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Der Massenartikel „Pornographie“ – Definitionsprobleme

Ein Großteil der Gewinne der Sex-Industrie wird neben der direkten Dienstleistung mit dem Produkt Pornographie erwirtschaftet. Bei dem Begriff, bzw. der Definition von „Pornographie“ existieren oft Unklarheiten, vor allem in den politischen Diskussionen und den schriftlichen Diskursen über sie. Was die einen als „Erotica“ klassifizieren, gilt den anderen als Pornographie und schon alleine die konkrete Feststellung was pornographisch ist, ist oft umstritten.

„Erotica“  sind erotische Darstellungen,, die sexuelle Handlungen eher implizit ansprechen, als Verweis, Andeutung und oft durch Auslassung. Es fehlt also die spezifische narrative Struktur, wie sie in der Pornographie zu finden ist. Diese vollzieht sich, entwickelt sich projektiv, erst im Kopf des Betrachters. Andererseits werden Statuen, Zeichnungen, Holzschnitte und Vasenmalerein antiker und außereuropäischer Kulturen, auch wenn sie explizit sexuelle Handlungen darstellen, als „Erotica“ klassifiziert. Im Gegensatz zur Erotik beinhaltet die Pornografie in den meisten Fällen die reale Darstellung der Geschlechtsteile und des Geschlechtsaktes, die Grenzen zwischen den beiden Bereichen sind jedoch fließend. In der Regel hat der Term „Pornographie“ im Vergleich zu der sogenannten „Erotica“, die gesellschaftlich weitaus anerkannter ist, negative Konnotationen von niedrigerer künstlerischer und intellektueller Qualität.

Nach der etymologischen Definition schlüsselt sich „Pornographie“ folgendermaßen auf: „porne`“ (griech.) – Prostituierte. In der Hierarchie der Liebesdienste gehörte die „porne`“ zur untersten  Klasse der  Prostituierten im antiken Griechenland – und „graphos“ (griech.): Schrift, Radierung, Zeichnung. In seiner ursprünglichen Bedeutung, nach den klassischen  griechischen Wurzeln des Wortes, meint Pornographie „Schreiben über Prostituierte“ Bei dem Begriff „Pornographie“ handelt es sich um eine Wortschöpfung  aus dem 19. Jh. Der Begriff taucht 1769 bei Restif de la Bretonne in Bezug auf Schriften zur Prostitution auf. Im Sinne „obszöner, unmoralischer Literatur und Bilder“ wurde er erstmals 1806 in dem „Dictionnaire critique, litteraire et bibliographique des principaux livres condamnes au feu, supprimes ou censures“, einem Pariser Werk von Etienne-Gabriel Peignot verwendet. Im modernem Sprachgebrauch befindet sich das Wort allerdings erst seit ca. 1850, ausgehend vom viktorianischen England und wurde bald für alles Geschriebene über Sexualität verwendet, sobald die Her- und Darstellung und Konsumption des Materials dem Zwecke der sexuellen Stimulation diente.

Der Term „Pornographie“ wurde und wird von verschiedenen Seiten unterschiedlich definiert. Die Bedeutung differiert je nach historischen Kontext, sexualpolitischen Standpunkt und dem konkretem Interesse mit dem das Reizwort Pornographie in die Diskussion gebracht wird. Einige Autoren sprechen von Pornographie, wenn angebliche schädliche sexuelle Praktiken dargestellt werden. Andere definieren als pornographisch, was die Würde des Menschen verletzt. Gebräuchlich ist die Definition von Pornographie als Material mit dem sexuelle Stimulation beabsichtigt ist. Und wiederum andere, wie ein Oberstaatsanwalt der „US Attorny General Commission on Pornography“ definiert sie als „das was er erkennt, wenn er es sieht“. Viele Definitionen von Pornographie deuten auf einen psychologischen Abwehrmechanismus hin, der vor allem aus der Tabuisierung der Sexualität herrührt. In dem Maße wie Pornographie sexuelle Erregung hervorrufen will und bewirkt, werden bestehende Ängste vor Sexualität auf diesen Mechanismus, auf die Darstellung von Sexualität, übertragen. Pornographie ist oft ein subjektiver Begriff für das, was die Grenzen des Bekannten und Erwarteten überschreitet, da trotz der vermeintlichen Liberalisierung viele Tabus unter der dünnen Schicht des Medienhypes weiterexistieren.

Pornographie thematisiert Geschlechtlichkeit und dies berührt alle Menschen gleichermaßen, unabhängig von sozialen Klasse und politischer Einstellung. Oder anders gesagt, wenn ab der 10 Klasse im Sportunterricht wahlweise Sexualgymnastik angeboten würde, wäre für diese Generation das Thema Pornographie nur ein Achselzucken wert oder höchstens unter einem kulturhistorischen Blickwinkel interessant. So aber ist eine Auseinandersetzung mit diesem Thema immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur, der eigenen Person und den sexuellen Bedürfnissen, Verhaltensweisen, Sehnsüchten und Phantasien.

Im Zusammenhang mit der Pornographiediskussion taucht auch immer der Begriff der Obszönität auf. Obszönität – vom Lateinischen in der Bedeutung „beschmutzt“, Schmutz oder Exkremente enthaltend“. Obszönität ist der gesetzlich bedeutsame Begriff, der in den Diskussionen und Rechtssprechungen über Pornographie verwendet wird. Darüber hinaus können Gegenstände, verbale Äußerungen, Gesten oder andere Handlungen die das Schamgefühl einer Person verletzen, als obszön bezeichnet werden. Obszönität bedeutet immer auch Tabu-Bruch und Grenzverletzung Weil sie aber von den Moralvorstellungen einer Zeit, Kultur, Gesellschaft, Gruppe oder dem ganz persönlichen Empfinden Einzelner abhängt, lässt sich die Grenze zwischen Nicht-Obszönem und Obszönem nicht allgemeingültig bestimmen.

Seit der sogenannten “Miller Decision“ des Supreme Courts von 1973, definieren und bestimmen die lokalen Justizbehörden der einzelnen US-Bundesstaaten was obszön ist. Als verbindliche Grundlage jeder Entscheidung gilt der „Miller Standard“, der drei Tests beinhaltet. Um als obszön zu gelten muss das dominierende Thema des Werkes sexuell explizit und lüstern sein, gegen die moralischen, zeitgenössischen Standards der lokalen Kommune verstoßen und es muss ohne jeden seriösen literarischen, künstlerischen, politischen und sozialen Wert sein

Das deutsche Strafgesetzbuch definiert seit 1973 unter harter Pornographie (§ 184,3) sexuellen Missbrauch von Kindern (Pädophilie), sexuelle Handlungen von Menschen mit Tieren (Sodomie) und Sexualität mit Gewalt (Vergewaltigung, Lustmord, etc.) Der Begriff „Hardcoreporno“, wie er im Alltagsdiskurs verwendet wird, kann allerdings nicht mit „harter Pornographie“ im juristischen Sinne gleichgesetzt werden. „Hardcore“ im Film oder bildlichen Darstellungen bedeutet nichts weiter, als das sexuelle Handlungen nicht nur angedeutet, sondern das sie wirklich, in der Regel mit  Großaufnahmen der Geschlechtsorgane, gezeigt werden. Aufgrund der Gesetzeslagen und wegen der besseren Vermarktungschancen ist die Unterscheidung zwischen Soft- und Hardcore- Produktionen wichtig geworden. Oft werden von einem Setting jeweils eine Version fertiggestellt. Softcore zeigt die nackten Darsteller und sexuell suggestive Szenen, während  Hardcore oder XXX-Produktionen Nahaufnahmen der Geschlechtsorgane und der sexuellen Aktivitäten beinhalten.

Der Strafrechtssonderausschuß des Deutschen Bundestages hat Pornographie 1977 als Darstellungen definiert, die 1. zum Ausdruck bringen, dass sie ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes beim Betrachter abzielen und dabei 2. die im Einklang mit allgemein gesetzlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstands eindeutig überschreiten. Dabei wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die Darstellung von Nacktheit und von Sexualakten an sich nicht notwendigerweise pornographisch sein muss.

Mit der Problematik der Definition des Terms „Pornographie“ hat sich Werner Faulstich in seinem Buch „Die Kultur der Pornographie“ detailliert auseinandergesetzt. Er stellt klar, das Pornographie nicht ein Fall von Sexualität, sondern eine Form der Darstellung ist und es sich somit um „Darstellungspraktiken“ und nicht um „Sexualpraktiken“ handelt. Faulstich versucht eine objektive Definition zu entwickeln, nach der ist:

„Pornographie die Darstellung sexueller Handlungen in Wort, Bild und Ton in allen Medien gemäß den drei Kategorien – explizit detailliert, fiktional wirklich und szenisch narrativ.“

explizit detailliert, meint die detaillierte Darstellung sexueller Handlungen, fiktional wirklich, bezieht sich auf visuelle Pornographie und bedeutet das die sexuellen Handlungen nicht nur gespielt oder angedeutet werden, sondern tatsächlich stattfinden. (Diese Kategorie ist allerdings relativ, da inzwischen in dem pornographischen Filmgenre in bestimmten Fällen dazu übergegangen wurde bei Nahaufnahmen der Geschlechtsorgane die Darsteller zu doubeln) Und Drittens szenisch narrativ meint die ästhetisch mediale Gestaltung und das Story Board der pornographischen Produktion, die im Zusammenhang zum szenisch-dramatischen Skript der sexuellen Phantasie des Zuschauers gesehen wird.

Ein Bereich der von den klassischen Definitionen von Pornographie, Obszönität und Erotika überhaupt nicht erfasst wird, ist der der Satire, des Humors, der die moralischen Grenzlinien um die Sexualität benutzt, um zum Ziel zu gelangen. In der englischen Version einer Internet-Enzyklopädie wird er mit dem Begriff „Ribaldry“ umschrieben.  In einer Art verschieden zur klassischen Pornographie und Erotika, aber oft im gleichen Kontext auftauchend, liegt die Bestrebung nicht auf der sexuellen Stimulation, sondern eher auf dem Humor, der Komik einer bestimmten Situation. Dies kann  einfach und konventionell, aber auch politisch und subversiv umgesetzt werden. Immer bezieht sich diese Komik auf die Standards der sexuellen Konventionen, bzw. auf den tabuisierten Bruch mit denselben. Der Charakter dieses Humors kann sehr unterschiedlich sein und hängt auch davon ab wie er von dem Konsumenten „gelesen“ wird. Der Fokus kann auf den Protagonisten liegen, die die Konsequenzen dieser Tabubrüche zu spüren bekommen, oder aber auf der Lächerlichkeit bestimmter moralischer Standards im Gesamten.

Dieser notwendige rituelle Tabubruch des „Ribaldry“ mit seinen antiautoritären Tendenzen machte es oft zur Zielscheibe der staatlichen Zensur, die eine Mischung von satirischen und sexuellen Inhalten öfters als gefährlicher zu empfand, als eindeutig sexuell expliziteres Material. Formen dieses sexuell konnotierten Humors tauchen zu jeder Zeit und in jeder Kultur der Menschheitsgeschichte auf. Der bereits erwähnte Internetdiktionär rechnet Klassiker wie Aristophanes‘ „Lysistrata“, die „Cena Trimalchionis“ von Petronius, und die „Metamorphoses“ von Apuleius dazu. François Rabelais „Gargantua“ gehört sicherlich in diese Kategorie, wie auch einige der obszönen Schmähschriften der französischen Revolution. „Ribaldry“ nun allerdings als subversives Instrument der Kulturproduktion zu charakterisieren wäre weit gefehlt.

Zum einen besitzt das Lachen eine latent herrschaftskritische Funktion, die von äußeren wie von inneren Zwängen befreien kann und dem Anspruch von Autorität Grenzen setzt. Lachen verfügt über eine starke identitäts- und gemeinschaftsstiftende Kraft, die sich oft allerdings in einem Verhaltencodex einer Gruppe oder Gesellschaft definiert, denen das Lächerliche als Ausgeschlossenes gegenübersteht. In diesem Fall kann die Komik im Bereich der Erotik oft auch ein Ausdruck einer reaktionären Mentalität sein, eine Bestätigung bestehender konservativer Sexualnormen, wie z.b. die Karikatur von Homosexuellen, die oft mit einer überzogenen Sprache, Haltung und Gestik dargestellt werden oder bei Transvestiten, die früher im Variete und heute beim Film ein beliebtes Thema sind. Wenn auch die Komik in solchen Szenen, je nach  Intention des Regisseurs, durchaus reaktionär sein kann und sie eine Abwehrhaltung des Rezipienten charakterisiert, kann sie durchaus einen Freiraum, eine Möglichkeit der Darstellung an der Zensur der herrschenden Sexualmoral vorbei schaffen.

Der Geschlechtertausch hat als Thema der Bühne und später dem Film eine lange Tradition. Damen-Imitatoren waren in der Burleske und in der Vaudeville beliebt und fast alle bekannten Slapstickdarsteller des jungen Filmgenres wie Charlie Chaplin („A woman“/1915), Stan Laurel und Oliver Hardy („Twice True“/1933) bis Roscoe Airbuckel hatten diese Form des humoresken Cross-Dressings in ihrem Repertoire. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist das Theaterstück von Brandon Thomas „Charleys Tante“, dessen Thema in vielen Variationen filmisch umgesetzt wurde. – Der ältere von zwei Brüdern schlüpft in die Rolle einer Anstandsdame um die moralischen Bedenken zweier schwedischen Mädchen zu zerstreuen, bis die richtige Tante auftaucht. Schauspieler wie Heinz Rühmann und Peter Alexander traten in den 50er und 60er Jahren in einer Reihe solcher Filme auf.

Weitere bekannte Filme sind „Manche mögens  heiß“ mit Jack Lemmon, „Die wilden Mahlzeiten“ mit Michel Piccoli und Gerhard Depardieu und „Ein Käfig voller Narren“ mit Michel Serrault. Die ursprüngliche Darstellung von Travestie auf der Bühne und im Film ist die des Slapsticks und der Parodie, später kommt der durch abenteuerliche Umstände erzwungene Geschlechtertausch hinzu und die Verknüpfung von Verkleidung und Mord in einigen Psycho-Thrillern.

In kaum einem dieser Filme wurde die Geschlechtsrolle als ein soziales Problem dargestellt, bzw. realer Transvestismus geschildert. Einer der ersten Filme ist der Dokumentarfilm „The Queen“ (1968, R.: Frank Simon) der eine Misswahl von Transvestiten beschreibt. Ein weiterer Dokumentarfilm ist „Ich bin meine eigene Frau“ (1992, R.: Rosa v. Praunheim) der das Leben von Lothar Borfelder, dem bekanntesten Transvestiten der DDR nachzeichnet.
Zu einem Star des Undergroundfilms entwickelte sich der schwergewichtige Transvestit Divine in den provokativen Filmen von John Waters. Eine bekannte Mainstreamproduktion, die das Repertoire der Travestiekomödie mit einem emanzipatorischen Diskurs der Frauenbewegung verband, war „Tsotsie“ (1982, R.: Sydney Pollack) mit Dustin Hoffmann in der Hauptrolle. Ein weiterer Film der sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt ist „I change my Life“ (1986, R.: Anthony Page), der die reale Geschichte des Arztes Richard Roskin erzählt, der sich einer operativen Geschlechtsumwandlung unterzieht und dann als Tennisspielerin Karriere machte.


http://www.wordiq.com/definition/Ribaldry

Arnoldsheimer Filmgespräche Bd. 14,  „In´s Kino gegangen, gelacht – Filmische Konditionen eines populären Affektes“
Schüren-Verlag, Marburg, 1997

Lenne, Gerard „Der erotische Film“, 1983, Heyne, München

Pastötter Jakob, 2003, „Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozess“, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden


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