Außereuropäische Kulturen und ihre Einflüsse auf die frühe Unterhaltungsindustrie


Inhalt

historischer Exkurs Orient
Die Göttinnen des Venussterns- die matriarchale vorislamische Kultur
Moral- und Hygienevorstellungen in der islamischen Kultur
Der Islam im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne
Einflüsse der islamischen Hochkultur auf Europa
Bauchtanz
Tsifte-Tele / Rebitiko

Beispiele aus dem asiatischen Raum
Indien / Bharata Natyam
Das japanische Kabuki-Theater

Afrikanische Einflüsse
Exkurs Sklaverei
Afrikanischer Tanz
Voudoo
Santeria

Historischer Exkurs Orient

Die Göttinnen des Venussterns – matriarchale Aspekte der vorislamischen Kultur

Die Gottheiten der altorientalischen Religionen stellten in der Regel kosmische Kräfte und Naturerscheinungen dar. Die Göttin  „Tiamat“ symbolisierte das Meer und „Adad“, der Sturmgott gebot über Gewitter und Regengüsse. Die sumerische Himmelsgöttin „Inana“, bzw. die babylonische „Istar“ verkörperten einen weiteren Aspekt dieser Weltsicht, den der Lebensenergie, welche die Fortpflanzung im Tier- und Pflanzenreich bewirkte und erhielt.

Im syrischen Raum wurde Istar zu einer Dämonin der Wollust und verschmolz mit Lilith, auch ein Wesen babylonischer Herkunft, vom assyrischen Sturmgott „Lilitu“, zu der Gestalt einer Frau die den Männern den Samen raubte und sich in ihre Träume schlich. In der Überlieferung des Talmud gilt Lilith als das erste Weib von Adam.

In der menschlichen Sphäre war die Sexualität ihre Domäne. Sie war die Herrin der Geschlechtskraft und wurde bei Liebeszauberritualen angerufen. Die Prostitution, die profane, wie auch die im Tempel, galten neben der Kunst der Intrige als ihre Domänen. Sie war ein nicht-mütterlicher Göttinnentyp, ehe- und kinderlos wie auch Aphrodite und Artemis. Ihre astrale Erscheinungsform war die Venus. Als Abendstern wurde ihr Charakter als Liebesgöttin betont, als Morgenstern gewannen männliche Aspekte an Bedeutung , die einer ihrer weiteren Erscheinungen als Kriegsgöttin entsprachen. Der Kult der Göttin konzentrierte sich im Osten und Südosten von Kleinasien und in Nordsyrien. Ein bedeutendes Heiligtum befand sich in Ninive. In der Kosmologie der neusumerischen Zeit(um das 3 Jahrtausend v.Chr.) fand, um die Fruchtbarkeit und das Wachstum der Pflanzen zu sichern, am Neujahrstag das Ritual der „Heiligen Hochzeit“ zwischen der Himmelskönigin „Inana“, bzw. ihrer Stellvertreterin aus der Kaste der Tempelprostituierten und dem König, der den Vegetationsgott repräsentierte, statt.  Der griechische Terminus „Hieros gamos“- die heilige Hochzeit -bezog sich ursprünglich auf die Hochzeit zwischen Zeus und Hera, bzw. die Hochzeit zwischen Himmel und Erde. Später wurde der Begriff auf jede Art von Beischlafritualen, die der Förderung der Fruchtbarkeit dienten, übertragen. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen von Texten aus altbabylonischer Tempelarchiven belegen, das zu dieser Zeit zwischen profaner und sakraler Prostitution unterschieden wurde. Diese Klassifikationen reichten von den Mätressen am Königshof, zu den einfachen Prostituierten, die im Hafenviertel arbeiteten, bis zu den Frauen die verschiedenen Göttinnen und Tempeln unterstanden. Dort genossen die „nugig“-Priesterinnen den höchsten Status. Mit „nugig“ wurde das Amt einer hohen Priesterin der Inana bezeichnet, die bei der heiligen Hochzeit stellvertretend für die Göttin den sakralen Akt mit dem König vollzog. Eine Abwertung dieses Titels soll ab der altbabylonischen Zeit erfolgt sein, so das mit „nugig“ nur noch unverheiratete Ammen oder Prostituierte bezeichnet wurden. Zu dieser Zeit wurde der Ritus der heiligen Hochzeit schon nicht mehr vollzogen, auch wenn sich anscheinend Fragmente dieses Rituals bis in das 1 Jhrts. v.Chr. gehalten haben.

So wurde der Erwerb der Mitgift junger Frauen für ihre spätere Hochzeit in Babylonien von Heredot (geb. ca. 480 v. Chr.) als heilige Prostitutionspflicht im Dienste der Göttin „Mylitta“ (Assyrien), bezeichnet, die er mit Aphrodite gleichsetzt. Nach seiner Erzählung musste sich jede Frau einmal in ihrem Leben vor dem Tempel der Göttin stellen und darauf warten, das ein Mann ihr Geld gibt und sie dann beschläft. Ähnliche Praktiken und Bräuche soll es in Syrien zu Byblos, bei den Puniern und auf Zypern gegeben haben. Allerdings ist es wahrscheinlicher, das sich diese Prostitutionspflicht nicht auf sämtliche Frauen der Region bezog, sondern auf diejenigen die der Religion der alten Göttinnen noch anhingen, es sich also um institutionalisierte Tempelprostitution handelte.

Es gab zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Regionen auch Zeichen verschiedener Marginalisierungen der Prostituierten betreffend. Nach einer mittelsyrischen Gesetzessammlung durften sich Sklavinnen und Prostituierte nicht verschleiern. In anderen Regionen war ihr Zelt durch eine rote Fahne markiert oder man erkannte sie an ihrer speziellen Kleidung und Haartracht. Aus diesen alten Rechtsbüchern geht auch hervor, das die damaligen Bierschenken Orte der sexuellen Dienstleistung und der Liebesbegegnung waren. Bestätigt wird dies durch archäologische Forschungen bei der antiken Stadt „Susa“ in Elam, die die Rekonstruktion einer Bierschenke, einem „Haus der Freude“ aus der Mitte des 2 Jahrtausend (v.Chr.) möglich machte. Sie war der Göttin „Pinengir“ geweiht, die einen ähnlichen Stellenwert in dieser Region hatte wie Inana/Istar. In fast allen Räumen dieser Schenke befanden sich tönerne Bierfässer, die in den Boden eingelassen sind. Durch einen Ziegel mit einem Loch konnte man an das Bier gelangen welches entweder mit einem Becher geschöpft oder mittels eines Strohhalmes gesaugt wurde. Auf verschiedenen Terrakotten werden Personen beim Bierkonsum im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen dargestellt. Der Besuch einer Schenke sollte auch drohendes Unheil abwenden. Zu diesem Zwecke wurde die Göttin des Bieres angerufen und der Gärbottich berührt. In diesem Kontext stand der Gärbottich im Zentrum eines Analogiezaubers. Die aus Malz und Bierbrot hergestellte Biermaische wurde mit Wasser versetzt und in dem, zu diesem Zwecke dann verschlossenen Gefäß, zur Gärung gebracht. Am Gefäßboden befanden sich Löcher durch die das Bier nach der Gärung abfließen konnte. Die festen Bestandteile blieben im Bottich zurück. Ebenso sollten bei dem magischen Ritual, die das Berühren des Bottiches mit einschloss, die negativen Energien, z.B. eines Schadenszaubers, die auf einer Person lasteten, in den Prozess der Gärung miteinbezogen werden, an deren Ende dann das trinkbare Bier und die „gereinigte“ Person standen, während unheilbringende Substanzen und Energien bei den ausgefilterten Bestandteilen im Gärbottich verblieben.

In Nord- und Zentralarabien wurden noch zu Zeiten Mohammeds die Göttinnen „Allat“ ( die Göttin), „Manat“ (Schicksal, Todesgeschick) und „al-Uzza“ (Gewaltige, Mächtigste), die auch den Beinamen „Königin des Himmels“ trug, verehrt. Die drei Göttinnen standen mit dem Venusstern  in der Weise in Verbindung, dass „Allat“ den Stern verkörperte und  „Manat“ sowie „al-Uzza“ jeweils die Aspekte des Abend- und Morgensterns repräsentieren. „Allat“ soll bei den hellinisierten Arabern dem Bild der Athene entsprochen haben. Neben diesen drei Göttinnen und dem Hauptgott „Hubal“ wurde in der damaligen Handelsmetropole Mekka die steinernen Heiligtümer in der Kultstätte der Kaaba verehrt. Diese entstammen der Legende um „Isaf“ und „Naila“, zwei junge Liebende, die aus den Jemen kommend, sich zur Pilgerfahrt nach Mekka begeben hatten. In der Kaaba wurden sie beide von dem Feuer der Leidenschaft ergriffen und liebten sich im Inneren des Heiligtums, worauf sie sich in zwei Statuen verwandelten. Diese wurden von vielen arabischen Stämmen als Gottheiten verehrt, die ihnen zu Ehren, regelmäßig einige Schafe opferten.

Die Seefahrt im Roten Meer war zu dieser Zeit für die Araber risikoreich, es gab nicht genügend Häfen und der Golf wurde von den konkurrierenden Persern kontrolliert. Nichtsdestotrotz spielten die Beduinen Arabiens eine beachtliche Rolle im Welthandel, der über Handelskarawanen durch die Wüste stattfand und vielfältige Kontakte zu ihren Nachbarvölkern möglich machte. Zentrum des Karawanenhandels war Mekka und schon vor Mohammed wuchs dort die Idee, die in ständiger Konkurrenz stehenden Stämme der arabischen Halbinsel in einem Staat zu vereinen. Die Beduinenstämme der vorislamischen Zeit hatten alle ihre eigenen, lokalen Gottheiten, deren Kultstätten oftmals Bäume, Wasserquellen und Berge waren, größte Seltenheiten in der Wüste. Die meistverehrtesten waren die drei bereits erwähnten Göttinnen, die auch die damaligen Heiratsregeln und die Sexualmoral prägten. So gab es vielfältige Formen des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau, eheähnliche Verbindungen wurden häufig nur durch ein gegenseitiges Abkommen geschlossen, die keinem juristischen und sozialen Zeremoniell unterstanden. Viele Frauen hatten gleichzeitig mit mehreren Männern eine sexuelle Beziehung, lebten also in einer Art Polyandrie zusammen. Wenn die Frau in so einer Situation schwanger wurde, suchte sie sich einen der Männer als Vater aus. In bestimmten Regionen empfingen die Frauen die durchziehenden Karawanen um sich die Männer die ihnen gefielen, auszusuchen. Während  Zeiten von großer Trockenheit und Dürre und dementsprechender ökonomischer Not, war es üblich, das die Frauen ihre Ehemänner verließen um sich wohlhabenderen Männern anzubieten. Es war nicht ungewöhnlich, das Ehefrauen, deren Männer auf Reise waren, zwischenzeitlich andere Sexualkontakte pflegten. So hängten die Männer vor ihrer Abreise zwei Zweige vor ihrem Haus/ Zelt auf. Waren diese bei der Rückkehr noch an ihrem Platz, so hieß das, das die Frau ihrem Ehemann treu geblieben war. Frauen konnten ihre Männer mit einer einfachen Geste „entlassen“, indem die Frau das gemeinsame Zelt herumdrehte, so dass sich der Eingang auf der Rückseite des Platzes befand, wurde dem Mann mitgeteilt, das er entlassen sei und das Zelt nicht mehr zu betreten habe. Ein weitverbreiteter Brauch war es auch, das die Männer bei Hochzeitsfesten ihre Schwestern und Töchter austauschten. Zwischen Ehepartnern und ihren Freunden soll der Partnertausch ebenfalls möglich gewesen sein.

Moral- und Hygienevorstellungen in der islamischen Kultur

Mit Mohammed, dem 570 in Mekka geborenen Religionsstifter begann der Siegeszug des Islam. Der heilige Weidenbaum der „al-Uzza“ wurde gefällt, die Statuen von Isaf und Naila aus der Kabaa verbannt. Die Zerstörung der heidnischen Gottheiten und die vom Islam geforderte Unterwerfung unter den einem Gott stellte die Nahtstelle dar, die die vorislamische Gesellschaft vom Zeitalter des Islams abgrenzte und hatte auch die sexuelle Unterwerfung des weiblichen Geschlechts unter dem männlichen zur Folge. Die ersten Jahre nach der Verkündung des Islams waren eine Phase des Übergangs, in der viele Sitten und Gebräuche aus der Vergangenheit noch überdauerten. Zu diesen gehörte auch die „ Ehe auf Zeit“, die auch als Genußehe „mut`a“ bezeichnet wurde und noch heute in Teilen des schiitischen Islams praktiziert wird. Diese Eheform, die auf sexuelle Befriedigung ausgerichtet war, wurde durch den orthodoxen Islam als Komplizin der Prostitution abgewertet und verboten –  wie alle freieren Formen des Zusammenlebens zwischen den Geschlechtern, die der Frau das Recht auf eine gewisse sexuelle Selbstbestimmung zubilligten. Die Ehe im Islam wurde zum exemplarischen Ausdruck des patriarchalischen Prinzips und schuf eine Verfügungsgewalt des einen über das andere Geschlecht, die über viele Suren des Korans zu Gottes heiligen Willen erklärt wurde.

Die Mut’a-Ehe (arabisch: „Vergnügen“) ist eine für eine begrenzte Zeit geschlossene muslimische Ehe. Sie gehört nach schiitischer Auffassung eindeutig zum Islam, da sie im Koran (4, 24) erlaubt worden sei. Die Mut’a-Ehe kann ein muslimischer Mann mit einer Muslimin für eine Zeitdauer von einer Stunde bis zu mehreren Jahren eingehen. Sunniten hingegen lehnen diese Eheform für gewöhnlich ab und halten sie nicht selten für legalisierte Prostitution. Im Ehevertrag, nach dem imamitischen Recht, der mündlich ohne Heiratsvormund abgeschlossen werden kann, müssen genaue Angaben über die Zeitspanne des Ehevertrages und das der Frau zu übergebende Entgelt, das in ihren Besitz übergeht, gemacht werden. Es kann aber auch eine bestimmte Anzahl sexueller Begegnungen vereinbart werden. Die Frau muss für die Ehe unverheiratet und ehrbar sein, eine Verpflichtung über Unterhalt und Wohnung geht der Ehemann nicht ein. Gehen aus einer solchen Beziehung Kinder hervor, sind sie ehelich. Nach Ablauf der vertraglich festgesetzten Ehezeit kann die Ehe nicht unmittelbar durch einen neuerlichen Vertragsabschluss verlängert werden.

Alle Formen der „freien Liebe“ galten als Unzucht („zina“) und wurden in 27 Versen des Korans als „heidnisch“ verurteilt und streng bestraft. Auch die gleichgeschlechtliche Liebe galt als schwerer Verstoß gegen die göttliche Ordnung. Es ist allerdings fragwürdig inwieweit Gesetze, welche die Sexualität reglementierten wirklich Konsequenzen hatten, da nach dem Willen Mohammeds zumindest zwei Zeugen für einen Schuldspruch notwendig waren. Es scheint daher, dass einvernehmliche Sexualität, solange sie verborgen blieb, wenig Einschränkungen unterworfen war.

Homosexualität ist nach wie vor ein Tabu in der islamischen Welt und gilt in vielen Ländern als ein Verbrechen, welches mit Gefängnis bestraft wird. Aids wird ebenso tabuisiert und oft mit Homosexualität gleichgesetzt, obwohl ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Erkrankten in Ländern wie dem Libanon (eine ehemalige Drehscheibe des internationalen Drogenhandels) Heroinabhängige sind.

Insgesamt wies die Religion des Islam in bezug auf die Sexualität eine realistische und relativ liberale Einstellung auf, die einen größeren Spielraum für die menschliche Sexualität zuließ als im christlich dominierten Kulturraum. Geschlechtstrieb und Sexualität werden als Gaben Gottes gesehen und als Teil der menschlichen Natur behandelt. Aber auch politische wie religiöse Gründe spielten hier mit rein, denn nur durch sexuelle Befriedigung, im gesetzlichen Rahmen der Ehe, gelangen die Gläubigen in den zustand des „muhsan“, was gleichzeitig „geschützt sein, Ehe und Keuschheit“ bedeutet und stellen so keine potentielle Gefahr für die Gemeinschaft dar, da sie so vor „fitna“ und „zina“, die Chaos und Unordnung mit sich bringen, geschützt sind. Der islamische Religionsphilosoph „al-Ghazali“ (1058-1111) seinerseits betonte:

„Freilich soll der Geschlechtstrieb nicht lediglich die Kindererzeugung erzwingen, sondern er ist auch in einer anderen Hinsicht eine weise Einrichtung. Die mit seiner Befriedigung verbundene Lust, mit der sich, wenn sie von Dauer wäre, keine andere vergleichen ließe, soll nämlich auf die im Paradies verheißenden Wonnen hindeuten. Denn es wäre nutzlos, einem eine Wonne in Aussicht zu stellen, die er niemals empfunden hat.“

Heller, Erdmute: 1993, „Hinter den Schleiern des Islam : Erotik und Sexualität in der arabischen Kultur“, Beck, München, Seite 40

Auch der Koran spricht in der Sure „Der Tisch“ (5,87)  von der Sexualität wie von einer Nahrung, die der Mensch nicht als verboten betrachten soll. Trotz dieser, von menschlicher Vernunft geprägten Einschätzung, hat der Sturz der Göttinnen und die Islamisierung für die Frauen dieses Kulturkreises einen enormen Machtverlust mit sich gebracht. Nur dem Mann wurde das Recht auf mehrere Geschlechtspartner eingeräumt und das Recht auf Verstoßung seiner Frau gegeben. Die Institution der Polygamie und des Konkubinats wurde mit der angeblich stärkeren Triebstruktur des Mannes begründet.

Die religiösen Grundpflichten des Korans gelten für Männer wie Frauen gleichermaßen. Dazu gehört das muslimische Glaubensbekenntnis (shahada), das fünfmal zu haltende Gebet (salat), das Fasten während des Ramadan, die Armensteuer und die Pilgerfahrt nach Mekka. Außer von der Almosenabgabe werden Frauen von diesen Pflichten während ihrer Menstruation, die als rituell unrein gilt, befreit. Der Islam greift auch über sehr genau festgelegte Reinigungs- und Hygieneregeln in die Privatsphäre jedes einzelnen ein. So sollen alle Eheleute beim Geschlechtsverkehr nicht die Richtung nach Mekka einnehmen und der Mann soll sich währenddessen die Gegenwart Allahs beständig ins Gedächtnis rufen. Fast alle aus dem Körper austretenden Substanzen gelten als unrein und ziehen eine Reinigung nach sich.  Die islamischen Rechtsgelehrten unterscheiden zwischen einer „kleinen“ und „großen Unreinheit“, die entsprechende Reinigungsrituale, die „kleine“ („wudhu“) und die „große Waschung“ („ghusl“) erforderlich machen. Urin und Kot, bzw. der Vorgang der Ausscheidung gelten als „kleine Unreinheit“, eine „kleine Unreinheit“ entsteht außerdem bei einer Berührung einer Person des anderen Geschlechts oder der eigenen Geschlechtsorgane, bei Blähungen, Ohnmacht oder zu tiefem Schlaf. Die kleine Waschung zur Beseitigung dieser „Unreinheiten“ muss vor jedem Gebet durchgeführt werden, sonst werden die Gebete von Gott nicht angenommen. Dieses sich ständig wiederholende Reinigungsritual umfasst die Waschung des Gesichts, der Hände bis zu den Ellbogen und des Abstreifens des Kopfes und der Füße bis zu den Knöcheln. Zu den „großen Unreinheiten“ gehören das Menstruationsblut, das Sperma und die Vaginalsekrete. Während der Menstruation darf die Frau weder beten noch fasten oder eine Moschee betreten und jeglicher Geschlechtsverkehr ist verboten. Die Menstruation wird auch als Periode der „legalen Unreinheit“ („haidh) bezeichnet und hat ihre eigenen Reinigungsrituale, während allerdings nach jedem Geschlechtsverkehr, die “große Waschung“ („ghusl“) vollzogen werden muss. Da die Vorstellungen von der Unreinheit der Menschen sich vor allem auf das Geschlechtliche beziehen, scheint die positive Einstellung des Islams zur Sexualität innerhalb der legalen Ehe, doch nicht so eindeutig zu sein. Zumindestens liegen in diesen Vorstellungen von „rein“ und „unrein“ und den sich daraus ergebenden Reinigungsprozeduren, die Grundlagen für eine streng restriktive Sexualerziehung. Allerdings lässt sich nicht ermessen in welchem Umfang diese „Reinigungen“, die in der „Fatawa Hindiya“ (eine Sammlung von Rechtsgutachten) beschrieben werden, von der Bevölkerung auch in diesem Umfang ernstgenommen und befolgt wurden.

Das „hammam“ – „Der Ort wo man sich reinigt von „tahammama“ (arab.) – „ sich waschen“ gehört mit zu den wichtigsten Räumen in der islamischen Stadt. Der Status und der Reichtum einer Stadt drückte sich in der Anzahl seiner Bäder aus. Mit der Eroberung weiter Gebiete des Byzantinischen Reiches übernahmen die Araber die hellinistische Tradition der Thermen aus denen sich dann das „hammam“ entwickelte. Es bestand aus mehreren ineinander übergehenden Räumen, die den verschiedenen Etappen der rituellen Reinigung entsprachen. Zu ihnen gehörten ein Schwitzbad und mehrere verschieden temperierte Wasserbäder in denen auch die große Waschung „ghusl“ vorgenommen wurde. In vielen arabischen Ländern bedeutet „ins hammam gehen“ genau soviel wie „Liebe zu machen“, also sich entweder auf den Liebesakt vorzubereiten oder sich, von der durch sie verursachten „Unreinheit“ zu befreien. So erscheint das „hammam“ als eine notwendige Vermittlungsstelle zwischen sexuellen Genuss, durch den der Muslim seine „tahara“, die rituelle Reinheit verliert und dem Moment in dem er in den Koran liest und sein vorgeschriebenes Gebet verrichtet. Im Mittelalter spielte sich im „hammam“ ein großer Teil des öffentlichen und privaten Lebens ab. Man ging ins Bad zur rituellen Waschung oder auch um des reinen Vergnügens willen, bzw. um andere Menschen zu treffen. Hochzeiten wurden im Bad gefeiert, der Bräutigam feierte mit seinen Freunden und die Braut mit ihren Freundinnen. Es gab keine gemischt-geschlechtlichen „hammams“. In größeren Städten gab es reine Männer- und Frauenbäder, aber in der Regel war den Frauen das „hammam“ in der Zeit vom Mittagsgebet bis zum ersten Abendgebet reserviert. Zu diesem Zwecke wurde das männliche Personal dann durch weibliche Bedienstete abgelöst.

Im „hammam“ spiegelten sich die gegensätzlichen Tendenzen der islamischen Gesellschaft. So standen besonders die Sufis in dem Ruf, im „hammam“ ihren homoerotischen Neigungen nachzugehen, während streng orthodoxe Rechtsgelehrte versuchten den Schamschutz als verpflichtendes Kleidungsstück durchzusetzen und das Bad als Lasterhöhle anprangerten. Die Frauen schufen sich trotz gegenteiliger Bestrebungen der Orthodoxie im „hammam“ ihr eigenes Refugium. Ins Bad zu gehen stellte für die Frauen ein besonderer sozialer Akt dar. Sie zogen ihre guten Kleider an und trugen Schmuck auf, um sich dann in Gesellschaft ihrer Freundinnen und Nachbarinnen, mitsamt ihrer Kinder zum „hammam“ zu begeben. Im Falle der Jungen aber nur bis zu ihrer Pubertät, danach mussten sie mit ihren Vätern ins Männerbad.

Nach dem Reinigungszeremoniell und den dazugehörigen Massagen begannen die Frauen mit einer Anzahl „kosmetischer Operationen“, zu denen die Enthaarung des Gesichtes, der Arme, Beine und Achselhöhlen, vor allem aber die des Schamhügels gehörte. Was für die Männer nur als verdienstlich –  „mustahabb“ gilt, die Entfernung der Schamhaare, ist für die Frauen religiöse Pflicht. Sie werden im Koran (24,31) dazu angehalten „ihre Reize nicht vor ihren Herren zu verbergen“. Das Bad war auch ein indirekter Heiratsmarkt. Da der Ehemann sich von den Liebreizen und der körperlichen Beschaffenheit seiner Frau aufgrund der kompakten Verschleierung erst nach der Hochzeit überzeugen konnte, hielten die Mütter heiratsfähiger Söhne im „hammam“ Ausschau nach ihren zukünftigen Schwiegertöchtern und konnten sich dort nach dem Ruf des Mädchens, ihrer Familie und dem zu zahlenden Brautgeld informieren. Auch ein Teil der Hochzeitsvorbereitungen fand im „hammam“ statt. Die Braut wurde von den Mädchen und Frauen unter großem Lärm und Gesang ins Bad geführt. uind in aufwendigen Prozeduren „zurechtgemacht“. In diesem Rahmen fand auch zum ersten Mal die Epilation der Schamhaare statt. Dieser Brautzug heißt bis heute „zaffat al hammam“.

Nach dem Tode Mohammeds im Jahre 632 gelang es, nach einem Bürgerkrieg, den Omajjaden die Macht (ab 660) im rasch expandierenden islamischen Staat zu übernehmen. Mit ihnen wurde das Machtzentrum nach Syrien verlagert, Damaskus wurde zur neuen Hauptstadt des Reiches, Mekka und Medina wurden zur politischen Provinz. Unter dem 6. Omajjaden-Kalifen (705-715) hatte das islamische Reich, mit der Eroberung Spaniens und Regionen des heutigen Pakistans, seine größte Ausdehnung erreicht. Infolge dieser Expansionen begann die arabisch-islamische Gesellschaft die zahlreichen kulturellen, geistigen und technischen Einflüsse der von ihr okkupierten Kulturen aufzunehmen. So machten sich jemenitische, persische oder griechische Stilrichtungen in der Architektur bemerkbar. Alle Städte hatten ihre Märkte, öffentlichen Bäder, Herbergen und Karawansereien. Es entwickelte sich eine, vom Reichtum geprägte Hofkultur, die für ihre erotisierende Atmosphäre bekannt wurde. Der Nachhall dieser, als goldenes Zeitalter bezeichneten Epoche des Islams, ließ in Europa, als Gegensatz zu dem prüden Viktorianismus, das Bild eines sinnlichen, sexualisierten und lebensfrohen Orients entstehen. Dieser hat als Klischee – der Vorstellung eines Harems, wo sich leichtbekleidete, wohlproportionierte Frauen in sinnlichen Positionen räkeln – bis heute überdauert.


Ursprünglich meint das Wort „Harem“ einen heiligen, unverletzlichen Ort. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet der Harem den Teil des Hauses in dem sich die Frauen der Familie aufhalten und zu dem männliche Besucher keinen Zutritt haben. Mit der erfolgreichen Expansion des Islam und den wachsenden Wohlstand der muslimischen Oberschicht etablierte sich der Harem in der ganzen Mittel- und Oberschicht und wurde als soziales Privileg verstanden. Diese Tradition hielt sich bis in die Anfänge des 20.Jh.

Obwohl „zina“ (die Unzucht) in der islamischen Ethik zu den schlimmsten Vergehen zählt, konnte sich die Prostitution, nach dem Tode des Propheten, in allen größeren Städten etablieren. Nicht selten befanden sich die Schenken, die „Häuser der Freude“ in unmittelbarer Nähe der Heiligengräber und Moscheen. Religiösen Stiftungen wurden u.a. aus deren Überschüssen finanziert. Im Militärapparat der Osmanen war das Bordell sogar offizieller Bestandteil der Armee und in der syrischen Hafenstadt Lattakia fungierten die frommen Männer des Islam als Zuhälter.

Es war vor allem die „dschariya“, die Konkubine, welche auf dem Sklavenmarkt verhandelt wurde, die das Bild der Frau im „Goldenen Zeitalter“ des Islams prägte. Andererseits kamen, im Gegensatz zu den freien Frauen, viele Konkubinen in den Genuss einer privilegierten Ausbildung, die die schöne Literatur, Musik, Dichtkunst, Tanz und die Kunst der Verführung umfasste (worauf auch die reichhaltige Tradition der Herstellung und dem Gebrauch von Kosmetika, Parfümen und Aphrodisika hinweist). Die bedeutende Rolle des Konkubinats in der erotischen Kultur dieser Zeit entstand einerseits aus dem materiellen Reichtum der expansionistischen Aneignungen, die das Aushalten vieler Frauen und ihre qualifizierte Ausbildung erst ermöglichte und andererseits aus der Tatsache, das der Warencharakter dieser Frauen den Männern einen Ausweg aus dem strengen islamischen Regelkanon geboten hat.

„Die Männer (…) sind auf ihre freien Ehefrauen viel eifersüchtiger als auf ihre Sklavinnen (…) Sie verschleiern die freien Frauen streng (…) Auf eine Sklavin trifft dies nicht zu (…) die Schande, die von einer „dschariya“ verursacht wird, fällt nicht auf den Mann zurück, wie es im Falle einer nahen Verwandten der Fall wäre.“

Heller, Erdmute: 1993, „Hinter den Schleiern des Islam : Erotik und Sexualität in der arabischen Kultur“, Beck, München, Seite 146

In den traditionellen islamischen Gesellschaften zählt der Mensch nicht als Individuum sondern als Repräsentant seiner Familie. Dies drückt sich in einem bis in die heutige Zeit weit verbreiteten Ehrenkodex aus, der vor allem das sexuelle Verhalten der weiblichen Familienmitglieder reglementiert. Benimmt eine Frau sich „schamlos“, bringt sie damit „Schande“ über die ganze Familie. Dieser Ehrverlust durch sexuelles Fehlverhalten ist derart hoch konnotiert, das er die Tötung der Betroffenen durch ein Familienmitglied nach sich ziehen kann. Der Mord zur Erhaltung der Familienehre ist mittlerweile in fast allen islamischen Ländern verboten und wird nur noch äußert selten praktiziert.

Im Widerspruch zum theologisch vermittelten Frauenbild stehen ebenfalls die Figur der Scheherezade aus „Tausend und einer Nacht“ und manch andere Frauengestalten der islamischen Literatur. In der arabischen Liebeslyrik ist die Verehrung der Frau nahezu überschwänglich und zeugt von einer wechselseitigen Durchdringung des Sexuellen und des Sakralen, von irdischer und göttlicher Liebe. Die islamische Mystik, der Sufismus wird oft als der Gegenpool zum orthodoxen Gesetzes-Islam gesehen. Bei den Sufis gilt die irdische Liebe als sinnfälligstes Symbol der Liebe zu Gott. „Rabia al Adawiya“, eine Frau und bekannte Mystikerin im frühen Islam, bezeichnete Gott als ihren Geliebten und spätere Mystiker sprachen vom Göttlichen wie von einer Geliebten. Die profane Liebe galt als Ausgangspunkt, die spirituelle als das Ziel. Der Weg der Mystiker führte von der Sensualität zur Spiritualität, was auch eine Sublimierung der Sexualität bedeutete. Wichtig ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch das rigide Bilderverbot des Islams, ganz im Gegensatz zur christlichen Kirche, wo die Andachtshaltung und Kontemplation bewusst auf das Bildhafte gerichtet wurde. Obwohl es bei den christlichen Mystikern auch Strömungen gab, die die Konzentration auf das Bild als ein Hindernis sahen bei dem Erreichen höherer spiritueller Ebenen. Im Islam verzichtete man weitgehend auf die Produktion von Bildern und beließ es stattdessen bei der Anschauung und dem Hören des „Schönen“. Die Schönheit des Angeschauten ist Abglanz des Göttlichen, der Spiegel indem sich die Schönheit Gottes bricht. Dies ist ein wichtiger Aspekt, auch im Bezug auf den orientalischen Tanz, dessen Musik, wie auch den rituellen Kontext des „Knabenspiels“.


(„suf“ (arab.)- Büßergewand aus Wolle. Eine weitere Herleitung ist von dem arabischen Wort „safu“ (Reinheit) möglich. Die sufische Lebenshaltung ist in der Regel von Armut und Askese gekennzeichnet. Ab dem 8. Jh. sollen die ersten dieser Gemeinschaften aufgetaucht sein, die sich in Folge so erfolgreich entwickelten, dass der Sufismus im 12/13 Jh., zur Zeit der kulturellen und wissenschaftlichen Blüte des islamischen Weltreiches, allgemein anerkannt war und sich in der gesamten politischen Territorialsphäre ausbreiten konnte. Die Sufis entwickelten ein differenziertes System der verschiedenen Ebenen der spirituellen Erleuchtung und der dazugehörigen „Arbeitsschritte“, an deren Ziel die mystische Vereinigung mit Gott stand. Die Ekstase gilt als ein legitimer Weg zu diesem Ziel. Herbeigeführt wurde sie u.a. durch Derwischtänze, Musik oder auch das ständige Wiederholen des Gottesnamen, ähnlich wie bei einem Mantra. Seit dem 10 Jh., besonders im 12-14 Jh. kam es verstärkt zu Ordensgründungen von Derwischen. Die Grundelemente des Sufismus wurden durch das Wirken Ghasalis (1058-1111) in das System der sunnitischen Orthodoxie aufgenommen. Im heutigen Iran befinden sich die Sufis, aufgrund ihrer weltoffenen Auslegung des Korans, in der Opposition und sind zunehmend Repressionen ausgesetzt, da die iranischen Ajatollahs ihren Anspruch auf Meinungsführerschaft unbedingt durchsetzen wollen. So wurden 2006 die Gebets- und Wohnhäuser von ca. 1.200 Derwischen in der Stadt Qom in Brand gesetzt und 2007 wurden religiöse Zentren der Sufis in der südwestiranischen Stadt Borujerd von Milizen geräumt.

Als einen der größten Meister der mystischen Liebeslyrik bezeichneten die Sufis „Ibn al-Arabi“. Er wurde 1164, vierhundert Jahre nach der Eroberung Spaniens durch die Araber, in Murcia geboren und hatte den Beinamen „al-Andalusi“, der Andalusier. Der Reichtum vorislamischer arabischer Lyrik erklärt sich aus der Rolle die die arabische Sprache als Hüterin der heiligen Sprache des Korans am Hof und in der Moschee innehatte. So waren die Sufis nicht nur inspiriert von der Sprache des Korans und dem Propheten, sondern auch stark von der Liebeslyrik der Beduinen, der udhritischen Poesie.
Von 670-740 gab es eine dem Minnegesang gewidmete Dichterschule in Medina und um 821 siedelte der irakische Musiker „Ziryab“ nach Cordoba und gründete dort eine orientalisch- islamische Sänger- und Instrumentalistenschule. In Spanien existierten ab dem 10 Jhr. berühmte arabische Universitäten, so in Toledo, Segovia und Salamanca, die auch zahlreiche Hörer aus dem christlichen Europa hatten. Für diese Gelehrten gab es die Möglichkeit, die im Christentum in Vergessenheit geratenen Texte der griechischen Wissenschaft und deren arabische Weiterentwicklungen, wieder zu entdecken. So begann ab ca. 1100 eine grundlegenden Übersetzung von Texten der Astrologie, die aus dem Arabischen ins Lateinische übertragen wurden. Die Sufis, mit ihrer Konzeption der mystischen Liebe, wurden von der islamischen Orthodoxie massiv angegriffen und der Häresie beschuldigt. Im 10 Jh. wurden bedeutende islamische Mystiker zum Tode verurteilt und die Werke von „Ibn al-Arabi“ wurden nach seinem Tod verbrannt und er als Ketzer verteufelt. Ursprünglich war die islamische Mystik als Reaktion auf die strengen Auslegungen der Gesetzes-Islamisten entstanden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie selbst zu einem wesentlichen Element der Religion, ein Gegenpool zur orthodoxen Theologie. Die Mystiker verherrlichten die Liebe als Emanation Gottes, die Orthodoxen nahmen sie unter die Knute der Moral.

Im 19. Jahrhundert trat wiederum eine orthodoxe Strömung in Erscheinung, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind und die erheblich zu den in den westlichen Industriestaaten vorherrschenden Vorurteilen mit beigetragen hat. Ein Theologe namens Muhammad ibn Abdel-Wahhab propagierte Mitte des 18. Jahrhunderts die Wiederherstellung einer „ur-islamischen“ Gesellschaft auf der arabischen Halbinsel. Er hatte sich zum Ziel gesetzt dem orthodoxen Islam eine Renaissance zu bereiten. Wichtige Kennzeichen dieser Lehre sind ein strenger Monotheismus, der Andersdenkende, auch Muslime, als Ketzer und Abtrünnige ins Abseits stellt, sowie die Unterwerfung der Frau unter dem Gesetz der Schriftgelehrten und ihre komplette Aussperrung aus dem öffentlichen Leben. Dieser Religionsstifter bekam die Unterstützung einflussreicher arabischer Stammesführer, u.a. von Muhammad Ibn Sa’ud, Oberhaupt des Stammes der Sa’du., die im Laufe der folgenden Jahrzehnte alle umliegenden Fürstentümer und die heiligen Stätten Mekka und Medina eroberten und dort den ersten saudischen Staat und die wahhabitische Auslegung des Islam etablierten. Dieser intolerante und puristische Religionszweig wurde von der übrigen islamischen Welt scharf  kritisiert bis abgelehnt und beschränkte sich zunächst auf die arabische Halbinsel. Erst die Gründung des saudischen Königreiches in Zusammenhang mit der Erschließung der reichen Erdölvorkommen dieser Region verschaffte dem Wahabismus einen an für sich unverhältnismäßigen Stellenwert. In Saudi-Arabien ist der Wahhabitismus nach wie vor Staatsreligion. Es besteht eine rigide Geschlechtertrennung, Synagogen und Kirchen sind verboten, ebenso wie die Ausprägungen der westlichen Vergnügungsindustrie. Der saudi-arabische Staat fördert durch großzügige finanzielle Spenden wahhabitische Organisationen in allen Teilen der Welt. So sind Moscheen in Bosnien durch diese Gelder finanziert worden, wie auch die afghanischen Taliban vom wahhabitischen Gedankengut beeinflusst wurden.

Der Islam im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Einige der bekannten Verfechter der modernen Frauenemanzipation waren Männer. So der ägyptische Jurist Qasim Amin, der nach längerem Studienaufenthalt in Frankreich 1899 und 1901 zwei Bücher – „Die Befreiung der Frau“ und „Die neue Frau“ – veröffentlichte, wo er sich unter Bezugnahme auf den Koran und die Hadith mit den frauenfeindlichen Tabus innerhalb der arabisch-islamischen Gesellschaft auseinandersetzte. Er ruft in beiden Büchern zur Gleichberechtigung der Frau, zur Abschaffung der Polygamie, für das Recht der Frau auf Ausbildung und Arbeit und zur Entschleierung der Frau auf. Ein weiterer Mann war der tunesische Theologe Tahir al Haddad, der mit seinem 1929 veröffentlichten Buch „Unsere Frau im religiösen Gesetz und in der Gesellschaft“ die bestimmende Rolle des Korans in Frage stellte.

Die ersten Frauenbewegungen etablierten sich zum Ende des 19.Jh. in der Türkei und Ägypten. In Ägypten entstanden Frauengruppe im Rahmen einer allgemeinen politischen Mobilisierung der Bevölkerung gegen die Kolonialmacht England. Eine Abordnung dieser ägyptischen Frauenorganisation nahm bereits 1923 unter der Leitung von Huda Schaarawi an einem internationalen Frauenkongress in Rom teil. Bei ihrer Rückkehr legte sie demonstrativ ihren Schleier ab, den sie als ein Symbol der Benachteiligung der Frau verstand. Viele Frauen der ägyptischen Mittel- und Oberschicht folgten zu dieser Zeit ihrem Beispiel. Nach mehreren arabischen Feministinnenkongressen, die sich nicht nur mit frauenspezifischen, sondern auch mit allgemein politischen Themen beschäftigten, wurde 1945 die „Arabische Frauenunion“ gegründet.

Verschleierung und Entschleierung verweisen auf verschiedene Epochen der arabisch-islamischen Geschichte. Der Schleier war oft ein Ausdruck von Krisen, die der Islam im Laufe seiner Geschichte erlebte und in denen die strenge Auslegung des Korans und der Gesetzestexte durch die Orthodoxie die Oberhand gewannen. Während in Zeiten in denen die politische Macht des Islams unangefochten war und er sich anderen Religionen und Zivilisationen gegenüber tolerant zeigte, es auch den Frauen gelang sich einen gewissen Freiheitsraum zu schaffen. Heutzutage wird das Tragen eines Schleiers, bzw. Kopftuches aber von vielen Frauen der progressiven städtischen Mittelschichten auch als Zeichen eines neuen weiblichen Selbstverständnisses gesehen. Als eine Bekenntnis zur eigenen Kultur und zu einem progressiven Islam, in dem sich feministische Ansätze verwirklichen lassen.

1895 erschien das erste türkische Frauenmagazin – überwiegend von Redakteurinnen gestaltet- ein Hauptthema der Zeitschrift war die Forderung nach besseren Bildungsmöglichkeiten für Frauen. In anderen Themenbereichen, wie Mutterschaft, Ehe und der Rolle als Muslimin, blieb das Magazin meistens im Rahmen der traditionellen Frauenrolle. Dies war symptomatisch für die Anfänge der Frauenbewegung, die überwiegend von Frauen aus der städtischen Mittelschicht getragen wurde. Mit der Ausrufung der türkischen Republik wurde die Forderung nach der Gleichberechtigung der Frau quasi staatlich implementiert. Unter dem ersten Präsidenten der türkischen Republik, Kemal Atatürk (1881-1938), bekam die Türkei eine laizistische Verfassung, die sich an den europäischen Kernsstaaten orientierte. Die öffentliche Geschlechtertrennung in den Verkehrsmitteln wurde aufgehoben, der Schleier und das Tragen religiöser Attribute in der Öffentlichkeit wurde verboten und das islamische Familiengesetz durch einen Zivilcode nach Schweizer Vorbild ersetzt. Die gesellschaftliche Umsetzung einer realen Gleichberechtigung blieb aber weit hinter der staatlichen Gesetzgebung zurück und 1935 wurde die „Türkische Frauenvereinigung“, die als Bindeglied zwischen Regierung und Frauenbewegung fungiert hatte, aufgelöst.

In vielen arabischen Ländern entstanden aktive Frauenorganisationen erst nach dem 2. Weltkrieg im Kontext des anti-kolonialen Befreiungskampfes und der nationalen arabischen Bewegungen. Die  Frauen erstritten sich die das Recht sich ohne Schleier in der Öffentlichkeit zu zeigen und in Kinos, Geschäfte und Cafes gehen zu können. In Ländern wie Ägypten unter Gamal Abd el Nasser, in Tunesien unter Habib Bourguiba und in Algerien mit dem Präsidenten Ben Bella wurden mit staatlicher Unterstützung Frauenorganisationen gegründet und eine Proklamierung von Frauenrechtsreformen erfolgte in vielen dieser neuen Nationalstaaten. Mit der Konsolidierung der politischen Verhältnisse gelang es den arabischen Frauen allerdings nicht ihre politische Position aus der Zeit der antikolonialen Volksbewegung zu festigen. Entscheidend für die Niederlage des politischen Feminismus war, dass die Befreiung vom Kolonialismus mit einer Befreiung vom westlichen Einfluss gleichgesetzt wurde. Mit dem Schlagwort der „nationalen Kultur“ wurden Frauenfragen und die Rolle der Geschlechter im Sinne der islamischen Tradition interpretiert, wodurch die fortschrittlichen Kräfte ausgebremst wurden und reaktionäre Kreise erheblich an Einfluss gewannen. Inzwischen ist der Status der Frauen als gleichberechtigte Bürgerinnen in vielen arabischen Ländern im Strafrecht, Arbeitsrecht und in Teilen des Zivilrechts festgeschrieben und die allgemeine Schulpflicht gilt für Mädchen wie für Jungen. Mittlerweile sind in allen islamischen Staaten Frauen zum Hochschulstudium zugelassen, aber im Familienrecht ist eine Gleichstellung der Geschlechter nur ansatzweise durchgesetzt, da sich das islamische Familiengesetz immer noch  an die Scharia, dem islamischen Gesetz, anlehnt. So brauchen Frauen in vielen islamischen Ländern formaljuristisch auch heute noch die Einwilligung des Ehemanns, oder wenn sie unverheiratet sind, die des Vaters oder eines anderen männlichen Verwandten, wenn sie eine Auslandsreise antreten wollen. Diese Regelung wird aber sehr unterschiedlich gehandhabt. Während in den Maghrebstaaten nur in Ausnahmefällen so ein Schriftstück verlangt wird, ist diese Praxis in den konservativen Golfstaaten noch üblich.

Die Forderung nach der Jungfräulichkeit der Braut gilt nach wie vor nach dem Familienrecht in vielen Ländern als das verbriefte Recht des Mannes. Wenn sich in der Hochzeitnacht herausstellt, dass die Frau keine Jungfrau mehr ist, kann der Bräutigam sie zu ihrer Familie zurückschicken und das Brautgeld zurückfordern. Auch die Durchführung einer regulären Scheidung ist nach dem Koran für den Mann wesentlich einfacher als für die Frau. Die wenigen Scheidungsgründe auf die sie sich berufen konnte waren nachweisbare Impotenz, die willentliche sexuelle Enthaltsamkeit des Mannes über einen längeren Zeitraum oder eine schwerwiegende Krankheit, die bei der Heirat nicht zu erkennen war. Im islamischen Eherecht wird der Frau zugestanden, den Brautpreis, die sogenannte „Morgengabe“ als ihren Besitz selbst zu verwalten. Sie sind also nicht verpflichtet dieses Geld, bzw. die Sachwerte in den gemeinsamen Haushalt einzubringen oder an die Eltern abzutreten. In der Praxis wird häufig ein Teil des Geldes zur Ausrichtung der Hochzeit verwendet und ein anderer Teil wird direkt in die Sachwerte für den gemeinsamen Haushalt umgesetzt. Ehen zwischen Cousinen und Cousins sind in der Praxis zwar nicht besonders häufig, gelten in traditionsbewussten Familien aber als eine der idealen Formen der Ehe. In so einem Fall ist die Schwiegerfamilie bereits bekannt und das Brautgeld bleibt innerhalb der eigenen Sippe.

Der Koran akzeptierte die damals weit verbreitete Polygamie, begrenzte sie aber auf höchstens 4 Frauen. Heute ist die Mehrehe in den meisten islamischen Ländern per Gesetzt eingeschränkt und eher selten. In Tunesien und der Türkei ist sie verboten. In Syrien wird eine Mehrehe von den finanziellen Möglichkeiten des Ehemanns abhängig gemacht. In vielen Ländern ist sie nach wie vor erlaubt, muss aber gerichtlich genehmigt werden. In Marokko und dem Libanon ist es möglich ein Verbot der Polygamie im Ehevertrag  festzulegen. 1956 stellte Tunesien als erstes islamisches Land das Scheidungsrecht der Frauen dem der Männer gleich. In den meisten Ländern hat die Frau inzwischen das Recht eine Scheidung gerichtlich zu beantragen. Eine Unterhaltungspflicht über einen begrenzten Zeitraum hinaus besteht dagegen nur in wenigen Ländern, gesetzlich verpflichtende Unterhaltzahlungen entfallen, wenn die Scheidung von der Frau beantragt wird. Unterhaltszahlungen können stattdessen oft im Ehevertrag vereinbart werden.

Die Praxis des Schwangerschaftsabbruches ist im Islam weniger tabuisiert als in Regionen wo christliche Fundamentalisten tonangebend sind. Nach dem Koran gilt ein Embryo in den ersten drei Monaten noch nicht als menschliches Wesen, deswegen ist eine Abtreibung innerhalb dieses Zeitraums und in der ehelichen Gemeinschaft aus medizinischen Gründen legal. In der Türkei und Tunesien können zusätzlich soziale Gründe zur Geltung gebracht werden. Für unverheiratete Frauen ist eine Abtreibung hingegen illegal, betroffene Frauen, wie ausführende Ärzte machen sich in so einem Fall strafbar.

Nach der Meinung vieler arabischer Intellektueller ist der Bewusstseins-wandel durch die Reformbewegung, die neben den Frauen auch alle anderen gesellschaftlichen Klassen erreichte und einen Aufschwung der Künste und der Literatur bewirkte, durch die massive militärische Niederlage der Araber gegen Israel im Jahre 1967 zum Stillstand gekommen. Diese geopolitische Situation und das Unvermögen der Regierungen ihre Gesellschaften zu reformieren und die Spannungen zwischen einer kleinen Oberschicht und den zunehmend verarmenden Massen auszugleichen, führte zu einem erneuten Erwachen des rigiden Islams, dessen religiöse Agitation in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens spürbar ist.

Eine vergleichbare Frauenbewegung wie sie in den westlichen Industrieländern mit ihren politischen Erfolgen seit den 60er Jahren existiert, hat es in dem islamischen Kulturbereich bis jetzt nicht gegeben. Radikalpolitisches Engagement ist auf wenige Gruppierungen und Intellektuelle beschränkt, die oft mit Repressalien zu rechnen haben. Die meisten Frauenorganisationen engagieren sich in den ihnen zugedachten sozialen Rollen. Islamische Traditionen, welche die Frauen reglementieren, werden aus der Diskussion oft ausgelassen, da sonst das Schlagwort der „kulturellen Identität“ auf den Plan kommt und die Religiosität in der Bevölkerung tief verwurzelt ist. Eine offene Diskussion um Themen wie Abtreibung, das Verfügungsrecht über den eigenen Körper, Gewalt gegen Frauen und das Diktum der Jungfräulichkeit findet in den islamischen Gesellschaften zwar statt, ist aber in seinen Auswirkungen auf die Bevölkerung, von einer Massenbasis noch weit entfernt.

Als eine Analogie auf das bekannte Theaterstück „The Vagina Monologues“, welches an der amerikanischen Universität in Kairo aufgeführt wurde, entschied sich eine Gruppe von Studenten ein eigenes Stück, eine Art „Islamic Vagina Monologue“ zu entwickeln und es mit Amateurdarstellern auf die Bühne zu bringen. Zuerst wurden Frauen zum Thema Liebe und Sex interviewt von denen dann 50 Geschichten ausgewählt wurden. Sie handeln von den Erfahrungen der Frauen , von Extremen wie Vergewaltigungen, Abtreibungen und Diskriminierungen, bis hin zur den alltäglichen Geschichten um Liebe und Geschlechterrollen. Das engagierte Projekt mit dem Titel „Bussy“ wurde 2006 in Kairo gestartet.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der politischen Repräsentanz der Frauen. 1993 wurden in Marokko von 222 Mandaten, 2 von Frauen besetzt, im Iran hielten Frauen sechs von 270 Parlamentssitzen und im türkischen Parlament waren von 450 Abgeordneten acht weiblich. Allerdings hatten schon zwei Frauen das Amt der Ministerpräsidentin inne. Benazir Bhutto war zwischen 1988 und 1990 amtierende und 1993 wieder gewählte Ministerpräsidentin in Pakistan und 1993 wurde die türkische Professorin Tansu Ciller Ministerpräsidentin der Türkei.

Die modernen Technologien wie das Internet, Satellitenfernsehen und Handy bedingen ihrerseits eine Rezeption und langsamen Durchdringung der immer globaler werdenden Populärkultur. Vor allem bei den Jugendlichen. Auch wenn diese Technologie, im Vergleich zu den westlichen Industriestaaten nur einer relativ kleinen und privilegierten Schicht vorbehalten ist und einige der arabische Länder, neben China, zu den rigidesten Anwendern von Filtertechnologien zu Zensurzwecken gehören. Eine Studie über das Sexualverhalten junger Muslime in der Maghrebregion, die 2006 im marrokanischen Wirtschaftmagazin „L’Economiste“ veröffentlicht wurde, offenbart einen sehr hedonistischen Umgang der Jugend mit ihrer Religion. Zwar hielten alle Befragten die religiösen Verpflichtungen wie das tägliche Gebot und das Fasten im Monat Ramadan für richtig, wie es allen auch wichtig ist eine gläubige Muslimin zu heiraten. Andererseits geht aus der Studie hervor, das vorehelicher Sex weit verbreitet ist und 56% der befragten jungen Männer gaben zu, das sie regelmäßig Pornographie konsumieren. Laut “Google Trends”, einem Analysetool der Suchmaschine, wird der Term “Sex” sehr häufig von Internetnutzern des islamischen Kulturkreises eingegeben. Bei einem dementsprechenden Länder-Ranking stand Pakistan an erster Stelle, gefolgt von Ägypten. Iran und Marokko belegten den vierten und fünften Platz. Indonesien folgte an siebter und Saudi-Arabien an achter Stelle. Bei den Suchwörtern „boy sex“ oder „man boy sex“ („gay“ wird wegen der Zensurfilter oft nicht verwendet) belegten die Länder Pakistan, Iran, Saudi Arabien und Ägypten die ersten vier Plätze.


Bauer Kirsten: 1994 ,„Stichwort/ Frauen im Islam“, Heyne Verlag, München

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Einflüsse der islamischen Hochkultur auf Europa

Im 7. Jahrhundert drängte der junge Islam nach Europa und eroberte über den Westen ganz Spanien, Portugal und Südfrankreich. Einhundert Jahre nach der Entstehung der muslimischen Gemeinschaft in Mekka beherrschte die Dynastie der Omayyaden von Damaskus aus ein Weltreich, das in seinen Ausmaßen das größte der bisherigen Weltgeschichte war. 711 wurde der Indus in Indien erreicht und 719 n. Chr. wird am anderen Ende der Welt das Emirat in Cordoba in Südspanien eingerichtet, was die knapp 800-jährige maurische Geschichte Spaniens einleitete. Die islamische Expansion ging deshalb so schnell vonstatten, weil die Araber mit der mehrheitlich christlichen und jüdischen Bevölkerung der eroberten Gebiete flexible Verträge abschlossen, die diesen oft mehr Schutz und weniger Steuern einbrachten, als dies unter der alten Oberherrschaft der Fall war. Nach dem Koran galten Juden und Christen nicht als Ungläubige, sondern als Besitzer von heiligen Schriften. Dieser Status schloss besondere Schutzrechte mit ein, die Christen und Juden unter muslimischer Oberherrschaft gegen die Zahlung einer Steuer zwar nicht gleiche Rechte aber Rechtssicherheit und die freie Ausübung ihrer Religion ermöglichten. Christliche Kirchen und jüdische Gemeinden waren daher damals ein selbstverständlicher Bestandteil der islamisch beherrschten Welt. Gewaltsame Bekehrungen wie die Zwangstaufen im Christentum kannte der Islam nicht. Zur vereinzelten Unterdrückung religiöser Minderheiten  kam es erst später im Zuge von Krisen der islamischen Oberherrschaft bedingt u.a. durch die christlichen Rückeroberung (Reconquista) Spaniens und Portugals.

Im Zeitraum vom 8. bis zum 13. Jahrhundert kamen fast alle wesentlichen geistes- und naturwissenschaftliche Impulse aus der islamischen Kultur, die im Vergleich zur damaligen christlichen Zivilisation viel weiter entwickelt und aufgeklärter war. Die arabischen Hochschulen in den spanischen Städten Cordoba, Sevilla, Granada und Valencia hatten einen entscheidenden Anteil an diesem Wissenstransfer ins christliche Zentraleuropa. In Toledo wurde 1130 eine Übersetzungsschule gegründet, die Studenten und Wissenschafter aus ganz Europa anzog. Dort konnten sich christliche Gelehrte mit den Schriften der antiken griechischen Philosophie und Wissenschaft vertraut machen, die die Muslime bewahrt, studiert und weiterentwickelt hatten. So widerlegte der arabische Astronom Al-Battâni (Albatenius, 858 – 929) das ptolemäische Dogma des Heliozentrismus, bereits lange bevor Kopernikus seine Abhandlung „De revolutionibus orbium coelestium“ im 16. Jahrhundert publizierte. Die arabisch-islamische Medizin hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Heilkunst in Europa. Die ersten Professoren für Medizin an den neuen europäischen Universitäten im 12. Jahrhundert waren alle ehemalige Studenten arabischer Gelehrter. Das Grundlagenwerk des medizinischen Gelehrten, Ibn Sîna (Avicenna) wurde an allen wichtigen europäischen medizinischen Fakultäten über sechs Jahrhunderte hindurch gelehrt. In allen wissenschaftlichen Bereichen, speziell in der Philosophie, Medizin, Astronomie, Chemie und der Mathematik fand ein dementsprechender Wissenstransfer statt und illustre christliche Denker ihrer Zeit, wie Albertus Magnus, Roger Bacon, Thomas von Aquin und Wilhelm von Ockham entwickelten ihre intellektuellen Fertigkeiten zum Teil an den islamischen Hochschulen Spaniens.

http://www.fb1.uni-siegen.de/evantheo/mitarbeiter/naumann/dokumente/feindbild_06_druckfsg.pdf

http://i-p-o.org/Koechler-Islam-Christentum-Europa.htm

Nicht nur die jungen europäischen Wissenschaften, auch die Künste, von der Architektur bis zur Musik,  profitierten von den Einflüssen der arabischen Hochkultur. So hatte sich im Raum von Sevilla die westgotisch-mozarabische Liturgie mit einer reichhaltigen Tradition profaner Musik vermischt. Dort entwickelten sich die vorislamischen musikalischen Traditionen Andalusiens während der arabischen Vorherrschaft weiter, was zu einer Symbiose zwischen beiden Musikkulturen beitrug. Daraus entstand eine Musik auf der Grundlage orientalischer Kadenzen, der von Spaniern häufig ein arabischer Ursprung nachgesagt wird, während dieser Musikstil, nach seiner Verfrachtung in den magribinischen Raum durch die Vertreibung der Moslems, dort auch heute noch als „musique andalousi“, als andalusische Musik gilt.

Während in Europa die geisteswissenschaftlichen und kulturellen Impulse nachwirkten, begann die romanische Kirche, um ihre Einflusssphäre fürchtend, einen Kulturkrieg gegen den Islam, der später dann in die militärische Rückeroberung Spaniens und Portugals überging. Im 11.Jhr. fand im Westen des christlichen Abendlandes, durch eine neuartige Notation der Mehrstimmigkeit als deren Erfinder Guido von Avezzo (1000-1050) gilt, eine Revolutionierung der bestehenden Kirchenmusik statt. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die als Begleitstimme aufgekommene Zweitstimme (cantus) zur Gegenstimme (discantus), die Hauptstimme zum „Tenor“ Der gesungene heilige Text verlor dabei an Bedeutung und ging auf die Zweitstimme über, die Freiheit der Einstimmigkeit, des Trepierens und des Improvisierens gerieten ins Abseits. Der Mönchsgesang fand nun in spezialisierten Scholars und unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zu dieser Zeit hatte der christliche Westen bereits begonnen den Islam, während er ihn bekämpfte zugleich trophäal zu kopieren. Dies zeigte sich in der Nachahmung der islamischen Hofkultur und in bestimmten romanischen Skulpturen, wo sich Motive des Arabischen mit obszönen Figuren zu einer antiislamischen Bildpropaganda mischten.

Viele der damaligen in Stein gehauenen Figuren und Fratzen, über deren Sinngehalt sich heutzutage viele Betrachter wundern, standen im Kontext dieser Bildsymbolik. Die Kirchen waren damals ein zentraler Ort des mittelalterlich-städtischen Kommunikationsgeschehens. Auf den Vorplätzen fanden regelmäßig die Märkte und Feierlichkeiten statt. In der Zeit vor der Erfindung des Buchdruckes, wo nur ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung des Lesens und Schreibens mächtig war, kam der bildhaften Ausgestaltung durch Steinmetze, Glas- und andere Maler, sowie dem darstellenden Spiel und der Musik eine entscheidende Rolle als Bedeutungsträger zu.

Und in der Musik, z.b. im Codex Calixtinus (um 1140 begonnen), der zur Verbreitung der rom-konformen Liturgie im Wallfahrtsort Santiago de Compostila und ganz Spanien gegen den dort herrschenden mozaarabischen Ritus hergestellt wurde. Er benutzte, typisch romanisch, einen trophäalen Musikversatz aus dem Mozarabischen und Arabischen, u.a. auch Tanzweisen wie sie in Sevilla und Toledo bekannt waren, den Islam gleichzeitig, wie in der Architektur, kopierend und bekämpfend.

Andererseits war es im Südwesten Frankreichs, in Okzitanien, die die einzige, langfristige, stabile christlich- islamische Grenze Westeuropas (die über 300 Jahre währte) darstellte, möglich, trotz des antiislamischen Kulturkrieges der romanischen Kirche, die im Aufruf zum heiligen Krieg gipfelte, das sich dort eine neue Kultursynthese zwischen Christentum und Islam entwickeln konnte. Die dort entstandene Hofkultur hat zwar die neue, fortschrittliche Mehrstimmigkeit der Kirchenmusik unterstützt, ihr aber zugleich, die nicht weniger revolutionäre Musik der Troubadoure entgegengesetzt. Melodien, Rhythmen und Instrumente aus dem islamischen Raum gaben die Impulse für die Innovationen dieser Musik. Bei den Instrumenten waren es neben den Trommeln und Flöten, die „.ud“ (arab. „Holz, Laute“), eine Knickhalslaute mit birnenförmigen Körper und die „tunbur“, eine Langhalslaute, die bis ins 18. Jh. Bei Straßenmusikern und Gauklern beliebt war. Die „rabab“, eine gestrichene Kurzhalslaute stellte auch unter christlichen Spielleuten ein weitverbreitetes Instrument dar. Es gab im 12. Jh. innerhalb des christlichen Westens drei unterscheidbare Orte der Musikkultur. Den Adelshof, das Kloster und der Markt. An den Höfen der Okzitanier sollen damals hunderte von arabischen Musikern und Tänzern zu Festen und Hochzeiten aufgespielt haben. Viele südfranzösische und spanische Christen begeisterten sich für die höfisch-islamische Lebensart, ihre Lieder, Gedichte und Tänze – und zwar dergestalt, das die Kirche den Christen verbot an maurischen Hochzeits- und Totenfeiern teilzunehmen oder Musik von Moslems darbieten zu lassen.

Auf dem Markt konnten höfische Troubadoure ihr Repertoire gemeinsam mit Vaganten zum Besten geben, wie auch Vaganten, Gaukler und Bänkelsänger zu Hofe geladen wurden. Dem Markt kam hierbei eine besondere Rolle zu, er fand zwar immer zu Füßen der Kirche statt, aber die Künstler fanden dort ihre Nische um ihre Ideen, ihre Musik umzusetzen. Die Troubadoure waren Dichter, Komponisten und Interpreten in einem und für die damalige Zeit revolutionär, begannen sie, ihre Liedtexte, nicht wie üblich, in Latein, sondern in allgemein verständlicher Sprache (Langue d´Oc) zu dichten. –  „Ich werde ein Lied über rein gar nichts machen. Es wird nicht von mir, noch von anderen Leuten handeln. (…) Es fiel mir auf dem Pferd schlafend ein.“ – diese Entwicklung, die im französischen Südwesten ihren Anfang nahm, verließ das lateinische Textmonopol der Kirche und setzte anstelle des Chorgesanges die individuelle Stimme.

Die Troubadoure entstammten meist dem Kleinadel und der damaligen südfranzösischen Mittelklasse. Der romanischen Kirche galten sie als muslimisiert, später, bei der christlichen Kreuzugspropaganda wurden sie als arabisierende Sexualwüstlinge und Ketzer dargestellt. Neben den vielfältigen kulturellen Entwicklungen, wuchsen in diesen Jahren Glaubensgemeinschaften heran, die nicht konform gingen mit den Dogmen der Hauptkirche in Rom und die von der Sufimystik oder anderen Glaubensvorstellungen, die in der islamischen Kultur Bestand hatten, beeinflusst wurden. So sprach man bereits 1022 von Ketzern in Orleans und 1029 von Manichäern in Okzitanien. Die Katharer, von den Bischöfen als Manichäer bezeichnet, hatten sich dem Geist der Armut, orientalischer Prägung, verschrieben. Sie verwarfen das Prinzip der Menschwerdung und wehrten sich so gegen eine Andachtshaltung, die auf das Bildnis eines menschgewordenen Gottes gerichtet war. Die Glaubensgemeinschaften der Katharer machten der römischen Kirche das Glaubensmonopol streitig, so dass die romanische Kirche, nach der Plünderung Konstantinopels, die innereuropäischen Kreuzzüge ausrief. (1180, 1209, 1215, 1219) und im Zuge einer regelrechten Ausrottungspolitik die vermeintlichen Ketzer vernichtete, die sympathisierenden Adelshöfe zerstörte und die blühende Kultur Okzitaniens, die christlich war, wenn auch in albigenesisch- muslimischer Version, beendete. Der Troubadour, als Symbolträger der erotischen Hofkultur Okzitaniens, kam erst später im Rahmen einer gotisierten Hofkultur, nach Beendigung der Kreuzzüge, zur vollen Geltung. Die „körperliche“ Erotik verschwand fast vollständig und wurde durch Sublimate und Elemente der sittlichen Bildung ersetzt, die dann dem Ideal eines höfischen Minnedienstes entsprachen.

Manichäismus : gnostische Weltreligion der Spätantike und des frühen Mittelalters. Die Manichäer vertraten einen radikalen Dualismus der sich in der Vorstellung eines Herrschers des Lichtreiches, der dem König der Finsternis gegenübersteht äusserte (Licht u. Dunkel, Gut u. Böse) Sie waren Vertreter einer strikten Askese und Reinheitsgedankens. Ausgangspunkt dieser Religion war um 300 Babylon, Persien und Indien, später der ganze Nahe Osten Anfang des 4. Jh. breiteten sie sich in Rom, Gallien und Spanien aus. Im Zuge massiver Verfolgungen gerieten sie im Laufe der folgenden Jahrhunderte in Vergessenheit. Das Gedankengut tauchte ( ca. ab dem 10 Jh.) bei den Paulikianern, Bogomilen und den Katharern (von „katharos“ (griech.) – rein) wieder auf.

Als Katharer bezeichnete man eine christliche Glaubensbewegung, die vom 12. Jahrhundert bis zum 14. Jahrhundert überwiegend im Süden Frankreichs verbreitet waren. Daher auch der Zweitname „Albigenser“, benannt nach der südfranzösischen Stadt Albi, einem ehemaligen Zentrum der Katharer, welche Ende des 9 Jh. bis 1271 zum Machtbereich des Grafen von Toulouse gehörte.  Die Anhänger dieser Lehre bildeten eine der größten religiösen Laienbewegungen des Mittelalters. Durch mehrere Kreuzzüge und das rigide Vorgehen der Inquisition vernichtete die römische Kirche zwischen 1209 und 1310 die katharische Glaubensbewegung. In der Frühzeit der Bewegung bekannte sich ein Großteil des okzitanischen Adels zu den Katharern, der zu dieser Zeit in Opposition zum König von Frankreich Philipp II. stand. Die Katharer forderten in den von ihnen kontrollierten Gebieten keinen Zehnt als Kirchensteuer, was zu ihrer Beliebtheit bei der einfachen Bevölkerung beitrug. Der erste  Albigenserkreuzzug 1209 führte zur militärischen Niederlage der südfranzösischen Fürstenhäuser und zur Eingliederung Okzitaniens in das Königreich Frankreich. Im Zuge dieser Entwicklung veränderte sich die katharische Bewegung immer mehr zu einer Untergrundkirche der einfachen Bevölkerung. Als Reaktion darauf beschloss die 1229 unter Papst Gregor IX. (1227-41) einberufene Synode von Toulouse erstmals eine flächendeckende Anwendung des Inquisitionsverfahrens.

Duby, Georges: 1992, „Die Zeit der Kathedralen : Kunst und Gesellschaft 980 – 1420“, Suhrkamp , Frankfurt am Main

Steingress Gerhard, 1997, „Cante Flamenco – Zur Kultursoziologie der Andalusischen Moderne“, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt a.Main

BAUCHTANZ

Der ägyptische Bauchtanz hat viele Namen. Im Westen wird er als „danse du ventre“, orientalischer Tanz, Tanz der Salome, oder Bauchtanz bezeichnet. Ein typisches Element des Tanzes ist die Technik der Isolation, d.h. einzelne Körperzentren werden unabhängig voneinander, einzeln oder koordiniert bewegt. Allerdings nicht in einem Ausmaß wie beim Jazz-Dance, wo zusätzlich die einzeln bewegten Körperteile noch in verschiedene Richtungen bewegt werden, was man auch als polyzentrische Motion bezeichnet. Der Tanz ist getragen von einer bodenständigen Körperlichkeit und im traditionellen Stil finden die meisten Bewegungen innerhalb des Körpers statt. Will man die Ebene der Bewegungen variieren hebt oder senkt man sich einfach auf die Fußballen. Die Hüfte und die Pelvis sind eine der Hauptzentren der tänzerischen Bewegung. Einzelne Hüftschwünge, Kreisen, Drehen in der 8er-figur, die Wellenbewegung und die Auf- und Ab- und Vor- und Zurückbewegung der Pelvis, mit oder ohne Schrittbewegung, sind typisch für den orientalischen Tanz. Weitere Grundtechniken sind der Shimmy, ein Zittern lassen der Muskulatur, die ihren Ursprung in einer schnellen, kleinen Hüftpendelbewegung hat, bei angespannter Oberkörpermuskulatur, während die Muskeln unterhalb der Taille entspannt sind. Der Kamelgang, eine Kombination von einer Brustkorbwelle und einer Beckenwelle in der Schrittbewegung. Die Hand- und Armbewegungen sind ein wichtiges Ausdrucksmittel und beinhalten eine Vielzahl von Gesten. Die isolierte Bewegung, das Kreisen, der Shimmy und die Welle werden inzwischen praktisch auf alle Körperteile angewendet und mit verschiedenen Schritttechniken in der tänzerischen Darstellung kombiniert.

An für sich ist der Bauchtanz im wesentlichen eine Improvisationskunst die mehr auf individuelles Können und Kreativität als auf präziser Choreographie basiert. So kann eine Tänzerin z.B. eine Reihe langsamer Kreise mit einer Hüfte allein beschreiben. Eine nach innen konzentrierte Bewegung bei der das andere Bein als Achse dient, so dass die Hüfte ihren Körper eine langsame Drehung um sich selbst vollführen lässt. Oder sie kann abwechselnd beide Hüfte schwingen, so das die ausladenden Schwünge beim Schrittwechsel das Zentrum der Bewegung bilden. Ein weiteres Bewegungselement ist es, sich auf die Knie niederzulassen und den Körper in der Figur einer Brücke zu beugen bis der Scheitel den Boden berührt. Dabei geht ein ständiger, schneller und wechselseitiger Bewegungsimpuls vom Becken und der Hüfte aus während Kopf und Torso entspannt sind. Dies hat Ähnlichkeit mit dem „zarr“, einem rituellen Trancetanz der Sufis, der auch heute noch zu spirituellen und therapeutischen Zwecken getanzt wird. Es gibt die These, das der Bauchtanz seinen Ursprung in alten religiösen Tänzen hat, bei denen die Geburtswehen der Frauen nachgeahmt wurden und auch direkt zur Geburtsvorbereitung benutzt, bzw. getanzt wurde. Eine Tatsache die bei Frauen, die diesen Tanz praktizieren, körperlich sicherlich erfahrbar ist, aber wissenschaftlich als nicht erwiesen gilt.

Ein Element des traditionellen Bauchtanzes ist der Schleier. Er wird beim Tanz benutzt um zu verbergen und zu enthüllen, um bestimmte Aspekte der Bewegung zu betonen, um Muster und Figuren zu weben. Auf jedem Fall ist er ein wichtiges Requisit im erotischen Spiel dieses Tanzes. Traditionelle Volkstanzkostüme sind das „beledi“-Kleid, ein fessellanges Baumwollkleid, mit weiten Ärmeln, das seitlich geschlitzt ist um größere Bewegungsfreiheit zu gewähren. Oder ein besticktes Trikot und eine gemusterte Plunderhose, gewöhnlich aus schwerer Seide. Die Volkstänzerinnen bedecken in der Regel ihren Kopf mit einem dreieckigen mit Troddeln und Silberplättchen gesäumtem Tuch. Ein weiteres Kostüm beruht auf der Kleidung der indischen Nautch-Tänzerinnen, einen auf den Hüften aufliegenden Rock und ein flitterbesetzter Mieder, der im Schnitt die Zwerchfellpartie freilässt. Im Gegensatz dazu lassen die Tänzerinnen im Nachtclub ihren Kopf unbedeckt und stellen viel von ihren Brüsten und Beinen zur Schau. Verzierte Büstenhalter, hüfthohe Schlitze, glitzernde Münzen und durchsichtige Stoffe entsprechen der Erwartung des Publikums und werden vom Arbeitgeber oft verlangt. Die Tänzerinnen in Ägypten sind seit Nasser gesetzlich dazu verpflichtet ihren Bauchnabel zu bedecken.

Früher benutzten die Tänzerinnen Fingerzimbeln, zwei an jeder Hand, eine am Daumen und eine am Mittelfinger, um den Rhythmus vorzugeben. Heutzutage wird er oft durch verschiedene Perkussionsinstrumente vorgegeben.  Weitere Instrumente die die Trommeln begleiten, können die Flöte, Streichinstrumente, wie die Zitter und die „rabata“ (eine Art einseitige Geige), sowie die Laute „oud“ sein. Die nahöstliche Musik variiert von Land zu Land und die Instrumente sind verschieden. Das gemeinsame Kennzeichen ist eine reine Grundmelodie die ohne Harmonien im europäischen Sinne auskommt. Oft werden nur wenige Noten bis zu einer Stunde lang wiederholt. Die scheinbare monotone Klangabfolge wird durch subtile melodische Abweichungen nuanciert, die die Tänzerin in ihrem Tanz aufnimmt und umsetzt.

Zigeuner (vom byzantinischen „atsinganoi“) sind für ihre Tänze, speziell auch ihren Bauchtanz, bekannt. So die weiblichen „Ghawazi“ in Ägypten, die eine richtiggehende Tänzerinnenkaste bildeten und die türkischen Cengi, deren Tradition noch immer im Zigeunerviertel von Istanbul lebendig ist. Ihr Ursprung konnte, nach etlichen Spekulationen, durch Erkenntnisse der Sprachwissenschaft geklärt werden. Diese bewies die Sanskrit- Abstammung der Zigeunersprache und es gelang durch Analyse des umfangreichen Lehnwörterschatzes die verschiedenen Wanderbewegungen zu rekonstruieren. Ursprünglich kamen sie von Indien, das für seine reiche Tanzkultur bekannt ist. Sie zogen über den Landweg von Afghanistan bis zum Mittelmeer. Von dort wanderten welche durch den heutigen Iran, die Türkei und Griechenland, andere gingen in Richtung Ägypten, der Nordküste Afrikas, bis nach Spanien und Frankreich .

1834 waren die Ghawazi, die ursprünglichen Bauchtänzerinnen, aus Kairo verbannt worden. Im Zuge einer Modernisierung des ganzen Landes nach westlichem Vorbild wurden die Ghawazi in drei Städte am Nil verbannt; nach Isna, Asuan und Qena. Erst 1854 wurde dieses Verbot aufgehoben. Als Folge dieses Verbotes übernahmen junge Männer die Rolle der Tänzerinnen. Sie ahmten den Tanz der Frauen nach und zogen teilweise auch Frauenkleider an. Ihre Lieder und Tänze thematisierten oft das Haremsleben, welches häufig eine tänzerische, possenhafte Nachahmung des sexuellen Akts mit ein schloss. Viele malten sich ein Gesicht auf den Bauch und bewegten ihre Muskeln beim Bauchtanz so, dass das Gesicht abwechselnd den Mund verzog oder lächelte. Im Jahr 1805 soll es ca. 600 von diesen jungen Tänzern in der türkischen Hauptstadt Konstantinopel gegeben haben, wo sie auf öffentlichen Plätzen, in Weinstuben und Kaffeehäusern ihr Können präsentierten. Im Jahr 1837 wurden sie mit einem Bann belegt und kamen nach Kairo, wo sie während der Abwesenheit der Ghawazi deren Platz einnahmen.

Die Tradition tanzender Jungen scheint im islamischen Kulturkreis weit verbreitet gewesen zu sein und ist es auch heute noch. Daran knüpft auch die institutionalisierte Form homosexueller Beziehungen, die als „Knabenspiel“ bezeichnet wird, an (das im folgenden am Beispiel Nordwest-Afghanistan dargestellt wird). Bei diesen Zusammenkünften lassen sich Männer von Jungen durch Musik und Tanz unterhalten, oft mit dem Ziel Kontakt zu einem Jungen mit dem Ziel sexueller Bedürfnisbefriedigung, herzustellen. Als Gegenleistung erhält die Familie des Jungen Geld oder Naturalien, der Junge bekommt seine Alltagsbedürfnisse, evtl. eine Berufsausbildung finanziert. Das Knabenspiel wird in weiten Kreisen gesellschaftlich akzeptiert, wobei die Regeln dieser Akzeptanz klar umrissen sind und eine Abweichung als unmoralisch gilt, bzw. der Prostitution zugerechnet wird. Hierzu zählt, das das Mindestalter von 10 Jahren nicht unterschritten wird und das der Mann dem Jungen Fürsorge gewährt und ihm den Besuch einer Schule oder einer anderen Ausbildungsstätte ermöglicht. Alternativ dazu wird auch eine professionelle Unterweisung in die Kunst des Knabenspiels durch einen Geistlichen akzeptiert. Die Jungen ihrerseits müssen zwischen 11-18 Jahre alt sein, mit dem traditionellen Liedgut vertraut sein und Singen und Tanzen können. Sie treten bei Hochzeits- und Beschneidungsfeierlichkeiten und anderen Festen auf und tragen Mädchenkleidung und an den Schläfen zwei lange Haarlocken, bisweilen auch falsche Zöpfe, Schmuck und Kopfschleier. Interessant ist auch ein weiterer Aspekt, der die Vielschichtigkeit der Kultur des Knabenspiels deutlich macht. Es gibt eine rituelle Festlegung des Liedgutes und der Reihenfolge und Bestandteile einer solchen Veranstaltung, die den Sitten mancher Sufikreise ähnelt, die sich zu einer musikalischen Veranstaltung versammeln, um dann gemeinsam die Schönheit eines jungen Tänzers, zelebriert durch meditative Gesänge, zu betrachten, der für sie ein Sinnbild der Schönheit Gottes darstellt. In diesem Zusammenhang ist auch die Mehrdeutigkeit des arabischen Wortes „tarahan“ interessant, das u.a. eine bestimmte Grundmelodie, wie sie im arabischen Bauchtanz gebräuchlich ist, meint. Aber auch zwei Saiten (eines Musikinstrumentes) und zwei Möglichkeiten: die Musik, der Tanz als sinnlichen Genuss oder als Anregung zur spirituellen Kontemplation.

Die „Ouled Nail“, die in der algerischen Sahara lebten, waren ebenfalls für ihre Tänze bekannt. Die Mädchen wurden schon früh als Tänzerinnen ausgebildet und zogen ab ca. dem 12. Lebensjahr, unter der Obhut einer alten Frau, von Oase zu Oase. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit öffentlichen Tanzauftritten und der Prostitution. Sie waren sogenannte Aussteuer-tänzerinnen, die solange ihrer Profession nachgingen, bis sie eine ansehnliche Mitgift in Form von Schmuck und Münzgürteln verdient hatten, die sichtbar am Körper zur Schau getragen wurde. Dann kehrten sie nach Hause zurück um zu heiraten. Ihre Form des Gelderwerbs war innerhalb ihrer Kultur akzeptiert und führte zu keinerlei sozialen Restriktionen. Die Ehe bedeutete in der Regel das Ende der öffentlichen Auftritte, aber sie setzten die Tradition fort indem sie ihren Töchtern das Tanzen beibrachten.

Durch Reiseberichte vom Amerikanern und Europäern erfuhren die Menschen des westlichen Kulturkreises zum ersten Mal etwas über den Bauchtanz. Die Weltausstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. In Philadelphia, Chicago und Paris stellten algerische Kultur zur Schau, und schufen einen Rahmen, in welchem Bauchtänzerinnen ihr Können zeigten und damit große Resonanz auslösten. Einerseits puritanische Entrüstung, andererseits Faszination. In den folgenden Jahren interpretierten viele westliche Tanzkünstlerinnen den orientalischen Tanz und führten ihn auf großen Bühnen auf. Auftritte, die vor allen Dingen wegen der erotischen Ausstrahlung ihrer Darstellung in der Presse viel beachtet und diskutiert wurden. Das russische Ballett inszenierte orientalische Thematiken und in vielen Varietés und Theatern wurden Versionen von dem Tanz der Salome vorgeführt. Eine Entwicklung die nahtlos überging in die Nachtclub und Burleske-Kultur, die die Anfänge des Stripteasetanzes darstellten. In dem Shimmy und im Charleston finden sich Bewegungselemente des ghawazi-Tanzes wieder. So die Tanzfigur die einen Luftsprung mit gleichzeitiger Körperdrehung beinhaltet. Die Tänzerin landet indem sie leicht die Knie beugt und Schultern und Hüften schüttelt. Ähnliche Parallelen bestehen  auch zu afrikanischen Fruchtbarkeitstänzen

Die biblische Salome im Neuen Testament wurde nach ihrem Willkommenstanz („shalome“ bedeutet im Hebräischen „Willkommen“) benannt. Dieser Tanz soll auf der Legende des Schleiertanzes der babylonischen Göttin Ishtar basieren., die ihren verstorbenen Gatten Tammuz aus der Unterwelt des Totenreiches befreit um sich mit ihm wieder zu vereinigen. In der christlichen Version werden die Aspekte der destruktiven Seite der weiblichen Sexualität betont. Salome tanzt für den König Herodes und fordert als Preis die Enthauptung von Johannes dem Täufer, doch anders als bei Ishtar bringt Salome das Opfer nicht in die Sphäre des Lebendigen zurück. In den literarischen Interpretationen des 19.Jh. (bsp. Oscar Wilde) wird die Salome zum Inbegriff der „Femme fatale“ und in den folgenden Bühnenaufführungen überwiegt der Hang zum Exotismus und der Darstellung eines erotischen Ambientes mit dem man den Orient romantisierte. Im Musiktheater wird die Salome zum Lieblingsstoff, so z.b. in der Oper „Herodeiade“ von Jules Manenets, in Richards Strauss „Salome“(1905) und in der Aufführung „La Tragedie de Salome“ (1907) von Florent Schmitt. Im Varieté, im Bereich des exotischen Tanzes wurde dieses Thema nicht minder häufig inszeniert. Schon 1895 führte Loie Fuller, zur Musik von Gabriel Pierne´, ihre Salome-Interpretation auf der Varietebühne auf. Maud Allan, Valeska Gert, Martha Graham, Ida Rubinstein, um nur einige der bekannten Tänzerinnen zu nennen, tanzten in verschiedenen Choreographien die Salome.

In Ägypten ist der Bauchtanz als „raks al sharki“ oder Baladi-Tanz bekannt. Die Tänzerinnen haben einen unterschiedlichen sozialen Status. Die „almeh“ – die Hochzeitstänzer – spielen eine zentrale Rolle in dem Leben der meisten Ägypter. Sie reflektieren mehr die fundamentale Bedeutung vom Singen und Tanzen, die Ausdruck von Glück und Freude in der ägyptischen Gesellschaft ist. Sie sind günstiger zu mieten als die „raasa“ – Bar und Nachtclub-tänzerinnen – deren Domäne inzwischen das sexuelle Entertainment ist. Raasa meint in der Übersetzung „Tänzerin“, ist aber negativ konnotiert. Eine Frau die für Geld tanzt und die ihre sexuelle Ausstrahlung in der Öffentlichkeit zeigt, wird oft mit einer Prostituierten gleichgesetzt. Der Bauchtanz wurde im Rahmen des Baladi-Tanzes eine anerkannte Form internationale Bühnenkunst und nationaler Kultur. Hierzu wurden viele eindeutig sexuelle notierte Bewegungen uminterpretiert, bis sie dann als reine Tanzkunst präsentiert werden konnten. Unter diesen Voraussetzungen wurde der Tanz dann von der neuen urbanen Elite akzeptiert. Viele dieser Familien waren Teil der Machtelite unter Mohammed Ali im 19. Jh., allesamt westlich orientiert und ausgebildet. Auch in der im frühen 20 Jh. entstehenden Filmindustrie hatte das Bild der Bauchtänzerin ihren festen Platz. Sie konnte eine Heldin sein, doch egal wie gut, großherzig und mutig sie auch sein mochte, sie war nie eine respektable Frau. Zum Ende des Films verlor sie ihren Geliebten an eine Frau die die typischen ägyptischen Moralvorstellungen verkörperte, jungfräulich und in männlichen Armen nach Schutz suchend. Nach der Unabhängigkeit Ägyptens kam es unter Nasser zur Bildung einer nationalen Folkloretanzgruppe, eine russisch- ägyptische Kooperation. Etwas später gründete sich eine weitere professionelle Folkloretanzgruppe, die „Rheda-Gruppe“, welche international bekannt wurde.

Der Bauchtanz  veränderte unter dem Einfluss der westlichen Bühnenkunst seinen Stil. Der Bewegungsraum der Bühne war oftmals größer als früher und führte zu langläufigen Schrittfolgen und expressiven Bewegungen. Auch Kopf, Schultern und Arme wurden in den Bewegungsstil miteinbezogen, wo sie bisher nur eine untergeordnete Rolle spielten. Galt früher ein beträchtlicher Körperumfang und ein vorstehender Bauch als ästhetisch, so fing man an sich an dem Schönheitsideal des Westens zu orientieren. Eine moderne Kabarettvorstellung ist in der Regel für eine Länge von 20 Minuten konzipiert, in der jeder Aspekt des Tanzes zur Geltung kommt. Eine Vorstellung endet üblicherweise damit, das die Tänzerin von Tisch zu Tisch geht und mit ihren Bewegungen verschiedene Zuschauer direkt anspricht und dabei erwartet ein Trinkgeld zu bekommen.

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Aufgrund des Einflusses der islamischen Fundamentalisten ist die Zensur in Ägypten heutzutage sehr streng. Die Tänzerinnen dürfen nicht mehr mit nacktem Bauch tanzen und der Rock darf nur so hoch geschlitzt sein, das beim Drehen die Knie nicht zu sehen sind. Dem Zuschauer ist es verboten auf die Bühne zu kommen und mit der Bauchtänzerin zu tanzen. Zahlreiche Klubbesitzer engagieren ausländische Tänzerinnen, da der Club dann nicht so oft von der Polizei in Augenschein genommen wird. Viele der ausländischen Bauchtänzerinnen in Kairo sind inzwischen Russinnen, die zwar oft über ein großes Potential tänzerischer Techniken verfügen, aber den Bauchtanz im speziellen nicht erlernt haben.

Brandstetter Gabriele(Hg.), 1993, „Aufforderung zum Tanz“, Philipp Reclam jun., Stuttgart

Buonaventura, Wendy  1984,  „Bauchtanz – Die Schlange und die Sphinx“, Frauenbuchverlag, München

Holter, Ute (Hg)   1994, „Bezahlt, geliebt , verstoßen- Prostitution und andere Sonderformen institutionalisierter Sexualität in verschiedenen Kulturen“, Holos Verlag , Bonn

Jarret, Lucinda  1999,  „Striptease“, Rütten & Loening , Berlin

Ritter Helmuth, 1955, „Das Meer der Seele“. Brill Verlag, Leiden

Röber Kathleen, 2000,  „Die heimliche Allianz – Tanz als Ausdrucksmittel im Stummfilm“, Magisterarbeit, Institut für Theaterwissenschaft, Universität Leipzig

Washabough, William (Hg.)  1998, „The passion of music and dance. Body, Gender and Sexuality“, Oxford, New York

Tsifte-teli / Rebetiko

In Griechenland gibt es ein Pendant zum orientalischen Tanz. Der griechische Tsifte-teli hat seine Ursprünge in dem türkischen, bzw. arabischen Bauchtanz. Er weist die gleichen charakteristischen Bewegungselemente auf. Er wird normalerweise von Frauen getanzt, selten mit einem männlichen Partner, gewöhnlich als Solotanz. In dem alten Cafe´Aman- Stil der griechischen Minoritäten, die in den Städten des türkischen Kulturraumes lebten, sang eine Frau, während eine zweite im türkischen Gipsy-Stil tanzte und dabei mit den Finger-Zymbals den Rhythmus der Musik unterstützte oder vorgab. Der Tsifte-teli war, wenn auch seine eigentlichen Wurzeln um vieles älter sind, integraler Bestandteil der Musik- und Tanzkultur des Rebetiko.

Bei dem Rebetiko handelt es sich um ein Phänomen dessen Wurzeln im kulturellen Kontext des osmanischen Reiches liegen. Darauf verweisen die muslimischen Wurzeln und Einflüsse der Rhythmen, Tongeschlechts und Instrumente des Rebetiko. Auch die zu dieser Subkultur gehörende Typus des „Koutsavakides“ und des „Manges“ gehören eher dem alten osmanischen Gesellschaftsmodell an, als dem des an Westeuropa orientierten, konstruierten griechischen Nationalstaates. Die Ursprünge des Rebetiko werden in der 2. Hälfte des 19.Jh. gesehen und zwar in den urbanen Regionen, insbesondere in den Hafenstädten mit einer überwiegend griechischsprachigen Bevölkerung. Die verwendeten Instrumente waren die Mandoline, eine  Gitarre, ein „Parabouka“ – ein Perkussionsinstrument und die Geige Ein ursprüngliches Smyrna-Orchester hatte die Instrumentierung: Violine, „Santouri“ oder „Kanonaki“, Lyra (Kniegeige), Mandoline, und manchmal den „Oud“. Die „Bouzouki“, zuerst das verpönte und verachtete Instrument der Straßenmusiker, erfuhr mit zunehmender Popularität des Rebetiko eine Aufwertung und gilt heutzutage als eines der charakteristischen Instrumente der griechischen Musik.

Die Lebensgewohnheiten der griechischen Bevölkerung waren damals von den schon jahrhundertlangen gültigen Rahmenbedingungen des osmanischen Gesellschaftssystem geprägt, unabhängig von den formalen Grenzen des griechischen Staates der seit 1832 bestand. Es gab kaum städtische Zentren und die wenigen, sich gerade bildenden, waren Nafplio, die erste Hauptstadt Griechenlands, Chalkis auf Euböa und Ermoupolis auf der Insel Syros, der bis zum Ende des 19.Jh. wichtigste Handelshafen Griechenlands war. Später, nachdem es zur Hauptstadt erklärt wurde, kam Athen dazu. Die wirklichen Städte wie Smyrna, Thessaloniki und Konstantinopel gehörten alle zum osmanischen Reich und verfügten über einen starken griechischen Bevölkerungsanteil. Die osmanischen Städte waren multiethnische Gebilde in denen Türken, Juden, Armenier, Griechen und Zigeuner nebeneinander und miteinander lebten. Innerhalb des Nationalstaates Griechenland setzte dann allerdings ein ideologisch motivierter Veränderungsprozess ein. Man orientierte sich an der Kultur Zentraleuropas und versuchte in diesem Rahmen an die antike Vergangenheit Griechenlands anzuknüpfen während man sich gleichzeitig vom Orient abgrenzte und ihn pauschal als unzivilisiert darstellte. Unter diesen Vorzeichen wurde ein regelrechter Kulturkrieg ausgetragen. Historiker versuchten Traditionen als rein griechisch zu interpretieren und sie aus ihrem orientalischen Kontext zu lösen, wie z.b. den Bauchtanz Tsifte-Teli, der als griechischer Fruchtbarkeitstanz uminterpretiert wurde.

Ein musikalisches Charakteristikum des ursprünglichen Rebetiko ist eine Schlichtheit und Minimalismus im Bereich der Instrumentalisierung, verbunden mit einem großen Freiraum für Improvisationen für alle Aspekte wie der Rhythmik, der Melodie, dem Text und auch dem Tanz als ein zentrales Gestaltungselement. Die Inhalte der Texte spiegelten die Lebensumstände von Randgruppen wieder, die ein Leben im Widerspruch zu etablierten Gesellschaftsnormen führten und insofern frei von deren Beschränkungen waren. Es waren aber keine romantischen oder politischen Idealbilder von Freiheit, die im Rebetiko zum Ausdruck kamen, sondern die Freiheit derjenigen, die ansonsten in ihrem Leben nicht mehr viel zu verlieren hatten. Prostituierte, Kriminelle, Verarmte oder Drogenabhängige. Trotzdem übte der Rebetiko auf weite Kreise der griechischen Gesellschaft, insbesondere den Bürgerlichen, einen großen Reiz aus.  Die Texte der Rebetiko-Kultur umfassten thematisch als größte Gruppe die Liebeslieder, gefolgt von dem „Herzschmerz“ – den Liedern der Trennung, eine weitere größere Kategorie stellten die Haschisch- und Unterweltlieder.

Rebetiko, „Rebetis“ wie er erstmalig 1950 lexikalisch erwähnt wird, umfasste sinngemäß die Bedeutung: „Vagabundieren, sein Leben ziellos hier und dort verbringen, übertrieben feiern und nicht arbeiten, schlechte Gesellschaft haben“. In Verbindung mit einer spezifischen Form von Musik, wurde dieser Begriff erst nach dem 2.Weltkrieg gebräuchlich, also erst zum entwicklungsgeschichtlichen Ende dieser Musikkultur. Innerhalb dieser Subkultur war die Figur des „Manges“ von zentraler Bedeutung, der eine Protagonistenrolle einnahm. „Manges“ als Begriff, war um die Mitte des 20 Jh. weit auslegbar und langte von der Definition „Mensch der Unterwelt mit provozierendem Benehmen“ bis hin zu „ Mann, der versucht sich durchzusetzen, in der Regel durch die Demonstration von Kraft und Männlichkeit“ Als Vorläufer des Manges kann die Figur des “Koutsavakis“ gelten, dessen Zeit in den letzten beiden Jahrzehnten des 19.Jh. lag.

Die Räuberei „Kleftouria“ war in der Gebirgsregion der griechischen Nordgrenze ein nicht zu kontrollierendes, weit verbreitendes soziales Phänomen, dessen Wurzeln in der osmanischen Herrschaftspraxis lagen, die darauf hinauslief, das durch die Verteilung von angesehenen Bandenchefs eine indirekte Kontrolle in den geographisch unzugänglichen Regionen ausgeübt wurde. Solche Räuberbanden hatten u.a. das militärische Rückrat der Unabhängigkeitskriege gebildet und einige ihrer Führer wurden zu Nationalhelden, so hat das griechische Wort „kleftis“ ähnlich wie „manges“ mehrere Bedeutungen. Einerseits die des Diebes, andererseits eine romantische, die des in den Bergen lebenden Freiheitskämpfers. Nach der Staatsgründung waren viele durch den lang andauernden Krieg entwurzelt und kehrten nicht in ihre ursprüngliche bäuerliche Lebenswelt zurück, fanden andererseits aber auch kein Auskommen im Polizeikorps und in der Armee, so dass sie eine neue Subkultur in den Städten bildeten.

Der sich daraus entwickelnde Typus des „Koutsavakis“, Vorläufer des „Manges“ hatten ein ähnlich ausgeprägtes machistisches Gehabe wie die argentinischen Gauchos und andalusischen Flamencos. Sie waren oft tätowiert, trugen Schnurrbärte und pomadisiertes Haar und verfügten über einen sehr ausgeprägten Dresscode. Der „Koutsavaki“ war „fränkisch“, d.h. europäisch gekleidet (Hose, Hemd, Jacke, Hut) und behielt als traditionelles Element aber die um den Bauch gewickelte Schärpe bei, in welcher er auch seine Waffen (ein Messer und manchmal eine Pistole) trug. Diese Schärpe wurde so getragen, das ein Ende auf dem Boden nachschleifte. Trat jemand auf diesen Stoff, so galt dies als eine schwere Beleidigung und führte in der Regel zum Duell. Das Jacket wurde in den Gassen der Städte, also im „offiziellen“ Rahmen nur über der linken Körperhälfte getragen. Der rechte Ärmel blieb leer, so dass mit einer einzigen Körperbewegung das Jacket um den linken Arm gedreht werden konnte um als Schutzschild in einem Messerkampfs zu dienen.

Nach dem ersten Weltkrieg erreichte Griechenland als einer der Siegerländer einen enormen Gebietszuwachs. Doch schon einige Jahre später entwickelte sich in der Verwaltungsregion Smyrna aus einem Partisanenkrieg mit der Türkei, ein regulärer Krieg, der 1922 zur vollständigen militärischen Niederlage der Griechen führte, in deren Konsequenz es zur Fluchtbewegung Hunderttausender kam und zur gegenseitiger ethnischer Säuberungen der jeweiligen Territorien. So musste Griechenland 1923 1,5 Millionen Menschen aufnehmen und ungefähr 0,5 Millionen Muslime wurden aus Griechenland vertrieben. Infolge dieser Entwicklung verbreiteten sich die orientalischen Musikstile des „cafe aman“, ursprünglich in Konstantinopel und Smyrna beheimatet, durch die Flüchtlinge in ganz Griechenland und gaben auch der Musik des Rebetiko wichtige Impulse. Viele der Flüchtlinge aus Kleinasien bevölkerten die Vorstädte um Athen und Pireäus und bildeten ein Milieu, das durch Armut, Unterbeschäftigung und Kleinkriminalität geprägt war und erweiterten so das Potential der „Rebetiko“, als soziale wie kulturelle Subkultur, erheblich. Die verstärkte Affinität zum Haschischkonsum und insbesondere der „Zeibekiko-Tanz“ des Rebetiko-Milieus lassen auf kleinasiatische Hintergründe schließen.

Die Plattenproduktion setzte 1924 ein. Käufer der für viele unerschwinglichen Schellackplatten, waren zum großen Teil die Betreiber der Tavernen und der „Cafe´s Aman“. Es gab auch sogenannte „gyrologoi“, die in Konkurrenz zu den Leierkastenmännern (dort „Laterna“ genannt) mit einem tragbaren Grammophon von Geschäft zu Geschäft gingen und gegen ein Entgelt Platten abspielten. Auch das Kino spielte eine Rolle als Multiplikator. Seit den 40er Jahren bot das Kino den schon etablierten Musikern die Möglichkeit, ihre Kompositionen in größeren Stil bekannt zu machen. So war in fast allen griechischen Schwarz-Weiß-Produktionen der 50er Jahre ein Besuch der Hauptdarsteller in einem Musikerlokal integraler Bestandteil der Filmhandlung. Der ursprüngliche Rebetiko unterlag seit den 30er Jahren aufgrund der Entdeckung durch die Plattenindustrie einschneidenden Veränderungen. Der neue Tonträger bedingte eine klare Rollenverteilung zwischen Musiker und Zuhörer. Diese klare Trennungslinie hat es in dem ursprünglichen Rebetiko, der in einem sozialen Milieu eingebettet war und vor allem aus seiner Improvisationskunst schöpfte, nicht gegeben. Der Zuhörer konnte an der Gestaltung der Lieder mitwirken, indem er mitsang oder sogar eigene Strophen mitein brachte. Das ursprüngliche Schemata der Textwiederholung begünstigte dies. Die gesamte Struktur des Liedes wurde neu definiert, die Strophenzahl wurde begrenzt, der inhaltliche Aspekt des Textes aufgewertet und die Begleitmusik verändert. Ein weiterer wichtiger Punkt war die mit der Kommerzialisierung einhergehende Festschreibung der Urheberrechte und des geistigen Eigentums. Nach der ersten Hälfte der 30er Jahre kam es zu einem generellen Rückgang der „Smyrneiko“-Musik, sowie zu einem fast vollständigen Verschwinden des „Amanes“-Stils aus der griechischen Plattenproduktion. Einerseits ein Indiz, das sich der allgemeine Musikgeschmack zu eher westlich geprägten Formen hin entwickelte. Anderseits bot diese orientalisch geprägte Musikkultur eine breite Angriffsfläche für die ideologisch motivierten Vertreter einer „Säuberung“ der griechischen Musik unter der Zensurbehörde der Metaxa-Diktatur in Griechenland.

Der Rebetiko besteht zum überwiegenden Teil aus Liedern und Melodien, die für den Tanz gemacht sind, allerdings charakterisiert nicht ein einzelner, sondern mehrere verschiedene Tänze diese Kultur. Da gibt es den „Chasaposervikos“, ein schneller Gruppentanz für eine variable Anzahl von Teilnehmern. Er besteht aus wenigen, einfachen Grundschritten und kommt dem Bewegungsbedürfnis auf unkomplizierter Weise entgegen. Bei einem weiteren Tanz dem „Chasapikos“ ist die Zahl der Tänzer auf zwei bis drei Personen beschränkt. Seine Bewegungen richten sich nach einem kreuzförmigen Schema mit den Bewegungsrichtungen rechts-links und vor und zurück. Dieser Tanz war in der Zeit zwischen den Weltkriegen ein sehr häufig verwendeter Tanzrhythmus im Rebetiko, da er sehr viel Raum für Improvisationen ließ, während heutzutage seine Schrittkombinationen festgelegt sind und er in die Folklore abgedrängt wurde. Der rebetische „Zeibekiko“ wird von einer einzelnen Person getanzt und hat keine verbindliche Tanzschritte. Ein reiner Männertanz mit dem Schwerpunkt  der individuellen Gestaltung und der Improvisation. Er gilt daher auch als Tanz des Ausdrucks der Persönlichkeit des Betreffenden und es wurde als unhöflich und beleidigend empfunden, wenn dieser Individualtanz durch Mittanzen gestört wurde. Der dominierende Rhythmus des „Zeibekiko“, wie des Rebetiko überhaupt ist der 3/8- Takt. Die Herkunft des Tanzes liegt in Kleinasien. Die Zeibekides, ein kriegerischer Volksstamm aus dem Umland Smyrna´s, die dem Tanz seinen Namen gaben, führten diesen Tanz ursprünglich als stilisierten Messerkampf auf, wobei sie sich gegenüber standen und sich jeweils in einer halbkreisförmigen Schrittrichtung folgten.

Der Name des Tanzes „Tsifte-teli“ stammt ursprünglich aus dem türkischen „cifte teli“, was u.a. doppelseitig bedeutete und auf eine spezielle Instrumentierung hindeutete, aber auch auf einen spirituellen Aspekt (in der Bedeutung von „2 Möglichkeiten“) verweisen konnte. Es bezeichnet einen bestimmten musikalischen Stil, der sein Äquivalent im arabischen „takasim“(wörtlich:“Trennung“) hat, ein Instrumentalsolo welches beim arabischen Bauchtanz zu finden ist.  Dieser Tanz beinhaltete verschiedene Formen des Bauchtanzes, die sich nicht durch eine einzige rhythmische Struktur darstellen lassen. Der Tsifte-teli war ursprünglich ein Frauentanz bei dem die Männer die Rolle der Zuschauer einnahmen. Diese Rollenverteilung wurde aber niemals so streng gehandhabt wie umgekehrt bei dem „Zeibekiko“, so dass dieser Bauchtanz in den 20er  und 30iger Jahren auch von Männern getanzt wurde. Der Tsifte-teli war wie der Amares-Stil ein Sinnbild für die orientalische Musik, so dass er auf erbitterte Gegner in Griechenland, vor allem aus den Reihen der orthodoxen Kirche stieß. Diese verdammte den Tanz als obszön und frivol –  Der einzige Tanz in welchem die Frau lächelt, während in den anderen traditionellen Folkloretänzen der tänzerische Ausdruck der Frau durch Zurückhaltung und niedergeschlagene Augen charakterisiert ist. Der Tsifte –teli ist im Gegensatz zu der verblichenen Rebetiko-Kultur lebendig geblieben. In den 50er Jahren erlebte er mit der aufkommenden Popularität indischer Musiker und Filme einen neuen Aufschwung. Durch Ähnlichkeiten in der rhythmischen Struktur mit dem traditionellen Gruppenrundtanz „Syrtos“, hat sich der sogenannte „Syrtos tsifte-teli“ entwickelt, der verstärkt auf dem Land getanzt wurde. Auch in den Musikclubs und Diskotheken sind die Bewegungselemente dieses Bauchtanzes auf der Tanzfläche präsent.

Zelepos Joannis, 1984,  « Rebetiko. Die Karriere einer Subkultur », Verlag Romiosine, Köln

Beispiele aus dem asiatischen Raum

Indien – Bharata Natyam

In seiner modernen Form nimmt der südindische Tanzstil in der indischen Gesellschaft den gleichen Stellenwert ein wie das Ballett in der westlichen Bühnenkultur. Beides sind klassische Künste mit klar definierten Standard und setzen bei den praktizierenden Tänzern ein vieljähriges, intensives Training voraus. Sie werden von der jeweiligen gesellschaftlichen Oberschicht gefördert und für die gebildete Mittelschicht gilt es oft als erstrebenswert, wenn ihre Töchter eine derartige tänzerische Ausbildung erhalten. Beide Tanzformen werden auf Konzertbühnen aufgeführt für die in der Regel  Eintritt zu zahlen ist und auch die Tänzer werden bezahlt. Der Baharata Natyam hat seinen Ursprung in Tänzen die eine wichtige Rolle in Tempelritualen spielten, eine Dimension die beim westlichen Ballett vollständig fehlt.

Der ursprüngliche Tempeltanz wurde von einer bestimmten Gruppe von Tänzerinnen, den  „Devadasis“ praktiziert. Die Stilisierung der Bewegung soll schon im 8 und 9. Jahrhundert begonnen haben und sich im Tempeltanz der Devadasis und den daraus hervorgegangenen Bharata Natyam am besten erhalten haben. In der „Natyasastra“, einen aus dem 5.Jh. n.Ch. stammenden Werk, welches sich mit Tanz und Theater befasst, werden neben den technischen Darstellungen des tänzerischen und schauspielerischen Ausdrucks auch detailliert die Grundlagen von Gefühlshaltung und Gefühlszustand beschrieben. Es geht darum wie die Tänzer/innen bestimmte Gefühlshaltungen „Bhavas“ hervorbringen können um bei den Zuschauern korrespondierende Gefühlszustände, die „Raras“ auszulösen. Es werden 8 Gefühlshaltungen unterschieden: Vergnügen, Lachen, Sorge, Zorn und Wut, Entschlossenheit und Kraft, Furcht, Abscheu und Ekel und zuguterletzt, Verwunderung. Jede dieser Haltungen muss im gesamten Körperausdruck und in der Mimik und Gestik, fein akzentuiert dargestellt werden können. Man unterscheidet die Bewegungen von Augenbrauen und Lidern, Nasenflügeln, Lippen, Backen und Kinn. Die Blicke sind alleine in 36 Formen systematisiert, in Verbindung mit 7 Möglichkeiten die Augenbrauen zu bewegen. Besonders detailliert sind die Figuren der Hände und Finger, man unterscheidet 64 ein- oder beidhändige Gesten, alle mit hohem Symbolgehalt, die für sich eine eigene Sprache darstellen. Desgleichen werden die verschiedenen Körperhaltungen und – bewegungen und Schrittfolgen detailliert beschrieben.

In diesem Zusammenhang  ist auch das ursprünglich im Sanskrit verfasste „Kamasutra“ (Leitfaden der Liebe) aus dem 4-6 Jahrhundert interessant. Es ist das älteste indische Lehrbuch der Erotik. Weitere Werke in diesem Kontext sind „Ananja Dranja“ von Kalyana Malla und „Al Raud al ativ wa nuzhat al khatir“ (The perfumed garden) von Shaykh Nefzwawi. Alle diese Werke sind in gewisser Weise detaillierte Handlungsanweisungen in Bezug auf die Techniken der Verführung, des Vorspiels und des Geschlechtsaktes, die zur Zeit ihrer Verschriftlichung im  spirituellen Kontext der indischen, wie auch der arabischen Kultur standen.

Bei der Grundposition des modernen Bharata Natyam sind beide Füße geschlossen auf dem Boden, während die Arme an den durchgestreckten Beinen liegen. Die Körperhaltung ist aufrecht. Bei der Stellung des Halbkreises sind die Füße seitlich ausgestellt, die Knie zu den Seiten hin gebeugt und die Arme entweder schräg nach unten gestreckt oder angewinkelt. Eine typische Schrittfolge ist, wenn die Fersen der nach außen gestreckten Füße beim Nach-vorne-gehen kräftig auf den Boden gestampft werden. Zurückgegangen wird auf den Zehen. Kopf, Nacken und Schultern bilden eine Körpereinheit, der Rumpf eine weitere. Er wird meistens nur zu den Seiten gebeugt. Die Arm und Beinbewegungen sollen imaginäre Dreiecke nachbilden. Jede Bewegungseinheit ist mit einer Lautsilbe benannt, die mit bestimmten Trommelschlägen korrespondiert.

In allen klassischen performativen hinduistischen Künsten ist die liebevolle fromme Hingabe (an einen Gott) , „bhakti“ genannt, die dominante Stimmung. Die Manifestation von bhakti wird meistens in der Sprache der Verliebtheit, „shringar“ dargestellt. Dies meint Liedtexte und Verse aber vor allen Dingen den Tanz, also die Körpersprache. Die so entstehende Erotik im Tanz der Devadasis wurde von ihnen selbst als göttliche Hingabe empfunden und war somit auch frei von einer moralischen Wertung. Die Devadasis konnten neben ihren Tempeldienst und obwohl sie mit einer Gottheit verheiratet waren, ein sexuelles Leben führen und Kinder bekommen. Die Heirat mit einem Mann war ihnen allerdings verboten. Die sexuellen Beziehungen waren unterschiedlicher Natur, es konnten langjährige Beziehungen zu einem oder mehreren Männer bestehen, wie auch kurzfristige Kontakte möglich waren. Gemeinsam war diesen Beziehungen oft eine vertragliche Regelung des Beziehungsverhältnisses. In diesem außerhäuslichen Vertrag wurden die materiellen Gegenleistungen für die sexuelle Beziehung festgelegt. Außerhäuslich bedeutete, dass die Devadasis keine Haushaltspflichten gegenüber dem Liebhaber zu erfüllen hatten und das der Mann keinen Anspruch auf die möglichen gemeinsamen Kinder hatte. Da die Devadasis mit einer Gottheit verheiratet waren konnten sie nicht zur Witwe werden und standen somit außerhalb des regulären indischen Geschlechterverhältnisses, das die Ehefrau nur an den Status ihres Mannes maß und sie mit seinen Tod oft in einen entrechteten Zustand zurückließ. Im Gegensatz zu regulären Ehefrauen konnten die Devadasis Besitz haben und waren gebildet während den meisten Frauen bis in die Neuzeit hinein der Zugang zur Bildung verwehrt wurde.

Ab 1912 gab es eine Kampagne von Indischen und Britischen Reformern die die Devadasis aus ihrer traditionellen Rolle (dem „Wassergeschäft“) in der indischen Gesellschaft drängen wollten. Der kulturelle Wert des Tanzes wurde erkannt, aber er wurde aus dem sozialen Kontext der Devadasis, dem Tempeltanz und  der sakralen Prostitution  herausgelöst. So wurde der Devadasis-Tanz 1933 bei der Konferenz der Musikakademie von Madras nicht mehr als Tempeltanz, sondern als eigenständiger Kunsttanz aufgeführt und auch erstmals als Bharata Natyam namentlich erwähnt. Rukmini Devi, eine gesellschaftlich hochgestellte Brahmin und Frau des Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft wurde in Folge zu einer der bekanntesten Darstellerinnen eines relativ puritanischen Bharata Natyam, auf dem Weg zu einer in der modernen Gesellschaft anerkannten Bühnenkunst. 1947, im Zuge der indischen Unabhängigkeit wurde der Tempeltanz und die Institution der Devadasis offiziell verboten. Der ursprüngliche Tanz wurde im Rahmen der, zunächst britischen, dann des allgemeinen Phänomens der Modernisierung, als nicht mehr gesellschaftsfähig angesehen. Die Devadasis in ihrer traditionellen Rolle, im speziellen mit ihrer rituellen Ehe zu einer Tempelgottheit, den tantrischen Ritualen und ihrem Verhältnis zur Prostitution wurden gesellschaftlich geächtet und moralisch verdammt. Substantielle Teile des Orginaltanzes wurden von verschiedenen Tanzschulen aufgenommen und der Tanz wurde von gebildeten Frauen, höherer Kasten, hauptsächlich Brahmins praktiziert. Die „öffentliche Meinung“ Indiens im 19. und 20. Jh. stellt die Devadasis als Jungfrauen dar, die ihr Leben ihrem Tempelgott, „Jaganntha“, eine Verkörperung von Visnu, widmeten. Die aber im Zuge der muslimischen Invasion und den daraus entstehenden politischen Verhältnissen moralisch korrumpiert wurden. So wurde es ab diesem Zeitpunkt üblich, das die Devadasis nicht nur im Tempel, sondern auch am königlichen Hof „arbeiteten“ und den Ruf von Konkubinen erwarben. Ein Verhältnis welches prostitutive Verhältnisse begünstigte, so dass die Devadasis oft in einem Atemzug mit Kurtisanen und Prostituierten genannt wurden. In der traditionellen indischen Gesellschaft galten die Devadasis als respektable Mitglieder derselben. Sie waren neben dem Tempel und dem königlichen Hof in vielen öffentlichen Positionen präsent. Ihre Rolle als Konkubine setzte eine außerordentliche Bildung voraus, die für die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft eher unüblich war und sich vergleichen lässt mit der der traditionellen japanischen Geisha und der griechischen Hetäre.

Baldissera, Fabrizia 1988, „Der indische Tanz“ ,  Dumont Verlag

Faulstich Werner, 1994,, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick

Marglin, Frederique Apffel   1985, „Wives of the God-king – The ritual of the Devadasis of Puri“, Oxford University Press, New Dheli

Das japanische Kabuki-Theater

Die chinesischen Schriftzeichen, die das Wort „Kabuki“ bilden, bedeuten ,,Lied, Tanz und künstlerisches Können“, abgeleitet von dem Wort „kabuku“ – abwiegen, im übertragenen Sinn: übertreiben einer Neigung mit Erotik, Exzentrizität

Das Kabuki hat seinen mythologischen Hintergrund in dem Tanz der Göttin Inari mit dem sie die Sonnengöttin Amaterasu, welche sich in einer Höhle verborgen hielt, hervorlockte und somit der Welt das Licht wiedergab. Während des Tanzes entblößte Inari ihre Scham und rief so das Gelächter der Götter hervor. Das Kabuki, welches neben dem Bungaku, Nô, Kyôgen und dem  Bunraku-Puppenspiel in Japan als eine der traditionelle Theaterformen gilt, hat seinen Ursprung in den Aufführungen des onna-kabuki oder yujo (Prostituierten)-Kabuki, welches um 1556 von einer Priesterin des Izumokultes in der Region um Kyoto begründet wurde. Diese Priesterin soll mit einer Theatergruppe, die größtenteils aus weiblichen Prostituierten bestand, erotische und humoristische Tänze aufgeführt haben, die der burlesken Unterhaltung und der Kundenwerbung dienten. Eine wichtige Rolle nahm bei diesen Tänzen die Komik ein, die durch das Prinzip der Umkehrung der Geschlechterrollen entstand. In den ersten 50 Jahren seiner Existenz bestand das Kabuki fast ausschließlich aus Tanzdarbietungen und erlangte eine große Popularität und Verbreitung in ganz Japan. Da durch diese Aufführungen die offiziellen Moralvorstellungen und die gesellschaftliche Rangordnung öfters in Frage gestellt wurden, kam es zu Auftrittsverboten durch die Behörden, bis dann 1629 diese erste Form des Kabuki vom Tokugawa Shogunat verboten wurde.

Daraufhin setzte das wakashu kabuki (Kabuki der jungen Männer) diese Theaterform fort und war ähnlich erfolgreich bei den Zuschauern. Auch beim wakashu kabuki prostituierten sich viele der Darsteller, weshalb 1652 diese Form des Kabuki ebenso verboten wurde. Das Shogunat forderte, das das Kabuki erst nachhaltigen Reformen unterworfen werden sollte, bevor es fortgesetzt werden konnte. Daraufhin forcierte man eine Entwicklung in welcher der Dialogstil, Schauspieltechniken und der Realismus des kyogen des No-Theaters  in den Kabukistil eingingen. So entwickelte sich das Kabuki von der Aufführung einer Reihe von Musik begleiteten Tänzen zu einer neuen Form des Dramas. Im No-Theater, einem sehr formellen Drama, spielten die Kyogenfarcen eine wichtige Rolle indem sie die Tragik und Ernsthaftigkeit des No konterkarierten und so neben der ernsthaften Rezeption des Stückes Raum für ein befreiendes Lachen schufen.

Mit diesem Schritt wurde eine entscheidende Phase des Kabuki vollzogen, in der alle wesentlichen Züge dieser Theaterform in ihren Tendenzen und Entwicklungen bereits festgelegt wurden. Bei diesem sogenannten yaro (Männer-) kabuki  war es nur noch erwachsenen Männern erlaubt als Darsteller aufzutreten. In diesem Zeitraum nahm das onnagata Rollenfach, die Darstellung von Frauenrollen durch Männer an Bedeutung zu. Das ging soweit, dass sich in puncto Mode und Benehmen die Frauen der Edozeit sogar an der onnagata-Darstellung im Kabuki orientierten. In Bezug auf einen provokativen und erotischen Charakter des darstellenden Spiels und auf die Begleiterscheinung der Prostitution, wurde das Kabuki streng reglementiert, so dass diese Tendenzen bald der Vergangenheit angehörten. Das Kabuki entstand als ein kommerziell ausgerichtetes Theater, welches sich an der Nachfrage des Publikums orientierte. Dieser Haltung entsprang eine Flexibilität, die es ermöglichte schnell neue oder Elemente anderer Theaterformen in sich aufzunehmen. Während der ersten Entwicklungsphasen wurde es besonders durch das No- und das Puppentheater, welches sich fast zeitgleich zum Kabuki entwickelte, beeinflusst. So wurden die einfachen Texte vieler No-Stücke und der joruri, Erzählungen, die während des Puppentheaters des Bunraku rezitiert wurden, in modifizierter Form aufgenommen.

Ab dem 17. Jh. hatten sich zwei Hauptkategorien der Darstellung herausgebildet: die jidaimono, welche zeitlich vor der Edoperiode (1603-1867) spielen und sich mit dem Leben der Aristokraten und Samurai beschäftigen und die sewamono, erst später entstandenen zeitgenössischen Stücke die in der Edozeit spielen und auf aktuellem Zeitgeschehen basierten und soziale Problemen reflektierten. Die Zusammenstellung der Stücke spielte im Tagesprogramm eine wichtige Rolle. So musste erst ein historisches Stück gezeigt werden, was von einem zeitgenössischen Stück gefolgt werden sollte. Dabei kontrastierte das informelle, lockere zeitgenössische Stück das formale, hoch stilisierte und zeremonielle historische Stück. Pantomime und Tanz hingegen, die sogenannten shosagoto, die in der Anfangszeit das Kabuki charakterisierten, hatten nur noch eine zweitrangige Bedeutung.

An die Schauspieler stellte das inzwischen hochstilisierte Kabuki hohe Anforderungen. Im traditionellen Rahmen beginnt die Schauspieler-ausbildung im Kindesalter und gilt erst mit ca. 50 Jahren als abgeschlossen. Das Repertoire eines ausgebildeten Kabukischauspielers beläuft sich auf mehr als 300 Stücke, die er lediglich mit Hilfestellung eines Bühnenassistenten, dem kurumbo, zu spielen imstande ist.  Im Kabukispiel haben Kostüme, Maske und Musik einen wichtigen Stellenwert. Mit Hilfe des Kostüms, beispielsweise, vollzieht der Schauspieler, neben seinen hochtrainierten Möglichkeiten des Körperausdrucks, Verwandlungen der dargestellten Person und des Charakters. Die hohe Stilisierung kommt sehr exemplarisch in den Auf- und Abgängen und der komplexen Choreographie von Kampf- und Mordszenen zum Ausdruck, ebenso wie in der Darstellung von Nachtszenen, welche nicht durch Veränderung der Lichtverhältnisse auf der Bühne angedeutet werden, sondern durch eine Verlangsamung der Bewegungen der Akteure, wobei der Fußtechnik eine entscheidende Bedeutung zukommt.

Richter, Liana: 1999 „Das Kabuki-Theater“, Semesterarbeit, Institut für Theaterwissenschaft, Universität Leipzig

Afrikanische Einflüsse

Exkurs Sklaverei

Aufgrund der Tatsache, dass die afroamerikanische Kultur über die US-Kulturindustrie einen bedeutenden Einfluss auf die Musik- und Tanzkultur Europas genommen hat, folgt ein kleiner Exkurs zum Thema Sklaverei um die Hintergründe und Vorraussetzungen dieser Entwicklung besser verstehen zu können. Der heutige Forschungsstand geht von mindestens 9,8 Millionen Afrikanern aus, die in dem Zeitraum 1451-1870 in die europäischen Kolonien verschleppt und versklavt wurden. Die zahlreichen Todesfälle während der Gefangennahme und des Transports nicht mitgerechnet. Allein auf das 18.Jh. fallen 36% aller Sklaventransporte, wobei ein direkter Zusammenhang zwischen dem Aufbau englischer und französischer Zuckermanufakturen und dem vermehrten Import afrikanischer Menschen als Zwangsarbeiter bestand. Die USA und England verboten in den Jahren 1806/7 den transatlantischen Sklavenhandel. Dennoch gelangten weiterhin etwa 28,5%, ca. 3,3 Millionen Sklaven nach Amerika. Frankreich beteiligte sich, bis zur Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1848, an diesem Geschäft. In Brasilien wurde die Sklavenbefreiung erst 1851 und auf Kuba erst 1862 durchgesetzt.

Sklaverei war schon im römischen Italien weitverbreitet und das römische Italien wird neben dem alten Griechenland als eine der traditionellen Sklavenhaltergesellschaften klassifiziert. In der Zeit der römischen Expansion kam es zu einer Eigentumskonzentration in den Händen weniger, in deren Folge sich große landwirtschaftliche Güter entwickelten, die an den Expansionskriegen verdienten, während die kleineren Güter die Hauptlast der Kriege (z.b. durch Kriegsdienst) zu tragen hatten. Diese Kriege waren das Hauptrekrutierungsmittel für Sklaven, die dann auf den großen ‚Gütern als Sklaven eingesetzt wurden. Der Kaufpreis eines Sklaven soll den Wert der Lebenserhaltungskosten einer durchschnittlichen römischen Bauerfamilie von 4 Jahren entsprochen haben. Trotzdem scheint dies rentabel gewesen zu sein, da, erstens, die Sklaven keinen Militärdienst leisten mussten, der die Bauern oft jahrelang von der Feldarbeit fernhielt und da die Sklaven zu „permanent Workgroups“ zusammengesetzt werden konnten, die die mehrfache Größe von Bauernfamilien erreichen konnten, mit denen dann eine Spezialisierung im Arbeitsprozess möglich wurde. Der geschätzte prozentuale Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung soll von 15% im Jahr 225v.Ch. auf 35% im Jahr 31 v. Ch. gestiegen sein.

In den folgenden Jahrhunderten verschwanden Sklaven und Sklavenhandel niemals vollständig aus Europa. So sollen im 10. Jh. ca. 15% der über 22 Millionen Einwohner Europas Sklaven gewesen sein. Für die Beschaffung dieser „Handelsware“ sollen hauptsächlich wikingerische Handelspiraten zuständig gewesen sein, die durch Krieg, Piraterie oder Handel für ständigen Nachschub sorgten. Auch Genuesen und Venezianer haben während des Mittelalters einen ausgeprägten Sklavenhandel betrieben, hauptsächlich mit Menschen aus dem Schwarzmeergebiet, aber auch in Regionen Nordafrikas. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Moslems in der Region des heutigen Spaniens, waren ebenfalls mit gegenseitiger Versklavung verbunden.

Der orientalische Sklavenhandel hatte drei geographisch getrennte Zweige: der Handel über das Rote Meer, der über den indischen Ozean und den Transsahara- Handel, die zusammen Märkte in Nordafrika, Arabien, Persien und Indien versorgten. Durch den Aufstieg des Islams kam es seit dem 7.Jh. zu einer Intensivierung und Ausweitung des Sklavenhandels in Afrika, wobei Sklaven immer nur ein „Exportgut“ unter vielen Handelsgütern waren. Nach einer versuchten Auswertung der dürftigen Quellen, wird der Sklavenhandel in diesen Regionen auf folgende Volumen geschätzt: Rotmeer-Handel (650-1920)- 4,1 Millionen Menschen, Handel über den indischen Ozean (650-1920)- 3,9 Millionen und für den Transsahara-Handel im Zeitraum 900-1400, 2,8 Millionen Menschen und in den Jahren nach 1800 nochmals 1,2 Millionen Menschen. Damit dürfte der orientalische Sklavenhandel in seiner Gesamtheit ein ähnliches Volumen wie der Transatlantische gehabt haben, obwohl es sich über einen weitaus größeren Zeitraum erstreckte und dementsprechend weniger negative demographische Auswirkungen in Afrika gehabt haben dürfte. Im Unterschied zu den transatlantischen Plantagen- und Bergbauwirtschaften wurden die Sklaven in den arabischen und islamischen Ländern nicht hauptsächlich als Arbeitskräfte in der Primärproduktion eingesetzt, sondern in einer Vielzahl von Berufen, ganz unterschiedlichen sozialen Ranges. Viele der Männer kamen als Soldaten oder Beamte zum Einsatz, weitaus wichtiger waren aber die Hausarbeiten und reproduktiven Funktionen, die den Unfreien im Orient zugedacht wurden. So bestand in Ägypten des 19.Jh. die Sklavenbevölkerung zu 2 Dritteln aus Frauen, was wahrscheinlich für den gesamten islamischen Bereich typisch war. So wurden im Orient auch höhere Preise für Sklavenmädchen und Frauen erzielt, während in Amerika genau umgekehrte Verhältnisse bestanden. Es zählte die reine Muskelkraft und männliche Sklaven kosteten bis zu einem Viertel mehr als die weiblichen.

Sklaverei war auch in den ursprünglichen afrikanischen Gesellschaften weit verbreitet, stand dort aber  in einem ganz anderen Kontext als die europäische Form der karibischen und amerikanischen Sklaverei, die den Afrikaner in der Regel für immer als ein entrechtetes und sozial deklassiertes Wesen klassifizierte und sich streng von ihm abgrenzte. In den traditionellen afrikanischen Gesellschaften in denen die erweiterte Familie bzw. der Stamm das grundsätzliche Ordnungsprinzip der Sozialbeziehungen bildete, war die Sklaverei als eine Institution neben anderen zu sehen, wie Klientelbeziehung, Schuldknechtschaft und auch das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern, die sich aus der Perspektive der Betroffenen allesamt durcheine Einschränkung ihrer Rechte zugunsten des Familienoberhauptes auszeichnen. Die Nähe zu den verschiedenen Formen von Abhängigkeiten machte bei den Sklaven eine Statusänderung möglich. Über einen längeren Zeitraum war eine teilweise Integration der Sklaven, bis hin zur vollständigen Assimilation in die Verwandtschafts-gruppen des Herrn- und somit in die Gesellschaft- sogar die Regel.

Ein ideologisches Fundament des europäischen Sklavenhandels wurde im Jahr 1494 beim Vertragsabschluß  von Torderillas, (unter Vermittlung des Papstes Alexander VI) der die entdeckten und noch zu entdeckenden Gebiete der „Neuen Welt“ in eine spanische und eine portugiesische Einflusssphäre unterteilte, mit einer gleichzeitig stattfindenden Erneuerung des Erlasses von Papst NikolausV (aus dem Jahr 1452), geschaffen. Dieser Erlass hatte den damaligen König Alfons von Portugal ermächtigt, „alle Heiden“ zu unterwerfen, sie zu berauben und zu versklaven. Spanisch-Amerika war bis Mitte des17.Jh. der nach Brasilien wichtigste Abnehmer von Sklaven. Die Spanier hielten den Sklavenhandel unter der strikten Kontrolle des königlichen Monopols und versuchten ihn auf die Häfen Buenos Aires, Cartagena und Portobello zu beschränken. Sie vergaben Lizenzen, sogenannte „asientos“, die zum Sklavenhandel berechtigten. Der Verkauf dieser Handelsrechte stellte für das spanische Königshaus eine wichtige Einnahmequelle dar. Bis 1640 waren diese „asientos“ in portugiesischer Hand, dann für kurze Zeit in französischer, bis dann mit einem Wechsel der politischen und militärischen Machtkonstellationen, England im Jahr 1713 diese Handelsberechtigung für die Summe von 7,5 Millionen Pfund erwarb. Im Zuge dieser Entwicklung wurde das Monopolrechtssystem angefochten und es kam bis 1789 zu einer Freigabe des Sklavenhandels durch die Regierungen der einzelnen europäischen Länder (1698,England/1714, Frankreich/ 1770, Portugal/ 1789, Spanien).

Die Kolonisation Amerikas, vor allem des südlichen Kontinents, ging in ihrer Anfangsphase mit einem massiven Rückgang der ursprünglichen einheimischen Bevölkerung einher, die sich durch die europäischen Eroberer, mit Krieg, Zerstörung ihrer Gesellschaftssysteme, Sklaverei und unbekannten Krankheiten konfrontiert sahen. Die Bevölkerung der karibischen Inseln, beispielsweise, soll nach dem Historiker Gonzalo Fernandez de Oriedo (1548) über eine Million Menschen betragen haben, während moderne Demographen sogar eine ursprüngliche Bevölkerungszahl von 7-8 Millionen für möglich halten. Innerhalb weniger Jahre, nach Inbesitznahme durch die Europäer, wurde das Land fast komplett entvölkert, so dass 1520 gerade noch 20 000 und bis 1550, weniger als 500 Menschen überlebt hatten. Im Zuge der weiteren expansionistischen Kolonisationsbestrebungen griff diese Entwicklung auf das amerikanische Festland über. So soll in Zentralmexiko im Zeitraum zwischen 1519 und 1605, die Bevölkerung von ca. 25,3 Millionen, auf  1 Million Menschen zurückgegangen sein und in Peru sollen zwischen 1520 bis 1630 von über 3,3 Millionen Menschen nur knapp über 600 000 überlebt haben.

In Afrika bemühte man sich seitens der Kolonialgewalt, über die Missionsstationen, um eine Christianisierung der Afrikaner. Hierzu wurden Elemente der afrikanischen Musik und des Tanzes benutzt, um eine offizielle Folklore in einem christlichen Sinnzusammenhang zu konstruieren. Aus dem reichhaltigen Repertoire der afrikanischen Tänze, wurden die eindeutig sexuell geprägten, weitgehend verboten und eliminiert, während andere Tänze, im Sinne dieses neuen Kontextes gefördert wurden. Des weiteren bediente man sich des Pomps und Zeremonienreichtums der spätmittelalterlichen Kirche um die Afrikaner zu beeindrucken und ihrer Vorliebe für spektakuläre, farbenprächtige Umzüge, entgegenzukommen. In dem Zusammenhang des neu entwickelten afrikanischen Gottesdienstes nahmen neben dem Gesang auch die afrikanischen Instrumente einen wichtigen Stellenwert ein, die neben den abendländischen Klarinetten, Flöten und Trompeten, zu beliebten Orchesterbestandteilen der in Afrika vielfältig entwickelten Gospelbands wurden.

1559 setzte die Masseneinfuhr afrikanischer Sklaven nach Brasilien ein. 1600 belief sich die Zahl afrikanischer Sklaven bereits auf 20 000. Anfang des 17. Jh. begann das Zeitalter der Zuckerrohrindustrie mit dementsprechender erhöhter Nachfrage an Sklaven als Arbeitskräfte. An die. 350 000 Afrikaner sollen im 17. Jh. nach Brasilien verschifft worden sein. Um die Mitte des 18. Jh. „importierten“ die Portugiesen jährlich 40 000- 50 000 Sklaven nach Brasilien. Die Hauptquellen für den Sklavenhandel nach Brasilien waren Angola und der Kongo. Für Angola wurde der Sklavenhandel zur wirtschaftlichen Grundlage. Ende des 18.Jh. kamen mehr als 88% aller in den Kolonien erzielten Einkünfte aus dem Sklavenhandel. Auch Mocambique war in dieser Entwicklung integriert, aber im geringeren Maße, da die Transportwege länger waren und die Kosten so höher lagen. Ein Viertel des gesamten portugiesischen Sklavenhandels entfiel auf die Küste vor Oberguinea, wo die Portugiesen noch über befestigte Stützpunkte verfügten. 1792 beutete man in Brasilien die Arbeit von etwa 600 000 afrikanischen Sklaven aus. Jährlich wurden allein Anfang des 19.Jh. in Rio de Janeiro 21 000 Sklaven an Land gebracht. Bis zum Verbot des Sklavenhandels im Jahr 1850 sollen bis zu 12 Millionen Afrikaner nach Brasilien verschifft worden sein.

Das erste europäische Fort an der westafrikanischen Küste wurde von den Portugiesen im Jahr 1482 errichtet. 1520 entstanden die ersten Küstensiedlungen in Angola. Portugal und Spanien stiegen in den Jahrhunderten der großen geographischen Entdeckungen zu See- und Weltmächten auf. Später brachen in das Privileg des Überseehandels der Portugiesen und Spanier die anderen Kolonialmächte ein. Seit 1517 die Niederländer und bald darauf die Briten und Franzosen. Den portugiesischen und spanischen Eroberungen waren von der Geschichte in die Funktion eines Vorreiters zugewiesen worden. Die eigentliche Geschichte kapitalistischer Kapitalexpansion begann mit den holländischen, britischen und französischen Handelskompanien, die im 17. und 18. Jh. zu den Hauptakteuren der überseeischen Politik wurden.

Die europäische Kolonialexpansion führte in direkter Folge zum transatlantischen Sklavenhandel. Die europäischen Plantagen und Bergbauwirtschaften in Übersee und damit eine der Haupttriebfedern des sich neu konstituierenden Welthandels, stützten auf die Sklavenarbeit. Der von der Mitte des 15.Jh. bis in das 19.Jh. hinein betriebene transatlantische Sklavenhandel wurde, demographisch gesehen, zu einer der größten Wanderungsbewegungen überhaupt, der zu einer massiven Umverteilung von Bevölkerungspopulationen in der gesamten Welt führte. In der Neuzeit, im Zuge der industriellen Revolution, erreichte der Sklavenhandel in den Bereichen des Zuckerrohrs und später der Baumwolle, eine enorme Bedeutung. Nach dem sklavenfreien Anbau von Zuckerrohr durch die Araber und dem „gemischten“ Anbau auf den Mittelmeerinseln und Sizilien, setzte sich, unter Leitung der Europäer, der Anbau mit Sklaven auf den Atlantikinseln Madeira, Kanaren und Sao Tome´ durch.

1456 wurde dieser Zucker erstmalig nach England importiert und bereits 1490 hatte das Augsburger Handelshaus Welser enge Kontakte mit Madeira. Der Zuckerrohranbau wanderte bis auf die Inseln der Karibik und nach Südamerika. Er wurde sozusagen mit der zunehmenden Ausdehnung der europäischen Einflusssphäre vor sich hergeschoben. In dieser Peripherie erfüllte die Sklaverei  am Anfang ihre Aufgabe als rentable Form einer ausgelagerten Luxuswarenproduktion, bis Zucker dann zu einem Massenartikel und einem gemeinen Konsumgut wurde. (Zucker war die längste Zeit in der menschlichen Ernährung ein Luxusprodukt und „süß“, die Anreicherung von Lebensmitteln mit Rohrzucker, Honig oder Trockenfrüchten, war für einen Großteil der Bevölkerung etwas besonderes.)

Auch das kaiserliche Deutschland, im speziellen Hamburg, waren in Geschäften in Afrika involviert und nützten die dortigen Verhältnisse des Sklavenmarktes um sich billige Arbeitskräfte einzukaufen. Um ca. 1850 hatte sich die Hamburger Reederei- und Handelsfirma C. Woermann in Westafrika zu einem der größten Handelshäuser entwickelt. Sie besaß u.a. Faktoreien und Plantagen in Liberia, Kamerun und Gabun. Eine eigene Schifffahrtslinie, deren Dampfer auch für die anderen Handelshäuser in regelmäßigen Liniendienst verkehrten, führte durch das Kongobecken und Westafrika. Seitens der Hamburger Firma wurde vor allem Palmöl und Palmkerne exportiert. die Reederei Woermann war an der von der deutschen Regierung subventionierten „Deutsche Ostafrika-Linie“ beteiligt. Der Inhaber der Firma, Adolph Woermann, war damals Aufsichtsratmitglied in der Norddeutschen Bank und der Brasilianischen Bank in Hamburg und Mitglied der Direktion der Disconto-Gesellschaft Kg, Berlin und der norddeutschen Versicherungsgesellschaft Hamburg.

Diese Plantagenwirtschaften mit Sklaven als Arbeitskräften wiesen von der Kapitalkonzentration und der Form der Arbeitsorganisation – so der sich ergänzende Einsatz von gelernten und ungelernten Arbeitskräften und der Zeitfaktor bei er Produktion (der durch die Natur des Zuckerrohrs und dessen Verarbeitungserfordernissen bereits wirksam war) Merkmale der industriellen Produktionsweise auf. Wenn man zusätzlich den Sachverhalt der Trennung von Produktion und Konsument und von Arbeiter und Werkzeug in die Überlegung mit einbezieht, könnte man zu dem Schluss kommen, dass diese Form der Plantage eine Art Vorreiterfunktion auf dem Gebiet der Produktionsorganisation innehatte. Durch die einseitige wirtschaftliche Ausrichtung der Zuckerinseln waren diese nicht in der Lage sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen, so dass irischen Viehzüchtern und nordamerikanischen Bauern und Fischern größere Absätze ermöglicht wurden. Bei den betreffenden vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen, ist auch der Aufbau von Zuckerraffinerien erwähnenswert  (z.B. in London, Liverpool, Glasgow, Edinburgh und Bristol). Allein in Manchester des Jahres 1788 sollen ca. 36 000 Arbeitsplätze vom Afrika- und Westindienhandel abhängig gewesen sein.

England wie auch Frankreich versuchten zunächst über den Tabakanbau und –export die neuen Besitzungen mit Kolonisten aus dem eigenen Land zu besiedeln. Allerdings war der Kostenaufwand für die meisten Ausreisewilligen viel zu hoch. Alleine die Überfahrtskosten übertrafen beispielsweise das Jahreseinkommen einen englischen Kleinbauern. Doch man behalf sich mit dem System der Schuldknechtschaft. Mittellose Auswanderer verdingten sich für ca. 4-7 Jahre an einen Auswandererunternehmer oder Kolonie- bzw. Plantagenbesitzer. Während dieses Zeitraumes mussten die Schuldknechte gegen Kost und Logis bei ihren vertraglich festgelegten Arbeitgeber arbeiten, den sie in dieser Zeit auch nicht wechseln durften. Danach waren sie frei und konnten versuchen mit der ihnen am Ende des Vertrages ausgezahlten Ablösesumme, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Bis Mitte des 18.Jh. stellten die Schuldknechte die Mehrheit der europäischen Einwanderer in der Karibik und Britisch-Amerika. Etwa eine halbe Million Europäer, das waren 50-70% aller Einwanderer in der Kolonialperiode des 17. und 18. Jh. kamen auf diese Weise in die Neue Welt. Die Mehrheit von ihnen ging schließlich nach Nordamerika. Im 18.Jh. gingen die Initiativen, was den transatlantischen Sklavenhandel betraf, an die großen europäischen Reeder und Handelshäuser über. England war mit einem Anteil von 41,3% zur führenden Sklavenhandelsnation aufgestiegen. Es folgten Portugal mit 29,3%. Frankreich mit 19,2% und Holland mit 5,7%. Die wichtigsten Hafenstädte in Nordeuropa über die dieser Handel abgewickelt wurde waren Bordeaux, La Rochelle, Le Havre, London und die größten Nantes und Liverpool. (Im Zeitraum 1756-1786 gab es in Nantes 480 Abfahrten und in Liverpool über 1800)

Dieser Sklavenhandel war ein Dreieckshandel, der organisatorische Erfahrung, weitreichende Geschäftsbeziehungen und viel Kapital benötigte. Von den europäischen Heimathäfen segelten die 2 oder 3-Mastschiffe mit einer Kapazität von weniger als 200 Bruttoregistertonnen nach Afrika, wo es Monate dauern konnte, bis die mitgeführten Waren gegen Sklaven eingetauscht wurden. Woll- und Baumwollstoffe machten über 50% dieser Waren aus, weitere wichtige Exportgüter waren Alkohol und Waffen. Da oft ein mehrmaliges Ankern an verschiedenen Handelsplätzen nötig war um jeweils auf die unterschiedlichen Macht- und Marktverhältnisse eingegangen werden musste. Dann erfolgte die Überfahrt nach Amerika und der Südsee, wo die Sklaven in den Hafenstädte der Kolonien verkauft wurden und die Schiffe mit Exportprodukten beladen wurden, die dann wieder ihre Heimathäfen ansteuerten, wo sie nach 15-18 monatiger Fahrt wieder eintrafen. Man kann von ca. 9,8 Millionen eingeführten Sklaven ausgehen, von denen 3,1% in der Periode bis 1600, 16% im 17.Jh. und 52,4 im 18.Jh. transportiert wurden, was den Zusammenhang zwischen dem Aufbau der englischen und französischen Zuckerkolonien und dem Sklavenhandel im 18.Jh. verdeutlicht.

In der Periode von 1501-1600, als Portugal und Spanien noch die einzigen Abnehmer waren, wurden jährlich 1600, in dem Zeitraum 1601-1625, ca. 10500 Afrikaner an amerikanische Sklavenhalter verkauft. Im Zeitraum 1741-1810 waren es jährlich mehr als 60 000 Menschen. Für jeden Europäer, der vor 1820 nach Amerika zog, kamen mindestens vier Afrikaner ins Land und die Europäer erreichten nur in wenigen Regionen eine knappe Mehrheit, so in dem Gebiet der heutigen USA, wohin 651 000 Europäer und 550 000 Afrikaner gekommen waren und erst mit dem Beginn der europäischen Massenauswanderung seit der Mitte des 19.Jh. wurde Nordamerika zu einem „weißen“ Kontinent, als der er heute immer noch von vielen gesehen wird.

Als sich für die französischen und englischen Kolonien um die Mitte des 17.Jh. im Zuckerrohranbau weitaus bessere Gewinnaussichten eröffneten als im bisher vorherrschenden Tabakanbau, kam es zu Entwicklungen mit weitreichenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Das entstehende Großgrundbesitzertum verdrängte die Kleinsiedler und es kam zu einer massiven Land- und Kapitalkonzentration in die Hände weniger. Im Zuge dieser Entwicklung wurden die europäischen Arbeiter, hauptsächlich Schuldknechte, durch afrikanische Sklaven ersetzt. Am Beispiel von Barbados lässt sich diese Entwicklung verdeutlichen. 1645 gab es 36 000 weiße Einwohner auf dieser Insel, davon waren 11 200 als Grundbesitzer und 10 000 als Schuldknechte ausgewiesen. Schon zu dieser Zeit arbeiteten 6000 Sklaven auf Barbados. Infolge der wirtschaftlichen Umstellung auf die Zuckerindustrie (35 Jahre später wurden auf Barbados jährlich 8000 Tonnen Zucker produziert) war die weiße Bevölkerung auf 17 187 gesunken, von denen nur 3044 über Grundbesitz verfügten. Die Zahl der Schuldknechte war auf 2381 gefallen, die Zahl der afrikanischen Sklaven auf 46 602 gestiegen. Bestimmend für die Verhältnisse waren zu dieser Zeit 175 Großgrundbesitzer, die über mehr als die Hälfte des landwirtschaftlichen Bodens und über mehr als die Hälfte aller unfreien Arbeitskräfte verfügten. In ihrer Geschlechts-verteilung wie auch im Altersaufbau war die Sklavenbevölkerung sehr unausgewogen. Die Männer, vor allem in den Altersklassen zwischen 18-40 waren massiv in der Überzahl, so dass die Zahl der Todesfälle die der Geburten in der Regel übertraf. Unter den Neuankömmlingen war die Sterberate sehr hoch und die Lebenserwartung, bsp. auf Jamaika, lag 1730 bei 30 Jahren, um 1810 bei ca. 40 Jahren.

Die Stufen des sozialen Zusammenlebens der Sklavengesellschaften waren bestimmt durch den jeweiligen Entwicklungsstand der Plantagenwirtschaft. In der Phase des Aufbaus, mit großen, jährlichen Sklavenimporten, war die Sterberate sehr hoch, die Lebenserwartung niedrig und die Behandlung durch den weißen „Herrn“ schlecht. Mit dem erreichen der Produktionskraft und dem Übergang zu einer natürlich wachsenden Bevölkerung kam es automatisch auch zu vermehrter Familienbildung.  Als die Sklavenpreise in der zweiten Hälfte des 18.Jh. stark anzogen, erkannten die Pflanzer den wirtschaftlichen Wert der Sklavenfamilien im Zusammenhang von höheren „inneren Produktionsraten“. So kam es in der Zeit nach 1770 zu einer Reihe von sogenannten Verbesserungsgesetzen, bezüglich des Nahrungsmittel-anbaus, der Krankenfürsorge und dem Schutz der Mütter und Kinder. Auf diese Weise versuchte man auch den Abolitionisten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sklavenheiraten wurden von den Besitzern geduldet.

Im 17.Jh. förderte die katholische Kirche in den französischen Kolonien die Sklavenheiraten und der „Code noir“, ein 1685 erlassenes Edikt, welches in den frankophonen Raum rechtsgültig war, erkannte die Heirat unter Sklaven an und verbot sogar die Familientrennung durch Einzelverkauf. Andererseits veranlasste dieser Code Noir bei vorrübergehender Flucht folgende Strafen: für einmonatige Abwesenheit – Auspeitschen und Brandzeichen auf der Schulter, für zweimonatige Abwesenheit – Amputation eines Beines und Brandmarkung – und darüber hinaus, die Todesstrafe. In den weißen Teilgesellschaften der Karibik standen die reichen Pflanzer und Plantagenbesitzer an der Spitze der sozialen Hierarchie. Sie bestimmten das soziale und politische Leben und nicht zuletzt die Wirtschaft in den Zuckerkolonien. Im Unterschied zu den Siedlern in Nord- und Südamerika betrachteten diese die Kolonien aber nicht als neue Heimat, sondern als bloße Zwischenstation auf dem Weg zum Reichtum und einem privilegierten Leben in den europäischen Metropolen. So war es seit der Mitte des 18.Jh. die Norm, das die größeren Plantagenbesitzer sich in der alten Heimat niederließen und ihre Besitzungen von Verwaltern betreuen ließen, so dass die kolonialen Niederlassungen im karibischen Raum in jeder Hinsicht von dem jeweiligen europäischen Mutterland abhängig blieben. Bei den Großgrundbesitzern in der englischen Karibik handelte es sich überwiegend um soziale Aufsteiger aus dem Bürgertum, während auf den französischen Antillen die Mehrheit der Plantagen Personen aus dem Adelsstand gehörte.

Das Problem der Lebensmittelversorgung der Sklaven wurde oft dadurch gelöst, indem man ihnen Land zum Lebensmittelanbau zuteilte, welches sie nach eigenem Willen bewirtschaften konnten. In Jamaika im Jahr 1832, soll dieser Lebensmittelanbau ca. 27% der gesamten landwirtschaftlichen Produktion ausgemacht haben und war so zu einem wichtigen Faktor in der Lebensmittelversorgung geworden. Die Afrokariben hatten keine Besitzrechte an ihren Gärten und der Anbau von Exportgütern war ihnen verboten. Nichtsdestotrotz standen diese Felder und Gärten oft über Generationen hinweg den einzelnen Sklavenfamilien zur Verfügung, so dass sich auch der Brauch der Totenbestattung im eigenen Hausgarten durchsetzen konnte. Die Totenkulte waren auch die sichtbarsten Ausdrücke der Religionen der Afrikaner und Manifestationen des sozialen Zusammenhaltes. Die Totenfeiern wurden nach afrikanischen Vorbildern und Traditionen abgehalten und waren bestimmt durch Tanz und Gesang, Opfern und geselliges Festessen, bei denen den Weißen vor allem die „verschwenderische Pracht“ ins Auge fiel, die im großen Gegensatz zur realen Armut stand. Diese war nicht nur Selbstdarstellung und –Aufwertung der Beteiligten, sondern diente, ähnlich wie in Afrika, wo aufwendige Opfer und Geschenke üblich waren, der Festigung alter und der Schaffung neuer sozialer Kontakte, wo mit dem beigemessenen Wert eines Geschenkes oder einer Gabe, dass Verhältnis untereinander bestimmt und vertieft werden konnte. In den französischen wie in den englischen Karibikkolonien war man bemüht den kulturellen Graben zwischen Europäern und Afrikanern zu erhalten und unterließ aus diesem Grunde eine reale Christianisierung der Sklaven, die sich im frankophonen Bereich auf eine symbolische Taufe und eine Brandmarkung nach dem Kauf des Sklaven beschränkte So hatten die Afrokariben in dieser, vom Katholizismus geprägten Region, mehr Raum zur Fortführung und spezifischen Entfaltung eigener Glaubensvorstellungen, als dies später im protestantisch orientierten Norden Amerikas möglich war, wo es statt dessen, im Zuge der Missionierung, zur Bildung rein afrikanischer Kirchen kam. So konnten afrikanische Gottheiten mit christlichen Heiligen vermischt und identifiziert werden, was dem Konflikt zwischen „weißen“ Monotheismus und „schwarzen“ Polytheismus einiges an Schärfe nahm und eine mehr oder weniger ungestörte Koexistenz beider Vorstellungen unter der scheinbar intakten Oberfläche eines katholischen Christentums ermöglichte. Von den afroamerikanischen Religionen im südamerikanischen Raum, kann man 3 Haupttraditionen bestimmen. Allen ist gemeinsam, dass sie synkretistischer Weise christliches Gedankengut mit ursprünglichen afrikanischen Glaubensvorstellungen vermischten, was u.a. auf den Umstand zurückzuführen ist, dass die Pflanzer beim Sklavenkauf darauf achteten, ihre Sklaven weitgehenst ethnisch zu mischen, um so ein mögliches Widerstandspotential so gering wie möglich zu halten.

Auf Jamaika und Barbados kristallisierte sich der, im wesentlichen auf die westafrikanischen Akan-Völker zurückgehende Mayalismus heraus. Auf Haiti bildet der Voudou eine Art von Nationalreligion und mit einem vergleichbaren Götterpantheon existieren auf Kuba und Trinidad die Santeria und Shango-Kulte, die ihren Ursprung zum Großteil aus der Yoruba-Tradition haben. Die öffentlichen Manifestationen dieser Religionen wurden, sofern sie als solche von den Weißen erkannt wurden, in der Regel aktiv bekämpft, da sie um die politische Dimension dieser Kulte fürchteten. Oft konnten sie allerdings nicht zwischen rein rekreativen Tänzen, politischen Ritualen und religiösen Zeremonien unterscheiden.

Die von der politischen Ökonomie und Philosophie formulierte liberale Vorstellung des in seinem politischen und ökonomischen Handeln „freien Individuums“ wurde als Freiheitsbegriff zunächst politisches Kampfmittel gegen die feudale Ordnung und wurde dann zur Ideologie neuer            kapitalistischer Ausbeutung und bürgerlicher Herrschaft. In diesem Sinne erwies sich dann die Sklaverei gegenüber der Lohnarbeit, die als Ergebnis von universellen und selbstregulierenden Marktmechanismen erschien, als ökonomisch rückständig und politisch-moralisch nicht mehr tragbar. Als politische Absichtserklärung des Bürgertums trug diese Haltung entscheidend zur Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels und der Sklaverei während des 19.Jh. bei. Ein wichtiger außenpolitischer und wirtschaftlicher Beweggrund für das Verbot des Sklavenhandels, wie er von den englischen Abolotionisten propagiert wurde, war, jenseits von den vielgepriesenen Idealen der Menschlichkeit, die aufstrebenden französischen Zuckerinseln. Der Zuckerrohranbau greift die Bodenressourcen extrem an und ist nur über eine gewisse Zeit auf der gleichen Fläche möglich, danach ist der Boden ausgelaugt. Die englischen Besitzungen wurden bereits weitaus länger betrieben als die französischen und es war abzusehen, dass Frankreich in absehbarer Zeit die Marktführung im Zuckerhandel übernommen hätte. Ein totaler Stop von Sklavenimporten, von denen die französischen Plantagen jährlich 40 000 benötigten, wäre das Aus für diese Plantagen gewesen. 1787 hatte Frankreich einen Anteil am Weltzuckerhandel von ca. 40%. 1806 aufgrund des erfolgreichen Sklavenaufstandes in Haiti, nur noch von 10%, aber die französischen Neuerwerbungen Trinidad und Tobago eröffneten Frankreich gute Zukunftsperspektiven. Die Situation auf Haiti und die Angst vor zukünftigen Aufständen mit ähnlichem Ausgang, anderswo, hat sicherlich dazu beigetragen, dass viele Sklavereibefürworter auf die Linie der Abolitionisten einschwenkten.

Den Anfang der aktiven Opposition gegen die Sklaverei machten die Quäker, die schon 1727 Sklavenhandel und –besitz verurteilten. Später schlossen sich ihnen die Evangelikalen und die Wesleyaner an, die zum Ende des 18.Jh. eine Erweckungsbewegung anführten, die große Teile Englands erfasste. Indem sie den Widerstand gegen die Sklaverei mit religiöser Erweckung verknüpften, trugen sie diesen Gedanken in weite Volksschichten hinein. Um 1830 war die Anti-Sklavereibewegung in den Metropolen zu einer Massenbewegung angewachsen. Im ganzen Land hatten sich hunderte von Anti-Sklaverei-Gesellschaften gebildet, die mit Veranstaltungen, Flugschriften und Petitionen die öffentliche Meinung mobilisierten. Der Durchbruch gelang allerdings erst, nachdem 1832 das Parlament den Plantagenbesitzern eine Entschädigung von rund 25 Pfund pro Sklave, insgesamt 20 Millionen Pfund, gewährte und die rechtlichen Vorraussetzungen schuf, dass die „befreiten“ Sklaven noch sieben Jahre über das Datum ihrer Freisetzung hinaus, als „Lehrlinge“ für den Herrn zu arbeiten hatten, was für die „Lehrlinge“ allerdings kaum eine Veränderung ihrer Situation mit sich brachte.

Einen weiteren Höhepunkt erlebte die kapitalistische Form der Sklavenwirtschaft sogar erst nach der Abolition des transatlantischen Sklavenhandels und zwar in den amerikanischen Südstaaten im Zeitraum 1830 bis 1863. Auch dort war die Sklaverei aufs engste mit der Plantagenwirtschaft verknüpft, so die Tabakanbaugebiete von Virginia, wo um 1790 etwa drei Fünftel aller Sklaven Nordamerikas konzentriert waren. In Südcarolina war die Verbreitung der Sklaverei mit der Aufnahme der Reisproduktion um 1690 verknüpft.

Nordamerika war das Hauptauswanderungsgebiet der europäischen Auswanderer, so dass es dort zu Siedlungskolonien und zur Bildung von Siedlungsgesellschaften kam. Im Zeitraum 1700 bis 1861 sind etwas mehr als 400 000 Afrikaner in das Gebiet der USA gebracht worden, dass sind ca. 6% aller über den Atlantik transportierten Sklaven, so dass die Sklaven, im Gegensatz zu Westindien, in der Minderheit blieben. Ein Höhepunkt wurde 1770 erreicht, als die Afroamerikaner rund 40% in den südlichen Kolonien stellten. Das die USA trotz der relativ geringen Sklaveneinfuhr zur größten Sklavenmacht der westlichen Hemisphäre werden konnte (die Sklavenbevölkerung der USA betrug um 1800 ca. 1 Million) lag an dem starken, natürlichem Wachstum der Sklavenbevölkerung, den guten epidemiologischen Bedingungen und wahrscheinlich auch an der besseren materiellen Situation.

In sozialer Hinsicht hingegen war die Situation der Sklaven Nordamerikas schlechter als die der in der Karibik. Durch den Umstand, dass sie in Siedlungskolonien der Europäer lebten, war die polizeiliche und soziale Kontrolle weitaus größer und umso geringer waren auch die Aufstiegschancen, da es kaum die Notwendigkeit gab, Sklaven für qualifizierte Arbeiten auszubilden, aufgrund des Vorhandenseins europäischer Arbeitskräfte. Trotz der weitverbreiteten grausamen Strafen, war die Flucht weit verbreitet, vor allen in Regionen, wo es jenseits der kolonialen Siedlungsgebiete weite Regionen ohne jede Kontrolle gab, oder wo eine benachbarte Kolonialmacht Flüchtige mit Freiheitsversprechen lockte, wie z.b. das spanische Florida oder später Mexiko, Kanada und die amerikanischen Nordstaaten. Bis 1855 sollen an die 60 000 Sklaven aus den Südstaaten in den Norden gelangt sein. Zu wichtigen Zufluchtsorten entwickelten sich die städtischen Zentren. Ein Weg, der aber nur der im Lande geborenen Sklavenelite offen stand, da man über ein nötiges Maß an kultureller Anpassung und Eloquenz in bezug auf die weiße Gesellschaft verfügen musste. Dem einfachen Feldsklaven waren die Wälder, Sümpfe und Berge an der kolonialen Peripherie die wichtigsten Zufluchtsorte.

Durch die Revolutionskriege hatten vor allem die Tabakpflanzer im amerikanischen Süden ihre alten Märkte verloren, aber durch neue technologische Entwicklungen eröffnete der Anbau von Baumwolle neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Schon 1810 war die Baumwolle das wichtigste Exportgut der USA und sicherte somit auch der Sklaverei eine sichere wirtschaftliche Grundlage als zuvor. Der Baumwollanbau ließ die Sklavenwirtschaft noch einmal gewaltig expandieren, obwohl es zur gleichen Zeit zu politischen Gegenmaßnahmen kam, wie das Verbot des transatlantischen Sklavenhandels durch den amerikanischen Kongress (1807) und die Eingrenzung der Sklavenhaltung auf die südlichen Regionen jenseits des 36. Breitengrades. (1820)  Der Hauptanteil der Sklavenwirtschaft verlagerte sich innerhalb kürzester Zeit von der Küste weg in den Südwesten, ins westliche Georgia, Alabama, Mississippi, Louisana, Arkansas und später auch nach Texas. 1790 hatten noch über 50% der Sklaven in Virginia und Maryland gelebt, 1860 waren es nur noch 15%, während in vielen Landkreisen des „Deep South“ die Sklaven schließlich doppelt so zahlreich waren wie die Weißen. Von den 2,5 Millionen Sklaven, die 1850 gezählt wurden, arbeiteten 0,35 Mill. Im Tabakanbau, 0,15 Mill. Im Zuckeranbau, 0,125 im Reisanbau, ca. 60 000 im Hanfanbau und der Großteil, 1,815Mill. Im Baumwollanbau. Baumwollplantagen mit 16-50 Sklaven galten 1860 als mittlere Betriebe und stellten die mehrheitliche Größe der Pflanzungen dar. Entlang des Mississippi waren Großgrundbesitze, vergleichbar mit den karibischen Zuckerrohrplantagen, mit einer Betriebsgröße von ca. 200 Sklaven die Regel. Ähnliche Betriebsgrößen waren auch im Zucker und Reisanbau üblich, während die Tabakplantagen weitaus kleiner waren und in der Regel weniger als 20 Sklaven beschäftigten.

Für die Sklavenhalter stellten die Sklaven eine Art Fixkapital dar, dieses bedingte also den ganzjährigen, ununterbrochenen Arbeitseinsatz. In den karibischen Zuckerplantagen war dies, durch das Klima bedingt, durch die Staffelung von Anbau und Ernte eines einzigen Produktes möglich. In den Südstaaten mussten verschiedene Gewächse mit komplementären Wachstumsphasen angebaut werden. Durch den Anbau der agrarischen Exportprodukte, Lebensmittel und der Schweinezucht konnten die Plantagenbesitzer ein ganzjähriges Arbeitsvolumen schaffen, in dessen Folge die meisten Farmen und Plantagen zu Selbstversorgern wurden. Wer fünfzig oder mehr Sklaven besaß, gehörte zur „Sklavenhalteraristokratie“. Insgesamt ca. 10 000 Familien, lokalisiert in der Tabakregion in Virginia, der Mississippi-Region, Südlouisiana mit seinen Zuckerplantagen und die Küsten von Südkarolina und Georgia. Im Gegensatz zu der Situation in der Karibik wohnten die meisten amerikanischen Großgrundbesitzer auf ihrem Land und betrachteten es auch als ihre neue Heimat. Aus der sich daraus ergebenden, ständigen, direkten Auseinandersetzung zwischen weißen Herrn und Sklaven entwickelte sich oft ein System paternalistischer Beziehungen mit einem breitgefächerten Katalog an Belohnungen und Bestrafungen. Ein kennzeichnendes Element dieses Paternalismus mag man in dem Klischee der „Mammy“ finden, die es in fast jeden großen Pflanzerhaushalt gab. Sie war Haushälterin, Köchin und sorgte für die Kinder im weißen Haushalt. Sie hatte als Schwarze eine außergewöhnliche Vertrauensstellung im weißen Haushalt und in der sozialen Hierarchie der Plantage, musste dafür aber auch den Rollenerwartungen eines europäisch, oft viktorianisch geprägten Bürgertums entsprechen.

Trotz allem war die Unterwerfung unter den weißen Herrn oft nur eine scheinbare, ein überlebensnotwendiges Ritual, in dem man die Rolle des „Good Nigger“ oder „Sambo“ vorzuspielen hatte. Die Afrikaner waren in der direkten Konfrontation mit dem System der europäischen Kolonisation unterlegen. Doch in der Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Sklavenhaltergesellschaft fanden sich Wege die Ohnmacht, wie auch die Übermacht der weißen Herren, zumindestens symbolisch, zu überwinden. Fabeln, Volkserzählungen, Satire und die karikative Nachahmung der „weißen Herrschaften“ im Tanz, boten hierzu die Möglichkeiten.
Aus Westafrika stammen beispielsweise die Fabeln von „Anansi“, der Spinne und „Br´er Rabbit“, die eine weite Verbreitung gefunden haben und dabei in Form und Inhalt an die neuen Verhältnisse angepasst wurden. „Anansi“ und „Br`er Rabbit“ sind ursprünglich Ausdrucksformen der übernatürlichen Gestalt des Tricksters Legba, der in den Erzählungen westafrikanischer Völker Schwindler und Götterbote in einer Person ist. In der „Neuen Welt“ sind die mythologischen Gestalten „Anansis“ und „Br´er Rabbits“ der übernatürlichen Sphäre enthoben und symbolisieren den Menschen.

Während in Südamerika und in der Karibik (Antillen, Jamaica und Haiti, dort unter den Namen „Ti Malice“ und „Nonc Bauki“) beide Formen weit bekannt sind, fanden in Nordamerika nur die Geschichten über das Kaninchen „Br´er Rabbit“ Verbreitung. Ein besonderes Merkmal dieser Tierfabeln ist es, dass die physisch schwächere Kreatur dem Starken (bsp. symbolisiert als Alligator oder Wolf) mit Witz, Geist, Tücke und Unbarmherzigkeit widersteht. Die Lebenssituation dieser Tierfiguren ist vergleichbar mit jener der Sklaven. Sie überleben unter widrigsten Umständen und triumphieren über die mächtigsten Geschöpfe. Die Spinne und das Kaninchen sind, ähnlich wie der Sklave, ihren Gegnern an realer gesellschaftlicher Macht, sozialen Status (in den Tierfabeln durch Körperkraft symbolisiert) unterlegen und suchen diese Unterlegenheit durch Klugheit und scheinbare Anpassung zu kompensieren, so dass schließlich der Überlegene, weil er blindlings auf seine Überlegenheit vertraut, zum Besiegten wird.

„…Alligator confesses to Rabbit that he doesn´t know what trouble is. Rabbit offers to teach him and instructs him to lie down in the broom grass. While Alligator is sleeping in the dry grass, Rabbit sets it on fire all around him and calls out: “Dat´s trouble, Br´er ´Gator, dat´s trouble youse it.”

„Br´er Rabbit“ setzt ebenso Tiger, Elefanten und Panther unter Feuer, veranlasst den Fuchs, sich die eigenen Finger abzuschneiden, kocht die Großmutter des Wolfes und überlistet diesen, sie zu verspeisen. Es geht ihm nicht allein darum seinen Gegner zu töten. Er besteigt ihn als Reitpferd, demütigt ihn, reduziert ihn bis zur Unterwürfigkeit, stielt ihm die Frau und nimmt seinen Platz ein. –  Es gelang den Afroamerikanern Bestandteile ihrer afrikanischen Kultur zu bewahren und ihre eigene Kultur zu entwickeln, wobei die Familie und die Religion eine tragende Rolle bei der sich neu bildenden afroamerikanischen Identität spielten.

Mit Ausnahme von Louisiana, Georgia und Alabama, gab es in den Südstaaten keine gesetzliche Anerkennung für Sklavenheiraten, aber die Pflanzer erkannten frühzeitig den Wert der Sklavenfamilie, in der „Nachzucht“ neuer Arbeitskräfte und als Herrschaftsinstrument. So wirkten stabile Familien der Fluchtneigung entgegen und die Androhung des Verkaufs von einzelnen Familienmitgliedern widerspenstiger Sklaven, war eine  verbreitete Disziplinarmaßnahme. (Insgesamt wurden in den amerikanischen Südstaaten ca. ein sechstel aller Heiraten durch Gewalt wieder beendet, den Verkauf von Kindern nicht mitgerechnet). Um die Mitte des 19.Jh. lebte die Mehrheit der Sklaven in Familien, überwiegend Kernfamilien, also Vater, Mutter und Kinder. Es gab aber auch Frauen, die nicht in diesem Sinne „heirateten“, so dass auch der matrifokale Familientypus verbreitet war. Die Schwarzen achteten auf strikte Exogamie und gingen vor allem keine Cousinenheiraten ein, ganz im Gegensatz zu ihren „Herren“, die oft endogam heirateten.

Im Gegensatz zu der Situation in der Karibik und Lateinamerikas war die Religion der Afroamerikaner in den amerikanischen Südstaaten zur Zeit des Höhepunktes der Plantagensklaverei im 19.Jh. christlich geprägt. Über einen langen Zeitraum scheuten die Sklavenhalter, ähnlich wie in der Karibik, eine ernsthafte christliche Bekehrung der Sklaven, da sie es als ersten Schritt zur ihrer Emanzipation verstanden. Im Zeitraum 1830- 1850 war es aber zu einem grundsätzlichen Meinungswandel gekommen, nachdem zuvor eine religiöse Erweckungsbewegung die Menschen des ganzen Landes, ungeachtet ihrer Hautfarbe (mehr oder weniger)erfasst hatte und nachdem ein religiös geprägter Sklavenaufstand in Virginia die Macht religiösen Denkens bei den Sklaven offenbart hatte. Ab da versuchte man diese Entwicklung zu kanalisieren und zu kontrollieren und die Pflanzer forderten ihrerseits eine umfassende christliche Unterweisung ihrer Sklaven.

Den größten Zulauf von Seiten der Sklaven hatten die Baptisten, gefolgt von den Methodisten, die sich im Jahr 1844/5 über die Fragen der Sklaverei von ihren Mutterkirchen im Norden getrennt hatten. Die Baptisten waren demokratisch organisiert und boten der Initiative Einzelner viel Raum. Sie vertraten ein Christentum fundamentalistischer Prägung, legten dabei aber vor allem auf das persönliche Bekehrungserlebnis Wert und nicht so sehr auf das Buchwissen, was den Bedürfnissen der Afroamerikaner sehr entgegenkam. Schon in der Periode der Sklaverei entstanden die ersten schwarzen Kirchen, wie z.b. die „Baptist Curch“ in Südkarolina, deren Anfänge bis 1780 zurückreichen und 1816 wurde in Philadelphia die „African Methodist Episkopal Curch“ gegründet, eine religiöse Organisation der Afroamerikaner. Schon 1842 soll es in allen wichtigen städtischen Zentren des Südens eigene Gebetshäuser schwarzer Baptisten gegeben haben. Die schwarzen Kirchen und ihre religiösen Zusammenkünfte unterschieden sich nicht nur durch die stark afrikanisch beeinflussten Rituale, mit Gesängen, Tänzen und charismatischen Reden von der „Weißenkirche“, sondern auch durch die Art ihrer Bibelauslegung. Sie entwarfen ein Christentum, dass um den Gedanken der Erlösung durch den Glauben an Gott kreiste- und zwar im Diesseits wie im Jenseits. In der alttestamentarischen Geschichte der Juden erkannten sie ihre eigene Geschichte wieder. Insgesamt stellten sie die herrschenden Verhältnisse nicht offen in Frage, ließen in ihrem religiösen Kosmos aber auch keinen Platz für die Weißen. Ihr Christentum wurde zu einer Religion des duldsamen und geduldigen Widerstands.

Methodisten : religiöse Erneuerungsbewegung, seit 1729, entstanden aus dem Wirken der Brüder J. und C. Wesley und G. Whitefields. Die Methodisten lösten sich aus der anglikanischen Staatskirche und entwickelten eine eigene Organisation, die besonders in Amerika und England weite Verbreitung fand. Seit 1881 gibt es ökumenische Methodistenkonferenzen. 1951 Gründung des „Weltbundes der Methodistenkirchen“ mit ca. 20 Millionen Mitgliedern.

Baptisten : christliche Freikirche, die die Kindestaufe ablehnt. Ihre geistigen Ursprünge können bis zu den Wiedertäufern und der englischen Revolution nachgewiesen werden. Die Baptisten sind in den USA die zahlenstärkste protestantische Gruppe. Martin Luther King (1929-1968) war ein baptistischer Geistlicher.

Quäker : (engl. : « Zitterer ») ursprünglich ein Spottname der sich als « Religious society of friends » bezeichnenden protestantischen Gruppierung, die um 1650 von G.Fox in England gegründet wurde und sich unter W.Penn (1644-1718) nach Nordamerika  ausbreitete. Die Quäker lehnen die liturgischen Ordnungen des Gottesdienstes ab, entscheidend ist für sie die in der stillen Andacht erweckte „Innere Schau“. Sie lehnen den Kriegsdienst, Rassismus, Sklaverei und jeden Glaubenszwang ab und entfalten eine rege soziale Hilfstätigkeit. Sie sind eine kleine religiöse Gruppe von etwa 170 000, die hauptsächlich in englischsprachigen Ländern verbreitet ist

Bley Helmut/Gesine Krüger, 1991, „Sklaverei in Afrika“,  Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler

Bornemann Anette, 1988, „Die sich neu bildende Identität verschleppter Afrikaner in kolonialen.              .                 .            Sklavenhaltergesellschaften der „Neuen Welt““, Magisterarbeit, Universität Hamburg

Loth Heinrich, 1981,  „Sklaverei“,  Peter Hammer Verlag, Wuppertal

Meyers Neues Lexikon,  1972/4, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig, Bd. 2; 9; 11

Wirz, Albert, 1984, „Sklaverei und kapitalistisches Weltsystem“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main

AFRIKANISCHER TANZ

Im Zuge des Kolonialismus kam es zu einer Veränderung der Tanz-, Musik- und Theatertraditionen hin zu einer Orientierung an der europäischen Bühnenkunst. Geschlossene Kreisformationen wurden geöffnet um eine frontale Begegnung zwischen Künstlern und Publikum zu ermöglichen. Die Selektion von Bewegungen wurde von bühnenwirksamen Kriterien bestimmt, so wurde oft die Zeitdauer verändert. Der Tanz, der viel mehr bedeutete, als den reinen musikalischen und tänzerischen Bewegungsablauf, wurde aus seinen ursprünglichen sozialen, oft rituellen Kontext herausgelöst und fand Eingang in Schauspielhäuser, Hotelbars, Museen, Tanzlokale etc.. In diesem Rahmen kam es oft zu öffentlichen und privaten Film- und Photodokumentationen und Tonaufzeichnungen. So wurden die, ursprünglich innerhalb eines geschlossenen gesellschaftlichen Kontextes praktizierten Tänze einem weltweiten Publikum zur Konsumtion freigegeben. Auf der einen Seite oftmals ein Verlust an ursprünglicher Bedeutung und Sinn, auf der anderen Seite aber auch die Möglichkeit der gegenseitigen Befruchtung verschiedener Kulturtechniken

Afrikanische Tänze waren und sind Teil des Lebensprozesses ihrer Kultur. Die traditionelle afrikanische Welt ist stammesgebunden. Sie ist eine Welt der gegenseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten. Der Tanz ist ein Mittel der Kommunikation und hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt. Da alle Anwesenden mit dem Inhalt vertraut sind, gibt es nicht die Unterscheidung zwischen Tänzern und Publikum wie sie von der klassischen europäischen Bühnenkunst bekannt ist. Alle beteiligen sich am Gesang, Händeklatschen und Fußstampfen. Im profanen Tanz mit einem größten Maß an individueller Freiheit, beim Ritual in festgelegten Formen. Die afrikanische Musik basiert auf einer Fünftonleiter und nicht wie die europäische, auf einer Siebentonleiter. Sie wird als polyrhytmisch bezeichnet. Die afrikanische Percussionsrhythmik ist entweder polyrhythmisch oder polymetrisch. Bei der Polymetrie gibt es gleichzeitig mehrere verschiedenartige Grundmetren, z.b. schlägt eine Trommel einen 4/4-Takt, eine andere gleichzeitig einen ¾-Takt und eine dritte einen 2/4-Takt, wobei die Einsätze nicht übereinstimmen müssen, aber die Zeitdauer der Metren gleich ist. Bei der Polyrhythmik wird ein einzelnes Grundmetrum verschiedenartig akzentuiert und synkopiert.

Beiden Formen ist das Prinzip der Kreuzrhythmik gemeinsam, d.h., das die Hauptakzente der verwendeten Grundformen nicht übereinstimmen, sondern kreuzförmig übereinander gelagert werden, so dass, bei der Polyrhythmie z.b., die einzelnen Grundmetren verschiedenartig einsetzen. Diese rhythmischen Formen sind typisch für die afrikanische Musikkultur und kamen in der abendländischen Musik nicht vor, so dass ihr Auftreten ein zuverlässiges Kennzeichen ist, wieweit ihr Einfluss auf musikalischen Gebiet reicht. Auf den Antillen und in Lateinamerika sind im afroamerikanischen Bereich Polymetrie wie Polyrhythmik erhalten geblieben während in Nordamerika nur die Polyrhythmik als restafrikanisches Element auftritt, um dafür aber um so maßgebender die Musik zu beeinflussen.

Zu einem tieferen Verständnis der Musikalität und Rhythmik der Afrikaner muss man auf ihr Verhältnis zur Schrift eingehen. Bis zur europäischen Neuzeit haben die Afrikaner südlich der Sahara, die Schrift nicht in Gebrauch genommen, keine eigene universelle Orthographie entwickelt, aber statt dessen eine Trommelsprache, zur distanzüberbrückenden Nachrichtenübermittlung und im Zusammenhang mit dem Gesang, zur Überlieferung ihres Kulturgutes, ihrer Geschichten, entwickelt und verwendet. Viele afrikanische Sprachen sind Tonsprachen, so hat z.b. die Yoruba-Sprache die Tonstufen hoch, mittel, tief- und ein Wort kann je nach Tonlage einen verschiedenen Sinn haben. Die Töne sind im Yoruba wichtiger als Vokale und Konsonanten. So wie ein Sprachwissenschaftler eine semitische Sprache aufgrund der niedergeschriebenen Konsonanten verstehen kann, ist es möglich viele afrikanische Sprachen zu verstehen, wenn nur ihre Töne wiedergegeben werden. Wenn man den Begriff „Schrift“ im Sinne einer Definition von Kommunikationsmedium fasst, haben die Afrikaner mit ihren, eigens aus ihrer Kultur entwickelten Trommelsprachen, durchaus eine „Schrift“ entwickelt und zwar nicht eine Art Morsealphabet im logischen Duktus von „kurz-lang“, sondern eine unmittelbare und natürliche Wiedergabe der Sprache.

Während in der, von den menschlichen Sinnen auf das Auge zentrierten, europäischen Kultur, die Menschen in der Schule lernen optische Lautzeichen mit ihrem Sinn zu verbinden, mussten früher junge Afrikaner lernen die akustischen Lautzeichen der Trommel zu verstehen. Eine Wiedergabe der Sprache, die sich anstatt an das Auge, auf das Ohr richtet. Ähnlich wie in der europäischen Geschichte, wo über die längste Zeit das Schriftgelehrtentum ein Privileg darstellte, hatten auch die Trommler einen hohen sozialen Rang inne, wobei man unterschied zwischen Trommlern auf profanen Festen bis hin zu den sogenannten Staatstrommlern, die eine jahrzehntelange Ausbildung nötig hatten um mit den ganzen Überlieferungen ihrer Kultur vertraut zu werden und sie weiter vermitteln zu können. Das „dundun“, von Europäern auch Stundenglastrommel genannt, ist z.b. bestens geeignet die Yoruba-Sprache darzustellen. Sie hat zwei Membranen, von denen aber nur eine angeschlagen wird und kann nicht nur alle Töne, sondern auch die Glissandi hervorbringen indem der Trommler mit der linken Hand in die Lederschnüre die die Membranen verbinden, greift. Um so mehr auf diese Art die Trommelfelle gespannt werden, um so höher wird der Ton der Trommel. Die afrikanischen Trommelschriften sind durch die Folgen der Kolonisation heute kein allgemeines Kulturgut mehr, zumindestens nicht in dem Sinne wie die europäischen Schriftsysteme, aber sie sind weiterhin in vielen Kultursegmenten lebendig. Die festüberlieferten ekstatischen Schlagformeln der Trommelschrift rufen immer noch die Orischas in der Santeria und die Loas im Vodou herbei. Diese kreuzrhythmisch verschränkten Grundformen sind im Vodou die „Nommo“-Worte der Loas durch die der Tänzer zur zeitweisen Verkörperung eines bestimmten Loas ernannt wird.

Der zur polyrhythmischen, afrikanischen Musik zugehörige Tanz wird als polyzentrisch beschrieben. Das bedeutet, das sich mehrere Körperzentren gleichzeitig, aber rhythmisch unterschiedlich bewegen. Man spricht davon auch als Isolationstechnik. Als charakteristisch gilt die entspannte, gelöste Haltung der Ausgangsstellung. Der Oberkörper ist vom Becken ab nach vorn geneigt, manchmal auch parallel zum Boden. Die Knie sind flektiert, sie passen sich der Stellung des Torsos an. Beine und Füße sind in allen afrikanischen Tänzen wichtige Bewegungszentren. Der ganze Fuß hat Kontakt mit den Boden. Zuerst wird die ganze Sohle aufgesetzt ohne belastet zu werden und erst durch einen zweiten Bewegungsimpuls wird das Gewicht übernommen.

Fruchtbarkeits- und erotische Tänze wurden in allen Teilen Afrikas praktiziert. Sie waren ein wichtiges, oft auch heiliges Thema. Heirat und Fortpflanzung wurden tänzerisch thematisiert. Die sexuelle Kraft als solche wurde auch  auf die Fruchtbarkeit des Bodens und das Gedeihen der Nahrungspflanzen übertragen gedacht. Es gab Tänze in denen die Bewegungen  den Geschlechtsakt symbolisierten und andere in denen der Geschlechtsakt Teil des Tanzgeschehen war, oder nach dem Tanz vollzogen wurde. Diese sind im Zuge der Kolonialisierung und Missionierung auf schärfste bekämpft worden und gelten auch heutzutage als offiziell verboten.

„It is freely, strongly and boldly erotic. Contrary to uninformed, ill-informed opinion, this is one of the few dances or pieces of dance among many hundreds in Ghana wich has the theme of eroticism as its content. The movement patterns are quite consistent with the overall theme of courting and mating birds already established in previous passages of the sokodae. Kedenkenkyw`s movements are unselfconscious, direct and unmistakable in their meaning. The atmosphere is one of heigtened awareness, joy and ease; a genuine zest for living seems to pervade the whole dancing community. There is a complete absence of fear, hatred, shame or frustration – a total contrast to much of what currently passes for eroticism on the western theater dance stage“

Zitat  einer Tanzbeschreibung des ghanesischen „Sokodae“ von Lee Warren („The dance of Africa“ New York 1972 : 45)

Typische Bewegungen aller dieser erotischen Tänze sind das Rollen der Pelvis, stoßende Pelvis- und Hüftbewegungen, das Schütteln (Shimmy) und die wellenartige Bewegung des ganzen Oberkörpers. Viele dieser Elemente aus afrikanischen Tänzen haben infolge des Sklavenhandels nach Nord und Südamerika Eingang in moderne Tanzstile gefunden, bzw. diese kreiert. So sind die Tänze, die in den Ministrelshows und  den Burlesken und Tanzsälen ab 1900 auftauchten, auf den Plantagen und Farmen des ländlichen Amerika entstanden. Als Sklaven hatte die schwarze Bevölkerung in den USA keine Möglichkeit ihre eigenen Traditionen so ohne weiteres aufrecht zu erhalten. Es gab für sie die Möglichkeit der Anpassung und Um-Interpretation. So wurden rein äußerlich die Elemente europäischer Gebrauchs-, Volks- Kirchen- und Militärmusik übernommen, doch zum Glück wurde daraus etwas ganz Anderes. Eine ihrem Lebensgefühl verbundene, eigene Musikrichtung, dessen musikalischer Prototyp später der Blues werden sollte.

Bei dem „Jig“ und dem „ Cakewalk“  waren anfänglich bei den Tanzwettkämpfen das Tragen von Wassergefäßen auf den Kopf ein wesentlicher Bestandteil dieses Tanzes. Wichtig war, das sich der Körper trotz der Bewegungen, die ihren Ursprung im Becken hatten, auf einer Ebene hielt, also keine Auf- und Abbewegungen vorkamen. Der „Cakewalk“ entwickelte sich auch zu einer Pantomime, einem parodistischen Tanz in welchem die weißen „Herrschaften“ karikiert wurden. Die Antwort kam mit den Ministrel-Shows („ministrel“(engl.) – bezeichnete im Mittelalter einen Spielmann der im Dienst der Obrigkeit stand), in welchen weiße Nordamerikaner mit Elementen des Cakewalks und der Musik des Ragtime eine Parodie auf die Afroamerikaner entwickelten die oft stark rassistisch geprägt war.

Ein weiterer Tanz war der „Juba“, der im engen Zusammenhang mit dem Gesang und den rhythmischen Vorgaben der Zuschauer stand. Da Trommeln, als Musikinstrumente, damals verboten waren, behalf man sich durch Fußstampfen, bzw. Tapping, Klatschen der Hände und dem Klatschen auf Oberschenkel und Patting, dem Schlagen auf die Knie und Brust, um den Rhythmus entstehen zu lassen. Tapping und Patting sind seitdem Bestandteil vieler amerikanischen Tänze. Viele dieser Bewegungselemente, wie auch eine typische Hüftbewegung, verwendet der noch heutzutage bekannte Discotanz „Bump“. Der „Calenda“ ein beliebter westafrikanischer Fruchtbarkeits- und Werbetanz  besteht größtenteils aus Bein- und Pelvisbewegungen. Im 19. Jh. wurde der fast gleichnamige „Kalinda“ in New Orleans getanzt, wo es den Sklaven erstmals offiziell gestattet wurde sich in ihrer Freizeit zu versammeln. Er war eine Mischform aus afrikanischen Elementen und denen des französischen „Contre-dance“ und galt als extrem obszön, wie auch der „Bamboula“, der 1843 verboten wurde. Grundlegende Elemente des Calendas fanden am Anfang des 20 Jh. Eingang in die Tänze „Black Botton“ und den „Charleston“. Weitere Tänze waren der „Shimmy“ und später der „Lindy Hop“, ein beliebter Tanz der 20er Jahre. Er beinhaltete Tanzschritte und Hüftbewegungen des Cakewalks und des Shimmys und zusätzlich zahlreiche akrobatische Elemente.

Die Afrikanisierung der europäischen Gesellschaftstänze begann schon Ende des 16. Jh. Mit der Sarabande (Zarabanda), die möglicherweise eine ungeschliffene Vorgängerin des Flamencos darstellt  und der Chaconne, oder Chacona, die erstmals 1599 namentlich erwähnt wird und als zügelloser und leidenschaftlicher galt als die Sarabande. Die Heimat dieser Tänze war das, durch die Auswirkungen des Sklavenhandels, weitgehende schwarze Westindien. Beide Tänze galten der spanischen Obrigkeit als teuflisch und obszön da sie mit betonter Motion der Pelvis getanzt wurden. Bekannt wurde die Sarabande in Spanien um 1570 und 1583 wurde sie unter Androhung schwerer Strafen offiziell verboten. Ein Gruppentanz in welchem Frauen und Männer paarweise mit eindeutigen sexuellen Pantomimen und charakteristischen Becken- und Pelvisbewegungen tanzten. Begleitet wurde er von dem Rhythmus der Kastagnetten der Frauen und einem Gesang, der die Liebe und sexuelle Begegnung thematisierte. 1618 war dieser Tanz trotz des vorangegangenen Verbotes hoffähig geworden und fand dann auch Eingang nach Frankreich  wo dem Spiel der Kastagnetten noch das Tambourin der Männer hinzugefügt wurde. Das Wort „zarabanda“ verweist auf afrikanische Ursprünge. In Haiti ist „banda“ der erotische Tanz der Totengötter und das Congowort „zarabanda“ soll in Havanna gleichbedeutend mit dem Yorubagott „Ogun“ sein.

Ein weiteres Beispiel für den afrikanischen Tanz sind die Tänze der Hochzeitsperformance der Uswahili an der muslimischen Küste Ostafrikas, die Cornelia Fichtner in ihrem Buch „Tanz der Geschlechter“ (1995, Lit-Verlag) eingehend untersucht hat. Ein Bestandteil des Hochzeitfestes ist der kirumbizi-Tanz, ein Stocktanz bzw. ritueller Stockkampf der Männer. Sie werden von Musikern begleitet, die verschiedene Instrumente verwenden: mehrere Bodentrommeln, ein oboeartiges Blasinstrument, die „zumari“ und eine Art Aluminiumbrett, die „ustasa“, auf dem mit einem Seil ein Rhythmus erzeugt wird. Der Platz an dem die Veranstaltung stattfindet ist öffentlich, d.h. es sind nicht nur geladene Gäste der Hochzeitgesellschaft anwesend, sondern auch Interessierte und zufällig Vorbeikommende, unter anderem auch Frauen und Touristen. Sobald die Musiker zu spielen beginnen bildet sich um den Tanzplatz ein großer Kreis. Wenn 2 Männer die ca. 1,50m langen Tamarindenstöcke aufnehmen und in die Mitte gehen, beginnt der Tanz. Die beiden Männer umkreisen sich mit federnden oder hüpfenden Schritten, deuten Schläge an, locken und verfolgen sich gegenseitig und lassen zwischendurch den Stock über den Kopf kreisen oder schlagen auf den Boden. Im wechselseitigen Spiel von Angriff und Verteidigung treffen diese im Schlag aufeinander, direkte Körpertreffer werden vermieden. Das Herzstück des Kampftanzes ist der Rhythmus der Musik die bei traditionellen Tänzern auch den Ablauf der Darbietung vorgibt. Dies wird, vor allem bei jüngeren Tänzern, in der Heftigkeit einer Konkurrenzsituation öfters nicht beachtet. Nach einer gewissen Zeit lassen sich die beiden Tänzer nacheinander von Anderen ablösen. Wenn einer der beiden seine Überlegenheit im Tanz bewiesen hat, nimmt er dem Gegner selbst den Stock ab und fordert einen anderen heraus. Oder es kommt einer aus dem Kreis der Zuschauer in die Mitte, der beide ablösen oder sich mit dem Überlegeneren messen möchte. Diese Partnerwahl kann getragen sein von freundschaftlichen, spielerischen Aspekten, oder dem Wunsch seine körperlichen Fähigkeiten zur Schau zu stellen, aber auch von Konkurrenz und Rivalität, wo dann auch eine ernsthafte Aggressionsbereitschaft zu erkennen ist.

Ein weiterer Tanz der Hochzeitsfeier ist der Frauentanz „kishuri“ bei dem nur die Frauen anwesend sind, auch die Musik (mehrere Trommeln) wird von Frauen gemacht. Die Musikerinnen trommeln einen langsamen Takt und singen, die Frauen klatschen den Takt und singen den Refrain des Liedes mit. Nach einer gewissen Zeit eröffnet eine Frau aus dem Familienclan der Braut den Tanz indem sie zwei von mehreren „kangas“ (traditionelles Kleidungsstück der Swahili-Frauen, ein großes Stofftuch, mehrfarbig und oft mit Sinnsprüchen bedruckt. Heutzutage werden sie hauptsächlich in Indien und China hergestellt) die die Brautmutter mitgebracht hat, aufnimmt und zu einem Gürtel bindet, während sie den anderen als Aufforderung zum Tanz an eine andere Frau weiterreicht.

„Dann lassen die einander gegenüber stehenden Frauen ihr Becken tanzen, wobei der Oberkörper in sehr aufrechter, ruhiger Haltung bleibt, die Brust nach vorn gestreckt ist und die Arme geöffnet zu den Seiten zeigen. Kurze Zeit später sind die beiden so konzentriert, daß sie immer leiser mitsingen, bis sie völlig verstummen. Während ihre Knie minimal gebeugt und die Füße leicht einwärts gedreht sind, machen ihre Zehen unaufhörlich Greifbewegungen, durch die eine winzige Fortbewegung zustande kommt. Bei diesem langsamen Vor- und Rückwärtsgleiten der Tanzenden steht ihr Becken niemals still: Es beschreibt verschieden große Viertel-, Halb- und ganze Kreise bzw. Ellipsen in alle Richtungen. Sie werden in verschiedene Bewegungsabschnitte zerlegt und mit isoliertem Zittern der Gesäßbacken sowie mit unterschiedlich stoßenden und kontrahierenden Bewegungen kombiniert. Das alles wird mit wechselndem Rhythmus und gegensätzlichen Krafteinsatz variiert. Damit entstehen für die Tänzerinnen, die auf keine festgelegte Choreographie zurückgreifen können, unzählige Improvisationsmöglichkeiten. Sie sind noch erweiterbar, indem sie zusätzlich in bzw. auf die Knie gehen, den Oberkörper weit zurück oder waagerecht nach vorne nehmen und ihn gegenläufig zum Becken kreisen lassen. Nach geraumer Zeit gehen die Musikerinnen zu einem wesentlich schnelleren Grundrhythmus  über, womit auch die Art der Lieder wechselt. In dieser dritten Sequenz verändern die Partnerinnen ständig Stellung und Abstand zueinander, bald berühren sie sich fast, dann wieder tanzen sie um ihre eigene Achse oder umeinander herum. Meistens nehmen ihre Interaktionen und ihre Anstrengungen, gut zu tanzen, nach kurzer Zeit einen stark rivalisierenden Charakter an. Sie drängen sich gegenseitig in die Menge der sitzenden und locken einander mit entsprechenden Bewegungen des Beckens wieder an. Je mehr Spannung die Darstellerinnen in diesem Wechsel von offensivem Bedrängen und kokettierendem Rückzug aufbauen, desto stärker beschleunigen die Trommlerinnen den Rhythmus. Immer wieder werden die Tanzenden mit Rufen wie „make chuu“ (Frauen hoch) und „make hoya“ (Frauen, juchu) angefeuert. Der Tanz wird zunehmend schneller, der Gesang euphorischer und lauter, bis er in schrille Töne übergeht, die mit „flattender“ (rollender) Zunge erzeugt werden. Sobald die Bewegungskraft und – geschwindigkeit sowie die animierende Lautstärke ihren Höhepunkt erreicht haben, wechseln die Musikerinnen  abrupt den Rhythmus. Auch die Tänzerinnen nehmen erneut ihre anfänglich langsamen Tanzbewegungen auf, und die anderen Frauen gehen ebenfalls wieder zu den ruhigeren Liedern über.“

(„Tanz der Geschlechter“ Fichtner Cornelia, 1995 : 56 )

In den einzelnen Tanzsequenzen des kishuri werden die verschiedenen Stufen der sexuellen Begegnung dargestellt. die Frauen konkretisieren ihre eigene Sexualität womit sie weibliche Macht zum Ausdruck bringen. Die erotische Kompetenz der Frauen ist ein wichtiger Faktor für ihre soziale Anerkennung. Manchmal nehmen Frauen zeitweise eine männliche Rolle ein, was sie durch heftige stoßende Beckenbewegungen andeuten mit denen sie ihrem Gegenüber näher rücken, was in  der Regel, wie auch bei anderen Anzüglichkeiten und Obszönitäten, mit Gelächter der Zuschauerinnen quittiert wird. Eine neue Frau kommt in den Kreis, wenn eine der Tänzerinnen ihre kanga abnimmt und sie ihr überreicht. Oder sie gibt, wenn sie z.b. schlechter getanzt hat, die kanga an ihre Konkurrentin weiter, die daraufhin das Tuch als Aufforderung weiterreicht. Oder eine dritte mischt sich in das Tanzgeschehen und verändert so die Konstellation. Die kishuri-Tänzerinnen lösen sich beim Tanzen in ähnlicher Weise ab, wie die Männer im kirumbizi-Tanz. Anstelle der Stöcke geschieht es mittels der kangas. Die tänzerische Darstellung ist weitaus weniger aggressiv, der tänzerische Ausdruck benutzt in Konkurrenzsituationen stattdessen die „Waffen der Frau“.

Die meisten Texte der kishuri-Lieder handeln von der Liebe, sexuellen Fähigkeiten und der Untreue beider Geschlechter. Die Lieder sprechen davon, wie in der Swahili- Dichtung üblich in metaphorischer Sprache. Oft wird auch die Durchsetzung einer Liebesbeziehung gegen die elterlichen Widerstände besungen. Der kishuri mit seiner Thematisierung der Sexualität und Fruchtbarkeit hat große Ähnlichkeiten mit dem orientalischen Tanz und die aufrechte Körper- Grundhaltung ist auf arabischen Einfluss zurückzuführen. Der kishuri ging aus dem „kiuno“ hervor, der auch „ngoma ya dani“ (Tanz von Innen) genannt wird. Er wurde im Rahmen der Initiationsriten in geschlossenen Räumen getanzt, bei dem auch ähnliche Bewegungselemente wie die des „zarr-Tanzes“ vorkamen  oder auf offenen Plätzen, auch vor männlichen Zuschauern, wo er in Reihenformation und nicht paarweise getanzt wurde. Der Tanz wird heutzutage allerdings nicht mehr praktiziert und viele der jüngeren Tänzerinnen nähern sich, mit ihren auf mehreren Körperzentren ausgeweiteten Bewegungen, weiter dem orientalischen Tanz an.

Günther Helmut, 1982, „Die Tänze und Riten der Afroamerikaner“, Verlag Dance Motion, Bonn

Sachs Curt, 1976,  „Eine Weltgeschichte des Tanzes“, Georg Ohlms Verlag, Hildesheim, New York
(Nachdruck von 1933  Dietrich Reimer/Ernst Vohsen, Berlin

Warren, Lee  1972, „The dance of Africa“, New York 1972

VODOU

Im Zuge des Sklavenhandels, des unfreiwilligen Exodus von Millionen von Afrikanern, haben diese es geschafft ihre religiösen Vorstellungen und kulturelle Ausdrucksformen zu bewahren. Der ursprüngliche Götterpantheon hat sich mit verschiedenen Aspekten der christlichen Religion vermischt, bzw. angepasst und die Tänze haben oft Einflüsse der Kultur des jeweiligen geographischen Raumes in sich aufgenommen.  In den städtischen Tempeln wird die „manbo“ (Priesterin) „manman“ und der „oungan“ (Priester) „papa“ genannt. Die im Tempel Initiierten haben Rechte und Pflichte, vergleichbar mit denen einer großen Familie. Sie sind verpflichtet für den Tempel Geld, Zeit und Energie aufzuwenden, während der Tempel ihnen praktische wie spirituelle Hilfe zusichert. Die Feiern und Anrufungen für die Vodou-Geister beginnen mit den „Priye´Deyo“(„Äußere Gebete“)sie sind in ihrer Form immer gleich, unabhängig davon, welcher Geist angerufen wird. Sie beginnen mit gewöhnlichen katholischen Gebeten und Hymnen.

„Die Eingangssequenz einer Vodoo-Zeremonie bohrt sich langsam durch die ärchologischen Schichten der haitianischen Geschichte. Der erste Teil entstammt der jüngsten Schicht,  dem Katholizismus der französischen Plantagenbesitzer des 18. Jahrhunderts. Allmählich jedoch verändern sich Klangfarbe, Rhythmus und Energie und leiten über zu den Liedern, die die Gruppe zusammenfügen und die Lwa anrufen. Die Sprache ist jetzt ein Gemisch aus kreolisch und „langay“, der heiligen Sprache des Voodoo, die aus bruchstückhaft erinnerten afrikanischen Wörtern und verschleiertem kreolisch besteht.“

(Mc Carthy Brown, 1991 : 330  – „ Mama Lola“)

Im Vodou sind religiöse Erfahrung, Musik und Tanz eng miteinander verbunden. Die tanztheatralischen Performances werden zu Ehren der „Lwa“ veranstaltet. Dieses sind die Gottheiten, die mit speziellen menschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen ausgestattet sind, die aber auch als Naturkräfte oder Energien verstanden werden. Die Kommunikation mit den Lwa findet in den Träumen und während der Vodourituale statt. Die Voudusiants geraten in Trance und die Gottheiten lassen sich vorübergehend in ihren Körpern nieder. Getanzt wird vor mehreren Trommeln in einer Kreisbewegung durch den Raum oder auf der Stelle, wobei überfüllte Räume und stundenlange Musik und Tanzabläufe meist einfache, kraft- und platzsparende Bewegungen erfordern. Die einzelnen Lwa-Familien verfügen über Hauptrhythmen und jede rituelle Phase, das Rufen, Begrüßen und das Verabschieden des Lwa wird von für sie bestimmten gesanglichen, musikalischen und tänzerischen Ausdrucksformen begleitet. Unterschieden wird zwischen den Tänzen für die Lwa und den Tänzen der Lwa, wenn sie einen Vodouisant „reiten“.

Die speziellen Tänze für die einzelnen Lwa sind genau festgelegt und symbolisieren den Charakter oder Zuständigkeitsbereich der Gottheiten. Die Personen in denen der Lwa sich manifestiert sind tänzerisch wie schauspielerisch aktiv und genießen individuelle Bewegungs- und Artikulationsfreiheit bei der Darstellung des speziellen Charakter der Gottheit. In der Kultur des Vodou ist die Trennlinie zwischen rituellen und profanen Tänzen oft fließend. Oftmals werden Tänze der religiösen Bereiche auch außerhalb des rituellen Umfelds, als Gesellschafts- und Vergnügungstanz, oder als Bühnenaufführung getanzt, sofern die Lwa ihr Einverständnis dazu geben. So z.B. der „banda“, der regelmäßig im Karneval, im „Rara“ (ein Straßenumzug mit Musik und Tanz während der Fastenzeit zu Ehren der Lwa) und bei anderen Feierlichkeiten und auf der Bühne getanzt wird. Der Banda ist der Tanz dessen Lwa Baron Samedi ist, er ist Oberhaupt aller Gede. Die Gede sind die Herrn des Totenreiches und der Magie und Heilung,  Patrone der Friedhöfe, Meister der Erotik und Beschützer kleiner Kinder. Dieser Tanz zählt zu den freiesten aller Vodoutänze, da in ihm fast alle Improvisationen erlaubt sind, solange sie sich an den festgelegten Grundrhythmus halten und gemäß des Charakter des Lwa, erotisch, obszön und frivol sind. Das vorherrschende Bewegungszentrum des Tanzes ist die Pelvis und Bauchregion, meist verbunden mit einer breiten Beinhaltung. Die Tänzer lassen das Becken kreisen und stoßen es nach vorne und hinten. Normalerweise wird Gede in Referenz zur christlichen Religion auf zweierlei Arten dargestellt. Zum einen als St. Gabriel, zum anderen als St. Gerard, beide als gutaussehende junge Männer im Mönchsgewand,  einen menschlichen Schädel betrachtend neben dem eine frisch geschnittene Blume liegt. Sein Name in der Anrufung ist auch (übersetzt): „Herr- Gede-Kleines-Übel-Beim-Kreuz-Versteckt-Mein-Vater-Hat-Mich-Angenommen-Großer-Schwanz“. Ende Oktober bis Anfang November ist die Zeit von Gede. In Port-au-Prince (Haiti) gibt es Umzüge auf denen sich viele Anhänger dieses Trickster-Geistes herumtreiben. Ihre Gesichter sind weiß gepudert und ihre Kleidung ist hauptsächlich rot und schwarz. Sie tragen Melonen, Zylinder, Pilotenmützen und oft Sonnenbrillen mit nur einem Glas. Ein weiteres Requisit ist ein Spazierstock dessen geschnitzter Griff einen großen erigierten Penis darstellt. Er heißt „zozo“ (wörtlich: „Knochen-Knochen“), ein weit verbreiteter Slangausdruck für den Penis. Gede darf alle Regeln des sozialen Zusammenlebens brechen. Sexualität, Tod und Humor sind die großen sozialen Gleichmacher. In einem Land wie Haiti, wo politische Unterdrückung an der Tagesordnung war, ist Gedes zweideutiger, vielschichtiger Humor oftmals die einzig sichere Art um Protest auszudrücken.

McCarthy Brown, Karen  2000, „Mama Lola“, Rotbuch Verlag, Hamburg

Santeria

Der Begriff ist abgeleitet von Santos, der spanischen Bezeichnung für Yorubagottheiten in Kuba, die mit den Massen von Afrikanern, die ab dem 15.Jh. als Sklaven von der Westküste Afrikas aus den damaligen Königreichen von Benin, Dahomey und den Yoruba. Stadtstaaten, nach Kuba und Amerika gelangten. Die Gottheiten sind die Orisha, mit denen, vergleichbar wie im haitianischen Vodou, in Träumen und während der Zeremonien Kontakt aufgenommen wird. Auch in der Santeria verfügt jeder Orisha über seine eigenen Rhythmen, die sich in der Musik, im Gesang und im Tanz ausdrücken. Auch hier manifestieren sich die Gottheiten in den Tänzern und „reiten“ diese. Die Trommeln der Santeria bestehen aus Congas und den Bata- Trommeln, die beidseitig bespannt sind. Gesungen wird in der traditionellen „Call and Response“ Form, angeführt von einem Vorsänger. Hier sind es die Orishas „Ochun“ und „Ezilie Freda“, die Gottheiten der Liebe und der Weiblichkeit, die sich im Tanz erotisch darstellen. Ochun, Flussgottheit und Göttin der Liebe tanzt kokett und sinnlich, sie berührt ihren Körper demonstrativ, fährt sich über Busen, Bauch und Hüften. Ihre Körperhaltung ist stolz und aufrecht und sie hält stets ihren (imaginären) Rock mit einem der beiden Hände und führt damit schwingende Bewegungen durch. Erzilie ist auch in der Götterwelt der Vodouns bekannt. Zur „Ezilie“ genannten Gruppe gehören verschiedene weibliche Geister. Die drei wichtigsten sind „Lasyrenn, die Meerjungfrau, in der sich alte afrikanische Vorstellungen über die Macht der Frauen und des Wassers miteinander verbinden, Ezilie Danto`, die hart arbeitende, alleinstehende, bisweilen zorneswütige Mutter, und Ezilie Freda, ein sinnlicher, eleganter, dem Flirt nicht abgeneigter und zugleich enttäuschter Geist. Lasyrenn, Ezilie Danto`und Ezilie Freda sind mit jeweils unterschiedlichen Erscheinungsformen der Jungfrau Maria verwoben: Nuestra Senora de la Caridad del Cobre, Mater Salvatoris und Maria Dolorosa. Doch im Gegensatz zur katholischen Maria, dem unerreichbaren Ideal vollkommen fügsamer und jungfräulicher Mutterschaft, stehen die Ezilie dem alltäglichen menschlichem Drama sehr viel näher. Die weiblichen Geister fungieren als Spiegel und Orientierungszeichen, sie machen die Gegenwart verständlich und zeigen Lösungsmöglichkeiten.

Lasyrenn steht in enger Beziehung zu Mammy Water, deren Schreine sich in ganz Westafrika finden, die einerseits von dem Pantheon der Heiligen des Christentums und ihrer Emblematik, andererseits vom Hinduismus und insbesonders von indischen und ägyptischen Filmen beeinflusst sind. Ezilie Danto`s Status als alleinerziehende Mutter ist wichtiger Bestandteil ihrer Identität, allerdings nimmt sie häufig an „Hochzeiten“ mit Lebenden teil. In diesen Ritualen verpflichten sich die Menschen dem Geist eine Nacht in der Woche treu zu dienen. Dies erstreckt sich auch auf die Sexualität. Sie bleiben diese Nacht alleine und sind bereit den Geist in ihren Träumen zu empfangen. Ezilie Freda ist eine weiße Frau. Charakteristisch ist für sie ihre Hautfarbe und die Vorliebe für feine Kleidung und Schmuck und ihr Hang zum Romantischen. Ezilie Freda ist auch die Verkörperung des Schönheitsideals, welches sich in den mulattischen Mätressen der Sklavenära widerspiegelt. Sie bezieht ihre Identität und ihr Wertgefühl aus den Beziehungen zu Männern. Sie ist verheiratet (mit  Ogou und Danbala) und zugleich immer im heiratsfähigen Alter. Etwas in ihr ist ständig auf der Suche und findet keine Befriedigung. Im Spannungsfeld zwischen Freda und Dante` erkunden die Voudousiants, welche Probleme die Differenzen zwischen Rassen, Klassen und Geschlechtern mit sich bringen. Schwarze und weiße Hautfarbe sind mit alternativen Lebensformen verbunden und entsprechen damit der umfassenderen Wirklichkeit von Haiti und modernen Metropolen wie New York.

McCarthy Brown, Karen  2000, „Mama Lola“, Rotbuch Verlag, Hamburg

Nürnberger, Marianne/Stephanie Schmiderer (Hg.)  1996, „Tanzkunst, Ritual und Bühne. Begegnungen zwischen Kulturen“,  IKO- Verlag für interkulturelle Kommunikation, Frankfurt a.Main




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