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20
Jan
10

Prostitution


Inhalt

Prostitution im Mittelalter

Offizielle Sexualethik und Wirklichkeit
Die Entwicklung städtischer Prostitution
Das Seelenheil der Dirnen – Ordensgründungen und Magdalenenkult
Die heimliche Prostitution – Kupplerinnen, Badestuben und Schänken
Das Frauenhauswesen
Die zunehmende Diskriminierung der Prostitution und die Schließung der Frauenhäuser
Exkurs: Hebammen
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Die Prostitution im Industriezeitalter bis zum Ende der Weimarer Republik

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Das 19. Jahrhundert  – Die Kasernierung der Prostitution
Der deutsche Reglementarismus
Das Spektrum der Prostitution am Beispiel Berlins
Die soziale Rekrutierung der Prostituierten
Die Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen in Deutschland
Die Gesetzgebung in der Weimarer Republik
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Prostitution heute:  Zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu

Statistisches Material zwischen Ökonomie und Gesundheitswesen
Die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten in Deutschland
Menschenhandel und Prostitution
Arbeitsbedingungen von Prostituierten
Die Dienstleistung – Zwischen Massenabfertigung und Spezialisierung
Sozialtechniken von Sexarbeiterinnen
Prostituiertenorganisationen
Spotlight Budapest/Ungarn
Spotlight –  Nevada/ USA
Spotlight – Amsterdam/Holland
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„Prostitution“ : „prostituere“ (lat.) – „öffentlich preisgeben“ in einem älteren Bedeutungszusammenhang: „vorn hinstellen“, aus „pro“- „vorn“ und „statuere“- „hinstellen“
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„Prostitution“ – Verkauf nicht-reproduktiver, sexueller Dienstleistungen

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Prostitution im Mittelalter – Offizielle Sexualethik und Wirklichkeit

Die moralische Zuweisung und die soziologische Definition wer oder was als obszön und unsittlich und wer als Prostituierte klassifiziert wird, kann von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein und verändert sich im Rahmen der sich wandelnden historischen Kontexte. Dementsprechend ist die Geschichte der Sexualmoral und Prostitution nicht als eine einheitliche Entwicklung zu verstehen, sondern als eine aneinander gereihte und oft zeitlich verschobene Folge von verschiedenen sozialen Koalitionen, auch wenn man in der Darstellung der Thematik zu einer vereinfachenden zeitlich linearen Darstellung neigt. Ein weiteres Problem ist, das verwendete historische Quellen und rezipierte Literatur sich größtenteils über obrigkeitliche Verordnungen definieren, bzw. diese als Grundlage ihrer Recherche verwenden. Diese Quellen geben einem eine Vorstellung wie man damals gedachte das  Alltagsleben zu reglementieren und welche Strafkataloge man bei Regelverstößen zur Anwendung brachte – sie geben aber keinen Aufschluss darüber, inwieweit die damit verbundene Sexualmoral tatsächlich allgemeingültig im Bewusstsein der Bevölkerung verankert war.

Die mittelalterliche Sexualethik trennte zwischen erlaubter und verbotener Sexualität. Sexueller Verkehr war, sofern er der Fortpflanzung diente, ausschließlich in der Ehe erlaubt. Andere Formen sexueller Aktivität waren verboten, wenn sie auch teilweise toleriert wurden. Neben dem weitverbreiteten Konkubinat, dem vorehelichen Geschlechtsverkehr und der Sodomie – zur Sodomie zählte man damals neben gleichgeschlechtlichen Verhalten und Verbindungen zwischen Christen und Nicht-Christen auch den Analverkehr mit Frauen, der zur Empfängnisverhütung oft praktiziert wurde – stellte die Prostitution nur eine, der von der Kirche bekämpften Formen der „Unzucht“ dar. Soweit sie von Frauen ausgeübt wurde, wurde sie geduldet und man versuchte sie weitgehend zu kontrollieren, männliche Prostitution hingegen galt nach der kirchlichen Moralvorstellung als Todsünde. Dabei gab es in vielen Städten Homosexuelle und im 14. und 15. Jh. entwickelte sich in den großen Städten wie Venedig, Florenz, Rom und Paris eine umfangreiche männliche Prostitution. Vor allem minderjährige Jungen verdienten sich auf diese Weise ihren Lebensunterhalt.

Aufgrund des strikten Postulats der Monogamie, dem Gebot der Jungfräulichkeit bis zur Heirat und die durch die Zunftordnungen bedingten späten Ehen, konnte man auf die Ventilfunktion der Prostitution nicht verzichten. So setzte sich die  pragmatische Auffassung des Kirchenlehrers Augustinus durch, der in der Prostitution ein unvermeidbares Übel sah, dass man in Kauf nehmen müsse um Schlimmeres zu vermeiden. Im realen Alltagsleben war die Ehe bis in das 16. Jh. allerdings nur eine Form von Gemeinschaft zwischen Männern und Frauen. Eine Beziehung konnte auch die eines Konkubinats annehmen, wie es für Verbindungen zwischen „Nicht-Standesgleichen“ üblich war. Für Kleriker und wohlhabende Bürgerliche war es bis in das 16. Jh. nicht ungewöhnlich eine Beziehung zu einer Frau zu unterhalten, die zwar die Versorgung der evtl. Kinder und der Frau, aber nicht die Verbindlichkeit einer Ehe beinhaltete. Gerade auch die Geistlichen kamen, im Gegensatz zu den öffentlichen Verlautbarungen und dem Gebot des Zölibats, ihren sexuellen Bedürfnissen oft nach.

„Vielfach suchten Bauern ihre Frauen und Töchter vor geistlicher Verführung dadurch zu sichern, daß sie keinen als Seelenhirten annahmen, der sich nicht verpflichtete, eine Konkubine zu nehmen. Ein Umstand, der einen Bischof von Konstanz veranlaßte, den Pfarrern seiner Diözese eine Konkubinensteuer aufzuerlegen. Aus solchen Zuständen erklärt sich die historisch beglaubigte Tatsache, daß in dem von unseren Romantikern als so fromm und sittsam dargestellten Mittelalter zum Beispiel 1414 auf dem Konzil zu Konstanz nicht weniger als 1500 fahrende Frauen anwesend waren.“

August Bebel – „Die Frau und der Sozialismus“ – 62. Auflage, Berlin/DDR, 1973, S. 207-242.Viertes Kapitel, „Die Frau im Mittelalter“      http://www.mlwerke.de/beb/beaa/beaa_207.htm

Das deutsche Reichsgebiet war bis in das 11. Jh. agrarwirtschaftlich geprägt. Neben den dörflichen Siedlungen und den adeligen und kirchlichen Grundherrschaften bildeten sich Zentren für Handel und Gewerbe heraus, die Vorformen der späteren Städte. Durch den zunehmenden Verkehr auf den Handelsstraßen entstanden entlang der Hauptverkehrswege eine steigende Anzahl von Gasthäusern die sich auch zum Anlaufpunkt für fahrende Frauen, die sich prostituierten, entwickelten. Sie boten ihre Dienste entlang der Landstraßen, an Wegkreuzungen, auf Märkten und Martyrfesten an. Wanderhuren begleiteten die Messkarawanen und folgten den Kaufleuten, Knechten, Fuhrleuten und Begleitmannschaften und nutzten die gute Konjunktur der Messezeiten mit ihren großen Menschenmengen. Das Maß an Teils freiwilliger, teils erzwungener Mobilität (z.B. durch die Strafe der Verbannung) war groß, die Grenzen zur Lebensweise der nichtsesshaften, fahrenden Frauen waren fließend. Besondere Anlässe wie Reichstage, Konzilien, Jahrmärkte, Wallfahrten und Kirchenfeste führten immer zu erheblichen Konzentrationen fahrender Dirnen. Im Hochmittelalter bildeten ritterliche Turniere und die Kreuzzüge eine weitere Gelegenheit um sich ein Auskommen zu sichern. So sollen während der ersten Kreuzzüge (1096-99) dem französischen Heer über 1000 Prostituierte gefolgt sein. Auch die seit dem 8. Jh. regelmäßig stattfindenden Wallfahrten boten dementsprechende Gelegenheiten, bzw. viele arme Pilgerinnen verdienten sich auf diese Weise ihr Reisegeld.

Die sogenannten „Landsknechthuren“ stellen eine Sonderform der mobilen Prostitution dar. In vielen Fällen handelte es sich, ähnlich wie bei den Verhältnissen zwischen Geistlichen und ihren Konkubinen, nicht immer um Prostituierte, auch wenn die Grenzen fließend waren, sondern um quasi eheliche, von Kirche und Gesellschaft nicht anerkannte Beziehungen auf Zeit. So gab es keine Entlohnung der Frau für sexuelle Dienstleistungen. Soweit sie nicht durch Betteln, Gelegenheitsarbeit, Felddiebstahl oder echte Prostitution zum Lebensunterhalt beitrug, wurde sie von ihrem Mann unterhalten. Dafür erfüllte sie die Verpflichtungen einer regulären Ehepartnerin. Weitergehend wurden diese Frauen  zu militärischen und Sanitätsleistungen im Landsknechttross herangezogen (z.b. Schanzen- und Fuhrdienste und Kundschaften) Im Heer Karls des Kühnen (1474/5), vor Neuss, sollen etwa 1500 Frauen mitgereist sein. Im 16. Jh. verstärkten dann die ausgemusterten Landsknechte das Potential der vagierenden Randgruppenbevölkerung.

Die Entwicklung städtischer Prostitution

Abgesehen von den Sonderformen der mobilen Prostitution und der Nutzung der sogenannten „Gynaeceen“ als grundherrschaftliche Bordelle – manufakturartige Webhäuser an den Adelshäusern und Pfalzen –  konzentrierte sich die Prostitution in den wachsenden städtischen Kommunen. Die Prostitution war seit eher tendenziell an die Stadt gebunden. Durch die regelmäßigen Lokal- und Fernmärkte stellten die Händler und Käufer ein wichtiges Potential zahlungskräftiger Kunden dar, die zudem, wenn sie aus einem anderen Ort kamen, für die Zeit des Marktes, aus dem Netz ihrer sozialen Bindungen und moralischen Verpflichtungen heraustraten. Als die Verpflichtung der gerichtliche Autorität zur friedlichen Konfliktbeilegung sich seit dem 13. Jh. zunehmend auf den Ort des Zusammenlebens, anstatt auf eine Gemeinschaft rechtskräftiger Männer, bezog, übernahm die städtische Obrigkeit die rechtliche Vertretung der Prostitutierten. Mit dieser rechtlichen Einbindung war zwar eine Duldung, aber keine weitere soziale Anerkennung verbunden, was in den Kleiderordnungen der Prostituierten betreffend und in den häufigen Verweisen aus der Stadt zum Ausdruck kam.

Seit dem 14. Jh. wurden seitens der Stadtoberen Kleiderordnungen erlassen, die sich an die gesamte Stadtbevölkerung richteten. Im Laufe des 14. Jh. wurden die Regelungen der Rangunterschiede zunehmend nach Vermögen normiert. Bereits in den frühen Kleiderordnungen gab es Bestimmungen die sich nur auf die Gruppen der Mägde, Knechte und Dirnen bezogen. Neben den Prostituierten waren die Juden und Leprakranken in der Stadt des 14. Jh. ähnlich auffällig gekennzeichnet. Im 15. Jh. waren derartig deutliche Markierungen in Deutschland eher die Ausnahme. Zu dieser Zeit wurden den Dirnen eine einfache Tracht vorgeschrieben die aus einer Haube und einem kurzen Mantel, wie ihn auch die Männer trugen, bestand. Für die öffentlichen Mädchen der Frauenhäuser war allerdings oft auch ein Abzeichen als weitere Kennzeichnung vorgeschrieben. Diese Vorschriften verboten den Prostituierte zu luxuriöse Kleidung z.b. Stoffe wie Samt oder welche, die mit teuren Färberstoffen durchwirkt waren, wie auch Accessoires aus Gold und Edelsteinen. In der Regel war ein generelles Merkmal der Prostituiertenkleidung das Auffällige. Das konnten farbige Bänder, Flicken oder spezielle Kopfbedeckungen sein. Oft war ein blasses Gelb in der mittelalterlichen Kleiderordnungen als eine negative Farbe zur Kennzeichnung sozialer Außenseiter konnotiert. Vor allem der jüdischen Bevölkerung war ein gelbes Zeichen an der Kleidung vorgeschrieben, das galt in vielen Regionen ebenso für Pfarrkonkubinen und Prostituierte, wenn sich auch die Kennzeichnungen von Stadt zu Stadt unterschieden.

Im frühen Mittelalter war es den Prostituierten in Frankreich verboten ihr Haar zu bedecken. Die damals übliche Haube, Kapuze oder der Schleier der „ehrbaren“ Frauen, war ihnen als Kleidungsstück versagt. In Arles, zum Ende des 12. Jh. war es noch Sitte bzw. Pflicht, dass, wenn eine ehrbare Frau einer verschleierten Prostituierten begegnete, sie diesen Schleier wegreißen durfte. Das Verbot für nicht ehrbare Frauen ihr Haar zu bedecken scheint im Mittelalter weit verbreitet gewesen zu sein und hat in den folgenden Jahrhunderten Spuren im allgemeinen Gebaren hinterlassen. So war es in Dijon des 15.Jh. noch üblich eine Frau öffentlich der Prostitution zu beschuldigen indem man ihr die Haube vom Kopf riss. Andererseits entwickelte sich daraus auch ein selbstbewusster und aggressiver Gestus der Frauen, die ihrerseits ihr Haar bloßlegten, entweder um einen anderen Mann bloßzustellen deren Lebenswandel sie für unmoralisch und heuchlerisch hielten, oder aber als Bestandteil einer eigenen Liebeswerbung.

Mit der  zunehmenden Institutionalisierung und Integration der Prostitution in die städtischen Unterschichten, wurden die Prostituierten nur noch zu den Zeiten von kirchlichen Hochfesten aus der Stadt gewiesen. In den Vorstädten war den Frauen in der Regel der Aufenthalt erlaubt. Später wurde es ihnen nur noch verboten zu diesen Zeiten Männer zu empfangen. Die Verweisungen zu der Fastenzeit und zu religiösen Festen leiteten sich von den christlichen Normen ab, nach denen Geschlechtsverkehr zur Fastenzeit und zu religiösen Festen verboten war. An den „öffentlichen Frauen“ wurden damit Verbotsregelungen vollzogen, die der Weisung nach für alle Einwohner galten. Diese Ausnahmezeit die ursprünglich die ganze Fastenzeit umfasste, war im 15. Jh. bereits auf wenige Tage im Jahr beschränkt. Bereits im 14. Jh. löste die räumliche Verweisung eine zeitliche Begrenzung des Aufenthaltsrechtes ab. Die Mehrzahl der größeren Städte versuchte nicht die Prostituierten von bestimmten Wohngebieten fernzuhalten, sondern schrieb ihnen Straßen zum Aufenthalt vor.

Das Seelenheil der Dirnen – Ordensgründungen und Magdalenenkult

Seit dem 13. Jh. gab es seitens kirchlicher Reformer verstärkte Bemühungen Prostituierte zu bekehren. Heirat stellte eine Möglichkeit der Rehabilitierung der Frauen nach den mittelalterlichen Sittlichkeitsvorstellungen dar. Eine weitere Form war das klösterliche Zusammenleben in Armut und Keuschheit. Vor allem in Südfrankreich gab es im 13. Jh. mehrere Gemeinschaftsgründungen bekehrter Prostituierter. Eine der bekanntesten Institutionen hatte allerdings 1224 in Deutschland ihren Ursprung. Der Kaplan Rudolf von Worms erreichte, dass die auf seine Initiative hin in mehreren Städten gegründeten Gemeinschaften 1227 vom Papst als sogenannte Magdaleneorden anerkannt wurden. Die weite Verbreitung dieses Ordens ist allerdings nicht auf die massenhafte Bekehrung von Dirnen zurückzuführen, sondern auf einen stetigen Zustrom unversorgter adeliger und bürgerlicher Mädchen und Frauen, die sich zum Teil von den Idealen der Franziskaner und Dominikaner angesprochen fühlten. Andererseits entwickelte sich der Orden zu einer Instanz für unverheiratete Frauen, die wegen unzureichender Mitgift nicht standesgemäß verheiratet werden konnten. Diese zunehmende soziale Exklusivität beendete die ursprünglichen Ansprüche dieser Frauengemeinschaften und Orden. Seit 1251 wurden im Magdalenenorden nur noch „unbescholtene“ Frauen aufgenommen, da sie im Gegensatz zu den Dirnen, in der Lage waren eine hohe Gebühr zu entrichteten, die die ökonomische Basis der Klöster mit sicherte.

Von den vielen Prostitutions-Heiligen wie die „Heilige Afra“, die Heilige Pelagia“ und die „Heilige Maria von Ägypten“, entwickelte sich Maria Magdalena seit dem Hochmittelalter zur populärsten Figur. Maria Magdalena – nach der christlichen Legende, einst eine Prostituierte – wurde von einer Rede Christus so berührt, dass sie in Tränen ausbrach, die sich über seine Füße ergossen. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar und salbte sie. Christus hob die Tatsache, dass sie seine Füße geküsst und gesalbt hatte als Zeichen ihrer Reue und Umkehr hervor. Ihr wurden ihre Sünden vergeben und später wurde sie heilig gesprochen.  Seit Anfang des 12. Jh. wurde sie mit der Maria von Ägypten gleichgesetzt, die sich nach ihrer Bekehrung als Asketin in die Wüste zurückgezogen hatte. Seit dem 13. Jh. verbreitete der Franziskanerorden ihr Bild als vorbildliche Reuerin. Ihre Popularität und Bedeutung bis zum Ende des Mittelalters fand auch ihren Ausdruck in der Unterstützung ihres Kultes durch Päpste wie Leo IX(1049-1054) und GregorIX(1227-1241). In den Ostern- Mysterien- und Passionsspielen war sie bis in das 16. Jh. eine beliebte Figur bei der Darstellung des Leidensweges Christi. In Holzschnitten, die seit dem 15. Jh. zu einem wichtigen Medium bildlicher Darstellung wurden, wurde Maria Magdalena oft in der Tradition mittelalterlicher Altarbilder dargestellt. Die Darstellungen zeigten sie oft in der Wüste, häufig mit so langen Haaren, die ihre Körperlichkeit bedeckten, als ihr zugehöriges Attribut galt der Salbkrug. In der Ikonographie ersetzte sie Aphrodite und die von ihr beschworene körperliche Liebe durch die vergeistigte Liebe zu Christi. Sie wird fast immer als anbetungswürdig dargestellt, doch trotz ihrer Rolle als Büßerin wurde sie in den Bildern ab Ende des 15. Jh. oft mit dem Repertoire ihrer früheren Verführungskünste ausgestattet.  Sie wurde zur Patronin des Parfüms, der Kosmetik, des Schmucks und der Mode und der Friseure. Vielen gläubigen Prostituierten galt sie als Schutzheilige. Seit dem 15. Jh. wurde sie in den Passionsspielen zunehmend in der Gestalt einer städtischen Dirne dargestellt.


Die heimliche Prostitution – Kupplerinnen, Badestuben und Schänken

Die Einstellung der mittelalterlichen Gesellschaft zur Prostitution lässt sich nur sehr schwer verallgemeinernd beschreiben. Sie variierte zeitlich, regional und von Stadt zu Stadt und sogar gegenüber den einzelnen Prostituierten, deren sozialer Status sich über ihren Kundenstamm definierte. Es gab gemeinhin 3 Gruppen von sesshaften Huren: die Frauenhäuslerin, die Straßenprostituierte und die sogenannte freie und heimliche Prostituierte, die ihre Kunden durch Kupplerinnen vermittelt bekamen oder von sich aus einen festen Kundenstamm aufgebaut hatten. Sie hatten individuell die größten Chancen das Milieu, z.b. durch Heirat oder wirtschaftlichen Erfolg in einem anderen Gewerbe zu verlassen, auch wenn sie in der Gefahr lebten aufzufallen oder denunziert zu werden und so als Prostituierte amtlich zu werden. Ganz unten in der sozialen Scala rangierten anscheinend die Prostituierten des Frauenhauses (siehe Irrsiegler Franz, 1984, Bsp. Köln), gefolgt von den Straßenprostituierten.

Für die heimliche Prostitution galten wiederum ähnliche soziale Hierarchien, von der privilegierten Frau eines nicht-öffentlichen Hauses mit gehobenen Kundenstamm bis zur Frau die in der Öffentlichkeit ihrem Gewerbe nachging ohne Abgaben zu zahlen. In fast jeder Stadt gab es, neben den städtischen Einrichtungen auch Privatbordelle, die ortsansässige Frauen vermittelten. Diese waren in der Regel auf äußerste Diskretion bedacht, um den möglichen Rückzug in eine normale Existenz nicht zu gefährden. In Dijon(1485) gab es 18 Privatbordelle von denen 13 von Handwerkerfrauen oder deren Witwen geführt wurden. So erwuchs den Prostituierten in den legalen Frauenhäusern eine ernsthafte Konkurrenz und auch ein Statusverlust, da die freien, heimlichen Prostituierten im Gegensatz zu den öffentlich Bekannten, nicht stigmatisiert waren und so auch von wohlhabenderen Kreisen vorgezogen wurden. Große Handels- und Hafenstädte wurden von vielen Fremden besucht unter denen sich zum Teil  wichtige Handelspartner dieser Städte befanden, die zum Teil den Kundenstamm der freien Prostituierten bildeten. Ein allzu scharfes Vorgehen gegen die nicht konzessionierte Prostitution barg also auch die Gefahr deren Kundschaft zu diskriminieren und führte zu finanziellen Einbußen im Stadtetat, da sich in solchen Städten die Prostitution zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt hatte.

Eine wichtige Rolle für die heimliche Prostitution hatte die Kupplerin inne. Diese mussten sich, ohne Verdacht zu erwecken, frei in der Stadt bewegen können. Ihr Stand, (oft waren diese Frauen verheiratet oder verwitwet) ihr Alter und das Gewerbe dem sie nachgingen, schufen die Voraussetzungen für ihre Vermittlungstätigkeit. Mit Brandweinhändlerinnen, Hausiererinnen und Wirtsfrauen konnten beispielsweise jeder Mann und jede Frau unauffällig Kontakt aufnehmen. Frauen die der heimlichen Prostitution auf der Strasse nachgingen, mussten unauffällige Orte für die Anbahnung ihrer Geschäftskontakte nutzen. So waren Kirchen und ihre Vorhöfe und die Marktplätze als Treffpunkte bei Frauen und Männern beliebt, da dort unauffällig Absprachen für ein Rendezvous getroffen werden konnten. Für Treffen boten sich weniger besiedelte Vorstädte an, die nicht der städtischen Gerichtsbarkeit unterstanden und wo man eher unbeobachtet in Kontakt treten konnte.

Weitere Orte der heimlichen Prostitution konnten Wirtshäuser und Badestuben sein. Wirtshäuser waren zunächst nur den Männergesellschaften vorbehalten und wurden von fahrenden Dirnen frequentiert. Öffentlichen Prostituierten war im 15. Jh. der Besuch von Gasthäusern verboten und teilweise waren Wirtshausmägde über die Kleiderordnung zu einer entsprechenden Kennzeichnung verpflichtet. In der Regel waren Schänken aber Orte, die auch von Prostituierten zur Anbahnung von Geschäftskontakten genutzt wurden. Frauen die im Wirtshaus oder im Badehaus arbeiteten, wurden im Wertesystem der Städter oft mit „offenen Dirnen“ gleichgesetzt. Neben den Schänken gaben auch die städtischen Badestuben Gelegenheit zur Prostitution, denn oft waren die Bademägde, die männlichen Gästen Güsse und Massagen verabreichten und das Ruhebett vorbereiteten auch zu weiterführenden Diensten bereit, wenn nicht sogar verpflichtet. So wiesen Bordell- und Badeordnung zum Teil interessante Übereinstimmungen auf: den Badern wurde zur Auflage gemacht keine geschlechtskranken Mädchen zu beschäftigen und eine englische Badeordnung verbot Nonnen und verheirateten Frauen den Eintritt, auch sollte kein Mann in das Badehaus hineingezogen oder gelockt werden. In einigen Städten waren die Badestuben auch als Frauenhäuser ausgewiesen. Frauenwirten, denen es nicht gelungen war ein Haus zu pachten, arbeiteten häufig als Bader oder Bartscherer – ein Indiz für die enge Verbindung zwischen Badestuben und Prostitution im Mittelalter. In der zweiten Hälfte des 15 Jh. nahm die Zahl der öffentlichen Bäder rapide ab. Mit den Bemühungen die städtische Prostitution in den Frauenhäusern zu konzentrieren, wurde die Prostitution in den Badestuben zunehmend untersagt. Die Verteuerung der Eintrittspreise durch gestiegene Holzpreise und die Angst vor der sich ausbreitenden Syphilis verstärkten diese Tendenz.

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Das Frauenhauswesen

Im Mittelalter war die systematische Organisation und Förderung der Frauenhäuser mit dem Ausbau des Städtewesens parallel gegangen. Die Anfänge der Bordellprostitution gehen in Frankreich und Italien auf das 12. Jh. zurück, wo sich bereits zu dieser Zeit in urbanen Zentren wie Paris, Rom, Venedig und Florenz eine Stadtkultur entwickeln konnte, während in England und Deutschland dieser Prozess erst im 13/14. Jh. einsetzte. Im Spätmittelalter gab es dann in fast jeder Stadt ein Frauenhaus. Die topographische Lage war unterschiedlich, entweder lagen sie zentral in unmittelbarer Nähe des Marktes, wie es im 15. Jh. auf die französischen Städte zutraf, oder sie lagen an der Stadtmauer in direkter Nachbarschaft zu den Quartieren anderer stigmatisierter Randgruppen. Die Eigentumsverhältnisse, wie auch die Formen der Verwaltung waren, je nach Region, unterschiedlich geregelt. Oft war die Stadt, bzw. der Rat der Stadt, der Eigentümer, noch häufiger blieben die Häuser im Privatbesitz und wurden vom Rat nur verwaltet. Die Vermieter gehörten in der Regel den einflussreichen Familien der Stadt an und nicht selten bestanden lehnsrechtliche Ansprüche seitens weltlicher oder kirchlicher Personen. Diese Häuser warfen einen nicht unbeträchtlichen Gewinn ab, der, je nach Besitzverhältnissen, auch zur Finanzierung von Teilen des städtischen oder klösterlichen Gemeinwesens verwendet wurde. Bei der Kontrolle dieses städtischen Gewerbes wurde unterschieden zwischen der Oberaufsicht aller Häuser und der Verwaltung der einzelnen Häuser. In Leipzig zum Beispiel, führte der Scharfrichter die Oberaufsicht während die Bewirtschaftung der einzelnen Häuser an Frauen delegiert wurde, die auch Prostituierte waren. Die Kontrolle durch Angehörige der „unehrlichen“ Berufe, am häufigsten durch den Scharfrichter, kann als Beweis der Randständigkeit und Stigmatisierung der legalen städtischen Prostitution gesehen werden.

Seit dem Ende des 14 Jh. erwarben deutsche Städte zunehmend bereits bestehende Bordelle oder richteten städtische Frauenhäuser ein, die an Frauenwirte oder Wirtinnen verpachtet wurden. Die meisten Frauen zogen allerdings ein nicht-kontrolliertes Umfeld vor, entweder in der Gemeinschaft Gleichgesinnter oder als Untermieterinnen in Buden und Kellern der Stadt. Dort waren sie in eine Hausgemeinschaft oder eine Nachbarschaft eingebunden, hatten keine Zwangabgaben zu leisten und waren nicht in diesem Maße stigmatisiert, so dass die Heiratsaussichten – Heirat war eine der wenigen Möglichkeiten der Dirnen auszusteigen und zu einem moralisch akzeptierten Stand aufzusteigen – für sie in diesem sozialen Umfeld weitaus besser waren als in einem Frauenhaus. Die Errichtung der Frauenhäuser wurde neben dem pragmatischen Ansatz der Kontrolle der städtischen Prostitution, mit der christlichen Verpflichtung der Sorge für die Armen begründet, war aber dort, wo auf eine repräsentative Ausstattung des Hauses Wert gelegt wurde, verbunden mit dem kulturellen Ideal adelig-höfischer Geselligkeit, wo außereheliche Gefährtinnen ein Zeichen von Prestige und Reichtum darstellten. So sorgten im Spätmittelalter  Stadträte teilweise dafür, dass Adeligen die zu Besuch kamen, Prostituierte zur Verfügung standen. Die Existenz eines Frauenhauses wurde als eine allgemeine Institution des städtischen Lebens betrachtet, weswegen auch kleine Städte Frauenhäuser einrichteten, auch wenn diese bezuschusst werden mussten.

Die mittelalterliche Prostitution war in der Gesellschaft integriert, trotzdem geächtet, aber sie wurde nicht verleugnet, sie galt als akzeptiertes Moment des Alltagslebens in der Stadt. Man versuchte die Auswüchse, ähnlich wie beim Bettlerwesen, zu steuern, indem man kontrollierte und im Rahmen dieser Kontrollen ein bestimmtes Maß an Vergünstigungen und Privilegien gewährte. Damit bekam die Prostitution einen öffentlichen, fast legalen Charakter. Der Katalog der obrigkeitlichen Maßnahmen reichte von der Konzentration der Prostituierten auf bestimmte Straßen, oft am Rande der Stadt oder vor dem Stadttor, die Besteuerung dieses Gewerbes, die Gesundheitskontrolle, die Unterstellung unter eine gesonderte Gerichtsbarkeit, Kennzeichnung durch eine strenge Kleiderordnung, bis hin zur Einrichtung oder Förderung von kirchlichen Anstalten zur Aufnahme bekehrter Prostituierten. Neben einigen positiven Auswirkungen, wie der Schutz des Lebens- und Arbeitsbereiches, bzw. die Abwehr auswärtiger oder heimlicher Konkurrenz, hatten diese Maßnahmen  einen diskriminierenden Charakter.

Frauenwirte wurden in der Regel nur über kurzfristige Verträge gebunden um zu verhindern dass sie zu anderen städtischen Bediensteten und Einwohnern einen sozialen Rückhalt aufbauten. Die sich daraus ergebene Mobilität sollte eine Trennung zur sesshaften Bevölkerung herstellen und wurde den Wirten Ende des 15. Jh. oft institutionell aufgezwungen. Eine Mischung aus obrigkeitlich eingesetzter Hausherrschaft und Schuldknechtschaft charakterisierte die Beziehung zwischen Wirten und ihren Dirnen. Die Frauenwirte hatten das Recht ein Drittel der Einkünfte der Frauen einzuziehen. Da die Wirte auf die Einnahmen der Prostituierten angewiesen waren, banden sie die Frauen über Verschuldung an ihr Haus. Ein Prinzip, das auch in Handwerkerhaushalten mit lohnarbeitenden Gesellen praktiziert wurde.

Wie gewinnbringend die Position als Frauenwirt war, hing von den Möglichkeiten ab, die der Stadtrat ihm einräumte. Wichtige Kriterien waren, ob das Frauenhaus seitens der Stadt zu Repräsentationszwecken für zeitweiligen „hohen Besuch“ eingerichtet war und die Regelung des Schankrechtes, da der Ausschank eine wichtige Einkommensquelle der Wirte darstellte. Ein zentrales Kriterium war natürlich die Größe der Stadt und die Konkurrenzsituation innerhalb dieser. So tauchten die Berichte über reiche Frauenwirte überwiegend ab dem Ende des 15. Jh. auf, da zu dieser Zeit die Prostitution in den Städten weitgehend auf die Institution des Frauenhauses konzentriert war. (Biberach(1447), Nürnberg(1497), Regensburg(1532), Augsburg (1533) und Freiburg(1500)) Die Wirte in deutschen Mittelstädten hatten durch ihren direkteren Kontakt zum Stadtrat öfters die Möglichkeit aus dem Prostitutionsgeschäft ein gewinnbringendes Unternehmen zu gestalten und bekamen teilweise die Chance des sozialen Aufstiegs zu den städtischen  Mittel- und Oberschichten. In größeren Städten wie Hamburg, Köln oder Frankfurt konnte der Frauenwirt aufgrund der umfangreichen Hierarchie der Aufsichtspersonen über die Prostitution nicht zu einem derartigen sozialen Aufstieg gelangen und in Kleinstädten waren die Einkünfte zu gering, als das sie eine soziale Anerkennung nach sich gezogen hätten.

Der Frauenwirt hatte das vom Stadtrat entworfene Hausrecht durchzusetzen. Ein großer Teil der Vorschriften die der Stadtrat in Bezug auf die Frauenhäuser erließ, waren deckungsgleich mit den Wirtshausordnungen, die bereits Ende des 13. Jh. erlassen worden waren. Die städtischen Bordelle unterlagen denen in der Stadt üblichen Öffnungszeiten für Schenken. Sie mussten zwischen 20-22 Uhr mit dem Beginn der allgemeinen Nachtruhe schließen. Wer danach noch im Haus angetroffen wurde hatte mit Strafen zu rechnen, sofern er nicht bei einer der Frauen übernachtete. Der Frauenwirt war angewiesen Fluchen, Zutrinken und Glücksspiel zu unterbinden und die Einhaltung der Fastenzeit zu gewährleisten. Ehemännern und Klerikern  war der Besuch eines Frauenhauses verboten, dies war allein den unverheirateten Männern erlaubt. Hierzu gehörten die im Zwangszölibat lebenden Gesellen, Knechte und Studenten und zukünftige Heiratskandidaten, die aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen eine lange Junggesellenzeit hinter sich bringen mussten.

Allerdings wurde Ehebruch als Verstoß nicht systematisch verfolgt und tauchte als Vergehen in der Regel nur im Zusammenhang mit anderen Verstößen in den Amtschreiben auf. Ähnlich wurde das Verbot des Frauenhausbesuches von Geistlichen gehandhabt. Erst mit dem Ende des 15. Jh. wurde dem Verstoß des Ehebruchs verstärkt nachgegangen. So wurde in Köln der Ehebruch mit der Ehrenstrafe, dem öffentlichen Tragen von „Kerze und Stein“ bestraft, manchmal auch mit einer Geldbuße. Auch Auswärtige waren von diesem Reglement nicht ausgenommen, sofern ihr Familienstand in Köln bekannt war oder man sie denunzierte. Desöfteren nahmen die dortigen Prostituierten die Rolle des Sittenwächters ein, denn wenn es ihnen gelang einen Ehemann oder auch Geistlichen öffentlich der „Unzucht“ (mit ihnen) zu beschuldigen, hatten sie das Recht seine im Moment verfügbare Habe in Besitz zu nehmen. Das Verbot des Frauenhausbesuches durch „Ungläubige“(Juden, Türken, Mauren) wurde demgegenüber bereits seit dem Beginn der Institutionalisierung der Prostitution verschärft durchgesetzt. Seit dem Hochmittelalter waren ihnen im ganzen europäischen Einflussbereich sexuelle Kontakte zu Christen verboten.

Zum Ende des 15. Jh. wurde mit speziellen städtischen Frauenhausordnungen Versuche unternommen die ausufernde Praxis der Schuldknechtschaft zu beschränken und die Macht der Frauenwirte zu begrenzen. Seit der 2. Hälfte des 15. Jh. mussten die Frauenwirte ihre Häuser städtischen Kontrolleuren zugänglich machen. Diese Frauenhausordnungen verboten den Frauenwirten unbescholtene Frauen und solchen, die gegen ihren Willen in sein Haus verkauft oder verpfändet worden waren, weiterhin im Bordell zu halten. Die Auslösesumme mit der die Frau aus dem Arbeitsverhältnis freigekauft werden konnte, wurde  in der Regel auf die Höhe eines Guldens festgesetzt. So sollte der Frauenwirt für seine Ausgaben entschädigt und andererseits die Verschuldung der Frauen begrenzt werden. Viele Frauenhausordnungen legten die Preise und Leistungen des Wirtes im Detail fest. Von dem erwirtschaften Geld erhielt er pauschal ein Drittel. Neben dieser Gewinnbeteiligung zahlte die Frau einen festen Betrag für die Übernachtung, Verköstigung, Beleuchtung und Ausstattung. In manchen dieser Verordnungen wurden die Dirnen zum Spinnen verpflichtet. Vor allem in kleineren Städten, stellte dieses Zusatzeinkommen eine Möglichkeit dar Zeiten zu überbrücken wenn Gäste ausblieben.

In Köln, beispielsweise, musste jede Prostituierte pro Woche sechs Pfennige an den mit der Oberaufsicht beauftragten Scharfrichter zahlen. Kam eine Frau neu in die Stadt, war zuerst die Einstandsabgabe von 4 Schillingen (1 Schilling = 9 Pfennige) fällig und darauffolgend der normale Wochensatz. Die Straßenprostituierten auf dem Markt und vor dem Stadttor mussten den dritten Teil ihrer Einnahmen abgeben. Der Lohn einer Straßendirne lag zwischen einem und sechs Pfennigen für einen schnellen Akt. Für eine Nacht verlangten die Landsknecht- oder Straßenhuren 4-8 Albertus (1 Albertus = 24 Pfennige) bis hin zu der gehobenen Preisklasse der freien Prostituierten die zwischen 1-2 Goldgulden, bis hin zu mehreren Kronen von ihren wohlhabenden Kunden für eine ganze Nacht und besondere Leistungen erhielten. Um brutto den Tageslohn z.b. einer Wasch- und Putzfrau oder einer landwirtschaftliche Arbeiterin zu erreichen, die um 1600  ca. zwischen fünf bis acht Albertus verdiente, musste eine Straßenprostituierte im ungünstigen Fall mehr als zwei Kontakte haben. Bei den besser bezahlten Frauen reichte aber ein Kunde pro Nacht durchaus aus, um diese niedrigen Löhne zu übertreffen.

Die institutionelle Prostitution im Frauenhaus hatte ihren festen Platz in den Sittlichkeitsvorstellungen dieser Zeit. Es war eine weit verbreitete Ansicht, das die Frauenhäuser – als eine Möglichkeit des Auslebens männlicher Sexualität- Verführungen und Vergewaltigungen von ehrbaren Frauen verhinderten. Die städtische Prostitution war außerdem bis zu einem gewissen Grad Bestandteil der Festkultur. Dazu gehörte der Genuss von Alkohol, gutes Essen in einer ansprechenden Umgebung und die Anwesenheit von Frauen, Musik, Tanz und Sexualität. Der Umgang mit Huren war mit der Idee von Festlichkeit verbunden, aber auch auf die Phase des Junggesellentums fixiert. Der Kontakt mit ihnen war Bestandteil des Gesellen- und Studentenlebens, wie auch der Bürgersöhne. Der Besuch der Bordelle war oft ein Gruppenvergnügen, jugendliche Cliquen die auf Verwandtschaft oder auf die Zugehörigkeit zu einem Handwerk beruhten. In manchen Regionen verlangten die Prostituierten eine symbolische Auslösesumme von der Braut, den „Brutschilling“, weil diese nun ihre Stelle im Leben des Mannes einnahm. Der Abschied von der Welt der Junggesellen bedeutete einen Abschied von der Welt der Huren. Mit der Inszenierung eines solchen Lösebrauches betonten die Frauen ihre Rolle im Leben der unverheirateten Männer. In Wien war es Brauch, dass am Vorabend des Johannisfestes die Handwerksgesellen mit blumenbekränzten Prostituierten tanzten, wie sie auch öfters an offiziellen Empfängen höherer Gäste teilnahmen. In Frankfurt überbrachten die Bewohnerinnen des Frauenhauses Blumensträuße zum jährlichen Hirschessen des Rates und wurden dafür bewirtet. Ähnliches ist auch aus Zürich und Würzburg belegt. Im Württembergischen war es Brauch, dass Prostituierte auf Hochzeiten Blumensträuße überreichten und dem Brautpaar Glück wünschten. Seit der Mitte des 15. Jh. beginnt sich ein Paradigmenwechsel abzuzeichnen. Ein deutliches Indiz ist die Abschaffung der Bräuche bei denen Prostituierte bis dahin als Träger bürgerlicher Wertschätzung fungierten. Das Auftreten von Huren auf Hochzeiten, die Zusendung von Geschenken (wenn die Anwesenheit der Frauen seitens der Hochzeitgesellschaft nicht gewünscht war) und ihre Teilnahme an Festen der männlichen Jugend, wie der Johannistag, wurde zunehmend verboten.

Die zunehmende Diskriminierung der Prostitution und die Schließung der Frauenhäuser

Die Zünfte, die im städtischen Leben immer mehr an politischen und wirtschaftlichen Einfluss gewannen, definierten sich über das Privileg der Sesshaftigkeit, das in dem gemeinsamen Leben innerhalb eines Familienverbandes unter der Autorität des Handwerksmeisters und Familienvaters  ihren Ausdruck fand. Das Leben in einem Familienverband war eine der Grundvoraussetzungen um einen „ehrbaren Lebenswandel“ zugesprochen zu bekommen und gab auch mittellosen Zunftmitgliedern die Möglichkeit einer positiven Identifikation und der Abgrenzung zu den städtischen und fahrenden Unterschichten, die durch ihre wirtschaftliche und soziale Situation zu Mobilität und oft zu unsicheren Lebensgemeinschaften gezwungen waren. Da die Aufnahme in die Zunft seit dem 14. Jh. an formale und finanzielle Kriterien gebunden war, konnten zwischen dem Abschluss einer Handwerkslehre und dem Antritt einer Meisterstelle bis zu 10 Jahre vergehen. Der so entstehende Gesellenstatus und die Entwicklung dementsprechender eigenständiger Verbände, die sich in ihrer Mobilität der Kultur der Fahrenden annähern konnten, führten zu weiteren Zunftverordnungen, die auf einen Abstand der Gesellen zu den mobilen Unterschichten abzielten. Heiraten und Lebensgemeinschaften mit Frauen wurden den Gesellen oft untersagt, bis sie selbst den Meisterstatus erwerben und einen „ehrbaren“ Haushalt gründen konnten. Jungen Frauen aus der städtischen Unterschicht wurde auf diese Weise der soziale Aufstieg über eine Heirat ins Zunftbürgertum unmöglich gemacht. Der geforderte Verzicht auf voreheliche Bindungen bedeutete allerdings kein Verbot des Kontaktes zu Prostituierten, nur langandauernde Beziehungen waren untersagt. Die Bekenntnis zur Zunftmoral war eine unabdingbare Vorraussetzung für die Gesellen um später einen Platz in der „ehrbaren“ Gesellschaft zu erhalten. Mit der 2. Hälfte des 15. Jh. wurden seitens der Zünfte jede Geselligkeit zwischen Prostituierten und Gesellen, wie Tanzen und gemeinsames Trinken, untersagt. Der Kontakt mit Dirnen war nur noch in der Form einer von jeder Geselligkeit losgelösten, kurzfristigen sexuellen Beziehung erlaubt und das Leben der jungen Handwerker wurde zunehmend von der Autorität der Zünfte unterstelltem „Männerbund“ der Gesellenvereinigung bestimmt. In Folge löste die Gesellenherberge das Frauenhaus als Ort des Feierabendvergnügens ab.

Auf die Syphilis, die sich nach der Rückkehr der Söldner aus dem italienischen Kriegszug Maximilians 1495/6 in Deutschland verbreitete, reagierten die städtischen Obrigkeiten ähnlich wie bei den anderen schweren Infektionskrankheiten wie die Pest und die Lepra. Es wurde versucht die Erkrankten in speziell eingerichteten Häusern und Spitälern zu isolieren und zu behandeln und man hielt sie von der Gemeinschaft fern indem man ihnen z.b. den Besuch von Badestuben verbot oder sie unter Hausarrest stellte. Im Spätmittelalter wurden Quecksilberkuren gegen die Syphilis angewendet. Quecksilbersalben und Pillen wurden schon früher gegen Hautkrankheiten eingesetzt und da die Syphilis sich auch durch starken Hautausschlag bemerkbar machte, hielt man dies für das geeignete Mittel. Wahrscheinlich sind nicht wenige dieser Patienten an einer Quecksilbervergiftung und nicht an der Syphilis gestorben. Badestuben und Frauenhäuser wurden im Rahmen obrigkeitlicher Maßnahmen, vor allem wenn sie als Infektionsorte bekannt waren, zwar auch geschlossen, aber ansonsten begriff man die Institution des Frauenhauses als eine Möglichkeit die Ausbreitung der Krankheit durch die Prostitution eindämmen zu können, da man dort die Möglichkeit des kontrollierenden Eingriffes hatte. Erst nachdem die Syphilis in einem moralischen Kontext, als „Strafe Gottes gegen die herrschende Unmoral“ gestellt und somit im Rahmen der damaligen Diskussion um eine neue Sittlichkeit instrumentalisiert wurde, begann der Niedergang der Frauenhäuser und die massive Stigmatisierung aller Prostituierten, der im Zuge der Reformation und Gegenreformation vollendet wurde.

Im Gegensatz zu dem ursprünglichen christlichen Denken, das die göttlichen Gebote und weltliches Leben, Ideal und Realität bisher pragmatisch in einer nicht überbrückbaren Distanz gesehen hatte und die Etablierung einer idealen Ordnung auf den Tag des jüngsten Gerichts, mit der Wiederkunft Gottes aufschob – eine Einstellung die mit der Tradition christlicher Toleranz gegenüber SünderInnen einherging – vertraten spiritualistische Prediger der Reformation die Überzeugung der Traum einer Neuordnung der Gesellschaft könne Realität auf Erden werden.

Zum Auslöser der Reformation wurde Luthers Protest gegen den Ablasshandel, den er 1517 in 95 Thesen verbreitete, die durch den um 1450 erfundenen Buchdruck schnell Verbreitung fanden. Luther unterzog die Traditionen der Kirche einer strengen Überprüfung und berief sich dabei auf den Text der Bibel. Traditionen, die nach seiner Meinung der Schrift zuwider liefen, wurden abgeschafft. Martin Luther opponierte gegen das Prinzip, dass die göttliche Gnade mit irdischen Gütern erkauft werden konnte. Die reformatorischen Bestrebungen kamen in einer Zeit sozialer Umbrüche zum Tragen und erwiesen  sich u. a. deshalb als erfolgreich, weil sie das landesherrliche Kirchenregiment förderten und so den Unabhängigkeitsbestrebungen der Reichsfürsten von der kaiserlicher Herrschaft nützlich waren, sowie dem erstarkenden Handels- und Zunftbürgertum der Städte entgegenkamen. Spiritualistische, radikale Reformatoren wie Thomas Müntzer oder Jakob Hutter sahen ihre Aufgabe darin, dem in ihren Augen real hereinbrechenden „Reich Gottes“ der sozialen Gerechtigkeit zum Recht zu verhelfen und kehrten die sozialen und politischen Verhältnisse teilweise revolutionär um.

Dies war ein wichtiger Faktor bei der Ausweitung lokaler Bauernaufstände ab 1524 in weiten Teilen Süddeutschlands und der Schweiz bei denen die Bauern erstmals fest umrissene Forderungen formulierten. Die Argumentation Luthers in seiner 1520 erschienen Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen, sowie seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche(1522) machte es den einfachen Leuten möglich, die mit dem „Willen Gottes“ gerechtfertigten Ansprüche von Adel und Klerus zu hinterfragen und waren ein entscheidender Auslöser für das Aufbegehren der ländlichen Bevölkerung, die die Hauptlast der überkommenen Strukturen der Feudalgesellschaft trug. Obwohl die Standpunkte der Reformation eine wesentliche Rechtfertigung für die aufständischen Bauern waren, distanzierte sich Martin Luther deutlich vom Bauernkrieg  und rief schließlich zur gewaltsamen Beendigung der Unruhen auf. Ab diesem Zeitpunkt verlor der Protestantismus seinen revolutionären Geist und festigte die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Thomas Müntzer wurde 1525 gefangen genommen und hingerichtet, die letzten Aufstände 1526 niedergeschlagen. Schätzungen zufolge haben allein durch die Bekämpfung der Aufstände etwa 100.000 Bauern ihr Leben verloren. Die überlebenden Aufständischen fielen automatisch in Reichsacht und verloren damit alle ihre staatsbürgerlichen, privaten und Lehens-Rechte.

Die menschliche Natur konnte nach Luther als Teil der göttlichen Schöpfung nicht von Sündhaftigkeit geprägt sein. Die Geschlechtlichkeit des Menschen, die vorher als ein Zeichen der Sündhaftigkeit interpretiert wurde, wurde demnach ihren festen Platz in der keuschen Ehe zugewiesen. Während die katholische Kirche allein das Leben im Zölibat als sündenfrei betrachtete, erklärte Luther die Ehe sei die einzige legitime Lebensform, während das zölibatäre Leben nur wenigen Heilige vorbehalten sei – sie für die Mehrheit der Menschen aber gar keinen anderen Weg als die Sünde gelassen habe. Die reformatorischen Vorstellungen einer sittlichen Neuordnung sahen in dem sesshaften Familienverband die moralische und ökonomische Keimzelle, eine Vorstellung die dem Ideal der Zünfte nahekam. Dies war bei der Durchsetzung der Reformation in den Städten, in denen die Zünfte inzwischen zu einem wichtigen wirtschaftlichen und politischen Faktor geworden waren, ein entscheidender Punkt und barg in sich den nötigen Stoff für Polemiken gegen den katholischen Klerus, dem vorgeworfen wurde, er habe die Unsittlichkeit gefördert. In vielen reformatorischen Flugschriften wurden Mönche und Priester als obligatorische Hurer und Ehebrecher dargestellt. Die Katholiken beriefen sich ihrerseits genauso auf eine höhere Sittlichkeit und setzten den Vorwurf der Unsittlichkeit ein, um das von den reformatorischen Predigern propagierte geschlechtliche und doch sündfreie Leben unglaubwürdig erscheinen zu lassen.

Ab den 1530ern verwandelte sich die Diskussion um die Notwendigkeit von Frauenhäusern zunehmend zu einer konfessionellen Frage. Die Gegner der Abschaffung der Frauenhäuser waren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, in der Position gemeinsam, das an der Trennung von Ideal und Realität, vom weltlichen und göttlichen Regiment, festzuhalten sei. In Frankfurt verteidigte 1537 ein katholischer Prediger die städtischen Bordelle und ein Straßburger Ratsherr ist mit seiner prägnanten Äußerung „man solle doch die welt noch ein bisschen welt sein lassen“ überliefert. Mit der Verlagerung des Sittlichkeitsideals vom Zölibat zur Ehe konnte die Prostitution nicht länger als Hilfsmittel zur Ordnung und Kanalisierung der Sexualität verstanden werden.

Seit dem 16. Jh. begannen die Städte zunehmend rechtliche Schranken zwischen Frauenwirt und der ehrbaren Gesellschaft zu legen. So wurde ihm im Freiburger Stadtrecht (1520) das Zeugnisrecht abgesprochen. Auch das Bürgerrecht, dessen Erwerb allen Einwohnern zustand, wurde ihm zunehmend verwehrt. Mit der zunehmenden Stigmatisierung der Prostituierten entwickelten sich die Frauenhäuser von einer Institution städtischen Lebens mancherorts zu einem Refugium für Außenseiter, das man lieber geschlossen sah. An anderen Orten wurde eine Schließung der Häuser verfügt um Unruhen vorzubeugen, oft wurde diese Entscheidung als eine Bekenntnis zur reformatorischen Lehre verstanden. In der zweiten Hälfte des 16. Jh. hielten nur noch katholische Städte an der Einrichtung des Frauenhauses fest. Nach dem Konzil von Trient schwenkte die katholische Kirche in diesem Punkt ein und proklamierte ihrerseits ein reglementierendes Sittlichkeitsverständnis. 1566 wurden in Rom die Frauenhäuser geschlossen, in Würzburg 1569, andere katholische Städte wie Koblenz und Köln folgten.

Im Rahmen dieser Entwicklung wurden die kirchlichen Ehegerichte unter die Aufsicht der Stadträte gestellt und die Kompetenz der geistlichen Gerichte mit der Sittenzucht der Räte vereinigt und den Ehegerichten übertragen. Diese neuen Institutionen verstanden sich in ihrer Anfangszeit als verlängerter Arm der evangelischen Prediger und gingen mit Schärfe gegen alle Sittlichkeitsvergehen vor, deren Verurteilungen in Folge erheblich anstiegen. Kuppelei und Beherbergungsverbote für Dirnen wurden in diesem gesellschaftlichen Klima, aber unabhängig von der Konfession, in allen Städten erneuert. Ebenso schritten katholische Städte verstärkt gegen Sittlichkeitsvergehen, wie Ehebruch oder vorehelichen Geschlechtsverkehr ein. Dies ging einher mit einer zunehmenden Sanktionierung alleinstehender Frauen im Stadtleben und der Ausgrenzung vieler Fahrenden. Mit der zunehmenden Stigmatisierung und Ausgrenzung der Huren verschärften sich die Strafmaßnahmen gegen sie. Öffentliche Schmährituale des 15. Jh., von denen nur in seltenen Fällen  Gebrauch gemacht worden war, wurden zur alltäglichen Strafpraxis. Die verbreitete „Hurenstrafe“ war das Prügeln mit Ruten, das häufig mit einer Prozession zu den Stadttoren, mit lautstarkem Paukentrommeln verbunden war. Ein weiteres Strafritual war das öffentliche Ausstellen am Pranger, oft in Kombination mit dem Tragen von Schandsteinen. Oft wurden den Frauen die Haare abgeschnitten und ab der 2. Hälfte des 16. Jh. nahm die Zahl der Brandmarkungen als lebenslange Kennzeichnung, die den Frauen den Zutritt zu jeder Stadt unmöglich machte, deutlich zu.

1532 wurde am Reichstag zu Regensburg die „Constitutio Criminalis Carolina“ mit der „Peinlichen Gerichtsordnung“ des Heiligen Römischen Reiches beschlossen, bei der die Einflüsse des christlichen Sexualrechts deutlich sichtbar wurden. Nach dem Sexualstrafrecht der Carolina bedrohten Sexualdelikte vor allem den christlichen Ehebund, die Fortpflanzung und die männliche Autorität und Ehre in dieser „natürlichen sexuellen Ordnung“. Die in der Carolina genannten Delikte wurden häufig bis zu den strafrechtlichen Codics des 18. Jh. übernommen, dazu gehörten: „Unkeuschheit wider der Natur“, Blutschande, Abtreibung, Notzucht, Ehebruch, Vielweiberei, gewaltsame Entführung, Kuppelei und Formen der Zuhälterei im Familienverbund. Die Strafen, die die Carolina vorsah waren außerordentlich streng, so wurde Ehebruch als Kapitalverbrechen gehandelt und sollte mit dem Tode bestraft werden, obwohl in der Praxis dieses Strafmaß selten verhängt wurde. Erst im späten 18. und frühen 19. Jh. wurden die unverhältnismäßig hohen Kapital- und Todesstrafen abgeschafft. Diese nach und nach sich abzeichnende Reform des Sexualstrafrechtes wurde möglich durch eine Abkoppelung der juristischen Normen vom kirchlichen Kanon – anstelle der theokratischen Legitimation trat dann die gesellschaftliche Begründung der Sexualmoral.

Nach dem Ausbruch der Syphilis in Europa und dem Vordringen der reformatorischen Theologie folgte eine Phase der allgemeinen Unterdrückung der Prostitution mit verschärften Strafmaßnahmen und der zunehmenden Praxis der Einweisung in Zucht- und Arbeitshäuser. Obwohl man sicherlich von einer beträchtlichen Differenz zwischen dem Recht und der soziosexuellen Praxis ausgehen kann, so dass die Prostitution in einem Verhältnis von inoffizieller Duldung  bis zum heimlichen Gewerbe weiterhin fester Bestandteil der wachsenden städtischen Kommunen war. Im 19. Jahrhundert verschwand die alte agrarisch-feudalen Ordnung im Zuge von Aufklärung und Industrialisierung und die Prostitution entwickelte sich in den Großstädten zu einen Massenphänomen.

20
Jan
10

Exkurs: Hebammen

Gerade die Prostituierten mussten wegen ihrer besonderen Umstände über sexualmedizinisches Wissen verfügen, bzw. das Wissen und die Erfahrungen der damaligen Hebammen in Anspruch nehmen. Es gab keine strikte Grenzlinien zwischen Geburtshelferinnen, Kräuterweibern und „weisen“ Frauen. Das geburtshelfende und gynäkologische Wissen dieser Frauen umfasste u.a. die Vorsorge bei der Schwangerschaft, Rezepte bei Unfruchtbarkeit und die Anwendung von krampfstillenden, schmerzlindernden und wehenfördernden Kräutern. So wurden z.b. Wachholder, Kamille, Beifuß und Mutterkorn in Form von Tränken, Räucherungen, Dämpfen und Umschlägen verwendet um den Geburtsvorgang zu erleichtern. Das Wissen um Verhütungsmittel, Schwangerschaftsabbrüche und von bewusst herbeigeführten Totgeburten war bei den Hebammen weit verbreitet und die Empfängnisverhütung wurde im späten Mittelalter auf vielfältige Art und Weise praktiziert. Diese sexualtechnischen Kenntnisse, insbesondere auf dem Gebiet der Empfängnisverhütung und des Schwangerschaftsabruches ließen sie häufig in Konflikt mit der kirchlichen Sexualmoral geraten. Für diese Frauen mit ihrem spezialisierten Wissen entstand die althochdeutsche Bezeichnung „hefihanna“, auch „hevanna“(ca. 8/9. Jh n Chr.), was „hebende Ahnfrau, Hebemutter“ bedeutet. Aus „anna“ für „Ahnfrau, ältere Frau“ und „hev-, hefi-, heb-„ für „heben“, was wahrscheinlich einen religiösen und rechtlichen Akt der Germanen bezeichnete. Im Laufe der Zeit vollzog sich dann die Sprachwandlung zu „hevamme“ und „hebamme“, die dann  in den neuhochdeutschen Sprachschatz einging.

Im Altertum wurden zur Erzielung oder Verhinderung einer Empfängnis dafür zuständige Geister, bzw. Gottheiten mit Hilfe ritueller Tänze, Gesänge, Festessen und Trinkgelage angerufen. Seit der Antike verabreichte man verschiedenste pflanzliche Mittel, welche die Fruchtbarkeit fördern oder verhindern sollten, entweder in Form von Salben, Vaginaleinläufen oder als Getränk und im Rahmen einer diätischen Ernährung. Einige von ihnen, wie Spargel oder Thujablätter finden noch heute in der Volksmedizin Anwendung. Das Wissen um vorbeugende Abtreibungsdrogen war weit verbreitet, obwohl sie oft toxische Nebenwirkungen hatten. Viele der im Zusammenhang mit Hexen genannten Pflanzen, die in den inquisitatorischen Protokollen niedergeschrieben wurden,  gehörten zu den „Gebär-“ und „Mutterkräutern“ und fanden seit Jahrtausenden frauenheilkundliche Verwendung. Eisenkraut (Verbena officinalis) diente den Hebammen zum Geburtszauber und zählte lange Zeit auch in nordeuropäischen Breitengraden  zu den wichtigen Mutterkräutern. In pulverisierter Form in warmen Wasser gelöst und eingenommen förderte es die Wehen und half bei einer komplikationsfreien Geburt. Der Beifuß (Artemisia vulgaris) förderte je nach Dosis die Menstruation, linderte Unterleibskrämpfe und beschleunigte ebenfalls die Geburt. In großen Mengen eingenommen und mit Pflanzen wie Mutterkorn, Petersilie, Rainfarn, Raute oder Sadebaum kombiniert, diente die Pflanze zur Abtreibung. Die Haselwurz (Asarum europaeum) gehörte ebenfalls zu den alten Abtreibungspflanzen. Er wirkt in erster Linie brechreizfördernd.  Wendete man Haselwurz-Salben am Genital an, so bewirkten diese eine starke Durchblutungssteigerung der Unterleibsorgane und förderten auf diese Weise die Austreibung der Leibesfrucht. Der Rainfarn (Tanacetum vulgare) wurde zur Menstruationsförderung und zur inneren Reinigung verwendet. In größeren Mengen wirkte er ähnlich abortiv wie beispielsweise ein Absud aus Sadebaumspitzen.

http://www.natura-naturans.de/artikel/hexe.htm

Bis zum 13. Jh. Konnte sich das Christentum nur langsam gegenüber dem  im bäuerlichen Leben der Bevölkerung tief verwurzelten Volksglauben durchsetzen. Teilweise integrierte und veränderte die Kirche naturreligiöse Bräuche und den Festtagskalender. Das heilkundliche Wissen wurde  bis zum Entstehen der Scholastik und bis zur Ausbreitung der Hochschulen in den Klöstern gepflegt. Die Mönche bezogen ihre Kenntnisse größtenteils aus der Volksmedizin. Sie ersetzten die Götter, Kulthandlungen und Zaubersprüche aus den überlieferten Rezepten durch christliche Heilige, Gebete, Segenssprüche, Bannformeln und Exorzismen, hoben aber den magischen Charakter der Heilkunde damit nicht auf. Klosterhandschriften geben Aufschluss über volksmedizinische, jedoch nicht über geburtshelfende Maßnahmen. Die Weitergabe und Fortentwicklung der Geburtshilfe und der Frauenheilkunde wird daher wohl ausschließlich unter den Frauen vor sich gegangen sein, wie auch das fragmentarisierte Wissen um die vorchristlichen Religionen in diesem Zusammenhang weiter überliefert wurde, was sich dann in dem magisch- rituellen Charakter mancher Heilanwendungen zeigen konnte, z.b. dem Singen überlieferter Lieder, Spruchformeln, das Zeichnen von Runen, wie auch astrologische Deutungen und Zukunftsvoraussagen für das Neugeborene.

Ab dem 13. Jh. setzten im verstärktem Umfang Reglementierungen seitens der Kirche ein, die darauf abzielten die christliche Ethik im Alltagsleben der Bevölkerung und im besonderen den Taufakt weitgehender zu verankern. Den Hebammen wurde per offizieller Beschlüsse das Recht auf eine Nottaufe gegeben falls kein Geistlicher verfügbar war und sie wurden auf den jährlich stattfindenden Sendgerichten nun bevorzugt als Sendzeuginnen gewählt. Dieses kirchliche Gericht behandelte Vergehen gegen kirchliche und göttliche Gebote, u.a. Ehebruch, Abtreibung, Mord, Diebstahl, Prostitution und Verwandtschaftsehen. Aufgrund ihres Einblickes in den Privatbereich vieler Menschen eigneten sich die Hebammen – aus der Sicht der Kirchenoberen – besonders als Zeuginnen. Mit dem Recht auf die Nottaufe und der Vereidigung als Sendzeugin gingen oft reglementierende Berufsordnungen und Verhaltensvorschriften einher. So musste die dann als „Weißfrau“ bezeichnete Hebamme uneheliche Kinder beim Priester anzeigen und sie durfte den Frauen keine Mittel zur Abtreibung raten bzw. diese anwenden. Bei Zuwiderhandlung gegen diese Anweisungen kam ein Strafkatalog zur Anwendung der von Geldstrafen, Gefängnis bis zur Enthebung aus ihrem Amt ging. So versuchte die Kirche außerehelichen Beischlaf, Empfängnisverhütung und „Abweichung vom rechten Glauben“ zu kontrollieren und einzudämmen.

Im Zuge der Entwicklung des Gesundheitswesens in den spätmittelalterlichen Städten und der Etablierung der theoretisch an den Akademien geschulten Ärzte, entstanden Hebammenordnungen, die bis zum 17. Jh. von den einzelnen Städten erlassen wurden. Sie hatten den Charakter von Zunftordnungen und enthielten genaue Vorschriften über die Geburtshilfe, über ihre Ausbildung, Prüfung und die Kontrolle ihrer Person.  Zum einen kam es zum Einsetzen von medizinischen Standards die zu einer Professionalisierung des Hebammenberufs führten, andererseits aber auch zu einer massiven Beschneidung ihres ursprünglichen Tätigkeitsfeldes. So wurde ihnen seitens des immer mehr dominierenden männlichen Ärztestandes untersagt selbständig Arzneimittel herzustellen und sie wurden letztendlich zu Gehilfinnen des Arztes abqualifiziert. Ein Prozess, der mit der Gründung öffentlicher Gebäranstalten gegen Ende des 17. Jh. unter der Leitung männlicher Ärzte abgeschlossen war. Die Verordnungen setzten die christliche Lehre als verbindlichen Rahmen der Hebammentätigkeit fest und versuchten die Frauen als Kontrollinstanz gegen die weibliche Bevölkerung einzusetzen. Jede Form der Geburtenregelung, ob Abtreibung oder Empfängnisverhütung wurde verboten und galt als schwere Sünde, wie auch vorchristliche, magische Relikte in der Geburtshilfe massiv bekämpft wurden. Im Zuge dieser Entwicklung wurden auch die traditionellen Frauenfeste um das Wochenbett, Geburt und Taufe, die zu den wenigen Freiräumen der mittelalterlichen Frau gehörten, reglementiert oder ganz verboten.

Wenn die Frauen nicht gewillt waren sich im Rahmen des städtischen Hebammenwesens reglementieren zu lassen oder sogar zur Kontrollinstanz zu werden, waren sie gezwungen in ländliche, weniger erfasste Gebiete abzuwandern. Im Laufe dieses, im späten Mittelalter stattfindenden Differenzierungsprozesses, standen am Ende der von der städtischen Gesellschaft akzeptierte und integrierte Berufsstand der Hebamme mit durchschnittlichen Einkommen und Ansehen und andererseits die weiterhin frei tätigen, keiner städtischen Kontrolle unterworfenen Geburtshelferinnen und weisen Frauen. Durch die Hexenverfolgungen kommt es zu einem tiefgreifenden Einschnitt, da die Inquisitatoren ein ganz besonderes Augenmerk auf die „gottlosen Frauen“ und „Hexenhebammen“ legten. Zunächst waren vor allem die frei praktizierenden Frauen auf dem Lande Opfer von Diffamierung und Verfolgung.

Im Zuge der Hysterie der großen Hexenverfolgungen wurden dann auch viele städtische Hebammen verfolgt und verbrannt. Von päpstlicher Seite wurde in einer 1484 von Innozenz VIII erlassenen Bulle die zu verfolgenden Hexen für die Unfruchtbarkeit von Frauen verantwortlich gemacht und in einer 1487 von dominikanischen Inquisitatoren verfassten Schrift wurde auf die hohe Anzahl von „Hexenhebammen“ hingewiesen, die fast in jedem Dorf existieren. Gesamtgesellschaftlich hatte die Marginalisierung und Reglementierung der Geburtshelferinnen eine einschneidende und langfristige Einschränkung der Hilfe für gebärende Frauen zur Folge, die noch Jahrhunderte später nachwirkte.. Der männliche Ärztestand, der nun die Frauenheilkunde dominierte war aufgrund der christlichen Sexualmoral und der damit einhergehenden hohen Scham- und Peinlichkeitsgrenzen lange Zeit vielerorts gar nicht in der Lage Erkrankungen und Probleme der weiblichen Unterleibsorgane zu analysieren und zu behandeln.

In der Geschichte des ärztlichen Blicks zeigt sich die Entstehung der Machtposition des akademisch ausgebildeten Mediziners. Vom medicus, der den „lachner“ und den „bader“ früherer Zeiten ersetzte, bis hin zu den Experten heutiger Tage. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die körperliche Integrität (so war bis ins Mittelalter hinein, die Leichenschau, das Sezieren des menschlichen Körpers, strengstens tabuisiert) und die Schamgrenze, dem ärztlichen Blick preisgegeben. Früher fand eine Untersuchung der weiblichen Genitalien in der Regel durch eine Hebamme statt. Ein männlicher Arzt musste sich vor der Frau hinknien und unter dem angehobenen Rock die Untersuchung tastend vornehmen. Ein männlicher Blick auf die Vulva galt als schamverletzend. So vermisst man in der westlichen Schrifttradition der Medizin, bis zum 18.Jh., die Entwicklung eines differenzierten und zutreffenden Vokabulars für die weibliche Anatomie. Die Vulva, Labia und die Klitoris wurden nicht konsequent von der Vagina unterschieden, wie auch die Vagina nicht von dem Uterus. Der weibliche Sexus wurde oft in maskulinen Termen beschrieben, so nannte man die Vaginalsekrete „Samen“(„Semen“(Lat.)

Eder Franz X. : 2002, Kultur der Begierde: eine Geschichte der Sexualität“, Verlag C. H. Beck, München

Hergemöller, Bernd-Ulrich (Hg.) , 1994, „Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft“, Fahlbuschverlag, Warendorf

Irrsiegler Franz/Arnold Lassotta, 1984, „Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker“, Greven Verlag, Köln

Maines Rachel P., 1999, „The technology of orgasm“, John Hopkins University Press, Baltimore&London

Rossiaud, Jaques   1994, „Dame Venus- Prostitution im Mittelalter“ , Verlag C.H.Beck, München

Schuster Beate, 1995, „Die freien Frauen – Dirnen und Frauenhäuser im 15. und 16. Jh.“, Campus Verlag, Frankfurt, New York

20
Jan
10

Die Prostitution im Industriezeitalter bis zum Ende der Weimarer Republik

Das 19. Jahrhundert  – Die Kasernierung der Prostitution

Im Mittelalter war die systematische Organisation und die planmäßige Förderung des Frauenhauswesens mit dem Ausbau des Städtewesens parallel gegangen. Ebenso ist die Erscheinungsweise der Prostitution im 19.Jh. eng verknüpft mit der Entwicklung der großen Städte. Im Gegensatz zum Mittelalter fanden sich im 19.Jh. – durch die Landflucht und das explosionsartige Anwachsen der Städte – Prostituierte in allen Teilen der Stadt. Napoleon I. führte in Frankreich zum Zwecke des gesundheitlichen Schutzes seiner Soldaten im Jahre 1802 als erstes das System der staatlichen Reglementierung und der Kasernierung der Prostitution ein, um das französische Heer vor der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu schützen. Nachdem Frankreich seine strenge Reglementierung durchgesetzt hatte, folgten fast alle anderen europäischen Länder diesem Beispiel. Das Reglementierungssystem des 19. Jahrhunderts, das die Bevölkerung vor Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper schützen sollte, bestand aus polizeilichen und gesundheitlichen Verordnungen, die sich ausschließlich auf die Prostituierten bezogen, deren männliche Kundschaft, wie auch männliche Prostituierte aber nicht berücksichtigten. Beauftragt mit der Durchführung dieser Maßnahmen war die Polizei, speziell der Sittenpolizei. Die Aufgabe der Sittenpolizei war der Schutz der Gesellschaft vor „gesundheitlicher und sittlicher Ansteckung“. Die zentrale Forderung war die Isolierung der Prostitution, ihr Ausschluss aus der Öffentlichkeit. Dies führte in  Konsequenz zur Kasernierung der Prostituierten, d.h. zur zwangsweisen Unterbringung und Kontrolle in Bordellen und Speerbezirken, womit gleichzeitig eine institutionalisierte Überwachung der Gesundheit ermöglicht werden sollte. Neben der Sittenpolizei war für die Prostituierten auch ein Kontrollarzt zuständig. In Frankreich lag die Kontrolle bei den Kommunen und war von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In Marseille z.b. wurden alle Frauen wöchentlich untersucht. Für die Frauen in den Bordellen fand die Untersuchung an ihrem Arbeitsplatz statt. Die Straßenprostituierten mussten in einem Raum der Sittenpolizei erscheinen um sich untersuchen zu lassen. In England wurde im Jahr 1864 im Parlament erstmals über die Maßnahmen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten diskutiert. In Folge kam es in England zu einer ähnlichen Gesetzgebung, die allerdings nur für die Städte galt wo Militär stationiert war.

Die verschiedenen Obrigkeiten mussten allerdings feststellen, das die Maßnahmen der stringenten Kasernierung nicht die gewünschte Wirkung zeigten, da viele Frauen, aufgrund der massiven Stigmatisierung, die die gesetzlichen Maßnahmen begleiteten, sich der Kontrolle entzogen.
In Frankreich zeigte sich Jahre nach dem erfolgten Reglement keine Verbesserung der Situation und in Christiania/Dänemark bemerkte man nach der inzwischen vollzogenen Aufhebung der Reglementierung 1888, dass die eingeschriebenen Prostituierten aus den Hospitälern zum großen Teil verschwanden und Schneiderinnen, Dienstmädchen und Kellnerinnen an ihre Stelle traten. Zum Teil waren es Prostituierte, die einen anderen Beruf angaben, aber auch viele Frauen die sich bisher von den Spitälern ferngehalten hatten und sich jetzt freiwillig behandeln ließen. In England stieß diese Gesetzgebung gleich nach ihrer Inkrafttretung auf heftige Kritik und wurde bereits 1886 wieder abgeschafft. Es gab in England eine starke Frauenrechtsbewegung, die unter dem Namen der „Abolitionistischen Bewegung“ mit ihrer Vorkämpferin Josephine Butler, Millionen von Unterschriften gegen dieses Gesetz sammelte und es zu Fall brachte. In Norwegen, Holland, Italien und der Schweiz wurde gegen Ende des Jahrhunderts die Reglementierung ebenfalls abgeschafft. In Frankreich und  Deutschland hingegen wurde sie beibehalten.

Der deutsche Reglementarismus

In Deutschland regelte der Paragraph 361 Abs.6 des Strafgesetzbuches das Verhältnis der staatlichen Behörden zu den Prostituierten. Bis zur Reichsgründung wurde der Umgang mit der Prostitution von jedem deutschen Land, bzw. Stadt selbstständig geregelt. 1871 vereinheitlichte das Reichsstrafgesetz mit dem Paragraphen §361 Nr.6 StGB und 180 StGB die Strafbestimmungen zur Prostitution. Nach dem §361 Nr.6 StGB war die registrierte Prostitution erlaubt, sofern sich die Frauen unter polizeiliche Kontrolle begaben und deren Vorschriften Folge leisteten. Verhaftet und bestraft werden konnten nach diesem Gesetz alle Frauen bei denen der Verdacht bestand, dass sie ohne sittenpolizeiliche Aufsicht, gewerbsmäßig der heimlichen Prostitution nachgingen, oder wenn sie als eingeschriebene Prostituierte den Vorschriften der Sittenpolizei zuwiderhandelten. Der §180 und §181 StGB bestraften die Kuppelei. Demnach machte sich strafbar, wer: „objektiv günstigere Bedingungen als die sonst vorhandenen herbeiführt und zwar durch Vermittlung oder Gewährung der Verschaffung von Gelegenheit zur Unzucht“ Die Zimmervermietung an Prostituierte wie auch die Einrichtung von Bordellen war somit strafbar.

Die Gesetzesauslegung differierte zwischen den einzelnen Länder und Gemeinden, die zusätzliche Polizeivorschriften zur praktischen Ausführung erließen. Der wesentliche Unterschied bestand in dem Umgang mit der Institution des Bordells, die eigentlich im Widerspruch zum Kuppeleiparagraphen stand. In München und später auch in Berlin wurde die Reglementierung mit einem gleichzeitigen Bordellverbot vollzogen, Städte wie Bremen, Stuttgart und Kiel setzten auf eine Kasernierung der Prostitution und führten die gesamte Überwachung und Organisation des Gewerbes über städtische Institutionen durch. In Hamburg führte die im Rahmen der Kasernierung weitergehende Duldung von Bordellen und die Praxis der Sittenpolizei zu wiederholten Konflikten mit übergeordneten Reichsinstanzen. Die polizeilichen Vorschriften umfassten Freiheitsbeschränkungen örtlicher und zeitlicher Art. Prostituierte war das Betreten vieler Hauptverkehrs- und Geschäftsstraßen untersagt, ebenso der Besuch der bürgerlichen Freizeitinstitutionen wie Theatern, Cafe- und Ballhäusern, manchmal sogar der von öffentlichen Badeanstalten. Es war ihnen verboten in der Nähe von Schulen, Kirchen und Kasernen eine Wohnung zu nehmen, mit anderen Prostituierten zusammen, und im Parterre zu wohnen. Jeder Wechsel in eine andere Stadt musste bei der Polizei persönlich angemeldet werden. Nachts bestand für die Prostituierten ein generelles Ausgehverbot. Mancherorts bestanden weitergehende Verhaltensregelungen wie das Verbot auf der Straße stehen zu bleiben oder nicht in offenen Wagen zu fahren. Diese freiheitsbeschränkenden Maßnahmen überwogen deutlich die gesundheitlichen, die die zwangsweise Verpflichtung zu einer ein- bis zweimal wöchentlichen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten vorschrieben. Mit Beginn der Registrierung wurde eine Polizeiakte für jede Prostituierte angelegt, in der, angefangen von der Familiengeschichte und Ortswechsel, bis hin zu den Gesetzesverstößen und Krankenhausbehandlungen, alles festgeschrieben wurde.

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg (spez.: Berliner Polizeivorschriften von 1902)

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Bereits ab dem Ende des 19.Jh. gerät die Prostituierte zunehmend in das Interessengebiet der sich formierenden Kriminalpsychatrie, -psychologie, und – anthropologie. Deren Forschungsergebnisse und Gutachten zielten nicht nur auf eine Be- und Verurteilung einer Gesetzesübertretung, sondern haben die Individualität, den Charakter, den sozialen Werdegang, die „gute“ und „verdorbene“ Seele dieser Frauen zum Thema. Gleichzeitig wurde an einer neuen, informellen Kleiderordnung gestrickt, den sogenannten „objektiven“ Lebenslauf der Prostituierten. Dieser beginnt mit dem Moment der ersten Verhaftung, die die heimliche Prostitution in eine offizielle, registrierte verwandelte. Dieser polizeiliche Lebenslauf umfasste die Registratur ihrer Strafen, ihre psychische Normalität oder Abnormalität, ihre Familiengeschichte unter dem Aspekt dieser Fragestellung, ihre Aufenthalte im Gefängnis, Arbeits- oder Krankenhaus und anderen Einrichtungen. Ein wesentlicher Bestandteil setzte sich aus den Materialien der Krankengeschichte zusammen, vor allen Dingen ihrer Geschlechtskrankheiten und die Ergebnisse der regelmäßigen Zwangsuntersuchungen. Diese Datensammlung objektivierte ihre Existenz als deliquente Prostituierte, die unter diesem Vorzeichen immer als eine Kriminelle eingestuft wurde.

Der einmal registrierten Frau wurde es fast unmöglich gemacht sich eine Existenz außerhalb der Prostitution zu suchen. Der Versuch eine Arbeit zu finden scheiterte meistens daran, dass die Sittenpolizei ihre regelmäßigen Kontrollen auch am Arbeitsplatz durchführte, was dann in der Regel zu einer sofortigen Kündigung führte. Die Bedingung aus den regelmäßigen Kontrollen entlassen zu werden war der Arbeitsnachweis – und um von der Polizei unbehelligt einer Arbeit nachgehen zu können, war es notwendig von der Kontrolle befreit zu sein. Diese sittenpolizeiliche Praxis illustriert sehr deutlich warum sich der Grossteil der Frauen nicht registrieren ließ und stattdessen polizeiliche und justizielle Verfolgung in Kauf nahm. Außerdem standen die Frauen die in den Bordellen arbeiteten in der Regel in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis zum Bordellwirt, dass dem Prinzip der Schuldknechtschaft im mittelalterlichen Frauenhaus ähnlich war. Oft wurden sie über systematische Verstrickung in Schulden an das Haus gefesselt. Dies geschah über Wucherpreise für Miete und Kost und über die Besorgung von Kleidern, Schmuck und Ähnlichem, die nur als geliehen galten und abbezahlt werden mussten. In vielen Etablissements bestand der Zwang zum Alkoholkonsum zu Animierzwecken und der Wirt fungierte oft als Kontrollinstanz was die Durchsetzung der sittenpolizeilichen Vorschriften betraf.

Im Zuge der Industrialisierung stieg die Prostitution seit der Mitte des 19. Jahrhunderts enorm an. Verschiedenen Schätzungen für Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert  gehen von 100.000 bis 200.000 Prostituierten, kurz vor dem 1. Weltkrieg sogar bis zu 330.000, aus. In den Städten entstand mit der elektrischen Straßenbeleuchtung, der Errichtung der großen Kaufhäuser seit 1871, der beginnenden Massenproduktion von Konsum- und Gebrauchsgütern und der damals noch neuen Repräsentation der Waren mittels großer Schaufenster, die Atmosphäre eines ständigen, zeitlich ungebundenen und immer präsenten Marktes. Dieser Umstand, wie die zunehmende Anzahl von Vergnügungsstätten – vom aufwendigen Variete oder Operettenhaus bis zum kleinen Tingeltangel in der mit einer Bühne ausgestatteten Trinkhalle – führte zu einer Belebung des Straßenbildes, in der die heimliche Prostituierte auf der Straße nicht mehr für Jeden als solche erkennbar war. Diese Schwierigkeit zwischen den „anständigen“ Frauen und den Prostituierten zu unterscheiden, wurde dann auch zu einem zentralen Argument für eine schärfere Vorgehensweise gegen die Prostitution. (belegt für Hamburg, Köln und Dortmund). Vor allem in den großen Städten kam es zu einem bedeutenden Zuwachs an Prostituierten.

In Berlin, zwischen den Jahren 1859 und 1871, soll sich die Zahl der Prostituierten verdoppelt haben während die Bevölkerung nur etwa um die Hälfte zunahm. Im Jahr 1871 gab es in Berlin ca.15000 Prostituierte bei etwa 800 000 Einwohnern. Am Anfang des 20. Jh. wurden in Berlin bis zu 50000 Prostituierte geschätzt. Die Zahl der polizeilich registrierten und kontrollierten Frauen war wesentlich geringer: im Jahr 1869 waren 1709 Prostituierte bekannt, im Jahre 1903 waren es 3709. Für Hamburg stellten sich die Verhältnisse von kontrollierter und heimlicher Prostitution ähnlich dar wie in Berlin, obwohl hier offiziell noch Bordelle bestanden, die Prostitution also nicht wie in Berlin, eine rein Vagierende war. In Hamburg war nach Polizeiberichten die Straßenprostitution:

„…in wahrhaft exorbitanter Weise entwickelt. Kaum ist der Abend angebrochen, so wimmeln der Jungfernstieg und die Hauptstraßen der Stadt von prostituierten Dirnen … Unter 10 Mädchen, die am Abend mit einem Körbchen am Arm in den Gassen einhergehen, kann fast wohl die Hälfte als öffentlich und für Geld zu erkaufen angenommen werden. Vor allem findet man in der Nähe der Absteigerquartiere zahlreiche derartige Patrouillen. Die Wanderungen der feineren unter ihnen nehmen gewöhnlich von der Gegend des Valentinskamps ihren Ausgangspunkt und verbreiten sich von da über den Gänsemarkt, Jungfernstieg, die Königinstraße, Großen Bleichen, Poststraße, Neuen Wall, die Alsterarkaden und so zurück; die niedere Sorte derselben wählen die ärmeren, entlegeneren und dunkler beleuchteten Gegenden der Stadt als Standquartier, den Sägerplatz, Kraienkamp, die Kirchhöfe, die Fuhlentwiete, die Neustraße- und vor allem die Wälle. An einzelnen Punkten der Stadt, so ganz besonders am Sägerplatz ist es oft kaum möglich, sich des Abends vor den Zudringlichkeiten dieser Mädchen zu retten, die einem in ganzen Scharen entgegenströmen.“


(Zitat aus „Speerbezirke“, Seite: 23, Regina Schulte, 1994)

Das Spektrum der Prostitution am Beispiel Berlins

Der Berliner Schriftsteller Hans Ostwald veröffentlichte zwischen 1905 und dem ersten Weltkrieg eine Vielzahl von Büchern zum Thema Prostitution und „Unterwelt“ in seiner Schriftenreihe „Großstadtdokumente“. Einer der Autoren in dieser Schriftenreihe war Magnus Hirschfeld, der über männliche Prostitution und die homosexuelle Subkultur Berlins schrieb. In der Weimarer Republik fungierte er als Herausgeber der Werke des Zeichners Heinrich Zilles. Nach Oswalds Milieubeschreibungen spiegelte die „Halbwelt der Prostitution“ die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse wider und für jede soziale Lage und Klasse gab es ein differenziertes Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Oben auf der sozialen Stufenleiter standen in Berlin die Frauen, die als Blumenhändlerinnen der vornehmen Restaurants und die Tänzerinnen und Sängerinnen einiger Theater und vieler Varietes, die abends auf dem Boulevard „Unter den Linden“ flanierten. Dort wo die Prostitution die Reichen und Aristokraten bediente, ging sie ins Konkubinat über. „Demoiselles de plaisir, Cocottes“ waren einige der Bezeichnungen für diese Kurtisanen, elitäre Prostituierte, die ihre Liebhaber in adel- und großbürgerlichen Kreisen hatten. Die Ballhäuser, Opern, Theater und Varietés waren bevorzugte Orte der Präsentation und Selbstdarstellung dieser Frauen, wobei die Grenzen zu den Stars der Varieté- und Theaterwelt und später des Films, fließend waren. Affären mit Aristokraten und Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik sorgten für Gesprächsstoff. Diese, wie auch die wertvollen Toiletten und der Schmuck, die Bühnenkostüme und die neuesten Abendkleider gaben immer wieder Anlass für Berichte in den Zeitungen. Sie bestimmten die Modetrends ihrer Zeit maßgeblich mit.

Auf der nächsten Stufe der sozialen Gegenwelt standen die Frauen, die die Männer aus dem Geld- und Bildungsbürgertum bedienten. Sie waren in der Umgebung der Friedrichstraße mit ihren vielen Hotels, Bars und Vergnügungsetablissements lokalisiert. Sie trugen traditionsgemäß einen Hut und einen Schal, oft auch einen Regenmantel und pfiffen, wenn Männer vorbeigingen, als obszön erkennbare Melodien, überließen aber in der Regel dem Mann die Initiative zur Kontaktaufnahme. (Im 19. Jh. trug eine Prostituierte dieser Klasse in der Regel einen Schlüssel in der Hand, um anzuzeigen, dass sie ihr eigenes Zimmer hatte.) Die Preise sollen bei ca. 20 Mark gelegen haben.

Eine Begegnung durfte für den Mann nicht kompromittierend sein, dies machte vereinfachte Formen der Kontaktaufnahme nötig. Ein Blick, eine Geste oder Obszönität hatten auszureichen, um denjenigen auf sich aufmerksam zu machen, der ihren Diensten nicht abgeneigt war. Ein weiteres wichtiges Mittel zur professionellen Stilisierung war die Schminke. Kaum andere Frauen schminkten sich vor der Jahrhundertwende, für den Tag, bzw. für den Gang auf die Straße, mit Ausnahme der Theater- und Variete-Künstlerinnen, wo die Prostitution traditionell verbreitet war.

In der Region um die Leipziger Straße kostete der Geschlechtsverkehr mit einer Frau 10 Mark. Die Frauen waren nicht so gut gekleidet und weitaus offensiver in ihrer Werbung, viele waren Gelegenheitsprostituierte, die oft in der Begleitung einer älteren Kupplerin waren. Diese Abstufungen gingen weiter, bis hin zu den „bescheideneren Vergnügungsviertel“, wo die Preise zwischen 5 bis 1 Mark lagen und die Kundschaft überwiegend aus Arbeitern und Soldaten bestand.  Das Angebot der Prostitution verlief parallel zum gesamten gesellschaftlichen Spektrum. Manche Frauen verdienten bei einer einzigen Begegnung bis zu zwanzigmal mehr als andere. Das Angebot war so vielfältig; von den elementarsten  Diensten, bis hin zu den kostspieligsten, weil es eben eine breite Nachfrage von Männern aus dem gesamten sozialen Spektrum gab. Auch Schuljungen und Studenten besuchten zum Teil regelmäßig Bordelle um sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

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Die soziale Rekrutierung der Prostituierten

Ein Großteil der Prostituierten rekrutierte sich aus berufstätigen Frauen der Unterschicht und sozial absteigenden Kreisen der Mittelschicht. Vor allem aus Frauen, die aufgrund des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs des traditionellen Handwerks im Zeichen der Industrialisierung vom Land oder aus dem kleinstädtischen Milieu in die Stadt abwanderten. Laut der Akten der Sittenpolizei aus den Jahren 1873/4 stammten 55% aller Prostituierten in Berlin vom Land und 22% der Frauen aus familiären Verhältnissen von Fabrikarbeitern, wiederum fast die Hälfte der Prostituierten kamen aus Handwerkerfamilien. Ähnliche Verhältnisse bestanden auch in anderen deutschen Städten, wie München und Stuttgart. Die registrierten Prostituierten in den großen Städten waren zum Großteil zugewandert. Im Jahr 1907 waren z.b. in Hamburg nur 10,8% der 408 kontrollierten Prostituierten in Hamburg geboren  Die Berufszweige aus denen sich die Prostituierten überwiegend rekrutierten, waren die der Dienstmädchen, Kellnerinnen, Verkäuferinnen, Fabrikarbeiterinnen, Näherinnen, Wäscherinnen und Plätterinnen, Kirmesangestellte, Schauspielerinnen, sowie Chor- und Ballettmädchen. Oft langte der geringe Lohn dieser Erwerbstätigkeit nicht aus um den Lebensunterhalt zu sichern, schon gar nicht wenn die Frau mehrere Personen zu versorgen hatte. So verdiente z.b. eine Näherin um 1890 in Berlin im Durchschnitt 6 Mark in der Woche, wobei sie bei geringen Ansprüchen ca. 9-10 Mark wöchentlich benötigte, um die Lebenserhaltungskosten zu decken. Viele dieser Frauen gingen neben ihrer normalen Erwerbstätigkeit der Gelegenheitsprostitution nach, um ihre Existenz zu sichern.

Die Verbreitung der Prostitution im 19.Jh. hing eng mit der Entwicklung und dem Charakter der Frauenarbeit zusammen. Für die bürgerlichen Frauen, die durch Heirat meistens finanziell abgesichert waren, folgte aus der Mechanisierung der Produktion sowie der daraus resultierenden Trennung von Arbeits- und Wohnbereich der Verlust vieler produktiver Tätigkeiten, die sie vormals im Haus und für die Familie leisteten. Die bürgerliche Familie wandelte sich von einer Produktions- in eine überwiegende Konsumtionsgemeinschaft. Die Frauen aus der Arbeiterklasse hatten im Gegensatz zu den bürgerlichen Frauen kaum freie Zeit zur Verfügung. Ihr Alltag war bestimmt durch 10-12-stündige Arbeit und zusätzliche Hausarbeit. Mit fortschreitender Industrialisierung verschärfte sich die wirtschaftliche Situation der proletarischen Frauen zunehmend, so dass viele von ihnen der Prostitution nachgingen. Für die Frauen vom Land machte die Vergütung der Arbeitskraft mit Geld für viele die Arbeit in der Stadt attraktiv, da die Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft meistens unbezahlt geleistet wurde. Töchter und Ehefrauen zählten als mithelfende Familienangehörige und die Mägde arbeiteten in der Regel gegen Naturalien und freie Logis. Die Landflucht während der Industrialisierung war eine der größten Massenbewegungen der deutschen Geschichte und erfasste im Zeitraum 1860 bis 1925 bis zu 25 Millionen Menschen. Sozial stammten die meisten Abwanderinnen aus der Unterschichten, Töchter die nicht mehr mit einer entsprechenden Mitgift ausgestattet und verheiratet werden konnten. In vielen Fällen geschah die Abwanderung auf Betreiben der Eltern. Die Töchter wurden zum außerhäuslichen Gelderwerb weggeschickt da die Söhne im elterlichen Betrieb, im Handwerk oder in der Landwirtschaft benötigt wurden.

Im Zeitraum 1855-1898 nahm der Anteil der Arbeiterinnen an den Prostituierten um die Hälfte ab, während sich der der Dienstbotinnen versiebenfachte. Den höchsten Prozentsatz an Prostituierten hatten Mitte des Jahrhunderts noch die Industriearbeiterinnen gestellt, gegen Ende des Jahrhunderts waren es die Frauen aus den dienenden Berufen. Unter den Arbeiterinnen entwickelte sich ein Klassenbewusstsein. Aus diesem neuen, gemeinsamen Bewusstsein heraus wurde Fabrikarbeit als Möglichkeit empfunden sich frei von der Hörigkeit der häuslichen Dienste zu machen. Die damit einhergehende Moral führte oft zu einer Verurteilung von den Frauen, die der Prostitution nachgingen, „sich verkauften“, obwohl in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und dadurch bedingter niedriger Löhne und Arbeitslosigkeit auch viele Arbeiterinnen in die Gelegenheitsprostitution getrieben wurden.

Zum Ende des 19.Jh. bestand ein zunehmender Dienstbotenmangel. Während die Zahl der Arbeiterinnen und Verkäuferinnen stetig zunahm, sank die Anzahl derer, die bereit waren als Dienstboten zu arbeiten, so dass sie aus ländlichen Gebieten rekrutiert wurden. In Berlin kamen jährlich 40 000 Dienstmädchen vom Land und  in Hamburg kamen vierfünftel aller Dienstmädchen aus den ländlichen Gebieten der Umgebung. Von den in Berlin geborenen Dienstmädchen waren viele Waisen und unehelich geborene Mädchen aus Heimen. Die Frauen vom Land  kamen meistens aus Gebieten mit niedrigen Lebensstandard. Der durchschnittliche Monatslohn betrug zwischen 15 und 30 Mark während die tägliche Arbeitszeit bis zu 16 Stunden betragen konnte.

Freizeit mit der Möglichkeit des Ausganges wurde den meisten Dienstmädchen in der Regel nur alle zwei Wochen am Sonntag gewährt, im Schnitt  vier Stunden. So hatten sie kaum eine Gelegenheit außerhalb des eingegrenzten Bereiches des Haushaltes Erfahrungen in der ihnen fremden großstädtischen Umgebung zu sammeln. Man beließ sie in der Verfügbarkeit ihres Arbeitsbereiches. Diese Unerfahrenheit war auch ein wesentlicher Aspekt für den möglichen Gang in die Prostitution. Bei vielen bildete eine Zufallsbekanntschaft auf der Straße, in einem Ballsaal oder Café den Einstieg, da der Herr sich später häufig als Kuppler oder Zuhälter entpuppte oder schließlich die Freundin mit einem Kind alleine ließ. Außerdem vermittelten sogenannte „Stellenvermittlungsbüros“ diese als „Dienstmädchen“ an Kabaretts und Bars weiter, wo sie dann in Wirklichkeit als Animiermädchen und Prostituierte arbeiten mussten. Diese Frauen wurden von der Sittenpolizei ebenfalls als ehemalige Dienstmädchen geführt. Die Dienstmädchen bildeten den höchsten Prozentsatz unter den unehelichen Müttern. Eine Schwangerschaft bedeutete meistens die fristlose Entlassung. So bildeten um 1900 die Dienstbotinnen in Berlin ca. ein Viertel der weiblichen Bevölkerung der Stadt, brachten aber fast  ein Drittel der unehelichen Kinder zur Welt. Von den 1531 Frauen, die sich zwischen 1908 und 1910 in Berlin als Prostituierte registrieren ließen, hatten 636 Kinder. Eine Arbeiterin hingegen, konnte im Falle einer unehelichen Mutterschaft ihre Arbeitsstelle bis kurz vor der Niederkunft behalten und hatte Ansprüche auf gesetzliche Wöchnerinnenunterstützung. Nicht nur Schwangerschaft führte zu Entlassungen. Zur Reisezeit im Sommer, wie auch vor Weihnachten, kam es aus Einsparungsgründen zu massenhaften Kündigungen. So standen zwei mal im Jahr eine große Anzahl von Dienstmädchen stellen- und mittellos auf der Straße und für viele war der einzige Ausweg aus der Obdachlosigkeit die Prostitution.

Mit der Einrichtung der großen Warenhäuser eröffnete sich den Frauen ein neues Feld der Lohnarbeit. Auf dem Gebiet, welches die Statistik unter dem Namen „Handel und Verkehr“ zusammenfasste, hatte die Frauenarbeit von 1882-1895 am stärksten zugenommen, nämlich um 94%. Das Berufsbild der modernen Verkäuferin war bei jungen Frauen, trotz niedriger Löhne und langer Arbeitszeiten, beliebt, da ihm ein weitaus höheres Sozialprestige zukam als der Fabrikarbeit. Die Versprechungen der Warenwelt und ihrer Werbung übten eine starke Anziehungskraft auf die jungen Frauen aus. Das Durchschnittseinkommen einer Berliner Verkäuferin wurde Ende des Jahrhunderts vom „kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte“ auf 58 Mark, in anderen großen Städten Deutschlands, auf nur 27-47 Mark monatlich geschätzt. Die Frauen mussten einen nicht unwesentlichen Teil ihres Gehaltes für ihr Aussehen und ihre Kleidung verwenden, da sie als Angestellte der Kaufhäusern diese repräsentativ zu vertreten hatten. Außerdem stiegen ihre eigenen Ansprüche durch den fortgesetzten Verkehr mit den wohlhabenderen Kreisen, die zur ständigen Kundschaft gehörten, so dass der Lohn bei vielen nicht ausreichte. Für einen Teil von ihnen bot die Prostitution, die sich in der Anfangszeit häufig aus einem Kontakt während ihrer Arbeitszeit als Verkäuferin ergeben hatte, eine Möglichkeit, ihre Ansprüche auf einen höheren Lebensstandard zu verwirklichen.

Der große Anteil von Kellnerinnen an der Prostitution erklärt sich aus der traditionellen Nähe von Animierlokalen zur Prostitution. Im Süden Deutschlands war die Kellnerin als ausgebildeter Frauenberuf anerkannt, aber in Berlin und Hamburg wurden sie fast nur zu Animierzwecken eingestellt. Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895 gab es 37.121 Kellnerinnen, von denen knapp 80% ein Bargehalt erhielten, das durch Kost und Logis im Haus des Wirtes ergänzt wurde. Die Hälfte der Frauen die Lohn erhielten, mussten mit einem Einkommen von 10-30 Mark auskommen. Die Kellnerinnen waren im deutschen Kaiserreich aufgrund der niedrigen Löhne überwiegend von Trinkgeldern abhängig und in den Cafes, Varietes und Tingel-Tangel wurde von den Bühnenkünstlerinnen und dem weiblichen Personal geradezu erwartet, dass sie sich den Großteil ihres Einkommens durch Prostitution verdienten.

Bereits vor der Jahrhundertwende waren in den großen Städten eine Vielzahl von Varietés, Kabaretts und Theaterbühnen entstanden und ein Teil der gehobenen Prostituierten rekrutierte sich aus dem Bereich der dort tätigen Künstlerinnen. Die Schauspielerin gehörte im abendländischen Spätmittelalter zu den Geächteten und die Kirche verweigerte ihr ebenso wie der Prostituierten die Sakramente und den Friedhof.  Erst im Laufe des 19.Jh., mit dem veränderten  Selbstverständnis der dramatischen Kunst, gelang es den Beruf der Schauspielerin zu verbürgerlichen und den Schauspielerstand zu emanzipieren. Die Gagen von denen selbst Schauspielerinnen an besseren Bühnen lebten, waren niedrig, außerdem stellten sie meistens nur das Saisoneinkommen dar, von denen die Frauen das ganze Jahr über zu leben hatten. An fast allen Bühnen Deutschlands hatten sie ihre Ausstattung und die Kostüme aus eigener Tasche zahlen – und das zu einer Zeit (ab 1870) wo in den Theatern und Opernhäusern ein extremer Luxus in der Ausstattung auf den Bühnen herrschte. Allerdings hatte die sogenannte Prostitution der Schauspielerinnen einen anderen Charakter als die der Arbeiterinnen und Dienstmädchen. Viele begannen ihre Karriere in den Betten von Theaterdirektoren, Regisseuren und Kritikern und sie hatten oft länger andauernde Verhältnisse die sich nicht nur auf sexuelle Beziehungen beschränkten und ihnen den Status einer Mätresse gaben. Sie waren in der Gesellschaft nicht eindeutig der Verachtung preisgegeben wie die einfache Prostituierte. Die Theaterwelt galt als anrüchig, faszinierte das Bürgertum aber auch, das in weiten Kreisen die Berührung mit der Bühnenwelt suchte. – Frauen die nicht an einer großen Bühne engagiert wurden blieb oft nichts anderes übrig, als ihren Unterhalt bei einem der vielen Varietes, Kabaretts und Tanzbühnen zu verdienen, wo – je nach Etablissement – die Grenzen zur weitergehenden Animation und Prostitution fließender waren. Unter dem Banner des Tanzes wurde für jedes Publikum entsprechende Vergnügungen angeboten. Da gab es „Witwenbälle“, “Bälle für die „reifere Jugend“ und “Strandfeste“, welche Orte des Tanzvergnügens und der Prostitution waren.

Die Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen in Deutschland

Die Sittlichkeitsvereine, die überwiegend mittelständische Protestanten (insbesondere viele Volksschullehrer) angehörten, bildeten eine rechtsgerichtete außerparlamentarische Interessengruppe, die am Ende des 19. Jh. an Bedeutung gewann. Sie waren entschiedene Gegner des staatlichen Bordellwesens. Ihr Anführer,  Pastor Ludwig Weber, sah in der Prostitution die Gefahr der sozialen Unordnung. Die damit einhergehende Unmoral, die Zerstörung der Familie, der Wachstum des städtischen Proletariats, wie auch die sexuelle Emanzipation stellten aus dieser Weltsicht heraus, wichtige Punkte der allgemeinen Bedrohung der Gesellschaft dar. Im gleichem Jahr wie der „Allgemeine Kongress der Deutschen Sittlichkeitsvereine“ – 1888, wurde auch der „Verein Jugendschutz“ in Berlin gegründet. Die Vorsitzende war eine Frau – und dieser Verein bildete sozusagen das weibliche Gegenstück zu den patriarchalen Sittlichkeitsvereinen, wo Frauen in der Regel ausgeschlossen waren. Sie forderten die Abschaffung der staatlich regulierten Bordelle und die Einsperrung aller Prostituierte bei einer Haft von 1- 3 Jahren. Außerdem setzten sie sich für präventive Maßnamen wie die Gründung von Heimen und Vereinen für weibliche Hausangestellte ein. Dieser Verein war in seiner Haltung zwar erzreaktionär, zeigte aber auch eine feministische Tendenz, da er auf dem Recht bestand, dass bürgerliche Frauen in der Öffentlichkeit auftreten und über sexuelle Themen diskutieren konnten. In Opposition zu dieser Haltung standen die sogenannten „neuen Frauenrechtlerinnen“, die gegen Ende der 90er Jahre in Erscheinung traten. Sie waren teilweise Anhängerinnen der Britin Josephine Butler, die in den 90er Jahren eine erfolgreiche Kampagne gegen die Reglementierung in England geführt hatte.

Josephine Butler war eine der namhaften Wortführerinnen der englischen Protestbewegung, die sich u.a. aus Frauenverbänden zusammensetzte, die gegen den 1864 erlassenen „Contagious Diseases Act“ protestierten. Dieser war verabschiedet worden um mit dem Mittel der Zwangsuntersuchung und Zwangsbehandlung von Prostituierten der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten entgegen zuwirken. In diesem Gesetz trat deutlich die viktorianische Doppelmoral zutage, die den Männern das Recht auf Promiskuität gegen Bezahlung einräumte, die Frauen aber den entwürdigenden Kontrollen der Sittenpolizei auslieferte. Josephine Butler, die Prostitution mit weiblicher Sklaverei gleichsetzte, nun aber als eine frühe Verfechterin eines Feminismus, der sich für die Rechte der Prostituierten einsetzte, zu sehen, ist ein Trugschluss. Diese Protestbewegung war durchzogen von einem religiösen Fundamentalismus, der seine wesentliche Aufgabe in einem Kampf gegen die Lockerung der Sexualmoral und der prosperierenden Vergnügungsindustrie sah.

Die neu entstandene Vergnügungskultur gehörte zu den Feindbildern der Sittlichkeitsbewegung, mit der zeittypischen Polemik gegen die Varietes, Kinos, Kneipen und Kabaretts ging die Botschaft einher, dass junge Frauen, die alleine in die Stadt zogen dem Risiko des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt waren, solange sie nicht mehr oder noch nicht unter dem Schutz des Vaters oder Ehemanns standen. Josephine Butler war u.a. auch an der Medienkampagne gegen die „White Slavery“ beteiligt. Sie stellte für den Journalisten William Stead den Kontakt zu einer ehemaligen Prostituierten her, die ihrerseits Stead mit einer der Hauptprotagonistinnen der 1885 publizierten Skandalgeschichte bekannt machte – der 13-jährigen Eliza Armstrong. Die durch den Skandal entstandene öffentliche Aufmerksamkeit um den vermeintlichen „internationalen Mädchenhandel“ verschaffte den Frauenverbänden um Josephine Butler eine große, wenn nicht sogar entscheidende Anerkennung.

Jazbinsek, Dietmar,  „Der internationale Mädchenhandel – Biographie eines sozialen Problems“, Schriftenreihe der Forschungsgruppe Metropolenforschung am Wirtschaftszentrum  Berlin für Sozialforschung, 2002

1898 als die Debatte über den „ Lex Heinze“ ihren Höhepunkt hatte, wurde die deutsche Sektion der Abolitionistinnen gegründet. Sie betrachteten die Prostituierten als Opfer und gingen davon aus, dass mit der Abschaffung des Bordellsystems und einen entschiedenen Kampf gegen die Doppelmoral, Frauen nicht mehr länger gezwungen wären sich in der Prostitution zu verdingen. Außerdem setzten sie sich – als eine vorbeugende Maßnahme gegen Geschlechtskrankheiten – für einen allgemeingültigen Maßstab sexueller Enthaltsamkeit ein. Frauen die von Polizei als „der gewerblichen Unzucht nachgehend“ verdächtig aufgegriffen wurden, konnten auf Geschlechtskrankheiten zwangsuntersucht werden, so dass auch Frauen jenseits des Prostitutionsgewerbes Bekanntschaft mit dieser entwürdigenden  Behandlung machten. Die Abschaffung des Paragraphen § 361 StGB, der diese Vorgehensweise ermöglichte, wurde eine der zentralen Forderungen der Frauenbewegung hinsichtlich der „Prostitutionsfrage“. Die Gräfin Gertrud Guillaume-Schalk mit dem „Deutschen Kulturbund“ und die „Internationale Abolitionistische Föderation“ waren in dieser Hinsicht aktiv, sie hatten auf parlamentarischer Ebene allerdings keinen  Erfolg. Bereits im Jahr 1905, dem Erscheinungsjahr der „Tagebuch einer Verlorenen“, begann sich das politische Klima  über die öffentliche Debatte zum Thema Prostitution zu verändern.

Im Jahr 1905 wurde in Deutschland von der Schriftstellerin Magarethe Böhme das „Tagebuch einer Verlorenen“ veröffentlicht. Diese Tagebuchaufzeichnungen beschrieben scheinbar autographisch den Lebensweg einer Frau aus bürgerlichen Verhältnissen, die mit ihrer Familie bricht und in Hamburg eine Luxuskurtisane der Oberschicht wird, – bis sie dann als lebensmüde Hure an Tuberkulose stirbt. Dieses Tagebuch war in Wirklichkeit ein Roman der Autorin Böhme, die es in dieser Zeit als zu unsicher empfand es als ihr eigenes Werk auszugeben. Es  löste im sittenstrengen, wilhelminischen Deutschland öffentliche Debatten zu diesem Thema aus. In der Weimarer Republik wurde das „Tagebuch“ unter der Regie von G.W. Pabst mit Louise Brooks in der Hauptrolle verfilmt. Die Lizenz die der Film im August 1929 für den kommerziellen Verleih erhielt, wurde allerdings schon im Dezember gleichen Jahres von der Filmprüfstelle Berlin wiederrufen, da es zu massiven Protesten seitens kirchlicher Organisationen und Frauenvereinen gekommen war.

Die feministische Bewegung, bzw. deren radikaler Flügel um die Person der Sexualreformerin Helene Stöcker nahmen immer mehr eine liberale Haltung zum Thema Sexualität ein. 1908 initiierten sie eine Kampagne für die Abschaffung des Paragraphen 218 und für die Legalisierung der Abtreibung, sowie zur Anerkennung gleicher Rechte für unverheirateter Mütter – und das Frauen ebenso wie Männer ein Recht auf sexuelle Erfüllung haben. Vielen damaligen Frauenrechtlerinnen gingen diese Positionen allerdings zu weit – so wurde bei der Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine (1908) der Versuch, die Kampagne gegen den 218§ zur allgemeinen Forderung aller Frauenvereine zu erheben, abgewiesen- und die radikalen Feministinnen wurden im Laufe der nächsten Jahre innerhalb der Bewegung immer mehr an den Rand gedrängt.

Unter dem wachsenden Einfluss des wissenschaftlichen Diskurses über Fragen der Eugenik und des Sozialdarwinismus auf die politische Kultur, kam es auch bei den Abolitionistinnen zu einer Umorientierung. Sie begannen sich ab 1910 für eine Art „Neo-Reglementarismus“ einzusetzen, der dem Standpunkt der Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten (gegründet 1902) nahe kam. Sie kämpften nicht mehr für die Abschaffung der Polizeiregulation im Namen der sexuellen Gleichheit, sondern für die Einführung von Gefängnisstrafen für jeden, der wissentlich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit infiziert war und trotzdem Geschlechtsverkehr hatte. Dies implizierte eine stärkere Polizeikontrolle der Prostitution. Mit diesen Forderungen entfernten sich die deutschen Abolitionistinnen immer mehr von Geschlechtsgenossinnen in den anderen europäischen Ländern.

Eine tragende Kraft der Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen stellte die Sozialdemokratie dar, in der ein Großteil der Arbeiterschaft organisiert war und die sich auch zunehmend für frauenrechtlerische Positionen öffnete. Die Sozialdemokraten definierte die Prostitution vereinfacht, wie auch im kommunistischen Manifest, als eine besondere Form gesellschaftlicher Ausbeutung bei der das Proletariat das Angebot stellte und die Nachfrage von der Bourgeoisie bestimmt wurde. Das Bordellwesen wurde oft zum Anlass genommen um im Reichstag die Ursachen der Prostitution und die damit verbundene Politik der Ausbeutung und die herrschende Doppelmoral zu thematisieren.

Die Gesetzgebung in der Weimarer Republik

Nach dem 1. Weltkrieg und den stattgefundenen politischen Umwälzungen erlangte die SPD großen Einfluss in  Landesparlamenten und Regierung. Zum ersten Mal wurden Frauen als offizielle politische Vertreter ins Parlament und in die Bürgerschaften gewählt. Damit gewannen diejenigen politischen Kreise an Einfluss, die jahrelang das Bordellsystem entschieden bekämpft hatten. Mit der Etablierung der Weimarer Republik forderte 1921 der Reichstag alle im Deutschen Reich noch bestehenden Bordelle zu schließen und die Kasernierung zu beenden. In Städten wie Hamburg, in denen Bordelle in großer Anzahl existierten, kam es mit der Schließung zu einer weitgehenden Verschlechterung des Straßenbildes, da die vormals bordellierten Frauen ihr Gewerbe nun von der Straße ausgehend betrieben.

Im Oktober 1927 trat das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Kraft, mit dem die gewerbsmäßige Prostitution straffrei wurde. Ausgenommen waren Orte in der Nähe von Schulen und Kirchen, sowie Wohnungen in denen Kinder zwischen 3-18 Jahren lebten. Mit diesem Gesetz hatte sich der Schwerpunkt der Bekämpfung der Prostitution von der sittenpolizeilichen auf eine gesundheitliche Kontrolle  mit sozial-fürsorgerischer Betreuung verlagert. Die Kuppeleiparagraphen §180 und §181 StGB blieben im Inhalt gleich, demnach war der Unterhalt eines Bordells oder bordellartigen Betriebes strafbar. Mit diesem Gesetz waren alle Männer, wie Frauen verpflichtet sich beim Vorliegen einer Geschlechtskrankheit behandeln zu lassen. Prostituierte mussten sich weiterhin einer regelmäßigen Gesundheitskontrolle unterziehen, die nicht mehr unter der Aufsicht der Sittenpolizei, sondern unter der Gesundheitsbehörde stand. Die Gesundheitsbehörde konnte nach der neuen Gesetzeslage von allen Personen, die verdächtigt wurden geschlechtskrank zu sein und diese weiterzuverbreiten, die Vorlage eines Gesundheitszeugnisses verlangen.

Während in den Akten der Sittenpolizei nur die Frauen auftauchten, die der gewerbsmäßigen Prostitution nachgingen oder dessen verdächtigt wurden, führte die Gesundheitsbehörde weitergehend Listen über sämtliche bekannten Personen mit „häufig wechselnden Geschlechtsverkehr (hwG)“. Diese Datenerhebungen standen bereits in der Weimarer Republik teilweise unter dem Einfluss der eugenischen und sozialdarwinistischen Diskussionen um Fragen der Kriminalität zu denen die Prostitution als Teilgebiet zugerechnet wurde. Während Mitte des 19. Jh. von Ave`-Lallement die kriminelle Unterwelt als ein Produkt rassischer  Einflüsse dargestellt wurde, werden später diese Einflüsse nicht nur bei Juden und Zigeunern, sondern unter dem Postulat der „Rassenhygiene“ verallgemeinernd bei „schädlichen Erbfaktoren“ gesucht. Die Sozialforscher und Kriminalanthropologen dieser Zeit machten sich daran, genau diese Faktoren bei Kriminellen, Prostituierten, bzw. bei der gesamten Unterschicht zu diagnostizieren und zu bestimmen. Das juristische Modell von Kriminalität machte immer stärker einem medizinischen und eugenischen Modell Platz.

(Das Thema Prostitution und Faschismus erscheint (wenn auch kurz) im Kapitel St. Pauli, welches sich ausführlich mit der Geschichte der Prostitution im Hamburger Raum beschäftigt.

. Bebel, August, 1919, „Die Frau und der Sozialismus“, Dietz , Stuttgart
. Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
. Flexner, Abraham, 1969, „Prostitution in Europe“,Repr. [d. Ausg.] 1914, Smith,  Montclair/New Jersey
. Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der .Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster
. Holter, Ute (Hg)   1994, „Bezahlt, geliebt , verstoßen- Prostitution und andere Sonderformen institutionalisierter Sexualität in verschiedenen Kulturen“, Holos Verlag , Bonn
. Konieczka, Vera, 1980, „Prostitution im 19. Jahrhundert“, R.G. Fischer,  Frankfurt/Main, Tübingen
. Ochain Brygida, 1998, „Varietetänzerinnen um 1900“, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/ Basel
. Pappritz, Anna (Hg.), 1919, „Einführung in das Studium der Prostitutionsfrage“, Barth , Leipzig
. Richebächer Sabine, 1982, „Uns fehlt nur eine Kleinigkeit. –  Deutsche proletarische Frauenbewegung 1890-1914“
Fischer-Taschenbuch-Verlag , Frankfurt/Main
. Schär Christian, 1991, „Der Schlager und seine Tänze in Deutschland der 20er Jahre“, Chronos Verlag, Zürich
. Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg
. Stursberg, Hermann, 1886 „Die Prostitution in Deutschland und ihre Bekämpfung“, Verl. d. Rheinisch-Westfälischen Gefängnis-Gesellschaft,  Düsseldorf
. Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

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Prostitution heute – zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu

Statistisches Material zwischen Ökonomie und Gesundheitswesen

In vielen EG-Staaten zeigt sich die Tendenz, dass die Anzahl einheimischer Frauen an der Straßenprostitution rückläufig ist und diese inzwischen in öffentlich nicht mehr wahrnehmbaren Bereichen der Gesellschaft ihrer Tätigkeit nachgehen, während ein Großteil der Straßenprostitution inzwischen von Migrantinnen abgedeckt wird. In Griechenland z.b. sind in Athen offiziell 450, in Thessaloniki, 60 Prostituierte registriert. Die Anzahl der nicht-registrierten griechischen Prostituierten wird auf 4200, die der Migrantinnen auf 10500 geschätzt. Von den letztgenannten sollen 50% aus Osteuropa, inklusive Russland und 40% aus den Balkanstaaten kommen.  Durch die geopolitische Lage an der südöstlichen EU-Grenze hat sich Griechenland zu einem wichtigen Drehpunkt des internationalen Menschenhandels entwickelt. Allein im Jahr 2000 soll der geschätzte Profit aus dem Frauenhandel ca. 1,13 Mrd. Euro betragen haben. Inzwischen soll die Zwangsprostitution von Migrantinnen die häufigste Form der Sexarbeit in Griechenland darstellen.

Die gleiche Datenquelle gibt für Deutschland die Anzahl von 300 000 Prostituierten, davon 150 000 Migrantinnen an. In Italien wird die Gesamtzahl auf 50 000 Prostituierte geschätzt. Die Hälfte von ihnen soll über Wohnungen, Clubs, Bordellen, oder organisiert in Callgirlringen über Zeitungsannoncen ihrem Gewerbe nachgehen. Die andere Hälfte arbeitet auf der Straße. Von diesen geschätzten 25 000 Frauen sollen 90% Ausländerinnen sein, wobei die Nigerianerinnen mit nahezu 60% den größten Anteil stellen.  In Skandinavien, Italien  und Österreich zeichnet sich durch neue Gesetzesvorlagen, betreffend der Prostitution von Migrantinnen, eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der betroffenen Frauen ab, die darauf hinausläuft das sie zunehmend den Gewaltverhältnissen des kriminellen Milieus der Menschenhändler und Zuhälter ausgeliefert sind.   Die Victimisierung der Migrantinnen hat politische Auswirkungen für alle Prostituierten da sie eine Haltung gegenüber der Prostitution stärkt, wo nicht mehr differenziert wird zwischen den Bereichen Menschenhandel in die Zwangsprostitution, Arbeitsmigration in die Prostitution und Prostitution als legale sexuelle Dienstleistung. So wird eine politische Strategie bestärkt, die ganz bewusst die Position der Frauen, die sich freiwillig für den Beruf der Prostituierten entschieden haben, ausblendet und stattdessen eine Kriminalisierung und Stigmatisierung aller Prostituierten zum Ziel hat.

aktuellere Informationen und weitergehendes statistisches Material bietet die Webseite http://www.tampep.com/  („European Network for HIV/STD Prevention in Prostitution“)  aus deren Reports 2003-05 die oben genannten Informationen stammen

Das Thema Prostitution wurde überwiegend aus juristischer, kriminalistischer und soziologischer Sicht behandelt. Mit der Diskussion im Parlament und in der Öffentlichkeit um das neue deutsche Prostitutionsgesetz wurde, neben der Gesundheits- und Kriminalitätsproblematik, erstmals die ökonomische Bedeutung des Prostitutionsmarktes hinsichtlich eines potentiellen Steueraufkommens wahrgenommen. Prostitution wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht offiziell erfasst und es gibt kaum abgesicherte Daten und Statistiken, die eine wirtschaftliche Analyse möglich machen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit der Industrieländer(OECD)  rechnet die Prostitution zur sogenannten „Schattenwirtschaft“, die auch Aktivitäten wie Schmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche umfasst. Zur Erfassung der ökonomischen Aktivität ist man auf Schätzungen angewiesen. Wissenschaftliche, auf breiter Ebene angelegte Untersuchungen über Prostitution in der BRD gibt es erst seit dem Aufkommen von AIDS seit der Mitte der 80er Jahre.

Der intensiven Aids/HIV- Forschung, die primär dem Schutz der öffentlichen Gesundheit gilt, steht eine nicht vorhandene Forschung im Bereich der Arbeitsmedizin und der psychosomatischen Erkrankungen gegenüber. Obwohl die speziellen Arbeitssituationen (Nachtarbeit, Belastung der Unterleibsorgane, verschleppte Krankheiten wg. ökonomischen Druck oder mangelnder sozialer Absicherung, etc, etc.) und die psychosomatischen Auswirkungen des Doppellebens, die Prostitution als eine Berufsgruppe mit Mehrfachbelastung  ausweisen.

Ebenfalls in den 80er Jahren fand in den Sozialwissenschaften durch den Einfluss der Frauenbewegung, feministischer Forscherinnen und den in den Großstädten entstandenen Selbsthilfegruppen der Prostituierten, ein langsamer Paradigmenwechsel statt. Die Forschung beschäftigt sich seit dem zunehmend mit den Themen der Auswirkungen der gesellschaftlichen Doppelmoral, der Lebens- und Arbeitssituation der betroffenen Frauen und der Sexarbeit als Wirtschaftsfaktor. 1997 erschien die bereits anfangs der 90er von der Bundesregierung in Auftrag gegeben „Dokumentation zur rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten in der Bundesrepublik Deutschland“, die eine wesentliche Grundlage zur Meinungsbildung und schließlich zur Veränderung der Gesetzgebung im Parlament bildete.

Aufgrund der Schwierigkeiten in diesem Bereich statistisches Material zu erstellen, schwanken die Zahlen der potentiellen Schätzungen, je nach Untersuchung und der zu untersuchenden Fragestellung. Die Schätzungen wie viele weibliche Prostituierte es in Deutschland nach Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes 2002 gibt, schwanken zwischen 200 000 bis 400 000 Frauen. Von der letztgenannten Zahl ist auch der Bundesrechnungshof in einem Bericht für das Jahr 2003 ausgegangen. Das Berliner Familienministerium kam 1987 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass innerhalb eines Zeitraumes von 5 Jahren, rund 10% aller deutschen Männer mindestens einmal sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, während in einer Befragung der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, die 2000 Männer repräsentativ befragte, 25% der Männer angaben mindestens einmal eine Prostituierte besucht zu haben. Die Soziologen Kleiber und Velten kommen in ihrer Studie im Auftrag des Bonner Gesundheitsministeriums zu dem Ergebnis, dass rund 18% der geschlechtsaktiven Männer in Deutschland Prostituierte besuchen und eine Untersuchung der Freien Universität stellte fest, dass die „Durchschnitts-Prostituierte“ pro Woche 32 Freier bedient. Wenn bei einer angenommen Zahl von 200 000 Prostituierten mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 36 000 Euro und dem daraus sich ergebenden geschätzten Jahresumsatz von 14,5 Milliarden, die angenommenen Umsätze einkommenssteuerlich erfasst und mit durchschnittlich 20% besteuert würden, hätte der Staat Steuereinnahmen von mehr als 2,9 Mrd. Euro.

Die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten in Deutschland

Die alte Gesetzgebung bis 2002

Nach dem bis 2002 gültigen Gesetz war die Prostitution zwar nicht strafbar, aber sittenwidrig und die Prostituierte damit praktisch rechtlos. Ein Vertrag über die „geschlechtliche Hingabe gegen Entgelt“ war deshalb nach §138 Abs.1 BGB nichtig und schuf keine Verbindlichkeiten. Arbeitsverträge zwischen Bordellbesitzern und Prostituierten hatten ebenfalls keine rechtswirksame Gültigkeit. Es war nicht einmal möglich nach den Grundsätzen des sogenannten „faktischen Arbeitsverhältnisses“ für geleistete Dienste, Lohn – und Urlaubsansprüche geltend zu machen. Wenn Prostituierte durch Fremdverschulden verunglückten und dadurch einen Verdienstausfall erlitten, konnten sie keine ädaquaten Schadensersatzansprüche geltend machen, da es sich um eine sittenwidrige Tätigkeit handelte. Freier, die Prostituierten den vereinbarten Geldbetrag verweigerten, machten sich nach der Auffassung des Bundesgerichtshofes nicht wegen Betrugs (§263 StGB) strafbar, da der versprochene Lohn nicht zum strafrechtlich geschützten „Vermögen“ gehörte. Im Sozialrecht folgerte man aus der Sittenwidrigkeit, dass Prostituierte nicht sozialversicherungspflichtig sein können. Private Krankenversicherungen pflegten die Aufnahme von Prostituierten entweder abzulehnen oder erhebliche Risikozuschläge zu verlangen. Nichtsdestotrotz waren Prostituierte unter dieser Gesetzgebung einkommens- und umsatzsteuerpflichtig und ein Bordellbesitzer machte sich strafbar wenn er für die bei ihm beschäftigten Frauen keine Lohnsteuer abführte. Nach dem §38 BseuchG kann einem Infizierten die Ausübung bestimmter beruflicher Tätigkeiten untersagt werden. Im Regelfall erhalten die Betroffenen für den Verdienstausfall nach §49 Abs.1BseuchG eine Entschädigung, was bei Prostituierten nicht der Fall war.

Sogenannte „jugendgefährdende“ Prostitution in Häusern in denen Personen unter 18 Jahren wohnen und in der Nähe von Schulen und Kindergärten konnte nach §184b StGB mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafen bis zu 360 Tagessätzen geahndet werden. Die Behörden konnten „zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes“ Sperrgebiete festlegen, in denen die Ausübung der Prostitution verboten war. Zuwiderhandlungen konnten nach §120 Abs.1 Nr1 OwiG als Ordnungswidrigkeit mit Geldbuße ausgelegt werden oder bei „beharrlicher“ Zuwiderhandlung, nach §184a StGB als Straftat, die mit Freiheitsentzug bis zu 6 Monaten oder mit einer Geldbuße bis zu 180 Tagessätzen bestraft werden konnte. Die Sperrbezirksverordnung ließ den Frauen in den meisten Fällen nur die Möglichkeit in Gebieten der Stadt zu arbeiten, wo die notwendigen Räumlichkeiten, die Häuser, sich in den Händen von Immobilienbesitzern befanden die schon traditionell am Geschäft mit der kontrollierten Prostitution verdienten. Nach dieser Rechtssprechung war nur der Betrieb von herkömmlichen Bordellen und Eros-Centern in den „Rotlichtbezirken“ erlaubt wo die Frauen ihren Arbeitstag schon mit Blockschulden beginnen mussten. Unter Strafandrohung standen hingegen die Bars und Clubs die einen gehobenen Rahmen und günstige Arbeitsbedingungen für die Prostituierten boten, da dies nach §180a Abs.1 Nr2 StGB als Förderung der Prostitution ausgelegt wurde. Als eine erste Neuerung wurde 2001 das Infektionsschutzgesetz(IfSG) eingeführt, mit dem die Freiwilligkeit der Gesundheitsuntersuchung festgestellt wurde. Dieses Gesetz war die Konsequenz aus den Erkenntnissen der Aids-Prävention, dass die Hauptgefahr der Übertragung sexueller Erkrankungen nicht von den etablierten Prostituierten, sondern von Drogenabhängigen, gelegentlich in der Prostitution arbeitenden Frauen ausgeht und solchen mit illegalen Aufenthaltsstatus, die sich den staatlichen Kontrollversuchen weitgehend entziehen und am ehesten durch freiwillige Angebote zu erreichen sind.

ProstG – Das „neue“ Prostitutionsgesetz

Das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (ProstG) wurde dann zum 1. Januar 2002 rechtswirksam. Seitdem gilt Prostitution nicht mehr als sittenwidrige Tätigkeit, sondern als sexuelle Dienstleistung. „Sexuelle Handlungen, die gegen ein vorher vereinbartes Entgeld vorgenommen werden“, so der Gesetzestext, „begründen eine rechtswirksame Forderung“. Neben der Arbeit als Selbstständige besteht nun die Möglichkeit als Angestellte mit regulärem Arbeitsvertrag zu arbeiten – mit rechtlich abgesicherten Zugang zu Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung, Leistungen bei Arbeitslosigkeit, Mutterschutz und arbeitsamtfinanzierten Umschulungen. Weiterhin wurde der Paragraph 180a des Strafgesetzbuches geändert. Vorher stellte er die „Förderung der Prostitution“ unter Strafe, jetzt wird die „Ausbeutung von Prostituierten“ bestraft, außerdem wurde ein Teil des Paragraphen 181a, betreffend der Zuhälterei gestrichen. Damit können Arbeitgeber lediglich Ort und zeitliche Dauer der Arbeit bestimmen, dürfen aber nicht die Bedienung eines bestimmten Kunden oder die Erfüllung bestimmter Praktiken verlangen. Die Einschränkung der persönlichen und wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit gilt als Straftat. Die Schaffung von guten Arbeitsbedingungen in Bordellen und Clubs kann seitens der Behörden nicht mehr als „Förderung der Prostitution“ ausgelegt werden.

Auch wenn dieses Gesetz einen wichtigen Schritt in Richtung der Anerkennung von Sexarbeit als reguläre Dienstleistung darstellt, fehlt eine ordnungspolitische Gesamtregelung, die einer wirklichen Liberalisierung und Legalisierung des Prostitutionsmarktes den Weg bereiten könnte. So sind andere Gesetze, die die Ausübung der Prostitution betreffen, nicht der Intention des neuen Gesetzes angepasst worden. Dies betrifft die Sperrgebietsverordnungen, die Prostituierten oft Arbeitsplatzverhältnisse vorschreiben, die milieubedingte Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse fördern. Das Gewerbe- und Gaststättenrecht, in welchem die „Unsittlichkeit der Prostitution“ weiterhin festgeschrieben ist, das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, das ein Werbeverbot für sexuelle Dienstleistungen festlegt, was eine weitergehende Kundeninformation und Markttransparenz verhindert und zu einer Praxis überteuerter Anzeigen von „Modellen und Hostessen“ in den Tageszeitungen geführt hat, sowie das Ausländergesetz, das in anbetracht der Gewaltverhältnisse in denen sich viele Migrantinnen  innerhalb des Gewerbes befinden, dringend überarbeitet werden müsste.

Dieser Umstand – vor allem die Diskrepanz zwischen reformierten Vertragsrecht und belassenen Gewerberecht – schafft Rechtsunsicherheit und lässt den einzelnen Ländern einen weiten Spielraum bei der Auslegung des ProstG, so dass Unternehmer, die Betriebe anmelden und Arbeitsverträge abschließen oft scheitern. In den Bundesländern Bayern, Baden Württemberg, Thüringen, Bremen und Sachsen wird die Prostitution mit dem Verweis auf die bestehende gewerberechtliche Sittenwidrigkeit weiterhin als Gewerbe nicht anerkannt und in Bayern wurde mit dem „Beweis“ eines abgeschlossenen Arbeitsvertrages Anklage wegen Zuhälterei erhoben. Prostituierte, die sich steuerlich neu anmelden, müssen in einigen Bundesländern mit der rückwirkenden Überprüfung ihrer Angaben und einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rechnen, da es bei dem neuen Gesetz vergessen wurde Stichtagsregelungen bei der Sozialversicherung und den Finanzbehörden festzulegen.

Die Besteuerung der Prostituierten wird von den Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt. In Stuttgart beispielsweise wird von jeder Prostituierten in den Bordellen täglich ein Mindestbetrag von 15-25€ als „freiwillige Steuervorauszahlung“ erhoben, während in Hamburg, ein Jahr nach dem ProstG, nur einige Großbordelle besteuert wurden. Vor dem ProstG mussten die Einnahmen als „sonstige Einkünfte“ versteuert werden und selbstständig Gewerbetreibende sind weiterhin einkommens- und umsatzsteuerpflichtig. Viele Prostituierte zahlten allerdings bislang keine Steuern und werden dies aufgrund der unklaren Rechtslage wohl auch weiterhin nicht tun. So sind in den ersten Jahren nach Inkrafttreten der Gesetzesvorlage, außer auf Niedriglohnebene, kaum Arbeitsverträge im nennenswerten Umfang abgeschlossen worden. Oftmals zeigt sich in dem behördlichen Umgang mit dem Sexgewerbe, die Tendenz die Prostitution im traditionellen Wechselspiel zwischen milieubedingter und polizeilicher Kontrolle zu belassen, während unternehmerische Initiativen, die der liberalen Tendenz des Gesetzes zur Folge, Prostitution als normale Dienstleistung verstehen, erschwert und behindert werden.

Eine Studie die die Akzeptanz des neuen ProstG seitens der Prostituierten zum Thema hatte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Ein Großteil der befragten Frauen nahm die Besserstellung ihrer rechtlichen Situation durch die neue Gesetzesregelung überhaupt nicht in Anspruch, weil sie aus ihrem Selbstbild heraus Prostitution für keinen anständigen Beruf halten und lieber anonym bleiben wollen und nicht bereit sind Steuern, Sozial- und Rentenversicherungsbeiträge zu leisten.

Die an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg lehrende Expertin Emilija Mitrovi´c führte mit Studentinnen eine qualitative Studie durch. In sieben Großstädten befragte sie in 51 ausführlichen Interviews vor allem Prostituierte, außerdem Bordellbetreiberinnen

Der im Januar 2007 veröffentlichte Bericht der Bundesregierung über die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes von 2002 kam zu einer ähnlichen Einschätzung.  Nur ca. ein Prozent aller Prostituierten arbeitet mit einen Arbeitsvertrag und da das Bundesfinanzministerium keine Stichtagsregelung für Prostituierte eingeführt hat, bleiben die meisten Prostituierten lieber anonym und melden ihr Gewerbe nicht an. Außerdem haben viele Bundesländer die Regelungen nur zum Teil oder gar nicht umgesetzt, allen voran Bayern, wo man Prostitution weiterhin als sittenwidrig betrachtet und keine Gewerbescheine für Bordelle ausstellt. Über die Hälfte der Frauen, die in der Prostitution arbeiten, erreicht dieses Gesetz überhaupt nicht, da es versäumt wurde die Migrantinnen einzubeziehen und dementsprechende Änderung am Ausländergesetz vorzunehmen. Die damit einhergehende Zwangsprostitution versucht das Bundesjustizministerium mit einer neuen, fragwürdigen Gesetzesinitiative, welche die Freier dieser Frauen bestraft, einzudämmen

Es entsteht der Eindruck, das von den gutgemeinten Intentionen des rotgrünen Prostituiertengesetzes nur die verbesserten Möglichkeiten des Besteuerns der Einnahmen der Prostituierten Bestand hätten. So wurden in Berlin (2007) in den vergangenen 5 Jahren 21 Kleinbordelle geschlossen und gegen 20 weitere gingen die Bauämter der Stadt mit Schließungsverfügungen gegen sie vor. Die Begründung:  Wohnen und Prostitution passen nicht zusammen. Dies entspricht der momentan aktuellen Rechtssprechung. Ein Großteil der diesbezüglichen Gerichtsurteile verneinen die Möglichkeit der Ausübung von Prostitution in Misch- bzw. allgemeinen Wohngebieten. Auch der Abschlussbericht des Bundesfamilienministerium zur Evaluation des Prostitutionsgesetzes sieht für die Prostitution nach wie vor allein das Gewerbegebiet vor. Hier zeigt sich die anscheinend politisch gewollte Tendenz der Verdrängung von Kleinbordellen – die z.T. aus der unternehmerischen Initiative von Frauen entstanden sind, die ihr Berufsumfeld selbst organisiert haben – zugunsten von Laufhäusern und Großbordellen. Im unübersichtlichen Bereich des Straßenstrichs und der Modelprostitution haben Steuerfahnder Schwierigkeiten ihren Zehnten einzufordern. In Großbordellen werden hingegen komplikationslos die Mieteinnahmen des Betreibers besteuert und in einigen Fällen eine Pauschale für die dort arbeitenden Frauen festgelegt

Die Gruppe der Prostituierten ist nicht homogen und in Bezug auf das neue Prostitutionsgesetz ist es sinnvoll in  3 Gruppen differenzieren. Einerseits Prostituierte aus EU-Ländern und Deutschland mit legalem Status, die in der Lage sind die Vorteile der neuen Gesetzgebung zu nutzen. Dann die Migrantinnen mit illegalen Status und drittens das Feld der Beschaffungsprostitution – Frauen die anschaffen gehen um ihre Drogensucht zu finanzieren. Die Prostituiertenorganisation „Hydra“ hat zur Verbesserung der Situation bereits mehrfach die Initiative eines „Gütesiegels“, als Resultat einer staatlich anerkannten Anbieter- und Verbraucherorganisation für den gesamten Bereich sexueller Dienstleistungen, angeregt. Die Gewerkschaft ver.di versucht, mit einem Arbeitskreis Prostitution (Fachbereich 13, besondere Dienstleistungen), die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Dabei konzentriert sich die Gewerkschaft auf die arbeitsrechtliche Absicherung von Prostituierten, unter anderem mit einem Muster-Arbeitsvertrag. Der 2002 gegründete „Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V.“ mit Sitz in Berlin, versucht fachliche Angelegenheiten für Betreiber von bordellartigen Betrieben und selbständigen Prostituierten wahrzunehmen. Laut der Satzung des BSD setzt sich der Verband „für eine wirtschaftliche Verbesserung der jeweiligen Aktivitäten, für die Beseitigung jeglicher gesetzlicher Behinderungen dieses Gewerbes, für die Förderung des Ansehens von Prostitution und der Betriebe mit sexuellen Dienstleistungen in der Gesellschaft und die Vermittlung eines realistischen Bildes von Prostitution“ ein. Der Verein hatte 2004 fünfzig Mitglieder. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen hat seinen Sitz in Berlin und hat in dieser Stadt auch seinen Tätigkeitsschwerpunkt. Auf der Webseite des Vereins werden Broschüren zur rechtlichen Situation der Prostituierten und planungsrechtlichen Gutachten zu Bordellen in Wohngebieten kostenlos als PDF zum Download angeboten. Webseite: http://www.BuSD.de

Der in den letzten Jahren gegründete Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland e.V. bietet über seine Webseite für seine Mitglieder Rechtsberatung und Unterstützung beim Umgang mit Behörden an. Dieses Angebot ist allerdings nicht umsonst. Der Verein verlangt für seinen Service eine einmalige Anmeldungsgebühr von 50€ und einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 30€ – 100€ ( nach Betriebsgröße). Weitergehend wird eine Informationsbroschüre für Behörden und Politiker angeboten.

http://www.hydra-ev.org/master/start.html

Aufklärung und Kritik  2/2003,  Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie
Dr. Richard Reichel und Karin Topper  „Prostitution: der verkannte Wirtschaftsfaktor“
http://www.gkpn.de/reichel_topper.pdf

Projekt „Arbeitsplatz Prostitution“ des ver.di Bundesvorstandes /Emilija Mitrovi´c,  Besenbinderhof 60   20097 Hamburg

„Stricher-Leben“, Bader Birgit(Hg), 1991

Menschenhandel und Prostitution

Mit den Schlagwörtern „Menschenhandel“ und „Trafficking“ ist oft  der Handel mit der „Ware Frau“ zwecks sexueller Ausbeutung gemeint. Weiter gefasst versteht man unter Menschenhandel, Handlungen mit denen Menschen unter Verletzung ihrer Selbstbestimmung in ein Ausbeutungsverhältnis vermittelt werden. Dies betrifft jegliche Form der sexuellen Ausbeutung und oft auch den Heiratshandel, die Ausbeutung der Arbeitskraft, aber auch die Entnahme menschlicher Organe. Die Geschichte dieses modernen Menschenhandels lässt sich ab ca. 1880 nachvollziehen, nach dem der Handel mit Frauen als Deliktform in den polizeilichen Akten auftauchte. Zu dieser Zeit sollen Frauen aus West- und Osteuropa in Gebiete wie Südamerika, bestimmte Gebiete Afrikas und den vorderen Orient „exportiert“ worden sein, aber auch der Handel mit osteuropäischen und russischen Frauen nach Westeuropa ist belegt. Inzwischen sind die Gebiete Westeuropas keine Rekrutierungs-Territorien mehr, sondern Import- und Transitländer. Die Frauen stammen aus Ländern der „dritten Welt“ und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunehmend aus Osteuropa und Russland.

Die globale Vereinigung gegen den Frauenhandel „Global Alliance Against Trafficking in Women“ hat eine breitere Definition von Frauenhandel erarbeitet. Der Fokus dieser Definition liegt nicht auf der Betonung von Zwangsprostitution, sondern auf der Ausbeutung von Arbeitskraft, also um Arbeitssituationen, in denen Frauen ihrer Freiheit und fundamentaler Menschenrechte beraubt werden wie sexuelle Ausbeutung, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse und Freiheitsberaubung. Weltweit betroffen sind vor allem Thailand, die Philippinen, mittel- und osteuropäische Länder, davon hauptsächlich Polen, Russland und die Ukraine, lateinamerikanische Länder wie z.B. Brasilien und Kolumbien und afrikanische Länder wie Ghana und Kenia. Die Anwerbemethoden laufen über internationale, organisierte Schlepperbanden, Zuhälter, sogenannte Heiratsvermittlungsbüros, Arbeitsvermittlungsinstitute und private Vermittlung durch Bekannte und Verwandte, die bereits im Ausland leben.

Nach  Schätzungen der Vereinten Nationen sollen weltweit jährlich rund sieben Milliarden US-Dollar mit dem Handel von rund vier Millionen Menschen umgesetzt werden. Zahlen des Bundeskriminalamtes zufolge, waren von Menschenhandel und Zwangsprostitution bis 1980 vor allem südamerikanische Frauen betroffen, Anfang der achtziger Jahre Filipinas, ab Mitte der achtziger Jahre zunehmend afrikanische Frauen, bis 1989 Brasilianerinnen und junge Frauen aus Thailand. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union mit einer völlig neuen Dimension des Frauenhandels konfrontiert. Die Opfer in den westlichen Industrieländern sind zu 80 bis 90 % Frauen aus Mittel- und Osteuropa: aus Polen, aus Tschechien, aus Rumänien, aus dem Baltikum, aus Albanien, der Ukraine und Russland. Nach einem Jahresbericht von Tampep und Amnesty for women sollen bereits 1999 56% der Frauen aus Osteuropa gekommen sein, jeweils weitere 16% aus Lateinamerika und Afrika und  12% aus Südostasien.

Laut eines Lageberichtes des BKA zum Thema Menschenhandel (1999-2002) gelangen jährlich etwa 30.000 Frauen – etwa 60 Prozent von ihnen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren – durch Frauenhandel nach Deutschland, werden also illegal über die Grenzen gebracht. Laut dem Bericht sind ungefähr 25% der angeworbenen Frauen sind mit einer Beschäftigung als Prostituierte einverstanden. Ein ähnlich hohe Zahl von ca. 25 Prozent waren bereits in ihrem Herkunftsland als Prostituierte tätig. Sie werden aber oft über die Arbeits- und Lebensbedingungen im Unklaren gelassen und bei ca. 50 Prozent der Frauen soll zur Aufnahme oder Fortführung der Prostitution Gewalt angewandt worden sein. Alleine im Deliktsbereich „Zuhälterei und Schleusung“ sind, laut Angaben des Europarates, in den letzten zehn Jahren, die Profite um bis zu 400 Prozent gestiegen.(Spiegel, 2003, Nr. 26, S. 45)

Auch die Organisationen „Amnesty for Women“ und die „Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel (KOOFRA)“ bestätigen, dass viele der Frauen sich bewusst sind, dass sie in der Prostitution arbeiten sollen. Allerdings wissen sie nicht unter welchen Bedingungen sie zu arbeiten haben. Wenn man das Thema nicht moralisch bewertet und zwischen freiwilliger Prostitution und dem Zwang zur Prostitution unterscheidet,  ist es ein großer Unterschied, ob man drei Monate ins Ausland geht und Geld an den Zuhälter, Schleuser oder den Organisator abgibt und dann mit erwirtschafteten Kapital wieder zurückfährt, oder ob man weggesperrt, „eingeritten“ und mit einer konstruierten Schuldenlast zur ständigen Arbeit gezwungen wird, ohne etwas dabei zu verdienen. Zwangsprostitution verstößt gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und stellt eine Menschenrechtsverletzung dar.

Bis 2004 wurde im deutschen Strafrecht unter dem Tatbestand Menschenhandel in den §180b und §181 nur der Zwang zur Prostitution oder zu sexuellen Handlungen erfasst. Aufgrund der weiterführenden Definition des EU-Rahmenbeschlusses zur Bekämpfung des Menschenhandels von 2002, die neben der Zwangsprostitution auch Sklaverei, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und Organhandel erfasst, wurde 2005 in Deutschland mit den neuen §232 und §233 StGB eine Strafrechtsänderung vorgenommen, die sich dieser erweiterten Definition anschließt. Eine weitere mögliche Verbesserung der Situation vieler osteuropäischer Sexarbeiterinnen in Deutschland zeichnet sich seit der EU-Osterweiterung ab. Seit Mitte 2004 können sie sich – auch in der Prostitution – als selbstständige Erwerbstätige registrieren lassen.

19
Jan
10

Arbeitsbedingungen von Prostituierten

Einleitung

Durch die neuen Technologien hat sich die traditionelle Arbeitsweise – von Bordellen, Clubs und der Straße ausgehend – geändert. Viele Frauen nutzen das Handy als wichtiges Arbeitsgerät ihrer Branche und betreiben ihr Geschäft über Kleinanzeigen, bei ständiger Erreichbarkeit, weitaus flexibler und diskreter als dies früher möglich war. Nicht nur das Pornobusiness nutzt die Möglichkeiten des WorldWideWeb, sondern auch verstärkt das Prostitutionsgewerbe. Viele Prostituierte veröffentlichen im Internet Portefolios mit Photos, Verfügbarkeit, Preisen und angebotenen speziellen Dienstleistungen, so dass der Kunde sich vorab informieren kann. Es gibt Webseiten, die neben den Modell-Portefolios auch potentiellen und tatsächlichen Kunden die Möglichkeit geben sich über Boards auszutauschen und die Dienstleistungen der verschiedenen Frauen zu bewerten. Das Internet hat die Entstehung einer Klasse von gebildeten Sexarbeiterinnen begünstigt, die überwiegend aus der Mittelschicht kommen aus der sich auch ihr zahlungskräftiges Klientel rekrutiert. Das Internet schafft Möglichkeiten sich unabhängig von der Sexindustrie, bzw. dem dementsprechenden Milieu über Sexarbeit zu informieren und auszutauschen und bietet Frauen die Möglichkeit ohne eine Agentur oder ein Bordell zu kontaktieren, in diesem Bereich selbstständig zu arbeiten oder sich einen Nebenverdienst zu sichern.

Es gibt eine Vielzahl von Webseiten, die es Sexarbeiterinnen ermöglichen Werbung für ihre potentiellen Kunden zu schalten. In den USA sind die populärsten Seiten „Craigslist“ und „Eros Guide“, die beide bereits seit über einer Dekade online sind. Beides sind überregionale Meta-Seiten, die nach Städten, bzw. Regionen organisiert sind. Craigslist bietet ein kostenloses, öffentliches Board, welches vor allem bei Frauen beliebt ist, die Prostitution nur als einen Nebenverdienst sehen und über die Möglichkeit des kostenlosen Postings, eine überschaubare Werbung für sich betreiben. „Eros Guide“ hingegen bietet professionelle Werbemöglichkeiten in mehr als 30 us-amerikanischen Städten, sowie einigen kanadischen und englischen Metropolen. Die Kosten für die geschaltete Werbung, deren Standard 200 Wörter, 3 Photos, sowie Telefonnummer und Weblink beinhaltet, bewegt sich je nach Region zwischen 60$ – 175$. Neben diesen Advertising-Seiten gibt es spezielle Message-Boards wie „UtopiaGuide“, „Big Doggie“ und “The Erotic Review” die ihre Popularität Erfahrungsberichten von Freiern verdanken. Die Männer veröffentlichen dort ihre Erfahrungen mit Prostituierten und bieten so potentiellen Kunden die Möglichkeit sich vorab über die Frauen zu informieren.

Abgesehen davon bietet das Internet über Suchmaschinen die Möglichkeit sich über potentielle Kunden zu informieren und so, zumindestens teilweise, die Richtigkeit ihrer Angaben zu überprüfen. Weitergehend unterhalten verschiedene Netzwerke von Prostituierten, vor allem Callgirls, sogenannte „Bad Date“-Listen, wo sich die Frauen gegenseitig informieren für denn Fall das Kunden wegen ihrer schlechten Zahlungsmoral oder wegen Gewalttätigkeiten aufgefallen sind. Neben diesen internen Listen gibt es auch öffentliche, wie z.b. den Washingtoner Blacklist-Blog „Don´t fuck with us“ Auf der Grundlage eines Common sense, das Kunden, die einer Sexarbeiterin psychische oder physische Gewalt angetan haben, ihr Recht auf Anonymität und Diskretion verwirkt haben. Diese Blogs dienen einerseits der Information und schaffen in der Praxis einen vorbeugenden Schutz, da die betroffenen Männer sich in ihrem asozialen Verhalten eher zurücknehmen als in dem Zusammenhang entsprechender Vorwürfe öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Weitergehend gibt es professionelle Dienste wie „Room Service 2000“(RS2K) und „Date Check“, welche überwiegend von Escorts und selbstständig arbeitenden Dominas in Anspruch genommen werden. Sexarbeiterinnen wie Kunden müssen, um das System nutzen zu können, ein Kontaktformular ausfüllen, welches Informationen zur Privat- und Arbeitsadresse, Kreditkarteninformationen und dem vollen Namen beinhaltet. Diese dann verifizierten Daten schaffen die Grundlage für einen sicheren Umgang zwischen Sexarbeiterinnen und Kunden.

„Sex on the open Market: Sexworkers harness – The power of the Internet“, Audicia Ray; C`Lick me-Reader 2007

Im deutschsprachigen Internet existieren seit einigen Jahren ebensolche, gutbesuchte Freier-Foren wie „Bordellcommunity“ oder „Rheinforum“ von Freiern für Freier zum Informations- und Meinungsaustausch gegründet. Neben Preisvergleichen, Tipps und Erfahrungsberichten werden dort Themen wie Safer-Sex und Frauenhandel diskutiert. Aus einer Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die die Webmaster dieser Foren kontaktiert hatte, ist das Pilotprojekt „www.sexsicher.de“ hervorgegangen, das speziell auf die Bedürfnisse von Freiern ausgerichtete Fragen zum Thema sexuelle Gesundheit beantwortet.

Das beste deutschsprachige Forum für Sexarbeiter ist die werbefreie österreichische Webseite http://sexworker.at. Das Portal bietet umfangreiche Informationen und Foren für  Gewerbetreibende wie für interessierte Aussenstehende. Bestimmte Bereiche stehen ausschließlich Sexarbeiter/innen zur Verfügung, die ihren Status vorher von den Admins überprüfen lassen müssen.

Über die vielseitigen Arbeitsbedingungen von Prostituierten lassen sich schwer allgemeingültigen Aussagen treffen. So kann, je nach individuellen sozialen Kontext und der Geschichte der jeweiligen Frau der gleiche Arbeitsort trotzdem in einem unterschiedlichen Bedeutungszusammenhang stehen. Abgesehen davon sind lokale Begebenheiten und das betreffende Milieu ein entscheidender Faktor. Ein Bordell ist nicht gleich ein Bordell, ein Appartement nicht gleich ein Appartement und Straßenstrich ist nicht gleich Straßenstrich.

Zuhälter

„Die Nachfrage nach einem Zuhälter liegt auch in der Unvereinbarkeit einer Liebesbeziehung mit der Arbeit in der Prostitution begründet: kaum ein Mann verkraftet es über längere Zeit seine Geliebte in der Prostitution zu wissen. Auch Zuhälter bevorzugen eine Liebesbeziehung, die nichts mit dem Milieu zu tun hat.“

Zitat aus:„Wer macht was? Jobs im Sexgewerbe“, Uta Falck, Ausstellungskatalog Sexarbeit S. 49

Auch ein Zuhälter ist nicht gleich einem Zuhälter. Unter der Gesetzesregelung verschiedener europäischer Länder fallen der Lebenspartner oder reguläre Ehemann und sogar Verwandte unter diese Begriffsdefinition, auch wenn sie mit dem Prostitutionsgewerbe nicht im Kontakt stehen, sofern ihr Lebensunterhalt durch das Einkommen der Frau finanziert wird. Der Kriminalist Jürgen Kahmann liefert eine konservative, polizeiliche Sichtweise. Er definiert den Zuhälter als eine Person, die ganz oder teilweise von den Einnahmen einer Prostituierten lebt, wobei es sich auch um weibliche Zuhälter handeln kann. Als Gegenleistung für die Beteiligung am finanziellen Ertrag der Prostituierten wird die Frau durch ihren Zuhälter gegebenenfalls vor Übergriffen der Freier geschützt und – falls nötig bei der Geldeintreibung tatkräftig unterstützt. Zwischen Zuhälter und der sich prostituierenden Frau besteht in der Regel eine intime Beziehung, in welcher er die Rolle des „Geliebten“ einnimmt. Für den Fall das der Mann für mehrere Frauen die Rolle des Zuhälters einnimmt, kann dies ein promiskutives Sexualverhalten voraussetzen.

“ Natürlich gibt es Frauen, die von Zuhältern unter Anwendung körperlicher Gewalt und psychischen Zwang, zur Prostitution gezwungen werden. Das betrifft aber nur einen sehr geringen Teil der Frauen. Die meisten Sexarbeiterinnen haben ihren Beruf aus freien Stücken gewählt, da in der Sexindustrie und gerade in der Prostitution, sehr viel mehr Geld als Frau zu verdienen ist, als in den meisten anderen Berufen. Gerade angesichts der Existenz von Sperrgebieten für die Ausübung der Prostitution mischen aber viele Männer in der Sexindustrie mit, die keine kriminellen Zuhälter sind, sondern Organisatoren und Manager der Prostitution. Natürlich sind diese Männer ohne Zweifel Mehrwertbeschneider und leben vom Geld der Sexarbeiterinnen.“

Zitat aus: „Women at Work – Sexarbeit, Binnenmarkt und Emanzipation“, 1992, Schüren Presseverlag, Seite 139. Eine Dokumentation zum 1. europäischen Prostituiertenkongress 1991 in Frankfurt am Main

Bestenfalls ist der Zuhälter der tatsächliche Lebenspartner der Frau oder fungiert als regulärer Geschäftspartner was z.b. die Regelung der Verhältnisse im Milieu und Finanzdienstleistungen betrifft. Innerhalb des Milieus ist das Verhältnis allerdings häufig von Ausbeutungsverhältnissen geprägt, die noch aus der Tradition des kontrollierten Bordellwesens stammen. Dies betrifft z.b. die Forderung einer „Ablösesumme“, wenn die Frau sich von dem Zuhälter trennen will, entweder um ihren Arbeitsplatz innerhalb des Gewerbes zu wechseln oder um auszusteigen. Dieser Geldbetrag kann zwischen 5000-20.000 Euro liegen und wird der Frau, falls ein anderer Zuhälter diese Summe zahlt, als Schuldenlast in Rechnung gestellt.

„Wenn eine Frau arbeiten will, und sich so gar nicht auskennt, ist das Beste, was ihr passieren kann, ein guter Zuhälter.  Einer, der auf den ersten Blick sieht, wofür die Frau der Neunziger eine teure Typ-Beratung braucht: Welches Make-up, welche Frisur, welches Outfit. Wenn Bodybuilding angesagt ist, welche Übungen für welche Region des Körpers und in welchem Studio. Welcher Bereich in der Prostitution liegt ihr am ehesten, wo kann sie arbeiten, welche Hure lernt sie an, welches Bordell bietet welchen Service und, und, und… Ein Mann eben, der das gesamte „who`s who“ der Szene kennt und dort bekannt und akzeptiert ist. Der sich darum kümmert, dass die Frau gefeatured wird, dass sie krankenversichert ist. Der sie aufbaut, mit ihr trainiert, der die Entwicklung ihrer Karriere und ihres Geldes steuert, ihr Tipps gibt. Dafür braucht frau doch keinen Zuhälter? Eben doch! Wer sonst ist in der Lage, die beschriebenen Dinge zu leisten? Ein Manager? Genau darüber reden wir hier. Über Manager in einem hochpotenten Zweig unserer Wirtschaft, der mit Milliardenumsätzen jährlich zu Buche schlägt.   So erklären sich bei genaueren Hinsehen auch Zusammenhänge, die auf den ersten Blick unverständlich erscheinen,. Zum Beispiel nämlich, warum ein Zuhälter mehrere Frauen „hat“, die ihn bezahlen, woher genau das Geld kommt, warum Abstand gezahlt wird, und vieles mehr.“

Zitat, Seite 178, .„Prostitution : Ein Handbuch“,  Christine Drössler, Jasmin Kratz (Red.), 1994  Hg.: HWG e.V, Schüren Presseverlag, Marburg

Innerhalb des Milieus existieren Organisationszusammenhänge und Hierarchien zwischen den Zuhältern, die zu einer Arbeitsteilung führen können. So kann es Einzelpersonen geben, die für die Finanzen zuständig sind, andere, die Kontakte zu anderen Milieugruppierungen unterhalten oder sich mit der Instandhaltung der Etablissements und der Anmietung oder dem Ankauf neuer Wohnungen oder Häuser beschäftigen und welche, die sich hauptsächlich um die Frauen kümmern. So gibt es bestimmte Einzelpersonen – in Hamburger Milieu „Poussierer“ genannt – die für die Neurekrutierung von Frauen zuständig sind und z.b. in Diskotheken und Musikclubs Frauen ansprechen, eine intime Beziehung zu ihnen eingehen und sie dann auf die eine oder andere Art und Weise dazu bringen im Prostitutionsgewerbe „anzuschaffen“. Charakteristisch für den Typus des Zuhälters „des alten Schlags“ innerhalb des Milieus sind Personen, die über Durchsetzungsvermögen, insbesondere körperlicher Art verfügen und dementsprechend matriarchalisch auftreten. Bis in die 80er Jahre war es allgemein üblich und ist es teilweise immer noch, durch Zuschaustellen von Statussymbolen wie teure Uhren, Kleidung und Autos seine Position innerhalb des Milieus hervorzuheben. Schlimmstenfalls besteht zwischen dem Zuhälter und der Prostituierten ein Verhältnis, in welchem die Frau nur als „Ware“ gesehen wird und die Zuhälter Zwang auf die für sie tätigen Prostituierten ausüben, entweder damit sie sich überhaupt prostituieren oder damit sie den gewünschten Anteil an den Einnahmen abliefern. Ein besonderes Verhältnis besteht im Fall des Menschenhandels, wo oft unter Einsatz von Gewalt oder psychischen Manipulationen ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen wird und der Verdienst zum Großteil vom Zuhälter einbehalten wird.

Bordelle

Ein Bordell ist: „ein geschäftsmäßiger Betrieb, der auf regelmäßige Einnahmen ausgerichtet ist und wo mehrere Prostituierte tätig sind, denen der Inhaber Räume und die übrige zur Ausübung der Prostitution nötige Infrastruktur zur Verfügung stellt.“ Ein(e) Bordellbetreiber(in) muss sich wie jeder Firmenchef um die betriebliche Organisation kümmern. In vielen Läden ist zusätzlich ein Wirtschaftler, bzw. eine Wirtschaftlerin eingestellt. Überwiegend sind es Frauen die diese Position einnehmen. Ein Wirtschaftler  bildet die Schnittstelle zwischen Betreiber, Mitarbeiterinnen und Kunden. Er, bzw. sie sorgt für den alltäglichen Ablauf im Betrieb. Ein Bordell kann ein Etablissement sein, wo Prostituierte freiberuflich oder als Angestellte arbeiten und die Arbeitsbedingungen sich an den Bedürfnissen der dort arbeitenden Frauen orientieren, oder aber Läden, wo milieubedingte Abhängigkeiten bestehen, bis zu solchen, wo die Frauen sich unter Zwang prostituieren müssen. Um der Definition „Bordell“ gerecht zu werden, müssen also mindestens 2 Frauen in denselben Räumlichkeiten ihrem Job nachgehen. Die durchschnittliche Anzahl weiblicher Mitarbeiter dürfte bei kleineren bis mittleren Bordellen so zwischen 5-15 Frauen liegen. In Deutschland gibt es in fast allen Großstädten mit Sperrgebietsverordnung mindestens ein Großbordell. Ein Eros-Center bietet der Frau die Möglichkeit sich dort die ganze Zeit über aufzuhalten, oft befinden sich eine Kantine, Fitnesscenter und Solarium im selben Haus. Das gemietete Zimmer ist möbliert und hat in der Regel einen Fernseher und ein Bad mit Dusche. Die Frauen zahlen dort Tagesmieten zwischen ca. 70-150€, zusätzlich entstehen Kosten für Reinigung, Präservative und Abgaben für den Wirtschaftler. Diese Fixkosten, auch Blockkosten genannt, müssen tagtäglich gezahlt werden, unabhängig von dem erzielten, individuellen Umsatz. Eine Woche besteht aus 6 Arbeitstagen, der siebte Tag ist dann oft mietfrei. Einige dieser Etablissements haben einen zentralen Kontakthof wo die Frauen sich anbieten. In anderen Eros-Centern warten die Prostituierten in oder vor ihren Zimmern auf Kundschaft. Desweiteren gibt es die Schaufensterprostitution, wie z.b. in der Herbertstraße/St. Pauli oder „Walljettes“/Amsterdam, wo die Frauen hinter großen Fenstern sitzen und von dem potentiellen Kunden in Augenschein genommen werden. Zum Fensterplatz gehört ein weiterer Raum in den der Kunde nach Geschäftsvereinbarung dann eingelassen wird. Auch hier müssen neben der Tagesmiete Blockkosten gezahlt werden.

Straßenstrich

Einen Straßenstrich, ob legal, geduldet oder illegal, gibt es in fast jeder Großstadt. Diese auffälligste Form der Prostitutionsausübung wird durch die Polizei am stärksten kontrolliert und überwacht. In diesem Segment ist auch die Beschaffungsprostitution zur Finanzierung von Drogensucht (Heroin, Crack) am weitesten verbreitet. Auf dem Straßenstrich könnten die Frauen oft mehr Geld verdienen als ihre Kolleginnen im Bordell, da sie kaum Nebenkosten haben und es viel Laufkundschaft gibt. Die Kontaktaufnahme zwischen dem Kunden und der Prostituierten findet auf der offenen Strasse statt. Meistens kommen die Kunden mit dem Auto und die sexuelle Dienstleistung wird häufig im Auto des Freiers oder im Wagen oder Wohnmobil der Prostituierten erbracht. Auch die Fahrt zu nahe gelegen Absteigen, Hotels und Pensionen ist möglich. In einigen Regionen, wie z.b. in Hamburg/ St. Pauli, wo Fußgänger die Zielgruppe bilden, gehen die Prostituierten mit ihren Freiern grundsätzlich auf ein Zimmer. Sie zahlen dann für das Zimmer eine feste Tagesmiete oder einen Anteil pro Freier. Der Straßenstrich ist in Deutschland größtenteils fest in der Hand von Zuhälterorganisationen, die Kleidung und Arbeitszeiten vorschreiben und Standgelder pro Nacht kassieren.

Auf dem Straßenstrich sind die Frauen während der Wintermonate neben einfachen Erkältungen  oft gesundheitlichen Problemen wie Blasenentzündung, Gebärmutterentzündung und Nierenproblemen ausgesetzt. Viele Frauen ziehen sich beim Sex nur gegen Aufpreis aus. Ihre Strumpfhosen und Hosen sind in der Mitte geschlitzt, so dass auch im Winter mehrere Lagen übereinander getragen werden können, ohne das die Frau sich ständig an und ausziehen muss. Straßenprostituierte sind, sofern ihr Arbeitsplatz durch Sonderzonenregelung sich jenseits der Vergnügungsviertel in menschenleeren Gewerbegebieten und Vorstädten befindet, besonders gefährdet, was gewalttätige Übergriffe, Raub, Vergewaltigung und sogar Mord betrifft. Viele versuchen dem vorzubeugen indem sie die Umgebung ihres Arbeitsplatzes weitgehend kontrollieren. Dies schließt sichere Stehplätze in der Nähe zu anderen Menschen mit ein, die gut beleuchtet sind und die Zusammenarbeit mit den anderen Kolleginnen vor Ort, d.h. aufeinander zu achten, den übermäßigen Konsum von Drogen zu vermeiden und die Autonummern der Kunden vorbeugend aufzuschreiben und darauf zu achten das die Beifahrertür jederzeit geöffnet werden kann. Ein weiterer Punkt ist das Tragen von sicherer, fluchttauglicher Kleidung, die im Extremfall seitens des Kunden nicht gegen die Frau verwendet werden kann – oder im Ernstfall ihrerseits zur Selbstverteidigung gebraucht werden können – wie z.b. Schuhe mit metallenen Pfennigabsätzen. Zu den weiteren vorbeugenden Maßnahmen gehört die nötige Kontrolle im Haus und Hotel, wohin der Kunde nach der Kontaktaufnahme mitgenommen wird. Hierzu gehören Regeln gegen laute Musik, damit Hilfeschreie wahrgenommen werden, das Ersetzen von Glasobjekten durch solche aus Plastik und die Installation eines elektronischen Alarmsignals in der Nähe des Bettes. Bekannte Kunden werden Unbekannten vorgezogen und wenn ein Mann auf die Frau einen schlechten Eindruck macht, gibt es verschiedene Möglichkeiten sein Angebot abzulehnen – indem überhöhte Preise genannt werden oder entschuldigend ein bereits vereinbarter Termin vorgegeben wird. Als ein wichtiges Kriterium, Gewalttätigkeiten vorzubeugen, wird gesagt, dass man den Kunden „gut handhaben“ muss, freundlich und zuvorkommend auf ihn reagieren sollte, auch wenn es nicht der eigenen Gefühlslage entspricht, was voraussetzt das schwer Betrunkene und Männer mit denen man sich nicht verständigen kann, abgelehnt werden sollten. In Bordellen und Absteigen und z.T. auf der Straße sollten außerdem Zuhälter und Wirtschaftler den Schutz der Frauen garantieren. Bei Haus und Hotelbesuchen kann, sofern die Frau einen Zuhälter hat, dieser mitfahren und im Auto warten. Bei der Agenturvermittlung ist die Vereinbarung von Kontrollanrufen üblich, d.h. das die Frau einmal vor ihrem Dienstantritt beim Kunden ihre Ankunft telefonisch bestätigt und einen zweiten Anruf nach Beendigung des Kundenkontaktes bei der Agentur macht.

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“,  Routledge, New York, London

Sexclubs

In den hochpreisigen  Sexclubs wird dem Kunden oft ein aufwendiges Interieur und dementsprechender Service, bei Eintrittspreisen von 25-65€, geboten. Spezielle Saunaclubs und Massagesalons bieten neben der sexuellen Dienstleistung auch Sauna, Wellness, Massage und Unterhaltung an. Das Zeitbudget ist anders verteilt, anstatt der schnellen sexuellen Dienstleistung, wird mit dem Kunden vorher oft stundenlang geredet. Häufig haben die Frauen nur ein bis zwei Kunden pro Abend. In vielen Clubs wird der Sex über die Getränkerechnung gezahlt. In diesem Fall müssen die Frauen bereit sein größere Mengen an Alkohol zu trinken – ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Kokainkonsum in diesem Milieu – und sind in der Regel mit 30-50% am Getränkeumsatz beteiligt. Alkohol ist oft integraler Bestandteil der Arbeitskultur, bzw. gehört zur Ausstattung des Arbeitsbereiches, über dessen Konsum in vielen Nachtclubs und Bordellen ein Großteil des Verdienstes erzielt wird. In anderen Clubs wird das Geld im voraus an die Prostituierte gezahlt, die, je nach abzuführenden Abgaben, zwischen 30-70% vom Umsatz behalten kann. Die verdeckte Prostitution findet z.b. in Peepshows, Strip- und Nachtbars statt und unterscheidet sich von dem qualitativen Segment bestimmter Nachtclubs und Bars dadurch, dass sie fast ausschließlich auf Laufkundschaft eingestellt ist, also im innerstädtischen Rotlichtmilieu verortet ist. Die sexuelle Dienstleistung wird entweder in separaten Räumen oder in der Nähe befindlicher Stundenhotels geleistet und steht oft im Zusammenhang mit dem Konsum überteuerter Alkoholika an dem die Frauen prozentual beteiligt werden.

Modellprostitution

Die Prostitution in normalen Mietwohnungen hat seit den 70er Jahren stark zugenommen. Meistens bieten 2-3 Frauen in so einer Wohnung ihre Dienste an. Im Idealfall sind sie selbständig, mieten die Räume gemeinsam und arbeiten gleichberechtigt. In den Modell- oder Hostessenwohnungen arbeiten meist mehrere Frauen am Tage. In so einer Wohnung gibt es einen Aufenthaltsraum, ein oder mehrere Badezimmer und die Dienstleistungsräume, die oft nach individuellen Noten, bzw. nach verschiedenen Themen eingerichtet werden. Die Werbung erfolgt über geschaltete Anzeigen in der Tagespresse und über das Internet. Viele potentielle Kunden erkundigen sich vorher per Telefon nach Einzelheiten, so dass manche Läden extra eine Telefonistin eingestellt haben. In der Regel gibt es einen Chef oder Chefin die bis zu der Hälfte des Freierlohns kassiert. Hinzu kommen in so einem Fall die bereits erwähnten Blockkosten, zusätzlich entstehen Kosten für Zeitungsannoncen und Interneteinträge, da, anders als im Großbordell oder auf der Straße, gezielt Werbung betrieben werden muss. Ausländische Frauen, die in dazugehörigen Räumen übernachten, müssen dafür oft überhöhte Mieten zahlen, zusätzlich zu den „Schlepperkosten“, die sie abarbeiten müssen, so dass sie schnell in finanzielle Abhängigkeit geraten. Oft werden die Frauen in regelmäßigen Abständen ausgetauscht. Viele Appartements und Sexclubs sind untereinander vernetzt und die Frauen sind in ein Rotationsprinzip eingebunden. Häufig ist auch ein Zusammenspiel zwischen Sperrbezirksverordnung und Immobilienhandel zu bemerken. In allen deutschen Großstädten gibt es Hausverwaltungen die gezielt Wohnungen an Prostituierte oder Zuhälter zu überhöhten Preisen vermieten. Monatsmieten zwischen 2000-4000 € sind keine Seltenheit. Wenn die Vermieter, bzw. die Immobilienmakler nicht in das Geschäft involviert sind, wird die Wohnung über Mittelsmänner angemietet und einem Zuhälter oder den Prostituierten direkt zur Verfügung gestellt.

Eine persönliche Art der Prostitution wird über Haus- oder Hotelbesuche abgewickelt. Die Frauen inserieren in Boulevardzeitungen, Sexmagazinen und im Internet und geben als Kontaktmöglichkeit eine Telefonnummer an. Die Frau hat keine Möglichkeit der vorherigen In-Augenscheinnahme ihres Kunden, wie dies im Bordell, Club oder auf dem Straßenstrich der Fall ist. Zu dem vereinbarten Preis muss der Mann zusätzlich die Kosten für An- und Abfahrt zahlen. In kaum einen anderen Bereich können Prostituierte – zumindest theoretisch – so unabhängig und selbständig arbeiten. Es reicht regelmäßig ein Inserat aufzugeben oder sich über eine Agentur vermitteln zu lassen. Allerdings arbeiten viele ausländische Frauen in streng organisierten Callgirl-Ringen die die Anzeigen schalten, die Kontaktaufnahme regeln und auch die Unterkunft stellen. Wegen der Polizeikontrollen in Bordellen weichen viele Illegale, in Deutschland zunehmend Osteuropäerinnen, auf diese Art der Prostitution aus. Der Verdienst soll in diesen Fällen bei ca. 30% des Umsatzes liegen und oft befinden sich die Frauen in einem Abhängigkeitsverhältnis. Im Bereich von Haus-und Hotelbesuchen kann es öfters zu gewalttätigen Übergriffen seitens der Kunden kommen, da bei Hausbesuchen die Umgebung durch die tatsächliche Privatsphäre der Kunden bestimmt wird und die Männer, da sie sich unbeobachtet fühlen, sich eher zu unangemessenen Verhalten gegenüber den Frauen verleiten lassen. Auch sind diese Orte mit den möglichen Problemen der Kunden eng verbunden, so dass Frauen, die in diesem Bereich arbeiten über eine gute Menschenkenntnis und Wissen über deeskalierende Verhaltensweisen verfügen sollten.

Die anspruchsvollste Art der Prostitution ist der Escort-Service durch ein Callgirl. Neben der sexuellen Dienstleistung verkauft das Callgirl die Illusion von Intimität einer Partnerbeziehung und ein wichtiger Part ihrer Gefühlsarbeit ist es, bei wiederholtem Kundenkontakt diese Illusion lebendig zu halten. Die Preise für ein Callgirl liegen weitaus höher und ihre Kunden gehören zu den besser verdienenden Kreisen und beanspruchen innerhalb des Services einen längeren zeitlichen Aufwand, eine intime Atmosphäre, die Zärtlichkeiten und Küsse jenseits des reinen Geschlechtsaktes beinhaltet, gepflegte Konversation und Begleitung bei gesellschaftlichen Anlässen und Reisen. Das emotionale Rollenspiel nimmt in der Regel mehr Raum ein als die konkrete sexuelle Begegnung und wird von dem Soziologen Ronald Weitzer in seinem Definitionsrahmen von Sexarbeit als „emotional work“ bezeichnet. Eine vergleichende Studie zwischen Straßenprostituierten und Callgirls zeigt das die Sexualpraktiken zwischen Callgirl und Kunde ähnlich denen in einer privaten heterosexuellen Partnerschaft sind.

Die Daten der Untersuchung stammen von der „Los Angeles Women´s Health Risk Study“(1990-91) bei der 998 Straßenprostituierte und 83 Callgirls befragt wurden.

Zusätzlich: vergleichende Statistiken über heterosexuelle Sexualpraktiken bei Paaren zu der von Prostituierten und Kunden -Kleiber/Velten/1994

Eine Sonderform der Prostitution stellt die Sexualassistenz dar. Behinderte, die behinderungsbedingt keine andere Möglichkeit der sexuellen Befriedigung haben, nehmen die Dienste von männlichen oder weiblichen Sexualassistenten in Anspruch. Sexualassistenten sind auf die besonderen Bedürfnisse der Behindertensexualität spezialisierte Prostituierte. Inzwischen gibt es spezielle Ausbildungsgänge zu Sexualassistenten, z.b. bei der „Fachstelle für Behinderung und Sexualität“  Bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen können die Kosten einer Sexualassistenz vom Sozialamt übernommen werden. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist in Deutschland jedoch gesetzlich ausgeschlossen.

Fabs, Fachstelle für Behinderung und Sexualität – gegen sexualisierte Gewalt Postfach 1362 CH – 4001 Basel

Das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB, Nemitzer Str, 16, 29494 Trebel) bietet ebenfalls Workshops  zur Qualifikation zum Sexualbegleiter an.