14
Jan
10

Kulturelle Akzeptanz – der Mainstream-Porno wird populär

An den aktuelleren Kulturproduktionen und dem öffentlichen Auftreten von Darstellerinnen aus der Porno-Branche, lässt sich der Grad der gesellschaftlichen Akzeptanz feststellen. Die Einschätzung des us-amerikanischen Branchen-Insiders Bill Margold, die er Anfang der 90er Jahre in Interviews äußerte – das Darsteller, wenn sie einmal an einer Pornoproduktion mitgewirkt haben, keine Möglichkeit mehr haben „außerhalb“, bzw. innerhalb der etablierten Kulturindustrie ihr Auskommen zu finden –  scheint in dieser verschärften Form keine allgemeine Gültigkeit mehr zu haben. Der Starkult der Pornofilmbranche, der auf Messen, Trader-Shows und den eigenen Medien zelebriert wird, wird intensiv über die Bloggersphäre im Internet, aber  auch zunehmend von Mainstream-Publikationen reflektiert. Es gibt inzwischen eine Reihe von Reality-Soaps, die Einblick geben in die Internas der Pornoproduktion und ihren Stars, wie z.b. von Private, die sich alle einer außerordentlichen Popularität erfreuen. Auf dem Büchermarkt erscheinen eine zunehmende Anzahl von Biographien einzelner Darstellerinnen und Pornostars treten inzwischen, was früher undenkbar erschien, in regulären TV-Shows und Spiel- und TV-Filmen auf und engagieren sich sogar auf der politischen Bühne. Die sogenannten „Goldenen Jahre“ der Sexindustrie sind inzwischen, anhand von Einzelbiographien, von der regulären Filmindustrie thematisiert, vermarktet und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Der Preisträger des Goldenen Bären, Paul Thomas Anderson, begann seine Karriere mit „Boogie Nights“(1997), einen Film über die Pornoindustrie der siebziger Jahre. In „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ (“The people vs. Larry Flint“/1996, R.: Miles Formann) verkörpert Woody Harrelson den streitbaren Herausgeber von „Hustler“  Mit „Ratet X“ (2000, R.: Emilio Estevez) wird der Werdegang der Mitchell-Brüder, zwei Pionieren der Pornobranche, thematisiert, gefolgt von der TV-Filmdokumentation „Jim&Artie Mitchell: The true hollywood Story“ und 2005 ist der Dokumentarfilm über den bekannten Pornofilm „Deep Throat“ in die Kinos gelangt.

Diese Tendenz, von manchen als neue Welle des „Pornochics“ bezeichnet – und teilweise begleitet von einem politischen Diskurs, der von Queer, Gender,- und Feminismuspositionen getragen wird, tritt auch in Deutschland zunehmend an die Öffentlichkeit. Die Anzahl themenspezifischer Filmfestivals, Kulturevents und Workshopprogramme hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Auf dem Festival des alternativen Pornofilms in Berlin Ende 2006 standen Sex-Pro-Aktivisten, Initiativen und Unternehmen der Berliner Gay-, BDSM- und Lesbenszene erstmals in einer Reihe mit Sponsoren und Medienpartner der Sexindustrie wie Private, Beate Uhse und Erotic Media.

Bei verschiedenen Werbekampagnen im Internet 2006 zeigt sich ebenfalls, dass die traditionelle Grenze zwischen Pornographie und Mainstream sich immer mehr aufzulösen beginnt. Bei den  Videos, die alle als Stream im Internet verfügbar waren und in verschiedenen Mediaformaten zum Download angeboten wurden, betrieben entweder populäre Pornostars Produktwerbung oder das pornographische Filmformula wurde als Marketinginstrument eingesetzt. Die Werbefirma JWT hat für den Berufsbekleidungshersteller Scruffs Workwear einen Film gedreht, in welchem drei Bauarbeiter auf ihrer Baustelle mit verschiedenen Frauen Sex haben, zwischendurch wird mit partiellen Texteinblendungen auf die „Vielseitigkeit“ der Arbeitskleidung verwiesen. Der Film kommt geschickt ohne explizite Szenen aus, orientiert sich in seiner Struktur aber klar an der Narration herkömmlicher Pornofilme. In einem anderen Film wirbt die bekannte Pornofilmdarstellerin und Buchautorin („How to Make Love Like a Pornstar“) Jenna Jameson für den Sportschuh Adidas Adicolor und im dritten Beispiel präsentiert das französische Modelabel Shai unter dem Sublabel „Sexpacking“ Bestandteile ihres Sommerkataloges. In diesem Video zeigen reale Pornostars in drei verschiedenen Szenen die Kleidung des Modelabels: vor dem Sex, während und danach. Die Präsentation stoppt alle 30 Sekunden damit der User sich mittels der Roll-over-Funktion genauer über die angebotenen Artikel informieren kann. Die von den drei Pärchen dargestellten Szenen beinhalten jeweils einmal heterosexuellen, lesbischen und homosexuellen Sex, während das Modeangebot auf die jeweilige Situation spezifisch eingeht. („Sexpacking“ und „Scruffs Workwear” sind nicht mehr online) Die italienische Webseite http://www.pornomarketing.com, eigentlich als ein ironisch-künstlerischer Beitrag gedacht, deutet in diesem Sinne Möglichkeiten zukünftiger Werbestrategien im Produktmarketing und der Selbstvermarktung an.

In Frankreich entstand um die Jahrtausendwende  eine neue Welle des Porno-Chics, der sich in Presseprodukten, in der Werbung, im Kino und in Büchern und der Rap-Musik deutlich widerspiegelte. 2002 wurden bei „Loft Story“ – dem französischen Äquivalent der TV-Serie Big Brother, die Zuschauer-Ratings u.a. mit expliziten Beischlaf-Szenen der Teilnehmer aufgewertet und der TV-Sender Canal Plus berichtete wöchentlich in dem TV-Magazin „Journal du Hard“ aus der Welt der Hardcore-Pornographie. Die Regisseurin Catherine Breillat verfilmte mit ‚Anatomie de l’enfer‘ ihre eigene Buchvorlage ‚Pornocratie‘, die sich um das Pornobusiness dreht. Catherine Breillat ist vor allem durch ihre jüngeren Filmen wie „Romance X“, „À ma soeur“ oder „Sex is Comedy“ bekannt. (Den wenigsten ist bekannt, dass ihr Erstlingsfilm „Une vraie jeune fille“ (1976) in Frankreich mit einem mehr als 20 Jahre lang wirksamen Aufführungsverbot belegt wurde.) Der französische Opernregisseur Olivier Py ließ in seiner Inszenierung von Jacques Offenbach’s „Les Contes d’Hoffmann“ am Grand Théâtre de Genève seine Darsteller/innen in simulierten Sexszenen nackt auftreten und provozierte zu dieser Zeit damit noch einen Skandal. Seine Interpretation der Wagner-Oper “Tannhäuser“ ebenfalls in Genf im September 2005 aufgeführt, wo er einen französischen Pornodarsteller in der Rolle des Zeus nackt auftreten ließ, wurde von dem Publikum wie von der Kritik inzwischen gelassen aufgenommen. 2003 kam es dann wegen möglicher Prämissen staatlicher Restriktionen zu einer breiten Pro und Contra-Diskussion über Pornographie in den französischen Medien, in dessen Zusammenhang sich Ovidie als Vertreterin eines feministischen SexPro-Standpunktes profilierte. Ovidie ist Autorin, Regisseurin, moderierte in Frankreich eine politische TV-Sendung und hat in über 50 Pornofilmen als Darstellerin mitgewirkt. Bekannt wurde sie als Schauspielerin in dem regulären Spielfilm „The Pornographer“ und mit ihrem Buch „Porno Manifesto“, wo sie argumentiert das eine qualitativ hochwertige Pornoproduktion ein Zeichen für eine stabile und gesunde Gesellschaft sei.  Ovidie war in Frankreich während der Pro und Contra-Diskussion um Pornographie 2003/4 ein vielgefragter Gast in Radio und TV- Programmen. Pornofilme bei denen sie Regie geführt hat, sind  u.a. « Orgie en noir » (2000) und « Lilith » (2001), beide bei der  Marc Dorcel Productions erschienen.. « Orgie en noir » wurde 2001 auf dem Hot d’Or-Festival  in Cannes ausgezeichnet.

Sibel Kekilli, eine ehemalige Pornodarstellerin des deutschen Label ‚Magma‘ und später Hauptdarstellerin des Film „Gegen die Wand“, der bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, gelang es sich 2004 erfolgreich gegen eine Kampagne mehrerer Boulevardblätter zu wehren. Sie wurde dabei von einigen Honorationen der Kulturlandschaft und Teilen der bürgerlichen Presse unterstützt. Eine weitere deutsche Darstellerin ist Michaela Schaffrath, Künstlername „Gina Wild“. Sie hat ihre kurze und erfolgreiche Laufbahn als Pornodarstellerin für beendet erklärt und auf der Basis ihrer erworbenen Popularität eine Karriere als „seriöse“ Schauspielerin zu starten versucht. Sie spielte in 8 Pornoproduktionen die Hauptrolle und erhielt 1999 und 2000 jeweils einen „Venus Award“ als beste Darstellerin. Es folgten Rollen in Kinofilmen wie „Déjà vu“ (2001) und der Comic-Verfilmung „Nick Knatterton“ (2002), sowie einige TV-Rollen in „Tatort“ und „Polizeiruf“, außerdem war sie Gast in diversen deutschen Talk- und Spiele-Shows.

Im Mai 1997 beendete Dolly Buster ihre Karriere vor der Kamera und wechselte als Produzentin hinter die Kulissen. Sie vermarktet sich aber weiterhin über ihre Webseite als Sexstar. Sie gründete ihr eigenes Label „Dolly Buster Entertainment“ und trat als TV-Fernsehspielstar, Musik-Interpretin mehrerer CDs und mit drei Buchveröffentlichungen seit 2000 in Erscheinung. Dolly Buster kandidierte 2004  als Nora Baumgartner für die tschechische Partei NEI (Nezávislá iniciativa, Unabhängige Initiative) für das Europaparlament, zog ihre Nominierung dann aber wieder zurück. Dolly Buster war nicht die erste Porno-Darstellerin, die in die Politik gegangen ist. Schon in den 90er Jahren wurde die italienische Porno-Schauspielerin Ilona Staller ins italienische Parlament gewählt. Ilona Staller, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Cicciolina, (geb.26. November 1951 in Budapest), ist eine ehemalige ungarische Pornodarstellerin, die in Italien Anfang der 1970er Jahre einem breiteren Publikum mit der Radioshow Radio Luna bekannt wurde. 1979 wurde sie zur Spitzenkandidatin der Lista del Sole, Italiens erster grünen Partei, gewählt. 1985 schloss sie sich der Partito Radicale, einer  libertären Partei Italiens, an.  1987 wurde sie über ein Direktmandat im römischen Stadtteil Lazio in das italienische Parlament gewählt.  Sie drehte 1989 ihren letzten Pornofilm.

Der bekannte dänische Regisseur Lars von Trier gründete 1992 die Filmproduktion „Zentropa Enterprises”, 1997 folgte die Gründung des Sublabels „Puzzy Power Productions“, die Hardcore-Pornographie mit den Fokus auf Frauen und Paare als Kunden produzierte. Später ging  Lars von Trier zunehmend auf Distanz zu der Pornoproduktion und das Studio wechselte 2001 zunächst seinen Namen  zu „Innocent Pictures“, bis es dann 2003 zu einer eigenständigen Filmproduktion wurde. Zu den ersten Produktionen gehören die beiden Titel „Pink Prison“, „Constance“ und “HotMen CoolBoyz“ Weitere Kino-Projekte von „Innocent Pictures“  waren der neue Film von Coralie Trinh-Thi, einer ehemaligen Pornofilmdarstellerin und Regisseurin von „Baise mois“ (2000),  sowie der Film „I.K.U“, der  japanischen Underground-künstlerin Shu Lea Cheang.

Zwei weitere Filmemacher, die innerhalb des Genres sogenannter „alternativer Pornographie“ erfolgreich sind, sind die Regisseure Eon McKai und Benny Profane („Barbed Wire Kiss“). Wobei es sich allerdings abzuzeichnen beginnt, dass unter Alt-Porn nur ein anderer ästhetischer Stil verstanden wird, der sich in der musikalischen Untermalung und den Settings, aber vor allem bei der Auswahl der Darsteller ausdrückt. So ist die Rahmenhandlung bei „Barbed Wire Kiss“ eher klassisch choreographiert, die Darsteller hingegen geben durch Tattoos, Piercings, Kleidung und Accessoires  ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Subkulturen zu erkennen und aus diesem Umstand heraus konstituiert sich der „alternative“ Charakter dieses Pornofilms. Eon McKai (geb.1979) war bereits als Photograph bei Suicide Girls in der Altporn-Internetszene involviert. Nach seinem Abschluss im Filmbereich an dem California Institute of Arts begann er als Regisseur von Pornofilmen bei der Videoproduktion VCA wo er „Art School Sluts“ (2004) und die „Kill Girl Kill“-Serie realisierte. Es folgten Filme wie „Skater Girl Fever“ und „Neu Wave Hookers“ (2006), bis er dann 2006 zu der Filmproduktion von Vivid wechselte, die mit ihm das neue Sublabel „Vivid-Alt“ starteten, unter deren Dach dann der Film „Girls Lie“(2006) produziert wurde.  McKai bevorzugt jüngere Darsteller mit einem alternativen Style, wie er auch auf der Webseite Suicide Girls dominiert und legt in seinen Filmen, die er als „Art-Porn“ bezeichnet, mehr Wert auf eine differenzierte Storyline und eine qualitative Ausstattung als dies bei den üblichen Produktionen des „Gonzo“-Genres der Fall ist.

Mit einer steigenden Anzahl von Filmproduktionen versucht eine neue Generation von Filmemachern dem Thema Sexualität seinen natürlichen Stellenwert im dargestellten Alltagsleben zurückzugeben und überschreitet damit ganz bewusst die Grenzziehung zwischen Spiel- und Pornofilm. Da ist z.b. Jessica Nilssons  “All About Anna”(2005), der von Lars von Triers Zentropa Productions coproduziert wurde und die neuesten Filme von Michael Winterbottom und John Cameron Mitchell. Michael Winterbottom, der vorher mit politischen Filmen wie „In This World“ und „Road to Guantanamo“ bekannt wurde, drehte mit „9 Songs“ einen Film der die sexuelle Begegnung eines Pärchens thematisiert. Der Film zeigt die Liason der beiden Protagonisten Matt und Lisa in der Rückblende, wie sie sich auf einem Rockkonzert kennenlernen und verlieben, miteinander schlafen und weitere Konzerte besuchen. Die Konzertaufnahmen sind in Musikclip-Style gehalten und wechseln im Gegenschnitt zu den realistischen Sexszenen ab. John Cameron Mitchell (geb.1963), ein bekennender Homosexueller, der sich für die Rechte und die Kultur seiner Subkultur einsetzt, hat neben dem Musical „Hedwig“(1998) und der drei Jahre späteren Verfilmung des Stoffes, 2005 einen Musikvideo für die Gruppe „Scissor Sisters“ gedreht, der wegen seiner sexuell expliziten Szenen im amerikanischen MTV-Kanal nicht gezeigt werden durfte. Im Mai 2006 wurde sein neuester Film „Shortbus“ auf dem Cannes Film Festival aufgeführt. Der Film handelt von dem gleichnamigen New Yorker Club, wo sich Hetero- und Homosexuelle, Paare und Singles treffen, die dort ihren vergnüglichen Neigungen nachgehen. Der Film ist voll von deutlichen Sexszenen, vermeidet aber Close-ups, wie sie sonst im pornographischen Film üblich sind und ist eher anti-voyeuristisch eingestellt. „Shortbus“ entstand im Rahmen eines zweijährigen Produktionsprozesses, bei dem die Schauspieler in Workshops und beim Dreh selbst Einfluss auf den Handlungsverlauf nehmen konnten.

„Wo in der Pornographie der Sexus des Menschen aus dem Zusammenhang seines Lebens herauspräpariert wird wie ein bloßliegender Nerv, da betten diese Filme ihn wieder ins Leben ein. (…) Sexualität wird hier zu einer selbstverständlichen Facette des Menschseins – und sie gewinnt dadurch, dass sie einfach sein darf, wie sie ist, die Würde zurück, die ihr die Pornographie raubt. Insofern ist es durchaus angemessen und sogar wichtig, dass diese Bilder von Sexualität ihren Weg in die Diskurssphäre der Öffentlichkeit finden. Sie vernichten nicht Intimität, sondern sie fragen, was Intimität heute eigentlich ist, welchen Wert sie hat – und stören damit den sich selbst reproduzierenden Zyklus glatter, durcherotisierter Medienwirklichkeit.“

Susanne Weingarten, „Das Fleisch ist traurig“, Spiegel Online vom 3.6.2001


0 Responses to “Kulturelle Akzeptanz – der Mainstream-Porno wird populär”



  1. Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: