Archive for the 'USA Sexindustrie' Category

11
Jan
10

Die us-amerikanische Sexindustrie – Inhalt

Die us-amerikanische Sexindustrie

Preface
Pornographie – Der neue Massenmarkt
Events, Konferenzen und Traderorganisationen der Sexindustrie

Sexindustrie und organisierte Kriminalität – Der Blickwinkel  der Finanz- und Strafverfolgungsbehörden

Preface
Exkurs : Die italienische Mafia
Die Prohibition (1920-33)
Staat und organisierte Kriminalität – ein Gegensatzpaar?
Die Anfänge der Porno-Industrie in der Illegalität
Die Porno-Mogule in den 1970ern – Mohney, Thevis und Sturmann
Miporn – Die staatliche Bekämpfung der Schattenwirtschaft

Ein kurzer Abriss der Geschichte der US- Zensur

„Obszönität“ als ein Kampfbegriff gegen Literatur, Theater, Kunst und Sexualaufklärung
Samuel Roth, Grove Press und Pin Ups – Die Neudefinition des Obszönitätsbegriffs
Der „Production Code“ und der  « Comics Code Authority“

Republikaner und Demokraten – zwischen Antipornokreuzzügen und Laissez faire

Die Entwicklung der US-Filmindustrie und des Pornofilm-Genres

Von den Nickelodeons zur Hays Office
Subgenres des Films, Stag- und Explotationfilme
San Francisco – Ein Zentrum der Subkultur und Pornoproduktion
Vom Hinterzimmerkino zum Mainstream
Der Videomarkt
Der Kabel-, Satellit-, und  InternetPay TV- Markt (IPTV)
“Sexworking“ in der Filmbranche
Die homosexuelle Pornobranche

Unternehmen der us-amerikanischen Sexindustrie

Hustler, Playboy, Penthouse – Vom Männermagazin zum Holding
Unternehmen der Film- und Videobranche
Unternehmen des „Direct-to-home“-Marketingkonzeptes via Internet

Stripbars, Toys und Telefonsex – Weitere Segmente der Sexindustrie

Telefonsex
Stripclubs in den USA
Sextoys – Produzenten, Versandhäuser und Shops
Spotlight Australien
Biographie

11
Jan
10

Die us-amerikanische Sexindustrie

Creative Commons License
Pornographie, Moral und Sexindustrie von Peer A. Gosewisch steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Preface

Die „Sex-Industrie“ bezieht sich auf Organisationen, Eigentümer, Manager und Arbeiter, die in kommerziellen Sexunternehmen involviert sind. „Sex-Work“ oder „Sex-Arbeit“ ist ein genereller Term für kommerzielle sexuelle Dienstleistungen, Performances oder Produkte, die gegen Bezahlung angeboten werden. Diese Industrie war aufgrund der Gesetzeslage und des sozialen Stigmata lange Zeit an den Rotlichtvierteln urbaner Zentren und deren spezifischen sozialen Milieu verortet. Mit der allgemeinen Liberalisierung und der Lockerung der moralischen Konventionen seit den 60ern, aber vor allem durch die neuen Technologien von Video, Computer, Kabelfernsehen und Handy, hat sich dieser Bereich zu einer bedeutenden Industrie mit einem Massenmarkt entwickelt.

Unternehmen aus dem Printbereich wie Playboy, Hustler, Private und Penthouse bauten bereits in den 80ern eigene Videoeditionen auf und weiteten ihr Branding auf andere  Segmente wie Assecoires und Gentlemens Clubs aus. Mit der Entstehung des World Wide Webs bauten alle Majors dieser Branche ihre Internetpräsenzen auf. Playboy und die europäische Private Media erkannten frühzeitig das Potential dieser Technologie und investierten in das Pay-TV und Internetsegment. Viele Filmproduktionen und Erotika-Versandhäuser haben sich durch das Internet einen Massenmarkt erschlossen, während andere Unternehmen, die vormals im Bereich Telefonie/Mehrwertdienste tätig waren, ihre Logistik nutzten um eigene Webunternehmen aufzubauen. Geschäftskooperationen und Kapitalbeteiligungen mit regulären Unternehmen aus der Finanzwelt und Majors aus der Internet, Kabel- und Satellitennetzwerkbranche waren die zwangsläufige Konsequenz dieser Entwicklung.

Die Sexindustrie hat in den vergangenen 20 Jahren enorme Zuwachsraten und exorbitante Umsätze zu verzeichnen. Wobei die USA inzwischen den weltweit größten Anteil an der Produktion von pornographischer Ware hält. Der Porno ist von der Öffentlichkeit des Kinos in die Privatsphäre der einzelnen Haushalte gewechselt. Videos, Kabel-TV und der Computer sind Massenartikel geworden, dessen spezielle Angebote die ehemaligen Erwachsenenkinos fast vollständig ersetzt haben. Nach einem Report des „California Department of Justice“  aus dem Jahr 1978 soll die us-amerikanische Pornoindustrie bereits zu dieser Zeit einen Umsatz von 4 Milliarden Dollar erzielt haben. Nach einer konservativen Schätzung von „Forrester Research“(Cambridge, Mass.) von 1998 soll sich dieser Umsatz, mit 10 Milliarden Dollar, mehr als verdoppelt haben.

Der Verleih von Hardcore-Videos betrug 1985 in den USA 75 Millionen und stieg bis 1998 auf 686 Millionen an und inzwischen gibt es an die 25 000 Läden, die solche Videos verleihen. Allein 1996 gaben die Amerikaner nach Schätzungen des “US News & World Report“ acht Milliarden Dollar für den Kauf und die Ausleihe von „X-rated“-Videos, Live-Sexshows, Porno&Sexmagazine, Computerpornographie und dementsprechende Angebote in den Kabelprogrammen aus. Eine weitere Billion für den kommerziellen Telefonsex. Nach der Traderorganisation „Adult Video News(AVN)“ lag der Umsatz in diesem Jahr um ca. 2-3 Milliarden höher. Exakte, nachprüfbare Daten sind allerdings schwer erhältlich. Forrester Research ging 1998 in einem Report über die us-amerikanische Online-Adult-Content-Industrie von einem Umsatz  von 750 Millionen Dollar bis zu einer Milliarde aus. Ein weiterer umfassender Industrie-Report aus dem Jahr 2001, der in Zusammenarbeit mit den Firmen „Adams Media Research“ und „Veronis Suhler Communications“ erstellt wurde, veranschlagt den Umsatz mit pornographischen Videos auf 1,8 Milliarden Dollar, den des Internet auf eine weitere Billion, den Umsatz mit pornographischen Magazinen ebenfalls auf eine Billion  – und 128 Millionen Dollar auf die zu der Zeit noch recht neue Bezahlform des „Pay-Per-View“-Verfahrens. Dieser Report kommt damit auf einen Gesamtumsatz  der Sexindustrie von 3,9 Milliarden Dollar, wobei die umsatzstarken Segmente der Prostitution und des Versandhandels und Direktverkaufs  von Sextoys nicht berücksichtigt wurden.

Die US-Sexindustrie ist aufgrund einer Vielzahl von Publikationen, den vielen Adult-Webmasterforen und dem Trade-Magazin AVN weitaus transparenter als die Branche in Europa. Verlässliche Daten zur realen Ökonomie schwanken allerdings erheblich und scheinen von dem jeweiligen politischen Standpunkt beeinflusst zu sein. Während seitens dieser Industrie und von Vertretern einer liberalen Grundhaltung die wirtschaftliche Bedeutung für den Staatshaushalt hervorgehoben und mit dementsprechenden Bilanzen untermauert wird, versuchen konservative Kreise und erklärte Pornographiegegner die wirtschaftliche Bedeutung herunterzuspielen und liefern ihrerseits dazu die nötigen Fakten. So kam es im Mai 2001 in den Artikeln zweier einflussreichen US-Publikationen zu Schätzungen des Umsatzes der Sexindustrie, die um über 6 Milliarden Dollar differierten. Das New York Time Magazine ging in ihrem Artikel „Naked Capitalists: There’s No Business Like Porn Business“, von einem Gesamtumsatz von 10 bis 14 Milliarden Dollar aus, das Magazin Forbes hingegen veranschlagte die Summe zwischen 2,6 bis 3,9 Milliarden Dollar. Der Autor des 2003 erschienenen Buches  „EroticaBiz – How Sex shaped the Internet“, Lewis Perdue geht von einem legalen, also versteuerten Gesamtumsatz von 16,2 Milliarden aus, zusätzlich – bei der Annahme von 500.000 Prostituierten in den USA, von einem illegalen Gesamtumsatz in Höhe von zusätzlichen 15 Milliarden Dollars. (Prostitution ist in den USA bis auf wenige Ausnahmen im Bundesstaat Nevada verboten.) Nach einer Schätzung von Adult Video News (AVN) soll der Umsatz der US-Sexindustrie im Jahr 2005 $12.6 Milliarden betragen haben. Für diese Schätzung wurden Reports von Kagan Research, Jupiter Research,  New York Times, Forbes und der Free Speech Coalition mit herangezogen.

Im Gegensatz zu Europa haben die Geisteswissenschaftler in den USA weit weniger Berührungsängste gegenüber der „Popular Culture“ zu dem das Genre Pornographie zuzurechnen ist, nachdem sie sich von einer gesellschaftlichen Randerscheinung zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor und gesamtgesellschaftlichen Phänomen entwickelt hat. Dies hängt u.a. damit zusammen, das die Sexualwissenschaft, nach ihrer zeitweiligen Zerstörung durch den Faschismus in Europa, zunächst besonders in den Vereinigten Staaten wiederbelebt wurde. Neben den langjährig wirkenden Kinsey- und dem Masters-and-Johnson-Institut, gibt in San Francisco eine private sexualwissenschaftliche Hochschule, das „Institute for Advanced Study of Human Sexuality“ und eine Vielzahl von Universitäten bieten dementsprechende Studienprogramme an.

In den USA soll es ca. 50 Universitäten geben, die innerhalb dementsprechender Studiengänge Kurse zum Thema Pornographie anbieten. Neben etlichen filmwissenschaftlichen Seminaren, Kurse wie „Exploring Cybersexualities“ im Rahmen des Multimedia-Studiengangs der San Francisco State University oder „Pornography: the Writing of Prostitutes“ an der Wesleyan University, wo die Studenten eigene Kurzgeschichten und Videotapes realisieren.

Bereits 1998 wurde in Los Angeles eine „World Conference on Pornographie“ veranstaltet an der hunderte hochrangige Vertreter vieler wissenschaftlicher Disziplinen und juristische Experten teilnahmen. Organisatoren waren das „Center for Sex Research“ an der California State University. Nach einer Statistik des „Penguin Atlas of Human Sexual Behavior“ (2000/Mackacay Judith) bezeichnen 23% aller amerikanischen Männer und 11% der Frauen sich selbst als Konsumenten von Hardcorepornographie.

Der amerikanische Markt der Sexindustrie ist nach seinem wirtschaftlichen Umfang und seiner ökonomischen Bedeutung wesentlich besser erfasst, als dies in Deutschland der Fall ist. Mit Abstand am besten erfasst ist der us-amerikanische Videomarkt seit Mitte der 80er Jahre, dies geht vor allem auf das Trader Magazin „Adult Video News (AVN)“ zurück, die seit 1986 regelmäßig Zahlen zu Produktion und Umsatz veröffentlichen. Von der Entstehungsgeschichte dieser Branche bis in die 80er Jahre des 20.Jh. ist die Datenlage sehr ungenau, da viele Unternehmen in ihrer Anfangszeit in der Illegalität operierten und die Grauzone zur organisierten Kriminalität immer noch einen einflussreichen Faktor darstellt. Die Entwicklung der Branche liest sich aufgrunddessen überwiegend als eine Geschichte der Strafverfolgungsbehörden und der Zensur und den politischen Emanzipationsversuchen vor diesen Instanzen. Für den Zeitraum der letzten 10 Jahre bietet sich das Internet als Informationsquelle an und speziell für das Segment der Online-Pornographie die verschiedenen Adult-Webmaster-Foren  und  das e-Buch „EroticaBiz – How Sex shaped the Internet“ von Lewis Perdue. Weitere aufschlussreiche Literatur stellen die Publikationen „Porn Gold- Inside the Pornography Business“ von David Hebbditch/Nick Anning, 1988, “Porn – Myths for the 20. Century”, Stoller Robert J., 1991 und „Sex for Sale“, Weitzer Ronald (Hg.), 2000 dar. „Porn Gold“ versucht im Zeitraum 1950 bis in die 80er die Situation des europäischen Marktes zu erhellen, während die anderen beiden Bücher ihren Fokus ausschließlich auf den us-amerikanischen Markt haben.


Was die genannte Literatur, vor allem das Buch von Robert Stoller betrifft, ist die Person von William (Bill) Margold erwähnenswert, der als einer der wenigen Personen in der Lage war, kenntnisreiche Einblicke in dieses Business zu verschaffen. William (Bill) Margold, seit den 70ern ein Pornodarsteller, arbeitete in verschiedenen Bereichen der Sexindustrie, als Journalist für Hustler, Publicity-Direktor, Talentscout und überwiegend als Berater. Nach dem Selbstmord einer Bekannten, dem Pornostar Savannah, 1994, mitbegründete er die „Free Speech Coalition (FSC)“ , ein Internet-Board, 24 Stunden über Chat und Telefon erreichbar, u.a.für Pornodarsteller, die ihre persönlichen, berufsbezogenen Probleme nicht alleine bewältigen konnten. Es entwickelte sich zu einem Selbsthilfe-Board, das 1995 in „PAW (Protecting Adult Welfare)“ umbenannt wurde. Seine Karriere begann 1972 als er für das Adult-magazin „Hollywood Press“ Artikel verfasste, kurze Zeit darauf begann er als Darsteller und als Mitarbeiter in einer Castingagentur zu arbeiten. Im Zeitraum 1973-82 soll er über die Hälfte der in Kalifornien produzierten Pornos gecastet haben. 1984 gründete er zusammen mit Jim Holliday die „X-Rated Critics Organization (XRCO)“ und später die „FOXE – Fans of X-rated Entertainment“, die jährlich ihre eigene Award-Show kreeiren. Ab 1985 (bis 1991) stand er dem Akademiker Robert Stoller, einem Psychiater und Soziologen, der über die Arbeitverhältnisse in der Sexindustrie forschte, als Interviewpartner zur Verfügung und vermittelte weitergehende Kontakte. Durch dessen Veröffentlichungen in den 90ern (u.a. “Porn and Coming Attractions”), wurde Margold in der lesenden Öffentlichkeit Amerikas bekannt. Stollers Werk trug nicht unerheblich zu einem objektiven Diskurs über die Sexindustrie mit bei. 1998 beendete William Margold seine Tätigkeit als Pornodarsteller.
Eine weitere, mit Vorbehalt zu gebrauchende Ressource, da viele Postings auf ihren Wahrheitsgehalt nicht überprüft werden können, war die Webseite lukeford.com, die einen deutlichen Blog-Charakter hatte.  Luke Ford beobachtete die Sexindustrie in den USA seit 1995, seine Erstveröffentlichung erfolgte 1999 mit „A History of X: 100 Years Of Sex In Film“ (Prometheus). Bekannt geworden ist er aber durch seine Arbeit über das organisierte Verbrechen, sowie  Anekdoten und Geschichten über Pornodarsteller und Internas dieser Industrie, die er auf seiner 1997 gegründeten Webseite publizierte. Er veröffentlichte auf seiner Seite alles was ihm angetragen wurde, auch kontroverse Standpunkte, ohne allerdings vorab den Wahrheitsgehalt der Informationen zu überprüfen. Populär wurde die Seite u.a. durch eine Story über einen HIV-infizierten Pornodarsteller und dadurch das die wirklichen Namen mehrerer Pornodarsteller, die nur unter ihren Künstlernamen bekannt waren, veröffentlicht wurden.  Die Webseite wurde 2000 eingestellt, 2004 aber wieder relaunched, inzwischen sind die informellen Ressourcen auf dieser Seite nicht mehr vorhanden und werden stattdessen auf der Webseite http://www.lukeisback.com weitergeführt.

Pornographie – Der neue Massenmarkt

Vor 40 Jahren war die Pornoindustrie so gut wie nicht einsehbar und bestand aus der Produktion und dem Vertrieb von Magazinen, Erotika, Stag-Filmen und Peepshows, die allesamt in den Rotlicht-Bezirken gettoisiert waren. In Europa übernahmen Dänemark und Schweden bei der Legalisierung von Pornographie eine  Vorreiterrolle. 1967 wurden in Dänemark pornographische Schriften, 1969 dann auch visuelles Material legalisiert. Schweden hob 1969 das Pornographieverbot auf. Deutschland, wo sich bereits seit Mitte der 60er Jahre eine umsatzstarke Sexfilmindustrie etabliert hatte, folgte 1973. Ein prosperierender Wirtschaftszweig, der lange in der Grauzone des Rotlichtmilieus und der Illegalität verdeckt operierte, konnte sich ab  diesem Zeitpunkt legal entfalten. In den USA veränderte sich die juristische Ausgangslage 1973 mit dem Gesetz „Miller v. California“, in welchem die Entscheidung was obszön war und nicht, anstatt einer zentralen Bundesbehörde, den einzelnen Kommunen überlassen wurde. In einzelnen Bundesländern verschärfte sich die Gesetzesgebung zwar, aber durch die unterschiedliche Gesetzesauslegung taten sich Lücken auf die von dezentralen Produktions- und Vertriebsorganisationen genutzt werden konnten, so dass sich ab diesem Zeitpunkt, mit dem beginnenden Videoboom, Pornographie zu einer Industrie  mit einem Massenmarkt entwickeln konnte.

Mit den neuen Technologien des Satelliten-Fernsehens, Pay-TV und dem Internet wurde die Distanz zwischen Produzenten und Konsumenten von pornographischem Material noch geringer. Internet und Kabel-TV ermöglichten komplikationslos den anonymen Konsum von Pornographie. Einige Firmen die durch den Videoboom zur ansehnlicher wirtschaftlicher Größe gewachsen waren, wie auch die Majors aus dem Print-Bereich, nutzten die neuen Möglichkeiten zur vielfältigen Vermarktung mit dementsprechenden Gewinnen. Mitte der 90er Jahre entwickelten sich Wirtschaftspatenschaften mit „regulären“ Konzernen wie „AT & T“, „Marriot“ und General Motors, welcher Besitzer der Satellit-TV-Gesellschaft „Direc TV“ war.. Die drei größten Hotelketten der USA, Hilton, Marriot und Western sind mit ihrem Kabel-TV über die Kabelnetzwerke von „Lodgenet“ und “OnCommand.Video” am Pornogeschäft beteiligt. Durch den Zusammenschluß von AT&T und Camcast Corparation ist der größte Kabelnetzwerkbetreiber in den USA entstanden und somit die größte „Pipeline“ für pornographisches Material. Für die Kabel- und Satelliten-Kompanien ist das Geschäft mit der Sexindustrie besonders lukrativ. Im regulären Bereich kassieren sie ca. 50% der Gebühren die vom Endverbraucher erhoben werden, im pornographischen Segment sind es bis zu 80%.

Inzwischen sind es reguläre Geschäftsleute die das Business in der Sexindustrie betreiben. Einige wenige große Unternehmen sind verantwortlich für einen Grossteil der pornographischen Ware die in den USA produziert wird. Man setzt auf Pornographie als Massenprodukt und versucht juristische Probleme durch Selbstregulation zu vermeiden. Die pornographischen Formula haben sich durch die öffentliche Diskussion und aufgrund einer veränderten Konsumentenhaltung – vor allem durch die steigende Anzahl weiblicher Konsumenten- verändert. Das Nischensegment boomt und der Trend geht in Richtung qualitativer Produktionen und Filmen mit komplexeren Handlungsrahmen.

Events, Konferenzen und Traderorganisationen der Sexindustrie

1984 gründete Paul Fishbein das Wirtschaftsmagazin der Sexindustrie „Adult Video News„, welches inzwischen maßgebliche Standards in dieser Industrie setzt. 1999 übernahm AVN die „IA2000 Internet & Phone Sex Convention“ mit ihrem monatlich erscheinenden Magazin, welches in „AVN-Online“ umbenannt wurde. Bedeutende, jährlich stattfindende Messen und Kongresse für die US-Sexindustrie sind  zum einen die von der AVN organisierten Events, die überwiegend in Los Angeles und Las Vegas stattfinden. Dies sind die „Internext”, die “AVN Adult Entertainment Expo”, die “Erotica LA”  und die „AVN Adult Novelty Expo“. Außerdem gibt AVN einige der entscheidenden Informationsmedien dieser Branche heraus. Die Magazine und Online-Publikationen  „AVN.com“, „InsideAdult.com“ und  „AVNOnLine.com“  AVN veröffentlich regelmäßig anerkannte Statistiken  dieser Industrie und stellt monatliche Bestellerlisten auf. Jedes Jahr  inszeniert AVN auf einer dreitägigen Expo eine Award-Show mit Preisverleihung, beispielsweise für die „Best Anal Sex Scene“, „Best Girl Girl“, bis zur „Best Non-Sex Performance“.

Paul Fishbein soll geschäftliche wie private Verbindungen zu der Firma „VCA“ unterhalten haben. Die Internetauftritte von AVN liefen über die Server von „Babenet“, welche enge Geschäftsbeziehungen zu VCA unterhielt. Der Vizepräsident von VCA, Darren Roberts, kommt ursprünglich von „Babenet“ und Paul Fishbein ist verheiratet mit Kimberly Wilson, die bei VCA für die Vermarktung der Filme via Kabel verantwortlich ist.

Weitere Branchentreffen sind der jährlich mehrmals an verschiedenen Orten stattfindende „Webmaster Access“ mit einer Vielzahl von Seminaren und Möglichkeiten zum Networking, das „Phoenix Forum“ und kleinere Events wie die „XRCO“, die „Cybernet Expo“  und die „Adult Webmaster Events“ Die wichtigsten Magazine, bzw Web-Ressourcen der Online-Pornographie sind neben AVN Online, Klixxx, das 1996 gegründete XBiz World, sowie YNOT.com. Im europäischen Raum sind Venus-Messe, die Events von „Adult Online Europa“(AOE) und „Eurowebtainment“ und die „World Telemedia“ für die amerikanische Branche von Interesse.

1990, unter der ersten Bush-Regierung, wurde gegen einen Großteil der wichtigsten Produzenten von pornographischen Videos Ermittlungsverfahren und Prozesse eingeleitet. Als Reaktion wurde seitens der Sexindustrie die „Free Speech Legal Defense Fund (FSLDF)“ gegründet, die 1992 in die „Free Speech Coalition (FSC)“ umbenannt wurde. Die “Free Speech Coalition (FSC)” hatte in ihrer Anfangszeit weniger als 10 Firmen, die zu ca. 90%  zur Finanzierung der Organisation beigetragen haben. Inzwischen sind es über 15 Hauptsponsoren, deren Beiträge ca. zu 50% den Finanzierungsbedarf decken, während die Anzahl der Mitglieder 2005 – durch Öffnung der Strukturen auf Kleinstunternehmen und Konsumentenkreise –  bei stetig steigender Tendenz, auf über 600 angestiegen war. Die FSC entwickelt sich aufgrund der wachsenden Bedeutung des Internetmarktes von einer Lobbyorganisation  der Adult-Video- und DVD- Industrie hin zu einer Vertretung der pornographischen Film- und Onlineindustrie, sowie deren Konsumenten. Die „Free Speech Coalition” ist auf mehreren Industrie Trade Shows vertreten und unterhält Verbindungen zu anderen Organisationen, wie z.b. der ASACP und der ACE, der Traderorganisation der Nachtclub-Industrie. 2005 etablierte sie die ständige Anwesenheit ihres ersten nationalen Lobbyisten in Washington, in persona Aubrey C. King.

Eine weitere Organisation, die später in der „Free Speech Coalition“ aufging war die „Global Internet Association“. 1996 gründete Mark Tiarra  die “United Adult Sites“, als eine Non-Profit-Organisation für Adult-Webmaster, um juristische und unternehmerische Hilfestellungen zu geben. Nachdem 2000 VISA und andere Kreditkartenunternehmen Gebühren und Strafgelder enorm erhöhten, wurde von einigen der wichtigsten Unternehmen der Online-pornographie die Lobby-Organisation „Global Internet Association“ gegründet, dessen Präsident Tiarra wurde.

Die „Internet Media Protective Association“ (IMPA) wurde von Michael Goldberg gegründet. Goldberg ist Generaldirektor der “New Destiny Internet Group”, die u.a. “homegrownvideo.com” betreibt und einer der führenden Personen die die Interessenvertretung und den Rechtstreit der Branche gegen das Patentportefolio-Unternehmen „Acacia Technologies” wahrnimmt.

Weitere Initiativen, die in Teilbereichen bei bestimmten juristischen Kampagnen und Zensurbestrebungen mit der „Free Speech Coaliation“ und anderen Gruppen der Online-Pornographie zusammenarbeiten, sind verschiedene Sex-Pro- und Bürgerrechtsorganisationen. Dies sind u.a. die „ITCR – The Institute for Twentyfirst Century Relationships” und “NCSF – The National Coalition for Sexual Freedom”. Sie betreiben eine Aufklärungs- und Informations-, wie auch Lobbyarbeit für die freie sexuelle Entfaltung des Individuums und unterstützen sexuelle Minderheiten. Eine weitere Initiative, die “AU – Americans United for the Separation of Church and State”, wurde ursprünglich gegründet um religiöse Minderheiten zu schützen und versteht sich inzwischen als eine Organisation, die gegen die vielfältigen Verflechtungen von staatlichen Institutionen und rechtsgerichteten, fundamentalistischen religiösen Organisationen gegenangeht und über diese Zusammenhänge informiert.  Desweiteren die „ACLU – American Civil Liberties Union”, eine Bürgerrechtsorganisation, die gegen die zunehmende Einschränkung der Bürgerrechte im Allgemeinen, wie im Internet opponiert. Die “NCAC – National Coalition Against Censorship” tritt gegen jegliche Art von Zensur an, von Literaturzensur im Schulsystem, Pressezensur, bis hin zu staatlichen Reglementationen wegen angeblicher Obszönität im Filmbereich und im Internet. Zuguterletzt die “Electronic Frontier Foundation (EFF)” Eine Non-Profit-Organisation, die 1990 gegründet wurde und ihren Sitz in San Francisco/Kalifornien hat. Sie versteht sich als Lobby-Organisation und Advokat auf das Recht der freien Meinungsäußerung wie sie im obersten Gebot der US-Verfassung festgeschrieben ist im Kontext des heutigen digitalen Zeitalters. Ihr Hauptziel ist es die Wahrnehmung für die Bürgerrechte im Kontext der neuen Technologien bei den Medien, Politikern und der allgemeinen Öffentlichkeit zu schärfen und diese Rechte zu verteidigen.

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Jan
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Sexindustrie und organisierte Kriminalität – Der Blickwinkel der Finanz- und Strafverfolgungsbehörden

Preface

Gerade bei dem Thema Pornographie ist es schwer zu entscheiden inwieweit eine Kriminalisierung von Produzenten und Händlern von Pornographie berechtigt oder ausschließlich moralisch intendiert ist. So sind unter der Reagan –und nachfolgenden Bush-Administration viele Pornographen für einen pornographischen Inhalt angeklagt und verurteilt worden, der 20 Jahre später dem regulären und legalen Standard aus der Sicht der staatlichen Regulierungsbehörden entspricht. Der Begriff  „Pornographie“ wurde und wird von verschiedenen Seiten unterschiedlich definiert. Die Bedeutung differiert je nach historischen Kontext und dem sexualpolitischen Standpunkt. Die Definition von „Obszönität“ stellt das wichtigste Werkzeug, welches in der Rechtssprechung über Pornographie verwendet wird und meint einen unzulässigen Tabu-Bruch und eine Grenzverletzung gesellschaftlicher Konventionen. Ein Wertbegriff, der sich aber nicht allgemeingültig bestimmen lässt, da er von den Moralvorstellungen einer Zeit, Kultur, Gesellschaft, Gruppe und dem persönlichen Empfinden Einzelner abhängt. Auf der anderen Seite steht es außer Frage, das – bedingt durch die Illegalität der Produktion und Distribution der Ware Pornographie, bei  einer gleichzeitigen steigenden Nachfrage und den daraus resultierenden hohen Gewinnspannen in der Anfangszeit dieser Industrie, wie auch die Tatsache das dieses Business traditionell im Rotlichtmilieu verortet war –  es zur Herausbildung krimineller Strukturen kam, bzw. das im Zuge der Liberalisierung substanzielle Bereiche dieser Branche unter den Einfluss organisierter Kriminalität gerieten. Nichtsdestsotrotz verlangt die Geschichtsschreibung dieser Branche durch die staatlichen Regulierungsbehörden eine kritische Lesart.

Exkurs : Die italienische Mafia

In Italien haben sich in drei Regionen aus lokal ansässigen Ausprägungen mafiösen Verhaltens mit organisierten Strukturen, verschiedene Familien entwickelt. In Sizilien die „Cosa Nostra“, die ursprünglich aus einer Geheim- und Selbstschutzorganisation der Sizilianer während der Zeit der spanischen Besetzung  hervorgegangen sein soll, in Kampanien die „Camorra“ und in Kalabrien die „Ndrageta“. Alle diese Regionen waren traditionell schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen ausgesetzt, was zur Folge hatte, das die Mafia sich aus einem Selbstverständnis einer „Selbsthilfe-Institution“ heraus entwickelte. Landbesitzer, beispielsweise, schützten sich durch private Anwendung von Gewalt gegen Banditen und aufbegehrende Kleinpächter. In dieser Entwicklungsperiode waren die Mafiagruppen deutlich von der Feudalgesellschaft geprägt und schützten die privilegierten Grundbesitzer, waren darüber hinaus aber auch eine aktzeptierte Vermittlungsinstanz in der Bevölkerung bei Konflikten wie Viehdiebstahl, Arbeitsuche und nachbarschaftlichen Streitereien.

Die Entstehung der Mafia zwischen 1820-60 fällt zeitlich zusammen mit der Entstehung des modernen Staates und dem Niedergang des feudalen Gesellschaftssystems. In Sizilien kam es zu dieser Zeit zu einer gewissen Koexistenz zwischen dem Landadel und dem aufstrebenden Bürgertum, welches die politischen und kulturellen Verhältnisse des Adels imitierte und zunehmend an politischen und wirtschaftlichen Einfluss gewann. Die bourbonische Landreform dieser Zeit sah ursprünglich vor, zur Befriedung der revolutionären Impulse und zur Linderung der sozialen Not, den Landbesitz der Barone und der Kirche zu enteignen und sie den Pächtern zu überlassen.Der neuen politischen Klasse gelang es diese Situation für sich zu nutzen, viele Ländereien unter Kontrolle zu bringen und zu modernisieren. Die verarmte Landbevölkerung ging in der Regel leer aus. Die Agrarbourgoisie hatte eine andere Interessenlage als der Adel, die ihren Gewinn in erster Linie über den Pachtzins und weitere Agrarabgaben sicherte, während inzwischen landwirtschaftliche Produktionsabläufe und lokale Märkte funktionieren mussten um die städtischen Märkte bedienen zu können – somit entstand die Notwendigkeit einer strukturellen Gewalt, die als Ordnungsinstanz ein Funktionieren der Märkte sichern musste.

Die ursprünglichen Vorsteher der Landbarone wurden durch bewaffnete „Campieri“ ersetzt – Feldwächter, die dem Bürgermeister oder den einzelnen Grundeigentümern unterstanden. Sie bildeten eine Art Privatpolizei, die die Erfüllung der Pachtverträge überwachte. In den Revolutionsjahren 1820, 1848, 1860 und 1866 stellten die Grundbesitzer gegen die bewaffneten Bauern und Handwerker, die „Squadre populare“ genannt wurden, eigene paramilitärische Gruppen auf, die sogenannten „ControSquadre“, zum Schutze ihres Eigentums und zur Niederschlagung der Revolutionsbestrebungen. Der Sieg dieser ControSquadre sanktionierte das Recht auf private Gewaltanwendung gegen die Landbevölkerung zur Sicherung des Eigentums und zur weiteren Expansion. So entwickelten sich die Campieri und die ControSquadre zu einer Ordnungsinstanz mit deren Hilfe die Autorität des Landadels und der Aufstieg des neuen Bürgertums abgesichert wurde.

Die Rolle der Mafia während der faschistischen Herrschaft in Italien ist umstritten. Einerseits wurden viele Angehörige der Mafia verhaftet oder immigrierten wegen dem verstärktem Druck der Sicherheitsbehörden in die USA, andererseits sollen die wichtigsten Führungspersönlichkeiten der sizilianischen Mafia mit dem faschistischen Regime konform gegangen sein und nur die unteren Kader gerieten, vor allem zu Propagandazwecken, unter Druck der Anti-Mafia-Kampagne. Andere wiederum stellen diese Darstellung als reine US-Propaganda dar, die dem Zweck dient die Kooperation zwischen der US-Regierung und der Mafia während des 2. Weltkrieges zu relativieren. Viele der Mafiosi, die in die USA immigrierten, engagierten sich in den italienischen Vierteln und Strukturen weiterhin in kriminellen Aktivitäten. Einer von ihnen,  Joseph Bonanno, soll die Kontrolle der gesamten US-Niederlassungen der Mafia übernommen haben. Die Regierung zog Vorteile aus diesen Umständen während der US-Invasion 1943 in Sizilien, indem sie die dortigen Mafia-Kontakte nutzen konnte. Einzelpersonen wie Lucky Luciano, die in den USA inhaftiert waren, wurden so wertvolle „Patrioten“ im Kampf gegen den Faschismus. (Luciano wurde begnadigt und ging 1946 nach Sizilien)

Bis in die 40er/50er Jahre dominierte die italienische Mafia hauptsächlich in agrarischen Regionen, breitete sich dann in den Städten aus und orientierte sich zunehmend international, wobei das Drogen- und Prostitutiongeschäft zu einer der Haupteinnahmequellen wurde. Der eigentliche wirtschaftliche Aufstieg der Mafia in Sizilien begann nach dem 2. Weltkrieg. Dort gelang es ihr im Zeitraum der gesetzlichen Landreformen, unter Zuhilfenahme althergebrachter „Überzeugungstechniken“ zu den größten Landeigentümern Siziliens zu werden. Daraufhin brachten sie die Wasserversorgung und die Großmärkte und den Großhandel unter ihre Kontrolle und konzentrierten sich weitergehend auf das Baugewerbe. Aufgrund ihres so entstandenen ökonomischen und politischen Einflusses konnten sie den Autonomiestatus Siziliens nutzen, der u.a. weitgehende Vollmachten im Kreditwesen vorsah. Die Mafia gründete eigene Kreditbanken und Volksbanken, über die ihre Kapitalgewinne aus den legalen und illegalen Bereichen flossen. Vor allem die Gewinne aus den Drogengeschäften konnten so problemlos gewaschen werden. (Im Zeitraum zwischen 1951 und 1982 erhöhten sich die Zahl der  Banken und Bankfilialen um 124%)

Aufgrund massiven parlamentarischen Drucks (gegen den Widerstand der damaligen christdemokratisch geführten Koalitionsregierung) und nach der Empörung der Öffentlichkeit, die der Ermordung mehrerer Richter, die als Anti-Mafia-Kommissare eingesetzt werden sollten, folgte, wurde 1982 das „La Torre-Gesetz verabschiedet. (benannt nach dem sizilianischen, kommunistischen Parlamentarier Pio la Torre, einem populären Anti-Mafia-Aktivisten) Dieses Gesetz erlaubte erstmals die Beschlagnahme von Finanzmitteln bei denen der begründete Verdacht bestand, dass deren Eigentümer Angehörige einer „Organisation mafiösen Typus“ sind. Außerdem bekam die Finanzpolizei die Möglichkeit bei Banken, Steuerbehörden, Katasterämtern und Regierungsverwaltungen dementsprechende Überprüfungen vorzunehmen. Allein in Mailand wurden 1983 181 Unternehmen mit einem Grundkapital von 500 Millionen DM beschlagnahmt. Hierzu gehörten Firmen aus der Import/Export-, Bau- und Immobilien- und Touristikbranche, die vormals alle als seriös galten. Allerdings resümierte der Präsident der Anti-Mafia-Kommission bereits 1986, das ohne eine Gesetzesreform hinsichtlich der Aktiengesellschaften, ohne ein Abkommen mit einer Reihe ausländischer Staaten zur Minimierung des Kapitalflusses in Steuerparadiese und einer Reglementierung der Investitionen ausländischer Firmen, wie einer Reform der Börsenaufsichtsbehörde, das La Torre-Gesetz nur einen Bruchteil des mafiösen Kapitals erreichen kann.

Die Mafia in den USA

In den USA begann die Mafia ab 1890 in einem ihrer traditionellen Wirkungsbereiche – der Kontrolle von Handelsumschlagplätzen – Einfluss auf den Obsthandel mit Lateinamerika, der überwiegend über den Hafen von New Orleans abgewickelt wurde, auszuüben und Schutzgebühren zu erheben. Als neues Element kam die Einflussnahme und Kontrolle von Arbeiterorganisationen, den Gewerkschaften, hinzu. So konnten die Dockarbeiter in New Orleans nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Mafia, bzw. ihrer Strohmänner ihre Tätigkeit ausüben. Dadurch hatte die Organisation ein wirkungsvolles Mittel um über Arbeitsniederlegungen Druck auf die beteiligten Unternehmen auszuüben. Während des 2. Weltkriegs soll der Geheimdienst der US-Marine, der „Office of Naval Intelligence(ONI)“ führende Personen der US-Mafia damit beauftragt haben, die Macht der Hafenarbeitergewerkschaften der Ostküste zu brechen und insbesondere gegen den Einfluss von Harry Bridges, einem bekannten kommunistischen Arbeiterführer, vorzugehen.

Die Rolle als Schutzorganisation reichte bis in das 20. Jh. in die Vereinigten Staaten, wo viele der italienischen Immigranten kaum Englisch sprachen und sich in lokalen Communities in den Städten ansiedelten und so mehr der Autorität ihrer eigenen „Patrones“ unterstanden als der der amerikanischen Behörden. Im Gegensatz zu italienischen Mafia, die eng mit dem agrarischen Lebensraum und den damit verbundenen soziokulturellen Bedingungen in Süditalien verbunden war, hatte die US-Mafia ihren Ausgangspunkt in den sozialen Bedingungen der Emigranten in den Großstädten des Ostens der USA. Sie begannen ihre Karriere nicht als Grundbesitzer oder Landverwalter, sondern im Bereich der Alltagskriminalität und im Verständnis eines Territorialkonzeptes das von der ethnischen Topographie der jeweiligen Stadt geprägt war. Die Aktivitäten der Mafia umfassten viele legale Aktivitäten, z.b. Geschäftsgründungen , die dem Bedarf der lokalen Infrastruktur der betreffenden Stadtviertel entsprachen, wie auch ein breites Spektrum illegaler Tätigkeiten: Erpressung, Drogen- und Alkoholschmuggel, Prostitution, illegales Glückspiel, sowie Diebstahl und Hehlerei.

Die verschiedenen Gruppierungen der Mafia wurden zuerst in New York einflussreich und entwickelten sich stufenweise von „small neighborhood operations“ zu lokalen Größen in der Stadt, bis hin zu internationalen Organisationen weiter. Fünf Familien sollen die Mafiaorganisation in den USA dominiert haben – die Bonanno-, Colombo-, Gambino-, Genovese- und die Lucchese-Familie. Bis zur Mitte des 20. Jh sollen sie im nicht unerheblichem Maße eine Vielzahl von Gewerkschaften infiltriert haben. Las Vegas wurde durch die Investitionen der Mafia, vornehmlich durch die Initiative von Bugsy Siegel, zum weltweit größtem Spielcasino.

Die Prohibition (1920-33)

Die Prohibition hatte nicht nur einen einschneidenden Einfluss auf das Nachtleben aller Großstädte der USA, sondern trug erheblich zur Herausbildung von Strukturen organisierter Kriminalität mit bei. Mit der Prohibition wurde eine Zäsur gesetzt und die dynamische Club- und Kabarettkultur, die in den USA entstanden war,  wurde aus dem moralisch akzeptierten Standard der Mittelklasse in dem sie gerade Eingang gefunden hatte, ausgegrenzt. Der „Krieg gegen den Alkohol“ wurde im nicht unerheblichen Maße von protestantischen Moralisten getragen, die die von ihnen propagierten Werte wie Familie, Arbeitsethik und –disziplin und die Rolle der Frau als Mutter und Haushälterin gefährdet sahen. Neben dem Alkoholverbot wurden Kampagnen gegen Saloons, Jazzmusik, Zigarettenkonsum bei Frauen und “unmoralischen Filme” initiiert. Die Prohibition bedeutete nicht das Ende der Nachtkultur und des Alkoholkonsums, aber veränderte ihren Charakter, da sie in die Illegalität getrieben wurde. Anstelle der luxuriösen Clubs und Kabaretts wurden eine Vielzahl von einfachen Clubs und Speak-easies von Personen eröffnet, die durch den enormen Profit am  illegalen Alkoholausschank motiviert waren. In New York, dem Zentrum der damaligen  kosmopolitischen Kultur  Amerikas, soll es überwiegend 3 Gruppierungen gegeben haben die das Alkoholgeschäft kontrollierten und bei denen sich das Verhältnis der zu der Zeit größten ethnischen Communities widerspiegelte. Die Iren und Juden, die hauptsächlich in Harlem und am Broadway agierten und die Italiener, die bekannt waren für ihre „speak-easies“ und Clubs in ihren Vierteln wie Greenwich Village.

Der Börsencrash und die darauffolgende  wirtschaftliche Depression läutete das Ende dieser Nachtclubära ein. Auch die Verbindung von Nachtclub, illegalen Alkoholgeschäft und Gangsterpatronage konnte den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise nichts entgegensetzen. Im Zuge der schlechten Geschäftslage kam es zu Territorialkämpfen zwischen den verschiedenen Gangs.Nach diesen mit Waffengewalt ausgetragenen, Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Clans, bildete sich in den 30er Jahren eine Art nationales Kartell, in welchem die Bosse der einzelnen Familien ihre Geschäftsfelder und Territorien abgrenzten, Konflikte schlichteten und als strafgebende Instanz wirkten.

Die Folgen der Prohibition im Hinblick auf den Anstieg der Kriminalität, insbesondere des organisierten Verbrechens und auf die Volksgesundheit führten schließlich zur Aufhebung dieses Gesetzes 1933. Allein von 1920 bis 1921 stieg die Kriminalität um 24 Prozent an und der Alkoholkonsum hatte anstelle abzunehmen, erheblich zugenommen. Obwohl den Alkoholschmugglern durch das Ende der Prohibition ihr ‚Kerngeschäft‘ genommen wurde, blieben die Strukturen des organisieren Verbrechens bestehen und suchten dann nach neuen Geschäftsfeldern, die ähnliche Gewinnmargen versprachen, wie z.b. Glücksspiel, Prostitution und der Handel mit weiterhin illegalen Drogen und pornographischen Waren.

Der US-Mafia gelang durch die Alkoholprohibition ein erster Qualitätssprung von den traditionellen Feldern organisierter Kriminalität wie Hehlerei, Schutzgelderpressung und Prostitution – in kleinen und mehr oder weniger organisierten Gruppen – hin zu einem weitverzweigten Organisationsnetz mit Verbindungen in den politischen und wirtschaftlichen Raum. Mit den erworbenen organisatorischen und logistischen Strukturen und mit den aus dem Alkoholschmuggel gewonnen Finanzmitteln verschaffte sich die US-Mafia Einfluss in Wirtschaft und Politik. So gelang ihnen der Einstieg in das Transportgeschäft sowie eine teilweise Übernahme der Kontrolle der Gewerkschaften und der Dock- und Hafenarbeiter in den 30er Jahren.

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Jan
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Sexindustrie und organisierte Kriminalität- 2. Teil

Staat und organisierte Kriminalität – ein Gegensatzpaar?

Die „Mafia“ bezeichnet den kollektiven Term von verschiedenen geheimen Organisationen in Italien und in den USA – obwohl man davon ausgehen kann, dass durch die Bedingungen der Prohobition, es bei anderen ethnischen Subkulturen, Interessen- und Zufallskoalitionen zur Herausbildung ähnlich gearteter Strukturen kam-. Nach einer Studie der „Wharton Econometric Forecasting Association“ sollen im  Zeitraum um 1980 in den USA 265 000 Menschen in Unternehmen tätig gewesen sein, die wenigstens teilweise von Angehörigen des organisierten Verbrechens betrieben wurden. Der harte Kern dieser Organisationen, die sogenannten „leitenden Angestellten“, wurde auf 1700 Personen geschätzt – mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von $222 000.

In den frühen 1990er Jahren haben die us-amerikanischen Strafverfolgungsbehörden das jährliches Einkommen der Cosa Nostra auf 60-100 Milliarden Dollar geschätzt, wobei die Sexindustrie einen nicht unwesentlicher Teil dieses Einkommens ausgemacht haben soll. Kapitalgeschäfte und Transaktionen mit pornographischer Ware ermöglichten der organisierten Kriminalität Kapitalüberschüsse aus anderen Sektoren ihrer illegalen Unternehmungen, wie dem Drogen- und Waffengeschäft zu transferieren, um es dann in die legale Ökonomie einfließen zu lassen.

Wie an diesem Beispiel deutlich wird, hat die Mafia wie auch andere Gruppierungen der organisierten Kriminalität inzwischen eine enorme legale wirtschaftliche wie politische Potenz in dessen Folge die Grenzen zwischen legaler und illegaler Wirtschaftstätigkeit immer fließender werden. Allerdings ist die „Mafia“ nach neueren Erkenntnissen keine weltumfassende, einheitlich hierarchisch strukturierte Organisation wie das von den Medien oftmals suggeriert wird. Die organisierte Kriminalität agiert inzwischen nach den Prinzipien moderner Wirtschaftsholdings und Konzerne und nutzt dabei ihren Wettbewerbsvorteil, der ihnen aus den hohen Gewinnmargen aus den illegalen Sektoren der Ökonomie und ihren eigenen Gewaltapparat erwächst, mit denen sie in die Bereiche der „regulären“ Ökonomie expandieren.

Einschüchterung und Einsatz des privaten Gewaltapparates sind ein entscheidendes Merkmal der ursprünglichen Akkumulation, werden in der Regel aber mit der Herausbildung moderner Konzernstrukturen durch moderatere Formen, wie der Bestechung ersetzt. Die andauernde Gewaltausübung gegen Einzelpersonen oder als Konkurrenzprinzip ist auf Dauer für alle Beteiligten destruktiv und wirkt sich geschäftsschädigend aus, da die Öffentlichkeit alarmiert und der Staat zum Handeln gezwungen wird, so dass die Mafia im eigenen Interesse versucht weitgehend mit einem Minimum an inkriminierten Methoden und kriminellen Mitteln auszukommen.

Die Bezeichnung „Mafia“ wird inzwischen umgangssprachlich auf fast jede größere  Gruppe, die in der organisierten Kriminalität aktiv ist, angewendet. (z.b. die sogenannte „russische Mafia“ und die japanischen „Yakuza“)  Als ein ganz bestimmter Typus von Kriminalität und Gangstertum, hat der Begriff Eingang in die amerikanische Populärkultur gefunden, was sich in einer Vielzahl von Buchpublikationen und Filmproduktionen widerspiegelt. Die „Godfather“-Serie der Romane Mario Puzos; die später von Francis Ford Coppola verfilmt wurde. „The Goodfellas“, ein Film von Martin Scorsese, „Bugsy“, ein Film über Bugsy Siegel, mit Warren Beatty,  „The Untouchables“, ein Filmporträt des FBI-Agenten Eliot Ness und weiteren Kriminalen, die gegen die Mafia ermittelten. „Casino“, ein weiteres filmisches Porträt über Sam „Ace“ Rothstein, dem Manager eines Las Vegas-Casino. „Once Upon a Time in America“ von dem italienischen Regisseur Sergio Leone und einige TV-Features über die Gambino- und Soprano-Familie von der Produktionsgesellschaft HBO, um nur einige Produktionen zu nennen.

Bei der organisierten Kriminalität von einer reinen Schattenwirtschaft auszugehen, die konträr zum Staatsapparat und zur Ökonomie steht, ist nur bedingt richtig. Schon die Entstehungsgeschichte der japanischen Yakuza und der sizilianischen Mafia zeigt, dass beide Organisationen ihren festen Platz und eine dementsprechende Funktionszuordnung im feudalen Staat, bzw. in der Übergangsphase zum modernen Staat hatten. Mit der Übernahme moderner Unternehmensstrukturen und dem Aufbau legaler Geschäftsbereiche übt die organisierte Kriminalität inzwischen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die sogenannte legale Ökonomie aus.

Staat und Kriminalität gelten gemeinhin als begrifflicher Gegensatz. In den sogenannten Entwicklungs-, bzw. Industrieschwellenländern wird es oft als Tatsache hingenommen, dass dieses Gegensatzpaar nicht der Realität entspricht. So z.b. Thailand, dessen formell illegale Sexindustrie in Verbindung mit dem internationalen Tourismus eine gesamtwirtschaftliche Bedeutung innehat, die nicht ohne weiteres durch staatliche Maßnahmen beeinträchtigt werden kann, sondern sogar durch staatliche Duldung und Unterstützung überhaupt erst diesen Stellenwert eingenommen hat. Oder die Kokain-Ökonomie Kolumbiens in den End-70ern und 80er Jahren, dessen hohe Gewinnspannen den Kolumbianer Pablo Escobar (mit ca. 3 Mrd. Dollar) in die Liste der 20 reichsten Personen katapultierte, die die US- Zeitschrift Forbes im Oktober 1987 veröffentlichte.

Aber auch bei den hochentwickelten Industriestaaten der sogenannten ersten Welt ist das Gegensatzpaar Staat-Kriminalität nicht stimmig. Bestimmte staatliche Institutionen weisen in ihrer Intention und Vorgehensweise ein durchaus deckungsgleiches Handlungsschemata und Organisationsprinzip auf. Schnittstellen sind der Waffenhandel und oftmals die Praktiken der Geheimdienste, die jenseits des legalen Rahmens operieren. So waren in Vietnam zuerst der französische und dann der us-amerikanische Geheimdienst am Opiumschmuggel, bzw. Heroingeschäft beteiligt, aus deren  Gewinnen zuerst die Kolonialregierung mitfinanziert wurde und später Waffenkäufe für die mit den USA verbündeten Vietnamesen getätigt wurden. Für diesen Opiumhandel unterhielt der amerikanische Geheimdienst eine hoch organisierte Logistik, mit einer eigenen Fluglinie und einer Beteiligung an australischen Banken zum Zwecke der Geldwäsche und des Kapitaltransfers. Durch eine australische Regierungskommission in New South Wales 1982, die die 1976 gegründete australische Nugan Hand Bank in Bezug auf den Vorwurf der Geldwäsche untersuchten, konnte nachgewiesen werden, das der CIA auch nach dem Ende des Vietnamkrieges weiterhin im Waffenhandel und Drogenschmuggel involviert war. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Meldungen, das in Afghanistan – wo das us-amerikanische  Militär mit ihren Verbündeten ihren Krieg gegen den Terror führen – die Opiumproduktion inzwischen erheblich angestiegen ist.

Einen ähnlichen Stellenwert – und oft mit dem Drogenhandel kombiniert – ist der internationale Waffenhandel, der laut Gesetz eigentlich der staatlichen Kontrolle und Regulation unterliegt. Mit den gestiegenen Produktionskapazitäten seit den 1970ern trat anstelle der staatlich regulierten Exporte immer mehr der Markt mit spezialisierten Maklern und Vermittlern und ihren Organisationen.

„In diesem Zusammenhang hat sich ein eigenständiges Vertriebsnetz im Untergrund entwickelt, das nicht auf ein spezifisches Produkt – Panzer, Raketen, Drogen oder Menschen – sondern ausschließlich auf dem Prinzip der Illegalität und Klandestinität spezialisiert ist. Diese Spezialisierung ergibt sich daraus, dass das Illegalitätsprinzip unabhängig von den Vertriebsprodukten ganz ähnliche Anforderungen an die „Vertriebsmannschaft“ stellt: verflochtene Kanäle, verdeckte Anlaufadressen, Verbindung zu Möglichkeiten die Gelder gewaschen in den regulären Finanzkreislauf einzuspeisen, persönliche Vertrauensbeziehungen in der labilen Untergrundwirtschaft, sowie das nötige private Gewaltpotential, das erforderlich ist, die Vertragsbeziehungen zu gewährleisten. Ein solches Netz ist kostspielig und nur bei hoher Auslastung rentabel.“

Zitat aus: „Untergrundökonomie  – Fragen zum Verhältnis von Ökonomie und Recht“ von Knuth Dose, Seite 4.  In: „mehrwert – beiträge zur kritik der politischen Ökonomie“, Nr. 31, April 1989 – Kriminalität und Ökonomie

Die Anfänge der Porno-Industrie in der Illegalität

Nach dem 2.Weltkrieg lockerten sich die moralischen Konventionen in den USA, die die Comstock Laws einmal festgeschrieben hatten und es erwuchs dem pornographischen Markt ein Millionenpublikum. Nach Schätzungen von UN-Beamten der „Social Activities Division“, einer Art globaler Sittenpolizei wurden um 1950 jährlich ca. 130 Millionen Dollar durch den Schmuggel mit pornographischer Ware verdient. Vor dem 2.Weltkrieg war Frankreich das (aus)führendes Land für Erotica und pornographische Produkte. Von 1939 bis 1941 war Japan die Nr.1 bei der Herstellung und Ausfuhr pornographischer Literatur und anderen Artikel. Nach Japans Kriegseintritt wurde zuerst Shanghai, dann Bombay und schließlich Havanna zum Zentrum der erotischen Massenfabrikation. Havanna ist es nach dem Kriege, um 1950 noch geblieben, während die anderen Städte von Tanger und einigen mexikanischen Grenzstädten wie Mexicali abgelöst wurden.  Inzwischen ist Quebec, im frankophonen Teil Canadas gelegen, hinter Los Angeles(USA) und Amsterdam(Holland) die weltweit drittgrößte Stadt was die Produktion von Pornographie betrifft.

http://www.spiegel.de/spiegel/vor50/0,1518,79962,00.html

Die Anfänge der pornographischen Film- und Druckbranche liegen alle in der Illegalität, was zur Bildung dementsprechender Strukturen führte. Zum Beispiel Netzwerke aus Kleinstunternehmen, die national und international organisiert waren, um so Lücken in der unterschiedlichen Rechtslage und ihrer Auslegung und deren praktischer Umsetzung nutzen zu können. Dies schloss Scheinfirmen, Bankverbindungen und Investitionsmöglichkeiten zur Geldwäsche und die Rekrutierung von „Angestellten“ aus dem entsprechenden Milieu mit ein. Organisiertes Verbrechen soll eine bedeutsame Rolle in der Sex-Industrie gespielt haben und dominierte lange Zeit die Vervielfältigung und Verbreitung pornographischen Materials. Laut den Erkenntnissen der zuständigen Ermittlungsbehörden in den USA, scheinen sich diese Strukturen aber erst seit den 1960ern verstärkt auf das pornographische Business konzentriert zu haben. Zahlreiche amerikanische Strafverfolgungsbehörden traten während der 1970er und 1980er Jahre die Beweisführung an, dass bedeutende Segmente des pornographischen Marktes unter den Einfluss der Mafia geraten waren.

„The pornography industry is characterized by a vertical distribution and a pyramid structure with a limited number of documented distributors within individual states. Porn is initially supplied to national distributors who then sell to inter-state distributors who in turn distribute to intra-state distributors” (…) „This limited number of pornography distributors may indicate the lucrative profits in the distributorship and production of porn with the capability of dictating prices to independent bookstore owners. As an example of high profits… A magazine can be produced for approximately fifty cents; wholesaled for five dollars and retailed for ten dollars. This computes to a 1900% profit production to consumer sale. In general, there is no competition or price wars, which indicates price control.“

(Organized Crime’s Involvement in the Pornography Industry, Investigative Services Division, Metropolitan Police Dept., Washington, D.C..1978.)

Das Verleihmaschinengeschäft, Konzessionsgeschäfte, Zigaretten, Süßigkeiten und konventionelle Pressemagazine an der Schnittstelle zur Distribution bis zum Nachliefern der Warenmenge beim Verkauf im Kiosk, Tankstelle, etc. sollen in den USA traditionelle Geschäftsbereich der organisierten Kriminalität gewesen sein und zwar aus dem Grunde, weil dort ein großer Umsatz aus kleinen Einzelbeträgen entsteht, was dem Bedürfnis zur notwendigen Geldwäsche aus anderen Bereichen, wie der Prostitution und dem Drogenhandel entgegenkommt. In den USA wird jede Geld-Transaktion über 10 000 Dollar automatisch einer zuständigen Behörde gemeldet, aber die Richtigkeit der Angaben über große Geldsummen, die aus einer Vielzahl kleinerer Einkommen entstehen, sind schwerer zu kontrollieren und nachzuprüfen. Auch der Pornofilmmarkt, insbesondere der später entstehende Videomarkt bot aus dem gleichen Grunde gute Vorteile. Das Geschäft wird mit einer Vielzahl anonymer Endverbraucher abgewickelt und der Rückfluss des Geldes von den vielen Shops bot viele Schlupflöcher, um eventuellen Fahndern die Möglichkeit der Einsicht zu verwehren.

„What would you do if you found yourself with $200,000 in $20 bills that you could not take to the bank? It takes up a lot of room. Can you go out and buy a house with $20 bills? Not unless you want a visit from the IRS. You can’t even buy a car that way. You’ve got to figure out a business that takes in a lot of $20 bills, into which you could stream the $20 bills from your other business”

(Zitat: Billy Margold in: Hebbditch David, 1988: 339)

Ein bedeutender Teil der Finanzierung der Pornofilmproduktionen soll über sogenannte „bag-men“ abgewickelt worden sein, also über Mittelsmänner die anonym bleiben und nicht offiziell eine Geschäftsverbindung oder ein Unternehmen repräsentieren, so dass die wirklichen Financiers meistens im Hintergrund blieben. Viele dieser Geschäftsbereiche waren so uneinsichtig, weil ganze Segmente dieser Industrie nach den Bedürfnissen der Geldwäsche ausgerichtet waren. Die Überschussproduktion pornographischer Filme erklärte  sich aus der Tatsache, dass die enormen Gewinne, z.b. aus dem Drogenhandel, re-investiert werden müssen, um „gewaschen“ zu werden.

„There are only an finite number of major companies in the X-rated industry in America. There are lots of little people. But all the little people have sharks looming over them. And all the sharks have whales hanging over them. And all the whales sleep together. They all announce how viciously they hate each other but they all are buddies. So it´s all controlled. It´s like the juke-box industry in the old days.“

(Zitat: Billy Margold in: Hebbditch David, 1988: 343)

Die „Peraino-Familie“ galten in den späten 1960er Jahren als eine der führenden Mafiagruppierung in den USA  was das Pornographiegeschäft betraf.  Zusammen mit der „Colombo- Familie” versorgten sie die mit Münzeinwurf betriebenen Peep-Show-Automaten in den Sex-Shops am Time Square in New York mit Stag-movies. Die Colombo-Familie kontrollierte zu dieser Zeit einen Großteil der Entwicklungslabors für 8 mm Filme in Brooklyn und zusammen dominierten sie die Verteilung und Aufführung pornographischer „Loops“ in New York. Ihren größten Erfolg hatten die Brüder Louis und Joseph Peraino mit dem kommerziellen Erfolg des Filmes „Deep Throats“ des Regisseurs Damiano, der ein Millionenpublikum erreichte. Im August 1974 wurden die Perainos von der Justizbehörde in Memphis angeklagt obszönes Material illegal über innerstaatliche Grenzen  transportiert zu haben. Betroffen war auch die „Damiano Film Productions“, nicht aber der Regisseur Damiano, da er bereits 1972 sämtliche Rechte an „Deep Throats“ für $25.000 an die Perainos verkauft hatte. 1976 wurden die Perainos unter dem „Miller Decision Act“ in Memphis angeklagt und für schuldig befunden und zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Ihre Firmen „Bryanston“, „Damiano“ und „Plymouth“ wurden jeweils mit einer Geldstrafe von 10 000$ bedacht.

In den frühen 1970ern sollen Elemente der Colombo, Bonanno, Gambino und DeCavalcante-Familien, ausgehend von der Ostküste, begonnen haben sich im Pornobusiness von Kalifornien zu etablieren. Als die enormen Umsätze von „Deep Throat “ über die Perainos in die Strukturen des organisierten Verbrechen flossen, verstärkte der Mob sein Engagement und begann Mitte der 70er verstärkt unabhängige Pornographen mit Erpressung und Gewalt zu kontrollieren. Nach einem Report des Los Angeles Police Department sollen bereits 1976 80% der in Los Angeles basierten Pornofilmproduktionen und des Versandgeschäftes von der organisierten Kriminalität kontrolliert worden sein.

Eines der größten pornographischen Magazine zu dieser Zeit war „Screw“, gegründet 1968 durch Al Goldstein und James Buckley, mit einer Auflage von 85.000, von „Milky Way Productions“ herausgegeben. Die Gesamtauflage der zwölf führenden Pornomagazine, u.a.“Pleazure, Hooker, San Francisco Ball, Whips & Chains, Hot Stuff und Smut“ lag ungefähr bei  300.000. Alle dieses Publikationen hatten Schwierigkeiten legale Vertriebswege aufzubauen und kamen so unweigerlich in Kontakt mit der organisierten Kriminalität. Alle 12 Magazine wurden von den drei gleichen Vertriebsfirmen „2 cos“, „Star Distributors“ and „Astro News“ betreut, die von der Mafia kontrolliert wurden.

(Quelle: New York Times 10/12/75 , Nicholas Gage)

„Organized crime figures first focused on production and retail operations in California. In this effort, they established national distribution networks and effectively resorted to illegal and unfair business tactics. The newly arrived organized crime groups formed film duplication companies which illegally duplicated the films of independent producers and displayed them at nationwide organized crime controlled theaters. Faced with continued piracy and lost profits, many legitimate producers were forced to deal with organized crime controlled distribution companies and film processing labs.“ (…) „After gaining control of many wholesale and retail companies, organized crime forced other independent retailers out of business through price manipulation. Wholesale prices to independent retailers were raised while prices to organized crime controlled outlets were lowered.“

Aus einem Report der „Administrative Vice Division of the Los Angeles Police Department“

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Sexindustrie und organisierte Kriminalität -3. Teil

Die Porno-Mogule in den 1970ern – Mohney, Thevis und Sturmann

Drei der sogenannten pornographischen Mogule in den 70ern in den USA waren Michael Thevis, Reuben Sturman und Harry Vergil Mohney  aus Michigan. Mohney importierte große Quantitäten von europäischer Pornographie, besass ca. 60 „Buchläden für Erwachsene“  und eine Reihe von Massagesalons, Striplokalen, Drive-Ins und Bars. Ähnlich wie Reuben Sturmann arbeitete Mohney eng mit der Colombo- und der DeCavalcante-Familie zusammen, die mit den Gambinos das pornographische Versand- und -Verteilungsgeschäft  an der Ostküste dominierten. Laut den Ermittlungen von „Miporn“ hat Mohney in den 80er Jahren die große Produktionsfirma „Caribbean Films“ und die, für den mittleren Westen der USA vorherrschenden Verteiler „Entertainment World International“ besessen.

In den 1970er Jahren kontrollierte Michael Thevis mehr als 400 Buchhandlungen und Theater und wurde zu den wichtigsten Personen im Pornobusiness gezählt. Er begann Anfang der 60er Jahre über eine Reihe von Zeitungskiosken pornographische Magazine und Filme zu verkaufen. 1967 entwickelte er zusammen mit Roger Dekan Underhill Peep-Show-Maschinen die von zwei  von ihm kontrollierten Firmen „Automatic Enterprises“ und „Cinematics“ produziert und verteilt wurden. Unter der Kontrolle von Di Bernado soll sich  dieses Geschäft zu einem 200 Firmen umfassende Holding entwickelt haben, mit dem Hauptsitz in der Region um Atlanta, Georgia.  Zu den Hochzeiten soll ein Jahresumsatz von 100 Millionen Dollar erzielt worden sein. 1976 wurde Thevis zu achteinhalb Jahren Gefängnis wegen Transport obszönen Materials und Brandstiftung verurteilt. Er floh 1978 aus dem Gefängnis und war bis zur seiner wiederholten Verhaftung auf der „Ten-Most-Wanted List“ des FBI. Teile seines Firmenimperiums sollen von seiner ehemaligen Frau, seinem Sohn und seinem Sekretär Laverne Bowden weitergeführt worden sein.

Mitte der 70er Jahre kontrollierte Reuben Sturmann über 200 Adult-Bookstores die über regionale Vertriebe wie „Royal News“ in Detroit, „Noble News“ in Baltimore, der „Capitol News Agency“ in Chicago und seinem Flagschiff „Sovereign News“ in Cleveland beliefert wurden. Sturman expandierte mit einer enormen Geschwindigkeit, er begründete ein eigenes Porno-Business in verschiedenen europäischen Ländern  (England , Frankreich, Schweiz, Deutschland und die Niederlande), und ließ in Asien Sex-Toys produzieren. Bald kontrollierte er ca. 800 Adult-Bookstores in den USA und in 40 weiteren Ländern, eine Peepshow-Kette unter dem Namen „Western Amusements“ und „Automatic Vending“, eine dazugehörige Produktionsfirma, sowie die Sexshop- Kette „Doc Johnson“. Bereits 1974 begann Sturman seine Filme auf Video zu kopieren, Videoverleihe zu eröffnen und Hardcorevideos in den USA und Westeuropa zu vertreiben. Im gleichem Jahr übernahm er das Firmennetzwerk von Milton Luros, einem Pornographen aus Los Angeles, dessen Modell einer netzartiger Betriebsstruktur er übernahm.

Nach Erkenntnissen des FBI soll diese schnelle wirtschaftliche Expansion Sturmans im nicht unerheblichen Maße durch die Geschäftsübernahmen  anderer Händlern, Verteilern und Lieferanten in den USA begründet liegen, welche durch die Unterstützung der Gambino-, und DeCavalcante- Familie, insbesondere der Person Di Bernados, möglich wurden. Die De Cavalcante-Familie soll in den 70ern ein Multimillionen-Dollar-Firmenkonglomerat von Buchhandlungen, Kinos und Verlagshäusern in New Jersey, Pennsylvanien, Maryland, Ohio und Georgia kontrolliert haben, u.a. auch die Versandfirma „Star Distributors“/New York,  dem größten pornografischen Händler auf der Ostküste. Einer der Teilhaber dieser Firma war Robert DiBernado. Sturman war der größte Kunde von „Star Distributors“, aber das FBI konnte im Zuge der Miporn-Untersuchung auch Transaktionen zwischen DiBernardo und Michael Thevis und Harry Mohney nachweisen. Von der Firma „Star Distributers LTD“ ausgehend, die in den 60er Jahren unter den Einflussbereich der italienischen Mafia geriet, fand eine vertikale Integration von Verlagen, Videofirmen und Lageristen statt.

Reuben Sturman(geb.1924) besaß bereits zum Ende der 50er einen Großhandel für Zeitschriften und Magazine mit Lagerhäusern in acht Städten und handelte bereits mit Sexmagazinen und „girlie“-Magazinen. Durch die Studentenbewegung proklamierte sexuelle Revolution in den 60ern entwickelte sich sein Geschäft sehr rasch, so dass seine Firmen bereits 1968/9 zu den führenden Vertriebsorganisationen für Adult-Magazine zählten. 1969 begann Reuben Sturman  regelmäßig nach Dänemark zu fliegen um u.a. bei den Theanders pornographische Ware einzukaufen. Der damals in der Branche berühmte europäische Filmemacher Lasse Braun verkaufte seine Loops in Quantitäten von Millionen von Dollars an Sturmann. Zusammen entwickelten sie 1971 Peep-Show-Maschinen.  Super8-Projektoren, installiert in einer kleinen Kabine mit abschließbarer Tür, die über Münzeinwurf betrieben wurden. So hatten die Konsumenten der pornographischen Loops zum ersten Mal die Möglichkeit ungesehen zu onanieren – eine erfolgsversprechende Innovation auf diesem Markt, da die vorherigen Generationen der Filmautomaten, sowie heute die Glücksspielautomaten, relativ offen im Raum standen. Sturman verteilte diese Peep-show-Maschinen faktisch in jeden Staat der USA, er versorgte alle seine Shops und Buchläden mit ihnen, gründete Firmen die die Aufstellung und Wartung besorgten und bot anderen Sexshopbesitzern, bei 50- prozentiger Gewinnbeteiligung, die kostenfreie Aufstellung an.

Sturman konstruierte in seinem Firmenimperium ein Labyrinth von Scheinfirmen und verantwortlichen Stellvertretern, die oftmals nur aus einem falschen Namen oder dem einer bereits verstorbenen Person bestanden um der justiziellen Verfolgung wegen Obszönität und Steuerhinterziehung  zu entgehen. Obwohl es bereits seit 1964 immer wieder zu Durchsuchungen seiner Lagerhäuser und Beschlagnahme von Materialien kam, konnte Sturman lange Zeit vor dem Gesetz nicht belangt werden. Während der späten 80er übereignete Sturman  mündlich einen Großteil seines  pornografischen Netzwerkes an Familiemitglieder und Freunde. Sein Sohn David (geb.ca.1952) übernahm daraufhin „General Video West“ der vorherrschende pornografische Verteiler für die US-Westküste..

Zwei weitere Personen, die von der „California Organized Crime Control Commission“ als führende Kräfte im mafia-kontrollierten Sexbusiness bezeichnet wurden, waren Norman Arno und Michael Zaffarano. Während der Anfänge des Videomarktes  war Norman Arno ein Geschäftspartner von Michael Zaffarano, einem führenden Mitglied der New Yorker Mafia. Seine Firma „VCX Incorporated“ soll 1985 ca. 40% des US-Marktes kontrolliert haben.

„Porn video is perfect… It’s done with anonymous consumers through hole-in-the-wall outlets all over the country. The collection system for the money is full of holes, so shaky and uneven and complicated and convoluted that it’s impossible for investigators to trace the money that comes through them back to its source.“ (…) „The real money is made in income streaming. They’re making their money laundering through the distribution side. People who make pornographic films complain endlessly that they never see the money that comes in off them.“ (…) „They started in the distribution end and it turned out to be so successful that they decided to move into production. That’s one reason why there’s so much porn being made: they need to put stuff on the shelves so they can show income.“

(ein Pornographer im Interview mit Dr. Robert Stoller Ende der 80er  –  Stoller Robert J., 1991 „Porn – Myths for the 20. Century”, Yale University Press, New Haven, London)

Der neue und rasch wachsende Videomarkt versprach lukrative Gewinne, veränderte aber auch die Rolle der Mafia im Pornobusiness. Der Mob war aufgrund der massenhaften Verbreitung des neuen Mediums nicht mehr in der Lage Verteilung, Verkauf und Aufführung der Produkte zu kontrollieren, wie es früher über die Sexshops, Buchläden und Adult-Theater, also mehr oder weniger milieuspezifischen Einrichtungen, möglich war. Damit verlor die Mafia die Möglichkeiten der Preiskontrolle, die enorme Gewinnspannen ermöglichten. Anstelle eines illegalen, extrem kontrollierten Marktes einer Schattenwirtschaft, die sich den Regularien der staatlichen Behörden entzog trat ein neuer Massenmarkt mit den Voraussetzungen industrieller Produktionsbedingungen, der langfristig in der regulären internationalen und staatlichen Ökonomie aufging.


„Miporn“ – die staatliche Bekämpfung der Schattenwirtschaft

1977 startete das FBI die Undercover-Operation „Miporn“. Dieses Akronym kombiniert den Namen des Ortes von dem aus die Scheinunternehmungen des FBI operierten – „Miami“, mit dem Gegenstand der Untersuchung „Pornografie“ Die operative Basis stellte die Firma „Golden Coast Specialties Inc“, die via Mailorder ausschließlich mit pornographischem Material handelte. Über diese Firma trafen Undercover-Agenten des FBI mit einem Großteil der wichtigsten Produzenten und Großhändler in den USA zum Zwecke von Geschäftsverhandlungen zusammen. Die Kosten dieser Operation. in Höhe von 400.000$,  wurden u.a. von der „Motion Picture Association of America“ getragen, die durch das illegale Kopieren vieler Filme des Mainstream-Kinos, spürbare Verluste hinnehmen musste. 1980 kam es dann zu dem (in diesem Jahrhundert) bisher größtem Gegenschlag gegen die organisierte Kriminalität in der Sexindustrie. Pornokinos, Lagerhäuser, Sexshops und Büros in 13 Hauptstädten der USA wurden durchsucht, Tonnen pornographischen Materials beschlagnahmt und über 50 Personen festgenommen. Einer der Hauptangeklagten war Norman Arno, der Präsident der in Nord-Hollywood ansässigen Firma „VCX Incorporated“ eine der großen Film-Produktionen und Versandfirma und die Brüder Louis and Joseph C. Peraino und DiBernardo. Die Perainos bekamen Haftstrafen von sechs und drei Jahren, DiBernardo wurde zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Im Zuge des von „Miporn“ geschaffenen Vakuums in den Strukturen der betreffenden Organisationen durch die Verhaftung vieler führender Mitglieder und die entstandenen Unsicherheiten durch die Undercover-Aktionen, kam es anscheinend zu Verteilungskämpfen und internen Säuberungen. So wurde 1982  Joseph S. Peraino Sohn niedergeschossen und damit ihre Dominanz im Pornographiegeschäft endgültig beendet. 1986 wurde DiBernardo ermordet.

Reuben Sturmann befand sich ebenfalls im Fokus der US-Behörden. Nach jahrelangen Ermittlungen der zuständigen Behörde für Steuerhinterziehungen(IRS) und nach einem Zugriff auf die Schweizer Konten Sturmans, der nach Interventionen des amerikanischen Justizministeriums von den Schweizer Behörden genehmigt wurde, konnte Sturman wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe belangt werden. 1990 wurde er in Cleveland angeklagt und  zu zehn Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von $2,5 Millionen verurteilt. Nach Folgeprozessen und Verhandlungen mit dem Justizministerium, nachdem Unstimmigkeiten in den Undercover-Aktionen bekannt wurden, einigte man sich auf eine Art Vergleich bei dem die Strafe auf vier Jahre Haft reduziert wurde und ein zusätzlichen Strafgeld von einer Million Dollar gezahlt werden musste. Sturman bekannte sich seinerseits schuldig im organisierten Verbrechen involviert zu sein und in mehreren Fällen gegen die Transportgesetze von obszönen Material, inclusive Kinderpornographie verstoßen zu haben. Weil Sturman 29 Millionen Dollar Steuerschulden hatte, beschlagnahmte die IRS alle seine verfügbaren Vermögenswerte. Dies wurde im Nachhinein als ein wichtiger Schritt angesehen bei der Entwicklung substanzieller Teile der Sexindustrie hin zu normalen, steuerzahlenden Firmen mit annährend transparenter Geschäftsstruktur.

„This was the biggest case the IRS criminal division had ever seen. It’s effect on the rest of the porn industry was monumental. There were a lot of people in this industry reporting nickels and dimes who now reports hundreds of thousands of dollars.“

(Rossfelder, Beamter  der IRS)

1995 soll es zu verschiedenen Verteilungskämpfen um das Sturmansche Imperium gekommen sein. Reuben Sturman, Sohn russischer Einwanderer, starb 1997 an den Folgen der Alzheimer Krankheit. Die Nachfolger von Reuben an „General Video of America(GVA)“, welche in Cleveland in ihren Hauptsitz hat, die fast 70% der landeseigenen pornographischen Videoproduktionen vertrieb, soll  Melvin Kaminsky sein, während Teile der Firma als Franchise-Unternehmen selbstständig operieren. So ist z.b. David Sturman, der älteste Sohn, Präsident der „GVA Western“ in San Francisco, ein halb oder vollständig autonomer Teil von „General Video of America

Ken Guarino, der es 1980 vermeiden konnte von der Miporn-Untersuchung erfasst zu werden, war zu der Zeit bereits ein maßgeblicher Produzent von Pornovideos. Ihm gelang, laut AVN (1994), eine fast vollständige vertikale Integration in der Entertainmentindustrie. Er ist Besitzer des Vertriebsnetzes „North Star“, übernahm weitere Videoproduktionen wie „Intropics“ und „Cal Vista Video“ und ist  Mehrheiteigentümer des Firmenkonglomerats „South Pointe Enterprises“ zu dem auch „Metro Home Video“ zuzurechnen ist. 1994 kaufte Guarino die inaktive „Metro Global Media“(MGMA) um unter diesen Namen die Firmenaktivitäten zu bündeln und sie als Aktiengesellschaft zuführen. Ende 1999 wurde der Eintrag der „Metro Global Media“ bei der NASDAQ wieder gelöscht. Anfang 1997 wurde Guarino wegen Steuerhinterziehung und nachgewiesenen Mafiakontakten, die u.a. Schutzgeldzahlungen beinhalteten, zu 16 Monaten Haft und einer Geldstrafe von $250 000 verurteilt.

Metro ist einer der offiziellen Sponsoren der AVN-Expo. Zu den Kunden dieses Firmenholdings gehören z.b.die „Graff Pay Per View Inc“ des Spice-Pay-per-View-Netzwerks die u.a. bei „South Pointe“ Pornofilme für ihr Programm einkauft. Im Juli 1999 unterzeichneten die „Metro Global Media Inc.“ und die „New Frontier Media“ einen gegenseitigen Kooperationsvertrag in Bezug auf Lizenzierung und Produktion ab. Der Vertrag beinhaltete die Vermarktung der gesamten Film- und Videobibliothek von Metro (über 3000 Titel), u.a. der Produktlabels „Cal Vista“, „Taboo“ und „Amazing Collection“ über die Internet und Pay-TV-Netzwerke von „New Frontier“ und sicherte Metro das Vorrecht zu, über 400 Film-Titel für „New Frontier“ zu produzieren.

In den letzten Jahren gelang dem FBI im Zuge ihrer Operation „Buttondown“ eine erhebliche Schwächung der Mafiastrukturen in den USA. 100 führende Mitglieder verschiedener Familien und 600 weitere Mitglieder wurden in den letzten Jahren verhaftet. Nach Angaben des FBI soll sich die Anzahl der in den USA operierenden Familien  von 24 auf 9 reduziert haben. Im Herbst 2004 musste das FBI allerdings feststellen, dass viele der Geschäftsfelder von einer sich bildenden albanischen Mafia übernommen wurden, die für ihre brutalen Methoden bekannt sind und deren innere Strukturen aufgrund ihrer ethnischen Identität weitaus schwerer zu analysieren sind. 2006 hat das FBI in einer internen Studie bekanntgegeben, das seit dem 11.09.2001 die Anzahl neu aufgenommener polizeilicher Ermittlungen um 45% gesunken ist. Aufgrund des „War on Terror“ haben sich bei der Behörde die Prioritäten verschoben und es stehen dem FBI 2200 Agenten weniger für die regulären Untersuchungen von Bereichen wie Bankraub, Drogenhandel und organisierte Kriminalität zur Verfügung. Die Bereiche wo eine Zunahme der Ermittlungstätigkeit zu verzeichnen ist, sind neben dem Terrorismus, Gangs, Kinderpornographie und Obszönität. In der Washington Post von September 2005 war sogar zu lesen, dass der oberste Staatsanwalt Alberto Gonzales der Untersuchung und Strafverfolgung von Obszönitätsfällen oberste Priorität einzuräumen gedenkt.

Während die Öffentlichkeit noch völlig unter dem Eindruck der Ereignisse des 11.9. in New York stand, verabschiedete US-Präsident Bush im Oktober 2001 den USA PATRIOT Act (USAPA), ein Anti-Terror-Gesetz, welches den zuständigen US-Behörden, vor allem den verschiedenen Polizei- und Geheimdiensten weitreichende Befugnisse einräumte, die sich u.a. auch auf die Überwachung von Internetaktivitäten beziehen. Vorausgesetzt das es einen Grund für eine polizeiliche Ermittlung gibt, können die Aktivitäten der betreffenden Person verfolgt und ihr Umgang mit Telefon und Computer überwacht und aufgezeichnet werden. Internet-Service-Provider sind seitdem angehalten Kunden- und Traffic-Daten auf Anfrage herauszugeben. Das FBI ist seit Oktober 2001 berechtigt in Privat- und Geschäftsräume von „Zielpersonen“ zum Zwecke der Informationsbeschaffung während derer Abwesenheit einzudringen und bestimmte Computer-Tools einzusetzen.

Hierzu gehört „Magic Lantern“, ein Programm, das jeden Tastenschlag am Computer aufzeichnet und dies als eine Textdatei speichert. Das Programm kann entweder manuell auf den Computer geladen werden oder von einem „Fixpoint“ aus im Internet als Virus auf den Rechner gelangen. Ein weiteres Programm ist „DCS 1000“, besser bekannt als „Carnivore“, welches in der Lage ist Schlüsselinformationen aus einer riesigen Datenmenge herauszufiltern, die entsteht wenn sämtliche Aktivitäten eines InternetProviders (e-mail, Webseiten-Aktivitäten, Telephonie, Programmierung) aufgezeichnet werden. Im September 2006  hatte der US-Minister Chertoff mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble vereinbart, eine Sondereinheit zur Überwachung des Internets aufzubauen. Ähnlich wie Chertoff will Schäuble eine „Internet Monitoring und Analysestelle“ (IMAS) gründen, in der ca. 50 Beamte des jeweiligen Geheimdienstes nach verdächtigen Online-Aktivitäten von Extremisten Ausschau halten sollen.

Erst seit den 1980ern und verstärkt in den 1990ern zeigt sich die Tendenz, die Sexindustrie als eine normale Wirtschaftsbranche und als ein nicht unwesentlichen Bestandteil des Staatshaushaltes zu sehen und sich von dem „Schmuddelimage“ der Anfangsjahre zu befreien. Ein maßgeblicher Faktor dieser Entwicklung stellt die Nutzung des WorldWideWebs durch die Sexindustrie dar. Die durch das Internet weitgehend möglich gewordene Anonymisierung von Konsum und Distribution von Pornographie hat einen neuen Massenmarkt geschaffen an dem, neben den im Pornobusiness direkt involvierten Firmen, viele reguläre Firmen des e-commerce, sowie Satelliten- und Kabelnetzbetreiber beteiligt sind.  Die logistischen Erfordernisse einer Massenproduktion, Geschäftskontrakte mit regulären Großunternehmen und Banken setzen notwendigerweise Unternehmensstrukturen und ein seriöses Geschäftsgebaren voraus, die dem allgemeinen Standard entsprechen. Die Erfahrungen der Sexindustrie mit den Justiz- und Steuerbehörden haben gezeigt, dass eine Verletzung des juristischen Reglements, wie z.b. Kinderpornographie oder Steuerhinterziehung oft zeit- und kostenintensive Prozesse nach sich ziehen, die mit einem Imageverlust in der Öffentlichkeit und in Unternehmerkreisen verbunden ist, den sich die Majors, wie auch die mittelständischen Unternehmen der Branche nicht mehr leisten können.  Die ehemaligen Geschäftspraktiken und die oft kurzfristig angelegte Logik des Profits, die sich im Zeitraum der Illegalität von Pornographie im Kontext des Rotlichtmilieus entwickelt hatte, ist von der Logik des regulären kapitalistischen Marktes ersetzt worden. Im Grunde genommen durchaus vergleichbar mit der Geschichte der Ölkonzerne, deren Entstehungsgeschichte sich auch nicht unbedingt nach  juristischen und moralischen Parametern einordnen lässt und deren Handlungsspielräume inzwischen von den Szenearios der aufwendigen Verwaltungsbauten in den Metropolen bis hin zu ihren Geschäftspraktiken in der 3. Welt reichen.

Hebditch David/Nick Anning, 1988, „Porn Gold- Inside the Pornography Business“ Faber and Faber, London, Boston

„Der Asphaltdschungel – Geschichte und Mythologie des Gangsterfilms“, Bernhard Roloff, Günter Seesslen, 1980, rororo, Reinbek bei Hamburg

Kawamura Gabriele, 1994, „Yakuza – Gesellschaftliche Bedingungen organisierter Kriminalität in Japan“
Hamburger Studien zur Kriminologie, Bd. 19,  Centaurus- Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler

„mehrwert – beiträge zur Kritik der politischen ökonomie“, Nr. 31, April 1989 – „Kriminalität und Ökonomie“

Gaffin Harris, 1997, „Hollywood Blue – The Tinseltown Pornographers“ B.T. Bratsford Ltd., London

Stoller Robert J., 1991, „Porn – Myths for the 20. Century”.  Yale University Press, New Haven, London

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“,  Routledge, New York, London

Erenberg Lewis A., 1981 „Steppin`Out – New York’s Nightlife and the Transformation of American Culture 1890-1930”
Greenwood Press, Westport/USA, London/GB

Taylor William R. : 1991, „Inventing Time Square“,  Russel Sage Foundation, New York

“American Porn”   http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/porn/

http://de.wikipedia.org/wiki/Prohibition

11
Jan
10

Ein kurzer Abriss der Geschichte der US- Zensur

„Obszönität“ als ein Kampfbegriff gegen Literatur, Theater, Kunst und Sexualaufklärung

„purient interest“ von „prurire“ – „geil sein, lüstern sein“ – „arousing or appealing to an obsessive interest in sex“


„An old joke asks: „Is sex dirty? Only if you do it right.“ America has this assumption that sex must be dirty to be good. I don’t feel that way. Not many did. It is the very act of ‚illegitimacy‘ that creates the industry. If sex were viewed as natural and normal, porn would not be profitable. Indeed, the profitability of the industry declines in direction proportion to its legality. Europe found this out. Porn reflects the Collective Obnoxious. The same prophets who decry porn create its ‚dark‘ appeal.”

Hart Williams (amerikanischer Schreiber für Sexmagazine)

1802 wurde in England die Society for the Supression of Vice“ gegründet, die einen regelrechten Kreuzzug gegen obszöne Bücher, Zeichnungen und Theaterstücke initiierte und die Eingabe dementsprechender Gesetze gegen die Obszönität unterstützte. In den USA wurde 1842 der „Tariff Act“ als Importverbot für pornographisches Material jeglicher Art, im speziellen französischer Porno-Postkarten, erlassen. 1857 folgte in England die Verabschiedung des „Obscene Publications Act“. Einige Jahre später, in den 1860ern, wurde einem radikalen Protestanten der Prozess gemacht, der ein anti-katholisches Pamphlet „The Confessional Unmasked: Shewing the Depravity of the Romanish Priesthood, the Iniquity of the Confessional and the Questions Put to Females in Confession.“ publiziert hatte. Anti-katholische Traktate wie dieser waren im England und den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts weit verbreitet und hatten oft ein ähnliches Story-Board: Ein Priester wird über die intime Beichte einer jungen Frau und deren Geständnisse erregt und lässt sich dann mit dieser oder einer anderen Frau auf eine sexuelle Liason ein. Der protestantische Schreiber soll angeblich empört gewesen sein über die Art und Weise wie Frauen bei der Beichte befragt wurden. Diese Pamphlete wurden 1868 durch den Wolverhamptoner Magistrat Benjamin Hicklin eingezogen. Seitdem ist der „Obscene Publications Act“ allgemein als „Hicklin Act“ bekannt geworden, der auch in den USA Eingang in die Rechtssprechung fand..

Ein wichtiges Kriterium für die Prüfung, ob beanstandetes Material als obszön gelte, war die „in ihm innewohnende Tendenz, Frauen und Kinder und das schwache Gemüt durch unmoralische Einflüsse zu verderben“ Durch den „Hicklin Act“ kam es zu einschneidenden Zensurmaßnahmen in der Literatur und die Verbreitung wissenschaftlicher Arbeiten und Informationen  über Geburtssteuerung, Verhütung und Geschlechtskrankheiten wurden verhindert. Eine weitere Folge dieses Gesetzes war, dass nun das Geschäft mit Pornographie im viktorianischen England erst richtig prosperierte

In den Vereinigten Staaten schrieb Comstock  1868 für den Staat New York ein Gesetz, welches alles „unmoralische Material“ verbot. 1873 wurde der „Comstock Act“ von dem US-Kongess angenommen. Mit ihm traten u.a. strenge Regulierungen des nationalen Postverkehrs in Kraft, welche Comstock gegen jegliches Material anwendete, welches er persönlich als obszön einstufte. In den ersten sechs Monaten seiner nationalen Operation wurden 194.000 Bilder und Photos, 124.000 Pfund Bücher, 14.200 Stereophotoplatten. 60.300 Gummiartikel, 5.500 Spielkartensets und 31.500 Kästchen mit Aphrodisika beschlagnahmt. Ein besonderes Interesse hatte Comstock an Schriften und Materialien zum Thema Verhütung und Geburtenkontrolle. Die erste amerikanische Arbeit zum Thema Geburtenkontrolle welches unter dem „Comstock Act“ verboten wurde, war eine Schrift für verheiratete Paare von Edward Bliss Foote, der beanspruchte der Erfinder des Gummi-Diaphragmas zu sein. Er wurde 1876 zu einer Geldstrafe von 3.000$ verurteilt. Die Publikation des Sexologen Havelock Ellis „Sexual Inversions”,eine Studie über Homosexualität, wurde 1898 verboten und der Psychologe strafrechtlich verfolgt.

Eine weitere Person die von dieser Zensurregelung direkt betroffen war und die sich in Folge zu einer Gegenspielerin  des obersten Zensors entwickelte, war Margaret Sanger. Sie hat den Begriff und die Diskussion um die Geburtenkontrolle 1914, dem Jahr in welchem sie in dem Magazin „The Woman Rebel“ zu publizieren begann, entscheidend mitgeprägt. 1915 wurde sie für das Versenden von Informationen zur Geburtenkontrolle per Post unter dem Comstock Act angeklagt und ein Jahr später wegen der Leitung der ersten amerikanischen Geburtenkontrolle-Klinik verhaftet. Unter anderem wegen der verschärften Repression gegen M. Sanger gründeten Frauenrechtlerinnen 1915 die „National Birth Control League“ um eine Gesetzesänderung zu erreichen. Allerdings wurden erst 1965 die letzten juristischen Hindernisse vom  U.S. Supreme Court beseitigt. Erst ab diesem Zeitpunkt waren Informationen zur Geburtenkontrolle in allen 50 Bundesstaaten legal erhältlich. Nach dem Tod von Anthony Comstock 1915, übernahm John Sumner die Position des obersten Zensors. Er war keine Leitfigur wie Comstock,, führte dessen Politik aber unangefochten fort. In seiner Amtszeit wurden die beiden Feministinnen Jane Heap und Margaret Anderson, die die Literaturzeitschrift „The Little Review“ herausgaben, zu je 100$ Strafe verurteilt weil sie 1918 Exzerpte von James Joyce „Ulysses“ veröffentlicht hatten. Nach diesem Urteil konnte James Joyce weder in den USA noch in England bis 1931 einen Verleger für „Ulysses“ finden. In Frankreich erschien der Roman 1922, herausgegeben in einer Edition von Sylvia Beach, die in Paris den Buchladen „Shakespeare and Co“ führte. Als das Werk 1932 zum ersten Mal in den USA vom Verlagshaus „Random House“ publiziert wurde, war dies nicht ohne Risiken für die Verleger.

Der rigiden Zensurpraxis Anthony Comstocks und seiner Nachfolger standen die prosperierende Vergnügungsindustrie – die Kabaretts, Tanzhallen, Nickelodeons und schnell wachsenden Rotlichtviertel in allen Großstädten der USA entgegen. Das Nachtleben in der Stadt New York entwickelte sich mit einem breiten Unterhaltungsangebot für alle soziale Klassen derartig außerordentlich, das New York ab 1890 als einer der sozialen und kulturellen Kulminationspunkte der USA galt, wo sich die Veränderung der amerikanischen Kultur – weg von den Standards viktorianischer Moral und hin zu einer liberaleren Grundhaltung – am deutlichsten erkennen ließ. New York hatte zu diesem Zeitpunkt eine ausgeprägte Theater- und Kabarett-Szene, über 10.000 Saloons und eine Vielzahl von Tanzhallen und die Prostitution war ein integrierter Bestandteil der Vergnügungsindustrie. Bordelle, Concert-Saloons, sogar Restaurants und Tabakläden duldeten, unterstützten und profitierten von der Prostitution

Zum Wechsel zum 20 Jahrhundert begannen Politiker, Sozialreformer und Vertreter kirchlicher Organisationen diese Verhältnisse zunehmend zu kritisieren und gegen den sichtbaren Teil dieser Ökonomie vorzugehen. Eine von kirchlichen Sozialreformern getragene Organisation, die u.a. aus der Anti-Saloon-Liga hervorgegangen war, das „Comittee of Fourteen“, wurde 1905 gegründet. Es konstituierte sich aus Führungspersönlichkeiten der wirtschaftlichen und politischen Elite der Stadt New York und betrieb fast 25 Jahre lang einen Anti-Prostitutionsfeldzug und eine Kampagne gegen jede Form sexuellen Entertainments in Restaurants, Saloons, Kabaretts, Tanzhallen und Theatern. Das Komitee setzte sich an die Spitze einer politischen Bewegung dessen Ziel eine Reformierung des New Yorker Rechtssystem war und setzten Gesetzes- und andere Initiativen gegen kommerziellen Sex an die Spitze dieser Reform-Agenda. 1910 forcierten sie die Einsetzung einer speziellen Grand Jury. Untersuchungsbeamte des Kommittees besuchen Restaurants, Tanzhallen, Massagesaloons, Kabaretts und andere Institutionen die in der einen oder anderen Form kommerzielles sexuelles Entertainment förderten oder anboten. Immobilienbesitzer und andere Unternehmensorganisationen, wie die der Brauereien wurden unter Druck gesetzt um sie von ihrer toleranten Haltung zum kommerziellen Sex abzubringen. Um die Jahrhundertwende kontrollierte die Brauereivereinigung ca. 80- 90% der über 11 000 Saloons die New York zu dieser Zeit hatte. Traditionell wurde kommerzieller Sex in Hinblick auf die damit verbundene Profitsteigerung toleriert, oft auch gefördert. 1908 allerdings einigte sich die New Yorker Brauereivereinigung erstmals mit dem Comittee of Fourteen. Ebenso zogen die Kautionsversicherungsgesellschaften, die Sicherheiten für die Hauswirte stellten und die Grundstücksmakler ihre tolerante Politik zurück.

Durch die vielen Kampagnen, die nicht nur in New York, sondern im ganzen Land innerhalb dieses Zeitfensters stattfanden, hatte sich das Bild in der Öffentlichkeit gewandelt. 1912 war die Prostitution in New York noch öffentlich, prosperierend und aggressiv in ihrem Auftreten. 1916, nachdem eine Vielzahl von Maßnahmen des „Comittee of Fourteen“ gegriffen hatten, war die Prostitution mittels Speerbezirksverordnungen, Ladenschließungen und einer verschärften Vorgehensweise und Kriminalisierung durch die Polizei stark zurückgedrängt worden. Prostitution galt nun zunehmend als unmoralisch und verwerflich und wurde heimlich praktiziert. Freier wurden kriminalisiert. Aufgrund dieser stringenten Vorgehensweise verlagerte sich das Milieu vom Time Square und Tenderloin zunehmend nach Harlem Nachdem die Prostitution aus dem Theaterdistrikt größtenteils zurückgedrängt war, fokussierten die Sozialreformer, u.a. die „Society for the Supression of Vice“ sich auf die Revuen und Theater. 1926 wurden 300 Personen in bezug auf den moralischen Inhalt ihrer Theater- und Showproduktionen vorgeladen. Edouard Bourdets lesbisches Drama “The Captive”, Mae West`s “Sex” und William Francis Dugon`s “The Virgin Man” wurden von den Aufführungsstätten verbannt, Geld- und Haftstrafen gegen die Autoren und Produzenten verhängt. Die Aufführungspraxis der Theater passte sich dem restriktiven Klima an und verpackte sexuelle Inhalte gemäß des konservativ-moralischen Status Quo oder verbannte sie ganz. Zensur wurde zum Standard in der Unterhaltungsindustrie

„Steppin`Out  New York’s Nightlife and the Transformation of American Culture 1890-1930”
Erenberg Lewis A., 1981, Greenwood Press, Westport/USA, London/GB

Faulstich Werner, 1994,, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick


Samuel Roth, Grove Press und Pin Ups – Die Neudefinition des Obszönitätsbegriffs

Mit der erfolgreichen Revision eines Gerichtsurteils gegen Samuel Roth, der nach dem Obszönitätsparagraphen verurteilt worden war, zeichnete sich ein Paradigmenwechsel in der staatlichen Zensurpolitik ab. Samuel Roth, ein New Yorker Verleger und Literat, der bereits in den 30ern mit dem Gesetz in Konflikt geriet weil er Joyces „Ulysses“ verkaufte, wurde 1955 unter dem Comstock Act für den Postversand seiner Zeitschriften „American Aphrodite“, „Photo and Body“ und „Good Times“ verurteilt.

In den USA entstand bereits Ende der 1920er neben den populären Tijuana Bibles eine regelrechte Pin-up-Industrie. Hübsche junge Frauen, gezeichnet oder photographisch in Szene gesetzt, auf Kalenderblättern, Centerfolds oder auf Covern verschiedener Zeitschriften wurden in vielen Werkstätten und Spinden „angepinnt“,  daher auch die Bezeichnung „Pin-up“. Populäre Publikationen wie „Whisper“, „Wink“, „Titter“ und „Burlesk“ zeigten nackte Starlets und Pin-up-Illustrationen auf ihren Titelblättern und boten Photostories und Berichte aus dem Milieu der Burleske und der Vaudeville, gemischt mit reichhaltigem Slapstick und waren damit bis in die 50er Jahre erfolgreich. Bereits in den Vorkriegsjahren wurde dieser Trend von Interessengruppen des Militärs und der Politik erkannt und führte während des 2. Weltkrieges zu einer Reihe staatlich gesponserter Publikationen mit denen die Soldaten versorgt wurden. Diese waren zwar weniger freizügig, dafür aber umso patriotischer.

Samuel Roth ging in Berufung und hatte zwei Jahre später Erfolg. Mit der Revidierung des Urteils, getragen durch die Mehrheitsmeinung des U.S. Supreme Court, kam es zu einer Neudefinition des amerikanischen Standards von „Obszönität“. Bis 1956 ging die US-Justiz von einer Begriffsdefinition aus, die sich auf den englischen „Hicklin Act“ von 1868 bezog. Danach konnte ein Buch verboten werden, wenn nur eine Zeile einer Seite des Buches Grund zur Beanstandung gab. Nach der Mehrheitsentscheidung des obersten Gerichtshofs, geschrieben von William J. Brennan 1957, wurde der Begriff Obszönität auf Material angewendet, welches „utterly without redeeming social importance“ – ohne sozialen und literarischen Wert war, bzw. derartig eingestuft wurde. Unter diesen Definition entschied der oberste Gerichtshof, dass der französische Film „The Game of Love“, der in Chicago bereits verboten war, weil die Darsteller nackt zu sehen waren, nicht obszön ist. Im Zuge der Liberalisierung wurden das Homosexuellenmagazin „One“ und das Nudistenjournal „Sunshine & Health“ legalisiert. 1959 hob ein Gericht das Obszönitätsurteil gegen die Novelle „Lady Chatterly’s Lover“, von  D.H. Lawrence, auf, welches in den USA von Barney Rosset’s Grove Press publiziert wurde. Infolge dieser Entwicklung verdoppelte sich zwischen 1957 und 1959 die Anzahl sogenannter Männermagazine, die an den Kiosken angeboten wurden und brachte weiterhin eine steigende Anzahl pornographischer Publikationen, sogenannter „slicks“ hervor, die unter dem Ladentisch gehandelt wurden. Männermagazine, die von den 50ern bis in die 70er an den Kiosken zum Verkauf auslagen, boten harmlose erotische Photographien und waren weit entfernt davon Pornographie im Sinne des heutigen Verständnisses anzubieten. Aber gerade deswegen existierte ein profitabler Markt für illegale Hardcore-Pornographie. Diese Magazine wurden zu Preisen gehandelt, die Produzenten wie Händlern enorme Gewinnspannen versprachen. Ein Magazin, welches beispielsweise 0,85$ an Druck kostete, wurde dann für 5$ an die dementsprechenden Shops weiterverkauft, wo sie der Endverbraucher für 20$ oder „2 for $30“ erwerben konnte.

Grove Press veröffentlichte in den USA als erste den „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller, wie auch „Naked Lunch“ (William S. Borrough) und die „Geschichte der O“.  Das Recht den „Wendkreis des Krebses“ in den USA lesen zu können kostete Barney Rosset, dem Besitzer von „Grove Press“, 250 000$ an Gerichtskosten und beschäftigte 15 Anwälte der „American Civil Liberties Union“. Dieser juristische Erfolg war ein enormer Durchbruch für die Öffnung Amerikas, was die hohe Literatur, die sich mit dem Thema Sexualität beschäftigte, betraf.   Bücher wie Vladimir Nabokov’s “Lolita” und Terry Southern and Mason Hoffenberg’s “Candy”  und “Die Geschichte der O” waren bald überall erhältlich. „Grove Press“ bekam so eine Reputation als ein Verlagshaus von hochwertigen, avantgardistischen „dirty books“. Barney Rosset`s Grove Press brachte die europäische Avantgarde nach Amerika: Samuel Beckett, Jean Genet, Marguerite Duras und Alain Robbe-Grillet. Er veröffentlichte Bücher von Jack Kerouac und Allen Ginsberg und ab den 60ern verstärkt Werke der politischen und kulturellen Radikalen (Frantz Fanon, Che Guevara, Malcolm X, John Rechy, etc.) Die Publikationen dieses Verlages haben im nicht unerheblichen Maße mit dazu beigetragen alte, sexualfeindliche Normen aufzubrechen und haben eine Generation von amerikanischen Schriftstellern motiviert, neue Wege zu gehen.

Die Reformation des veralteten, aus dem 19.Jh. stammenden Obszönitätsparagraphen fand hauptsächlich unter dem liberalen „Earl Warren Supreme Court“ von 1953 bis 1969 statt und  wurde unter dem Gerichtspräsidenten Warren Berger(1969-1986) zum allgemein gültigen Standard. Vor den 60igern fiel fast jede Veröffentlichung sexuell expliziten Materials, mit der Ausnahme von Joyce „Ullysses“  unter die Definition „obszön“. Aber auch in späteren Jahren kam es zu einschneidenden Gerichtsurteilen des US Supreme Courts, die zeigten, dass sich die Liberalisierung ausschließlich an den neuen Standards der literarischen Avantgarde orientierten. 1966 wurde der Verleger Samuel Mishkin wegen der Veröffentlichung von Pulp-, Fetisch-, und Pornobüchern verurteilt. Seine Publikationen deckten die Themen, Fetischismus, SadoMasochismus, Homosexualität und Bondage ab. Ein weiterer Prozess wurde gegen Allan Ginzburg geführt, der das Magazin „Eros“, die Zeitung „Liaison“ und das Buch „The Housewife’s Guide to Selected Promiscuity” herausgegeben hatte. Er wurde zu einer Strafe von 42.000$ und 5 Jahre Haft verurteilt.

In den 50ern bis in die 70er wurde jenseits des florierenden Underground-Marktes die öffentliche Diskussion um die Standards, was als obszön klassifiziert wurde, über populäre Männermagazine wie Playboy, Penthouse, High Society und Hustler, sowie Verleger wie Samuel Roth und Barney Rosset geführt. Ein weiteres Magazin, welches über 3 Jahrzehnte von der „Milky Way Productions“ verlegt wurde, war „Screw“, welches noch vor „Hustler“ frontale Nacktphotos von Frauen und Männern veröffentlichte und in seiner Gestaltung subkulturelle Einflüsse erkennen ließ. Al Goldstein, der Herausgeber von „Screw“, finanzierte u.a. eine der ersten homosexuellen Wochenzeitungen Amerikas, namentlich „Gay“ (1969-1973).

Milky Way produzierte eine eigene Videoedition und betrieb lange, die nur für das Kabelfernsehen konzipierte Show „Midnight Blue“( Softcore) und „Ecstasy Channel“ (Hardcore).  2003 musste das Magazin, wie auch die Company, Konkurs anmelden. Bereits ein Jahr später lief ein Film über Al Goldstein, „Screwed“ in den amerikanischen Kinos an.

Mit der zunehmenden Liberalisierung und der absehbaren Entstehung eines Massenmarktes, wie wahrscheinlich auch durch kalkulierte Finanz- und Warentransaktionen kam es in den 80ern zu einer massenhaften Produktion von pornographischen Magazinen bei gleichzeitigen Preisverfall. Mit der zunehmenden Konkurrenz des Videofilms und später dem Internet, sind alle Auflagen der Magazine rückläufig und viele bereits vom Markt verschwunden, stellen aber nach wie vor ein lukratives Segment der Sexindustrie dar. Laut der Firma „Adams Media Research“ und der „Magazine Publishers Association” soll der Umsatz (2002) von Adult-Magazinen bei ca. 1 Miliarde US-Dollar liegen. 1997 lag er noch bei 1,2 Milliarden.

Der „Production Code“ und der  « Comics Code Authority“

Der sogenannte Hays Code wurde von der MPAA 1930 eingeführt und stellte mit der Einsetzung der „Production Code Administration“ 1934 das maßgebliche Kriterium was in der Filmproduktion für das Publikum als moralisch akzeptabel angesehen wurde. Alle Filme, die ab diesem Zeitpunkt realisiert wurden, benötigten ein Zertifikat dieser Instanz um aufgeführt werden zu können. Diese Praxis hatte in den Vereinigten Staaten für mehr als 30 Jahre für alle US-Filme Bestand. Alle großen Hollywood-Studios übernahmen den „Production Code“ größtenteils als Basis einer Selbstregulation um auf diesem Wege staatlichen Zensurmaßnahmen vorzubeugen. Der „Production Code“ umfasste einen ausführlichen Katalog von Inhalten, visuellen Darstellungen, bis hin zu einzelnen Wörtern, die als moralisch illegitim galten. Dazu gehörten neben der allgemeinen Feststellung das die filmische Narration nicht zulassen darf, das die Zuschauer eine Sympathie für Kriminelle oder „teuflische“ und „sündhafte“ Verhaltensweisen entwickeln können,  u.a. das Verbot der Darstellung von Nacktheit und „suggestiven Tänzen“ und die Bezugnahme auf „sexuelle Perversionen“ wie Homosexualität. Weitergehend durfte die filmische Darstellung nicht den Eindruck entstehen lassen das „niedere Formen sexueller Beziehungen“ gesellschaftlich akzeptiert sind. Stattdessen sollten die Werte von Familie, Heirat, Heim und Herd hochgehalten werden. Filmemacher und kleine Studios, die sich nicht an diese Bestimmungen hielten, wurden von Hollywood ausgegrenzt, kamen auf die schwarze Liste der katholischen „Legion of Decency“ und hatten keine Aufführungsmöglichkeiten mehr.

1948 wurde die vertikale Integration der Filmindustrie in dem Prozess gegen Paramount Pictures Thema des obersten Gerichtshofs aufgrund der Verletzung der Anti-Trust-Gesetze. Aufgrundessen  mussten die Studios ihr Monopol bei den Filmaufführungsstätten abgeben und hatten keine Möglichkeit mehr ausländische Filme, für die der „Production Code“ keine Gültigkeit hatte, vom Markt fernzuhalten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dann außerhalb des Studiosystems eine Reihe unabhängiger Kinos, die mit zunehmenden Erfolg europäischen und amerikanischen Underground aufführten, so dass die Diktionen des Hays Code immer mehr an Gültigkeit verloren. Mit der Aufführung von “Blow up” 1967 – einem Film dem das Zertifikat verweigert wurde – durch das Filmstudio MGM, welches ein Mitglied der MPAA war, wurde deutlich des der „Production Code“ endgültig überholt war. 1968 führte die MPAA dann ein Rating-System, mit vier verschiedenen Kategorien – G, M, R und X – ein. Dieses Bewertungssystem klassifizierte die Filme je nach Eignung oder Nicht-Eignung für jugendliche Zuschauer. „G“ – unbedenklich, generell freigegeben, „M“ – für das „reifere“ Publikum, „R“- nicht unter 16 Jahren ohne erwachsene Begleitung und „X“- nicht unter 17 Jahre erlaubt.

In der Comic-Industrie funktionierte der „Comics Code Authority (CCA)“ in ähnlicher Weise. Er wurde von der „Comics Magazine Association of America (CMAA)” eingesetzt um die Inhalte und grafischen Darstellungen der Comics zu kontrollieren und zu zensieren. Die Verlagshäuser ließen ihre Produkte von der CCA kontrollieren und konnten, wenn sie nicht beanstandet wurden, das CCA-Zertifikat auf dem Cover zu Werbezwecken verwenden. Die CCA wurde 1954 gegründet und hatte ihren Fokus hauptsächlich auf die Genres der „True crime“ und Horror-Comics, beschäftigte sich aber auch mit der Vielzahl der „love and romance“-Comics, damit diese, moralisch unbeanstandet, frei von sexuellen Anspielungen waren. Die CCA war zwar keine offizielle, staatlich legitimierte Entscheidungsinstanz, hatte aber großen Einfluss auf die Distribution und das Kioskwesen, so dass Comics ohne das CCA-Zertifikat oft gar nicht erst ausgeliefert wurden. Einer der in den Fokus der „Comics Code Authority“ geriet war William Gaines, Präsident von EC Comics, u.a. Herausgeber von dem MAD-Magazin, mit den Publikationen “Crime SuspenStories”, “The Vault of Horror” und “The Crypt of Terror”. Darstellungen von Vampiren, Zombies und Werwölfen waren genauso wie die Wörter „terror“, „horror“ und „crime nach den Reglementarien der CCA verboten. Gaines versuchte seinen Standpunkt auf einem öffentlichen Hearing zu verteidigen, konnte aber nicht verhindern das die betreffenden Magazine aufgrund der Restriktionen im Laufe eines Jahres keinen Profit mehr abwarfen. In den 60er Jahren, mit dem Aufkommen der Underground-Comix wurde das Diktat der CCA erstmals unterlaufen, da diese Magazine sich über Head-Shops und Buchläden eine eigen Vertriebsstruktur aufgebaut hatten. Der Comic Code wurde 1971 und 1989 jeweils einer Revision unterzogen um ihn an die veränderten Marktbedingungen anzupassen, verlor aber weiterhin zunehmend an Einfluss, bis CCA-Sponsoren wie DC Comics und Marvel eigene Erwachsenen-Comics ohne Zertifikat herausgaben und Marvel 2001 sich von dem CCA abkehrte und ein eigenes Rating-System favorisierte.

11
Jan
10

Republikaner und Demokraten – zwischen Anti-Pornokreuzzügen und Laissez faire

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Zwischen den beiden großen Regierungsparteien der USA, den Republikanern und den Demokraten, bestehen deutliche Unterschiede im Umgang mit der Sexindustrie. Ein Großteil der Demokraten nimmt eher eine liberale bis progressive Haltung ein und während ihrer Regierungszeiten kommt es insgesamt zu deutlich weniger juristischen und politischen Kampagnen gegen die reguläre Pornoindustrie. Unter den republikanischen Präsidenten Reagan und Bush sen. wurde hingegen ein regelrechter Kreuzzug gegen die Pornographie ausgerufen und auch Bush jun. verkündigte in seiner Regierungszeit einen „War on Pornography“. Dies liegt vor allem an einer Vielzahl von ultra-religiösen und politischen Organisationen, die sich gegen die sexuelle Liberalisierung stellen und christlich-puritanische Leitbilder proklamieren. Diese Organisationen haben zum Teil einen großen Einfluss auf Politik, Wirtschaft und die öffentliche Meinung.

Der Multimillionär Pat Robertson ist einer der bekanntesten Personen der ultrareligiösen Rechten, u.a. durch seine Präsidentschaftskanditatur  gegen George Bush 1988 und durch seine tägliche Sendungen im „700 Club“. Das „Christian Broadcasting Network (CBN)”, Produzent von „700 Club“, wurde 1977 von  Robertson gegründet und erreicht über Kabelnetzwerke mehr als 50 Millionen Haushalte. 1989 wurde es in „Family Channel” umbenannt, bzw. als separates, profitorientiertes Unternehmen aus dem Netzwerk ausgegliedert um den steuerfreien Status von CBN zu erhalten. Robertson gründete ebenfalls die „Christian Coalition“ im Jahr 1989 und das „American Center for Law and Justice (ACLJ)“. Die „Christian Coalition“ hat nach eigenen Angaben ca. 2 Millionen Mitglieder, andere Schätzungen gehen allerdings nur von einer Mitgliederzahl von 300.000 – 400.000 aus. Die Christian Coalition sieht es als eines ihrer zentralen Ziele die Agenda der Republikanischen Partei zu beeinflussen, damit sie weiterhin als Träger einer christlichen Leitkultur funktioniert. Zu diesem Zwecke betreibt die Christian Coalition eine umfangreiche Basisarbeit und bildet über ihre Institutionen eigenen politischen Nachwuchs aus. Die ACLJ bei der Jay Sekulow den Vorsitz führt, versteht sich als Rechtsvertretung der ultrareligiösen Rechten und spielt eine aktive Rolle innerhalb der Anti-Abtreibungsbewegung und spricht Lesben und Homosexuellen die gleichen Rechte ab. Pat Robertson sieht die 1990 gegründete ACLJ als eine Antwort auf die “American Civil Liberties Union (ACLU)”. –

„ (…)decided to act to undo the damage done by almost a century of liberal thinking and activism.“

Die “American Civil Liberties Union (ACLU)” ist eine der größten amerikanischen Non-Profit-Organisationen mit Hauptsitz in New York, dessen erklärter Auftrag es ist die verfassungsmäßig garantierten Bürgerrechte und Freiheiten zu bewahren und zu verteidigen – und weitergehend, die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und der Verfassung, egal welcher Rasse, Geschlecht, Religion oder Nationalität sie sind, einzufordern. Die ACLU wurde bereits 1920 gegründet und ging aus dem „National Civil Liberties Bureau (NCLB)“ hervor, eine antimilitaristische Organisation, die gegen den Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg opponierte. In der Anfangszeit befand  die ACLU sich in der Nähe zu der damaligen Arbeiterbewegung und unterstützte u.a. die „Industrial Workers of the World (IWW)“ und half politischen Aktivisten die entweder von Deportation oder Kriminalisierung bedroht waren. 1940 vollzog sich ein offizieller Wechsel in der Politik der ACLU  mit dem Ausschluss von Mitgliedern der Kommunistischen Partei und der formellen Festlegung das Kommunisten keinerlei Führungspositionen innerhalb der Organisation mehr einnehmen dürfen. Durch die nach dem 11.9.2001 vollzogenen Beschneidungen der Grundrechte stieg die Mitgliederanzahl  erheblich an. Ende 2005 soll die ACLU über 500.000 Mitglieder gezählt haben.

Weiterhin erwähnenswert ist die “Liberty University”, gegründet von  Jerry Falwell. Sie versteht sich als eine Institution, die die nächste Generation von christlichen Führungspersönlichkeiten für alle relevanten gesellschaftlichen Bereiche ausbildet und trainiert. Sie wurde 1971 gegründet und im Zeitraum 2001-2006 haben 8000 Studenten ihren Ausbildungsweg durchlaufen. Die Studiengebühren sind mit $14.000 jährlich fast doppelt so hoch wie der Durchschnitt anderer, gleichwertiger Universitäten. Sie verfügt über tägliche Sendezeiten in verschiedenen Radiostationen und gibt das Monatsmagazin „National Liberty Journal“ heraus. Jerry Falwell und M.G. Robertson sind zwei Führungspersönlichkeiten der christlich-konservativen Ultras mit großem Einfluss in der Medienöffentlichkeit. In diesem Zusammenhang muss als dritte Person Donald E. Wildmon genannt werden, der 1977 die „American Family Association(AFA)“ gründete. Die AFA ist in 21 US-Staaten vertreten und hat ca. 500.000 Mitglieder. Sie verfügt über ein Netzwerk von 200 Radiostationen, die über die gesamte USA verteilt sind. Neben dem Printmedium „AFA Journal“ ist die Organisation mit verschiedenen Webseiten im Internet vertreten: die „AgapePress News Summary“ welche täglich per e-mail an Abonnenten verschickt wird und die neben der „Washington Times“, deren Besitzer Rev. Sun Myung Moon ist und dem „WorldNetDaily“ die maßgeblichen Informationsquellen für die religiösen Rechten im Internet stellt. Weitergehend die CNSNews („Cyber News Service“) und die „AFA Online“. Eines der Haupttätigkeitsfelder der AFA ist es Unternehmen aus der Medien- und Unterhaltungsindustrie, die in ihren Mediensendungen oder in ihrem Produktangebot nicht den “traditionellen christlichen familiären Werten“ gerecht werden, mit Kampagnen und Boykottaufrufen zu überziehen. Neben einer ganzen Reihe von TV-Sendungen, wo sich die Kampagnen gegen die Sponsoren derselben richteten, waren Disney, American Airlines und die Großhandelskette K-Markt im Visier dieser Organisation. Die Anhängerschaft der AFA beziffert sich nach verschiedenen Schätzungen auf mehrere hundertausend – bis Millionen Menschen.

Weitere Organisationen sind die „Morality in Media (MIM)“ und die „Concerned Women for America“ (CWA). Die CWA ist eine Frauenorganisation mit eigenen Publikationen und einer täglichen Radioshow. CWA spricht sich gegen Feminismus, Sexualaufklärung und Schwule und  Lesben aus und versteht sich als Lobbyorganisation, die für die Einhaltung traditioneller christlicher Moralvorstellungen eintritt. „Morality in Media“ ist eine als gemeinnützig anerkannte nationale Organisation mit Hauptsitz in New York, die es sich zum Ziel gemacht hat einen „Standard des Anstands“ in den Medien aufrecht zu erhalten. MIM protegiert eine konsequente Auslegung der vorhandenen Gesetze um gegen jedwede Form von Pornographie gegenanzugehen.. Weitergehend betreibt MIM eine dementsprechende Lobbyarbeit und Medienkampagnen, die inzwischen über Webseiten wie „moralidad“  auch die spanischsprechende Bevölkerung erreicht.  Der Organisation sitzt seit 1992 der Staatsanwalt Robert M. Peters als Präsident vor. Peters ist weiterhin engagiert in dem “ National Obscenity Law Center (NOLC)„. NOLC leistet Hilfestellungen bei Anklagen und  Strafverfolgungen wegen Obszönität und anderer juristischer Initiativen, die die Sex- und im speziellen die Online-Sexindustrie betreffen, welche in der zweimonatlich erscheinenden Publikation der Organisation, dem „National Obscenity Law Bulletin“ veröffentlicht werden.

http://www.pfaw.org/pfaw/general/default.aspx?oid=3147

AVN-Online, “The enemies list, Part 1: These Are the Folks Who Want to Put You Out of Business”, 3-1-2002

Unter dem Eindruck der sich abzeichnenden kulturellen Veränderung, der liberaleren Zensurpraxis, den Impulsen der 68er-Bewegung und den Entwicklungen in Skandinavien, gab die „Presidential Commission on Obscenity and Pornography“ die vom US-Kongress geschaffen und 1968 vom demokratischen Präsident Lyndon Baines Johnson (1963-69) ernannt wurde, eine Untersuchung zum Thema Pornographie in Auftrag. In diesem Zusammenhang wurde der dänische Psychologen Berl Kutschinsky vom kriminalistischen Institut der Universität in Kopenhagen mit Nachforschungen beauftragt. Nach zweijähriger Forschungsarbeit und Kosten in Höhe von 2 Millionen Dollar kam die beauftragte Kommission 1970 zu dem Ergebnis, das Pornographie keinen nennenswerten Schaden im sozialen Gemeinwesen anrichtet und sprach die Empfehlung aus, dem Beispiel  der dänischen Liberalisierung zu folgen und machte den Vorschlag eine großangelegte Sexualerziehungskampagne zu starten und weitergehend  Fragen, die die Begrifflichkeiten „obszön“ und „pornographisch“ aufwerfen, öffentlich zu diskutieren. Aber Präsident Richard Nixon (1969 –1974) lehnte nach massiven Protesten der Konservativen diese Empfehlung ab und polemisierte:

“A Democratic President (Lyndon Johnson) had appointed the commission; the Democrats were as soft on smut as they were on Communism. A Republican President would never relax the national effort to control and eliminate smut from our national life.“

Bereits im Rahmen des Wahlkampfs 1968 hatte Nixon eine Kampagne gegen den liberalen „Warren Court“ geführt, mit der Zielsetzung den obersten Gerichtshof zu strengeren Vorgaben zu bewegen, die eine Vorgehensweise gegen die Pornoindustrie vereinfachen sollte. Mit Miller v. California, 413 U.S. 15 wurde 1973 entschieden, das Pornographie nicht durch den ersten Zusatz der Verfassung geschützt wird und der Miller-Test wurde zur Definition von „obszönen“ Material eingeführt. Seit der sogenannten “Miller Decision“ des Supreme Courts von 1973, definieren und bestimmen die lokalen Justizbehörden der einzelnen Bundesstaaten was obszön ist. Als verbindliche Grundlage jeder Entscheidung gilt der „Miller Standard“, der drei Tests beinhaltet. Um als obszön zu gelten muss das dominierende Thema des Werkes sexuell explizit und lüstern sein, gegen die moralischen, zeitgenössischen Standards der lokalen Kommune verstoßen und es muss ohne jeden seriösen literarischen, künstlerischen, politischen und sozialen Wert sein. Damit ein Werk als obszön eingestuft werden kann, müssen alle drei Kriterien zutreffen.

Mit dieser Gesetzesregelung veränderte der Oberste Gerichtshof der USA die Sprachregelung in Bezug auf Produktionen die als „obszön“ einzustufen sind: die Phrase „utterly without redeeming social value – völlig ohne sozialen Wert“ wurde aus den Gesetzestext entfernt. Infolge des neuen Gesetzes musste ein Kläger, der eine Produktion unter dem Obszönitätsparagraphen verbieten lassen wollte, nicht mehr beweisen, dass es „völlig ohne“ Wert war; es musste bloß an „literarischem, künstlerischem, politischem oder wissenschaftlichem Wert“ mangeln, um als obszön eingestuft  zu werden. Mit diesem Gesetz traten lokale Community-Standards anstelle der vorherigen nationalen Zensurregelung. Damit gaben der Times Square und der Sunset Boulevard mit ihren liberalen Stadtparlamenten, nicht mehr die Standards vor – was erlaubt, möglich oder verboten ist, so dass in konservativen Städten und Landkreisen sogar Magazine wie „Playboy“ und „Penthouse“ oder Filme wie „Der letzte Tango in Paris“ verboten werden konnten. In einzelnen Bundesländern verschärfte sich die Gesetzesgebung zwar, aber durch die unterschiedliche Gesetzesauslegung taten sich Lücken auf die von dezentralen Produktions- und Vertriebsorganisationen genutzt werden konnten,

Ein Jahr nach der Erstaufführung von “Deep Throat” kam „Der letzte Tango von Paris“ des Italieners Bernardo Bertolucci in die Kinos. „Der letzte Tango“ war kein Pornofilm, thematisierte aber auf hohem filmischen und schauspielerischen Niveau, die Liebes- und sexuelle Beziehung der beiden Protagonisten und brach dabei mit moralischen Konventionen. Der Film war umstritten und wurde u.a. in Italien verboten, wo der Regisseur Bertolucci deswegen auch 2 Monate in Haft einsaß.

In Jimmy Carter, Baptist, demokratischer Kandidat und späterer Präsident der USA (1977-81), setzten die konservativen Christen zunächst große Erwartungen. Er brachte seine religiösen Überzeugen als Teil des Wahlkampfes mit ein und wurde u.a. im „700 Club“ ausführlich interviewt. Aber bereits 2 Jahre nach seiner Ernennung wandten sie sich von ihm ab. Er hatte nicht, wie erhofft, das Pflichtgebet in der Schule unterstützt, sprach sich für die Rechte von Homosexuellen aus und war den Rechten zu kompromissbereit in der umstrittenen Abtreibungsfrage. 1978 verabschiedete Carter ein Gesetz gegen Kinderpornographie. Ansonsten kam es  während seiner Amtszeit  zu keinen einschneidenden Verboten und Zensurmaßnahmen die die Sexindustrie betrafen. Aber während seiner Regierungszeit formierte sich eine ultrachristliche Bewegung, die gegen seine Wiederwahl  opponierte und in Ronald Reagan ihren Vertreter sah.

Unter Präsident Reagan (1981-89) wurde 1985 die „Attorney General’s Commission on Pornography“ gegründet, die auch als “Meese Commission” bekannt wurde. 1986 wurde der Abschlussbericht der  Kommission, welcher vom Präsidenten in Auftrag gegeben worden war, veröffentlicht. Der Report, als eine umfangreiche Untersuchung des Themas Pornographie, dokumentierte u.a. auch was die Kommission an Beweisen für die schädliche Wirkung von Pornographie gefunden hatte und inwieweit Verbindungen zwischen der Sexindustrie und der organisierten Kriminalität bestanden haben sollen. Der Report wurde nicht nur von der Sexindustrie, sondern auch von Teilen der Öffentlichkeit kritisiert. Den Kommissionsteilnehmern wurde Voreingenommenheit vorgeworfen, da sie sich größtenteils aus einem illustren Kreis von Anti-Porno-Aktivisten zusammensetzten. Außerdem kritisierten Wissenschaftler, das einzelne Untersuchungsberichte nicht berücksichtigt wurden und nicht mit dem Endergebnis des Reports übereinstimmten.

Im Justizapparat der USA gibt es eine Mehrzahl von Einzelpersönlichkeiten, die sich über ihre Aktivitäten gegen Obszönität und Pornographie profiliert haben. Alan Sears war ehemals Direktor der “ Attorney General’s Commission on Pornography”, besser bekannt als Meese-Commission. Später wurde er Vorsitzender der „Arizona’s Alliance Defense Fund (ADF)“ welche entschieden gegen Abtreibung, Homosexuellenehen und Pornographie eintritt und einen stärkeren Einfluss der christlichen Religion auf das öffentliche Leben Amerikas fordert. Bruce A. Taylor und J. Robert Flores waren während der Reagan/Bush-Administration Staatsanwälte der „National Obscenity Enforcement Unit (NOEU)“, die anfangs der 90er in die CEOS -„Child Exploitation and Obscenity Section“ umbenannt wurde. Taylor war der Chefankläger im Verfahren gegen den damaligen Porn-Mogul Reuben Sturmann und gründete später das „National Law Center for Children and Families“, dessen Präsident er eine zeitlang war. Seit Februar 2004 arbeitet er wieder innerhalb des Justizministeriums und ist Mitglied der „Obscenity Prosecution Task Force“. Flores wurde nach seiner Tätigkeit bei der CEOS zur „Child Online Protection Act (COPA) Commission“ berufen und wurde später zum Vorsitzenden der „Federal Office of Juvenile Justice and Delinquency Prevention“ in dessen Funktionen er vor allem gegen Internetpornographie vorging und sich einen Ruf als überzeugter Gegner  von  Sex-Pro-Initiativen verschaffte. Eine weitere Person die aus dem Wirkungskreis des „National Law Center’s“ hervorgegangen ist, ist Janet M. LaRue, nach der Jahrtausendwende Direktor der „Legal studies for the Family Research Council“. Er spielte auf der 1999 abgehaltenen Konferenz „National Pro-Family Conference On Pornography, Sexually Oriented Businesses and Material Harmful to Children” eine signifikante Rolle und war einer der Hauptredner und Leiter mehrerer Seminare.  1988 war Patrick A. Trueman Direktor der NOEU und aktiv Mitwirkender der Justizkampagne gegen verschiedene Mail-Order-Unternehmen des Sexbusiness, von denen der Internet-Erotica-Versand „Adam & Eve“ das bekannteste war. 2002 war Trueman Direktor der „Governmental affairs for the American Family Association (AFA)”

Im gleichen Zeitraum wurde die „Parents Music Resource Center (PMRC)“ von vier Frauen, u.a.Tipper Gore, Frau des späteren Vizepräsidenten Al Gore, gegründet. Die PMRC sah es als ihre Aufgabe an ein Rating-System und strengere Zensurbestimmungen bei der Musikindustrie durchzusetzen und Eltern über die schädliche Wirkung populärer Musik, im speziellen Rockmusik zu informieren. Diese Musik war, so die Meinung der vier „Mütter“, verantwortlich für die Zunahme von Vergewaltigungen, Drogenmissbrauch, jugendlichen Schwangerschaften und Selbstmorden. Im gleich Jahr wurde ein Hearing zum Thema „pornographic content of rock music“ veranstaltet. Infolge der Kampagne der PMRC und des Hearings erklärte sich die RIAA – „Recording Industry Association of America“, der Verband der Musikindustrie in den USA, bereit Musikalben mit expliziten Texten mit einem „Parental Advisory: Explicit Lyrics“-Label auszuzeichnen. Durch weitergehende Kampagnen ultrachristlicher Gruppen, wie der von Reverend Jimmy Swaggert, verzichteten Plattenläden und große Kaufhausketten wie Wal-Mart darauf Musik, die mit diesem Label ausgezeichnet wurden weiterhin zu verkaufen. Inzwischen hat die PMRC aufgrund der vielen Independent-Labels viel seines ehemaligen Einflusses verloren.

Zur weiteren Regulierung und Kontrolle der Pornoindustrie wurde 1988 der „United States Code, Title 18, Section 2257“ verabschiedet. Verstöße gegen dieses Gesetz können mit Geld- und Haftstrafen bis zu 5 Jahren geahndet werden. Dieses Gesetz (Record Keeping Law) war ursprünglich davon intendiert Minderjährige mittels der Verpflichtung des Identifikationsnachweises vor einem Missbrauch innerhalb der Sexindustrie zu schützen. Die Auslegung dieser Gesetze und die sich daraus entwickelnde Praxis wurde aber deutlich von der Intention getragen die Kosten pornographischer Produktionen so zu erhöhen, das sich die Zahl der Anbieter deutlich verringert und man außerdem in vielen Fällen eine juristische Handhabe geltend machen konnte.

Während der 1980er Jahre hat die Sexindustrie unter den aggressiven Angriffen des FBI und der Steuerbehörde und einer massiven Öffentlichkeitskampagne von Feministinnen und konservativen Christen empfindliche finanzielle Einbussen davongetragen. 1986 wurden die Kompetenzen der einzelnen Stadtverwaltungen dahingehend ausgeweitet, das diese mit Hilfe einer Sonderzonenregelung verstärkt gegen pornographische Filmtheater, Buchläden und Sexshops vorgehen konnten. Die Zirkulation und der Verkauf von Magazinen wie „Penthouse“ und „Playboy“sank erheblich, nachdem wichtige Pressevertriebsfirmen wie die „7-11 Corporation“ von der „Meese Commission“ unter Druck gesetzt wurden und den Vertrieb von Sex-Magazinen einstellten. Außerdem wurde der Straßenverkauf via Kioske und 24-Stundenshops zunehmend reglementiert, was bsp. bei „Penthouse“ zu einem Rückgang der Leserschaft um 25% führte. Führende Filmemacher des Pornofilms wie Gregory Dark und Hal Freeman zogen es aufgrund des gesellschaftlichen Klimas vor als unabhängige Filmemacher zu arbeiten. 1988 and ’89, vergab die „X-Rated Critics Organization (XRCO)“ keinen Award für den besten Film der Branche, aufgrund des Mangels an neuen qualitativen Produktionen und so waren von 1988 zu 1989  die Einnahmen der Verleihgebühren von X-rated-Videos um drei Millionen auf 395 Millionen Dollar gesunken.

1986 wurden durch die Meese-Kommission gegen viele größere Unternehmen der US-Sexindustrie Untersuchungen und Prozesse eingeleitet. Ziel der staatlichen Kampagne, die von ultrakonservativen Christen getragen wurde, war es durch eine gleichzeitige Anklage der betreffenden Unternehmen in verschiedenen Bundesstaaten die Logistik und Kapitalreserven der Firmen so zu schwächen, das sie sich schuldig bekannten, einen Vergleich anstrebten oder an den Gerichtskosten bankrott gingen. Nur größere Unternehmen waren überhaupt in der Lage gegen diese Strategie anzugehen. 1991 wurden die Besitzer der Firmen „Vivid Video“ und „VCA“ des Transports von obszönen Material über die Landesgrenzen angeklagt. Steven Hirsch von „Vivid Video“ musste 500.000$ Strafe zahlen und verlor die Rechte an dem betroffenen Produkt. Russell Klemmt Hampshire von „VCA“ wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und die Firma verlor durch diesen Prozess 2 Millionen Dollar. Ein weiteres Unternehmen welches ins Visier der Justizbehörden geriet war der Erotik-Versandhandel „Adam&Eve“.  Während 7 andere Versandfirmen, die ähnlich wie Adam&Eve mit Erotika handelten, zur Geschäftsaufgabe gezwungen wurden und größere Firmen wie Vivid und VCA Vergleiche aushandelten und Strafgelder und Haftstrafen in Kauf nahmen, wehrte sich das Unternehmen Adam & Eve und dessen Gründer Phil Harvey in einem zeit- und kostenaufwendigen Prozess, der PHP mehr als $3 Millionen kostete. Aus dem Prozess, der von 1986 bis 1994 dauerte, ging die „Phil Harvey Enterprises“ als Sieger hervor. Harvey beschreibt den Prozessverlauf, die Umstände und die politischen Motivationen die dieser Strategie zugrunde lagen ausführlich in dem Buch „The Government Vs. Erotica“.

Nicht nur während der Amtszeit der republikanischen Präsidenten Reagan, auch in der folgenden von Bush sen.(1989-93) ging das United States Justice Department massiv gegen die amerikanische Adult-Industrie vor. Viele der Prozesse wurden von dieser Industrie gewonnen, einige verloren, aber in der Konsequenz mussten diese Unternehmen Millionen an Anwalts- und Gerichtskosten aufbringen und verloren viel Zeit. Nicht wenige Pornographen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt wegen Materials, welches inzwischen den aktuellen und legalen Standard darstellt. Im Zuge dieses Anti-Porno-Kreuzzuges gerieten nicht nur die Sexindustrie, sondern auch zunehmend Künstler in den Fokus konservativer Politiker und Medienkampagnen. 1990 wurde eine Photoausstellung von Robert Mapplethorpe, die Sadomasochismus thematisierte und eine Multimediainstallation von Andres Serrano, welche u.a. ein von Urin bedecktes Kruzifix zeigte im konservativen Bundesstaat Cincinnati zum Anlass genommen das Contemporary Arts Center wegen Obszönität anzuzeigen. Der von einer großen Medienöffentlichkeit begleitende Prozess wurde seitens der Republikaner und ultrachristlicher Organisationen zum Anlass genommen um die staatliche Förderung von Kunstprojekten generell in Frage zu stellen und gipfelte später in dem Versuch die dafür zuständige Behörde, die National Endowment for the Arts, die ein jährliches Budget von über $100 Millionen hatte, komplett zu eliminieren. Im Zuge der begleitenden Diskussion um den Stellenwert von Kunst in der Gesellschaft schlossen sich viele Künstler  und Unterstützer in Organisationen, wie die National Campaign for Freedom of Expression zusammen, wurden zum Teil politisch aktiv und brachten ihr Anliegen und ihre Kunst in die örtlichen Communities ein, so dass anstelle der Abhängigkeit von einer nationalen Institution ein Netzwerk von kommuneeigenen Fonds, Lobbyorganisationen und Künstlergruppen entstanden ist, die ihre Positionen selbstbewusst vertreten.

Unter Bill Clinton (1993-2001) hatte eine Frau das Amt des Attorney Generals inne. Während der achtjährigen Amtszeit von Janet Reyno kam es zu keinen nennenswerten Kampagnen und Prozessen gegen die traditionelle Sexindustrie, da das Justice Department seinen Focus auf die Bekämpfung der Kinderpornographie gelegt hatte. Wegen dieser vermeintlichen Tatenlosigkeit wurde sie u.a. von Vereinigungen wie „Morality in Media“ kritisiert. Andererseits wurde unter der Clintonregierung  1994 das “Entertainment Software Rating Board (ESRB)“ als eine Organisation gegründet, die mit einem eigenen Rating-System, vergleichbar mit dem der Filmwirtschaft, selbstregulierend für die Computer- und Videospiele funktionierte. Gegründet wurde sie von der „Interactive Digital Software Association“ (inzwischen umbenannt in „Entertainment Software Association“) und hatte bis Anfang 2003 über 8000 Titel von 350 verschiedenen Herstellern geprüft. 23 dieser Produkte bekamen das Rating „Adults Only“, bis auf eine Ausnahme ausschließlich für sexuell explizite Inhalte.

Im Februar 1996 die Ratifizierung des „Communications Decency Act“. Ziel des Gesetzes war die Regulierung der Online-Pornographie und – unter dem Eindruck der damals aktuellen Diskussion um Kinderpornographie – der Schutz von Minderjährigen vor Inhalten welche als „unanständig“ oder „obszön“ eingestuft wurden. Aufgrund der variablen Auslegungsmöglichkeiten von „Indecency“ und „Obscenity“ und wegen der relativ freien Netzstruktur des Internets wären beispielsweise Inhalte, wie sie in Druckerzeugnissen unter dem Postulat der Meinungsfreiheit geschützt waren, im Internet verboten worden. Kritiker sahen in diesem Gesetz maßgebliche Einschnitte, die den freien Informationsaustausch im Internet reglementierten. Verschiedene Internet-Bürgerrechtsorganisationen initiierten Onlineproteste wie der „Black World Wide Web Protest“ und die „Blue Ribbon Online Free Speech Campaign” der Electronic Frontier Foundation. Noch im gleichen Jahr wurden Teile des CDA durch Entscheidungen lokaler Gerichtsinstanzen blockiert, die darin eine nicht verfassungsgemäße Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung sahen und die Rechte von Eltern in Bezug auf ihre Entscheidungsfähigkeit – was  gut und nicht gut ist für ihre Kinder – unzulässig reglementierten. Juni 1997 wurden substanzielle Teile dieser Gerichtsentscheidungen vom Supreme Court bestätigt. Die „Federal Communications Commission” hatte, in Bezug auf „indezente“ Inhalte, in ähnlicher Weise für das Fernsehen und das Radio Regulierungen veranlasst (TV Parental Guidelines). Durch einen Teilaspekt dieses Gesetzes sind die Betreiber von Kabelfernsehen dazu verpflichtet in jedem Kabelsystem, jedem Haushalt, wo Programme empfangen werden können die nur für Erwachsene zugelassen sind, zusätzliche technologische Blocker einzubauen um zu verhindern, dass unautorisierte Personen diese Programme empfangen können, oder aber sie müssen die Programmzeit dieser Filme von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens beschränken.

1998 wurde unter Präsident Clinton der Child Online Protection Act(COPA) verabschiedet, der die Distribution von Material kriminalisierte welches als schädlich für Minderjährige eingestuft wurde. Einzelpersonen die gegen das Reglement von COPA verstoßen, konnten mit Geldstrafen bis zu $50.000 und Gefängnisstrafen bis zu einem halben Jahr belangt werden. Für Webmaster bestand unter diesem Gesetz die Notwendigkeit akkurate Zugangsbeschränkungen wie Alterbestätigungssysteme, Kreditkarten- und Ausweisüberprüfungen zu implementieren. Der COPA wurde in der Öffentlichkeit als Nachfolger des mit der zur Verfassung illegitim stehenden Communication Decency Act (CDA) bezeichnet und kurz nach der Inkrafttretung des Gesetzes wurde von einer Koalition verschiedener Bürgerrechtsorganisationen, Webseitenbetreiber und Buchhändlern eine Klage gegen das Gesetz eingereicht, die erfolgreich war und zu einer Aussetzung des Gesetzes führte. 1999 wurde in einem weiteren Gerichtsverfahren dieses Urteil nochmals bestätigt.

Der Generalstaatsanwalt des United States Justice Department in der ersten Amtszeit von Bush jr.(2001-  ) war John Ashcroft, ein streng religiöser Mann, der weder Alkohol noch Koffein konsumiert und ein erklärter Gegner jeglicher Pornographie ist. Unter seiner Leitung wurde in Zusammenarbeit mit dem FBI eine neue, agressive Antiporno-Kampagne angekündigt und vorbereitet, als deren treibende Kraft der Staatsanwalt Bruce Taylor galt und gilt. 2002 wurde in Columbia/ South Carolina, das „Obscenity Law Enforcement Symposium“ ins Leben gerufen. Ein Forum, gesponsort von der „Criminal Division’s Child Exploitation and Obscenity Section“ und dem „Executive Office of U.S. Attorneys“, um den aktuellen Stand der Sexindustrie zu diskutieren und um nach Möglichkeiten zu suchen justiziell gegen sie vorzugehen. Deutlich wurde die Tendenz des Justice Departments im Rahmen der Obszönitätsdiskussion, die klaren Grenzlinien zwischen regulären, legalen Hardcore und Kinderpornographie zu verwischen um so ein politisches Klima zu schaffen, was eine verschärfte Vorgehensweise gegen diese Industrie ermöglicht. Nichtsdestsotrotz blieb der angekündigte Feldzug gegen die Pornographie während der ersten Amtszeit von George Bush weitgehend aus. Mit seiner Wiederwahl 2005 wurde Alberto Gonzales als Leiter des Justice Departments eingesetzt, der Ende 2005 wiederum offiziell einen „War on Pornography“- Feldzug angekündigte. Eine Reihe von Unternehmen haben daraufhin vorbeugend reagiert, so z.b. die Firma “ Adult Revenue Service”, die bereits mit  Amtsantritt von Bush jr  2001 ihre gesamten Content-Seiten an eine kanadische Firma verkaufte und nur die Traffic- und Partner-Programme weiterhin als eingetragenes Unternehmen in den USA betrieb. Ein weiteres Beispiel sind „Suicide Girl“, die 2005 eine größere Anzahl von Bildern, die Bondage und Sadomasochismus thematisierten von ihrer  Webseite nahmen um eventuellen juristischen Schritten der US-Behörden im Zuge der „war on porn“-Kampagne vorzubeugen.

2005, unter Bush jun., wurde der 18 U.S.C. § 2257 weitgehend verschärft. Die Modifikation dieses Gesetzes verpflichtet Fotografen, Filmemacher, Webmaster und dementsprechende Unternehmen, Daten über ihre Modelle zur Verfügung zu halten wenn die Aufnahmen „sexually explicit“ sind.  Von jedem Darsteller, egal ob er im Film, Internet oder auf einer Photographie auftaucht, muss zum Zwecke des Altersnachweises, eine Kopie seines Ausweises, alle verwendeten Künstlernamen sowie die aktuelle Wohnanschrift verfügbar sein. Außerdem werden Angaben zum Produktionsstandort und Zeitraum verlangt. Diese Daten müssen für einen Zeitraum von 7 Jahren für den Fall einer behördlichen Untersuchung gespeichert, bzw. gelagert werden.  Interaktiver Content und der Live Chat fiel unter die Bestimmungen des neuen 18 U.S.C. § 2257. Neben den geforderten Personaldaten muss eine Kopie von jedem Chat gespeichert werden, was für die betroffenen Firmen einen enormen Aufwand an Speicherkapazität verlangt. Im Fall von Adult-Webseiten, die über Mitgliedsgebühr, Pay-per-View oder anderen Abrechnungsmethoden dementsprechendes Material anbieten, bedeutet dies das diese personenbezogenen Daten mit dem Angebot mitveröffentlicht werden müssen. Verschärfend kommt hinzu, dass dem Bild nicht nur Name und Adresse des „Publishers“ angefügt werden muss, sondern auch, dass dieser während 20 Stunden pro Woche für die Behörden wegen einer möglichen Dokumentenkontrolle zur Verfügung stehen muss. – Die Auswirkungen der Gesetzesänderung für die Unternehmen der Online-Pornographie sind einschneidend. Ab einem bestimmten Maß an interaktiven Angeboten wären nur noch größere Unternehmen in der Lage gewesen die erforderliche Logistik und Speicherkapazitäten für die geforderte „Datenrücklage“ aufzubringen. Minimalistische Kleinverdiener hingegen, wie Adult-Webmaster, die von ihrem eigenen Wohnsitz aus operieren und Frauen, die von zu Hause aus Live-Camshows anbieten, sind nach diesem Entwurf gezwungen ihre Privatadresse in ihrem Internetangebot zu veröffentlichen. Damit ist die Privatsphäre und die persönliche Sicherheit vieler Kleinverdiener dieser Branche bedroht, da sie von Stalkern und radikalen Anti-Pornoaktivisten belangt werden können.

Allerdings konnte die Sexindustrie 2006 mit Hilfe der Free Speech Coalition einen entscheidenden Erfolg verbuchen. In einem Prozess gegen die Regierung und den Generalstaatsanwalt Alberto Gonzalez wurde durch die juristische Instanz des  „Tenth Circuit“-Gerichts bestätigt, das wesentliche Neuinterpretationen des 18 U.S.C.  §2257 unverhältnismäßig und nicht rechtens sind. Dies betrifft vor allem den Punkt der Datenspeicherung. Nach der neuen Gesetzesauslegung waren Drittparteien, auch wenn sie keinen Kontakt zu den Darstellern hatten, verpflichtet in ebensolchen Ausmaß wie Studios und Photographen Datenspeicherungen rückwirkend bis 1995 vorzunehmen. Kaum eines der am Business involvierten Drittunternehmen hatte diese Daten verfügbar, da es nach der alten Gesetzesauslegung keinen Anlass für deren Speicherung gab. Nach der Auslegung von Alberto Gonzalez setzten sich diese Unternehmen der Gefahr einer Verurteilung aus, die von einer empfindlichen Geldbuße bis zu einer mehrjährigen Haftstrafe reichen konnte. Das Tenth Circuit hat nun entschieden, das diejenigen die keinen Kontakt mit den Darstellern haben, überwiegend die Distributeure, aber auch andere Drittparteien, von der Regulation des §2257 ausgenommen sind. Ein weiterer Punkt betraf die komplette Speicherung von Internet-Chats und interaktiven Material wie Videos, Video-Chats, sowie private Webcams, die Speicherkapazitäten von Petabytes (1 Quadrillion Bytes) und Ausgaben von ca. $15 Millionen erfordert hätten. Nach der neuen Gerichtsentscheidung sind nur noch die Identifikationsdaten der Darsteller mit einem deutlichen Verweis auf das betreffende Material (Filmtitel, Datum des Chats, etc.) erforderlich. Die Verpflichtung jede URL-Adresse in welcher betreffendes Material auftaucht zu dokumentieren wurde aufgrund der Unpraktikabilität ebenfalls fallengelassen.Die Privatadressen von Menschen, die von ihrem Haus aus mit einer Webcam ins Netz gehen oder eine Adultseite betreiben, müssen allerdings immer noch veröffentlicht werden.

“Major Porn Case Decided” von Jeff Booth, yesportal.com

Die Aktivitäten der staatlichen Institutionen gegen die Pornographie betreffen vor allem kleinere Unternehmen, einen Teil des sogenannten Mittelstandes und die Kleinverdiener der Pornographiebranche. Die großen Unternehmen wie VCA Pictures, Vivid Video, Hustler und Video Team erzielen inzwischen einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens über die Softcore-Produktionen ihrer Filme, die über Kabelkanäle distributiert werden. Während viele der Majors bereits im Vorfeld versuchen nicht in den Fokus staatlicher Behörden zu gelangen, indem sie risikoreiches Material aus ihrem Angebot entfernen, haben sich viele kleinere Unternehmen gerade auf  Nischenproduktionen spezialisiert, die ihren kommerziellen Erfolg daraus erzielen, das sie in ihren Thematiken die Grenzbereiche zwischen Erlaubten und Illegalem ausloten. So wurde im April 2003 Rob Zicari, der Gründer und Besitzer von „Extreme Associates“, einem 1998 gegründeten Filmstudio in der Nähe von Los Angeles, angeklagt wegen der Verbreitung obszönen Materials über die Bundesstaatengrenzen. Es war unter diesem Anklagepunkt, das erste größere Verfahren gegen einen pornographischen Produzenten seit einer Dekade. „Extreme Associates“ ist bekannt für eine Produktpalette des „rough sex“ und zeigt in seinen Filmen oft Szenen mit simulierten Vergewaltigungen und andere in denen Darsteller als junge Mädchen agieren. Aufgrunddessen ist Rob Zicari auch innerhalb der Sexindustrie umstritten und hat sich im Jahr 2000 mit dem AVN überworfen, die seitdem seine Filme nicht mehr bewerben. Der Rechtsanwalt von Zicari versuchte in seiner Argumentationskette aus dem verbrieftem Recht des einzelnen Bürgers auf seine Privatsphäre, also auf die Möglichkeit in seinen Privaträumen obszönes Material anzuschauen zu können, das Recht abzuleiten, das es dementsprechend Unternehmen geben müsse die solch ein Material produzieren und distributieren. Für Aufsehen sorgte, dass das zuständige Gericht 2004 der Argumentation der Verteidigung stattgab. Dieses Urteil wurde allerdings 2005 von einer höheren Gerichtinstanz wiederrufen und die Anklage gegen „Extreme Associates“ wieder eingesetzt.

Es gab in den USA zu dieser Zeit zwei schwebende Gerichtsverfahren deren Ausgang von Vielen als eine Art Weichenstellung in Bezug auf den bereits lange angekündigten „War on Pornography“ gesehen wurde. Zum einen die Neuverhandlung des Child Online Protection Act vor dem höchsten US-Gericht, sowie die Bewertung des Verfahren gegen Extreme Associates, wo ein Berufungsverfahren in der Schwebe hing. Das Justice Department ging  mehrmals -2000, 2002 und 2004 – ohne Erfolg gegen die Aussetzung des COPA  in die Berufung, eine endgültige Entscheidung stand allerdings noch aus. Anfang 2006 haben die US-Justizbehörden von Suchmaschinenbetreibern die Herausgabe von Daten verlangt, deren Analyse darauf abzielte den  außer Kraft gesetzten „Child Online Protection Act“ wiederzubeleben. Das  U.S. Department of Justice forderte Google, Microsoft, Yahoo! und America Online (AOL) auf, Daten in der Größenordnung von einer Million Internetadressen und der gleichen Anzahl von Suchanfragen für eine statistische Auswertung und Untersuchung zur Verfügung zu stellen. MSN und AOL kooperierten in vollem Umfang mit der Behörde, Yahoo stellte ebenfalls freiwillig Daten zur Verfügung. Google verweigerte die Herausgabe von Informationen, musste sich aber später einen diesbezüglichen Gerichtsbeschluss beugen. Im März 2007 wurde in einem erneuten Gerichtsverfahren bestätigt, das der COPA nicht mit dem ersten und fünften Zusatz der amerikanischen Verfassung einhergeht und fundamentale Bürgerechte verletzt. Die klagenden Regierungsinstitutionen legten Widerspruch ein, so dass ein weiterer Prozess ausstand.

Im Januar 2009 verkündete dann das höchste US-Gericht seine Ablehnung weitere Initiativen zur Wiedereinsetzung des Child Online Protection Act (COPA) anzuhören und beerdigte dieses Gesetz damit engültig. Im März 2009 bekannten sich die Besitzer von „Extreme Associates“ des Vorwurfes der Verbreitung von obszönen Materials für schuldig, um einer möglichen Verurteilung im wiederaufgenommenen Prozess gegen die Firma zu entgehen. Diese schien angesichts des harten Urteils gegen den Studiobesitzer Max Hardcore in einem ähnlich gelagerten Fall Ende 2008 wahrscheinlich.

Ende 2008 wurde der Pornoproduzent Paul Little alias Max Hardcore wegen der Verbreitung obszönen Materials über das Internet und auf dem Postweg zu einer Haftstrafe von 3 Jahren und zehn Monaten verurteilt. Max Hardcore war ein Produzent von sogenannten „extreme porn“, den er besonders brutal und frauenfeindlich ausgestaltete. Aufgrunddessen war er sogar bei Anti-Zensur-Aktivisten, die in der Regel jegliche Zensur und Verbote von Pornoproduktionen – sofern die Beteiligten aus freien Willen darin mitwirken – verurteilen, umstritten. In den Storyboards seiner Filme, wie „Anal Agony“, „Hardcore Schoolgirls“, „Max! Don’t Fuck Up My Mommy!“ wurde Frauen verbal wie körperlich Gewalt angetan, sie wurden geschlagen, mit Pillen willenlos gemacht, gegen ihren Willen gefistet und instruiert Gläser voller Sperma zu trinken, welches ihnen vorher in ihr Rektum gespritzt wurde.

Pornoproduzenten, die auf das Nischensegment „Extreme Porn“ gesetzt haben, befürchten, das mit diesen beiden Urteilen eine härtere Gangart seitens der Justiz gegen sie eingeleitet wird. Stellt sich die Frage, ob dieser aktuelle Obszönitätsbegriff auch gegen  subkulterelle Porno-Web- und Filmproduktionen eingesetzt wird. Diese stehen, im Gegensatz zu den beiden genannten Filmstudios,  in einem emanzipatorischen Diskurs mit ihrer Community und werden seitens der kritischen Öffentlichkeit auch in diesem Kontext wahrgenommen..

Seit 2001 hat sich das Budget der „Justice Department’s Child Exploitation and Obscenity Section” auf  $42 Millionen verdoppelt. Ultrakonservativen  christliche Gruppen ist dies allerdings zuwenig, sie fordern eine Widerbelebung der Obszönitätstrafverfolgung wie sie in der Reagan-Aera praktiziert wurde und machen diesbezüglich ihren Einfluss auf die Öffentlichkeit, der Justizbehörde und dem Kongress geltend. 2005 wurde die „Obscenity Prosecution Task Force“ gegründet, die sich neben dem eigentlichen Thema der Pornographie u.a. aus Fachleuten des organisierten Verbrechens, Geldwäsche, Computerkriminalität, Copyright und Vermögensbeschlagnahmung zusammensetzt. Ein Mitglied dieser Task Force ist Bruce Taylor, der nach wie vor als einer der schärfsten Anti-Pornoaktivisten innerhalb des US-Justizwesens gilt.

In den USA haben sich zwei gegensätzliche Tendenzen verstärkt: einerseits eine prosperierende Sexindustrie mit eigenen Lobbyorganisationen, die über das Internet und das Kabelfernsehen für jeden US-Bürger erreichbar ist und eine Medienlandschaft, die in der Werbung und Unterhaltung im größeren Umfang als früher auf das Thema Sex setzt – andererseits eine religiöse Rechte, welche in ihren konservativen und puritanischen Ansichten erstarkt ist und radikaler wird. Durch ihren Einfluss auf die gegenwärtige Bush-Regierung wird dies auch für die Sexualwissenschaftler im Lande spürbar. So soll das National Institutes of Health bei der Vergabe von Fördergeldern ganz bewusst diejenigen Sexologen aussparen, die sich im Gegensatz zur regierungskonformen Position für eine allgemeingültige Einführung des Sexualkundeunterrichts an den Schulen aussprechen. Eine Entwicklung die sich einreiht in die aktuelle Diskussion um die Gleichwertigkeit der Kreationstheorie (christliche Schöpfungsgeschichte) im Verhältnis zur wissenschaftlichen Evolutionstheorie.

„Porn Again: DOJ relaunches its war on booty“  von Frederick Lane, AVN-Online, 12-1-2005
http://en.wikipedia.org/wiki/Censorship_in_the_United_States
“American History of Censorship” von Jack Hafferkamp

11
Jan
10

Die Entwicklung der US-Filmindustrie und des Pornofilm-Genres

Von den Nickelodeons zur Hays Office

Um 1907/8 soll es in den USA ca. 8000 kleine Ladenkinos, sogenannte „Nickelodeons“ gegeben haben. Ein Nickel – entsprach fünf Cents, dem Eintrittspreis – und „Odeon“ ist das griechische Wort für einen Ort zur Aufführung von Musik und Schauspiel. In den Nickelodeons wurden so genannte Ein- oder Zwei-Akter mit einer Filmlänge von ca. zehn Minuten vorgeführt. Sie waren bei der Bevölkerung, auch bei Frauen und Kindern sehr beliebt und galten als das „Wohnzimmer der unteren Klassen“, da man bei einmaligen Eintritt solange den ständig laufenden Vorführungen zuschauen konnte – und anders als im Vaudeville, kommen und gehen konnte, wann und wie man wollte. Während in den Vaudeville-Theatern die Kinemathographen überwiegend zum Zeigen von „Aktualitäten“-Filmen, Dokumentationen und Reisebeschreibungen eingesetzt wurden, zeigten die Nickelodeons fiktionale Filme.

Das neue Medium Film schuf Möglichkeiten hoher Gewinnspannen bei niedrigen Produktionskosten über die anschließende Verbreitung auf die Nickelodeons, als dies bei den hoch- und niedrigpreisigen Theatern möglich war. Ein Filmproduzent realisierte eine Story, vervielfältigte den Film und verteilte ihn auf die vielen hundert Aufführungsstätten in der Stadt. Die Aufsteller einzelner Nickelodeons nahmen dann 5 oder 10 Cents Eintritt, was vergleichsweise günstig war im Verhältnis  zu 1.20 $ Eintritt für ein Broadway-Stück, oder sechzig Cents für ein einfaches Melodrama. Die Lizenzgebühren lagen bei 25 Dollar während bei Theatern 500 Dollar üblich waren. Die Kosten für Ausstattung, Szenerie und die Theatercrew entfielen ebenso. 1910 sollen in New York die wöchentlichen Kosten für den Betrieb eines Theaters bei 2500 Dollar gelegen haben während ein Nickelodeon nicht mehr als 500 Dollar kostete.

Sexfilme wurden zum ersten Mal  im größerem Umfang in den USA in den Nickelodeons gezeigt. Kleine, umgewandelte Läden oder Wohnungen die mit einem Projektor, einer Leinwand und ein paar Reihen von Stühlen bestückt wurden. Außerdem standen in den Vergnügungshallen fast aller amerikanischen Großstädte gleichnamige Filmautomaten in denen die Beschauer nach Einwurf von 5 oder 10 Cents zusehen konnten wie sich Frauen und sogar Hollywoodmodelle entkleideten. Diese Kurzfilmindustrie soll bei geringen Kosten und Produktionsaufwand fast genau soviel eingenommen haben wie die Filmfirma Paramount. 1908 als der Film bereits eine Massenattraktion geworden war, kamen über die Hälfte der aufgeführten Filme aus Frankreich, Deutschland oder Italien. Amerikanische Produzenten reflektierten mit ihrem Angebot das Spektrum der Unterhaltungsindustrie und zeigten Boxkämpfe, Autorennen, Vaudevilleacts, Slapsticks, Tänze und Gesang. Daneben gab es eine Reihe von Filmen die bewusst die viktorianische Moral verhöhnten, wie z.b. „Down with Women“(1907), „The Candidate“(1907) und „Too Polite“(1908). Weiterhin gab es viele Filme in denen Liebschaften zwischen verschiedenen Ethnien, Rassen und Klassen ein beliebtes Thema waren, auch wenn sie oft tragisch endeten. Eine Anzahl dieser Filme zeigten sexuelle Anspielungen, teils- oder ganz unbekleidete Frauen und wurden so, ähnlich wie die Saloons und Varietes zum Ziel von Kampagnen. Die Sozialreformer des Mittelstandes sahen darin einen Angriff auf die Grundwerte der viktorianischen Kultur und die Filme stimulierten ihrer Ansicht nach die schlimmsten Trends des urbanen, industriellen Lebens – die Freiheit junger Männer und Frauen von ihren Familien und der öffentlichen Meinung und Moral.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bot die Verfilmung eines Skandals in der New Yorker Upper Class den Vorwand für eine breit angelegte Zensurkampagne. Harry Thaw, ein reicher Industriemagnat tötete Stanford White, einen der bekanntesten Architekten New Yorks aus Eifersucht, da White eine Affäre mit Thaw`s Frau Evelyn Nesbit, einer ehemaligen Chorsängerin hatte. Die Tat fand in der Öffentlichkeit, in einem bekannten Cafe am Madison Square Garden statt und galt als einer der größten Skandale dieser Zeit. Moralisten und Sozialreformer nahmen dies zum Anlass um gegen den unmoralischen Lebenslauf der „mushroom aristocracy“ der sich ihrer Meinung nach in dem Nachtleben der Clubs und Kabaretts manifestierte und die große Masse des amerikanischen Bürgertums negativ beeinflusste, zu polemisieren.  Der Biograph-Film „The Great Thaw Trial“ zeichnete diesen Skandal um die tödliche Liebesaffäre dreier Personen aus der Upperclass in “graphic detail” nach. Diesen Film nahmen Sozialreformer, Geistliche und an oberster Stelle Anthony Comstock zum Anlass eine öffentliche Anhörung zum Thema Film und Kino zu fordern. Die Konsequenz war, das man 1908 allen 550 New Yorker Filmaufführungsstätten zeitweilig die Lizenz entzog. Die „Sozialreformer“ sahen die Filme und das Milieu vieler Ladenkinos (viele dieser Kinos glichen eher einem Concert-Saloon, nur das anstelle der Bühnenunterhaltung Filme gezeigt wurden) als eine Gefahr für die Moral und sittliche Erziehung von Kindern und Jugendlichen an. Zur gleichen Zeit kam es in anderen amerikanischen Großstädten zu ähnlichen Kampagnen und Vorgehensweisen. Nach der Schließung der Abspielstätten wurde der „National Board of Review“ in New York gegründet um den Inhalt der Filme auf ihren sittlichen und moralischen Gehalt zu prüfen und um im Medium Film, im erzieherischen Sinne, die Werte der „demokratischen Familie für Community, Klasse, Fabrik und Nation“  zu etablieren. Die Reformer arbeiteten mit der im gleichen Jahr gegründeten „Motion Picture Patents Company“ zusammen mit dem Ziel die protestantisch-bürgerliche Moral als eine allgemeingültige im Filmwesen zu verankern.

Die Filmindustrie organisierte sich erstmals 1915 in dem Verband “Motion Picture Board of Trade” und dann 1916 unter der “National Association of the Motion Picture Industrie (NAMPI)“. Die Leitung  hatte William Brady, ein in San Francisco beheimateten Vaudevillian, der mit dem Film-Mogul Adolph Zuckor verbunden war. Um 1912 kontrollierte die 1908 gegründete „Motion Picture Patents Company (MPPC)“ mehr als die Hälfte der Nickelodeons. Die MPPC wurde nach über 500  patentrechtlichen Prozessen von den damaligen größten Filmproduzenten mit dem Ziel der Monopolbildung gegründet – Edison, Biograph, Vitagraph, Essany, Selig, Kalem, Méliès und Pathé. Alle technischen Patente wurden in einen Pool  eingebracht, Vertriebe, die mit Filmen anderer Firmen handelten, durften keine Filme der MPPC verwerten und Kodak verpflichtete sich, nur Mitglieder der MPPC mit Filmmaterial zu versorgen. 1910 wurde die „General Film Company“ gegründet, mit dem Ziel sich unabhängige Produzenten und Verleiher einzuverleiben. William Fox, der neben Carl Laemmles „Independent Motion Picture Company (IMP)“ (später „Universal-Studios“), einer der unabhängig gebliebenen Filmproduzenten geblieben war, gewann 1915 einen Prozess gegen diesen Trust. Ein Gericht verurteilte die MPPC wegen illegaler Monopolbestrebungen zu einer Geldstrafe von 20 Millionen Dollar. Nach einer Reihe weiterer Anti-Trust-Prozesse wurde die Vereinigung der MPPC 1918 aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits von allen größeren Film-Firmen im Ausland selbständige Schauspieltruppen unterhalten.


1922 wurde die „Motion Picture Producers and Distributors of America (MPPDA)“ gegründet und später in  „Motion Picture Association of America (MPAA)“ umbenannt. Den Vorsitz hatte ihr Gründer Will H. Hays. Die „Hays Office“ fungierte vom Beginn an als Zensurbehörde, moralische Instanz und Pressebüro der amerikanischen Filmindustrie.1930 wurden nach öffentlichen Kampagnen, größtenteils durch die katholische Kirche initiiert, neue Zensurrichtlinien verabschiedet, die als „Production Code“ oder „Hays Code“ bekannt wurden. Als nicht akzeptabel für die Filmwirtschaft wurden die Themen vorehelicher Sex, Alkoholismus und unmoralische und kriminelle Aktivitäten benannt. Die Darstellung, bzw. Thematisierung nackter Körper und der Sexualität wurde strengstens reglementiert, sogar die Art und Weise, wie sich die Paare im Film zu küssen hatten, wurde vorgeschrieben. 1947 geriet die Filmwirtschaft Hollywoods in den Focus des „The House Un-American Activities Committee (HUAC)„.Eine Organisation, die 1938 gegründet worden war um gegen „subversive, unamerikanische und kommunistische Umtriebe“ vorzugehen.

Die HUAC schuf ein Klima der Inquisition in dem Filmemacher und vor allem Drehbuchschreiber kommunistischer Umtriebe beschuldigt wurden. Beschuldigungen, die für die Betroffenen z.T. mit Gefängnisstrafen und Berufsverboten endeten. Schwarze Listen und Bespitzelungen vermeintlicher Symphatisanten gehörten in dieser Zeit zum Alltag der amerikanischen Filmindustrie.

Nichtsdestsotrotz begann sich zu dieser Zeit der Filmmarkt zu liberalisieren. 1948 verlor Paramount Pictures einen Prozess wegen Verletzung der Anti-Trust-Gesetze und war aufgrund dessen gezwungen sich von einem Teil seiner Filmtheater zu trennen. Die Konsequenz war das die Filmstudios Hollywoods ihr Monopol bei den Filmaufführungsstätten nicht mehr aufrechterhalten konnten und so keine Möglichkeit mehr hatten ausländische Filme, für die der „Production Code“ keine Gültigkeit besaß, vom Markt fernzuhalten. So wurden in den 50ern eine Reihe von skandinavischen Filmen aufgeführt, die sich mit sonst von der Zensur ausgeblendeten Themen beschäftigten und erstmals Nacktszenen zeigten. Einen Startpunkt in der Entwicklung des Sexfilm-Genres in den westlichen Nachkriegsgesellschaften stellten die FKK-Filme aus Skandinavien dar, wie z.b. „Han dansode en Sommer“/Sie tanzte nur einen Sommer“ (1951, R.: Arne Mattson). Diese in der Regel harmlosen und unerotischen Filme gingen in erster Linie das Nacktheitstabu an und waren Ausdruck des damals stattfindenden Kulturkampfes um die Freikörperkultur.

Anfangs der 60er folgten eine Reihe von britischen Filmen, die sich kritisch mit den Geschlechterrollen und der Homophopie auseinandersetzten. In Folge dieser Entwicklung entstanden außerhalb des Studiosystems eine Reihe unabhängiger Kinos und Kunstinstitutionen, die mit zunehmenden Erfolg europäischen und amerikanischen Underground aufführten, so dass die Diktionen des Hays Code immer mehr an Gültigkeit verloren. 1966 wurde der Hays-Code aufgehoben und machte es den Majors der Filmbranche möglich, erotische Szenen in ihren Produktionen freizügiger zu gestalten. Infolge entstanden eine Vielzahl von erotischen Filmen, die sich an Aufwand und Skandalträchtigkeit einander überboten, aber über den regulären Filmmarkt vermarktet und vertrieben wurden. Diese Entwicklung setzte der Verbreitung der Sexfilme als Genre ein Ende, bzw. führte zu einer Ausrichtung des Marktes auf Hardcore-Produktionen.1968 wurde der Production Code durch ein Bewertungssystem ersetzt, welches die Filme je nach Eignung oder Nicht-Eignung für jugendliche Zuschauer klassifizierte. „G“ – unbedenklich, generell freigegeben, „M“ – für das „reifere“ Publikum, „R“- nicht unter 16 Jahren ohne erwachsene Begleitung und „X“- nicht unter 17 Jahre erlaubt. Die Bewertungskriterien schlossen Thema, Sprache, Darstellung von Gewalt und Nacktheit und expliziten sexuellen Inhalt mit ein.  Aus diesem Schema heraus erklärt sich der weitverbreitete Sprachgebrauch von „X“, „XX“, „XXX“ innerhalb der pornographischen Filmwirtschaft und ihrer Distributeure. „X“-Filme offerieren nackte Darsteller, simulierten Sex und lesbische Szenen. „XX“-Filme zeigen Geschlechtsverkehr und oralen Sex, teilweise in Naheinstellungen. Die „XXX“-Kategorie wartet zusätzlich noch mit Analsex und sichtbaren Ejakujationen auf.

Trumpbour John, 2002, „Selling Hollywood to the World“, Cambridge University Press

May  Lary : 1980. „Screening out the Past – The Birth of Mass Culture and the Motion Picture Industry“
Oxford University Press, New York, Oxford

Erenberg Lewis A., 1981, „Steppin`Out – New York’s Nightlife and the Transformation of American Culture 1890-1930”
Greenwood Press, Westport/USA, London/GB

http://en.wikipedia.org/wiki/Nickelodeon_movie_theater
http://www.uni-oldenburg.de/kunst/mediengeschichte/allg/altenloh/
http://www.cinemaweb.com/silentfilm/bookshelf/17_sep_2.htm
http://www.spiegel.de/spiegel/vor50/0,1518,79962,00.html
http://en.wikipedia.org/wiki/House_Un-American_Activities_Committee

11
Jan
10

Subgenres des Films, Stag- und Explotationfilme

Stag-Filme

„Stag“, als ein Adjektiv, meint „ausschließlich für Männer“. Stag-Filme waren Filme mit sexuell expliziten Inhalt, die sich ausschließlich an ein männliches Publikum richteten. Vor dem 2. Weltkrieg wurden pornographische Filme auf 16mm, in Längen von 10-12 Minuten gedreht, u.a. weil diese einzelnen 10 Minuten-Spulen besser versteckt transportiert werden konnten, als die sonst gebräuchlichen Filmboxen für Langfilme. Das Genre des Stag-Films ging von den 1920ern bis in die 50er und war gekennzeichnet durch eine amateurhafte Produktionsweise, die aber als authentisch galt. Wackelnde Kamerabilder, Hände, die sichtbar die Beleuchtung justierten und Schauspieler die direkten Augenkontakt zu dem Kameramann hielten oder ihm Fragen stellten, waren keine Seltenheit und wurden im Material gelassen um zu unterstreichen, dass hier realer Sex zwischen realen Menschen stattfand. Trotz fehlender Sprachbarrieren und dem Fehlen einer Copyright-Regelung der Stummfilm-Stags gelangten wenige dieser frühen Pornofilme in andere Länder, als die in denen sie produziert wurden, da die strengen Postgesetze und die damit verbundene Zensur ein zu großes Risiko bedeuteten. In Amerika wurden wahrscheinlich die meisten Stag-Filme produziert, gefolgt von Frankreich, wo dieses Genre ihren Ursprung hatte und bis zu der Zensurpraxis der gaullistischen Regierung florierte. In Amerika – durch die schnelle Entwicklung einer eigenen Filmindustrie, gefolgt von der staatlichen Zensurpraxis – blieb die Produktion von Stagmovies im Underground und damit in den Händen von Amateuren, während in Frankreich die Filme oft eine bessere Qualität hatten und z.T. über die internationalen Editionen von Magazinen wie „Paris Plaiser“ und „La Vie Parisiene“ vermarktet wurden. Französische Pornographen entwickelten viele der Plots dieser Stag-Filme und in den 20er Jahren wurden in Frankreich so viele „Stags“ produziert wie nirgendwo sonst. Zu dieser Zeit gehörten Stag-Filme zum Inventar der meisten europäischen und amerikanischen Bordelle der gehobenen Klasse.

Der Großteil aller produzierten Stag-Filme wiesen fünf verschiedene Handlungsschemen auf:

– eine Frau, allein Zuhause, erregt sich an einem Buch oder einem phallischen Objekt, gefolgt von einer Masturbationsszene. Ein Mann erscheint, wird ins Haus eingeladen und der Geschlechtsverkehr findet statt.
– Ein Bauernmädchen erregt sich bei der Beobachtung kopulierender Tiere und begegnet einem Farmer oder einen reisenden Vertreter und der Geschlechtsverkehr findet statt.
– Ein Doktor beginnt eine Frau zu untersuchen und der Geschlechtsverkehr findet statt.
-Ein Einbrecher findet im Haus ein Mädchen im Bett liegend und vergewaltigt sie. (oder umgekehrt)
-Ein „Sonnenanbeter“ ( gemeint ist eine Person die dem Typus der damaligen Reform- und Nudistenbewegung entsprach) wird gefangen und verführt.

Viele der weiblichen Darsteller  waren Prostituierte, die Männer oft alt und hässlich. In der Regel trugen die Schauspieler Masken oder versuchten mit anderen Mitteln und zum Teil bizarren Verkleidungen ihre Identität zu verbergen. Laut Playboy ist der, bis auf seine schwarzen Socken, nackte und maskierte Mann, ein Markenzeichen des US-Stags. Stagfilme wurden gezielt produziert, um ihre Zuschauer zu erregen, weswegen sie in vielen Bordellen dieser Zeit zur Animation gezeigt wurden.

Slade, Journal of Film and Video 45: S.2-3
Rotsler William, 1973  “Contemporary Erotic Cinema”, New York : Penthouse/Ballantine

Exploitation-Filme

Ein Genre welches bereits seit den Anfängen des Films existiert, aber vor allem in den 70ern populär wurde. Einige der frühen Explotation-Filme nahmen Drogen- oder Sexskandale der damaligen Zeit zum Thema oder erzählten das Leben realer Krimineller nach („The Smiling Mail Bandit“/1919). Viele dieser Filme wurden unabhängig von den großen Hollywood-Studios produziert um den Restriktionen der Zensurbehörden zu entgehen und stellten eine wichtige Einnahmequelle für die unabhängigen Filmtheater dar.

Das „Joe Breen’s Production Code Office“ sichtete zwischen 1930 bis 1968 ca.98% aller freigegebenen, in den USA produzierten Filme. Erstaufführungstheater konnten ohne ein Zertifikat dieser Kontrollinstanz keinen Film aufführen und die Studios ließen keine Mehrfachaufführungen ihrer Filmen mit ungeprüften Filmen zu. In den 1930er und 40ern befanden sich die meisten Filmtheater im Besitz der großen Hollywood-Studios. Diese vertikale Integration sicherte den Studios die landesweite Vermarktung ihrer Produkte und schloss gleichzeitig die Konkurrenz aus. Unabhängige Filmtheater hatten erst Monate nach den Erstaufführungen, der von den Studios betriebenen Theatern, die Möglichkeit Hollywoodfilme zu zeigen und wurden deshalb zu Hauptabnehmern der unabhängig produzierten Explotation-Filme.

Exploitation bedeutet soviel wie Ausbeutung und ist ein abfälliger Ausdruck für die Übervorteilung anderer. Im gleichen Sinne kann es auch soviel wie Ausschöpfung meinen und implizierte damit einen Film, der, weil es ihm an den großen Stars fehlte, auf eine Mischung von Gewalt, Sex und nackter Haut setzt. „Exploitation“ kann also auch die Intention des Filmemachers meinen, ein populäres Thema effektheischend und reißerisch in Szene zu setzen. Themen wie Krieg, Kriminalität, Kannibalismus, Inquisition, Sklaverei, Prostitution, Subkulturen, Gefängnisse und Gefangenenlager bieten sich an – alles Sujets, die Voraussetzungen für die explizite Darstellung von Gewalt- und Sexualakten mit sich bringen. Anstelle von hohen Produktionsstandards, psychologischer Realismus und einer überzeugenden narrative Entwicklung, bieten Exploitation-Filme oft schematische, bis auf ein Minimum reduzierte Handlungen, mit an Comic-Figuren erinnernde Stereotypen. Andererseits boten sie vielen jungen FilmemacherInnen die Möglichkeit des Einstiegs in die Filmproduktion außerhalb des Mainstreams. Die „Perlen des Trash“, die gerade in den letzten Jahren wieder in den Programmkinos gezeigt werden, illustrieren dies sehr deutlich. 1954 wurde die „American Releasing Company“, der Vorläufer der „American International Pictures (AIP)“ von James H. Nicholson und dem Rechtsanwalt Samuel Z. Arkoff gegründet. Die AIP wurde bekannt durch ihre Low-Budget Exploitation Filme. Der erste Film war „The Fast and the Furious“ (1954) von Roger Corman. Teenage-Horror-Filme wie „I was a Teenage Werewolf“ (1957),  die „Beach Party“- Filme von Annette Funicello und Frankie Avalon, frühe Filme von Jack Nicholson, Robert De Niro, Francis Ford Coppola und Peter Bogdanovich, wie auch viele Biker, Horror- und Drogenfilme der 60er Jahre waren AIP-Produktionen.

Als Subkategorien des Explotation-Films werden folgende unterschieden: Die Black-Explotation-Filme. Sie wurden mit afroamerikanischen Darstellern gedreht und lieferten Themen wie Drogen, Prostitution und das Leben im Gettho. Ein bekanntes Beispiel für den Blaxploitation ist der Film „Shaft“ und  für die Sexploitation Russ Meyer`s Film „Beyond the Valley of the Dolls“. Sexplotation-Filme waren in der Regel Softcore-Sexfilme mit möglichst vielen Szenen nackter, bzw. barbrüstiger Schauspielerinnen, gefolgt von Shock Exploitation-Filmen, die ihren Focus auf die Tabuthemen der Filmbranche hatten, wie extreme Gewaltdarstellungen, Vergewaltigungen, simulierter Sex mit Tieren und Inzest.

http://www.splatting-image.com/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=2&Itemid=8
http://www.imagesjournal.com/issue08/infocus.htm

Bis in die 50er wurde wegen der strengen Auflagen in Hollywood mit Sex im Film kaum Umsatz gemacht. Wer halboffiziell drehte und die Regeln wenigstens teilweise umgehen wollte, machte Pseudo-Dokumentationen. In denen wurden oft unter dem Deckmantel der Aufklärung Bilder nackter Frauen und Männer und deren Geschlechtsteile ohne strafrechtliche Konsequenzen gezeigt. Eine ganze Reihe von Filmemachern versorgte das Publikum mit legalen „Nudies“. Diese „erotic loops“  zeigten zuerst Frauen in Bikinis, dann barbrüstig und schließlich nackt, wobei die Abbildung des Schamhaares weiterhin verboten blieb. Diese Loops zeigten die Nacktaufnahmen in Rahmen von kleinen Geschichten, die keinen Sex zum Inhalt, sondern überwiegend einen voyeuristischen Charakter hatten. Vorraussetzungen für diese Entwicklung schuf die damalige Krise der Filmindustrie, die dazu führte, dass viele Kinos versuchten sich mit einer Spezialisierung auf erotische Filme zu sanieren. Die Produktionskosten dieser Filme waren in der Regel gering, so dass viele kleinere Studios sich auf diesem Markt behaupten und auf die divergierenden Rechtssprechungen der verschiedenen US-Bundesstaaten einstellen konnten.

Als einer der bekanntesten Beispiele dieses Genre gilt „The Immortal Mr. Teas“ von Russ Meyer, der sich dann zu einen der maßgeblichen Vertreter des Sexplotation entwickelte. Die Freigabe des Films „The Immoral Mr. Teas“ 1959, setzte neue Standards für die Narration von Sexfilmen. Dieser „nudie-cutie“ wurde wegen seiner Mischung aus Nacktszenen und Komik, die sich auf die Ungeschicklichkeit der dargestellten Charaktere in Sachen Sex und Liebe bezog, derart erfolgreich. Der Regisseur Russ Meyer hat knapp 3 Dekaden das amerikanische Genre des populären Softcore-Sexfilmes dominiert.  Mit seinem Filmdebüt, einem ironischen Porträt des sexuell aufgeladenen US-Kleinstbürgers Mr.Teas, machte Meyer bereits einen Gewinn von über einer Million Dollar. Aus diesen Erträgen konnten dann weitere Filmproduktionen entstehen, z.b.1964 und 1965  „Lorna“,  „Mudhoney“,  „Motor Psycho“, sowie „Faster Pussycat! Kill! Kill!“ Später ließ er sich von der 20th-Century Fox für Studioproduktionen unter Vertrag nehmen, in dieser Zeit entstand sein größter kommerzieller Erfolg „Beyond the Valley of the Dolls“ (1970/ D: „Blumen ohne Duft“) Weitere, sehr erfolgreiche Filme waren die Titel: „Vixen“, „Cherry, Harry & Racquel“ und „The Supervixens“. Russ Meyer ist im Herbst 2004 verstorben.

David Friedman, ein weiterer Filmemacher und Produzent, war einer der Ersten der Sexfilme mit Darstellungen extremer Gewalt kombinierte. Sein Film „Blood Feast” erschien 1963 , wurde zum Publikumserfolg und führte zu hunderten von Nachahmungen. Aber anders als die Filme von D. Friedmann und Russ Meyer, die zwar auch auf Sex und Gewalt setzten, aber auch einen gewissen künstlerischen Anspruch vertraten, konnten nur wenige dieser Filme durch Niveau überzeugen. Weitere Vertreter des Sexplotation-Genres waren Irving Klaw(1910-1966) und Doris Wishman (1912-2002). Irving Klaw war in erster Linie Photograph und betrieb von den 1940ern bis in die 1960er Jahre  über seinen Familienbetrieb „Movie Star News“ einen Postversand, über den er zuerst Photographien von Burleskestars wie Tempest Storm vertrieb und ging später dazu über Motive mit Fetisch- und Bondagemotiven zu vermarkten. Er verlegte und vertrieb außerdem Bondage-Comics von John Willie und Eric Stanton. Sein bevorzugtes Bondagemodell war Bettie Page, die auch in zwei seiner bekannteren Filme Varietease (1954) und Teaserama (1955) die Hauptrolle spielte.

Bettie Page war ein us-amerikanisches Aktmodell und gilt als eine der „Königin des Pin-Up“. 1951 erschienen Aufnahmen von ihr auf einer Reihe von Titelseiten von Magazinen wie „Black Nylons“, „Wink“, „Titter“ und „Beauty Parade“. Zur gleichen Zeit modelte sie für den Fotografen Irving Klaw und wurde so zum ersten bekannten Bondagemodel. Ihr Durchbruch begann als Playmate im Januar-Playboy 1955. Auf der Höhe ihres Erfolgs beendete sie 1958 ihre Karriere.

Doris Wishman war eine us-amerikanische Regisseurin und Filmproduzentin, die von den 60ern bis zu ihren Tod an die 30 Filmtitel realisierte. Sie war eine der wenigen Frauen, die im Bereich der Nudistenfilme und des Sexplotations-Genres wirkte. Im Zeitraum 1960-1964 realisierte sie insgesamt 6 „Nudies“, u.a. „Nude in the Moon“/USA 1961 und produzierte dann eine Reihe von Sexplotationfilme wie “Bad Girls go to Hell”/USA 1965 und “Too Much, too often”/USA 1968 (dt. Zauberstab zur Selbstmassage). Kommerziell erfolgreich waren ihre beiden Filme mit der Stripperin Zsa Zsa (Chesty Morgan) „Deadly Weapons“/USA 1973 (dt. Teuflische Brüste) und „Double Agent 73“/USA 1974.

Wichtig für die 70er Jahre waren auch die John Waters-Filme „Multiple Maniacs“ (1970), „Pink Flamingos“ (1972) und „Female Trouble“ (1974), mit der übergewichtigen Drag-Queen Divine als Star, die die zentrale Bedeutungsträgerin dieser Produktionen stellte. Diese Filme schufen eine Brücke zwischen Underground und Explotation und gelten inzwischen als Vorläufer des 20 Jahre später aufkommenden New Queer Film Wave. Klar dem Underground zuzurechnen war der Film „Fuses“ von Carolee Schneemann (1964-67/USA).Ein Experimentalfilm, wo die Künstlerin die Aufnahmen vom Sex mit ihrem Geliebten unterschiedlichen Prozeduren, wie Bemalen, Aufkratzen, Farb- und Säurebäder unterwarf und so eine sehr persönliche wenn auch unzusammenhängende pornographische Erzählung schuf, ähnlich wie der Film „Kodak Ghost Poems“ (1970/USA) von Andre Noren.

Eine weitere Regisseurin und Feministin des Explotationkino war die US-Amerikanerin Stephanie Rothmann. Sie begann nach dem Abschluss ihres Studiums gleich bei Americain International Pictures und später bei New World Production unter Roger Cormann zu arbeiten. Ihre Filme, bei denen sie Regie führte und teilweise auch das Drehbuch schrieb, erreichten in den 70er Jahren Kultstatus in us-amerikanischen Programmkinos und wurden auf vielen Frauenfilmfestivals gezeigt. Bekannte Filme von ihr waren „The Student Nurses“ (1970) in dem es um die Freundschaft zwischen 4 jungen Krankenschwestern und deren sexuellen, politischen und beruflichen Abenteuern geht. Rothmann nutzte den Film um einen Diskurs über die Sexualpolitik der 70er Jahre zu führen und parodierte die männlich konnotierten Prinzipien des Explotation-Genres. Ihre nächste Produktion „The Velvet Vampire“ (1971) spielt ebenso mit den filmischen Stereotypen und lässt die Frauen anstatt in der Opferrolle als aktive Blutsaugerinnen auftreten. Der Film „Terminal Island“ (1973) ist ein „Women in Prison“-Action-Film in dem den Frauen das gleiche Maß an Gewaltausübung zugestanden wurde und an deren Ende die Überlebenden beginnen – untypisch für dieses Genre – eine alternative Gemeinschaft aufzubauen.

Die frühen 70er Jahre waren die goldenen Jahre des Explotationkinos, weil sich die großen Studios auf  zugkräftige Großproduktionen konzentrierten und insgesamt weniger Filme produzierten. Das Explotation-Kino füllte diese Lücke aus – mit einem zunehmenden Qualitätsstandard und einer Reihe junger Regisseur/innen, die das Genre nutzten um ihre Ideen und ihr Talent unter Beweis zu stellen. Ende der 70er Jahre produzierten die großen Studios wieder mehr Filme und mit dem anstehenden Boom der VHS-Kassette ging die Zahl der Auto- und Programmkinos zurück. Mit den Möglichkeiten des preiswerteren Videoequipments und der Entstehung von Filmfestivals wie „Telluride“ und „Sundance“, die sich klar auf den unabhängigen Film ausgerichtet haben und den Zugang zu Verleihkanälen und Vermarktungsmöglichkeiten schufen, müssen sich Filmemacher nicht mehr auf die Konventionen des Explotationkinos einlassen.

Depineux, Carla; Mund, Verena, “Girls, Gangs, Guns – Zwischen Explotationkino und Underground”
Schüren Verlag, Marburg : 2000

„Erotik – Ästhetik des erotischen Films“, Georg Seesslen, 1996, Schüren-Verlag, Marburg

Vogel, Amos „Kino wider die Tabus“, Verlag C.J. Bucher; Luzern, Frankfurt a.M., 1979

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San Francisco – Ein Zentrum der Subkultur und Pornoproduktion

In den 60ern war die Liberalisierung eng verknüpft mit dem Schwung und den Zielen der 68er-Bewegung. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wurde zunehmend als ein Grundrecht gesehen, das man sich gegebenenfalls erkämpfen musste. So entwickelten sich in den Vereinigten Staaten Emanzipationsbestrebungen und Kämpfe um Gleichberechtigung der Geschlechter, legalen Schwangerschaftsabbruch, die Aufhebung der Sodomie-, Prostitutions- und Pornographieverbote und um die Beendigung der Diskriminierung von Homosexuellen, die bis in die Gegenwart hineinreichen.
Das Private, einschließlich der Sexualität, wurde politisch. Eine Einstellung, die sich vor allem in San Francisco manifestierte. Ähnlich wie in Europa wurde aus der 68er-Bewegung heraus eine neue Lebenskultur propagiert, bei der dem Sexuellen eine Schlüsselfunktion zugewiesen wurde.

„The flourishing underground press in San Francisco all share the idea that porn, even at its sleaziest and most bizarre, is an important and healthily revolutionary ingredient of the new culture.“

New York Times Magazine, Jan. 1971, „The Porn Capital of America.“

„Pornography was anti-establishment, another way of changing things. (…)We were conscious of trying to break down barriers”

(Lowell Pickett, Regisseur und Initiator des „First International Erotic Film Festival“, welches er zusammen mit  Arlene Elster Ende 1970 organisierte. )

Die Beat-Generation, Vorläufer der Hippie-Bewegung orientierten sich auf ihrer Suche nach alternativen Lebensentwürfen an anderen Kulturen. Die Beatniks öffneten sich dem Modern-Jazz und später über ihre Hauptprotagonisten der buddhistischen Kultur. Die Hippies nahmen später Anleihen bei den indianischen Völkern auf und beschäftigten sich ebenfalls mit asiatischen Lehrmodellen – geistigen wie körperlichen. Es war nur eine logische Konsequenz, das man über die individuelle Emanzipation- und somit auch die Befreiung des eigenen Körpers- auf den gesellschaftlichen Körper kam, bzw. ihn in dieser Form in Frage stellte. In diesem Zusammenhang entstanden gesellschaftspolitische Konzepte, die individualistische wie politische Bestrebungen über eine subversive, sexualisierte Wahrnehmung der Welt und eine dementsprechenden Lebenspraxis vereinen konnten.

„Ausgangspunkt der Revolte in allen Phasen ist die Sexualität. Der erotische Impuls ist der Reiz, Zwischenwände einzureißen und die Einheiten in immer größeren Strukturen zusammenzufassen. Um Liebesstrukturen zu entwickeln, muß den alten Konzeptionen, Selbstbildnissen, Phormen  und Denk- und Verhaltensmustern abgeschworen  werden  oder sie müssen zerstört werden. (…) Die Revolte  ist das ständige Erneuern des Körper-Selbstbildes bis Identität mit dem Geist erreicht ist.“

Michael Mc Clure, geb. 1932, lebte in San Francisco, Erstveröffentlichung in „Meat Science Essays“ / „San Francisco City Lights, 1963  –  Nachdruck 1969 in „Acid“, „Revolte“ Seite 218, 220, Übersetzung aus dem 2001 Taschenbuch)

Herbert Marcuse und Reich waren die wesentlichen Theoretiker der „Sexuelle Revolution“ während die aufblühende Musikszene und die neu entstehenden „Human-Be-ins“ für die richtige Temperatur in den damaligen „melting pots“ der Szene sorgten. Die Antibabypille, die seit 1960 das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel darstellte, war ein wesentlicher Faktor für die sexuelle Emanzipation und die „freie Liebe“, der häufigen Partnertausch und soziale Experimente ermöglichte, ohne das eine Schwangerschaft die Betreffenden wieder in die Ökonomie der traditionellen Familienstruktur zwang. In den 1960ern gründete sich in Berkeley, Kalifornien die erste Swinger-Organisation, die „Sexual Freedom League“. Bald darauf folgte die Gründung des Dachverbandes „North American Swing Club Association“ (NASCA), der einen Informationsaustausch und Kontaktmöglichkeiten im ganzen Land ermöglichte.

Viele Publikationen der Undergroundpresse verwendeten  sexuelle Bilder im Sinne einer Kultur der Befreiung und trugen ihren Lifestyle offensiv an die Öffentlichkeit. Der damalige Slogan „make Love – not War“, der im Zeichen der zunehmenden Politisierung wegen des Vietnamkriegs, der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und des individuellen Protestes stand, traf mit der „Sexwelle“ – der Sexualisierung größerer Lebensbereiche und der Kommerzialisierung sexueller und körperlicher Bedürfnisse zusammen. Subkulturellen Kontexte von Musik, Mode und Sexualität wurden nach den Erfolgen der großen Open-Air-Festivals zunehmend vom kapitalistischen Markt integriert. 1965 startete „Jaybird Safari“ das erste Magazin welches Hippies als Modelle verpflichtete und um 1967 waren Hippies eines der Hauptthemen vieler amerikanischen Männermagazine, genauer gesagt erotische Photographien von Frauen, die mit dementsprechenden Lifestyle und Dresscodes in Szene gesetzt wurden. Die daraus sich entwickelnde populäre Welle des „Porno-Chic“ in den 70ern  – mit einer Vielzahl von künstlerischen und qualitativen Produktionen – wurde überwiegend von Kalifornien aus beeinflusst, bzw. von San Francisco, welche neben New York und Los Angeles eines der Hauptproduktionsstätten der damaligen Sexindustrie war.

Eines der Zentren der Subkultur der Sechzigerjahre entwickelte sich in der San Francisco Bay Area, vor allem in der kalifornischen Großstadt. Bereits in den 50er Jahren hatten sich in San Francisco zeitweise die Vertreter der damaligen literarische Avantgarde und Protagonisten der Beat Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William Burroughs angesiedelt. Die Beatniks entwickelten ebenfalls eine anti-bürgerliche Subkultur, mit klarem Drang zu einer ausgelebten Sexualität, Interesse an fernöstlicher Kultur, Modern Jazz und dem proklamierten „On the road“-Gefühl. Viele dieser Ansätze wurden in den 60er Jahren weiterentwickelt, bzw. beeinflussten das Lebensgefühl von Teilmilieus der entstehenden Bewegung.

San Francisco war zu dieser Zeit ein „melting pot“ verschiedener subkultureller Strömungen und politischer Bewegungen, die teilweise eng mit der Musikszene verzahnt waren und so schnell an Basis und Popularität gewannen. Der Stadteil Haight-Ashbury hatte sich bis 1965 zu einem Zentrum der Hippiebewegung und Musikszene entwickelt und im Vorort Oakland formierte sich 1966 eine militante Black-Power-Bewegung während die Castro Street eine der Keimzellen der Schwulenbewegung bildete. An der Universität Berkeley manifestierte sich aus den Studentenprotesten im Herbst 1964 das „Free Speech Movement“, das in vielen Fällen beispielgebend für spätere Studentenproteste in anderen Regionen und Ländern war. Ein paar Jahre später, begann mit der Besetzung der Insel Alcatraz vor den Toren San Franciscos 1969 die Indianerbewegung, die nach langer Pause wieder begannen Ansprüche auf ihr Land geltend zu machen.

Ein Höhepunkt der Hippiebewegung stellte das im Januar 1967  organisierte „Human Be-in“ im Golden Gate Park dar, zu dem mehr als 25.000 Menschen kamen. Dort traten u.a. Musikgruppen wie Jefferson Airplane und Grateful Dead auf,  Gruppen, die damals vorwiegend in und um San Francisco bekannt waren. Im südlich von San Francisco gelegenen Monterey fand im Sommer gleichen Jahres das erste Popfestival der Geschichte mit fünfzigtausend Besucher statt. Aus der Bay Area traten Gruppen wie Jefferson Airplane und Janis Joplin auf. Aus Los Angeles kamen die Mamas & Papas und Blood, Sweat & Tears, außerdem Jimi Hendrix, der Soulsängers Otis Redding und die Londoner Gruppe Who. Durch die verschiedenen Milieus der Studenten, der Schwarzen, der Hippies, der Indianer und der Homosexuellen, die sich zunehmend zu verschränken und zu radikalisieren begannen, entwickelte San Francisco ein Sendungsbewusstsein, das über die Musik und visuelle Medien neue kulturelle Codes transportierte.

Eine weitere Metropole, an der sich der damalige Zeitgeist ablesen lässt, ist New York in seiner Position als stilgebendes Zentrum des Bühnenmusicals. Mit dem internationalen Erfolg der Musicals “Hair” und “Oh Calcutta”, welche beide ansatzweise überkommene Moralvorstellungen und Fragen der sexuellen Liberalisierung thematisierten, wurden dem Publikum erstmalig Nacktszenen auf der Bühne geboten. Es entwickelte sich vor allem in New York eine innovative Musicalszene, deren Stücke die freie Liebe, sexuelle Minderheiten und die politischen Verhältnisse zum Inhalt hatten und die sich in den Liedertexten und dem Bühnenspiel intelligent und humorvoll mit den Themen auseinandersetzten und oftmals darauf angelegt waren die Trennung zwischen Darstellern und Publikum aufzuheben. Bereits 1969 erschienen eine Reihe weiterer Musicals auf den Spielplänen: Terence McNally’s „Sweet Eros“, „Geese“, ein Stück, welches Homosexualität thematisierte und wegen der frontal zur Schau gestellten Nacktheit der männlichen Darsteller zu dieser Zeit noch einen Skandal verursachte, „Dionysus in 69“ in welchem die nackten Darsteller Orgien simulierten, sowie „Che!“ – ein Einakter, der die letzten erhellenden Momente von Che Guevara darstellte und sie auf der Bühne mit simulierten heterosexuellen und homosexuellen Sexszenen kombinierte. Dem Regisseur wie der Musicaltruppe wurden bald darauf im Rahmen einer Öffentlichkeitskampagne Verstöße gegen das New Yorker Strafgesetz in puncto Konspirativität, Obszönität und Sodomie vorgeworfen.

1971, im Zuge der sich anbahnenden „porno-chic“-Welle, erschien „Stag Movie“ (Buch: David Newburge, Musik: Jacques Urbont). Das Stück handelte von einer Gruppe Showbizz-Profis, die sich entscheiden einen Musical-Pornofilm nach der Vorlage des klassischen Stagfilms „The Grocery Boy“ zu drehen. In  „Stag Movie“ treten homosexuelle und bisexuelle Charaktere als integraler Bestandteil der Spielhandlung in Erscheinung. Im gleichen Jahr kam „The Dirtiest Show In Town“ auf die Bühne, eher ein Performance-Stück als ein Musical (Buch: Tom Eyen, Musik: Henry Krieger). Es kritisierte den Vietnam-Krieg, beinhaltete lesbische und schwule Charaktere und setzte sexualisierte Darstellungen, wie die zum Ende des Stückes vollzogene simulierte Orgie, in einem subversiven Kontext ein.

1972 erschien “The Faggot” bei dem  Al Carmines Regie führte. Carmines erforscht schwule und lesbische Identitäten in Bezug zur heterosexuellen Welt. Das Stück kam ohne Nacktszenen aus und spielte stattdessen mit bekannten sexuellen Stereotypen und stellte Alltagsszenerien und Komplikationen innerhalb der lesbisch-schwulen Community vor und machte sie so vor einem breiteren Publikum verständlich. 1974 startete im Village Gate Theater „Let My People Come” (Regie: Oesterman, Musik: Wilson), welches sich freizügig und mit Humor der ganzen Bandbreite sexueller Thematiken – von (simulierten) oralen Sex, Orgien und Homo-, Bi-, und Heterosexualität widmete und sich innerhalb der New Yorker Underground-Szene zu einem großen Erfolg entwickelte. 1976 trat der damalige Pornostar Marilyn Chambers in dem Musical „Le Bellybutton“ auf, welches in den Kritiken der Mainstreampresse, wie schon Jahre zuvor das Stück „Stag Movie“ ignoriert wurde. 1977 erschien „I Love My Wife on Broadway“ von Cy Coleman, welches sehr erfolgreich war und zwei Tony-Awards gewann. Es handelt von mehreren verheirateten Paaren, die untereinander bekannt sind und sich im Partnertausch versuchen, was allerdings scheitert. Das Stück verzichtete vollkommen auf die Darstellung von Nacktheit auf der Bühne, gab dem Publikum mit Liedern wie „Sexually Free“ und dem Bühnenspiel aber einen emanzipatorischen Impuls mit auf den Weg, was das Ausleben der eigenen sexuellen Wünsche innerhalb einer Partnerschaft betraf. Danach erschienen keine Musicals mehr auf den Spielplänen, die sich die sexuelle Liberalisierung zum Thema nahmen und mit dem Publikum in einen Dialog traten.

„In the fifties we thought we were living in an age of rationale and reason. The sixties had liberation and freedom – little by little its gone the other way. There’s always backlashes.“

David Newburge, Autor von “Stag Movie”