresken Cross-Dressings in ihrem Repertoire. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist das Theaterstück von Brandon Thomas „Charleys Tante“, dessen Thema in vielen Variationen filmisch umgesetzt wurde. – Der ältere von zwei Brüdern schlüpft in die Rolle einer Anstandsdame um die moralischen Bedenken zweier schwedischen Mädchen zu zerstreuen, bis die richtige Tante auftaucht. Schauspieler wie Heinz Rühmann und Peter Alexander traten in den 50er und 60er Jahren in einer Reihe solcher Filme auf.

Weitere bekannte Filme sind „Manche mögens  heiß“ mit Jack Lemmon, „Die wilden Mahlzeiten“ mit Michel Piccoli und Gerhard Depardieu und „Ein Käfig voller Narren“ mit Michel Serrault. Die ursprüngliche Darstellung von Travestie auf der Bühne und im Film ist die des Slapsticks und der Parodie, später kommt der durch abenteuerliche Umstände erzwungene Geschlechtertausch hinzu und die Verknüpfung von Verkleidung und Mord in einigen Psycho-Thrillern.

In kaum einem dieser Filme wurde die Geschlechtsrolle als ein soziales Problem dargestellt, bzw. realer Transvestismus geschildert. Einer der ersten Filme ist der Dokumentarfilm „The Queen“ (1968, R.: Frank Simon) der eine Misswahl von Transvestiten beschreibt. Ein weiterer Dokumentarfilm ist „Ich bin meine eigene Frau“ (1992, R.: Rosa v. Praunheim) der das Leben von Lothar Borfelder, dem bekanntesten Transvestiten der DDR nachzeichnet.
Zu einem Star des Undergroundfilms entwickelte sich der schwergewichtige Transvestit Divine in den provokativen Filmen von John Waters. Eine bekannte Mainstreamproduktion, die das Repertoire der Travestiekomödie mit einem emanzipatorischen Diskurs der Frauenbewegung verband, war „Tsotsie“ (1982, R.: Sydney Pollack) mit Dustin Hoffmann in der Hauptrolle. Ein weiterer Film der sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt ist „I change my Life“ (1986, R.: Anthony Page), der die reale Geschichte des Arztes Richard Roskin erzählt, der sich einer operativen Geschlechtsumwandlung unterzieht und dann als Tennisspielerin Karriere machte.


http://www.wordiq.com/definition/Ribaldry

Arnoldsheimer Filmgespräche Bd. 14,  „In´s Kino gegangen, gelacht – Filmische Konditionen eines populären Affektes“
Schüren-Verlag, Marburg, 1997

Lenne, Gerard „Der erotische Film“, 1983, Heyne, München

Pastötter Jakob, 2003, „Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozess“, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden

14
Jan
10

Pornographie als Genre

„The key to pornography is perception; perception is passive and  naturally conceptional, since the eye and the brain have to translate  the image (be it letters, a painting or a frame from a movie) into sexual stimulations and ‚make something of it‘.“

Tina Lorenz auf dem 23rd Chaos Communication Congress in Berlin über Pornographie und Technologie

„Zudem ist in der Idee der Entdeckung, der Enthüllung, auch die Idee des aneignenden Genusses enthalten. Das Sehen ist Genuß, sehen heißt deflorieren.“

Jean Paul Satre „Das Sein und das Nichts“

Pornographie ist ein repräsentatives wie auch ein kapitalistisches Konzept. Auf der Ebene der Repräsentation spricht es den Konsumenten über das Imago und über den Text, bzw. Sprache an und setzt einen imaginativen Prozess in Gang. Die Struktur der Pornographie erlaubt keine freie Zirkulation von Wünschen und Begehren, sondern bindet und fixiert sie in der Textur ihrer Bildersprache. Sexuelle und libidinöse Energien, die durch das Konzept Pornographie geweckt, scheinbar befriedigt und in ihm aufgehen, stärken den Apparatus der darauf aufbaut und verhindern die freie Entfaltung und Bewegung dieser Energien. Versuche eine andere Bildersprache, eine andere Konzeption von Pornographie zu entwickeln, werden innerhalb kürzester Zeit von den Mechanismen des kapitalistischen Marktes vereinnahmt, kopiert und integriert, so dass einem nur die Möglichkeit bleibt nach der Logik des Tauschwertes an diesem Markt zu partizipieren. Eine Perspektive, die diese dominanten Strukturen aufweichen könnte, ist durch das Potential des Internets gegeben, wo Menschen beispielsweise über das Usenet und PHP2-Netzwerke Bilder und Texte ihres Begehrens und ihrer Wünsche frei untereinander tauschen und das Prinzip des Tauschwertes nicht mehr durch Begrifflichkeiten wie Geld und Mehrwert bestimmt wird, sondern durch den Grad persönlicher Kommunikation und einem Zuwachs an libidinöser Energie.

Pornographie als Genre bietet Ersatzhandlungen für reale sexuelle Erlebnisse. Nicht nur in der Pornographie spiegelt sich ein qualitativer Ersatzcharakter und eine Ventilfunktion wider, wie die Genres mit einem Fokus auf Gewaltdarstellungen, vom Actionfilm bis zum Kriegsfilm, zeigen. Pornographie, in ihrem alten Formula, spiegelt die primär kollektive männliche Sexualphantasie wider, als eine Art Gegenrealität, die auf eine unzureichende Alltagspraxis verweist, also eher Ausdruck der sexuellen Probleme, Ängste und Frustationen vieler Menschen ist. Pornographie hat demnach eine kompensatorische Funktion – Ersatz für etwas nicht Erreichtes oder Erreichbares und kann darüber hinaus als ein Korrektiv erlebter Ängste wirken, indem Niederlagen und Zurückweisungen durch die Identifikation mit dem männlichen Part im Formula in ständige sexuelle Triumphe verkehrt werden.

Eine der pornographischen Mythen ist die programmatische Willigkeit und Geilheit der Frau, die oft den aktiven Part übernimmt und ihre Lust hemmungslos auslebt. In einem weiteren oft gebräuchlichen pornographischen Skript werden Zwang und Gewalt zur Unterwerfung des einen Darstellers durch den oder die weiteren beteiligten Protagonisten benutzt. Es geht um Dominanz, Macht und Kontrolle, um Bestrafung und Erziehung. Die Ausübung von Gewalt, bzw. die mit Zwang durchgeführte sexuelle Überzeugung, bewirkt bei den weiblichen (oder männlichen) „Opfern“ stets oder häufig eine sexuelle Stimulation, gegen die man sich sträubt und durch die man letztlich doch überwältigt wird. Am Beispiel entsprechender Pornovideos wurde festgestellt, dass sexuelle Kontrollverlustmythen dieser Art sowohl bei Männern (zu 44%) als auch bei Frauen (zu 56%) sexuell stimulierend wirken.

Immer widerkehrende Bildsequenzen des alten Formulas dominieren auch nach der Jahrtausendwende noch die Mehrzahl der Filme, Magazine und Internetseiten: 1.-das vorgetäuschte lesbische Liebesspiel, das nach  Stimulation mit den Fingern und dem Cunilingus immer in einer Penetration mit einem Dildo endet, wobei der Blick der Darstellerinnen und ihr Geschlecht in der Regel auf den Standpunkt der Kamera, also auf den männlichen Blick ausgerichtet ist. 2.- das heterosexuelle Play, entweder mit Penetration oder nur oraler Befriedigung des männlichen Partners, mit dem Finale der Ejakulation (Cum shot) in das Gesicht der Frau. und 3. der Striptease eine Frau, welcher entweder in einem Bild endet, in welchem die Frau mit gespeizten Beinen und unter Zuhilfenahme ihrer Finger Einblick in ihr inneres Geschlecht gibt oder sich mit einem Dildo selbst befriedigt. Ein Formula, das auf vielen No-Pay-Sites zu finden ist.  Im Vergleich zu pornographischen Produktionen der 70er und 80er fällt auf, das sich die ästhetischen Anforderungen an die weiblichen Modelle deutlich verschärft haben, was Jugendlichkeit, Straffheit der Haut, Busengröße und Gesicht betrifft. Dies verweist auf deutlich höhere Investitionen an Zeit und Geld seitens der Frauen für regelmäßiges Körpertraining, spezielle Ernährung, Silikoneinspritzungen und plastische Chirugie. Außerdem sind weibliche Modelle mit natürlichen Schamhaar inzwischen zur Ausnahme geworden und werden inzwischen in eigener Nische unter „hairy pussie`s“ geführt, während die Mehrzahl der Frauen entweder haarlos oder deutlich schamhaarfrisiert sind.

Faulstich Werner, 1994,, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick

Pornographische Alternativen – alternative Pornographie?

Seit den 60er Jahren wurde durch verschiedene kulturpolitische Bewegungen Sexualität thematisiert und seit der Weimarer Republik erstmals wieder aus dem Privaten ins Feld politischer Aufmerksamkeit gerückt. Für einen radikalen Underground von Künstlern und politisch Bewegten wurde Pornographie zu einer Möglichkeit die bestehende Sexualmoral zu kritisieren und Ansätze zu neuen Formen des Zusammenlebens und gesellschaftlicher Strukturen zu thematisieren. Vor allem konnte die Reizwirkung der politischen und subkulturellen Botschaften auf diese Weise erheblich erhöht werden. Ein Umstand der nach der Liberalisierung nur noch von den kommerziellen Nutznießern dieser Entwicklung  genutzt wurde. Trotz der Entwicklung eines pornographischen Massenmarktes und des Verblassens der gesellschaftspolitischen Ansätze einer Kommunebewegung, welche die Arbeit an sich selbst als integralen Bestandteil ihres politischen Selbstverständnisses begriff und dem Rückgang des promiskutiven Lifestyles nach dem Aufkommen von Aids, haben sich Ansätze der damaligen Zeit zum Teil weiterentwickelt

Pornographie in ihren visuellen Paradigmen der Neuzeit, war (bzw. ist) lange Zeit integraler Bestandteil der Dualität christlicher Sexualmoral, als Pendant zur „reinen(vergeistigten) Liebe“ zu der „körperlichen (schmutzigen) Geschlechtlichkeit“, die ganz bewusst einen menschenreduzierenden und primitiven Inszenierung folgte. Die Möglichkeit Ansätze einer „alternativen Pornographie“ zu entwickeln, kann darin liegen, dass man diese Begrifflichkeit einfach außen vor lässt und versucht die Sexualität im Rahmen der medialen Darstellung; den Stellenwert zu geben, den sie in der Gesellschaft tatsächlich hat, mit der klaren Ausrichtung auf einen aufklärerischen und sexualitäts-bejahenden Charakter, der darauf abzielt überflüssige Denkschemata und Verhaltensweisen zu überwinden. Wäre die Wirklichkeit des Sexuellen integrierter Bestandteil der Mainstreamkultur, wäre die Pornographie in ihren heutigen Erscheinungsweisen nur noch ein bedeutungsloses Randphänomen. Ansätze hierfür zeigen sich schon seit längerem im Literaturbereich und, verstärkt in den letzen Jahren, beim Film. Mit einer Vielzahl von Filmproduktionen in welchen die Sexualität der Protagonisten nicht ausgespart, sondern Bestandteil der filmischen Narration ist.  Oder man versucht, bei gleicher Zielrichtung aber unter Anerkennung des Ersatzcharakters der Pornographie und seiner Ventilfunktion für unausgelebte Wünsche und Sehnsüchte den Term „Pornographie“ positiv umzubewerten im Sinne einer „besseren Pornographie“, die den eigenen Erwartungen und Ansprüchen gerecht wird. Indem man andere Formulas der Darstellung entwickelt, die z.b. den Wunsch nach Auflösung der Gegensätze von männlich und weiblich, wie er sich im Moment des Orgasmus realisieren kann oder wie er sich in der Vielzahl von Paraphilias manifestiert, deutlicher illustrieren und auch anregen kann.

In Deutschland hat sich, abgesehen von der kurzen Blütezeit der 68er-Proteste, die beispielsweise in Hamburg, bei den Anfangszeiten der „St. Pauli-Nachrichten“ (SPN) zu einer kurzen Liason von St. Pauli-Milieu und politischer Szene führte. (Eine Zeitung, bei der in den frühen siebziger Jahren für kurze Zeit Autoren wie Henryk M. Broder, Günter Wallraff und Stefan Aust die kritische Kommentierung der damaligen Zeit übernahmen und die ansonsten durch die Vielzahl von Nacktphotos und durch einen, in Anlehnung an den typographischen Stil des Springer-Boulevard-Blattes „Die Bildzeitung“, entstehenden subversiven Limerick glänzte)  – und einer Vielzahl von Film- und Literaturproduktionen (z.b. der März-Verlag von Jörg Schröder und die Jahresbände „Mein heimliches Auge“*– keine nennenswerte Produktion entwickelt, die sich auch außerhalb der linken und alternativen Szene, Einfluss auf die pornographische Kultur verschafft hat.

*„Mein heimliches Auge“ ist ein Sammelband, ein sogenanntes Jahrbuchs der Erotik, herausgegeben von Claudia Gehrke vom Konkursbuch-Verlag. Es ist eine Text- und Bild-Collage unterschiedlichster Spielarten der Sexualität und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten  und entzieht sich der Definition „pornographisch“ oder „nicht pornographisch“ Die Erzählungen, Essays und Gespräche stammen zum größeren Teil von Frauen während bei der Aktphotographie die Männer dominieren. Es steht jedem frei dem Verleger ein Manuskript, Graphiken oder Photoserien zuzuschicken, so dass neben professionellen Beiträgen auch Dilletantisches zu finden ist. Dem Thema Erotik widmete sich der Verlag erstmals mit dem 1979 erschienen „Konkursbuch Nr.6“. Drei Jahre später erschien der erste Band des Jahrbuchs der Erotik: „Mein heimliches Auge“, der zweite Band folgte 1985. Seitdem erscheint das „Heimliche Auge“ regelmäßig einmal im Jahr. 1988 erschien außerdem der Titel  „Frauen & Pornographie“ in welchem  die Herausgeberin und Verlegerin Claudia Gehrke auf die Antipornografie-Kampagne der Zeitschrift „Emma“ reagierte und einen eigenen, libertinen und sexualitätsbejahenden feministischen Standpunkt entwickelte. Gegen den 10. Band von „Mein heimliches Auge“ wurde 1995 der Pornografievorwurf erhoben und ein Indizierungsverfahren vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) eingeleitet, das im September 1999 mit einem Freispruch endete.
14
Jan
10

Feministische Ansätze einer anderen Pornographie

Nach Seeslen („Ästhetik des erotischen Kinos“, 1980) liegt der Schärfe und Vehemenz mit der die Pornographiediskussion geführt wurde, die Angst zugrunde, dass die pornographischen Machwerke einen Einblick bieten, wie es um unsere Gesellschaft, unsere Kultur tatsächlich bestellt ist. Hierzu ein Zitat aus einer feministischen Überlegung:

“ Der männliche Blick, der das Kino beherrscht, wird im Pornofilm seiner Verkleidung beraubt. Frauen, die wie Männer, der Führung ihres Blickes durch die dominierende Blickrichtung im Film nicht ausweichen können, werden hier zu Voyeuren ihrer selbst. Das entspricht exakt der Perspektive, die sie auch bisher hatten. Das Pornokino ist die deutlichste Konsequenz einer Kultur, in der die Frauen ihren Blick an den Mann delegiert haben.“

(Zitat: Jutta Brückner „Sexualität als Arbeit im Pornofilm“ in Das Argument 141 (1983), S674-684. Abgedruckt in „Der sexuelle Körper“, Berlin 1984, Thomas Ziehe/ Eberhard Knödler (Hg.), Seite 137-144)

Die Thematisierung des weiblichen und des männlichen Blicks, die Rückeroberung des weiblichen Blicks durch die feministische Szene hat auch den Männern geholfen Augenlust als etwas anderes zu definieren als den Blick auf ein Objekt sexueller Begierde, so dass man über den Zusammenhang von Neugier, Erkenntnisdrang und Voyeurismus, Schaulust neben dem ästhetischen Vergnügen bewusst als Erkenntnisinstrument einsetzen konnte.  Gerade dem feministischen Ansatz, der sich aus den PorNo-Diskussionen entwickelt hat und aus dem ein sexualitätsbejahender und emanzipatorischer Diskurs entstand, ist es – in Europa, wie in den USA – zu verdanken, dass eine Vielzahl von Sex-Pro-Initiativen entstanden sind und das sich das Niveau erotischer und pornographischer Produktionen teilweise merklich erhöht hat und nicht mehr den Paradigmen herkömmlicher Produktionsweisen gehorcht. Die Zeitschrift On Our Backs, das Jahrbuch „Das heimliche Auge“ des deutschen Konkursbuch-Verlags wie auch die Website Nerve.com diskutierten eine feministisch reflektierte, „andere“ Pornografie und boten die Möglichkeiten für eine dementsprechende literarische und visuelle Praxis.

Das Magazin „On Our Backs”, wurde erstmals 1984 von den beiden Frauen Debi Sundahl und Nan Kinney herausgegeben. Zu dieser Zeit gab es kaum national distributierte Magazine von und für lesbische Frauen. Es wurde anfangs in der Frauenszene sehr kontrovers aufgenommen und viele Frauenbuchläden weigerten sich das Magazin wegen der pornographischen Inhalte in ihr Programm aufzunehmen. „On Our Backs” war, auch aufgrund ihrer Vorreiterfunktion, sehr erfolgreich und wechselte 1989 den Erscheinungszeitraum von vierteljährig auf zweimonatlich. Vermarktet wurde es u.a. von „Fatale Video“ ein Produzent und Distributor von lesbischen Pornovideos, der sich ebenfalls im Besitz der beiden Magazingründerinnen befand. 1994/5 geriet „On Our Backs“ in finanzielle Schwierigkeiten, wurde verkauft und dann eingestellt. In den folgenden Jahren erwarb „H.A.F. Publishing” die Rechte an dem Magazin und publiziert es seit 1998 wieder, zusammen mit einer Online-Version. Sommer 2006 wurden die beiden von H.A.F produzierten Magazine “On Our Backs” und “Girlfriends“ von der kalifornischen Firma „Underground Networks, Inc“ aufgekauft, die vor allem die Online-Versionen beider Publikationen weiter betreiben werden.

Ein nüchterner oder kunstbezogener Blickwinkel auf  die pornographischen Bildkörper könnte helfen sie als eine Umwandlungsapparatur libidinöser Ströme, als ein Auffang- und Ausstrahlungsmaterial von Lustmomenten zu verstehen. Oder in der Sprache us-amerikanischer Mobster, die die Kioske und Sexshops, in denen mit der damals illegalen Pornographie gehandelt wurde, als „Steckdosen“ bezeichneten – „Stromverteiler“, welche sich zu dieser Zeit außerhalb der staatlichen Kontrolle befanden. Ein Verständnis dieser „iconographic of smut“ schärft den Blick für einen Machtdiskurs, der nicht nur den inneren gesellschaftlichen Kern, sondern auch die individuelle Sexualität betrifft – schafft aber auch die Voraussetzung sich diesem Terrain zu nähern und eigene Territorialkonzepte zu entwickeln. Vielleicht sogar in Hinblick auf die Utopie eines widererstehenden oder spontan auflebenden Corpuses mit einer Dreieinigkeit ganz anderer Art – die des Geistes, des Herzens und der Geschlechtlichkeit – als konkret körperbezogene wie auch spirituell transzendierende Metapher eines gesellschaftlichen Organismus, der den Menschen wieder den Sinngehalt ihrer Geschichte und Mythen zurückbringt.

„So kann der pornographische Blick zu einer Art Geburtskanal für ein Sehen werden, das Frauen auf der Grundlage eines realen begrenzten Bildes von Raum, Charakter und Ausmaßes ihres Körpers eine Identität ermöglicht, die nicht auf der Chimäre eines Mysteriums aufgebaut ist und nicht glaubt, daß der Kopf, der einen Körper sucht, ihn sich eben nach Belieben schaffen kann. In der Pornographie entsteht für uns die Chance zu einem Selbstbewußtsein, das sich nicht vom Hirnbewusstsein der cartesianischen Kultur herleitet.“

(Zitat: Jutta Brückner „Sexualität als Arbeit im Pornofilm“ in Das Argument 141 (1983), S674-684. Abgedruckt in „Der sexuelle Körper“, Berlin 1984, Thomas Ziehe/ Eberhard Knödler (Hg.), Seite 137-144)

Nach Linda William, Autorin von „Hardcore“, hatten Frauen, die vor der weitgehenden Legalisierung der Pornographie in den frühen siebziger Jahren Pornofilme anschauten, einen schweren Stand, denn sie konnten leicht beim Hinsehen auf Werke erwischt werden, die eindeutig nicht für ihre Augen bestimmt waren. Ab etwa 1972 haben sich Frauen in das pornographische Gespräch eingemischt.

“We have also defended pornography. Why? Because a freer, richer, sexuality cannot evolve through legislation by experts, even feminist, socialist expert) Nor does a new freer sexuality exist already, in the mind or programme of some feminist or socialist vanguard. It can only be created to the extent that men and women are guaranteed the right to consensually explore – to construct and reconstruct, define and redefine – their sexualities. Nobody can claim to know what the results of this process will be. Part of this process is defending the right of all, and certainly of women, to denounce and criticise anything they find offensive or degrading. But each specific criticism will surely encounter some divergent views or appreciation. It is completely unrealistic to think, for example, that women do or will agree on what is degrading or sexist in sexual representations. What some women find degrading, others may find very exciting and liberating. In other words, one cannot censor degrading/sexist images without imposing someone’s or some group’s specific and particular notion of what type of sexual representation, activity, position or practice is degrading and which ones are not – what type of sex is right and which is wrong.”

http://www.fictive.net/porn/feminist_porn/index.html

„Die herkömmliche Pornosubkultur muß abgelöst werden durch sexkulturelle Vielfalt. Wie würde sich der Pornofilm verändern, indem man narrative mit pornographischen Elementen vermischt, Geschichten mit mehrschichtigen Charakteren versieht, die nicht auf dem Sofa zur Maschine werden, die in der Sexualität, in ihren Handlungen, als Personen sichtbar bleiben und nicht auf ihre Geschlechtszugehörigkeit reduziert, die Vielfalt der Möglichkeiten sexueller Begegnungen auf verschiedene Stellungen reduzieren.“(…)

Zitat aus dem Artikel von Ulrike Zimmermann „Ein Beitrag zur Entmystifizierung der Pornographie“, Seite 127, 129/130 aus „Frauen und Pornographie“ Gehrke Claudia(Hg), 1988 Konkursbuch, Tübingen

Auf feministischen Veranstaltungen wie dem „secret minds festival“ in Köln zum Thema „Frauen und Sexualität“ und dem Dortmunder „femme totale“ Festival Mitte der 80er wurden Tendenzen sichtbar, dass sich neben dem etablierten Frauenfilm der sogenannten Müttern der Frauenbewegung, eine Subkultur gebildet hatte, die mit medialen Arbeiten ihre Phantasien radikal und oft tabuüberschreitend in Szene setzten – wenn sie auch in den 70er und 80ern nur von einer kleinen Minderheit innerhalb der Frauenbewegung getragen wurden. Während sich dieser Prozess im deutschsprachigen Raum nur zaghaft entwickelte und gegenüber den Impulsen im anglophonen Kulturraum jahrelang hinterherhinkte, gab es in den USA bereits in den 80ern eine ganze Reihe von Frauen, die – vor allem im Printbereich – sich in das pornographische Business einmischten. So das lesbische Magazin „On Our Backs” von Debi Sundahl und Nan Kinney oder Tuppy Owens mit ihren Publikationen „The Sexmaniaca Diary“ und „What is Pornography? My Career and how I`ve been censored“ – „Sadomasochistic Pornography“ von DeborahRyder – „Liberating Masturbation“ von Betty Dodson , Mistress Antoinette, die in Kalifornien pornographische Magazine und Videos produzierte.  Arabella Melville, die bereits in den 70ern das Magazin „Libertine“ herausgab. Weitere nennenswerte Persönlichkeiten sind  Lily Pond mit dem Erotik und Kunstmagazin „Yellow Silk“ – Fiona Pitt(Keighley) und Leonie Keighley, Produzentinnen von Sexmagazinen und Paula Meadows, die bei „Fesse“, einem britischen Submissive-Magazin maßgeblich mitarbeitete.

Im Zuge der Entwicklung der gewerkschaftlichen- und Selbsthilfe-Organisation der Sexarbeiterinnen in den USA wurde 1983 der Club 90 gegründet, eine Art Selbsterfahrungs- und Themengruppe, in welcher Darstellerinnen ihre Arbeit in der Pornoindustrie reflektierten. Später kam es zur Zusammenarbeit mit der feministischen Künstlergruppe „Carnival Knowledge“ und der Produktion des Theaterstückes “ Deep inside pornstars“. Seit 1984 produziert das Studio„femme-production“ von Candida Royale Pornofilme für die u.a. die Frauen von Club 90 als Regisseurinnen engagiert wurden. Annie Sprinkle, die auch in Europa durch ihre Performances und ihrer nüchternen Darstellung der Arbeit einer Sexarbeiterin bekannt wurde, gehörte auch zu den Mitgliedern des Club90.  In ihren Filmen, wie auch in ihren Workshops und Performances führt Annie Sprinkle die „Queer“- Theorie in die Praxis und weicht die Grenzen zwischen Homosexualität, Heterosexualität und Bisexualität auf. Der Film „Deep Inside Annie Sprinkle“ (1981) spielt mit den Konventionen der Geschlechterrollen und des Pornofilms und bricht mit ihnen, bzw. löst sie auf. „Linda/Les and Annie – The First Female to Male Transsexual Love Story“ (1989) ist ein Film über Annie und ihre(n) Liebhaber(in), einen inzwischen männlichen Hermaphroditen mit einem operativ konstruierten Penis, der/die aber ihre weiblichen Geschlechtsorgane  bei dem „Umbau“ behalten hat. In „The Sluts and Goddesses Video Workshop, or How to be a Sex Goddess in 101 easy  Steps“ (Drehbuch bei Sprinkle, US, Video, 1992) wird neben praktischen Tips zur Sexarbeit u.a. auch die weibliche Ejakulation* thematisiert und vorgeführt.

Dieses Ejakulat, oft als „Samen“/“Semen“(lat.) bezeichnet, taucht in Beschreibungen von Medizinern von Hippokrates(400v.Chr.) bis zu Grafenberg (1950) auf, wird aber in dem Zeitraum 1950-78 von der Wissenschaft verneint und als inkontinentes Verhalten gedeutet. 1978 kommt eine wissenschaftliche Publikation zu dem Ergebnis, dass Männer wie Frauen eine aktive Prostata haben. Bei Männern produziert diese Drüse einen Großteil der Flüssigkeit die bei der Ejakulation ausgestoßen wird, wobei das Volumen der Samenflüssigkeit mit zeugungsfähigen Spermen nur ein kleines Volumen ausmacht. Bei Frauen ist eine große Variationsbreite bezüglich des genauen Sitzes und der Verteilung dieser Drüse bekannt und es ist bei manchen Frauen möglich, dass die weibliche Prostata Flüssigkeiten produziert, die nicht mit dem Urin identisch sind und die durch Muskelkontraktionen während des Orgasmus ausgeworfen werden.

Annie Sprinkle gilt inzwischen als eine der bekanntesten Veteranninen der Post-Porn-Bewegung. Der Term “Post Porn” wurde Ende der 80er Jahre mit dem Post Porn Modernist Manifesto von Véronica Vera und Candida Royalle, zwei ehemaligen Pornodarstellerinnen, die dann bei ihren Pornoproduktionen selbst Regie führten und den Performancekünstlern Frank Moore und Annie Sprinkle sowie weiteren Künstlern, die mit körperlichen Einsatz Sex bei ihren Kunstaktionen thematisierten, begründet. In mehreren kurzen Punkten deklariert das Manifest eine Kunstbewegung, die Sex als eine lebensspendende, heilende Kraft zelebriert, die die Trennung zwischen Geschlecht, Herz, Verstand und Geist aufzuheben versucht und den Menschen zu einer sexualitätsbejahenden Einstellung verhelfen will. Bekannt wurde der Begriff vor allem durch Annie Sprinkle, inzwischen eine akademische Sexologin und anerkannte Performancekünstlerin, die mit ihrer Post Porn Modernist Show ihre Erfahrungen in der Pornoindustrie reflektierte und ihre eigene sexuelle Entwicklung in burleskeartigen Szenen darstellte. In dem Aufführungszeitraum zwischen 1989 bis 1996 wurde die Performance nach der persönlichen, ästhetischen und politischen Entwicklung Annie Sprinkle angepasst und verändert. Während sie in ihrer Anfangszeit öffentlich auf der Bühne urinierte und masturbierte und den Zuschauern mittels eines Speculum Einblick auf ihren Gebärmutterhals gewährte, legte sie später mehr Wert auf spirituelle wie politische Kontexte ihrer Aufführung. Die “Post Porn Modernist Show” ist auf der Webseite der Robert J. Shiffler Foundation „bobsart.com“ dokumentiert.

„Post Porn“ war ursprünglich ein feministischer, sexualitätsbejahender Begriff. Es ging um die Entmystifizierung von Sexarbeit und Pornographie, um die Entwicklung eines alternativen pornographischen Formulas und um die Verbreitung einer emanzipatorischen und positiven Einstellung zur Sexualität. Mit den Queer-Theoretikerinnen Beatriz Preciado und Marie-Helene Boucier, die den Term „Post Porn“ im Zeitalter von Cybersex, Transgender und dem Bewusstwerden der Konstruktion sexueller Identitäten reinterpretierten, entwickelt sich dieser Begriff zu einem politischen Label, der alle Spielarten umfasst, die jenseits einer normierten heterosexuellen Sexualität ihre sexuelle Identität entwickelt haben. Pornographie wird zunehmend als Kulturproduktion verstanden, aber auch als zentrales Dispositiv des kapitalistischen Systems in Bezug auf die Normierung und Disziplinierung von Gefühl und Körper. In diesem Sinne steht Post Porn für die Möglichkeit und Notwendigkeit Gegenstrategien und alternative sexualpolitische Perspektiven zu entwickeln.

Ab der 2. Hälfte der 90er Jahre kam es zu einer Vielzahl von Unternehmensgründungen in diesem von Männern dominierten Pornobusiness, überwiegend von Frauen, die vorher als Darstellerinnen in der Sexindustrie gearbeitet hatten, teilweise mit einem sexualitätsbejahenden, feministischen Ansatz – und auf jeden Fall mit einer objektiven Einstellung zu den Möglichkeiten des kommerziellen Erfolgs. 1994 startete die ehemalige Stripperin Danni Ashe ihre erfolgreiche Webseite “Danni’s Hard Drive“ , Gail Harris, die vorher als Fotomodell und dann bei Hustler in der Produktion gearbeitet hatte, gründete „Falcon Foto“ und die Domina Mistress Scarlet startete 1997 ihre gleichnamige BDSM-Webseite. Die Pornofilmdarstellerinnen Jill Kelly, Jenna Jameson und Ona Zee (bereits 1990) gründeten zu dieser Zeit ebenfalls ihre Unternehmungen. Erfolgreiche Unternehmerinnen, die nicht aus dem Pornobusiness kamen – was zu dieser Zeit noch selten war – waren Samantha Lewis, eine ehemalige Immobilienmaklerin und inzwischen Besitzerin des DVD-Produzenten „Digital Playground“ und Susan Colvin von „California Exotic Novelties“- einem bekannten Hersteller und Distributor von Sextoys.

Auf dem europäischen Festland zeigte sich dieselbe Tendenz, wie gewohnt einige Jahre später. Als Beispiel sei hier kurz Erika Lust, eine 1977 geborene Schwedin erwähnt. Sie hat Politikwissenschaften mit Ausrichtung auf feministische und sexuelle Thematiken und  Audiovisuelles Management studiert. Seit 2000 lebt sie in Barcelona (Spanien). Nachdem sie bei Filmproduktionen von Private mitgearbeitet hat, gründete sie 2003 „Lust Films“ – eine Pornofilmproduktion für Frauen. 2004 produzierte sie „The Good Girl“, einen 20-minütigen Clip, der über ihre Webseite kostenlos als Stream oder Download angeboten wurde und ihr so eine breite Öffentlichkeit verschaffte. Der Film wurde ein Jahr später auf dem International Erotic Film Festival in Barcelona mit dem „Short Film Award“ ausgezeichnet.

Gehrke Claudia(Hg.), 1988, „Frauen und Pornographie“, Konkursbuch extra, Tübingen

Gibson, Pamela C., 1993, “Dirty looks : women, pornography, power”, BFI Publishing, London

Kamper, D/Ch.Wulf (Hg.)  1984, „ Der andere Körper“, Verlag Mensch und Leben, Berlin

Pfaff, Walter/Erika Keil, Beate Schläpfer (Hg)  1996, „Der sprechende Körper – Texte zur Theateranthropologie“,
Alexander Verlag, Berlin

Williams, Linda   1995, „hardcore“, Stoemfeldverlag

14
Jan
10

BDSM und andere sexuelle Subkulturen

„Das fiktive Spiel des Sadomasochisten in seiner Subkultur (…) ist aus dem sozialen Handeln herausgenommen, es ist eine Maskerade, eine Dramaturgie mit festen Regeln – etwas grotesk und bizarr für den Außenstehenden, aber durchaus harmlos. Das perverse Spiel ist Abwehr, Kanalisierung und Ritualisierung neurotischer Mechanismen mit dem Resultat, dass soziales Handeln von diesen Impulsen befreit bleibt. Auf einer anderen und tieferen Ebene ist die Trennung jedoch weniger absolut: Die Gemeinsamkeiten liegen darin, dass es in der perversen Phantasie und der Brutalität im sozialen Handeln um dieselbe destruktive Dynamik geht, die aber dort, wo sie sich als Brutalität im sozialen und politischen Kontext äußert, im Gegensatz zur sadomasochistischen Perversion nicht durch ein magisches Ritual entschärft wird und daher alles andere als harmlos ist. Der psychische Ursprung der destruktiven Dynamik ist derselbe: es sind die frühen Wunden, die massenhaft geschlagen werden, die Vernarbungen, die zu Entstellungen führen, welche uns wegen ihrer Verbreitung kaum noch auffallen und fast in das Schönheitsideal (der erfolgreiche Mensch als strahlender Sieger über andere) integriert sind – die Erbsünde unserer Kultur, nicht ihre Verfallserscheinungen.

Zitat aus: Sexualität konkret, 1979, konkret-Verlag Hamburg.  „Sadomasochismus – Über die gesellschaftlichen Ursachen eines Modetrends “ von Eberhard Schorsch, Seite 83

In den us-amerikanischen Zentren des pornographischen Films, wie in Los Angeles, hat sich eine Nischenproduktion entwickelt, die für Innovationen des gesamten Marktes sorgte. Begleitet wurde diese Entwicklung u.a. durch die öffentliche Diskussion um die Sex-Industrie und die Pornographie, die von einem Teil der feministischen Bewegung und amerikanischen Universitäten mitgetragen wurde. Aus diesen Ansätzen entstand Anfang der 90er Jahre in den USA vor dem Hintergrund der Re-Ideologisierung von Heterosexualität im Zusammenhang mit Aids die Idee der Queer-Theorie. Sie erfasst die Organisation und Regulierung von Sexualität in ihrer Aufspaltung in Heterosexualität und Homosexualität, bzw. in unmarkierter Normalität einerseits und in markierter Abweichung andererseits als einen Schlüsselfaktor in der Herstellung von sozialen Welten. Die Queertheorien und die daraus resultierenden politischen Ansätze haben den sexuellen Subkulturen erheblich bei einer identitätsstiftenden Selbstdefinition und einem “Coming out“ geholfen. Infolge dieser Entwicklung gibt es in den USA inzwischen eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Nischenproduktionen im Filmbereich und eine Anzahl von Webseiten, welche sich durch ein qualitatives Webdesign und künstlerische Photographie und Editorials vom Mainstream abheben. Viele dieser Produkte kommen aus der sogenannten BDSM-Nische, oft  als „Dark“ oder „Pink“-Sektor bezeichnet der SM, Fetish, Gothic, homosexuelle und lesbischen Subkulturen, Bodymodification und viele weitere Spielarten umfasst. Im korrekten Sinne ist BDSM die Bezeichnung für eine verwandte Gruppe sexueller Vorlieben: Bondage und Discipline (B&D), Domination und Submission (D&S) und Sadomasochismus (S&M).

Unter diesem Begriff wird eine breite Varietät verschiedener Vorlieben jenseits des normativen Sexualitätsverständnisses zusammengefasst: Bondage, Spanking – vom viktorianischen „auf den Po schlagen“ bis hin zu körperlichen Züchtigungen, Sadomasochismus, Fuß- und Schuhfetischismus, Infantilismus, Rollenspiele, im speziellen Altersspiele und Herr-Sklaven-Verhältnisse, Crossdressing, Transgender, Gummifetische, Golden Shower und etliche weitere Eigenarten und Vorlieben, von den einen als „kinky&fetish“ benannt, von Sexualwissenschaftlern als Paraphilias systematisiert und erforscht.

Der Term „SM“ steht für Sadismus und Masochismus, zwei Begriffe die ihren Ursprung in der Literatur haben. Zum einem die Bücher des Franzosen Marquis de Sade mit ihren ausführlichen Beschreibungen sexueller Praktiken und die Schriften von Leopold von Sacher-Masoch, einem Österreicher, der sich dort über seine masochistische Veranlagung ausließ. Der Psychologe Richard von Krafft-Ebing benutzte die Begriffe 1886 erstmals im klinischen Zusammenhang, wobei „Sadismus“ in einem anderen Definitionsrahmen als den heutigen stand und überwiegend Akte sexueller Gewalt auf unfreiwilliger Basis beschrieb.

Nach neuerer Definition ist SM eine sexuelle Orientierung oder Verhalten zwischen zwei oder mehreren erwachsenen Partnern, die hetero,- bi-, homo-, oder transsexuell* sein können…

Ein Transsexueller oder eine Transsexuelle ist jemand der sich dem entgegengesetzten Geschlecht zugehörig fühlt. Oft lassen Transsexuelle an sich eine chirugische Operation zum Zwecke der Geschlechtsumwandlung vornehmen. Bei der Operation vom Mann zur Frau werden der Penis und die Hoden entfernt und eine künstliche Vagina eingerichtet. Die operative Modellierung eines männlichen Geschlechtsorgan ist weitaus komplizierter, obwohl die Wissenschaft inzwischen vorangeschritten ist. Trotz Operation, müssen transsexuelle Menschen immer noch Hormone einnehmen, damit ihre Stimme weiblicher/männlicher klingt und die Brüste wachsen etc. Im Szenejargon bezeichnet man Transsexuelle oft als „He-She“ oder „She-Males“.Als Transvestit hingegen bezeichnet man in der Regel einen Mann, der die Frauenrolle „spielt“,  gerne Frauenkleider, Frauenperücken, Damenschuhe etc. trägt. Transvestiten fühlen sich immer noch dem eigenen Geschlecht zugehörig.

“Transsexuality becomes the primary site for the embodiment of all issues of gender that get played out through transsexual bodies, making gender comprehensible for all other bodies. The transsexual body articulates the complexities of gender that are overlooked by non-transsexuals. Transsexuals hold up a mirror. What gets reflected is everybody, and the reflection calls every other identity into question. It’s not that a non-transsexual sees herself, but she sees how she herself has been constructed artificially, by the always already there.”

Barbara Genieve

Zurück zur Definition von SM: …Diese Orientierung schließt vielfältige Formen von psychologischer und physischer Stimulation, zum Zwecke der sexuellen Erregung und Befriedigung mit ein. In der Regel übernimmt eine der Partner dabei eine aktive bis dominante Rolle während der andere die passive bis submissive Rolle bevorzugt. Fünf Grundmuster scheinen bei den meisten SM-Interaktionen präsent zu sein: Dominanz und Unterwerfung, die Reglementierung bis Beherrschung eines Partners durch den Anderen – das freiwillige Einverständnis der Beteiligten in ein „SM-Spiel“ einzusteigen und dabei vorher festgelegte Grundregeln, „Spielverläufe“ und Limits zu respektieren – die gemeinsame Ausgangslage das die Tätigkeiten eine sexuelle oder erotische Bedeutung haben – ein gegenseitiger Definitionsrahmen der Beteiligten, das es sich bei den Handlungen um Sadomasochismus oder um ein ähnliches Konzept handelt und – die Annahme der Rolle die sie innerhalb dieser Interaktion, bzw. des Beziehungsverhältnisses des SM-Spiels einnehmen, einem Heraustreten aus der normalen Alltagsrealität entspricht und sich von dieser unterscheidet. Freiwilligkeit und Übereinstimmung sind wichtige Bestandteile der sadomasochistischen Praxis. Sowie der Unterschied zwischen einer Vergewaltigung und regulären Geschlechtsverkehr in der freiwilligen Zustimmung liegt, schafft dies den Unterschied zwischen sadomasochistischen „Spiel“ und Gewalt. Die fortgesetzte Zustimmung aller Beteiligten ist eine wichtige Voraussetzung der SM-Praxis. Oft wird ein Codewort vereinbart mit dem in der Regel der Submissive zu erkennen geben kann, das seine persönlichen Grenzen überschritten werden und er eine Änderung oder einen Abbruch des „Spiels“ wünscht

„Much S&M involves very little pain. Rather, many sadomasochists prefer acts such as verbal humiliation or abuse, cross-dressing, being tied up (bondage), mild spankings where no severe discomfort is involved, and the like. Often, it is the notion of being helpless and subject to the will of another that is sexually titillating… At the very core of sadomasochism is not pain but the idea of control – dominance and submission.”

Thomas S. Weinberg and G.W. Kamel (1995). “S&M: An Introduction to the Study of Sadomasochism,” S&M: Studies in Dominance and Submission, Prometheus Books, pg. 19.

In einem Report des Kinsey-Institutes von 1990 wurde festgestellt, das 5-10% der US-Population sich gelegentlich in sadomasochistischen Praktiken zur sexuellen Befriedigung engagieren, wobei es sich größtenteils um eine milde Variante dieser Praktiken handelte, die keine wirklichen Schmerzen oder Gewalt mit einschlossen. Ein weiteres Ergebnis dieser Studie war, das es überwiegend der masochistisch veranlagte Partner war, der diese Aktivitäten initiierte und bestimmte, wobei es sich bei heterosexuellen Paaren überwiegend um Männer handelte. Nach einer Umfrage des Magazins Playboy im Jahr 1998 haben 18% der befragten Männer und 20% der Frauen während des Sex eine Augenbinde benutzt, 30% der Männer und 32% der Frauen haben sich Fesseln lassen oder wurden gefesselt und 49% der Männer zu 38% der Frauen haben sich den Hintern versohlen lassen.

Reinisch, June M.,1990, „Kinsey Institute New Report on Sex”, St. Martin’s Press

BDSM-Praktiken setzen oft ein hohes Maß an Wissen und professionellen Techniken voraus. Möglichkeiten des Einstiegs und der Weiterbildung bieten neben den in den USA landesweit stattfindenen  „Leather Conferences“ lokale Vereine und Organisationen in den Großstädten, die sich weitergehend für eine Entstigmatisierung und Anerkennung von BDSM einsetzen. Die bekanntesten unter ihnen sind „The Eulenspiegel Society (TES)“ in New York, „Black Rose“ in Washington DC. und die „Society of Janus” aus San Francisco. Inzwischen hat die „Nazca Plains Corporation“ über die „Dem Lab Studios“ begonnen eine Serie von Lehr-DVD`s zu veröffentlichen, die das gesamte Spektrum an BDSM-Praktiken abdecken soll – insgesamt 61. Die ersten beiden Volumen behandeln die Themen Auspeitschung und Mummifikation – Bondage und Aufhängung sollen auf der 3. und 4. DVD abgehandelt werden. Weitere Themen sind. „Shibari” – traditionelles japanisches Bondage, Penis- und Hoden-Folter, Spanking, Feuerspiele, etc., etc.. In Amsterdam wurde 1996 die „Women at Amsterdam Leather Pride”(WALP) gegründet. Sie veranstaltet einmal im Jahr ein europaweites Treffen und sieht ihre Hauptaufgabe darin ein soziales und auf Weiterbildung ausgerichtetes Netzwerk für Dominas und Lederfetischistinnen zu schaffen. 2002 hat die WALP das  „Making History Project”, mit dem Ziel die Lebenswelten möglichst vieler SM-Frauen zu dokumentieren, initiiert. Involvierte Frauen werden aufgefordert mittels Photographie, Ton- und Filmaufnahmen, über Webseiten und literarisch ihre persönliche Geschichte zu dokumentieren. Das gesammelte Material wird verschiedenen Archiven zur Verfügung gestellt, die bereits die Lebensrealitäten verschiedener SM-Szenen dokumentieren und umfangreiche Informationen zum Thema zur Verfügung stellen. In Holland ist dies das „Homodok/Lesbisch Archive Amsterdam“ http://www.homodok.nl. in den USA das „Leather Archive“ im Museum von Chicago http://www.leatherarchives.org/ und in Deutschland das „Datenschlag“-Archiv http://www.datenschlag.org .

Die New Yorker Photographin Barbara Nitke hat sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt und nicht unerheblich mit dazu beigetragen, dass BDSM sich als ein ästhetisches Thema in der Kunstszene etablieren konnte. Barbara Nitke (geb.1950), deren Ex-Mann den Porno-Klassiker „Devil in Miss Jones“ produziert hat, arbeitete seit 1982 für 12 Jahre als Set-Photographin bei pornographischen Filmen und begann außerdem im Mainstream-TV und Filmbereich als Photographin zu arbeiten. 1991, nachdem die Hardcore-Filmindustrie sich nach Los Angeles verlagert hatte, setzte sie ihre Arbeit bei New Yorker Fetisch- und SM-Produktionen fort. Mit einer Einladung der „Eulenspiegel Society“ – der ältesten SM-Community in den USA – erfolgte später ihre Einführung in die sadomasochistische Szene, auf die sich dann ihre Arbeit zunehmend konzentrierte. Während ihre persönlichen Werke aus der Zeit als Set-Photographin vor allem den sonst nicht gezeigten Produktionsalltag des X-Rated-Bussiness zeigen, sind ihre Photographien der SM-Szene von einer Art Symphatie und Faszination getragen, die sie über die USA hinaus bekannt gemacht haben. Die Bilder sind nicht choreographiert oder in Szene gesetzt, sondern zeigen Menschen, in sehr persönlichen, intimen Momenten, die sich ihren speziellen sexuellen Vorlieben hingeben.

„The fetish scenes spoke to me in an entirely different way from the slam-bam hardcore scenes. They struck a deeper chord in a darker way. In them I saw echoes of highly-charged emotional situations, childhood demons, betrayals, power plays — the feeling of being humiliated by someone you love, the little rush you get from zapping somebody. Seeing those dynamics turned into sources of sexual pleasure shocked me at first.“

http://www.barbaranitke.com/introduction.html

Maria Beatty, eine bekennende Submissive,  ist eine New Yorker Produzentin von lesbischen Fetisch- und SM-Pornoproduktionen. Ihr erster Film  The Elegant Spanking (1996) wurde auf vielen lesbischen und schwulen Filmfestivals aufgeführt. Mit der Gründung von „Bleuproductions.com“ 1997 wurden ihre Filme auch bei einem heterosexuellen Publikum populär. Das Angebot umfasst inzwischen über 15 Videofilme, die über die Webseite vermarktet werden und zum Teil über pay-per-view angesehen werden können. Ihre bekanntesten Filme sind The Sassy Schoolgirl (1998), The Boiler Room (1999), Doctor’s Orders(1999) und  The Seven Deadly Sins (2004). In den Schwarzweiß-Filmen Ladies Of The Night und Ecstasy In Berlin 1926  bedient sie sich der Ästhetik des 20er-Jahre Films und arbeitet mit dementsprechenden Licht- und Schattenkonturen.

Phantasien und Aktivitäten, die in den BDSM-Bereich gehören, liefern oft den Stoff für Medienskandale und umstrittene Pornoproduktionen; einen unvoreingenommen Dialog warum Menschen diese Variationen der Sexualität bevorzugen und genießen ist hingegen selten. Viele Betroffen gestehen sich ihre Phantasien und Wünsche nicht ein, fühlen sich schuldig oder beschämt oder sehen sich gemäß der vorherrschenden Paradigmen – mit psychologischen Problemen behaftet- als nicht „normal“  Anders als die Homosexuellen und Lesbenbewegung, die eine lange Tradition emanzipatorischer Bestrebungen aufzuweisen hat, haben die BDSM-Communities erst seit den 90er Jahren, zunehmend mit der Gender- und Queer-Diskussion, an sozialer und politischer Kraft gewonnen. Neben vielen neu entstandenen Selbsthilfegruppen hat sich vor allem über das Internet – in einer Vielzahl von Webseiten – eine Subkultur des „kinky-sex“ geöffnet, die innovativ auf die Trends und Produktionen der Sexindustrie gewirkt hat. Neben der Mainstream-Pornographie, die Aspekte des BDSM hauptsächlich wegen des Sensationswertes des Tabubruches kommerzialisiert, gibt es sehr viele ästhetisch und künstlerisch hochwertige Produktionen, die sich auf diese Communities beziehen, bzw. aus ihnen heraus produziert werden. Diese zunehmende Akzeptanz verschafft vielen Betroffenen die Möglichkeit des angstfreien Auslebens ihrer Phantasien und Möglichkeiten der Selbsttherapie, während BDSM vielen anderen, experimentierfreudigen Menschen den Rahmen gibt, in denen Partnerverhältnisse, sexuelle Dominanz und Unterwerfung und weitergehend, Macht- und Herrschaftsverhältnisse theatral inszeniert und thematisiert werden können.

Bereits ab den 80ern und verstärkt ab den frühen 1990ern hat sich in den USA BDSM inzwischen einen Weg in die Populärkultur geebnet. Ausgehend von einem steigenden Interesse an Filmen über Sadomasochismus und Fetischismus, finden sich derartige Motive inzwischen in Mainstreamfilmen, in der Werbung, im Fernsehen, in der Literatur und im Internet wieder. Eine positive Berichterstattung in US-Medien wie der “Newsweek”, “Time” und der “New York Times“ hat mit dazu beigetragen Aspekte der BDSM-Kultur als ein Livestyle-Konzept zu vermarkten. Es ist eine richtiggehende Branche entstanden, die weit über die Szene hinaus, die Nachfrage nach SM-Assecoires und dementsprechender Leder- und Latexkleidung befriedigt. Ein Beispiel für einen dieser Filme, der bereits in den USA und in Europa von verschiedenen Fernsehsendern ausgestrahlt wurde, ist „Secretary – Womit kann ich dienen?“ (USA 2002) Der Film des Regisseurs Steven Shainberg erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die eine Stelle als Sekretärin bei einem Anwalt annimmt und wie sich zwischen den beiden eine leidenschaftliche Sado-Maso-Affäre entwickelt. Der Film stellt eine gelungene Mischung zwischen romantischer Komödie und einer Charakterstudie zweier Menschen dar, die ihre gesellschaftlichen Zwänge überwinden müssen, um zu einem erfüllten Leben zu finden. Der mehrfach preisgekrönten Film erhielt u.a. beim Sundance Filmfestival den Spezialpreis der Jury.

“ BDSM is hard to explain to people who’ve never experienced it—it can be like telling a story in a foreign language without the benefit of a translator. The erotic possibilities of pain are especially tricky to communicate to folks who associate pain with violence, physical discomfort, and suffering. Sex is supposed to be about feeling good, and what feels good about pain? Actually, giving and receiving pain can be extremely pleasurable for some people. There is a very fine line between pleasure and pain, and many people like to explore that boundary. People who enjoy receiving pain like to test their endurance, strength, and resilience. When the body experiences pain, it releases endorphins and other chemicals that can cause one to feel aroused, euphoric, or high. BDSM play may combine pain with an intense emotional component, where someone has the opportunity to explore fantasies and even fears. Role-playing can be a chance to investigate erotically charged power dynamics. Some BDSM practitioners describe their experiences as deeply spiritual. When they play, they can achieve different states of consciousness as well as connect with their own bodies, their lovers, and a higher power.”

“The Pain Game” Tristan Taormino,  Village Voice, Jan 2001

AVN-Online: “Dem Lab Studios Presents S/M Tech” / 06/22/05)
http://de.wikipedia.org/wiki/BDSM
http://de.wikipedia.org/wiki/Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade
http://gloria-brame.com/
http://www.tes.org/
http://www.br.org/

14
Jan
10

Kulturelle Akzeptanz – der Mainstream-Porno wird populär

An den aktuelleren Kulturproduktionen und dem öffentlichen Auftreten von Darstellerinnen aus der Porno-Branche, lässt sich der Grad der gesellschaftlichen Akzeptanz feststellen. Die Einschätzung des us-amerikanischen Branchen-Insiders Bill Margold, die er Anfang der 90er Jahre in Interviews äußerte – das Darsteller, wenn sie einmal an einer Pornoproduktion mitgewirkt haben, keine Möglichkeit mehr haben „außerhalb“, bzw. innerhalb der etablierten Kulturindustrie ihr Auskommen zu finden –  scheint in dieser verschärften Form keine allgemeine Gültigkeit mehr zu haben. Der Starkult der Pornofilmbranche, der auf Messen, Trader-Shows und den eigenen Medien zelebriert wird, wird intensiv über die Bloggersphäre im Internet, aber  auch zunehmend von Mainstream-Publikationen reflektiert. Es gibt inzwischen eine Reihe von Reality-Soaps, die Einblick geben in die Internas der Pornoproduktion und ihren Stars, wie z.b. von Private, die sich alle einer außerordentlichen Popularität erfreuen. Auf dem Büchermarkt erscheinen eine zunehmende Anzahl von Biographien einzelner Darstellerinnen und Pornostars treten inzwischen, was früher undenkbar erschien, in regulären TV-Shows und Spiel- und TV-Filmen auf und engagieren sich sogar auf der politischen Bühne. Die sogenannten „Goldenen Jahre“ der Sexindustrie sind inzwischen, anhand von Einzelbiographien, von der regulären Filmindustrie thematisiert, vermarktet und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Der Preisträger des Goldenen Bären, Paul Thomas Anderson, begann seine Karriere mit „Boogie Nights“(1997), einen Film über die Pornoindustrie der siebziger Jahre. In „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ (“The people vs. Larry Flint“/1996, R.: Miles Formann) verkörpert Woody Harrelson den streitbaren Herausgeber von „Hustler“  Mit „Ratet X“ (2000, R.: Emilio Estevez) wird der Werdegang der Mitchell-Brüder, zwei Pionieren der Pornobranche, thematisiert, gefolgt von der TV-Filmdokumentation „Jim&Artie Mitchell: The true hollywood Story“ und 2005 ist der Dokumentarfilm über den bekannten Pornofilm „Deep Throat“ in die Kinos gelangt.

Diese Tendenz, von manchen als neue Welle des „Pornochics“ bezeichnet – und teilweise begleitet von einem politischen Diskurs, der von Queer, Gender,- und Feminismuspositionen getragen wird, tritt auch in Deutschland zunehmend an die Öffentlichkeit. Die Anzahl themenspezifischer Filmfestivals, Kulturevents und Workshopprogramme hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Auf dem Festival des alternativen Pornofilms in Berlin Ende 2006 standen Sex-Pro-Aktivisten, Initiativen und Unternehmen der Berliner Gay-, BDSM- und Lesbenszene erstmals in einer Reihe mit Sponsoren und Medienpartner der Sexindustrie wie Private, Beate Uhse und Erotic Media.

Bei verschiedenen Werbekampagnen im Internet 2006 zeigt sich ebenfalls, dass die traditionelle Grenze zwischen Pornographie und Mainstream sich immer mehr aufzulösen beginnt. Bei den  Videos, die alle als Stream im Internet verfügbar waren und in verschiedenen Mediaformaten zum Download angeboten wurden, betrieben entweder populäre Pornostars Produktwerbung oder das pornographische Filmformula wurde als Marketinginstrument eingesetzt. Die Werbefirma JWT hat für den Berufsbekleidungshersteller Scruffs Workwear einen Film gedreht, in welchem drei Bauarbeiter auf ihrer Baustelle mit verschiedenen Frauen Sex haben, zwischendurch wird mit partiellen Texteinblendungen auf die „Vielseitigkeit“ der Arbeitskleidung verwiesen. Der Film kommt geschickt ohne explizite Szenen aus, orientiert sich in seiner Struktur aber klar an der Narration herkömmlicher Pornofilme. In einem anderen Film wirbt die bekannte Pornofilmdarstellerin und Buchautorin („How to Make Love Like a Pornstar“) Jenna Jameson für den Sportschuh Adidas Adicolor und im dritten Beispiel präsentiert das französische Modelabel Shai unter dem Sublabel „Sexpacking“ Bestandteile ihres Sommerkataloges. In diesem Video zeigen reale Pornostars in drei verschiedenen Szenen die Kleidung des Modelabels: vor dem Sex, während und danach. Die Präsentation stoppt alle 30 Sekunden damit der User sich mittels der Roll-over-Funktion genauer über die angebotenen Artikel informieren kann. Die von den drei Pärchen dargestellten Szenen beinhalten jeweils einmal heterosexuellen, lesbischen und homosexuellen Sex, während das Modeangebot auf die jeweilige Situation spezifisch eingeht. („Sexpacking“ und „Scruffs Workwear” sind nicht mehr online) Die italienische Webseite http://www.pornomarketing.com, eigentlich als ein ironisch-künstlerischer Beitrag gedacht, deutet in diesem Sinne Möglichkeiten zukünftiger Werbestrategien im Produktmarketing und der Selbstvermarktung an.

In Frankreich entstand um die Jahrtausendwende  eine neue Welle des Porno-Chics, der sich in Presseprodukten, in der Werbung, im Kino und in Büchern und der Rap-Musik deutlich widerspiegelte. 2002 wurden bei „Loft Story“ – dem französischen Äquivalent der TV-Serie Big Brother, die Zuschauer-Ratings u.a. mit expliziten Beischlaf-Szenen der Teilnehmer aufgewertet und der TV-Sender Canal Plus berichtete wöchentlich in dem TV-Magazin „Journal du Hard“ aus der Welt der Hardcore-Pornographie. Die Regisseurin Catherine Breillat verfilmte mit ‚Anatomie de l’enfer‘ ihre eigene Buchvorlage ‚Pornocratie‘, die sich um das Pornobusiness dreht. Catherine Breillat ist vor allem durch ihre jüngeren Filmen wie „Romance X“, „À ma soeur“ oder „Sex is Comedy“ bekannt. (Den wenigsten ist bekannt, dass ihr Erstlingsfilm „Une vraie jeune fille“ (1976) in Frankreich mit einem mehr als 20 Jahre lang wirksamen Aufführungsverbot belegt wurde.) Der französische Opernregisseur Olivier Py ließ in seiner Inszenierung von Jacques Offenbach’s „Les Contes d’Hoffmann“ am Grand Théâtre de Genève seine Darsteller/innen in simulierten Sexszenen nackt auftreten und provozierte zu dieser Zeit damit noch einen Skandal. Seine Interpretation der Wagner-Oper “Tannhäuser“ ebenfalls in Genf im September 2005 aufgeführt, wo er einen französischen Pornodarsteller in der Rolle des Zeus nackt auftreten ließ, wurde von dem Publikum wie von der Kritik inzwischen gelassen aufgenommen. 2003 kam es dann wegen möglicher Prämissen staatlicher Restriktionen zu einer breiten Pro und Contra-Diskussion über Pornographie in den französischen Medien, in dessen Zusammenhang sich Ovidie als Vertreterin eines feministischen SexPro-Standpunktes profilierte. Ovidie ist Autorin, Regisseurin, moderierte in Frankreich eine politische TV-Sendung und hat in über 50 Pornofilmen als Darstellerin mitgewirkt. Bekannt wurde sie als Schauspielerin in dem regulären Spielfilm „The Pornographer“ und mit ihrem Buch „Porno Manifesto“, wo sie argumentiert das eine qualitativ hochwertige Pornoproduktion ein Zeichen für eine stabile und gesunde Gesellschaft sei.  Ovidie war in Frankreich während der Pro und Contra-Diskussion um Pornographie 2003/4 ein vielgefragter Gast in Radio und TV- Programmen. Pornofilme bei denen sie Regie geführt hat, sind  u.a. « Orgie en noir » (2000) und « Lilith » (2001), beide bei der  Marc Dorcel Productions erschienen.. « Orgie en noir » wurde 2001 auf dem Hot d’Or-Festival  in Cannes ausgezeichnet.

Sibel Kekilli, eine ehemalige Pornodarstellerin des deutschen Label ‚Magma‘ und später Hauptdarstellerin des Film „Gegen die Wand“, der bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, gelang es sich 2004 erfolgreich gegen eine Kampagne mehrerer Boulevardblätter zu wehren. Sie wurde dabei von einigen Honorationen der Kulturlandschaft und Teilen der bürgerlichen Presse unterstützt. Eine weitere deutsche Darstellerin ist Michaela Schaffrath, Künstlername „Gina Wild“. Sie hat ihre kurze und erfolgreiche Laufbahn als Pornodarstellerin für beendet erklärt und auf der Basis ihrer erworbenen Popularität eine Karriere als „seriöse“ Schauspielerin zu starten versucht. Sie spielte in 8 Pornoproduktionen die Hauptrolle und erhielt 1999 und 2000 jeweils einen „Venus Award“ als beste Darstellerin. Es folgten Rollen in Kinofilmen wie „Déjà vu“ (2001) und der Comic-Verfilmung „Nick Knatterton“ (2002), sowie einige TV-Rollen in „Tatort“ und „Polizeiruf“, außerdem war sie Gast in diversen deutschen Talk- und Spiele-Shows.

Im Mai 1997 beendete Dolly Buster ihre Karriere vor der Kamera und wechselte als Produzentin hinter die Kulissen. Sie vermarktet sich aber weiterhin über ihre Webseite als Sexstar. Sie gründete ihr eigenes Label „Dolly Buster Entertainment“ und trat als TV-Fernsehspielstar, Musik-Interpretin mehrerer CDs und mit drei Buchveröffentlichungen seit 2000 in Erscheinung. Dolly Buster kandidierte 2004  als Nora Baumgartner für die tschechische Partei NEI (Nezávislá iniciativa, Unabhängige Initiative) für das Europaparlament, zog ihre Nominierung dann aber wieder zurück. Dolly Buster war nicht die erste Porno-Darstellerin, die in die Politik gegangen ist. Schon in den 90er Jahren wurde die italienische Porno-Schauspielerin Ilona Staller ins italienische Parlament gewählt. Ilona Staller, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Cicciolina, (geb.26. November 1951 in Budapest), ist eine ehemalige ungarische Pornodarstellerin, die in Italien Anfang der 1970er Jahre einem breiteren Publikum mit der Radioshow Radio Luna bekannt wurde. 1979 wurde sie zur Spitzenkandidatin der Lista del Sole, Italiens erster grünen Partei, gewählt. 1985 schloss sie sich der Partito Radicale, einer  libertären Partei Italiens, an.  1987 wurde sie über ein Direktmandat im römischen Stadtteil Lazio in das italienische Parlament gewählt.  Sie drehte 1989 ihren letzten Pornofilm.

Der bekannte dänische Regisseur Lars von Trier gründete 1992 die Filmproduktion „Zentropa Enterprises”, 1997 folgte die Gründung des Sublabels „Puzzy Power Productions“, die Hardcore-Pornographie mit den Fokus auf Frauen und Paare als Kunden produzierte. Später ging  Lars von Trier zunehmend auf Distanz zu der Pornoproduktion und das Studio wechselte 2001 zunächst seinen Namen  zu „Innocent Pictures“, bis es dann 2003 zu einer eigenständigen Filmproduktion wurde. Zu den ersten Produktionen gehören die beiden Titel „Pink Prison“, „Constance“ und “HotMen CoolBoyz“ Weitere Kino-Projekte von „Innocent Pictures“  waren der neue Film von Coralie Trinh-Thi, einer ehemaligen Pornofilmdarstellerin und Regisseurin von „Baise mois“ (2000),  sowie der Film „I.K.U“, der  japanischen Underground-künstlerin Shu Lea Cheang.

Zwei weitere Filmemacher, die innerhalb des Genres sogenannter „alternativer Pornographie“ erfolgreich sind, sind die Regisseure Eon McKai und Benny Profane („Barbed Wire Kiss“). Wobei es sich allerdings abzuzeichnen beginnt, dass unter Alt-Porn nur ein anderer ästhetischer Stil verstanden wird, der sich in der musikalischen Untermalung und den Settings, aber vor allem bei der Auswahl der Darsteller ausdrückt. So ist die Rahmenhandlung bei „Barbed Wire Kiss“ eher klassisch choreographiert, die Darsteller hingegen geben durch Tattoos, Piercings, Kleidung und Accessoires  ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Subkulturen zu erkennen und aus diesem Umstand heraus konstituiert sich der „alternative“ Charakter dieses Pornofilms. Eon McKai (geb.1979) war bereits als Photograph bei Suicide Girls in der Altporn-Internetszene involviert. Nach seinem Abschluss im Filmbereich an dem California Institute of Arts begann er als Regisseur von Pornofilmen bei der Videoproduktion VCA wo er „Art School Sluts“ (2004) und die „Kill Girl Kill“-Serie realisierte. Es folgten Filme wie „Skater Girl Fever“ und „Neu Wave Hookers“ (2006), bis er dann 2006 zu der Filmproduktion von Vivid wechselte, die mit ihm das neue Sublabel „Vivid-Alt“ starteten, unter deren Dach dann der Film „Girls Lie“(2006) produziert wurde.  McKai bevorzugt jüngere Darsteller mit einem alternativen Style, wie er auch auf der Webseite Suicide Girls dominiert und legt in seinen Filmen, die er als „Art-Porn“ bezeichnet, mehr Wert auf eine differenzierte Storyline und eine qualitative Ausstattung als dies bei den üblichen Produktionen des „Gonzo“-Genres der Fall ist.

Mit einer steigenden Anzahl von Filmproduktionen versucht eine neue Generation von Filmemachern dem Thema Sexualität seinen natürlichen Stellenwert im dargestellten Alltagsleben zurückzugeben und überschreitet damit ganz bewusst die Grenzziehung zwischen Spiel- und Pornofilm. Da ist z.b. Jessica Nilssons  “All About Anna”(2005), der von Lars von Triers Zentropa Productions coproduziert wurde und die neuesten Filme von Michael Winterbottom und John Cameron Mitchell. Michael Winterbottom, der vorher mit politischen Filmen wie „In This World“ und „Road to Guantanamo“ bekannt wurde, drehte mit „9 Songs“ einen Film der die sexuelle Begegnung eines Pärchens thematisiert. Der Film zeigt die Liason der beiden Protagonisten Matt und Lisa in der Rückblende, wie sie sich auf einem Rockkonzert kennenlernen und verlieben, miteinander schlafen und weitere Konzerte besuchen. Die Konzertaufnahmen sind in Musikclip-Style gehalten und wechseln im Gegenschnitt zu den realistischen Sexszenen ab. John Cameron Mitchell (geb.1963), ein bekennender Homosexueller, der sich für die Rechte und die Kultur seiner Subkultur einsetzt, hat neben dem Musical „Hedwig“(1998) und der drei Jahre späteren Verfilmung des Stoffes, 2005 einen Musikvideo für die Gruppe „Scissor Sisters“ gedreht, der wegen seiner sexuell expliziten Szenen im amerikanischen MTV-Kanal nicht gezeigt werden durfte. Im Mai 2006 wurde sein neuester Film „Shortbus“ auf dem Cannes Film Festival aufgeführt. Der Film handelt von dem gleichnamigen New Yorker Club, wo sich Hetero- und Homosexuelle, Paare und Singles treffen, die dort ihren vergnüglichen Neigungen nachgehen. Der Film ist voll von deutlichen Sexszenen, vermeidet aber Close-ups, wie sie sonst im pornographischen Film üblich sind und ist eher anti-voyeuristisch eingestellt. „Shortbus“ entstand im Rahmen eines zweijährigen Produktionsprozesses, bei dem die Schauspieler in Workshops und beim Dreh selbst Einfluss auf den Handlungsverlauf nehmen konnten.

„Wo in der Pornographie der Sexus des Menschen aus dem Zusammenhang seines Lebens herauspräpariert wird wie ein bloßliegender Nerv, da betten diese Filme ihn wieder ins Leben ein. (…) Sexualität wird hier zu einer selbstverständlichen Facette des Menschseins – und sie gewinnt dadurch, dass sie einfach sein darf, wie sie ist, die Würde zurück, die ihr die Pornographie raubt. Insofern ist es durchaus angemessen und sogar wichtig, dass diese Bilder von Sexualität ihren Weg in die Diskurssphäre der Öffentlichkeit finden. Sie vernichten nicht Intimität, sondern sie fragen, was Intimität heute eigentlich ist, welchen Wert sie hat – und stören damit den sich selbst reproduzierenden Zyklus glatter, durcherotisierter Medienwirklichkeit.“

Susanne Weingarten, „Das Fleisch ist traurig“, Spiegel Online vom 3.6.2001

14
Jan
10

(Art)Porn – Ausstellungen und Performances

Das Kriterium der Obszönität ist ein wesentlicher Faktor bei der Einteilung zwischen pornographisch und nicht-pornographisch. Ein Kriterium, das allerdings von den aktuellen Moralvorstellungen und dem Zustand der Kultur, der Gesellschaft und den politischen Konstellationen abhängig ist. Griechische Vasenmalereien und japanische Holzschnitte mit expliziten Szenen werden z.b. schon seit langem, entschärft als historische Artefakte, im Museen ausgestellt, ohne das sich daran ein Skandal entzünden würde. Aber auch im aktuellem Rahmen ist es gerade die Kunst, vor allem die experimenteller Künste, die die Grenze zwischen Nicht-Obszönem und Obszönem ausloten und als eine Schnittstelle benutzen, um den Zustand unserer Kultur zu reflektieren und Subkulturen anregen diese Grenze neu definieren. So die Performancegruppe COUM Transmissions mit ihrer skandalträchtigen Ausstellung „Prostitution“ in den 70er Jahren oder die Sängerinnen von Rockbitch und der Punkband Plasmatics mit ihren Bühnenauftritten und Bondage- und Fetisch-Accessoires. Die gleichen Accessoires, die als Punkmode von Vivienne Westwood in ihrer Londoner Boutique „SEX“ angeboten wurden und die mit der Popikone Madonna als Versatzstücke der pornographischen Kultur in den Mainstream gelangt sind. Sex und Pornographie – ob als Provokation, Ausdruck eines sexualpolitischen Standpunktes, Marketinginstrument oder als künstlerisches Ausdrucksmittel – werden von den Medien transportiert und stoßen generell auf  ein verstärktes Interesse in der Gesellschaft. Inzwischen gibt es eine wachsende Anzahl von Ausstellungskonzeptionen und Museen, die auf dieses Thema ihren Fokus gelegt haben.

Bei der Ausstellung „Deep Inside“ 1996 im Museum für zeitgenössische pornographische Kunst in Lausanne präsentierten sich neben Bildern, Photos und Videos von bekannten Namen wie H.R. Giger, Martin Disler, Sigmar Polke und Dieter Roth auch Künstler wie Brigitta Garcia Lopez mit ihrer Genitalinstallation „Forty two Dicks“ und Performancekünstler wie Katrin Kubatz, der Airbrushkünstler Joe Brockerhoff und die  S/M Performance Gruppe „Das Tor“. Die schweizerischen Behörden zensierten allerdings bereits 10 der 300 Ausstellungsstücke vor der Eröffnung, wie auch das „Musee d’art contemporain pornographique“, das von Edi A.Stoeckli und Peter Preissle initiiert wurden war, nur kurze Zeit bestand. 2002 vereinte dann der Galerist Silvio R. Baviera Teile der dort gezeigten Sammlung mit eigenen Beständen und Leihgaben zu einem Museum auf Zeit. Aus dieser Initiative entstand das „Museum of Porn in Art“, dessen Vernissagen überwiegend in den Lagerräumen von Edi’s Weinstube stattfinden. Auf der gleichnamigen Webseite wurden 2006 bereits über 30 verschiedene Ausstellungen dokumentiert, dessen einzelne Bilder in einem interaktiven Menü, ausgehend von einem 360°-Panorama, angeklickt werden können.

http://www.porninart.ch/

In New York, in einem ehemaligen Bordell an der Fifth Avenue, wurde Oktober 2002 das erste Sexmuseum der USA von Daniel Gluck eröffnet. Über die Qualität und den Inhalt der dortigen Ausstellungen bestimmt u.a. ein Historikerbeirat aus 14 Wissenschaftlern. Die ständigen Ausstellung des Museums setzt sich aus über 9000 Objekten zusammen  und versucht für einen Zeitraum von 250 Jahren zu dokumentieren wie sich Moral, Praxis, visuelle Repräsentation und Attitüden zum Thema Sex und Sexualität in den USA verändert haben. Die verschiedenen Sektionen geben dem Besucher einen Überblick über das Thema, das mit Videofilmen, Photographien, Dokumenten und  Objekten dokumentiert wird. Die erste Ausstellung war dem Thema „NYC Sex: How New York transformed Sex in America“ gewidmet. Sie bot Einblick in die Sexsubkulturen der Stadt vom 19. Jahrhundert bis heute und thematisierte Obszönität, Geburtenkontrolle, Fetischismus, Burleske und Prostitution. Inzwischen hat das Museum sieben weitere Sonderausstellungen und drei interaktive Onlineprojekte realisiert. Weitergehend versteht sich das Museum als ein Veranstaltungszentrum, wo Performances, Lesungen und Seminare abgehalten werden. In dem angegliederten Museumsshop werden neben Publikationen und Photopostkarten, spezielle Kleidung und Sextoys angeboten. Weitere Ausstellungsthemen waren die Geschichte des amerikanischen Pornofilms und des Pinup, männliche Aktphotographie, Sexmaschinen und Einblicke in die sexuelle Kultur Japans und China, u.a. in Kooperation mit dem chinesischen Sexmuseum in Shanghai. Das populärste Onlineprojekt des Museums ist „Mapping Sex in America“. Es bietet jedem User anonym die Möglichkeit ein persönliches sexuelles Erlebnis zu beschreiben, dieses wird dann nach geographischen Raum und sexueller Kategorie (gay, bi, hetero) in einer interaktiven Landkarte veröffentlicht. Die Beiträge, die von kurzen Notizen bis zu längeren Stories reichen, sind für jeden User einsehbar und sollen die sexuellen Praktiken und Phantasien und ihre Veränderung in den kommenden Jahrzehnten dokumentieren.

http://www.museumofsex.com

Neben diesem Museum gibt es in den USA weitere Ansätze sogenannte Pornographie in die Sphäre der Kunst zu überbringen. In der San Francisco Bay Area, wo eine Vielzahl von Künstlern sich innerhalb der verschiedenen sexuellen Subkulturen bewegen und ihre Kunst in Ausstellungen präsentieren, haben sich in den Jahren um die Jahrtausendwende aus den verschiedenen Segmenten der Queer-Community mehrere Multimedia-Performancegruppen gegründet, die Aspekte ihrer Identität und ihres Alltagslebens auf der Bühne thematisieren, aber auch herkömmliche sexuelle Standards und Stereotypen kritisch hinterfragen. Zu den bekanntesten gehört die 2001 gegründete Gruppe „Fresh Meat“ des Regisseurs Sean Dorsey, neben weiteren Gruppen wie der „Queer Latina/o Artists‘ Coalition San Francisco“ und der aus lesbischen Frauen bestehenden „Liquid Fire Productions“. Ein weiteres Projekt ist die „Dirty Show”, die seit dem Jahr 2000 in Detroit und anderen Orten organisiert wird. Die Organisatoren Jerry Vile, Jeremy Harvey und Glenn Barr verstehen es als ihre Mission erotische Kunst in allen ihren Formen zu promoten und zu propagieren. Die „Dirty Show” wird jährlich an einem Wochenende zum Valentinstag veranstaltet und bietet neben einem Ausstellungskonzept ein umfangreiches Live-Programm, wo neben Neo-Burleske-Gruppen, PostPorn- und SM-Performancegruppen auftreten.

http://www.queerlist.org/

Seit den 1990ern erlebt die Burleske eine Renaissance und eine neue Generation von Performance-Künstlern nutzt das Setting der Burleske um sich auf der Bühne mit Themen wie Gender und Transgression auseinanderzusetzen.  Auf Festivals wie dem New York Burlesque Festival und dem Tease-O-Rama treten bekannte Neo-Burleske-Performer wie Julie Atlas Muz, die 1998 gegründeten Pontani Sisters und Jo Boobs aka Jo Weldon auf. Allein auf dem Festival 2006 in New York zeigten über 60 verschiedene Burleske-Gruppen in ihren Bühnenshows ein Spektrum, das von Vintage-Style, Kabaret, theatralen Striptease, modernen Tanzchoreographien, Persiflagen und politischer Queerkultur reicht. Jo Boobs, die seit den 80ern als Stripperin, Lap-Tänzerin und Burleske-Performerin auftritt und eigene Shows wie „Hubba Hubba Hey!–A Burlesque Salute to the Ramones“ produziert hat, bietet auf ihrer Webseite „G-Strings Forever“ Burleske und Lap Dance-Kurse sowie umfangreiche Ressourcen und weiterführende Links zum Thema Striptease und Burleske an. Auf dem Festival „The Famous Spiegeltent“ in Edinburgh(England) waren 2005 eine Vielzahl von Burleske- oder burleske-beeinflussten Shows vertreten, u.a. Balagan, eine Musical-Show mit Circus und Vaudeville-Acts, die Australierin Moira Finucane mit der Gruppe „The Burlesque Hour“ und Marisa Carnesky von „La Clique“. Für Moira Finucane, die bereits das Publikum der Oper in Sydney mit ihrer Show bespielte stand die Burleske schon immer in der Tradition einer subversiven weiblichen Bühnenpraxis.

Ein weiteres Projekt ist die „Sex Worker`s Art Show„, die seit 1998  jedes Jahr durch eine Vielzahl us-amerikanischer Städte tourt und inzwischen enorm an Umfang und Professionalität gewonnen hat. Gegründet von der SexPro-Aktivistin Annie Oakley, einer ehemaligen Sexarbeiterin, hat sie sich zu einer Liveshow entwickelt in der Frauen, Transgender und Männer aus allen Bereichen der Sexindustrie – von Prostituierten, Dominas, Pornofilmdarstellerinnen bis zu Internetmodellen, ihre Erfahrungen in der Sexindustrie künstlerisch reflektieren und traditionelle Vorurteile und Stereotypen aufbrechen. Die Bühnenshow setzt sich zusammen aus Poetry, Kabarett, Musik, Burleske und Multimediaperformances

“After finishing my yoga stretching, I focused on the slam-dancing punk-rock stripper onstage. The music was loud and violent. She was all in black, ripped fishnets and T-shirt, which she shredded off slowly. She thrashed more than danced. All this was a fantastic distraction from the doom looming ahead. Slam Dancer hurled herself up in the air and landed hard on her knees, bones thudding on the wooden floor. The crowd dug it big time. Then she whipped off almost all her clothes and urinated onstage. The stagehand next to me, who would have to mop up afterward, looked pained. In her big finish, Slam Dancer threw herself into the air and landed in a split. The place went bananas. She rushed off, eyes wild, red cheeks flushing , turned to me and asked: „Do you think it worked?“ I didn’t quite know how to respond, but I felt that I should support this raw, powerful sex worker and sister stripper. So I looked into her eyes, nodded thoughtfully, and said: „Yeah, I thought it was a wonderful deconstruction of the puritanical values that have strangulated this culture for centuries.“ She smiled sweetly.”

Ausschnitt aus einem Artikel des San Francisco Chronicle über die „Sex Worker`s Art Show“ von David Henry Sterry –  „Sexual free-for-all lets it all hang out” Januar, 2004

http://www.bayswan.org/  (u. a. SexworkerArtShow, San Francisco)