Archive for the 'Sexualmoral' Category

18
Jan
10

Sexualmoral und die Ursprünge der Pornographie

Inhaltsangabe

Sexualmoral und die Ursprünge der Pornographie

Bonobos und Genitalscham – ein anderer Blickwinkel auf biologistische Theorien
„Lust“ und „Liebe“ – Trennungslinien christlicher Moral
Die Kleinfamilie als Keimzelle der bürgerlichen Tugenden

Sexualmoral und medizinische Paradigmen

Die „objektive“ Wissenschaft – Medizinische Paradigmen als Indikator der Sexualmoral
„Hysteria“ und Vibratoren
Die Comstock-Laws – Zensur als Kategorie in der Gesetzgebung

Lebens- und Sexualreform im kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik

Aufklärung und Sexualpädagogik als notwendige Reaktion auf die Syphilis
Die Sexualwissenschaft im Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs
Die FKK-Bewegung
Der „pikante“ Film
Sittenfilme zwischen Aufklärung und „Pikanterie“
Sexuelle Subkulturen und die Boheme als Propagandisten der sexuellen Revolution
Die Reduktion der Sexualwissenschaft auf eine akademische Disziplin
Exkurs Kommunebewegung

Bonobos und Genitalscham – ein anderer Blickwinkel auf  biologistische Theorien

Was biologistische Theorien betrifft, für die bis jetzt nur männlich dominierende Schimpansenarten für Erklärungsmodelle der Entstehung menschlichen Sexualverhaltens herhalten mussten, lassen die Beobachtungen einer spät entdeckten Schimpansenart eine neue Lesart zu. Die “Bonobos“, anfänglich auch Zwergschimpansen genannt, wurden zum ersten Mal, um 1970, in den unzugänglichen Regenwäldern der Republik Kongo gesichtet. In vielerlei Hinsicht sind sie mit den gewöhnlichen Schimpansen vergleichbar. Sie leben in ähnlich großen Gemeinschaften,  allerdings wurde im Gegensatz zu Schimpansen oder Gorillas, das Töten von Jungen bei Bonobos nie beobachtet. Im Vergleich dauert die Empfängnisbereitschaft während der Fruchtbarkeitszyklen bei weiblichen Bonobos länger und auch die sexuelle Aktivität ist während der Schwangerschaft länger. Die sexuelle Aktivität der Weibchen beugt dem Töten der Jungen vor, weil die Anzahl männlichen Bonobos zur Verfügung stehenden Partnerinnen größer ist und die Konkurrenz zwischen den Männchen so abgeschwächt wird. Mit dem Erreichen der sexuellen Reife verlassen die Weibchen ihr Zuhause während die Männchen bleiben. Die Jungen bleiben jahrelang bei ihren Müttern, die ca. alle 4-5 Jahre neuen Nachwuchs bekommen. Söhne sind ihren Müttern ein Leben lang untergeordnet, können als junge erwachsene Männchen aber eine hohe Stellung mittels der Unterstützung der Mütter erreichen, was eine weibliche Ko-Dominanz bewirkt und die Stellung erfahrener männlicher Leittiere mindert. Während sich die gewöhnliche Schimpansengesellschaft durch eine besondere Aggressivität der Männchen auszeichnet, leben die Bonobos relativ friedlich und gleichberechtigt zusammen. Sex ist bei ihnen nicht an Reproduktionsmittel gebunden, sondern dient sozusagen als sozialer Balsam. Neben ihren heterosexuellen Beziehungen vergnügen sich die Bonobos auch mit ihren eigenen Geschlechtsgenossen/innen und mit Partnern aller Alterstufen. Sie teilen sexuelle Gefälligkeiten aus um den anderen zu beruhigen, Futter zu bekommen, um Zuneigung und Verbundenheit auszudrücken oder um Stress abzubauen. Begegnen sich verschiedene Gruppen, erfolgt häufig eine Paarung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Zugehörigkeit. Ein fremdes Bonobo-Weibchen, in einer neuen Gruppe, hält zunächst nach dem ranghöchsten Weibchen Ausschau, um sie dann zum „genital-genital-rub“ aufzufordern. Damit signalisieren sie freundschaftliche Absichten und diese positiven Reaktionen sind eine Voraussetzung für die Aufnahme in der Gruppe.

Eine weitere biologistische Theorie besagt, dass die Genitalscham besonders reizende Körperteile dem öffentlichen Blick entzieht und sie privatisiert. Also bedecken Mann und Frau ihre Genitalien um eine Kontrolle über die Sichtbarkeit ihrer Kopulationsbereitschaft auszuüben. Das Bedecken der Genitalien, eine bestimmte Art zu sitzen etc.. reduziert die sexuelle Reizung des Anderen innerhalb einer Gemeinschaft, da es sonst zu einer größeren Aggressionsbereitschaft und destruktiven Konflikten kommen könnte. Dies schafft auch bessere Voraussetzungen für Partnerbeziehungen, einer Grundlage für soziale Reglements, die die Lineage der Nachkommenschaft klar definieren helfen und vor allem auch ihr Überleben sichern. Da scheint also die Grundlage eines Zivilisationsprozesses zu liegen, der allerdings keinen europäischen Standard meint, sondern in allen menschlichen Gemeinschaften dieses Erdballs zu finden war und ist.

So wurde im alten Griechenland ein athletisches, oft auch homoerotisches bis pädophiles Körperbild des Mannes gepflegt. Allerdings galt das Entblößen der Eichel als äußerst schambesetzt. Entweder wurde die Vorhaut über die Eichel gezogen und vorne zugebunden oder man rollte den Penis nach hinten und band ihn hoch Bei den Menschen der Neu-Hebriden auf der Insel Malekula gab es vergleichbare Schamgrenzen. Alle Männer trugen nach der Beschneidung eine als „namba“ bezeichnete Penishülle In vielen verschiedenen geographischen Räumen, von Südamerika bis Afrika, in den Klimazonen die eine Körperbedeckung  zum Schutze des Körpers nicht zwingend notwendig machten, lässt sich das Tragen von PH`s, gemeint sind Peniswickel, Futterale oder Kalebassen, nachweisen. Die Männer der Bhaca in Transkei trugen noch unter den europäischen Hosen ein Penis-Futteral, da man sonst „ wie nackt“ sei und den Kavahem am Rio Madeira galten die weißen Männer als schamlos, weil sie unter ihren Hosen nackt waren. Für die Frauen lässt sich in fast allen Kulturen Vergleichbares für die Bedeckung ihres Geschlechts finden.

Duerr, Hans Peter  1990 u. 1993 „Intimität“ –  und „Obszönität und Gewalt –  Der Mythos vom Zivilisationsprozess“, Suhrkamp , Frankfurt a. Main



„Lust“ und „Liebe“ – Trennungslinien christlicher Moral

In den frühen Religionen wurde oftmals die Verbindung zwischen spiritueller Liebe und ihrer körperlichen Repräsentation, dem Geschlechtsverkehr, als ein spiritueller Akt, als eine „Hymnos gamos (Heilige Hochzeit)“ zelebriert, der in vielen frühen Agrargesellschaften durch den König und der Königin oder einer Tempelpriesterin durchgeführt wurde, wobei die Menschen stellvertretend für die jeweiligen Götter ihrer Kosmologie standen. Das  Ritual stand im Kontext der Sicherung des Fortbestandes der Fruchtbarkeit – der der menschlichen Gemeinschaft, sowie der des bearbeitenden Landes, also der Ernterträge. Auch bei den Griechen wurden die Vereinigungen zwischen den Göttern und Göttern und Sterblichen als Hieros gamos bezeichnet. Bis zu einem gewissen Grad waren Bestandteile der antiken phallischen Religion noch bei den Agape-Festen und Vigilien lebendig, sowie die frühchristliche Eucharistie als Überbleibsel der „Hyros gamos“ noch den heiligen Kuss kannte. Diese Praxis und dieses Wissen wurde aber durch Beschlüsse verschiedener Kirchenkonzile unterdrückt und geriet in Vergessenheit. Im Mittelalter wurde die „Hymnos gamos“ zum zentralen Begriff einer hermeneutischen Alchemie, die zwar „körperbezogen“ war, Sexualität aber nur als Metapher benutzte. Als Beispiel kann das zuerst 1550 publizierte „Rosarium philosophorum” gelten, welches u.a. von Carl Jung interpretiert wurde.

Agape  (griech.= Liebe) – Agape bezeichnet einerseits das geschwisterliche Liebesmahl der ersten Christengemeinden, bzw. die urchristliche Tischgemeinschaft zwischen arm und reich, die oft mit der Eucharistie(Abendmahl ) verbunden war. Nach der Trennung von Eucharistie und Agape diente die Agape meist karitativen Zwecken.  Heute wird in den katholischen Gemeinden ein Agape-Mahl meist nur noch am Gründonnerstag als schlichtes gemeinsames Mahl gefeiert.
Vigilien (lat. vigilia – das Wachen, die Nachtwache)- Die Nacht wurde im frühen Mittelalter in vier Vigilien (auch stationes) eingeteilt. Aber auch: Vigilia, pervigilium, nox, abend, Vorabend, bannfasten, auch profestum, vorfest, der voddere dagh – bedeutet den Tag vor einem Feste. Die Vigilien endeten ursprünglich bei Sonnenaufgang.  Seit dem 12. Jahrhundert verlegte man die Vigilien auf die frühen Morgenstunden oder rückte sie auf die Zeit vor Mitternacht hinauf.

Die Christen lösten die spirituelle Liebe endgültig aus diesem Kontext und machten aus ihr ein Symbol der Beziehung zwischen Mensch (Mann) und Gott. Die Kirche galt als die „Braut Christus“, allerdings ohne ein reales Bett oder Brautgemach. Die Beziehung zwischen Christus und der „Braut“ definierte sich aus dem Verhältnis von seinem Vater Joseph und der Jungfrau Maria, die mit Jesus schwanger ging ohne das sie Geschlechtsverkehr mit Joseph hatte. Das heißt aber nicht, dass sie sich mit einem anderen Vertreter des männlichen Geschlechts vergnügt hatte, sondern aufgrund eines göttlichen Eingriffs schwanger wurde. So wurde die Jungfrau Maria zu einem Symbol von Reinheit und vergeistigter Liebe, unberührt von zur Sünde erklärter fleischlicher Liebe und Lust. Dieses paradoxe Bild von der jungfräulichen Mutter Maria, das die Ideale der Keuschheit und der Fruchtbarkeit in sich vereinigt, gibt die Auffassung der mittelalterlichen katholischen Kirche zur Sexualität wohl am besten wieder. Daraus folgte auch die strikte Unterscheidung zwischen Liebe und Lust. Liebe ist lyrisch und romantisch. Die Troubadoure besangen sie, im Minnedienst wurde sie kultiviert. Sie kommt aus dem Herzen und lässt die Seele klingen. Sie wird in vielen Theaterstücken, Opern, Liedern, Büchern, Bildern und Filmen thematisiert und dargestellt. Lust hingegen lässt die Körpersäfte fließen und macht das Laken fleckig. Sie liefert den Stoff für Limericks, „schmutzige Witze“ und sogenannte obszöne Literatur, Bilder und Filme. Die öffentliche Darstellung von Lust steht gegen althergebrachte moralische Konventionen und der sogenannten Peinlichkeitsgrenzen, galt als obszön und wurde später dem Genre der Pornographie zugeordnet. Hier liegt sicherlich auch eine Erklärung für die Frage warum Pornographie so und nicht anders die dargestellte Sexualität und den Blick auf sie konstruiert. Lust muss nach diesen Konventionen, als Gegenpol einer rein vergeistigten, spirituellen Liebe primitiv, sündhaft und rein geschlechtlich sein.

Die ersten Führer der protestantische Reformation im 16. Jahrhundert, Luther und Calvin, lehnten die Autorität des Papstes und andere katholische Glaubensgrundsätze ab. Hinsichtlich der Sexualität behielten sie jedoch die meisten traditionellen Auffassungen bei. Die Einrichtung des Zölibats und die Glorifizierung sexueller Abstinenz, die seit Paulus und später u.a. von Augustinus propagiert wurde, griffen sie demgegenüber an. Beide heirateten und betrachteten Frauen als notwendige, aber untergeordnete Gefährtinnen des Mannes. Vor allem Calvin sah den Zweck der Ehe nicht nur in dem Hervorbringen und Erziehen von Nachkommen, sondern maß ihr einen eigenen Wert als soziale Institution zu.

Calvins Theologie übte einen großen Einfluss auf die englischen Puritaner aus, die im Laufe der Zeit in großer Zahl in die englischen Kolonien der amerikanischen Ostküste auswanderten. Aufgrund der harten Lebensbedingungen, die sich ihnen dort boten, maßen die Puritaner der Integrität der Familie einen hohen Stellenwert bei und standen jeder sexuellen Handlung außerhalb der Ehe ausgesprochen intolerant gegenüber. Vor- und außereheliche Sexualität wurde hart bestraft, ebenso Homosexualität und sexueller Kontakt mit Tieren. Weitergehend – um „Sittlichkeit, Zucht und Ordnung“ zu wahren – entwickelten sie strenge Vorschriften für Kleidung und öffentliches Verhalten. Die so entstehende Sexualmoral, die der des viktorianischen Englands entsprach, spiegelte sich in der Gesetzgebung vieler amerikanischer Bundesstaaten bis in das 20 Jh. wieder. Mit dieser Institutionalisierung der Familie ging  eine deutliche Ablehnung von Homosexualität einher, während es vor dem 17. Jh. für erwachsene Männer durchaus üblich gewesen sein soll, sexuelle Beziehungen zu Frauen als auch zu heranwachsenden Knaben zu unterhalten. Zwar galt lediglich der sexuelle Kontakt zu  Frauen im Rahmen der Ehe als legal und von der Kirche legitimiert. Nichtsdestotrotz waren andere sexuelle Beziehungen, z.b. mittels Ehebruch oder Prostitution, oder eben die sexuelle Penetration von heranwachsenden Knaben durchaus verbreitet und wurden im letzteren noch nicht mit einem unmännlichen Verhalten assoziiert, sofern in der vollzogenen sexuellen Praxis der erwachsene Mann seine Macht und Autorität demonstrierte, also penetrierte und sich nicht penetrieren ließ. Nach dem 17. Jh. wurde dieses traditionelle männliche homosexuelle Verhalten durch eine neue Sexualnorm abgelöst, die ausschließlich ein sexuelles Interesse an der Frau zuließ.

Die Epoche des Viktorianismus, die exemplarisch für die vorherrschende Moral im protestantischen Europa gesehen werden kann,  steht in dem Ruf rigider Reglementierung der Empfindungen, der Triebe und der Alltagsphantasie. Aufstieg und Entfaltung des britischen Bürgertums ab der Mitte des 19. Jh. waren eng verknüpft mit der Durchsetzung eines Sittlichkeits- und Realitätsprinzips, welches mit den Begriffen der vermeintlichen „Rationalität“ und der „systematischen Ordnung“ einherging.

In Frankreich hingegen war noch in der zweiten Hälfte des 18.Jh.die Freigabe sexueller Beziehungen in den höheren Gesellschaftsschichten weit fortgeschritten. Die Autoren des französischen erotischen Romans gehörten fast alle der Oberschicht, bzw. dem Adel an, der einen hochkomplexen Code für Liebesangelegenheiten in bezug auf außereheliche Beziehungen entwickelt hatte, der die Aufwertung der Sexualität und ihre gesellschaftliche Akzeptanz erleichterte. Allerdings begannen die Höfe anderer Länder und Kulturen ablehnend auf das französische Vorbild zu reagieren. Die libertine Lebensform, die für ungetrübten Sinngenuss und sexuelle Freizügigkeit einstand, überstand die französische Revolution und die folgende Herrschaft Napoleons nicht. Die  Tugendideale des Bürgertums gewannen allgemein an Bedeutung und die gesellschaftliche Öffentlichkeit war zunehmend charakterisiert durch Prüderie, die Tabuisierung von Sexualität und der Postulierung einer stringenten Ehemoral.

Gnüg Hiltrud, 2002, „Der erotische Roman“, Phillip Reclam jun., Stuttgart

Hunt Lynn (Hg.), 1994, „Die Erfindung der Pornographie“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main

Trumbach, Randolph , “The rise of the egalitarian family : aristocratic kinship and domestic relations in eighteenth-century England”,   New York,  Acadamic Press, 1978

18
Jan
10

Die Kleinfamilie als Keimzelle der bürgerlichen Tugenden

Die Sexualmoral des Bürgertums im 19. Jh. konstituiert sich aus dem Zusammenhang von innerweltlicher Askese mit der gesellschaftlichen Organisation des Arbeits- und Lebensprozesses des bürgerlichen Menschen. Anstelle des Prinzips der persönlichen Herrschaft in der feudalen Gesellschaftsordnung waren „Sachzwänge“ getreten, die auch große Teile des Berufslebens und des innerweltlichen Lebens durchzogen und bestimmten. In der protestantischen Ethik war dem Genuss materieller Güter und „weltlicher Lust“ der Kampf angesagt worden. Die Dynamik des Kapitalismus legte Entwicklungstendenzen fest, hin zu einer Logik des Wirtschaftens die auf ständigen Wachstum ausgelegt war. Nicht die Schaffung und Mehrung persönlichen Reichtums war das Ziel, sondern die Disziplinierung und Unterwerfung menschlicher Bedürfnisse unter der Zweckrationalität und ihrem Gewinnstreben, das auf ein ständiges Wachstum der nationalstaatlichen Ökonomien und den mit ihnen verbundenen, neuformierten, christlichen Körper abzielten. Wesentlich für die Entwicklung der Großstadt des bürgerlichen Zeitalters war die rigide Trennung zwischen Arbeitsplatz und Familie, zwischen dem Leben außerhalb der Familie, in Beruf und Öffentlichkeit und der Intimsphäre des einzelnen, die gegenüber dem gesellschaftlichen Leben einen abgeschlossenen Ort zugewiesen bekommt

Die Sexualmoral des 19. Jh. (wie auch die anderer Jahrhunderte) sollte man sich aber nicht als ein lineares, zeitliches Nacheinander vorstellen, sondern in der historischen Gleichzeitigkeit von noch fortdauernden archaischen Strukturen und einer Moral und Lebensweise des Bürgertums, die sich allgemein als verbindliches Gesetz verstanden wissen wollte, aber bereits durch Kritik und Emanzipationsbestrebungen in Frage gestellt wurde und der Moral und Lebensform die aus der sozialen Not und Klassenlage der Unterschichten und dem noch relativ jungem Proletariat erwuchs. Viele Haushalte waren aufgrund der ärmlichen Verhältnisse in denen sie lebten gezwungen „Schlafgänger“ aufzunehmen. Das enge Zusammenwohnen- und schlafen, der Kontakt zu Prostituierten, die oft auch als Schlafmädchen logierten, ließen einen anderen Schamstandard als den der Bürgerlichen entstehen.

Ob allerdings die Klassenzugehörigkeit das entscheidende Kriterium für das proletarische Sexualleben gewesen ist scheint fragwürdig.  Faktoren wie Konfession, soziale Herkunft, Bildung, Formen der Arbeitsorganisation und die materiellen Vorraussetzungen zur Familien- und Haushaltsbildung spielten mindestens eine ebenso wichtige Rolle. Die Arbeiter waren, wenn auch nicht in solch einer strikten Weise wie das Bürgertum, von der christlichen Sexualmoral geprägt, auch wenn die schlechten materiellen Verhältnisse diese Moral oft tradierten. Bei einer spürbaren Anhebung der materiellen Lebenssituation und des Bildungsstandards erfolgte seitens der Arbeiterschaft aber eine klare Orientierung an dem Vorbild der patriarchialen bürgerlichen Familie. Am Beispiel der Hamburger Tageszeitung „Hamburger Echo“, dem Kampfblatt der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, die die Mehrheit der organisierten Arbeiter stellte, lässt sich in einer Vielzahl von Artikeln die Propagierung einer Kulturpolitik feststellen, die sich an der vorherrschenden konservativen  Meinung des Bürgertums orientierte. Dies betraf Fragen der Prostitution, der Theater- und Filmkritik und „soziale Fragen“ wie den Abriss der Gängeviertel.

Während in agrarisch geprägten Regionen viele Nachkommen teilweise immer noch als eine Vergrößerung des Arbeitskräftepotentials und als mögliche Altersvorsorge gesehen wurden, stellten viele Kinder im Arbeiterhaushalt den Grund für eine zunehmende Verarmung, da das Einkommen zu ihrer Versorgung oftmals nicht ausreichte. Die Verhinderung von ungewollten Schwangerschaften war demnach ein zentrales Anliegen der Arbeiterinnen. Viele Frauen praktizierten nachträgliche Scheidenspülungen, die nicht sehr effektiv waren, während sichere Kondome bis in die 20er Jahre aus Kostengründen wenig Verbreitung fanden. Gebräuchliche Methoden waren der Coitus Interruptus und der Analverkehr zwischen den Geschlechtspartnern. Eine weitere Möglichkeit der Geburtenregelung bildete die, auch von Teilen der Weimarer Reformbewegung propagierte, (zeitweise) sexuelle Askese. Der Schwangerschaftsabbruch war zu dieser Zeit Bestandteil des weiblichen Alltags. Im Verhältnis zu anderen sozialen Gruppen war die Abtreibungsrate unter Arbeiterinnen in den ersten Jahrzehnten des 20 Jh. deutlich höher. Neben traditionellen Mitteln wie Mutterkorn und Sadebaum wurden auch neue Chemikalien und Instrumente eingesetzt. Während die durchschnittliche Kinderzahl bis zum Ende des 19.Jh. bei 3-6 Kindern lag, wurden mittels bewusster Geburtenregelung, Schwangerschaftsverhütung und Abtreibung diese Zahlen innerhalb der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jh. auf 2-3 Kinder pro Ehe reduziert.

Voreheliche Sexualkontakte waren in der Arbeiterschaft üblich und standen im Kontext der materiellen Situation, wo anders als im bürgerlichen Milieu, ein Aufschub der sexuellen Wünsche bis zu dem Zeitpunkt nach der Heirat, angesichts von Armutsverhältnissen und unsicherer Arbeitslage, oft nicht sinnvoll erschien. Der voreheliche Verkehr schuf eher, unter Bezugnahme auf eine mögliche Ehegemeinschaft, die notwendigen Bindungen um an der wirtschaftlichen Basis auf einen gemeinsamen Haushalte hinzuarbeiten. So wurden Frauen mit unehelichen Kindern nicht in dem Maße moralisch verurteilt und es war häufig der Fall, dass viele Frauen sich erst nach dem erstem Kind, zur Sicherung ihrer Lebensverhältnisse einen festen Lebenspartner suchten und heirateten Die Kinder der städtischen Unterschicht waren mit dem sexuellen Aktivitäten der Erwachsenen besser vertraut als im bürgerlichen Milieu, da das enge Zusammenleben in den überfüllten Arbeiterwohnungen der Großstädte es oft unmöglich machte den Geschlechtsverkehr der Eltern, bzw. zwischen anderen Mitbewohnern dem Gesichtskreis der Kinder zu entziehen.

In den besser situierten, den „sittlichen“ Kreisen wurde in „diesen Dingen“ peinliche Verschwiegenheit bewahrt. Die Verheimlichung und Verhüllung galt als ein Gebot der Sitte. Von bürgerlicher Seite wurden voreheliche Verhältnisse in der „Unterschicht“ häufig in einem Zug mit prostitutiven Verhältnissen genannt, bzw. als diejenigen die Prostitution hervorbringen. In Wirklichkeit wurde seitens der Arbeiterschaft ein rigider Trennungsstrich zwischen Prostitution und vorehelichen Geschlechtsverkehr gezogen. Viele der Arbeiterinnen empörten sich oder verachteten Frauen die ihren Körper als Ware anstatt ihre Arbeitskraft zu verkaufen, obwohl sich auch sehr viele Arbeiterinnen aus Gründen der materiellen Not in der Gelegenheitsprostitution verdingten.

Die Reglementierung menschlicher Bedürfnisse unter den neuen Anforderungen der Industriegesellschaft ging einher mit einer Fürsorgepolitik, die die Gründung von Arbeitshäusern, psychiatrischen Einrichtungen und vielen Armenstiftungen nach sich zog – für die Menschen, die nicht mehr im Sinne dieser Ökonomie und ihrer Begleitumstände funktionierten. Zum anderen vollzog er sich in der Trennung von Arbeitsplatz und Familie und in der Entwicklung der Familie zur Intimsphäre, herausgelagert aus dem gesellschaftlichen Produktionsbereich. Im Prozess der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft rückt das Kind immer mehr in den Mittelpunkt. Der institutionalisierte Ausschluss des Kindes aus der Erwachsenenwelt hatte auch die Institutionalisierung der Kindheit zur Folge. Indem die Familie zu dem einzigen Ort wurde, in welchem die Erwachsenen und vor allem das Kind nicht nur seine affektiven und libidinösen Bedürfnisse befriedigen konnte, sondern der Familie auch die Aufgabe der ersten Formung der gesellschaftlichen Triebgewohnheiten und der entsprechenden Peinlichkeits- und Schamgrenze zufiel, musste die, für die zivilisatorische Entwicklung einer stetigen Wachstumsökonomie, notwendige Triebunterdrückung bereits in der Familie gelebt werden, die damit verbundenen Sexualnormen bereits verinnerlicht sein.

Die Psychoanalyse entsteht in einer Zeit in der die spezifische Intensität der Triebunterdrückung ihr zunehmendes Scheitern in der Verkehrung offenbart, in der seelischen Krankheit ebenso wie in der Prostitution, die die Ausübung der aus dem offiziellen bürgerlichen Lebenszusammenhang ausgesperrten Sexualität ermöglichte. Die Erkenntnisse der Psychoanalyse waren historisch auf das Vorhandensein der bürgerlich-patriarchalen Kleinfamilie begründet, in der die Entwicklung des Kindes um den Ödipuskomplex eingeschrieben werden konnte. Die Auflösung größerer Sippenverbände hatte eine Zunahme der narzisstischen Bedeutung der Eltern zur Folge. Am Ende des ödipalen Konfliktes des Kindes, verinnerlicht es in der Bildung des „Über-Ichs“ die gesellschaftlichen Anforderungen an die Unterdrückung seiner inzestiösen Sexualität, indem es sich mit dem „draußen“, außerhalb der Familie arbeitenden, die gesellschaftliche Rationalität repräsentierenden Vater identifiziert.

Kulturgeschichtlich hatte sich der Prozess der immer weiteren Zurückdrängung des intimen Lebens der Menschen bis zu einer Stufe vollzogen, die jegliche Äußerungen körperlicher und sexueller Funktionen mit dem Gebot von Heimlichkeit und absoluter Scham, im Bürgertum um die Jahrhundertwende belegte. Um zum „zivilisierten“ Menschen zu werden, musste das einzelne Kind diesen Prozess in seiner Entwicklung nachvollziehen, was bedeutete, dass, je rigider die sexuelle Moral der Gesellschaft in der es hineinwuchs, war, desto härter war auch der am Kind vollzogene Erziehungsprozess. Am Ende des Jahrhunderts wurde in erzieherischen Schriften sehr viel über die Unschuld der Kinder gesprochen, gleichzeitig wurde die „frühe Lasterhaftigkeit“ der Kinder bekämpft.

„Man erziehe Mädchen und Knaben zu wahrer Züchtigkeit, indem man ihnen Berührungen der Geschlechtsteile als etwas Verbotenes und Häßliches darstellt und auf einen reinen Ton im Hause hält….. onanierende Kinder sind Verirrte, aber keine Verbrecher, oft leider schon sehr kranke Menschen.“

Zitat :in Schulte Regina, 1994 : 126

Die Eltern befassten sich auf diese Weise ohne Unterlass mit der kindlichen Sexualität. Sie beobachten das Kind, kontrollieren seine körperlichen Gesten, korrigieren jeglichen Ausdruck sinnlicher Bewegung. Gleichzeitig weisen sie damit das Kind ununterbrochen auf die Wichtigkeit seiner Sexualität hin, indem sie es anbinden, strafen oder predigen und so ein Geheimnis aufbauen, welches das Kind zur unablässigen Beschäftigung mit dem Rätsel antreibt, an welche sich Körper und Angst knüpfen. Allerdings war der Versuch die Kinder aufzuklären schon ein Problem der Sprache. Es gab keine Worte für diesen Bereich, außer „unschön, verabscheuungswürdig, unsauber“ und der zweideutigen Sprache, der sogenannten Zote.

Eder Franz X. : 2002, „Kultur der Begierde: eine Geschichte der Sexualität“, Verlag C. H. Beck, München

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“,  Europäische Verlagsanstalt, Hamburg

Die „objektive“ Wissenschaft – Medizinische Paradigmen als Indikator der Sexualmoral

Die Moral des Verschweigens und Versteckens in puncto Sexualität war zunächst weniger von rationalen Einstellungen als von der Angst und Scham getragen, die die Erwachsenen verinnerlicht hatten. Am Ende des Jahrhunderts kamen dann immer mehr Forderungen nach Aufklärung der Kinder auf, allerdings nicht um den Bereich des Geschlechtlichen und der Sexualität aus seinen Fesseln zu befreien, sondern um ihn in der Versachlichung den Reiz des Verbotenen zu nehmen. Die Sprachlosigkeit der Eltern folgte die wissenschaftliche Sprache der Mediziner und Hygieniker. Es erschienen viele Schriften, sogenannte Sexualdiätiken, die vorgaben, dass über die Methode der Darmdressur, durch besondere Ernährungsprinzipien die sexuelle Energie zu bändigen, bzw. klein zu halten sei. Das gleiche galt auch für Kleidungs- und Verhaltensvorschriften, welche die bewusste Einübung sexueller Beschränkung ermöglichen sollte. Der Amerikaner Graham propagierte eine diätische Naturkost, fleischlos, ohne Drogen wie Alkohol und Nikotin, tägliche Gesundheitsgymnastik und sexuelle Enthaltsamkeit, die er als gesundheits-bewahrend einschätzte. James Caleb Jackson (1814-95) übernahm diese gesundheitsreformerischen Ideen Grahams und verband sie mit der Anwendung von Wasserkuren, Bädern, Duschen und feuchten Umschlägen, zusammen mit Massagen. Er ist der Autor von mehreren medizinischen Publikationen, wie: „Hints on the Reproductive Organs“(1853) und „The sexual Organs and its healthy managment“(1861)  1863 entwickelte er die ersten mehrfach gerösteten Weizenflocken und setzte damit eine Entwicklung in Gang, die die Geschichte der amerikanischen Lebensmittel nachhaltig beeinflussen sollte.

In diesem Zusammenhang ist die Person Ellen Harmon White (1827-1915) interessant. Sie war eine der Gründerin und Prophetin der „Sieben Tage Advent Kirche“ (diese Kirche wurde hauptsächlich durch die Prophezeiungen und Predigten von William Miller (1782-1849) begründet, in welchen es um das zweite Erscheinen Christus am Adventstage ging). Ohne Ellen White hätte es keine Geschichte über Granola und Corn Flake gegeben. Sie war stark beeinflusst von den Werken Sylvester Grahams und James Caleb Jackson. 1864 veröffentlichte sie ein eigenes Buch über die „Teufel der Masturbation“ unter dem Titel „An appeal to mothers: the great cause of the physical, mental and moral ruin of many of the children of our time“ in welchem sich ganze Passagen aus den Büchern Grahams und Jacksons wiederfanden.

Im Jahr 1866 gründeten die Adventisten ihr eigenes Gesundheitsinstitut, das „Western Health Reform Institute“, welches in den ersten 10 Jahren , nach ihrer Gründung, eine unangefochtene Führungsposition in Fragen der Gesunderhaltung des Körpers und der Sexualmoral innehatte. Einer der Institutsleiter war John Harvey Kellog . Kellog war in eine Adventistenfamilie hineingeboren und schon im Alter von 12 Jahren arbeitete er in einer Druckerei der Adventisten, wo er Kontakt zu der Gesundheitsreformliteratur bekam. Mit 20 Jahren wurde er zum Schullehrer und Missionar in Fragen der gesunden Ernährung ausgebildet, bis er dann mit 24 Jahren, 1876 von der Adventskirche zum Institutsleiter berufen wurde. In der Experimentalküche dieses Institutes wurden auch viele neue Rezepte und Produkte der propagierten Gesundheitskost entwickelt,  bis dann, 1898 die ersten „Sanitas Corn Flakes“ auf den Markt kamen. 1906 war dieses Produkt dann perfektioniert und wurde als „Kellog Corn Flakes“ auf den Markt gebracht. Die wirtschaftliche Leitung überließ John Harvey seinem Bruder Will Keith Kellog(1860-1951) der zuerst die „Battle Creek Toasted Cornflake Company“ gründete aus der dann später die „Kellog Company“ wurde, die die Frühstücksgewohnheiten vieler Millionen Menschen, zuerst in Amerika, später dann weltweit veränderte.  Viele der Apostel der Prüderie waren Mediziner, wie Kellog, die ihre moralischen Standpunkte unter dem Licht vermeintlicher medizinischer Erkenntnisse und Fakten stellten.

Eine anderer von ihnen war der Engländer William Acton (1813-75), der als eine Autorität in Fragen der venerischen Erkrankungen, der Prostitution und der Masturbation galt. Sein einflussreichstes Buch mit dem Titel „The functions and disorders of the reproductive organs in youth, in adult age and in advanced life“ erschien erstmalig 1857 und in insgesamt 6 Auflagen. Actons Fachgebiet als Arzt waren die Erkrankungen des urogenitalen Systems, bekannt wurde er aber als Autor, der Themen wie die uneheliche Geburt, Prostitution und Masturbation abhandelte. Er gehörte zu den Pionieren einer Bewegung und Debatte um die Prostitution die 1866 zur Verabschiedung eines Gesetzes führte, welches verfügte, dass sich Prostituierte in der Nähe von Militärstützpunkten regelmäßig medizinisch untersuchen lassen mussten. Desweiteren waren die „Gefahren der Masturbation“ ein weiteres dominierendes Thema bei Acton:

“Ihr fahler Teint, die ausgemergelte Gestalt, der gebückte Gang, die klamme Handfläche, das glasige oder bleierne Auge und der abgewandte Blick lassen den Wahnsinnigen als Opfer dieses Lasters erkennen. Apathie, Gedächtnisschwund, geschwächte Konzentrationskraft und Geistesgegenwart  (…) sind die hervorstechenden geistigen Phänomen von chronischer, durch Masturbation verursachter Dementia bei  jungen Männern.“

Zitat in : Marcus Steven, 1979 : 38

oder zum Thema der Sexualität der Frauen:

„Die besten Mütter, Ehefrauen und Leiterinnen von Haushalten wissen wenig oder nichts von sexuellen Befriedigungen. Liebe für ihr Heim, ihre Kinder und das Interesse an häuslichen Pflichten sind die einzigen Leidenschaften die sie kennen. In der Regel wünscht eine sittsame Frau keine sexuellen Freuden für sich selbst. Sie gibt sich ihrem Mann hin, doch nur um ihm gefällig zu sein“

Zitat in : Marcus Steven, 1979 : 48

Dies waren prägende Vorstellungen von Sexualität in der protestantischen Welt dieser Zeit. Sittsame Frauen brauchen keinen Sex und Männer müssen mit ihrer flüssigen Valuta, ihrem Samen, sparsam umgehen. Beim masturbierenden Jungen sind durch die Verausgabung des Samenergusses die Lebenskräfte erschöpft und es kommt infolge dessen zu Krankheit und Wahnsinn. Der Körper wurde als Produktionssystem begriffen dem nur eine begrenzte Menge von „Material“ zur Verfügung stand. Diese Phantasien, die sich als wissenschaftliche Fakten präsentieren, orientieren sich an dem damaligen Verständnis von Ökonomie. Der Samen symbolisiert das zirkulierende Geld – und die Pornographie liefert die komplementäre Vorstellung dazu. Dort sind alle Männer unendlich reich an „Substanz“, alle Männer unbegrenzt liquide in jener flüssigen Valuta die ausgegeben werden kann ohne ein Bankrott zu riskieren. Bis zum Ende des 19.Jh. lautete die zentrale Vokabel der englischen Umgangssprache für den Orgasmus „to spend“ (ausgeben). Es war noch nicht durch das moderne „to come“ ersetzt worden.  An diesem Punkt lassen sich mehrere Vorstellungen ausmachen: die individuelle und kulturelle Erfahrung von Armut, bzw. der Furcht davor – und die abstrakte Vorstellung des menschlichen Körpers als einen Wirtschaftskreislauf oder einer Maschine und die Sexualfunktionen somit als eine im Grunde mechanische.

Der Anti-Onanie Diskurs des 17. und 18. Jh. wurde überwiegend von protestantischen Autoren der sogenannten „zweiten Reformation“ getragen. Sie propagierten einen asketischen Protestantismus, der nicht nur ein auf das Jenseits ausgerichtetes Leben, sondern auch eine strenge und „reine“ Lebensführung im Diesseits forderte. Vor allem im Sexuellen sahen sie eine Gefährdung ihrer religiösen Zielsetzungen, da „fleischliche Begierden“, als vollzogene Handlung oder als Phantasie, die mentale Sphäre verunreinigten, von Menschen Besitz ergriffen und so ein christliches Leben unmöglich machten. Als einzige legitime Möglichkeit des Auslebens der Sexualität galt der „eheliche Beyschlaf“. Aus dieser Sicht heraus richtete sich die „kleine Sodomie“ vor allem gegen die christliche Ehe und ihrer zentralen Aufgabe der Reproduktion, die mit der biblischen „Onan“-Geschichte am besten illustriert werden konnte.

Onan „versündigte“ sich nicht allein durch Masturbation, sondern durch einen Verstoß gegen eine der zentralen Regeln des israelitischen Verwandtschafts- und Familiensystems. Weil er sich weigerte die Frau seines verstorbenen, erstgeborenen Bruders zu schwängern und stattdessen seinen Samen auf den Boden fallen ließ, unterbrach er die patrilineare Erbfolge, die davon ausging, das mit dem Familiennamen auch die Seele weitergegeben wurde. Weil er als Zweitgeborener mit der Witwe des Erstgeborenen keine Kinder zeugte, begann er einen „Mord“ an der Seele seines Bruders, weswegen er dann sein Leben lassen musste.

Erotische Phantasien als eine Ursache für soziale und moralische Verfallserscheinungen der Gesellschaft und Erkrankungen des Individuums darzustellen, haben eine lange Tradition.   Im Zeitalter der Inquisition bildete dies die Basis der Besessenheitstheorie. Viele Menschen wurden getötet nachdem sie unter Folter gestanden hatten, dass sie Nachts Träume gehabt haben, bei denen ihnen „Satan beigewohnt“ habe. Als nächstes bildete es, im Zeitalter des Viktorianismus, die Basis der Degenerationstheorie, die aus der Warte der Medizin, Masturbation als Krankheit darstellte und sexuelle Phantasien und feuchte Träume weiterhin verteufelte. Auch heutzutage gibt es eine starke puritanische Bewegung (die vor allem in den USA an die Öffentlichkeit tritt), die den Grund moralischen und geistigen Verfalls im Bereich der sexuellen Freizügigkeit sieht. Diese hat die Frauenbewegung in den USA und England, in Bezug auf ihre berechtigte Kritik an der Pornographie nicht unerheblich beeinflusst. Diese wurde in diesem Zusammenhang allerdings völlig undifferenziert als Ursache für Vergewaltigung, sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern und den moralischen Verfall der Nation angegriffen. Die gleichen Kräfte greifen den Sexualkundeunterricht an den Schulen an und sehen in ihm den Grund für Schwangerschaften im jugendlichem Alter, den Niedergang der Familie und Homosexualität. Auch die Kampagne gegen Schwangerschaftsabrüche wird von diesen ewig Gestrigen mit massiver Radikalität bis hin zur Gewalttätigkeit betrieben.

Zu den Vermittlern dieses moralischen Impetus, kombiniert mit konstruierten medizinischen Paradigmen, standen im kontinentaleuropäischen Raum der Schweizer Calvinist Johann Friedrich Osterwald mit seinem Werk „Traite´contre l`impurete´“ und der Kölner Georg Sarganeck mit dem ersten deutschsprachigen Werk zum Thema Onanie (1740) ein. Eine Besonderheit der englischen „Onania“ war die Veröffentlichung von Fallgeschichten von Betroffenen, die nicht nur eine Leserschaft interessierten, die sich zu medizinischen Fragen informieren wollten, sondern an den veröffentlichten Tatsachen des Geschlechtslebens.

Ähnlich wie bestimmte Beichttraktate der katholischen Kirche, bewegten sich viele dieser spezifischen Werke neben einer popularisierenden Aufarbeitung des medizinischen Wissenstands auf einen schmalen Grat zwischen „Geständniswissenschaft“, wissenschaftlicher Wahrheitsproduktion und erotisch-pornographischer Wirkung. Aus dem, wenn auch weitaus früher datierten Auszug aus den Dekretalien des Bischofs Burchard von Worms (1000-1025), an  der Detailgenauigkeit und der Form wie sexuelle Vergehen abgefragt werden,  wird deutlich, das vielen Beichtspiegeln und Moraltraktaten tatsächlich ein pornographischer Charakter zukam:

„Hast du dir, wie es manche Frauen zu tun pflegen, so eine Vorrichtung oder einen Apparat in Form eines männlichen Gliedes angefertigt nach Maßgabe deiner Wünsche, und ihn an der Stelle deiner Schamteile oder abwechselnd mit einigen Bändern hingebunden und mit anderen Weibern Unzucht getrieben, oder taten es andere mit dem gleichen Instrument oder mit einem andern mit dir? (…) Tatest du, wie es manche Frauen zu tun pflegen, wenn sie die quälende Geilheit löschen wollen, die sich vereinen und gleichsam den Beischlaf ausüben müssen und es können, indem sie miteinander ihre Genitalien vereinen und indem sie sich so aneinander reiben, ihr Jucken zu stillen trachten?“

zitiert aus „Die Kultur der Pornographie“, Werner Faulstich, Bardowick 1994, Wissenschaftler Verlag, Seite 57


Marcus Steven, 1979, „Umkehrung der Moral“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

Money John , 1985, „Destroying Angels“, Prometheus Books, Buffalo, New York

18
Jan
10

„Hysteria“ und Vibratoren

Hysterisch : Adj. „auf Hysterie beruhend“, allgemein: „übertrieben leicht erregbar, übertrieben erregt“,  von „hysterikos“ (griechisch) – „die Gebärmutter betreffend, von ihr hervorkommend“, von „hystera“ (griech.) – „Gebärmutter“     („Etymologisches Wörterbuch des Deutschen“ 1989 : 724)
Hysterie : -(Mutterweh) eine Krankheit des weiblichen Geschlechts die in einer abnormen Erregbarkeit des Nervensystems besteht, welche sich teils durch krampfhafte, teils durch Lähmungserscheinungen ausspricht.

Hysterie : -zweite Hälfte des 19.Jh. bis heute  – abnorme Reaktionsweise mit übersteigerten Ausdruckserscheinungen, Neurose bei der neben psychischen Störungen auch körperliche Beschwerden ohne nachweisbare somatische Ursache bestehen.

Die jahrhundertelang als reine Frauenkrankheit geltende „Hysterie“ und deren Behandlungsgeschichte liefert einen Einblick wie sich die Behandlung von „Frauenleiden“ unter der Dominanz eines männlichen Ärztestandes entwickelt hat. In einem medizinisches Werk, 1653 von Dieter van Foreest publiziert, speziell in dem Kapitel über Frauenkrankheiten, werden folgende Behandlungen der „Hysterie“ beschrieben:

„Wenn die Symptome festgestellt werden, ist es notwendig eine Hebamme zum assistieren dabei zu haben, so daß sie die Genitalien massieren kann, wobei ein Finger von innen das Geschlechtsorgan massiert. Zu der Massage sollte Öl von Lilien, Krokus oder Ähnliches verwendet werden.. Auf diesem Wege kann die so geplagte Frau bis zum Paroxysm zur Entkrampfung erregt/angeregt werden. Diese Art der Stimulation mit den Fingern wurde schon von Galen und Avicenna empfohlen, im speziellen  für Witwen und religiösen Frauen mit keuschem Lebensstil. Es wird seltener empfohlen für sehr junge Frauen oder öffentliche und verheiratete Frauen die sich auf dem Wege des Geschlechtsverkehrs mit ihren männlichen Partnern eher Abhilfe verschaffen können.“

Durch die Beschreibung von „van Foreest“ wird deutlich, dass Hysterie als eine weitverbreitete, oft auch chronische Frauenkrankheit galt und das die Genitalmassage durch einen Arzt oder eine Hebamme als eine der üblichen Behandlungsmethoden galt. Ähnliche Beschreibungen lassen sich in medizinischen Werken vom 1.Jh. bis ins 19.Jh. finden. An dieser lang andauernden Kontinuität der schriftlichen Überlieferung dieser als Krankheit beschriebenen Symptome und ihren Behandlungsmethoden wird einiges deutlich: die androzentrische Definition von Sexualität als Grundvoraussetzung der Institution der Ehe und eine durch die herrschende Sexualmoral bedingte frauenspezifische Sexualnot, sowie die Reduktion weiblichen Sexualverhaltens und Bedürfnisse jenseits des Standards zu Krankheitsparadigmen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus

Die Symptome von Hysterie waren: Angstzustände, Schlaflosigkeit, allgemeine Nervosität, erotische Phantasien, Gefühle von „Schwere“ im Unterleib ,eine erhöhte Produktion von Vaginalsekreten und eine Verlagerung des Uterus durch Nervenreizungen und Muskelverkrampfungen. Der Uterus, voll mit nicht ausgetretenen Flüssigkeiten, früher mit „Samen“( „Semen“/lat.) bezeichnet, wurde sich vorgestellt, als ein Organ, das gegen den sexuellen Entzug revoltierte. Die Therapie, die übereinstimmte mit der humoralen Therapie von Galen, bestand darin, mit viel Geduld, das Organ wieder zurück in seine normale Position im Becken und das Übermaß an Flüssigkeiten zum Ausstoß zu bringen. Im 19.Jh. wurde, wenn die Patientin alleinstehend, eine Witwe, unglücklich verheiratet oder eine Nonne war, in der Kur kräftigendes Reiten auf dem Pferde, kreisförmige Bewegungen des Unterleibes, der Schaukelstuhl, die durchrüttelnde Fahrt mit der Kutsche oder dem Zug, oder die Massage der Vulva durch einen Arzt oder eine Hebamme, zur Anwendung gebracht. Alleinstehende Frauen im heiratsfähigen Alter mit Symptomen von Hysterie wurden angehalten zu heiraten. Die Ehe allerdings, „heilte“ nicht immer diese „Krankheit“, was an für sich nicht weiter als weibliche Bedürfnisse und Wünsche jenseits des normativen, dominanten Sexualparadigmas signalisierte. So entstand die Aufgabe, diese Symptome weiblicher Erregtheit einer medizinischen Behandlung zu unterziehen, welche den weiblichen Orgasmus, unter klinischen Bedingungen, als eine Krise einer Krankheit des „hysterical paroxysm“ zu definieren. Wenn das eheliche Sexualleben sich als unbefriedigend erwies und eine strenge moralische Erziehung soweit ging, dass Masturbation nicht möglich schien, war eine der akzeptierten Auswege die Symptome von Hysterie, von hysterischen Störungen und deren Behandlung. Obwohl es gewiss nicht der Fall war, dass bei allen Frauen, bei denen „Hysteria“ diagnostiziert wurde, die Gründe in der sexuellen Benachteiligung zu suchen sind. Bei vielen waren bestimmt andere mentale oder physische Gründe ausschlaggebend, deren Symptome sich aber mit denen der „Hysterie“ überlappten.

Hysterische Frauen repräsentierten einen großen und lukrativen Markt für die Ärzte. Im spätem 19.Jh. nahmen mehrere Fachleute an, dass diese den größten Markt für therapeutische Maßnahmen und ärztlichen Service darstellten und Hysterie war eine der meist diagnostizierten Krankheiten bei Frauen bevor die „American Psychiatric Association“ 1952  die hysterisch- neuroästhesischen Störungen aus der Auflistung der modernen Krankheitsparadigmas nahm. Nach 19.Jh. interpretierte Sigmund Freud die Hysterie neu. Nach dieser Definition, die bis in die heutige Zeit besteht, lagen die Ursachen von Hysterie nicht im sexuellem Entzug, sondern begründet in Kindheitserfahrungen, die sich dann in einer Neigung zur Masturbation und zur Frigidität im Geschlechtsverkehr zeigten. Wilhelm Reich hat demgegenüber noch 1927 argumentiert, dass neuroästhesische und hysterische Neurosen ihre Ursache in dem Fehlen  sexueller Befriedigung haben, aber die Argumentation und Theorie von Freud wurde zum dominanten und anerkannten Paradigma.

Wilhelm Reich (1897-1957) trat 1920 in die „Psychoanalytische Gesellschaft“ in Wien ein. Er schlug aber einen anderen Weg, als der damals noch verpönte und vielerorts angefeindete Sigmund Freud ein. Seelische Erkrankungen sind seiner Ansicht nach Folgen der Störung der natürlichen Liebesfähigkeit. Eine Heilung kann erfolgen, wenn die gesteuerte sexuelle Bioenergie in einer Hingabe an das Strömen der biologischen Energie möglich ist. Er entwickelte in seiner Theorie für diese Energie den Begriff des „Orgons“ und die des „Körperpanzers“ beim Menschen, als Folge einer restriktiven Sexualmoral- und Erziehung, den es zu durchbrechen gilt, damit die Energie wieder frei fließen kann. Die seelische Gesundheit hängt seiner Ansicht nach von der orgiastischen Potenz ab, das heißt, vom Ausmaß der Hingabe und Erlebnisfähigkeit beim Höhepunkt der sexuellen Erregung im natürlichen Geschlechtsakt. „Potenz“ bedeutet bei Reich die Fähigkeit, Körper und Seele als psychosomatische Einheit zu lieben. 1927 wird Wilhelm Reich Mitglied der Kommunistischen Partei und gründet 1929 die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“ und eröffnet Beratungsstellen in Wien. Aufgrund seiner Überzeugung, dass Individuum und Gesellschaft nicht getrennt zu betrachten sind, propagiert er die Notwendigkeit einer herrschaftsfreien Gesellschaft und eine Befreiung des eigenen „Ich’s“- die Arbeit am Individuum. In der Abfolge seiner Veröffentlichungen „Die Funktionen des Orgasmus“(1927), „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) und „Die sexuelle Revolution“ (1936) radikalisiert sich dieser Ansatz immer mehr. Wilhelm Reich kritisierte die bürgerliche Sexualmoral, die zwangsläufig Doppelmoral und Unterdrückung der vitalen sexuellen Triebe mit sich bringt und daher zu Aggression und Frustration führten , welche verdrängt würden und sich oft in Lust an Herrschaft und Hierarchie ein Ventil schaffen müssten. Nach Reichs Auffassung brächte eine Befreiung der Sexualität eine friedliche Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen mit sich: Menschen, die in befriedigenden Zusammenhängen lebten, ließen sich nicht oder nur schwer in autoritäre Herrschaftsstrukturen einbinden. Da er die sexuelle Unterdrückung sowohl im Kapitalismus, wie im Faschismus und auch im Stalinismus verankert sieht, gerät er zwischen alle Stühle. Er wird aus der Psychoanalytischen Gesellschaft genauso ausgeschlossen wie aus der Kommunistischen Partei. Er verlässt Österreich und emigriert 1939 mit einem Professorenvisum nach Amerika, wo er einen Lehrauftrag an der New School for Social Research in New York erhalten hatte. In dieser Zeit führte Reich mikrobiologische Forschungen durch, die in der Entwicklung sogenannter „Orgonakkumulatoren“ mündeten. Mit diesen Maschinen konnte man seiner Meinung nach, die Orgon-Energie konzentrieren und den menschlichen Organismus aufladen und therapieren, da diese Energie bakterizid und hemmend auf das Wachstum von Krebszellen wirke. Es folgte seitens der US-Justiz ein gerichtliches Verbot der Verwendung dieser Akkumulatoren, sowie eine Verfügung alle bestehenden Geräte und diesbezügliche Literatur zu vernichten. Dies wurde von Reich nicht akzeptiert. 1956 wurde Wilhelm Reich zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen „Missachtung des Gerichts“ verurteilt, woraufhin er bald darauf in Haft an Herzversagen verstarb.. 1968 wird er von der Studentenbewegung, die auch den Leitgedanken der „sexuellen Revolution“ auf ihre Fahnen geschrieben hatte, wiederentdeckt.

Ein Autor, von dem sich Wilhelm Reich beeinflussen ließ, war Bronislaw Malinowski, ein englischer Kulturanthropologe. Er untersuchte zwischen 1915 und 1917 die Trobriander, ein Inselvolk in der Südsee, deren Kinder einen extrem sexualliberalen Umgang erfuhren. Das heißt, dass die kindlichen Sexualspiele geduldet und gefördert werden und die Jugendlichen gemeinsam in Mehrfachbeziehungen zusammenleben können, ohne dass ihre Eltern sich kontrollierend einmischen. 1929 fasste Malinoswki seine Forschungsergebnisse in dem Buch „Das Geschlechtsleben der Wilden“ zusammen.

Die androzentrische Definition von Sex unterscheidet drei Stufen. Die Präparation für die Penetration, das sogenannte Vorspiel, Penetration und männlichen Samenerguss. Sexuelle Aktivität, die nicht die beiden letzten Punkte mit einschließt, wird weder gesellschaftlich noch medizinisch als normale sexuelle Begegnung zweier Menschen gewertet.. Von der Frau wird gemeinhin erwartet, dass sie während des Beischlafes ihren Orgasmus bekommt. Ist dies nicht der Fall, beeinträchtigt dies nicht die Legitimation des normativen Geschlechtsaktes, obwohl es seit den Studien von Alfred Kinsey und Shere Hite als erwiesen gilt, dass bei sehr vielen Frauen, wahrscheinlich bei über 50% aller Frauen, die Reduktion des sexuellen Aktes auf die Penetration nicht ausreicht um einen Orgasmus zu bekommen.
Was konkret die Vaginalmassage betraf, ließen sich die Ärzte oft von einer Hebamme oder dem Ehemann assistieren, bzw. vertreten. Sie suchten und fanden  neue Methoden um die Behandlung zu entpersönlichen und zu mechanisieren, z.b. durch Wassermassagen in den Thermen, spezielle Unterleibsduschen, Schüttelstühle und schließlich den Vibrator, so dass sich die Behandlung bedeutend ökonomisieren ließ. Anstatt einer Zeit von bis zu einer Stunde, langten nun oft schon 10 Minuten um zu Ergebnissen zu gelangen. 15 Jahre nachdem ein britischer Arzt den ersten Vibrator, das sogenannte „Weissmodell“ entwickelt hatte (1880), gab es über ein Dutzend Betriebe die batteriebetriebene oder über Netzstecker funktionierende Vibratoren herstellten. Manche Ärzte hatten richtiggehende „operating theaters“.

Die Elektrifizierung des Haushaltes ging nach der Einführung des elektrischen Lichtes (1876 in den USA) sehr schnell voran und gerade auch Frauen waren diejenigen, die elektrische Hilfsmittel in Anspruch nahmen. Das erste elektrische Hausgerät auf dem Markt war die Nähmaschine (1889). In den nächsten 10 Jahren folgten dann der Ventilator, der Teekessel, der Toaster und der Vibrator. Auch im „John Harvey Kellog´s Good Health Katalog“ für therapeutische Hilfsmittel wurde 1909 den Ärzten ein Vibrationsstuhl, eine Vibrationsstange, Geräte zur mechanischen Massage und auch ein elektromechanischer Vibrator angeboten.

Die Fixation auf ein rein männliches Modell der Sexualität, welches davon ausging das allein die Penetration dem Mann und der Frau sexuelle Befriedigung verschafft, bzw. als einzige Handlung überhaupt sexuellen normativen Charakter hat, machte es einfach, den oft sexuellen Charakter der medizinischen Massagen zu verschleiern. Auch die Ärzte im 19.Jh. sahen nichts unmoralisches oder unethisches an der Massage der Vulva und Klitoris mit Wasserstrahlen oder mechanischen und elektrischen Geräten. So waren das Speculum und der Tampon in ärztlichen Kreisen weitaus umstrittener als der Vibrator. Erst als der Vibrator, der seit 1880 als medizinisches Massagegerät in den Arztpraxen zur Anwendung kam, später in pornographischen Filmen auftauchte, war die Illusion eines klinischen Prozesses, fern von Sexualität und Orgasmus, nicht mehr aufrecht zu erhalten. Der Vibrator verschwand Ende der 20er Jahre aus den Arztpraxen und aus der seriösen Haushaltspresse.. Als er in den 60er Jahren wieder auftauchte, war er nicht länger ein medizinisches Gerät und ab den 70ern wurde er offen als sexuelles Hilfsmittel oder Spielzeug in der Werbung angeboten und verkauft.

Maines Rachel P., 1999, „The technology of orgasm“, John Hopkins University Press, Baltimore&London

Die Comstock-Laws –  Zensur als Kategorie in der Gesetzgebung

Jene Sexualmoral wurde umso mehr allgemeingültig in die Gesellschaft verankert als der bürgerliche Lebensentwurf auch für die arbeitende Klasse erstrebenswert erschien. Im Zusammenhang  mit der Modernisierung der Druckindustrie, die Literatur zu einem Massenprodukt werden ließ und der allgemeinen Anhebung des Bildungsstandards, wurde auch die Zensur verschärft. 1802 wurde in England die „Society for the Supression of Vice“ gegründet, die einen regelrechten Kreuzzug gegen obszöne Bücher, Zeichnungen und Theaterstücke initiierte und die Eingabe dementsprechender Gesetze gegen die Obszönität unterstützte.  1810 verbot in Frankreich der „Code Penal“ jegliches Material „gegen die guten Sitten“. Dieser napoleonische Codex wurde zeitversetzt im gesamten französischen Einflussgebiet dieser Zeit durchgesetzt, so 1838 in Sachsen, in 1840 in Brandenburg, 1841 in Baden und Hessen, und 1851 in Preußen. In anderen europäischen Ländern folgten dementsprechende Gesetzesinitiativen und Verbote: 1852 in Österreich, in Belgien 1867 und 1889 in Italien. 1892 wurde im deutschen Reichstag ein allgemeines Gesetz gegen jegliche Verletzung des Schamgefühls beschlossen.

In Nordamerika nahm Anthony Comstock (1844-1915) als 20-jähriger Soldat am Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten teil und versuchte in der Armee sein extremes christlich-puritanisches Gedankengut zu verbreiten. Später ging er nach New York, wo er erstmals 1868 offiziell gegen Obszönität und Lasterhaftigkeit eintrat, was dann auch seine Lebensaufgabe werden sollte. Zur gleichen Zeit begann der christliche Verein junger Männer (YMCA) in New York eine Kampagne für ein „sauberes, reines Leben“ in der Stadt. Sie unterstützten u.a. ein Gesetz, dass es ermöglichte sogenannte obszöne Literatur zu kriminalisieren. Ab 1872 wurde Comstock direkt vom YMCA unterstützt, das ein Komitee zur Bekämpfung des Lasters, die „New York Society for the Suppression of Vice“, gründete. Sein politischer Einfluss wuchs sehr rasch und schon 1873 wurde seine extrem sexualfeindliche Doktrin mit den sogenannten „Comstock-Laws“ zum allgemeingültigen Gesetz erklärt, was ihn die Position des ersten nationalen Zensors in den USA einbrachte. Er ging in den folgenden Jahren nicht nur gegen die vermeintliche Obszönität vor, sondern auch gegen illegales Spiel und Prostitution. Er beschlagnahmte tonnenweise Bücher, Zeitschriften, Photographien und anderes Material und ließ viele Spielhallen und andere Läden schließen.

Seine besondere Vorliebe galt aber den „sündhaften“ Publikationen, die mit der Empfängnisverhütung, der weiblichen Nacktheit und, weit auslegbar, der Obszönität, zu tun hatten. John Harvey Kellog war ein überzeugter Befürworter der comstockschen Maßnahmen, die sogar soweit gingen, dass 1905 das Theaterstück „Mrs. Warrens Profession“ von Bernard Shaw, verboten wurde. Comstock rechnete die Empfängnisverhütung und die sexuelle Aufklärung der Pornographie zu und ging so in massiver Weise auch gegen die Frauenrechtsbewegung vor. Seine Gegenspielerin um die Rechte der Frau auf Empfängnisverhütung und ihren eigenen Körper, wurde Margaret Sanger (1883-1966), eine ehemalige Krankenschwester. Sie war eine der Leitfiguren der damaligen Frauenrechtsbewegung in den USA und gab während des Ersten Weltkrieges die Zeitschrift „The Woman Rebel“ heraus.

In dem Punkt der Empfängnisverhütung musste Comstock eine Niederlage einstecken, aber weniger durch den Protest der Frauen, gegen den massiv polizeilich und justiziell vorgegangen wurde, sondern durch die Einführung von Kondomen, die in Automaten im Straßenverkauf angeboten wurden. Dies wurde möglich weil sie nicht als Empfängnisverhütungsmittel sondern als hygienisches Hilfsmittel zur Vermeidung von Geschlechtskrankheiten angeboten wurden. Die Sittenpolizei konnte nicht gegen den Verkauf von hygienischen Artikeln die dem Gesundheitsschutz dienten vorgehen. Die Comstock-Gesetze von 1873 hatten die gleiche Auswirkungen wie das Alkoholverbot von 1919, welches zur Prohibition führte. Es entwickelte sich ein enormer Schwarzmarkt für Erotika und Pornographie, der von Syndikaten kontrolliert wurde. Eine Gesellschaft in der Gesellschaft mit ungeschriebenen Gesetzen und Bestechungsgeldern anstelle von Steuerabgaben auf der Liste der Unkosten.
Faulstich Werner, 1994,, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick

Money John , 1985, „Destroying Angels“, Prometheus Books, Buffalo, New York

18
Jan
10

Lebens- und Sexualreform im kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik

Aufklärung und Sexualpädagogik als notwendige Reaktion auf die Syphilis

Der Begriff „Sexualität“ entstand im 19.Jh. als man die sexuellen Komponenten vieler Verhaltensweisen zusammenfasste. Dieses Thema wurde als Schnittstelle zahlreicher Probleme der jungen Industrienationen wahrgenommen: der Geburtenrückgang, Fragen der Abtreibung und Empfängnisverhütung, bis hin zur politischen Aufforderung zum Gebärstreik im Zeichen des herannahenden ersten Weltkrieges, eine sich stark ausbreitende Prostitution, Geschlechtskrankheiten und die Möglichkeiten sich vor Ansteckung zu schützen. Eine Veränderung der Geschlechterrollen im Zeichen der zunehmenden Frauenarbeit, die Wahlrechtskampagne der Suffragetten, rauchende Frauen in der Zeitungswerbung und der beginnende Starkult des Kinozeitalters. Die Kleiderreform, Nacktheit, Scham- und Peinlichkeitsgrenzen, die Jugendbewegung und die neue Sportbegeisterung, wie auch die Entstehung einer neuen Körperlichkeit, die u.a. vom Tanz und von asiatischen Lehren und Bewegungssystemen beeinflusst wurde.

Im Oktober 1902 entstand in Berlin die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten“ in der überwiegend Ärzte vertreten waren. 1903 wurde in Frankfurt ein Kongress zu diesem Thema veranstaltet auf dem die meisten Ärzte den Standpunkt des rigiden Reglementarismus gegenüber der Prostitution vertraten. 1909 fand in Düsseldorf eine der ersten Gesundheitsausstellungen (mit 40 000 Besuchern) statt die sich neben den Geschlechtskrankheiten auch allgemeinen Fragen der Sexualpädagogik widmete. 1911 folgte die erste internationale Hygieneausstellung in Dresden. Dort konnte die Öffentlichkeit zum ersten Mal realistische Nachbildungen der menschlichen Geschlechtsorgane anschauen. In Form von Wachsmoulagen wurden dort die Krankheitssymptome und verschiedenen Stadien der Geschlechtskrankheiten dargestellt. Die Syphilis war zu dieser Zeit immer noch nicht heilbar und aufgrund der massenhaften heimlichen Prostitution zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Problem geworden.

Aufgrund der restriktiven Sexualmoral wurde die Problematik der Geschlechtskrankheiten lange Zeit totgeschwiegen. Erst zum Ende des 19.Jh kam es zu einer Veränderung dieser Haltung, die zu der Erkenntnis führte, dass die Aufklärung der Bevölkerung die beste Vorbeugung gegen das massenhafte Auftreten der Syphilis ist. In den folgenden Jahrzehnten würde die Bevölkerung über Informationsveranstaltungen und Ausstellungen, wie die Dresdner Hygieneausstellung, die neu entstehenden Sexualberatungsstellen, Schriften und eine Reihe von umstrittenen Filmen aufgeklärt. Eingeleitet wurde diese Entwicklung u.a. durch das Wirken bürgerlicher Kulturschaffender, die sich an dieses Thema heranwagten. 1881 veröffentlichte Ibsen “Ghost”, ein Theaterstück, welches sich mit der erblichen Syphilis befasste, welches bei der Erstaufführung 1891 in London das Publikum schockierte. Der französische Dramaturg Brieux schrieb 1905 „Les Avaries (Damaged Gods)“, vor allem um die Mauer des Schweigens die das Problem der Geschlechtskrankheiten umgab, zu attackieren und zu durchbrechen. Sein Werk wurde in mehreren Sprachen übersetzt und fand weite Verbreitung in Europa. Die englische Übersetzung wurde 1911 mit einem Vorwort und Laudatio von G. Bernhard Shaw veröffentlicht. Weitere Literatur die das Problem der Syphilis thematisierte, war die Novelle „The Beth Book“/1895 von Grand, des weiteren Emma Brooke`s „A superfluous woman“ und „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde und Emile Zola`s „Nana“. Schon allein das das Schweigen um die damals weitverbreitete Geschlechtskrankheit mit diesen Veröffentlichungen durchbrochen wurde, war ein emanzipatorischer Akt. Darüber hinaus benutzten die AutorInnen die Syphilis weitgehender als Metapher um Folgen der Sexualmoral und Geschlechtsnorm zu thematisieren.

Um die Jahrhundertwende gab es zwei Möglichkeiten des vorbeugenden Schutzes: Desinfektionsmittel die unter den Namen „Sanitas“ und „Viro“ angeboten wurden und Kondome. Kondome waren schon lange bekannt und wurden früher aus Tierdärmen und Fischblasen hergestellt. Ab Mitte des 19. Jh. Wurden dann in England die ersten vulkanisierten Kautschukkondome hergestellt. Sie waren allerdings nicht von der heute bekannten Qualität und außerdem sehr teuer. 1914 kosteten 12 Gummikondome in Deutschland sechs Mark während der Wochenlohn eines ungelernten Arbeiters um die 20 Mark betrug. Der Gebrauch von Kondomen wurde von puritanischen Kreisen stark angefeindet die darin eine Aufforderung zum „unsittlichen Lebenswandel“ sahen, so dass 1912 die Werbung für Kondome in Deutschland verboten wurde. Mit der Einführung der neuen Gesetzgebung in Bezug auf Prostitution und die Geschlechtskrankheiten 1927 liberalisierte sich die Haltung gegenüber Schutzmitteln und die Werbung wie auch das Aufstellen von Automaten wurde zugelassen.

Eine weitere Präventivmaßnahme waren sogenannte „Spritzstuben“ wo sich die Männer nach dem Sex kostenlos und anonym desinfizieren lassen konnten. Ende der 20er Jahre soll es in Berlin neunzehn solcher Einrichtungen gegeben haben, die pro Nacht von bis zu 100 Männern frequentiert wurden. Die im Spätmittelalter gebräuchlichen Quecksilberkuren wurden durch eine Behandlung mit dem ebenfalls giftigen Stoff Arsen ersetzt. Arsenpräparate im Rahmen einer Chemotherapie wurden erstmals 1910 am Menschen ausprobiert, die dann zu einer erfolgsversprechenden Heilung dieser Krankheit führten. Daraus wurde dann „Salvarasan“, ein Arsenpräparat, dass dem Patienten ein Mal pro Woche (in einem Zeitraum von 2,5 Monaten) gespritzt wurde. Dann folgte 1 Monat Pause und dann wiederholte sich dieses Behandlungsintervall noch mindestens zwei mal, so dass sich die Behandlung auf fast ein Jahr erstrecken konnte. Erst ab 1940 wurde das bereits 1929 entdeckte Penicillin massenwirksam für die Bekämpfung dieser Geschlechtskrankheit eingesetzt.

Adam Birgit, 2001, „Die Strafe der Venus“, Orbis Verlag, München

http://www.lesleyahall.net/grtscrge.htm
Hall, Lesley A. , „The great Scourge – Syphilis as a medical problem and moral metaphor. 1880 – 1916”

18
Jan
10

Die Sexualwissenschaft im Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs

1907 schuf Ivan Bloch (1872-1922) den Begriff der „Sexualwissenschaft“, als deren namhafte deutsche Vertreter galten Magnus Hirschfeld(1868-1935), Albert Moll(1868-1939), Max Marcuse(1877-1963), Herrmann Rohleder (1866-?), Albert Eulenberg(1840-1917) und Max Hodann(1894-1946) Ab 1913 konstituierte sich eine „Gesellschaft für Sexualreform“(Gesex), deren Vertreter aus dem Ärztestand und dem jüdischen oder protestantischen Bildungsbürgertum kamen.  Sie wollten anstelle der Priester die gesellschaftliche wie individuelle Moral neu, d.h. naturwissenschaftlich definieren, oder wie Magnus Hirschfeld es 1928 formulierte: „„die bisherige theologische Grundlage der Sexualregelung durch eine biologisch-soziologische (…) ersetzen“  1905 wurde von dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung, mit ihrer namhaften Vertreterin Helene Stöcker (1869-1943), der Bund für Mutterschutz gegründet, der 1924 in „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ umbenannt wurde. Das propagierte Leitbild zeichnete eine ökonomisch und sexuell emanzipierte und geistig gebildete Frau. Allerdings waren sie nicht frei von rassehygienischen Untertönen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hodann
http://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld
http://de.wikipedia.org/wiki/Helene_St%C3%B6cker

Die Sexualreformbewegung bewegte sich zunächst auf einer theoretisch- wissenschaftlichen Ebene, ihre Bemühungen zielten nicht nur auf eine neue Gesetzesregelung, sondern auf eine Reform der Ehe und Familie als Kernzelle der bürgerlichen Gesellschaft. So wurde schon um die Jahrhundertwende unter den Schlagworten „Freie Liebe“ und „Freie Ehe“ über Formen nichtehelicher Lebensgemeinschaften geredet. Die sogenannte sexuelle Revolution war kein isoliert auftretendes Phänomen, sondern war mit vielen anderen Umwälzungen der Moderne, vor allem der industriellen Revolution, verbunden. Bereits während der Französischen Revolution von 1789 wurden viele Fragen der Sexualität angesprochen und mit dem Zusammenbruch der alten sozialen Ordnung nach dem 1. Weltkrieg erfolgte im Zuge der vielen Emanzipationsbestrebungen eine gesellschaftliche Neuorientierung.

In der russischen Oktoberrevolution 1917 wurden gleiche Rechte für Frauen und umfassende sexuelle Freiheit gefordert und die „sexuelle Revolution“ wurde erstmals Gegenstand einer offiziellen Regierungspolitik – auch wenn bereits wenige Jahre später erneut repressive Machtstrukturen dominierten. Wilhelm Reich folgerte aus dieser Entwicklung, dass die bloße Übertragung der Macht von einer sozialen Klasse auf die andere nicht ausreiche und wirklich tiefgreifendere Veränderungen nicht nur eine Frage von Reichtum oder Armut, Kapitalismus oder Kommunismus seien, sondern eine Frage der „selbst regulierten Charakterstruktur“ – der individueller Autonomie – auf die es, im Widerstand gegen bestehenden politischen Systeme, hinzuarbeiten gelte. Die Utopien der Sozialreformer wurden beflügelt, bzw. bezogen sich auf Kommunengründungen, wo die Menschen versuchten nach ihren Vorstellungen, ohne sexuelle Unterdrückung zu leben. Nennenswerte Personen die solche Kommunen  initiierten waren z.b. Charles Fouvrier (1772-1837) in Frankreich und Robert Owen (1771-1858) in England, der wie John Humphrey Noyes von Oneida eine Kommune in den Vereinigten Staaten von Amerika gründete.  (siehe Exkurs „Kommunebewegung“)

Als erste praktische Konsequenz der deutschen Sexualreformbewegung entwickelte sich der politische Kampf um die Abschaffung des Homosexualitätsparagraphen 175. Männliche Homosexuelle organisierten sich erstmalig öffentlich in Verbänden und wurden dabei von der Sexualwissenschaft unterstützt. Nach dem ersten Weltkrieg wurde massiv die Forderung nach der Streichung des Abtreibungsparagraphen 218 und für den freien Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln erhoben. Außerdem wurde der Ruf nach Beseitigung der Kunstzensur und für eine Einführung des Sexualkundeunterrichtes lauter. Der erste  Weltkrieg hat den Bruch mit den traditionellen geschlechtlichen Normen stark beschleunigt und den bereits vorhandenen sexualreformerischen Bestrebungen einen starken Aufschwung gegeben. Vor- und außereheliche Kontakte nahmen an der Front und in der Heimat zu. Aufgrund des Frauenüberschusses wollten zahlreiche Frauen, die nicht mehr mit einer Ehe rechnen konnten und durch ihre berufliche Tätigkeit Selbstversorgerinnen waren, nicht auf eine Befriedigung ihres Geschlechtstriebes verzichten. Obwohl die linken Parteien sexualreformerisch wenig Initiative zeigten, wurden sie beim Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen zum Sprachrohr einer breiten Bewegung. In Deutschland führten diese Kampagnen und die parlamentarischen Eingaben 1926/7 zum liberalsten Abtreibungsrechts Europas.

Die politischen Forderungen der Sexualreformbewegung wurden nach dem ersten Weltkrieg insbesonders durch das von Magnus Hirschfeld 1919 in Berlin gegründete Institut für Sexualwissenschaft in die Öffentlichkeit getragen. Alle wesentlichen Impulse für die Begründung und frühe Entwicklung der Sexualwissenschaft, wie auch die ersten wissenschaftlichen Standardwerke, kamen aus Deutschland, bzw. aus Berlin. Hierzu gehörten Albert Molls „Handbuch der Sexualwissenschaften“ (1911/1926), Max Marcuses „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft“ (1923/1926) und Magnus Hirschfelds „Geschlechtskunde“ (5 Bände, 1926-1930) die zum ersten Male das sexuelle Wissen ihrer Zeit allgemeinverständlich zusammenfassten.

1921 wurde in Berlin die erste „Internationale Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage „ abgehalten. 1928 folgte die Gründung der „Weltliga für Sexualreform“ mit internationalen Kongressen in Kopenhagen (1928), London(1929), Wien(1930) und Brünn(1932). Ihre sexualreformerischen Forderungen umfassten die politische, wirtschaftliche und sexuelle Gleichberechtigung der Frau, die Befreiung der Ehe von staatlicher und kirchlicher Bevormundung und das Recht auf Ehescheidung, Geburtenregelung und den Schutz unehelicher Mütter und Kinder, Verhütung der Prostitution und der Geschlechtskrankheiten. Ein weiterer Schwerpunkt war der Kampf um eine Reformation des Sexualstrafrechtes. Ein Sexualstrafrecht, das nicht in die Geschlechtshandlungen erwachsener Menschen eingreift, wenn diese auf freiem Willen beruhen, planmäßige Sexualerziehung und Aufklärung. Die Auffassung sexueller Triebstörungen als mehr oder weniger krankhafte Erscheinung und nicht als Verbrechen oder Sünde anzusehen, aber auch die eugenische Beeinflussung der Nachkommenschaft. Ein Gedanke der zu dieser Zeit in vielen bürgerlichen und wissenschaftlichen Kreisen präsent war und auf Akzeptanz stieß. Die traditionalistische Geschlechtmoral der christlichen Kirche mit ihren Sittlichkeitsvereinen und die sexualreformerische Aufklärung standen sich als Feinde gegenüber. Auch staatliche Institutionen mit ihrem konservativen Beamtenapparat standen den Sexualreformern oft ablehnend und restriktiv gegenüber. So sah der Sexologe und Erforscher der erotischen Volkskultur, Friedrich Salomon Krauss, Herausgeber der „Anthropophyteia“ und „Kryptadia“, sich wegen seiner sexologischen Studien heftigen Angriffen ausgesetzt und wurde von einem Berliner Gericht 1928/9 als „gefährlichster Pornograph der Welt“ bezeichnet.

Die deutsche mittelständische Lebensreformbewegung stand dem Sendbewusstsein der Sexualreformer positiv gegenüber und bauten deren Ergebnisse aus wissenschaftlichen und populären Publikationen in ihr eigenes reformerisches Weltbild mit ein. Sie propagierten u.a. eine bewusste Lebensführung im Einklang mit der Natur, gesunde Ernährung und natürliche Kleidung. Auch „sittliche Nacktbadeplätze“ waren bei den Lebensreformern sehr populär. Die Sexualität galt ihnen als legitim und als das Natürlichste auf der Welt. Spätestens seit der Veröffentlichung von „ Das Liebesleben in der Natur“ (1890) von Wilhelm Botschen (1861-1939) setzte sich diese Auffassung durch, so dass der Kampf gegen die falsche Scham und die Einführung der Sexualkunde an den Schulen ihre Zustimmung fand. Neben der theoretischen Sexualreform entstanden ab 1922 hunderte von stationären und mobilen Sexualberatungsstellen und Kliniken durch freie und öffentliche Träger. Bemerkenswert ist dabei die Vielzahl von Laienorganisationen der Arbeiterschaft für die Geburtenregelung. Die Zahl ihrer Mitglieder lag bei ca. 150 000. Ihre Aufgaben lagen im Bereich der Sexualaufklärung, Beratung über Empfängnisverhütung und ungewollter Schwangerschaft, die Ausgabe von Verhütungsmitteln und die Information über medizinische und psychologische Fragen des Geschlechtslebens. Sie hatten klar eine andere politische Zielsetzung als die ab 1926 entstandenen Eheberatungsstellen, die auf eine eugenische, (erb)gesundheitliche Beratung ausgerichtet waren.

Linse, Ulrich, 1998 : 211-226, „Sexualreform und Sexualberatung“  in: „Handbuch der deutschen Reformbewegung“
Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hg.) : 1998,  Peter Hammer Verlag, Wuppertal

Money John , 1985,  „Destroying Angels“,  Prometheus Books, Buffalo, New York

Pastötter Jakob, 2003,  „Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozess“, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden

E. J. Haeberle: The Sex Atlas. The Seabury Press, New York, 1978./ Die Sexualität des Menschen, Handbuch und Atlas , Deutsche Ausgabe, 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin, 1985.
http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/inhalt.html

Die FKK-Bewegung

Die Entstehung der Freikörperkultur ab der Jahrhundertwende stand im Zeichen der Lebensreformbewegung – Nacktheit sollte zum natürlichen Leben, zur Natur zurückführen und man stand ein für einen Kampf gegen Prüderie,  doppelte Moral uns falsche Scham. Vorläufer waren die Naturheilbewegung, in der die Nacktheit als Therapieform eingesetzt wurde, die Turnbewegung – Sport- und Körpertraining spielten bei den Nudisten von Anfang an eine große Rolle und dienten zur Legitimierung der Nacktheit – und die Jugendbewegung, insbesondere der Wandervogel, bei denen das Nacktbaden zur einfachen und natürlichen Fahrtenleben mit dazugehörte.
Die ersten FKK-Vereinsgründungen waren eng an die Zeitschriften „Kraft und Schönheit“(ab 1901) und „Schönheit“ (ab 1903) gebunden und charakterisierten die erotisch-ästhetische Tendenz zu den Anfangszeiten dieser Bewegung. Bei einem dieser Vereine, dem „Deutschen Verein für vernünftige Leibeszucht“ gehörten zum Ehrenausschuss u.a. die Tänzerin Isadora Duncan und der Jugendstilmaler ‚Hugo Höppener, der später unter seinem Künstlernamen „Fidus“, mit seinen Motiven von Religion, Erotik und Naturerleben, insbesondere mit seinem Bild „Lichtgebet“ zu einem der Emblematiker der Freikörperkultur wurde. Weiterhin gehörte der Journalist und Schriftsteller Vanselow zu diesem Ausschuss. Er war Herausgeber der Zeitschrift „Schönheit“ und gründete 1905 die „Vereinigung für Sexualreform“ mit den Publikationen „Sexualreform“ und „Geschlecht und Gesellschaft“. Später heiratete er die Tänzerin Olga Desmond, die u.a. durch ihre künstlerischen Nackttänze bekannt wurde.

Der psychoanalytisch geschulte Schweizer Lehrer Werner Zimmermann (1893-1982) war ein bekannter Vertreter der Freikörperkultur und der vegetarischen Rohkost. Er bejahte die zeugungsunabhängige sexuelle Lust und wurde im deutschen Sprachraum zum Apostel der von der aus Amerika stammenden „Oneida-Kommune“ propagierten „Karezza-Methode“, die sich aus dem indischen Tantrismus entlehnte.  „Karezza“ bedeutete, die durch bestimmte Körpertechniken und Willenskontrolle erreichte Vermeidung des Samenergusses während des Geschlechtsverkehrs. Auch der Lebensreformer und Jugendstilkünstler „Fidus“ (Hugo Höppner, 1868-1948) bejahte die freie Liebesgemeinschaft und die Karezza- Methode. Dies entsprach anscheinend am ehesten den lebensreformerischen Auffassungen von Sexualität, da man diese, solcherart, durch Selbstbeherrschung „veredeln“ konnte und Empfängnisverhütung betrieb ohne auf künstliche Hilfsmittel angewiesen zu sein. Daneben gab es, beeinflusst durch die Wiener Jugendkulturbewegung um Siegfried Bernfeld (1892-1953) eine kommunistische Richtung, die nicht nur die körperlich-sexuellen Impulse der Jugend zu ihrem Recht kommen lassen wollte, sondern auch die monogame Ehe in Frage stellte und kollektiv- kommunitäre Lösungen für die Versorgung unehelicher Kinder und Mütter propagierte.

Die Aspekte erotischen Interesses bei der „Schönheitsbewegung“ treten aber durch die zunehmende Ideologisierung der FKK-Kultur – durch eine Negierung der erotischen Bedeutung der Nacktheit und ihrer asketischen Reglementierung – zurück und machten sie später, trotz ihres breiten Spektrums von zum Teil gegensätzlichen politischen Gruppierungen, für nationalsozialistische Anschauungen empfänglich. In der Weimarer Republik gab es sozialistisch-proletarische Gruppen wie die „Körperkulturschule“ des Berliners Adolf Koch, denen völkisch-nationale Organisationen wie der „Neusonnlandbund“ von Hans Suren, mit seiner engen Verbindung von FKK und Sportbewegung, gegenüberstanden. Daneben gab es eine Vielzahl von bürgerlich-unpolitischen Gruppierungen und Jugendbewegte wie der Berliner „Birkenhaider Arbeitskreis“ von Charly Straesser. Mit dem Körperkulturfilm „Wege zur Kraft und Freude“(1924/5), der von der linken wie rechten Presse mit begeisterter Kritik bedacht wurde, zeichnete sich eine zunehmende Akzeptanz der Freikörperkultur ab.
In diesem Film wurde das griechisch-olympische Ideal der Körperzucht propagiert. Neben verschiedenen Sportdisziplinen und Gymnastiken, nahm der Tanz eine wichtige Stellung ein. Es wurden folkloristischen Tänzen aus Asien und Afrika vorgestellt und den Tanzschulen von Dalcroze, Laban und Wigmann wurde ausreichend Raum zur Selbstdarstellung gewährt.
Ab 1926 kam es zu keinen Verurteilungen mehr wegen „Nacktbadens mehrerer Personen“ und das unorganisierte Nacktbaden nahm zu. Anfang der 30er Jahre wird von ca. 100 000 organisierten FKKlern ausgegangen von denen ca. zwei Drittel auf sozialistisch-proletarische Gruppen entfielen.  Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die linken Koch-Schulen verboten und bald darauf betraf das Verbot die gesamte FKK-Bewegung. Dies brachte die FKK im Gegensatz zu vielen Aspekten der Weimarer Reformbewegung aber nicht zum Verschwinden, sondern führte zu einer Anpassung und Umstrukturierung an die neuen politischen Machtverhältnisse die dann in einer „völkischen FKK“ mündeten. 1938 wurde dann das allgemeine Verbot formal durch ein Urteil des Preußischen Oberverwaltungsgerichts außer Kraft gesetzt.

König Oliver, 1990, „Nacktheit – Soziale Normierung und Moral“, Westdeutscher Verlag, Opladen

18
Jan
10

Der „pikante“ Film

Im Gegensatz zum frühen pornographischen Film, der überwiegend in Bordellen gezeigt wurde, war der sogenannte „pikanten Film“ anfänglich erlaubt, bzw. geduldet und wurde öffentlich aufgeführt, bis er dann um 1910 verstärkt in den Fokus der Sittenwächter und Polizei geriet.
Der Begriff „pikant“ war um die Jahrhundertwende im bürgerlichen Sprachgebrauch verankert und wurde gleichbedeutend mit Charakterisierungen wie „erotisch“, „anstößig“ und „anzüglich“ verwendet. Pikante Szenen, bzw. Elemente gehörten damals zum festen Repertoire des Varietes und des Postkartengewerbes, bis sie dann im neuen Medium Film ebenfalls einen lukrativen Markt darstellten.

Um die Jahrhundertwende florierte das pikante Postkartengeschäft unter der Bezeichnung „Akademien“, bzw. „Künstlerstudien“ oder „Etudes Artistique“. Diese Aktaufnahmen sollten dem Worte nach als photographische Zeichenvorlagen dienen um Kunststudenten, die nicht genügend Geld besaßen um sich Aktmodelle leisten zu können ihr Anatomiestudium zu ermöglichen. Der wirkliche Kundenkreis dieser Postkarten war allerdings erheblich größer.

Ein bekanntes pikantes Motiv um die Jahrhundertwende war eine Entkleidungsszene der Darstellerin Louise Willy, die damit in dem Pariser Variete Olympia auftrat. Die wesentlichen Phasen dieser Szene wurden weitergehend in einer Serie von Postkarten vermarktet. 1896 wurde dieser Variete-Akt mit der gleichen Darstellerin in dem Film „Le Coucher de la Marie“ von Eugen Pirou auf Zelluid gebracht und fand seinen Weg zum Berliner Apollo-Theater, wo er unter dem Titel „Endlich allein“ im Rahmen von Messters Filmprogramm aufgeführt wurde. Weitere beliebte Motive stellten die „lebendigen Bilder“ dar. Dies waren Sujets in denen die Darstellerinnen leichtbekleidet oder in enganliegenden fleischfarbenen Trikots klassische Themen der Malerei und Bildhauerei nachstellten. Bekannte Motive wie „Die Venus“, „Raub der Sabinerinnen“ oder „Tanz der Salome“ gehörten zum Programm vieler Varietes und wurden auf Postkarten vermarktet und später dann verfilmt.

Bei den „pikanten“ Filmen der frühen Stummfilmära sind folgende Sujets besonders häufig anzutreffen: Tanzszenen, für den Voyeur gestellte Entkleidungsszenen und der „Künstler und sein Modell“. Bei den Tanzszenen waren dies vor allem der Serpentinentanz und der Bauchtanz.
Fatima, eine professionelle Bauchtänzerin, bekannt geworden durch ihre Auftritte bei der Chikagoer Weltausstellung, trat in mindestens vier Filmen in Erscheinung: „Fatima´s Coochee-Coochee-Tanz“ (1896), „Fatima“ (1897), “Fatima, Star of the Orient” (1899),“Fatima, Couchee Dancer” (1903).

Erotische Filme wurden im Rahmen sogenannter „Herrenabende“ gezeigt, bei der neben den bereits genannten auch Filmsequenzen von chirurgischen Operationen sowie über Krankheiten und missgebildete Körper zur Aufführung kamen. Als eine relative Blüte des erotischen Films gilt die Epoche des Wanderkinos. Zumindestens im österreichischen, bzw. deutschsprachigen Raum gelang es den Wanderkinobesitzern der Theaterzensur und den Polizeikontrollen in der Regel zu entgehen, da sie ihre „pikanten“ Filme erst am letztem Tag im Ort aufführten und am folgenden weiterzogen.

1906 existierte in Wien bereits die „Erste Leihanstalt für hochpikante Herrenfilme“. Es folgten weitere Verleiher, wie auch die Anzahl der Herrenabende, die in den ständigen Kinos gezeigt wurden, zunahm. Die Fachpresse publizierte ganz offen Inserate für den Verleih und den Verkauf erotischer Filme. Erotische Produktionen, die die Nacktheit ihrer Darstellerinnen in der Regel nur andeuteten, wurden auch in großer Zahl von den großen Produktionsfirmen wie Messter und Pathe auf den Markt gebracht. Deutlichere erotische und pornographische Filme wurden in der Regel anonym gehandelt, also ohne Angaben einer Produktionsfirma und Personaldaten. Eine bekannte Filmproduktion dieses Genres war die Wiener Filmproduktion „Saturn“. Sie stellte ausschließlich erotische Filme her und vermarktete sie über einen Bestellkatalog. Saturn war eine der wenigen bekannten europäischen Produktionsfirmen dieser Zeit, die offen mit Erotica auf Zelluid handelten. Eine weitere Firma war die deutsche Venus-Film. 1911 beschwerten sich allerdings die Vertreter Deutschlands, Englands, Japans und Italiens beim Wiener Außenministerium über die Einfuhr obszöner Filme der Saturn-Produktion, die daraufhin zum Teil konfisziert oder mit Schnittauflagen versehen wurden.

Der Handel mit erotischen Waren aller Art hatte in den Augen der Sittenwächter ein solches Ausmaß angenommen, das bereits 1910 in Paris eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Pornographie organisiert wurde. In Frankreich griff die staatliche Zensur erstmals 1911 ein, indem sie den dänischen Film „Tanz des Vampirs“ verbot und 1914 den als zu erotisch beurteilten schwedischen Film „Opiumträume“. In Frankreich bestand bis 1928 (dann kamen die surrealistischen Filme in die Kinos) auf dem offiziellen Filmmarkt eine rigide Zensur. Ein Umstand der zu einem florierenden Untergrundmarkt sogenannter „Spezialitäten-Produktionen führte, für die Frankreich in diesem Zeitraum allgemein bekannt war. Aus dem Jahr 1913 sind für Preußen interne Richtlinien der Zensurbehörden für den pikanten Film bekannt. Danach wurden „unsittliche Vorgänge und Handlungen und lüsterne, geschlechtlich anregende, unanständige und anstößige Darstellungen“ beanstandet. Darunter fielen in der Praxis Umarmungs- und Kussszenen, Darstellungen des Ehebruchs, Entkleidungen, Bettszenen, sowie Apache- und Schiebertänze.

Sittenfilme zwischen Aufklärung und „Pikanterie“

Zum Ende und nach dem ersten Weltkrieg wurde in Deutschland eine Reihe von Aufklärungsfilmen produziert. Der Regisseur Richard Oswald drehte bereits 1917 im Auftrag des Kriegsministeriums den Film „Es werde Licht“, der die Bevölkerung über die Geschlechtskrankheit Syphilis informieren sollte. „Es werde Licht“ entwickelte sich wegen des großen Erfolges zu einem Projekt in deren Folge insgesamt 4 gleichnamige Filme entstanden, von denen die ersten beiden von der „Deutschen Gesellschaft zu Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten“ gefördert wurden. Teil 2-4 wurden alle 1918 gedreht. Mit dem vierten Teil, der auch unter dem Titel „Sündige Mütter“ lief, nahm sich Oswald des Themas Abtreibung an. 1926 drehte Richard Oswald einen Remake von „Es werde Licht“ mit dem Titel „Dürfen wir schweigen“ mit Conrad Veidt in der Hauptrolle.

Der Regisseur Richard Oswald war mit dem ursprünglichen Namen Richard W. Ornstein 1880 in Wien geboren. Er kam ursprünglich vom Theater, wo er in Wien bereits Erfahrungen als Schauspieler, Dramaturg und Regisseur gemacht hatte, bis er dann mit 30 Jahren an das Düsseldorfer Schauspielhaus wechselte und ab 1911 erste Filmerfahrungen sammelte. 1913 wechselte er nach Berlin und arbeitete bei der Vitascope (später PAGU) in verschiedenen Bereichen als Werbefachmann bis zum Darsteller und wurde dann als Filmdramaturg und Regisseur tätig. Eines seiner Frühwerke, das „Eiserne Kreuz“ wurde 1915 von der Militärzensur wegen seiner pazifistischen Tendenz verboten und sämtliche Kopien beschlagnahmt. Insgesamt realisierte R. Oswald mehr als 150 Filme. Er brachte u.a. Anita Berber zum Film. Sie spielte in den Filmen „Dida Ibsens Geschichte“, „Prostitution“, „Anders als die Anderen“ und in „Nachtgestalten“ mit.

1919 entstanden eine ganze Reihe von diesen Aufklärungsfilmen, u.a. „Keimendes Leben“/ R.: Louis Ralph, sowie „Prostitution“ und „Anders als die Anderen“, der das Thema Homosexualität aufgriff. Der Regisseur bei beiden Filmen war wiederum Richard Oswald. Zu den Aufführungen dieser Filme wurde in allen Tageszeitungen (Bsp. Hamburg) mit großformatigen Anzeigen geworben. Oswalds Filme waren nur einige in einer Vielzahl von Produktionen, die aber von einer ernst gemeinten Intention, die auf eine sexualreformerische Liberalisierung der betreffenden Gesetze drang, geleitet wurde. Weitere Filme mit ähnlichen Intentionen waren „Kreuzzug des Weibes“ (1926) von Martin Berger, der in die damals aktuelle Diskussion um den Abtreibungsparagraphen 218, bzw. seiner Reformierung oder Abschaffung eingriff. Der Film wandte sich deutlich gegen den §218 und schilderte das fiktive Schicksal einer jungen Lehrerin, die von einem Schwachsinnigen vergewaltigt und geschwängert wird. Der 1928 erschienene Film „Geschlecht in Fesseln“ von Wilhelm Dieterle nahm sich des Themas der Sexualnot von Strafgefangenen an und basierte u.a. auf den Arbeiten von Franz Hollering und Karl Plättner („Eros im Zuchthaus“)

Durch den kommerziellen Erfolg dieser als „Sittenfilm“ bezeichneten Produktionen und aufgrund des Umstandes das zwischen 1918 und 1920 keine Filmzensur bestand, folgte den Aufklärungsfilmen eine Welle von Filmen wie „Hyänen der Lust“, „Der Schrei nach dem Weibe“ oder „Peitschende Sinne“. Die Handlungen  dieser Filme sollen größtenteils nur Aufhänger für pikante Schlüsselszenen wie Entkleidung und Verführung, etc.- gewesen sein. Die Darstellung von Nacktheit war in diesen Filmen ohne weiteres möglich, blieb aber hauptsächlich um die Lust am als abwegigen, skandalösen und verbotenen Empfundenen zentriert.

In der Hochzeit des sogenannten Sittenfilms, nach dem Wegfall der Filmzensur 1918/19 lösten viele dieser Filme Proteste und Diskussionen aus. In mehreren größeren Städten protestierten verschiedene Frauenverbände gegen die „Herabwürdigung der Frau“ in vielen dieser Filme. In Dresden veranstalteten sie einen Protestmarsch gegen die Aufklärungs- und Animierfilme, was in dieser Stadt wiederum die Prostituierten auf den Plan rief, die sich mit einer Resolution für die kinematographische Aufklärung aussprachen.

„Wir gefallene Mädchen beklagen den sittlichen Tiefstand und die Unmoral der „Kavaliere“, die angenehme Stunden mit uns verbringen und uns behandeln, als ob wir Spielbälle wären und ihre selbstverständlichen Opfer. Unsere außerehelichen Kinder schreien nach Rache. Wollen die Damen der Gesellschaft vielleicht noch länger über dieses grenzenloses Elend Stillschweigen bewahren, wort- und tatenlos zusehen! Was in letzter Zeit in den Kinos vorgeführt wurde, sind rein aus dem Leben gegriffene Tatsachen, an denen nichts zu ändern ist.“

Im Mai 1920 wurde ein Reichsgesetz zur Regelung aller Filmfragen erlassen und damit die Filmzensur wieder eingeführt. Ein Verbot dieser Sittenfilme im Rahmen einer neuen institutionellen Filmzensur oder einer freiwilligen Selbstkontrolle, kam den großen Filmstudios, allen voran der Ufa, gelegen, da viele dieser Produktionen von kleineren Studios realisiert wurden, die den Gewinn abschöpften. Das Genre erlebte zum Ende der 20er Jahre eine kurze Renaissance mit Filmen wie „Casanova“/1927, R.: Alexander Volkhoff  und „Eros in Ketten“ /1930, R.: Conrad Wiene.

Weitere Filme, die sich spektakulär mit der Prostitution und Sittenfragen beschäftigten, waren die des Regisseurs G.W.Pabst. So der Film „Die freudlose Gasse“ (1925) dessen Handlung in der Melchiorgasse Wiens, inmitten der Inflationsjahre 1921 spielt. Die Einwohner der durch die Wirtschaftskrise verelendeten  Strasse sind von zwei korrupten Geschäftemachern abhängig. Einem Fleischer(Werner Krauss), der seine Vorräte nur gegen Zusatzleistungen, wie Liebesdienste herausgibt und die Inhaberin eines Modesalons(Valeska Gert), die zwar gegen Kredit verkauft, im Gegenzug die jungen Damen aber in die Prostitution zwingt, u.a. die in Not geratene Marie(Asta Nielsen), Grete (Greta Garbo) und Else (Herta v. Walter). 1929 folgten die Filme „Die Büchse der Pandora“ und „Das Tagebuch einer Verlorenen“. Das Drama „Die Büchse der Pandora“ (1902) von Franz Wedekind wurde 1904 vom Staatsanwalt beschlagnahmt und Wedekind und sein Verleger wurden wegen dem Verbreiten unzüchtiger Schriften angeklagt, schlussendlich aber freigesprochen. Die Verfilmung von G.W. Pabst  mit Louise Brooks in der Hauptrolle des Vamps Lulu entsprach nicht den Erwartungen des bürgerlichen Publikums, die den Film an dem inzwischen populären Theaterstück Wedekinds maß. „Das Tagebuch einer Verlorenen“, die Geschichte einer Prostituierten, wurde ebenfalls mit Louise Brooks in der Hauptrolle realisiert. „Das Tagebuch“  wurde erstmals von Richard Oswald 1918 verfilmt und zwar mit so einem Erfolg, dass im gleichem Jahr ein zweiter Teil nachgedreht wurde. Auf dem gleichen Stoff basiert der Film „Dirnentragödie“(1927, R.: Bruno Rahn).

Achenbach, Michael; Caneppele, Paolo, Kieninger, Ernst, „Projektionen der Sehnsucht – Saturn. Die erotischen Anfänge der österreichischen Kinematographie“,  Filmarchiv Austria, Wien 2000

Elsaesser, Thomas; Wedel, Michael, „Kino der Kaiserzeit“, edition text+kritik, 2002, München
speziell „Der pikante Film“ / S.45-59 von Jean Paul Goergen

Seesslen, Georg, „Erotik – Ästhetik des erotischen Films“, Schüren-Verlag, Marburg, 1996

Thiessen, Rolf , „Sex verklärt – Der deutsche Aufklärungsfilm“, Heyne-Verlag, München, 1995

18
Jan
10

Sexuelle Subkulturen und Boheme als Propagandisten der sexuellen Revolution

Um 1900 herum entwickelte sich in Ascona auf dem Monte Verita` – zuerst als eine Enklave der Münchner Schwabinger Boheme – eine Siedlung, getragen von der Utopie einer autarken, modellhaften Gemeinschaftssiedlung. Für alle, die damals nach Alternativen zur bürgerlichen Gesellschaft suchten, galt diese Siedlung als „Zukunftswerkstatt“ für alternative Lebensformen. Auf dem Monte Verità mischten sich Theosophie und Vegetariertum, Naturheilreformen, anarchistische Gedankengut und künstlerische Avantgarde. Die Siedlung zog so illustre Persönlichkeiten wie Max Weber, Hermann Hesse, M. Bakunin, W. J. Lenin, Trotzki, von Franziska zu Reventlow über C.G.Jung, Otto Groß und Erich Mühsam bis hin zu Isodora Duncan und Mary Wigman an. Direkt auf dem Monte Verità entstand eine Naturheilstätte  und in der unmittelbaren Umgebung ließen sich verschiedene kommuneähnlichen Gruppierungen nieder. Nach und nach entwickelte sich das Projekt Monte Verità weg von dem Ort einer konkreten Utopie und wurde zunehmend kommerzialisiert. Aus der einstmaligen autarken Künstlerkolonie wurde ein Sanatorium mit zahlenden Kurgästen, mit teuren Kurhotels und pompösen Villen.

Otto Groß (1877-1920), Arzt und Psychoanalytiker war einer der ersten Schüler Sigmund Freuds und stieß um 1906 zur Münchner Bohème. Er entwickelte Therapien auf der Grundlage der Vorstellung das die Freisetzung des erotischen Potentials des Menschen die Voraussetzung für jegliche soziale und politische Emanzipation ist. Dementsprechend versuchte er sein Klientel zu „Sexualimmoralisten“ zu entwickeln. Erich Mühsam (1878-1934) Dichter, Anarchist und Humanist verkehrte zu diesen Zeiten ebenfalls in den Kreisen der Münchner Boheme und vertrat ähnliche Positionen wie Otto Groß in puncto Kritik an der Institution Ehe und Familie und setzte sich in einer Reihe von Texten und in seinem Theaterstück „Die Freivermählten“ (1909)für die freie Liebe ein.  Im Rückblick auf seine Zeit in der Münchner Bohème schrieb er: „Die Formen des Liebeslebens, wie sie die künstlerische Bohème sorglos und um Theoreme unbekümmert im Genießen umsetzt, waren für mich… Schulbeispiel für die Möglichkeit freiheitlicher Weltgestaltung“

Gräfin Franziska zu Reventlow (1871-1918)  theoretisierte nicht so sehr über die „freie Liebe“, sondern lebte sie. Reventlow galt vielen damaligen Zeitgenossen als die Inkarnation der erotischen Bewegung um die Jahrhundertwende, als Frau war sie für die Bohèmiens das Idealbild einer „freien Frau“. Erich Mühsam bezeichnete sie als den „innerlich freiesten und natürlichsten Menschen, dem ich begegnet bin“. Reventlow stand der damaligen bürgerlichen Frauenbewegung eher reserviert und skeptisch gegenüber. Sie war der Meinung, dass die Emanzipationsbestrebungen der bürgerlichen Frauenbewegung  zwar zu einer äußerlichen Gleichstellung von Mann und Frau führen würden, aber nur auf Kosten der Entwicklung einer erotischen Kultur der Geschlechter. Von daher greift sie die bürgerliche Frauenbewegung radikal an: Solange die bürgerliche Frauenbewegung an der christlichen Moral festhalte und die Forderung, eine spezifisch weibliche erotische Kultur zu entwickeln, nicht berücksichtigt, sei sie „die ausgesprochene Feindin aller erotischen Kultur, weil sie die Weiber vermännlichen“ wolle und „die Männer zur Askese“ erziehe.

„So geht mir doch mit der Behauptung, die Frau sei monogam! – weil ihr sie dazu bringt, ja! Weil ihr sie Pflicht und Entsagung lehrt, wo ihr sie Freude und Verlangen lehren solltet. Weil ihr kein Schönheitsgefühl im Leibe habt. Was ist denn ästhetischer und im wahren Sinne moralischer: wenn ihr euere blühenden Mädchen zu abgestorbenen Gespenstern macht und euere Söhne in Bordell schickt, oder wenn ihr sie sich miteinander in der Schönheit ihres Lebens freuen laßt.“

Trotz der Kritik an der Frauenbewegung hatte Reventlow freundschaftliche Kontakte zu  verschiedenen Frauenrechtlerinnnen wie z.B. zu Anita Augsburg (1857-1943) und ihrer Lebensgefährtin Lydia Gustava Hyman (1868-1943), Lesbierinnen die dem radikalen Flügel der Frauenbewegung vorstanden. Aus materieller Not arbeitete sie gelegentlich als Prostituierte und engagierte sich bei dem „Deutschen Zweigs der Internationalen Abolitionistischen Föderation“, die gegen das staatlich reglementierte Bordellsystem und die sittenpolizeiliche Diskriminierung der von ihr erfassten Frauen kämpften. – Franziska zu Reventow verunglückte 1918 mit dem Fahrrad in Ascona tödlich.

In der Weimarer Republik radikalisierte die Boheme die Sexualreform zur erotischen Rebellion. Schwule und lesbische Subkulturen traten in den Großstädten in die Öffentlichkeit. Sexualisierte Tänze sorgten Anfangs für Skandale und kamen dann in Mode, bis hin zur Stilisierung von Anita Berbers „Tänze des Lasters“ auf der Bühne. In den 20er Jahren wurde die Homosexualität von Frauen als modisches Accessoire gesellschaftsfähig. Viele Bühnenkünstlerinnen wurden lesbische Neigungen nachgesagt ohne das dies ihrer künstlerischen Laufbahn schadete. Berühmte Beispiele waren neben Anita Berber und Marlene Dietrich u.a. Margo Lien, Jeanne Mammen und Renee Sintenis. Andere wie Claire Waldhoff bekannten sich offensiv in der Öffentlichkeit zu ihren sexuellen Vorlieben. Im Berlin der 20er Jahre entwickelte sich eine lebendige Subkultur von homosexuellen Frauen mit einer Vielzahl von Bars, Cafes und Clubs. Viele dieser subkulturellen Freiräume waren allerdings nur einer ausgewählten Bevölkerungsschicht zugänglich. Das Leben in vielen der Clubs und Varietes rund um Revuen, Gesellschaften und Tanzvergnügen stand denjenigen zur Verfügung die über ausreichend Geld, Zeit und Verbindungen verfügten, während ein großer Teil der Bevölkerung in Zeiten der Inflation und Arbeitslosigkeit existenzielle Sorgen hatte.

Mit der lesbischen und schwulen Subkultur entstanden auch zahlreiche Zeitschriften. Zuerst etablierten sich die Publikationen der Schwulenbewegung. Die erste Zeitschrift war „Der Eigene“, die bereits 1888 gegründet wurde und bis 1906 erschien und nach langer Pause im Zeitraum 1919 – 1932 wieder publiziert wurde. Eine weitere Zeitschrift war beispielsweise „Die Freundschaft“. Im Zeitraum 1924 – 1933 erschienen in Berlin eine Reihe von Zeitschriften für homosexuelle Frauen die größtenteils von den Verbänden „Deutscher Freundschaftsbund“ und dem „Bund für Menscherrechte“ in denen homosexuelle Männer und Frauen organisiert waren, herausgegeben wurden. Diese Zeitschriften waren am Kiosk und über den Versand erhältlich, wurden aber teilweise unter den Paragraphen §184 R Stg B (Verbreitung unzüchtiger Schriften) und dem 1926 erlassenen „Schund- und Schmutzgesetz“ verboten. So z.b. die Zeitschrift „Frauenliebe“ der dann als Ersatz die „Frauen, Liebe und Leben“ und später die „Garconne“ folgten, genauso wie „Die Freundin“ mit der Ersatzzeitschrift „Ledige Frauen“.

Schader Heike, 2003, „Virile, Vamps und wilde Veilchen“,  Ulrike Helmer Verlag, Königsstein/Taunus

Auch reguläre Männermagazine gab es bereits um die Jahrhundertwende, Kunst und Photomagazine und Journale, die ihren Schwerpunkt auf der Berichterstattung des Varietegewerbes und ihrer Stars hatten. Eines der bekanntesten erotischen Magazine des 19. Jahrhunderts war das englische Magazin „The Pearl“, welches monatlich im Zeitraum zwischen Juli 1879 bis Dezember 1886 erschien. Die Gesamtausgabe in drei Bänden mit über 500 Seiten umfasst 36 „obszöne“, kolorierte Lithographien, sechs Romane, die in Fortsetzung erschienen und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, Gedichten und verschiedenen Kolumnen. Das Magazin welches als erstes regelmäßig Nacktphotographien veröffentlichte, war „Camera Work“, seit 1902 von Alfred Stieglitz herausgegeben. Nicht alle Photos waren Aktphotographien, aber sie gehörten zum festen Bestandteil des Magazins, das z.b. Portofolios von Photographen wie Annie Brigman, Clarence Whitehead, Robert Demarchy, Renee Le Begue und Frank Eugene veröffentlichte. Die meisten Produktionen kamen zu dieser Zeit aus Frankreich, während Deutschland  nach dem ersten Weltkrieg mit einer Vielzahl von Nudistenzeitschriften und Magazinen sexueller Subkulturen eine weitere Vorreiterstellung einnahm.



Die Reduktion der Sexualwissenschaft auf eine akademische Disziplin

Die Lebensreformbewegung mit ihren sexuellen Emanzipationsbestrebungen blieb, im Rückblick betrachtet, bei einigen zaghaften Fortschritten in Fragen der sexuellen Aufklärung, der Geschlechterrolle und Partnerwahl und der Enttabuisierung des menschlichen Körpers stehen. Die von ihnen propagierte Nacktkultur diente ihnen als „Hauptmittel gegen die geschlechtliche Überreizung“. Sie waren entschieden gegen die Prüderie und falsche Scham, aber die Nacktheit wurde, kaum das sie möglich geworden war, schnell wieder ritualisiert und ideologisiert, entweder unter eine „natürliche Reinheitsmoral“ gestellt oder dem Leistungszwang zur körperlichen Gesundheit und Tüchtigkeit unterworfen.  Die Struktur und Geschichte der modernen Industriegesellschaft haben die Revolutionierung des Sexualverhaltens, im Sinne der kapitalistischen Logik, sowohl ermöglicht als auch legitimiert. Gleichzeitig- und nicht minder nachhaltig- haben sie die Entfaltungschancen und die Legitimität jener Impulse eingeschränkt die historisch ihren Ausdruck in sozialrevolutionären Gedanken und Aktivitäten fanden.

Die heutige Sexualwissenschaft, deren Wurzeln in den sexualreformerischen Bestrebungen in der Zeit zwischen den Weltkriegen liegen, hat nicht mehr den Stellenwert in der Gesellschaft wie zu ihrer Entstehungszeit. Nach ihrer Zerstörung durch den Faschismus in Europa, verblieben viele wissenschaftliche Ressourcen in den USA. Neben dem Kinsey Institute, welches über umfangreiche Materialien über die Entwicklung und den Umfang der Sexualforschung vor 1933  in Deutschland verfügt, gibt es das Masters-and-Johnson-Institute in St. Louis, welches zum Sexualtherapeuten ausbildet und in San Francisco  befindet sich das Institute for Advanced Study of Human Sexuality, eine private sexualwissenschaftliche Hochschule. Weitergehend bieten verschiedene Universitäten,  z.b. in San Francisco, Philadelphia und New York Studienprogramme über menschliche Sexualität an.

Unter dem Einfluss der Kriminalpsychologie wurden Theorien entwickelt, die u.a. besagen, dass jeder Mensch in seiner Kindheit, schon in seiner frühen Sozialisation, eine sogenannte „lovemap“ entwickelt, die den Grundbaustein für die späteren individuellen Sexualstrategien liefert. Heterosexualität gilt weiterhin als Norm. Abweichendes Sexualverhalten wird in sogenannten „Paraphilias“ systematisiert und psychologisch, sexualwissenschaftlich analysiert und erklärt. Der in der Gesellschaft weitverbreitete Hang zum Voyerismus gehört ebenso dazu wie Homosexuellen und Lesben und die sexuellen Subkulturen der Transvestiten. Sadomasochisten und Fetischisten bis hin zu den extremen Formen wie Geschlechtsverkehr mit Leichen oder Tieren und mit Gewalt behafteten Akten in denen mindestens eine Person unfreiwillig beteiligt ist. Gemäß dieses wissenschaftlichen Erklärungsmodels suchen viele Sexualwissenschaftler, Soziologen und Psychologen in den Lebensläufen von Prostituierten , bzw. Menschen die in der Sex-Branche arbeiten, nach abweichenden „lovemaps“  und einschneidenden Kindheitstraumatas und stellen damit einen Blickwinkel fest, der dem Versuch einer Entstigmatisierung und Anerkennung der Sexarbeit als regulären Geschäftsbereich entgegenläuft. Andererseits ist es den grundlegenden Initiativen der Sexualwissenschaft zu verdanken, das in den westeuropäischen und nordamerikanischen Metropolregionen eine weitgehende Akzeptanz oder zumindestens Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensentwürfen und zu Fragen der Verhütung und Abtreibung besteht. Weitergehend haben die Gender- und Queer- Diskussionen, hervorgegangen aus einer Schnittmenge der Kultur- und Sexualwissenschaften, seit den 80er Jahren erheblich mit dazu beigetragen den Emanzipationsprozess verschiedener sexueller Subkulturen zu fördern und die Kritik an der androzentrischen Weltsicht zu fundieren Diese aktuellen Diskurse  verbleiben aber oftmals im universitären Milieu und in dem Bereich der betreffenden Szenen. Die Sexualwissenschaft vor dem 2. Weltkrieg hingegen, hatte den Anspruch sich in ihren gesellschaftspolitischen Ansätzen weitgehend an die gesamte Bevölkerung zu richten, was über eine Vielzahl von Sexualberatungsstellen und einer politische Massenbewegung auch versucht wurde.