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Die Entstehung der Pornographie und ihr Eingang in die Populärkultur

Inhalt

Die Anfänge der modernen Pornographie – Vom politischen Stilmittel zur sexuellen Stimulanz

Der Massenartikel „Pornographie“ – Definitionsprobleme
Pornographie als Genre
Pornographische Alternativen – alternative Pornographie?
Feministische Impulse für eine andere Pornographie
BDSM und andere sexuelle Subkulturen
Kulturelle Akzeptanz – der Mainstream-Porno wird populär
(Art)Porn – Ausstellungen und Performances

Die Anfänge der modernen Pornographie – Vom politischen Stilmittel zur sexuellen Stimulanz

Wann und wo die Anfänge der modernen Pornographie zu suchen sind, ist umstritten. Manche beginnen bei ihren Zuordnungen mit der „Ars Amatoria“ (Liebeskunst) von Ovid, 18 nach Christus erschienen und dem „Satyricon“ von Gaius Petronius, (65/66 n. Chr.). Ein Roman, der die intime Seite des römischen Provinzlebens im ersten nachchristlichen Jahrhundert schildert.  Weitere Werke italienischer Autoren, wie „Decamerone“* von Boccaccio, 1470 nachgewiesen gedruckt (zwischen 1348-1353 geschrieben) „Corbaccio“ ebenfalls 1470 erschienen, wie auch „Facetiarum Liber“ von Poggio und das 1526 gedruckte „Origene delle Volgari Proverbi“ von Cyuthio degli Fabritii werden ebenfalls als Frühwerke pornographischer Literatur bezeichnet.

In „Decamerone“ des Schriftstellers Boccaccio (1313-1375) wird die Sexualität in allen ihren Spielarten, von der passionierten Liebe, bis hin zur schnell genossenen sexuellen Lust be- bzw. umschrieben. Der Titel „Decamerone“ aus dem griechischen „deka“- zehn und „hemera“- Tag gebildet, gibt die Struktur der Novellensammlung vor. Boccaccio schildert als Rahmenhandlung ein realistisches Bild von der Stadt Florenz in welcher die Pest wütet. Aufgrund des Massensterbens und Elends, verlassen sieben junge Frauen in der Begleitung von drei Männern, allesamt aus besseren Hause, die Stadt. Ab da setzt sich dann das heitere Ambiente der Binnenhandlung von der düsteren Rahmenhandlung ab. Jeder der drei jungen Männer ist in eine der Damen verliebt, was für amouröse Verstrickungen sorgt- und diese zehn Menschen erzählen sich an zehn Tagen, jeweils zu einem festgelegten Thema der Liebe und Sexualität, Geschichten, insgesamt die hundert Novellen aus denen das „Decamerone“ besteht. Bei Boccaccios „Decamerone“ hat der Geist des katholischen Mittelalters mit seinem spiritualistischen Konzept des Verzichts auf erotische, sexuelle Entfaltung zur Steigerung einer vergeistigten Liebesqualität seine Verbindlichkeit verloren. Statt dessen entwirft er ein sensualistisches Liebeskonzept, in welchem die Sexualität als eine, alle Menschen erfassende Naturkraft dargestellt wird und zwar, sicherlich auch Angesichts der Katastrophe der Pestjahre, mit einer klaren Dieseitsbezogenheit. Decamerone diente dem Regisseur Pier Paolo Pasolini als Folie für seinen gleichnamigen Film, den er 1970 im Rahmen seiner „Trilogie des Lebens“ („Decameron“, „Paolinis tolldreiste Geschichten“/1971, „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“/1973)  produzierte.

Der dänische Kriminologe Bert Kutchinsky sieht die Anfänge moderner Pornographie um das Jahr 1650  – mit dem verbreitetem Erscheinen dreier pornographischer Klassiker: „La Puttana Errante“  (Veniers /1531) „L`ecole de files ou la philosophie des dames“(1655) von Heloy alias Michel Millot und „Satyra Sotodica“ (1660) von Nicholas Choriers“.

Der Roman „L`Ecoles des Filles“ benutzt eine ähnliche Dialogform wie Arentinos „Kurtisanengespräche“. Das Buch setzt sich aus zwei Dialogen zwischen Cousinen, der 16-jährigen unerfahrenen Fanchon und der reiferen Susanne, zusammen. Im ersten Teil zählt sie die Arten und Weisen auf, mit denen Männern ihr Lust bereiten können. Im zweiten Gespräch erzählt Fanchon von ihren inzwischen gemachten Liebeserfahrungen.

Diese Bücher wurden in alle wichtigen europäischen Verkehrssprachen übersetzt und decken mit der Schilderung von normalen Sexualverkehr, Lesbianismus, Homosexualität, Flagellation, Sadismus und Masochismus, etc. eine breite Varietät dieses Genre ab und standen Modell für spätere Druck- und Filmproduktionen.

Andere sehen in Pietro Arentino (1492-1556), den Gründungsvater der modernen Pornographie. Italien, bzw. die prosperierenden Stadtstaaten der italienischen Küstenregion, in denen sich früh urbane Strukturen entwickeln konnten und der Reichtum und Transfer von Waren und Menschen des Seehandels ein Ansteigen der Prostitution bedingte, boten zu dieser Zeit günstige Vorraussetzungen für eine libertine Geisteshaltung. Der in seinen letzten drei Lebensjahrzehnten in Venedig ansässige Humanist und Schriftsteller Pietro Aretino schrieb die bekannten Textsammlungen Sonnetti lussuriosi (1527) und Ragionamenti *(1534-1536) Aretino brachte in seinen Werken verschiedene wichtige Elemente zusammen, um die Basis einer pornographischen Tradition zu schaffen: die explizite Repräsentation der Sexualität, der von Frauen geführte Dialog, die Diskussion über das Verhalten von Prostituierten und die Herausforderungen an die moralische Konvention seiner Zeit.

* In „Ragionamenti“- „Kurtisanengespräche“ des Italieners Pietro Aretino (1492-1557) entwirft der Autor ein Zeitbild aus der Sicht einer Kurtisanin. Ausgangspunkt der Geschichte und der Dialoge der beiden weiblichen Romanfiguren Nanna und Antonia, ist die Zukunft von Nanna´s Tochter Pippa- und es gilt aus dem Stand der Nonne, der Ehefrau und der Kurtisane, den vorteilhafsten Beruf für sie zu finden. Da Nanna über intime Kenntnisse in allen drei dieser weiblichen Hauptbetätigungsfelder verfügt, beschreibt sie an drei Tagen der Antonia, wie auch der Leserschaft, anschaulich das Leben der Nonne, Hausfrau und Kurtisanin, in denen es jeweils an ausführlichen Schilderungen sexueller Erlebnisse und Abenteuer nicht mangelt. (Auch in dem Roman „Gargantua et Pantagruel“ des Franzosen Rabelais (1494-1553) spielt die Sexualität, in einer bildhaften, metaphorischen Sprache dargestellt, eine wichtige Rolle, wenn sie auch nicht, wie bei Arentino, das Hauptthema stellt.)

Eine der auffälligsten Erscheinungen der frühen modernen Pornographie ist die von männlichen Schriftstellern vorgestellte Dominanz der weiblichen Protagonistin und Erzählerin. Seit Arentinos Dialogen wird diese oft als unabhängige, selbstbewusste Prostituierte dargestellt, die als öffentliche Frau par excellence dazu geeignet war die Scheinheiligkeit der konventionellen Moral offenzulegen und bestehende soziale und sexuelle Beziehungen zu kritisieren. Viele dieser Texte stellten eine Verbindung von Stimulanz, Voyeurismus, Objektivierung und politischer Kritik dar, die bis Ende der 1790er demokratische und libertine Tendenzen subversiv verbreitete, während spätere Produkte größtenteils nur noch auf die sexuelle Stimulanz abzielten.

Die italienischen Humanisten des 16. Jh. verfassten eine politische Pornographie die für bestimmte elitäre Zirkel gedacht war. Dort wurden Prostituierte und „Sodomiten“ als privilegierte Beobachter und Kritiker des Establishments beschrieben und die lokale Politik in bewusst sexistischem Vokabular kritisiert. Mit der Wiederaufarbeitung der antiken Traditionen und dem Versuch eine Kultur zu erschaffen die nach der Antike modelliert war, stießen die Humanisten auf eine offen erotische Kultur mit ihren freizügigen Darstellungen und einem sozio-religiösen Kontext, wie er sich u.a. im Phalluskult des Fruchtbarkeitsgottes Priapus widerspiegelte und gerieten so oft in Konflikt mit den offiziellen Kirchenvertretern. Nichtsdestsotrotz wurde eine reichhaltige Bilderwelt mit ihrer Themenvielfalt der amourösen Begegnungen zwischen Göttern und Menschen widerbelebt. Ab 1520 kamen aus den Werkstätten von Raphael, Guillio Romana, Tizian und den Carraccis eine Vielzahl von Drucken und Gemälden zu diesem Thema auf den Markt und wurden von Kupferstechern reproduziert und dann gedruckt. Die Möglichkeit billiger Reproduktion schuf einen Markt für ein größeres Publikum – für Bilder die vorher auf die inneren Zirkel der Höfe und humanistische Kreise beschränkt waren. Beschreibungen und Darstellungen derartiger berühmter antiker Kopulationen waren die von Jupiter und Danae, Leda und dem Schwan und die der Venus mit Adonis.

1524 veröffentlichte Marcantonio Raimondi 16 Kupferstiche, die die erotischen Themen von Giulio Romano kopierten, den berühmten Schüler Raphaels, der diese aus Protest wegen der schlechten Bezahlung bei der Ausgestaltung der „Sala di Constantino“ im Vatikan dort an die Wände zeichnete. Diese Zeichnungen zeigten sechzehn Liebesstellungen von Männern und Frauen – „Modi, Attitudini e posituri“. Raimondis „modi“ sollen Ähnlichkeiten mit den sogenannten römischen „Spintriae“ aufweisen. Gutscheine, die als Form der Bezahlung in Bordellen benutzt wurden und ähnlich illustriert gewesen sein sollen. Raimondi wurde deswegen inhaftiert und verbrachte fast ein Jahr im Gefängnis. Aretino griff in den politischen Streit um die Verfolgung Raimondis ein, indem er zu jedem der Kupferstiche ein Sonett schrieb, wo er die Liebenden der Bilder selbst zu Wort kommen ließ. Das Werk wurde 1527 erstmals gedruckt. „I Modi“ – Stellungen, nannte man die Sammlung von gerade mal sechzehn Gedichten zu ihrer Zeit, „Sonetti lussuriosi“ hießen sie später. Der Bekanntheitsgrad dessen, was man nun die „Aretinischen Stellungen“ nannte, wuchs so sehr, dass im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts der Name Aretino gar zum Synonym für Pornographie und Sexualakrobatik wurden.

Arentino war einer von vielen Autoren seiner Zeit, die sich diesem Genre widmeten, welches vor allem durch die moderne Reproduktionstechnik des Buchdrucks an massenhafter Verbreitung und Bedeutung gewann. In dem Moment als der Buchdruck breiten Bevölkerungsschichten die Möglichkeit des Zugangs zu Schrift und Bild verschaffte, entwickelte sich die Pornographie zu einem separaten Repräsentationsgenre und wurde im Rahmen der Zensur zu einer regulativen Kategorie. Vordem war der Großteil aller Druckerzeugnisse auf die jeweiligen sozialen Eliten begrenzt. Aufgrund dessen begannen sich, feste Zensurmechanismen durchzusetzen, die im wesentlichen die Grenzen zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen definierten. Der Index verbotener Bücher, der in seiner umfassendsten Form 1559 vorlag, war  in erster Linie dafür erarbeitet worden, um gegen häretische Werke vorzugehen, doch wurde er auch auf den moralischen Themenkatalog von Kunst und Literatur angewendet. Gegen 1588 kamen Aretinos Schriften auf diesen Index, auf dem sie während der gesamten frühen Neuzeit vermerkt blieben.

„ Der Libertinismus verfolgt dasselbe Projekt wie die Pornographie; teilweise unter dem Einfluss der neuen Wissenschaften nahm sie im Verlauf des 17. Jahrhunderts die Gestalt einer männlichen Oberschichten-Revolte an, die gegen die konventionelle Moral und die religiöse Orthodoxie kämpfte; im 18. Jahrhundert drang sie dann in vielen westlichen Ländern in Handwerker- und Mittelklasseschichten vor, besonders in England und Frankreich. Man stellte sich Libertins als Freidenker vor, die gegenüber sexuellen und literarischen Experimenten offen waren. In der Definition ihrer Gegner von seitens der Kirche und des Staates waren die Libertins die Verkünder von Pornographie und ihr Publikum.“

Zitat aus:  Hunt Lynn (Hg.), 1994„Die Erfindung der Pornographie“,  Seite 33

Als ein Beispiel für die libertinen Tendenzen innerhalb der Bildungselite Englands kann die „Dilettanti Society“ gelten. Sie wurde 1732 mit der Intention gegründet das Wissen über die klassische antike Zivilisation zu erhalten und zu fördern. Die Mitglieder sollen alle Libertins gewesen sein und standen dem konventionellem christlichen Glauben kritisch gegenüber. Sie untersuchten u.a. die antiken Dionisus- und Priapus-Kulte in Hinblick auf den soziokulturellen Stellenwert des Geschlechtsaktes und der Emblematik der Sexualorgane und versuchten Bestandteile dieser Kulte in ihre eigenes theologisches Wertesystem einzubauen.

Mit dem Aufstieg der französischen Romanliteratur kam es zu einer Verlagerung des Zentrums für Pornographie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – nach italienischen Schriftstellern beherrschen nun englische, vor allem aber französische Autoren das Genre der obszönen Literatur. Während der 1740er Jahre erschienen erotische Klassiker wie Les Bijoux indiscrets (1748) von Denis Diderot und Fanny Hill.  In den Jahren 1748 und 1749 veröffentlichte John Cleland die beiden Bände seiner  „Memoir of a Woman of Pleasure“, das unter dem Namen „Fanny Hill“ populär wurde. Sein Werk enthielt Beschreibungen der männlichen Geschlechtsorgane und des Geschlechtsverkehrs und war primär darauf ausgerichtet seinen Leser sexuell zu erregen. „Fanny Hill“ wird u.a. als das zeitgenössische Pendant zu „Therese philosophe“ (1784) gesehen.1782 erschien in Frankreich der erotische Briefroman „Les Liasons dangereuses“* von Chelderos de Laclos, der bald eine reichhaltige Popularität erlangte und 1785 wurde Casanova Biographie gedruckt.

*Der Roman Choderlos de Laclos mit seiner Schilderung erotischer und politischer Intrigen in aristokratischen Kreisen wurde von Andre Malraux als „Vorspiel zur französischen Revolution“ bezeichnet. „Dangerous Liasons/Gefährliche Liebschaften“ wurde 1988 von Stephen Frears verfilmt.


Auch in Deutschland des 18.Jh. wurde erotische Literatur publiziert, so der „Liebesirrgarten“ (1724) von August Bohse alias Talander und „Briefe über die Galanterien von Berlin, auf der Reise zusammengestellt von einem österreichischen Offizier 1782“ von Johann Findel, gefolgt von den „Briefen aus Wien“ und die Romane von Christian Althing alias Christian August Fischer: „Der Hahn mit neun Hühnern“(1800), „Dosenstücke“(1800) und “ Der Geliebte von elftausend Mädchen“(1804).

Im Vorfeld und während der französischen Revolution wurden Pornographie und Obszönität zu einem verbreiteten Stilmittel der Subversion  Als die Kritik am „Ancien Régime“ Frankreichs schärfer wurde, griffen pornographische Pamphlete zwischen 1740 und 1790 letztlich sogar alle Träger der alten Ordnung an und während der Französischen Revolution kam es zu einer wahren Flut obszöner Flugschriften, die unmittelbar mit den Konflikten der Ära zusammenhingen. In den frühen Revolutionsjahren stellte die politische Pornographie ca. die Hälfte der sogenannten obszönen Literatur. Aristokraten wurden als impotent, von Geschlechtskrankheiten gezeichnet und  als ihren sexuellen Ausschweifungen verfallen, dargestellt. Eine Vielzahl der pornographischen Pamphlete zielten auf die Königin Marie Antoinette. Oft wurde sie bei lesbischen Spielen oder beim Sex mit ihren Bediensteten beschrieben, bzw. in Drucken dargestellt. Um 1790 wurden viele dieser Pamphlete von Weinhändlern und Wirtshausbesitzern ausgelegt oder über Hausierer vertrieben, die diese für 5 Sols bis zu 5 Livres (für eine bebilderte Ausgabe) verkauften. Ein Kommissar der Pariser Polizei verhaftete zwischen Nov. 1790 bis März 1791 siebzig Hausierer und beschlagnahmte 400 verschiedene Pamphlete. Viele der erschienenen pornographischer Pamphlete nahmen direkten Bezug zu den damaligen politischen Konflikten.  So schrieben Mirabeau und Saint-Just, zwei führende Revolutionäre vormals pornographische Pamphlete wie andererseits de Sade persönlich in den Revolutionswirren involviert war. Pornographie wurde nicht nur von Revolutionären und Kritikern des Ancient Regime geschrieben, sondern war anscheinend ein aggressives Stilmittel aller politischen Fraktionen. Royalistische Zeitungen brachten Karikaturen und Pamphlete von führenden Revolutionspolitikern heraus, die ebenso obszön und pornographisch waren.  Mit dem Werk Marquis de Sades erreichte die Pornographie der frühen Neuzeit ihren Höhepunkt, der in La Philosophie dans le Boudoir aus dem Jahr 1795 Aretinos Dialogform ein letztes Mal anklingen ließ. Dort sind bereits alle Sujets der modernen Pornographie zu finden und zwar in einer effektiv-spektakulären Aneinanderreihung pornographischer Effekte wie Inzest, Pädophilie und Sodomie, Folter, Vergewaltigung und letztlich sogar Mord.

Das pornographische Pamphlet als aggressives politisches Stilmittel erreichte in Frankreich in den 1790ern ihren Höhepunkt, verschwand danach in dieser Form aber nahezu vollständig und an deren Stelle trat eine Pornographie, die soziale und moralische Tabus in Frage stellte, ohne dabei bestimmte Personen der politischen Sphäre zu karikieren. Bis 1830 hat die Pornographie ihren früheren Zusammenhang zur subversiven Philosophie und Politik scheinbar eingebüßt und entwickelt sich gleichzeitig zu einem eigenständigen Genre. Generell kann festgestellt werden, dass bei der, im Nachhinein als Pornographie bezeichneten Produktionen Europas des 16. und 17. Jh. – vor allem die der italienischen und französischen Autoren – die subversive Infragestellung der politischen Verhältnisse eine wichtige Rolle einnahm, während die Produktionen des viktorianischen Englands des 19. Jh. bereits überwiegend die Funktionen der heutigen Pornographie erfüllten. Die Pornographie im Zeichen des Viktorianismus entwickelte sich zum Bestandteil einer Doppelmoral, die aus der Konstruktion der sozialen und politischen Differenz von Männern und Frauen und der daraus resultierenden Ideologie einer getrennten privaten Sphäre für die Frauen in ihrer Rolle als Mutter und Vorsteherin des familiären Haushalts resultierte.

Zwei Werke die einen Einblick hinter die offizielle Seite der viktorianischen Sexualmoral bieten sind der „Index Librorum Prohibitorum“ und „My Secret Life“. 1877 erschien der „Index Librorum Prohibitorum“. Der Titel spielt ironisch auf den römisch- katholischen Zensurkatalog an. 1879 folgte ein zweiter und 1885 der dritte und letzte Band. Es handelt sich um die erste Bibliographie in englischer Sprache, die ausschließlich Schriften pornographischen und sexuellen Charakter beinhaltet. Herausgeber war ein sogenannter Pisanus Fraxi, ein Pseudonym von Henry Spencer Ashbee. Er wurde 1834 in London geboren und leitete später die Londoner Handelsfirma „Charles Levy & Co, dessen Mutterfirma sich in Hamburg befand. Er war ein wohlhabender Sammler pornographischer Bücher und die 3 Bände listen nicht nur bibliographische Informationen auf, sondern liefern in der Mehrzahl eine begleitende Beschreibung oder Zusammenfassung der Werke, oft mit ausführlichen Zitaten und stellen so nicht nur eine Informations-, sondern auch eine Erkenntnisquelle dar, da sie auf Momente der Sozialgeschichte und der Moral verweisen.

Ein weiteres wichtiges Werk über das „geheime“ viktorianische England ist das über 4000 Seiten umfassende „My secret life“. Der wohlhabende Autor beschreibt dort ausführlich seine exzessiv ausgelebten sexuellen Erfahrungen überwiegend mit drei Kategorien von Frauen: häusliche Dienstbotinnen, Mädchen aus der Unter- oder Arbeiterschicht und Prostituierten verschiedener Preisklassen. Er liefert so Informationen über die sexuelle Kultur der damaligen Zeit, die sonst in dem Selbstbildnis der Briten und ihrer Gesellschaft ausgespart wurden. In den Beschreibungen des Autors findet man das, was in den viktorianischen Roman keinen Eingang fand, da es der Konvention entgegenstand, ausgelassen oder verdrängt wurde. Es finden sich zahlreiche Daten zur Hygiene im damaligen England, z.b. dass es vor der Mitte des 19. Jh. in  den Vergnügungsparks keine öffentlichen Toiletten gab und Männer wie Frauen sich in die Büsche schlugen, um sich zu erleichtern und das Frauen weitaus öfter in der Öffentlichkeit der Straße urinierten, wie man es heutzutage nur noch von Männern gewohnt ist. Oder die Tatsache, dass Unterkleidung erst nach der Jahrhundertmitte in Mode kam und die Frauen vorher oft keine Unterwäsche trugen. Der Autor beschreibt hunderte von Erlebnissen mit Prostituierten und liefert so Informationen wie die kommerziellen Liebesdienste organisiert und institutionalisiert waren.

Ein weiteres Buch aus England, welches allerdings schon ca. 200 Jahre eher erschien und der sexuellen Aufklärung verpflichtet war, waren die „Aristotle Masterpiece“. Mit dem Einsetzen der umfassenden restriktiven Gesetzgebung wurde dieses Buch als obszön und pornographisch beschlagnahmt und verboten. Dieses Buch eines anonymen Autors wurde schätzungsweise zuerst im Jahr 1684 in London herausgegeben und in Amerika wurde es ab 1820 in ca. 30 verschiedenen Ausgaben nachgedruckt  Die erste Ausgabe war in der Form eines Hebammenbuches verfasst und enthielt u.a. auch eine Beschreibung der weiblichen und männlichen Sexualorgane, die in den späteren Ausgaben vorangestellt wurden, so dass sich die „Masterpieces“ klar von den Hebammenbüchern zu unterscheiden begannen. Thematisch behandelte es die Sexualorgane und ihre Funktion, den Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und Geburt, das Fachwissen der Hebammen, Geburtsfehler, außerdem gebräuchliche Hilfsmittel gegen verschiedene Krankheiten oder nach welchen Kriterien man den Charakter eines Menschen beurteilen soll, bis hin zu einigen Kuriositäten alter Volksweisheiten. Das Buch ist getragen von dem Gedanken, dass jeder das Recht hat alles über Sex zu wissen, jenseits von moralischen Restriktionen. In dem Buch wird in erster Linie nicht über die Freude und das Vergnügen der Sexualität fabuliert, sie wird weder verteidigt noch abgelehnt. Es werden Fakten vermittelt. So lernt der Leser z.b., dass die Klitoris der Sitz der Lust bei der Frau ist und gibt neben einer organischen Beschreibung auch den Hinweis, bei der sexuellen Begegnung ihr Beachtung zu schenken. Das Buch „Aristotle Masterpiece“ entstand in einer Zeit der Freizügigkeit unter der Herrschaft von Chester dem II (1660-1685) während der Restauration. Diese Periode war eine Reaktion auf die streng-puritanische Herrschaft von Oliver Cromwell (1599-1658).


Faulstich Werner, 1994,, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick

Gnüg Hiltrud, 2002, „Der erotische Roman“, Phillip Reclam jun., Stuttgart

Hunt Lynn (Hg.), 1994, „Die Erfindung der Pornographie“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main

Marcus Steven, 1979, „Umkehrung der Moral“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

Money John , 1985, „Destroying Angels“, Prometheus Books, Buffalo, New York

weiterführende Textressource zur Geschichte der Pornographie:   http://www.libidomag.com/nakedbrunch/europorn01.html


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