14
Jan
10

Performancegruppen

Die heutigen Performancekünstler können in ihrem Schaffen auf eine Tradition zum Teil illustrer Einzelpersönlichkeiten und Gruppen zurückblicken, die seit den kulturellen Umbrüchen der 60er Jahre
neue Wege der künstlerischen Präsentation gangbar gemacht haben. Die “Cockettes”, eine über 20-köpfige Gruppe von Hippies, die aus der Gegenkultur des Stadtteils Haight-Ashbury in San Francisco stammten, wurden Ende der 60er Jahre mit Performanceauftritten auf Konzerten und auf der Bühne des Palace Theater bekannt. Sie präsentierten sich in extravaganten Kostümen und oft nackt auf der Bühne und spielten ein humorvolles Spiel mit der Geschlechtsidentitäten, so traten die bärtigen und langhaarigen Darsteller als „chorus girls“ auf die Bühne, schwangen ihre Kleider und präsentierten ihre mit Glitzerstoff verzierten Genitalien. Laut dem San Franciscoer Regisseur David Weissman, der 2001/2 in seinem Film „The Cockettes“ dem Werdegang der Gruppe nachspürte, waren sie die ersten die öffentlich auf der Bühne in Frauenkleidern auftraten und einen Drag-Stil etablierten und damit die Glitter-Rock- Zeit von Musikern wie David Bowie, Elton John und den New York Dolls, sowie die Shows von Bette Midler und die Filmemacher der “The Rocky Horror Picture Show” beeinflussten und inspirierten. In der ersten Hälfte der 70er Jahre kreierten sie ca. 20 Shows wie „Tinsel Tarts in a Hot Coma“ und „Pearls over Shanghai“ und produzierten den Film „Tricia’s Wedding“ eine Transvestitenparodie auf die Hochzeit der Tochter von Präsident Nixon und spielten in weiteren Filmen wie „Elevator Girls in Bondage“ mit. Um die „Cockettes“ entwickelte sich ein Medienhype – sie erschienen in Magazinen wie Rolling Stone und Paris Match – bis sie dann einer Einladung auf die Bühnen von New York folgten. Dort gelang es der Gruppe allerdings nicht, in ihrem oft auf Spontanität und Improvisation beruhenden Spiel, das Lebensgefühl  Haight-Ashbury`s der Bay Area zu vermitteln und so enttäuschten sie das an ein professionelles Niveau gewöhnte New Yorker Publikum und der Hype um die Gruppe war beendet.

In dem Spektrum des künstlerischen Schaffens von Genesis P-Orridge welches Performances, Fotografie, Multimedia-Installation, Musik und Text umfasst, wird oft eine radikale Auseinandersetzung mit Themen wie Pornographie, Queer und Transgender, sowie rituellen Kontexte sichtbar. Der 1950 in Großbritannien geborene Genesis P-Orridge wechselte wegen strafrechtlicher Verfolgung, ausgelöst durch einige seiner Kunstaktionen, 1992 in die USA und lebt und arbeitet inzwischen in New York. Maßgebliche künstlerische Phasen waren bestimmt durch seine Performancegruppe „Coum Transmissions“ in den 70ern und die danach entstandenen Musikgruppen „Throbbing Gristle“ und „Psychic TV“. P-Orridges spätere Werkreihe „Pandrogeny“ zeigt die fortgesetzten Auseinandersetzung des Künstlers mit der Transgender-Thematik  und dokumentiert die radikale Konsequenz der Performance am eigenen Körper. Genesis P-Orridge wie auch seine zweite Frau Jaye Breyer haben sich einer Reihe von chirurgischen Eingriffen unterzogen, mit dem Ziel des Auflösen der geschlechtlichen Grenzen und sehen sich als Aspekte einer hermaphroditischen Einheit. Genesis ließ sich Brüste implantieren und nennt sich seitdem Breyer P-Orridge.

Genesis P-Orridge trat ca.1969/70 dem Performanceprojekt „Transmedia Explorations“ bei, die – wie viele experimentelle Theatergruppen zu dieser Zeit – versuchten mittels verschiedener Konzepte die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum – zwischen den Darstellern und dem Publikum zu zerstören. Das besondere bei „Transmedia Explorations“ war deren verpflichtender kommunaler Lebensstil. Die Mitglieder schliefen jede Nacht in einem anderen Bett, suchten sich ihre tägliche Kleidung aus einem Gemeinschaftsraum – Das Spiel mit angenommenen und zugewiesenen Identitäten, Rollen und Sprache gehörten zum konzeptionellen Lebensstil des Projektes. Auf der Basis seiner Erfahrungen bei „Transmedia Explorations“ gründete P. Orridge das Kunstkollektiv COUM Transmissions, das ab 1972 eine Reihe von provokativen Performances in Kunstgalerien und bei Mixed-Media-Festivals in England und Kontinentaleuropa veranstalteten. Typische Komponenten einer solchen Performance waren das sich P. Orridge Hühnerköpfe auf den Penis legte und masturbierte oder er mit seiner Partnerin Cosey Fanni Tutti mit einem doppelten Dildo gleichzeitig analen und vaginalen Sex hatte. Beliebte Requisiten dieser Aktionen waren mit Milch, Blut und Urin gefüllte Spritzen, benutzte Tampons, Federn und faule Eier.

Die Arbeiten von COUM Transmissions waren in ihrer Anfangszeit stark von der Fluxus-Bewegung beeinflusst, bis sich dann ab 1973, unter dem Einfluss von Peter Christopherson, die Gruppe für sexualmagische und BDSM-Praktiken zu interessieren begann. Im Zeitraum 1969 – 1977 war COUM auf vielen Kunstfestivals und Galerien in den USA und Europa zu Gast. 1976 wurde in dem Institute of Contemporary Arts die Ausstellung „Prostitution“ organisiert, die zu einem Medien- und Kunstskandal avancierte. Sie war einerseits eine Retrospektive des künstlerischen Schaffens und der Entwicklung von COUM, weitergehend flossen auch die Erfahrungen von Cosey Fanni Tutti(Christine Carol Newby) mit ein, die zu dieser Zeit als Pornomodell bei Magazinen wie Cum Fiesta und Men Only arbeitete. Die Ausstellung zeigte einzelne Seiten von pornographischen Magazinen, fluxus-inspirierte Skulpturen die die Menstruation thematisierten und Objekte aus verschiedenen Sextoys. Auf der Vernissage spielten erstmals die Throbbing Gristle, die sich überwiegend aus Mitgliedern von COUM Transmissions zusammensetzte und die einen Wechsel von der Kunst- zur Musikszene ankündigte.

Throbbing Gristle (ein Slangbegriff aus Yorkshire, der einen erigierten Penis meinte) gründete sich im September 1975. Einerseits ein strategischer Schritt, um mit dem durch die Provokationen und Skandale erzeugten Hype um COUM Transmission als konzeptionelle Anti-Musik-Gruppe in die Welt der Pop-Kultur überzuwechseln. Andererseits ein ernstgemeinter Ansatz eines experimentellen Musiklabors und der Klangforschung

Am Beispiel von Throbbing Gristle, bzw. der später folgenden PsychicTV wird deutlich, das Musikgruppen, vor allem aus dem Industrial- und Gothic-Segment die BDSM-Szene, bzw. die dementsprechenden Clubs beeinflussen. Einer dieser Clubs ist der bekannte „Torture Garden“. „Torture Garden“ ist ein englischer  Fetish- und SM-Club mit Überschneidungen zur alternativen Clubszene. Seit den 90er Jahren werden dort regelmäßig Musikevents, Performances und Konzerte veranstaltet. Der Gründer von Torture Garden sieht den Gedanken des Clubs von theoretischen Vertretern eines transgressiven Konzeptes von Sexualität wie George Bataille und von Musikgruppen wie PsychicTV und Temple ov Psychic Youth beeinflusst. Der Club betreibt ein eigenes Musiklabel wo überwiegend Experimental-, Neofolk und Industrial-Musik von Gruppen die bei TG Live-Auftritte absolviert haben, vertrieben werden. Bekannte Gruppen des “Labels World Serpent Distribution” sind Coil, Sol Invictus, Cyclobe, Backworld und Neither/Neither World.

P-Orridge wirkte in den 70ern als Performancekünstler und studierte und praktizierte in diesem Zusammenhang in den 80ern rituelle und schamanistische Techniken und war in der Body Modification-Bewegung der „Modernen Primitiven“ involviert. Anfangs der 90er traf er mit Jaye Breyer, seiner späteren Frau, zusammen. 2003 begann P-Orridge mit seiner Partnerin die Performance-Serie “Breaking Sex“, die die Auflösung, bzw. Wiedervereinigung von Mann und Frau zu einem hermaphroditischen Zustand behandelt und die dementsprechenden Körpermodifikationen der beiden Künstler thematisiert.

„In our quest to create the Pandrogyne, both Genesis and Lady Jaye have agreed to use various modern medical techniques to try and look as much like each other as possible. We are required, over and over again by our process of literally cutting-up our bodies, to create a third, conceptually more precise body, to let go of a lifetime’s attachment to the physical logo that we visualise automatically as “I” in our internal dialogue with the SELF.(…) Breyer P-Orridge believe that the binary systems embedded in society, culture and biology are the root cause of conflict, and aggression which in turn justify and maintain oppressive control systems and divisive hierarchies. Dualistic societies have become so fundamentally inert, uncontrollably consuming and self-perpetuating that they threaten the continued existence of our species and the pragmatic beauty of infinite diversity of expression. In this context the journey represented by their PANDROGENY and the experimental creation of a third form of gender- neutral living being is concerned with nothing less than strategies dedicated to the survival of the species.“

Zitat aus der Projekterläuterung von der Webseite  http://www.genesisp-orridge.com/

Reynolds,Simon: 2007,  « Schmeiß alles hin und fang neu an – Rip it up and start again – Postpunk 1978 – 1984 » Hannibal Verlag, Hafen (Österreich)

Die Sängerin und Performancekünstlerin Lydia Lunch setzte ebenfalls Versatzstücke pornographischer Kultur bei ihren Auftritten provokant in Szene. Viele ihrer Auftritte beschäftigten sich mit den Themen Macht und Inzest, Gewalt und Unterwerfung. In den Filmen des Underground-Filmemachers Richard Kerns “Submit to Me”(1985), “The Right Side of My Brain” (1985) und “Fingered” (1986) bei denen sie als Darstellerin auftrat und teilweise das Drehbuch mitschrieb, wird transgressiver Sex, Fetischismus und Gewalt thematisiert. In dem Art-Porn-Kurzfilm „Fingered“ spielt sie eine Prostituierte, die zwischen exzessiver Gewalt und explizitem Sex nach ihrer Identität sucht. Lydia Lunch war bereits 1978 mit der Band „Teenage Jesus and the Jerks“ eine der zentralen Figuren der New- Yorker Art Punk-Szene, die sich dann unter dem Label „No New York“ formierten und sich an der Lower East Side als innovative Kunstszene etablierten, bis der Bürgermeisters Guilianis mit seiner „Zero Tolerance“-Politik Mitte der 90er das dortige Rotlichtmilieu durch restriktive Sperrgebietsordnungen vertrieb und den Stadtteil zu einer „sauberen“ Touristenattraktion umbauen ließ. In den 80ern machte sie sich als Musikerin selbstständig und arbeitete mit bekannten Gruppen wie Sonic Youth, Birthday Party, Einstürzende Neubauten und Nick Cave zusammen und repräsentierte als Sprecherin das Festival „The History Of Underground Film“ in Europa und Australien.

Die Frauen der britischen Rockband „Rockbitch“ vertraten auf der Bühne einen aggressiven sexuellen Habitus, wie er sonst nur von männlichen Musikern bekannt war. Auf einem Harley Davidson Festival in Frankreich 1996 geriet der Auftritt der Gruppe zu einem sexuellen Happening und leitete die wechselseitige Geschichte der Gruppe zwischen Erfolg, Medienskandalen und behördlichen Repressionen ein. Die 6-8 Frauen und 1-2 Männer der Musikgruppe lebten mit weiteren Frauen in einer Kommune in Frankreich zusammen, wo sie u.a. sexualmagische Rituale praktizierten, die sie später im Kontext ihrer Auftritte auch auf der Bühne praktizierten.

“The Orgasm is the original creative energy of the Universe : The Big Bang, from which everything else originated. A statement difficult to express in words but which can be demonstrated on stage – Music and Sex are the languages understood by all”.
.


Die Bühnenauftritte waren aber eher Spektakel wo bewusst Tabubrüche inszeniert wurden, als spirituelle Happenings. Lovedolls, Dildos und Totenschädel wurden als Requisiten benutzt und die Frauen waren mit langschaftigen Stiefeln, Ketten und Lederunterwäsche bekleidet. Eine der Musikerin agierte auf der Bühne als Sexsklavin und dem Publikum wurden anschauliche Ratschläge zum fist-fucking gegeben. Die Musikgruppe nutzte diese Staffage aber nicht nach dem Motto „Sex sells“, sondern waren in ihrer Performance konsequent radikal, was ihnen dementsprechende Probleme mit den staatlichen Institutionen einbrachte. Über 50 Konzerte ihrer Europatourneen mussten wegen polizeilicher und behördlicher Verbote wieder abgesagt werden, sogar in den liberalen Niederlanden war ihnen nur der Auftritt in den Großstädten erlaubt. In Deutschland wurden die Konzerte nur bei Einhaltung eines auf die Auftritte abgestimmten Regelwerks zugelassen.  In der Anordnung des Münchner Amts für öffentliche Ordnung  beispielsweise wurde 1999 genau festgelegt, was die Band durfte – und was bei Androhung einer vierstelligen Ordnungsstrafe und eines Konzertabbruchs alles nicht erlaubt war. Den Musikerinnen war nicht erlaubt „die Ausübung des Geschlechts-, Oral- oder Analverkehrs; das Einführen von Gegenständen oder Körperteilen in die Vagina oder den Anus; das Urinieren oder die Abgabe von Flüssigkeiten aus der Vagina in das Publikum; sowie Erklärungen oder Verhaltensweisen, die die Vornahme sexueller Handlungen zwischen Darstellern und Mitgliedern des Publikums zum Gegenstand haben „.

1998 organisierten “Rockbitch” einen “Diamond Condom Award” in Amsterdam, wo sie sich bei ihrem Aufruf auf eine illustre Mischung von Persönlichkeiten bezogen: die Sexologen Shere Hite und Wilhelm Reich, SexPro-Aktivistinnen wie Tuppy Owens, Betty Dodson und  Annie Sprinkle, Madonna, Frederico Fellini, Wendy O. Williams, die Lead-Sängerin der Plasmatics und Mary Millington, einer Pornodarstellerin aus den 70ern. Der „Condom-Award“ entwickelte sich zeitweise zu einem festen Bestandteil der Bühnenperformance, deren Gewinner/Innen dann auf oder hinter der Bühne von den Musikerinnen zum Sex eingeladen wurden. „Rockbitch“ gaben 2 Alben heraus, 1999 „Motor Driven Bimbo“ und  2002 „Sex Death Magik“, realisierten mehrere Videofilme und spielten auf ihren Tourneen (wenn die Gigs denn zustande kamen) meistens erfolgreich in ausverkauften Sälen. Aufgrund zunehmender Restriktionen seitens staatlicher Behörden und Problemen mit dem Establishment der Musikindustrie löste sich „Rockbitch“ 2002 auf. Die Musikerinnen gründeten daraufhin die Gruppe „MT-TV“, die allerdings die vorherige Bühnenpraxis nicht weiterführte. Die Frauen treten dort unter Pseudonymen auf und zelebrieren auf ihren Bühnenshows eine theatrale und problemlose Gothic-Ästhetik

Eine Musikgruppe, die die Performance von „Rockbitch“ in einem werbewirksamen, rein kommerziellen Rahmen nachgeahmt hat, ist die 2000 gegründete Rockgruppe „Pornrock“ aus New York, inzwischen in „Erocktica“ umbenannt. Die Bühnenpraxis der Gruppe besteht aus einer Mischung aus Konzert und Amateur-Stripteaseshow und verfügt über kein nennenswertes Sendungsbewusstsein. Ihre Texte, die Plattencover, wie ihre Webseite sind auf die Ästhetik der regulären Sexindustrie ausgerichtet. Sie haben inzwischen mehrere US- und Europatourneen absolviert und sind auf verschiedenen Erotikmessen und Conventions aufgetreten und erschienen  2006 in der PlayboyTV-Sendung „Sexcetera“.

Der Performancekünstler Steven Cohen aus Südafrika wurde mit seinen Queer-Performances im Zeitraum 1997-2004 bekannt. In Südafrika, fühlte er sich nach der Abschaffung der Apartheid als weißer, jüdischer Homosexueller zunehmend diskriminiert und thematisierte dies provokativ in seinen Performances. In der Aufführung ‚Limping into the African Renaissance‘ (2000) performte er mit einer überdimensionalen Beinprothese und schwarzen Dildos auf dem Kopf und im After zu den Klängen der südafrikanischen Nationalhymne. Auf anderen Aktionen fuhr er im Tutu und mit einem brennenden „Knallfrosch“ im Hintern auf Rollerblades durch Johannesburg, agierte im SM-Dress als Fliege verkleidet oder thematisierte auf begleitenden Videos Fetisch-Kunst und „White-Room“-Praktiken wie Klistiere und Spülungen. In seiner Heimat berührte er damit viele Tabus und war dementsprechend umstritten, während er auf seinen Auftritten in Europa und Australien in der Regel mit wohlmeinender Kritik bedacht wurde.

Die 1947 in Saint-Etienne (F) geborene Performancekünstlerin Orlan lebt und arbeitet seit 1983 in Paris. Ihre künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich mit Fragen des Status des Körpers und der Rolle der Frau in der Gesellschaft. In den 1960ern wurde sie mit einer Ausstellung bekannt, in welcher sie die Weitergabe von Bettlaken von ihrer Mutter an sie als Bestandteil der Tradition der Aussteuer thematisierte. Diesem Brauch nach soll die Tochter die für die Ehe vorgesehene Aussteuer mit ihren Initialen besticken. Orlan hingegen benutzte die Bettwäsche beim Sex mit ihren Freunden und umstickte dann die Spermaspuren. Bei der photographischen Dokumentation dieser Stickarbeiten inszenierte sie sich als häusliche Ehefrau. Die als Performance inszenierten chirurgischen Gesichtsoperationen sind die bekanntesten und umstrittensten Werke der Multimediakünstlerin Orlan. Die Konzeption ihrer „Art Charnel“ begann die Künstlerin 1980 mit einem eigenen Manifest, in dem sie ihren Körper zu einem „modifiziertes Ready-Made“ erklärte. In den bis jetzt durchgeführten Operationen trugen die beteiligten Ärzte und Orlan speziell entworfene Kleidung und der OP-Saal wurde nach künstlerischen Kriterien umgestaltet. Die Künstlerin, nur lokal betäubt, rezitierte während des Eingriffs ausgewählte Texte von Autoren, wie Antonin Artaud und der Psychoanalytikerin Eugenie Lemoine-Luccioni. Die chirurgischen Eingriffe wurden auf Video detailgenau aufgezeichnet und zum Teil live in verschiedene Kunstgalerien und Museen übertragen. Die Methoden und Materialien der Schönheitschirurgie werden hier nicht wie üblich verwendet um den Körper an das aktuelle Schönheitsideal anzupassen, sondern thematisieren den  kulturspezifischen Schönheitsstandard. In ihrer letzten Operation ließ sich die Künstlerin beispielsweise auf jeder Schläfe ein beulenartiges Implantat einsetzen und kombinierte mit Hilfe digitaler Verarbeitung Photographien ihres veränderten Gesichtes mit Photos präkolumbianischer Objektkunst und afrikanischer Masken zu visuellen Eindrücken, die sie in ihrer Werkreihe „Self-hybridations“ ausstellte.

Die New Yorker Theaterautorin Eve Ensler hat ca. 200 Interviews mit unterschiedlichsten Frauen – von alten Damen und Mädchen, Ehefrauen und Prostituierten, Arbeiterinnen und Professorinnen –  geführt, in denen sie zu ihrem Geschlecht befragt wurden. Aus diesen hat die Autorin das Buch und spätere Theaterstück „Die Vagina-Monologe“ zusammengestellt. Sie reflektieren die unterschiedlichen Erfahrungen und Ausdrucksweisen der Frauen und jedes ausgewählte Interview repräsentiert einen spezifischen Aspekt des Themas – von Masturbation, Sex und Orgasmus zu Schamhaarfrisuren, Sekreten, Monatsblutungen und Geburt, bis zu Klitorisbeschneidungen und Vergewaltigungen. Bestimmte Fragestellungen bringen die Frauen dazu ihr Geschlecht zu personifizieren und sich Gedanken zu machen was ihre Vagina denn zu sagen hätte und was sie anziehen würde. Die Intention der Autorin Ensler war es, die Tabus um die weibliche Geschlechtlichkeit aufzuweichen, Frauen Mut zu machen einen eigenen Weg zu ihrer Lust zu finden und gleichzeitig ein entschiedenes Plädoyer gegen sexuelle Gewalt zu halten. Das Buch wie das Theaterstück waren außerordentlich erfolgreich, die Vagina Monologe wurden in über 45 Sprachen übersetzt und wurden an vielen us-amerikanischen und europäischen Bühnen aufgeführt. Ende 1996 wurde das Stück erstmals in einen Off-Broadway-Theater gezeigt, wo es 2 Jahre gespielt wurde, später folgte die Aufführung am Londoner West End. 1997 gewannen die Vagina-Monologe den Obie Award und 2002 wurde das Stück für den Olivier Award nominiert. Viele prominente Frauen, wie Whoopi Goldberg und Alanis Morissette, haben bei den Lesungen der Monologe direkt mitgewirkt. Der nachhaltige Erfolg und der finanzielle Gewinn ihres Theaterstücks inspirierten Eve Ensler „V-Day“ zu kreiieren. „V-Day“ versteht sich als eine Bewegung mit dem Ziel sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu stoppen. Diese Entwicklung wurde von SexPro-Aktivistinnen wie Camille Paglia und Betty Dodson kritisiert, die diese zunehmende Fokussierung auf die Viktimisierung von Frauen als einen Schritt in die falsche Richtung begriffen, der wegführt von den kreativen und regenerativen Energien eines lustvollen sexuellen Umgangs mit sich selbst und Anderen und stattdessen, ähnlich wie bei der feministischen PorNo-Diskussion in den 80er und 90ern, männer- und sexualfeindlichen Tendenzen den Weg bereitet.

Puppetry of the Penis ist eine Genital-Akrobatikshow, die von den beiden Australiern Simon Morley und David  Friend in einer Bühnenshow  dargeboten wird wo die beiden ihren Penis und Hoden zu 40 verschiedenen Figuren ziehen, quetschen und formen. Die Vorführung wurde vom Publikum nicht als pornographisch, bzw. obszön wahrgenommen und die Presse reflektierte Puppetry of the Penis als Comedy. 1996 gab Simon Morley einen Kunstkalenders heraus, in dem zwölf Genital-Origami-Figuren („dick tricks“) präsentiert wurden. 1998 traten Morley und Friend erstmals auf dem Melbourne International Comedy Festival auf und waren mit ihrer Show ungemein erfolgreich. Es folgte eine Tournee in Australien, 2000 dann ein Auftritt auf dem Edinburgh Festival, bis die Show dann für ein halbes Jahr für ein ausverkauftes Haus im Londoner Westend sorgte. Aufgrund der großen Nachfrage wurden weitere Bühnenteams rekrutiert, mit denen dann in den Jahren 2003-4 der mittel- und südeuropäische Raum abgedeckt wurde. Insgesamt sollen sich mehr als 500.000 Menschen Puppetry of the Penis angeschaut haben.


0 Responses to “Performancegruppen”



  1. Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: