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Jan
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Pornographie als Genre

„The key to pornography is perception; perception is passive and  naturally conceptional, since the eye and the brain have to translate  the image (be it letters, a painting or a frame from a movie) into sexual stimulations and ‚make something of it‘.“

Tina Lorenz auf dem 23rd Chaos Communication Congress in Berlin über Pornographie und Technologie

„Zudem ist in der Idee der Entdeckung, der Enthüllung, auch die Idee des aneignenden Genusses enthalten. Das Sehen ist Genuß, sehen heißt deflorieren.“

Jean Paul Satre „Das Sein und das Nichts“

Pornographie ist ein repräsentatives wie auch ein kapitalistisches Konzept. Auf der Ebene der Repräsentation spricht es den Konsumenten über das Imago und über den Text, bzw. Sprache an und setzt einen imaginativen Prozess in Gang. Die Struktur der Pornographie erlaubt keine freie Zirkulation von Wünschen und Begehren, sondern bindet und fixiert sie in der Textur ihrer Bildersprache. Sexuelle und libidinöse Energien, die durch das Konzept Pornographie geweckt, scheinbar befriedigt und in ihm aufgehen, stärken den Apparatus der darauf aufbaut und verhindern die freie Entfaltung und Bewegung dieser Energien. Versuche eine andere Bildersprache, eine andere Konzeption von Pornographie zu entwickeln, werden innerhalb kürzester Zeit von den Mechanismen des kapitalistischen Marktes vereinnahmt, kopiert und integriert, so dass einem nur die Möglichkeit bleibt nach der Logik des Tauschwertes an diesem Markt zu partizipieren. Eine Perspektive, die diese dominanten Strukturen aufweichen könnte, ist durch das Potential des Internets gegeben, wo Menschen beispielsweise über das Usenet und PHP2-Netzwerke Bilder und Texte ihres Begehrens und ihrer Wünsche frei untereinander tauschen und das Prinzip des Tauschwertes nicht mehr durch Begrifflichkeiten wie Geld und Mehrwert bestimmt wird, sondern durch den Grad persönlicher Kommunikation und einem Zuwachs an libidinöser Energie.

Pornographie als Genre bietet Ersatzhandlungen für reale sexuelle Erlebnisse. Nicht nur in der Pornographie spiegelt sich ein qualitativer Ersatzcharakter und eine Ventilfunktion wider, wie die Genres mit einem Fokus auf Gewaltdarstellungen, vom Actionfilm bis zum Kriegsfilm, zeigen. Pornographie, in ihrem alten Formula, spiegelt die primär kollektive männliche Sexualphantasie wider, als eine Art Gegenrealität, die auf eine unzureichende Alltagspraxis verweist, also eher Ausdruck der sexuellen Probleme, Ängste und Frustationen vieler Menschen ist. Pornographie hat demnach eine kompensatorische Funktion – Ersatz für etwas nicht Erreichtes oder Erreichbares und kann darüber hinaus als ein Korrektiv erlebter Ängste wirken, indem Niederlagen und Zurückweisungen durch die Identifikation mit dem männlichen Part im Formula in ständige sexuelle Triumphe verkehrt werden.

Eine der pornographischen Mythen ist die programmatische Willigkeit und Geilheit der Frau, die oft den aktiven Part übernimmt und ihre Lust hemmungslos auslebt. In einem weiteren oft gebräuchlichen pornographischen Skript werden Zwang und Gewalt zur Unterwerfung des einen Darstellers durch den oder die weiteren beteiligten Protagonisten benutzt. Es geht um Dominanz, Macht und Kontrolle, um Bestrafung und Erziehung. Die Ausübung von Gewalt, bzw. die mit Zwang durchgeführte sexuelle Überzeugung, bewirkt bei den weiblichen (oder männlichen) „Opfern“ stets oder häufig eine sexuelle Stimulation, gegen die man sich sträubt und durch die man letztlich doch überwältigt wird. Am Beispiel entsprechender Pornovideos wurde festgestellt, dass sexuelle Kontrollverlustmythen dieser Art sowohl bei Männern (zu 44%) als auch bei Frauen (zu 56%) sexuell stimulierend wirken.

Immer widerkehrende Bildsequenzen des alten Formulas dominieren auch nach der Jahrtausendwende noch die Mehrzahl der Filme, Magazine und Internetseiten: 1.-das vorgetäuschte lesbische Liebesspiel, das nach  Stimulation mit den Fingern und dem Cunilingus immer in einer Penetration mit einem Dildo endet, wobei der Blick der Darstellerinnen und ihr Geschlecht in der Regel auf den Standpunkt der Kamera, also auf den männlichen Blick ausgerichtet ist. 2.- das heterosexuelle Play, entweder mit Penetration oder nur oraler Befriedigung des männlichen Partners, mit dem Finale der Ejakulation (Cum shot) in das Gesicht der Frau. und 3. der Striptease eine Frau, welcher entweder in einem Bild endet, in welchem die Frau mit gespeizten Beinen und unter Zuhilfenahme ihrer Finger Einblick in ihr inneres Geschlecht gibt oder sich mit einem Dildo selbst befriedigt. Ein Formula, das auf vielen No-Pay-Sites zu finden ist.  Im Vergleich zu pornographischen Produktionen der 70er und 80er fällt auf, das sich die ästhetischen Anforderungen an die weiblichen Modelle deutlich verschärft haben, was Jugendlichkeit, Straffheit der Haut, Busengröße und Gesicht betrifft. Dies verweist auf deutlich höhere Investitionen an Zeit und Geld seitens der Frauen für regelmäßiges Körpertraining, spezielle Ernährung, Silikoneinspritzungen und plastische Chirugie. Außerdem sind weibliche Modelle mit natürlichen Schamhaar inzwischen zur Ausnahme geworden und werden inzwischen in eigener Nische unter „hairy pussie`s“ geführt, während die Mehrzahl der Frauen entweder haarlos oder deutlich schamhaarfrisiert sind.

Faulstich Werner, 1994,, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick

Pornographische Alternativen – alternative Pornographie?

Seit den 60er Jahren wurde durch verschiedene kulturpolitische Bewegungen Sexualität thematisiert und seit der Weimarer Republik erstmals wieder aus dem Privaten ins Feld politischer Aufmerksamkeit gerückt. Für einen radikalen Underground von Künstlern und politisch Bewegten wurde Pornographie zu einer Möglichkeit die bestehende Sexualmoral zu kritisieren und Ansätze zu neuen Formen des Zusammenlebens und gesellschaftlicher Strukturen zu thematisieren. Vor allem konnte die Reizwirkung der politischen und subkulturellen Botschaften auf diese Weise erheblich erhöht werden. Ein Umstand der nach der Liberalisierung nur noch von den kommerziellen Nutznießern dieser Entwicklung  genutzt wurde. Trotz der Entwicklung eines pornographischen Massenmarktes und des Verblassens der gesellschaftspolitischen Ansätze einer Kommunebewegung, welche die Arbeit an sich selbst als integralen Bestandteil ihres politischen Selbstverständnisses begriff und dem Rückgang des promiskutiven Lifestyles nach dem Aufkommen von Aids, haben sich Ansätze der damaligen Zeit zum Teil weiterentwickelt

Pornographie in ihren visuellen Paradigmen der Neuzeit, war (bzw. ist) lange Zeit integraler Bestandteil der Dualität christlicher Sexualmoral, als Pendant zur „reinen(vergeistigten) Liebe“ zu der „körperlichen (schmutzigen) Geschlechtlichkeit“, die ganz bewusst einen menschenreduzierenden und primitiven Inszenierung folgte. Die Möglichkeit Ansätze einer „alternativen Pornographie“ zu entwickeln, kann darin liegen, dass man diese Begrifflichkeit einfach außen vor lässt und versucht die Sexualität im Rahmen der medialen Darstellung; den Stellenwert zu geben, den sie in der Gesellschaft tatsächlich hat, mit der klaren Ausrichtung auf einen aufklärerischen und sexualitäts-bejahenden Charakter, der darauf abzielt überflüssige Denkschemata und Verhaltensweisen zu überwinden. Wäre die Wirklichkeit des Sexuellen integrierter Bestandteil der Mainstreamkultur, wäre die Pornographie in ihren heutigen Erscheinungsweisen nur noch ein bedeutungsloses Randphänomen. Ansätze hierfür zeigen sich schon seit längerem im Literaturbereich und, verstärkt in den letzen Jahren, beim Film. Mit einer Vielzahl von Filmproduktionen in welchen die Sexualität der Protagonisten nicht ausgespart, sondern Bestandteil der filmischen Narration ist.  Oder man versucht, bei gleicher Zielrichtung aber unter Anerkennung des Ersatzcharakters der Pornographie und seiner Ventilfunktion für unausgelebte Wünsche und Sehnsüchte den Term „Pornographie“ positiv umzubewerten im Sinne einer „besseren Pornographie“, die den eigenen Erwartungen und Ansprüchen gerecht wird. Indem man andere Formulas der Darstellung entwickelt, die z.b. den Wunsch nach Auflösung der Gegensätze von männlich und weiblich, wie er sich im Moment des Orgasmus realisieren kann oder wie er sich in der Vielzahl von Paraphilias manifestiert, deutlicher illustrieren und auch anregen kann.

In Deutschland hat sich, abgesehen von der kurzen Blütezeit der 68er-Proteste, die beispielsweise in Hamburg, bei den Anfangszeiten der „St. Pauli-Nachrichten“ (SPN) zu einer kurzen Liason von St. Pauli-Milieu und politischer Szene führte. (Eine Zeitung, bei der in den frühen siebziger Jahren für kurze Zeit Autoren wie Henryk M. Broder, Günter Wallraff und Stefan Aust die kritische Kommentierung der damaligen Zeit übernahmen und die ansonsten durch die Vielzahl von Nacktphotos und durch einen, in Anlehnung an den typographischen Stil des Springer-Boulevard-Blattes „Die Bildzeitung“, entstehenden subversiven Limerick glänzte)  – und einer Vielzahl von Film- und Literaturproduktionen (z.b. der März-Verlag von Jörg Schröder und die Jahresbände „Mein heimliches Auge“*– keine nennenswerte Produktion entwickelt, die sich auch außerhalb der linken und alternativen Szene, Einfluss auf die pornographische Kultur verschafft hat.

*„Mein heimliches Auge“ ist ein Sammelband, ein sogenanntes Jahrbuchs der Erotik, herausgegeben von Claudia Gehrke vom Konkursbuch-Verlag. Es ist eine Text- und Bild-Collage unterschiedlichster Spielarten der Sexualität und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten  und entzieht sich der Definition „pornographisch“ oder „nicht pornographisch“ Die Erzählungen, Essays und Gespräche stammen zum größeren Teil von Frauen während bei der Aktphotographie die Männer dominieren. Es steht jedem frei dem Verleger ein Manuskript, Graphiken oder Photoserien zuzuschicken, so dass neben professionellen Beiträgen auch Dilletantisches zu finden ist. Dem Thema Erotik widmete sich der Verlag erstmals mit dem 1979 erschienen „Konkursbuch Nr.6“. Drei Jahre später erschien der erste Band des Jahrbuchs der Erotik: „Mein heimliches Auge“, der zweite Band folgte 1985. Seitdem erscheint das „Heimliche Auge“ regelmäßig einmal im Jahr. 1988 erschien außerdem der Titel  „Frauen & Pornographie“ in welchem  die Herausgeberin und Verlegerin Claudia Gehrke auf die Antipornografie-Kampagne der Zeitschrift „Emma“ reagierte und einen eigenen, libertinen und sexualitätsbejahenden feministischen Standpunkt entwickelte. Gegen den 10. Band von „Mein heimliches Auge“ wurde 1995 der Pornografievorwurf erhoben und ein Indizierungsverfahren vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) eingeleitet, das im September 1999 mit einem Freispruch endete.

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