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Jan
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(Art)Porn – Ausstellungen und Performances

Das Kriterium der Obszönität ist ein wesentlicher Faktor bei der Einteilung zwischen pornographisch und nicht-pornographisch. Ein Kriterium, das allerdings von den aktuellen Moralvorstellungen und dem Zustand der Kultur, der Gesellschaft und den politischen Konstellationen abhängig ist. Griechische Vasenmalereien und japanische Holzschnitte mit expliziten Szenen werden z.b. schon seit langem, entschärft als historische Artefakte, im Museen ausgestellt, ohne das sich daran ein Skandal entzünden würde. Aber auch im aktuellem Rahmen ist es gerade die Kunst, vor allem die experimenteller Künste, die die Grenze zwischen Nicht-Obszönem und Obszönem ausloten und als eine Schnittstelle benutzen, um den Zustand unserer Kultur zu reflektieren und Subkulturen anregen diese Grenze neu definieren. So die Performancegruppe COUM Transmissions mit ihrer skandalträchtigen Ausstellung „Prostitution“ in den 70er Jahren oder die Sängerinnen von Rockbitch und der Punkband Plasmatics mit ihren Bühnenauftritten und Bondage- und Fetisch-Accessoires. Die gleichen Accessoires, die als Punkmode von Vivienne Westwood in ihrer Londoner Boutique „SEX“ angeboten wurden und die mit der Popikone Madonna als Versatzstücke der pornographischen Kultur in den Mainstream gelangt sind. Sex und Pornographie – ob als Provokation, Ausdruck eines sexualpolitischen Standpunktes, Marketinginstrument oder als künstlerisches Ausdrucksmittel – werden von den Medien transportiert und stoßen generell auf  ein verstärktes Interesse in der Gesellschaft. Inzwischen gibt es eine wachsende Anzahl von Ausstellungskonzeptionen und Museen, die auf dieses Thema ihren Fokus gelegt haben.

Bei der Ausstellung „Deep Inside“ 1996 im Museum für zeitgenössische pornographische Kunst in Lausanne präsentierten sich neben Bildern, Photos und Videos von bekannten Namen wie H.R. Giger, Martin Disler, Sigmar Polke und Dieter Roth auch Künstler wie Brigitta Garcia Lopez mit ihrer Genitalinstallation „Forty two Dicks“ und Performancekünstler wie Katrin Kubatz, der Airbrushkünstler Joe Brockerhoff und die  S/M Performance Gruppe „Das Tor“. Die schweizerischen Behörden zensierten allerdings bereits 10 der 300 Ausstellungsstücke vor der Eröffnung, wie auch das „Musee d’art contemporain pornographique“, das von Edi A.Stoeckli und Peter Preissle initiiert wurden war, nur kurze Zeit bestand. 2002 vereinte dann der Galerist Silvio R. Baviera Teile der dort gezeigten Sammlung mit eigenen Beständen und Leihgaben zu einem Museum auf Zeit. Aus dieser Initiative entstand das „Museum of Porn in Art“, dessen Vernissagen überwiegend in den Lagerräumen von Edi’s Weinstube stattfinden. Auf der gleichnamigen Webseite wurden 2006 bereits über 30 verschiedene Ausstellungen dokumentiert, dessen einzelne Bilder in einem interaktiven Menü, ausgehend von einem 360°-Panorama, angeklickt werden können.

http://www.porninart.ch/

In New York, in einem ehemaligen Bordell an der Fifth Avenue, wurde Oktober 2002 das erste Sexmuseum der USA von Daniel Gluck eröffnet. Über die Qualität und den Inhalt der dortigen Ausstellungen bestimmt u.a. ein Historikerbeirat aus 14 Wissenschaftlern. Die ständigen Ausstellung des Museums setzt sich aus über 9000 Objekten zusammen  und versucht für einen Zeitraum von 250 Jahren zu dokumentieren wie sich Moral, Praxis, visuelle Repräsentation und Attitüden zum Thema Sex und Sexualität in den USA verändert haben. Die verschiedenen Sektionen geben dem Besucher einen Überblick über das Thema, das mit Videofilmen, Photographien, Dokumenten und  Objekten dokumentiert wird. Die erste Ausstellung war dem Thema „NYC Sex: How New York transformed Sex in America“ gewidmet. Sie bot Einblick in die Sexsubkulturen der Stadt vom 19. Jahrhundert bis heute und thematisierte Obszönität, Geburtenkontrolle, Fetischismus, Burleske und Prostitution. Inzwischen hat das Museum sieben weitere Sonderausstellungen und drei interaktive Onlineprojekte realisiert. Weitergehend versteht sich das Museum als ein Veranstaltungszentrum, wo Performances, Lesungen und Seminare abgehalten werden. In dem angegliederten Museumsshop werden neben Publikationen und Photopostkarten, spezielle Kleidung und Sextoys angeboten. Weitere Ausstellungsthemen waren die Geschichte des amerikanischen Pornofilms und des Pinup, männliche Aktphotographie, Sexmaschinen und Einblicke in die sexuelle Kultur Japans und China, u.a. in Kooperation mit dem chinesischen Sexmuseum in Shanghai. Das populärste Onlineprojekt des Museums ist „Mapping Sex in America“. Es bietet jedem User anonym die Möglichkeit ein persönliches sexuelles Erlebnis zu beschreiben, dieses wird dann nach geographischen Raum und sexueller Kategorie (gay, bi, hetero) in einer interaktiven Landkarte veröffentlicht. Die Beiträge, die von kurzen Notizen bis zu längeren Stories reichen, sind für jeden User einsehbar und sollen die sexuellen Praktiken und Phantasien und ihre Veränderung in den kommenden Jahrzehnten dokumentieren.

http://www.museumofsex.com

Neben diesem Museum gibt es in den USA weitere Ansätze sogenannte Pornographie in die Sphäre der Kunst zu überbringen. In der San Francisco Bay Area, wo eine Vielzahl von Künstlern sich innerhalb der verschiedenen sexuellen Subkulturen bewegen und ihre Kunst in Ausstellungen präsentieren, haben sich in den Jahren um die Jahrtausendwende aus den verschiedenen Segmenten der Queer-Community mehrere Multimedia-Performancegruppen gegründet, die Aspekte ihrer Identität und ihres Alltagslebens auf der Bühne thematisieren, aber auch herkömmliche sexuelle Standards und Stereotypen kritisch hinterfragen. Zu den bekanntesten gehört die 2001 gegründete Gruppe „Fresh Meat“ des Regisseurs Sean Dorsey, neben weiteren Gruppen wie der „Queer Latina/o Artists‘ Coalition San Francisco“ und der aus lesbischen Frauen bestehenden „Liquid Fire Productions“. Ein weiteres Projekt ist die „Dirty Show”, die seit dem Jahr 2000 in Detroit und anderen Orten organisiert wird. Die Organisatoren Jerry Vile, Jeremy Harvey und Glenn Barr verstehen es als ihre Mission erotische Kunst in allen ihren Formen zu promoten und zu propagieren. Die „Dirty Show” wird jährlich an einem Wochenende zum Valentinstag veranstaltet und bietet neben einem Ausstellungskonzept ein umfangreiches Live-Programm, wo neben Neo-Burleske-Gruppen, PostPorn- und SM-Performancegruppen auftreten.

http://www.queerlist.org/

Seit den 1990ern erlebt die Burleske eine Renaissance und eine neue Generation von Performance-Künstlern nutzt das Setting der Burleske um sich auf der Bühne mit Themen wie Gender und Transgression auseinanderzusetzen.  Auf Festivals wie dem New York Burlesque Festival und dem Tease-O-Rama treten bekannte Neo-Burleske-Performer wie Julie Atlas Muz, die 1998 gegründeten Pontani Sisters und Jo Boobs aka Jo Weldon auf. Allein auf dem Festival 2006 in New York zeigten über 60 verschiedene Burleske-Gruppen in ihren Bühnenshows ein Spektrum, das von Vintage-Style, Kabaret, theatralen Striptease, modernen Tanzchoreographien, Persiflagen und politischer Queerkultur reicht. Jo Boobs, die seit den 80ern als Stripperin, Lap-Tänzerin und Burleske-Performerin auftritt und eigene Shows wie „Hubba Hubba Hey!–A Burlesque Salute to the Ramones“ produziert hat, bietet auf ihrer Webseite „G-Strings Forever“ Burleske und Lap Dance-Kurse sowie umfangreiche Ressourcen und weiterführende Links zum Thema Striptease und Burleske an. Auf dem Festival „The Famous Spiegeltent“ in Edinburgh(England) waren 2005 eine Vielzahl von Burleske- oder burleske-beeinflussten Shows vertreten, u.a. Balagan, eine Musical-Show mit Circus und Vaudeville-Acts, die Australierin Moira Finucane mit der Gruppe „The Burlesque Hour“ und Marisa Carnesky von „La Clique“. Für Moira Finucane, die bereits das Publikum der Oper in Sydney mit ihrer Show bespielte stand die Burleske schon immer in der Tradition einer subversiven weiblichen Bühnenpraxis.

Ein weiteres Projekt ist die „Sex Worker`s Art Show„, die seit 1998  jedes Jahr durch eine Vielzahl us-amerikanischer Städte tourt und inzwischen enorm an Umfang und Professionalität gewonnen hat. Gegründet von der SexPro-Aktivistin Annie Oakley, einer ehemaligen Sexarbeiterin, hat sie sich zu einer Liveshow entwickelt in der Frauen, Transgender und Männer aus allen Bereichen der Sexindustrie – von Prostituierten, Dominas, Pornofilmdarstellerinnen bis zu Internetmodellen, ihre Erfahrungen in der Sexindustrie künstlerisch reflektieren und traditionelle Vorurteile und Stereotypen aufbrechen. Die Bühnenshow setzt sich zusammen aus Poetry, Kabarett, Musik, Burleske und Multimediaperformances

“After finishing my yoga stretching, I focused on the slam-dancing punk-rock stripper onstage. The music was loud and violent. She was all in black, ripped fishnets and T-shirt, which she shredded off slowly. She thrashed more than danced. All this was a fantastic distraction from the doom looming ahead. Slam Dancer hurled herself up in the air and landed hard on her knees, bones thudding on the wooden floor. The crowd dug it big time. Then she whipped off almost all her clothes and urinated onstage. The stagehand next to me, who would have to mop up afterward, looked pained. In her big finish, Slam Dancer threw herself into the air and landed in a split. The place went bananas. She rushed off, eyes wild, red cheeks flushing , turned to me and asked: „Do you think it worked?“ I didn’t quite know how to respond, but I felt that I should support this raw, powerful sex worker and sister stripper. So I looked into her eyes, nodded thoughtfully, and said: „Yeah, I thought it was a wonderful deconstruction of the puritanical values that have strangulated this culture for centuries.“ She smiled sweetly.”

Ausschnitt aus einem Artikel des San Francisco Chronicle über die „Sex Worker`s Art Show“ von David Henry Sterry –  „Sexual free-for-all lets it all hang out” Januar, 2004

http://www.bayswan.org/  (u. a. SexworkerArtShow, San Francisco)


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