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Stadtentwicklung und „soziale Fremdkörper“



Hamburgs Eingliederung in den preußischen Nationalstaat-Wahlrechtsunruhen und Gewerkschaftsorganisation

Die 90er Jahre des 1900 in Hamburg sind nicht nur gekennzeichnet durch die Choleraepidemie und die darauffolgende Reform der hygienischen Verhältnisse, die Stadtsanierung unter dem Vorzeichen der „Citybildung“, die Umstrukturierung des Hafens und der Bildung von Arbeitgeberorganisationen – und auf der anderen Seite – die Bildung einer starken Gewerkschaftsorganisation und der Etablierung der Sozialdemokratie, sondern auch durch einen Sieg des Preußentums, der staatlichen Intervention über den Laisser-faire des bürgerlichen Liberalismus.

Hamburg war im 19.Jh. größtenteils eine „Freie Stadt“, ein autonomer Staat im Deutschen Bund und nach 1871, wenn auch eingeschränkt, innerhalb des Deutschen Reiches. Das ganze 19.Jh hindurch und darüber hinaus bestand der Senat aus Mitgliedern eng verflochtener Patrizierfamilien, die über ein weitreichendes Netz von Verwandtschaftsbeziehungen den wohlhabensten Teil der Handels- und Finanzwelt Hamburgs stellten. Viele dieser Hamburger Familien, die die Senatoren stellten, waren nicht deutschen Ursprungs; so die Amsincks, die Chapeauxrouges, Godeffroys, Slomans und die O`Swalds. Die Amsincks stellten den Bürgermeister Wilhelm Amsinck (1752 – 1831) und heirateten in eine Vielzahl anderer Senatorenfamilien ein, wie die Gosslers, Sievekings, Burchhards, Westphals und Mercks – alles sehr vermögende Familien mit dementsprechenden politischen Einfluss. Als reichster Mann der Stadt galt Anfang des 20 Jh. der Reeder Henry Slomann, dessen Vermögen auf 60 Millionen Mark geschätzt wurde, auch er war über diese Heiratspolitik mit den Amsincks verwandt.

Als letzter der norddeutschen Staaten trat Hamburg 1871 dem Deutschen Reich bei. Als Konsequenz dieses Beitrittes wurde die alte Hamburger Währung – 12 Pfennige auf den Schilling, 16 Schilling auf die Mark Banco – durch die Dezimalwährung des Reiches ersetzt. Das Bürgermilitär wurde abgeschafft und das Hanseatische  Infanterieregiment unter preußischen Oberbefehl gestellt. Bereits Ende der 50er Jahre gewann die pro-preußische Partei im Hamburger Senat allmählich die Oberhand. Einer ihrer politischen Führer war Johannes Versmann, der lange Zeit Mitglied im oppositionellen St. Pauli–Bürgerverein war – und dann, ab 1861 einer der bedeutensten Senatoren seiner Zeit in Hamburg, bis zu seinem Tod im Jahr 1899.

Der St. Pauli-Bürgerverein wurde 1843 gegründet um eine Interessenvertretung für das außerhalb der Stadtwälle gelegene Hafenviertel zu schaffen. Er entwickelte sich, neben dem 1832 gegründeten Grundeigentümerverein, schnell zu einem Hauptzentrum der Opposition gegen die oligarchische Herrschaft des Senats. 1892 gab es insgesamt 32 Bürgervereine, die größtenteils in einem Zentralausschuss organisiert waren. Diese Vereine übten Druck auf den Senat aus was sanitäre Einrichtungen, die Wasserversorgung, die Elektrifizierung, die Pflasterung der Straßen und die Müllbeseitigung betraf. Später übernahmen sie die Ausrichtung der Wahlen zur Bürgerschaft. Ihre Mitglieder kamen in der Regel aus dem Besitz- und Kleinbürgertum.

Versmann machte im Senat seinen Einfluss geltend und versuchte zu überzeugen, dass man dem preußischen Druck in Fragen der Angliederung ans Reich nachgeben müsse. Seinen größten politischen Erfolg erzielte er in Fragen des Zollanschlusses, wo es ihm gelang einen Kompromiss auszuhandeln, zwischen den Hamburger Kaufleuten – klare Befürworter des Freihandels – und den Preußen unter Bismarck, die eine Einführung von Importzöllen verlangten. Als dessen Resultat entstand die Speicherstadt, ein zollfreies Gebiet, welches weiterhin von Hamburg verwaltet werden durfte. Die Eröffnung des Freihafens und der Beitritt zum Deutschen Zollverein 1888 markierten den Sieg der pro-preußischen Partei über die Alt-Hamburger Partikularisten.

1865 werden in Hamburg die Privilegien der Zünfte abgeschafft und die Freiheit des industriellen Unternehmertums eingeführt. Bereits 1879 soll es in Hamburg 500 Fabriken mit ca. 16 000 Arbeitern gegeben haben. Zahlen die sich bis 1890, vor allem durch die Eröffnung des Freihafens fast verdoppelten. Durch diese wirtschaftliche Expansion kam es zu zunehmenden Kapitalkonzentrationen – bei den Reedern, die 1884 den Verein Hamburger Reeder gründeten und im Schiffbau, wo sich 1888 über siebzig Werften und Schiffsausrüster im Verband der Eisenindustrie unter dem Vorsitz von Herrmann Blohm zusammenschlossen. Dieser Organisationsprozess war geprägt durch die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen die zwischen den Personen der Hamburger Wirtschaftselite bestanden. So saß Albert Ballin, der Generaldirektor der Hapag- Schiffartslinie auch im Vorstand der Woermann-Linie, der Kosmos-Linie und der Levante-Linie.

Mit dem Ende der Zunftprivilegien im Jahr 1865 kam es erstmals zu Streiks auf breiter Grundlage, so fanden allein in diesem Jahr dreißig Streiks statt. Ende der 80er Jahre kam es zu einer größeren Streikwelle mit mehr als 30 Ausständen und Aussperrungen zwischen den Jahren 1888 bis 1890. 1890 planten die Hamburger Gewerkschaften in Befolgung eines Aufrufes des Gründungskongresses der Zweiten Sozialistischen internationale, eine Mehrzahl von Streiks. Die Arbeitgeber reagierten ihrerseits durch die Organisierung in einem Arbeitgeberverband und gingen gegen die Arbeiter mit Aussperrungen und Entlassungen vor, von denen fast 20 000 Arbeiter betroffen waren. Diese große Streikwelle, das wachsende politische Bewusstsein und die Organisierung der Arbeiterschaft auf internationaler Ebene rief unter den Kaufleuten, Industriellen und dem Senat ernsthafte Besorgnis hervor. Der Handel hatte unter den Streiks erkennbare Einbußen hinnehmen müssen und in der bürgerlichen Öffentlichkeit entstand ein Bedrohungsszenerario in welchem die Unterschichten ernsthaft die Autorität und Vorherrschaft der Patrizierfamilien und der Besitzbürger gefährdeten.

Die ersten Ansätze einer organisierten Arbeiterbewegung sind bereits 1844 mit der Gründung des „Arbeiter-Bildungsvereins“ und durch die Gründung von Lassalles konkurrierenden „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ spürbar. 1869 wurde dann in Eisennach die sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Der ständige Sitz der Partei war, aufgrund der großen Anhängerschaft, von 1871 – 1878 die Hansestadt Hamburg. Allerdings spielten während des Aufstiegs der Arbeiterbewegung lokale Probleme kaum eine Rolle. Die Parteifunktionäre orientierten sich an Zielen, die auf Reichsebene zu verwirklichen waren. Erst ab den 90er Jahren begannen die Sozialdemokraten sich allmählich für Problematiken auf lokaler Ebene zu interessieren, blieben auf kommunalpolitischer Ebene allerdings weitgehend inaktiv.

Durch das eingeschränkte Wahlrecht blieb in allen deutschen Städten, wie auch in Hamburg, die Teilhabe am politischen Leben der Gemeinde einer kleinen Elite von Grundeigentümern und Besitzbürgern vorbehalten. Die Arbeiterklasse war so gut wie überall vom Wahlrecht ausgeschlossen. So wird vielleicht  verständlich warum den städtischen Sanierungsmaßnamen, die in ihren Umfang einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung in der Innenstadt betraf, kaum Widerstand in den politischen Institutionen entgegengesetzt wurde. Das allgemeine Wahlrecht für die Reichstagswahlen galt zwar nach dem Prinzip – ein Mann, eine Stimme – hatte für die Hamburger Verhältnisse zu dieser Zeit aber keine Bedeutung.

Das allgemeine Wahlrecht wurde von Bissmark zuerst für den Norddeutschen Bund und dann für das gesamte Reichsgebiet eingeführt – unter der Annahme, das das Gros der Landbevölkerung konservativ wählen würde. Doch die Wahlbeteiligung der Arbeiterschaft stieg stetig, von 28% im Jahr 1871, auf über 40% (1874) bis auf 69% (1877). 1887 erreichte sie schließlich 80%. Die wachsende Wahlbeteiligung und das sich entwickelte politische Bewusstsein wurde zum Großteil von der Sozialdemokratie aufgefangen.

Die neu entstehende Arbeiterklasse war die Basis für die zunehmende Bedeutung der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Seit 1890 hatte die Partei eine so breite Unterstützung in der Arbeiterschaft, dass sie ohne Unterbrechung die drei Sitze Hamburgs im Reichstag des deutschen Kaiserreiches besetzte. Diese Reichstagswahlen beruhten auf dem allgemeinen Wahlrecht für alle erwachsenen Männer. Die Kommunalwahlen zur Hamburger Bürgerschaft waren allerdings durch ein eingeschränktes Wahlrecht gekennzeichnet. Wahlberechtigt waren nur männliche Personen die die Bürgerschaft erworben hatten und deren Steuern über einen bestimmten Mindestsatz lagen. Als Vorraussetzung musste ein Bürgerschaftsgeld gezahlt werden, in einer Höhe, die für die meisten Arbeiter unerschwinglich war, so dass es im Jahr 1892 bei über 600 000 Einwohnern nur 23 645 Stimmberechtigte gab.

1896 wurde dieses Bürgergeld abgeschafft und stattdessen als Vorraussetzung für das Stimmrecht, ein jährliches Mindesteinkommen von 1200 Mark, welches über einen Zeitraum von 5 Jahren gewährleistet sein musste, festgesetzt. Diese Summe lag bei weitem über dem Durchschnitts-einkommen der meisten Handarbeiter dieser Zeit. Trotz dieser Einschränkung wurde 1901 der erste sozialdemokratische Abgeordnete in die Bürgerschaft gewählt. Im Jahr 1904 kamen noch 12 weitere Abgeordnete hinzu. Auch wenn die Hälfte der insgesamt 160 Sitze von vornerein den Honoratioren und Grundeigentümern vorbehalten war, stellten bereits diese 13 Abgeordneten für den Senat eine bedrohliche Entwicklung dar. Die verschiedenen Fraktionen dieser Körperschaft repräsentierten bis dahin ausschließlich die besitzende Elite der Hansestadt mit ihren unterschiedlichen Interessen. Ein weiterer Punkt war, dass, wäre es der SPD gelungen 40 Sitze in der Bürgerschaft zu erlangen, hätten sie die Möglichkeit gehabt jeden Beschluss dieses Gremiums für den eine 2-Drittel- Mehrheit erforderlich war, zu blockieren. Aus diesem Grund wurde seitens des Senats 1905 eine Revision des Wahlrechtes vorgeschlagen um den Zuwachs sozialdemokratischer Abgeordneter zu verhindern.

Die Sozialdemokratie reagierte mit einer breiten politischen Kampagne gegen diesen „Wahlrechtsraub“ und als im Januar 1906 eine Bürgerschaftsdebatte über das Wahlrechtsgesetz stattfinden sollte, organisierten sie zum gleichen Tag einen großen befristeten Streik und eine Vielzahl von Massen-versammlungen und Demonstrationen. Die Anzahl der teilnehmenden Arbeiter bewegte sich nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 30 000 (Polizei) bis 80 000 („Vorwärts“, die Berliner Zeitung der Sozialdemokratie). Im Zuge der abschließenden Demonstration zum Rathausmarkt kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die im Laufe des Abends eskalierten. Die Polizei ging in unverhältnismäßiger Härte vor, so dass es 2 Tote und eine Vielzahl von Verletzten durch Säbelhiebe und Stiche gab. Während dieser Auseinandersetzungen räumte die Polizei mit gezogenem Säbel und zum Teil zu Pferde den Rathausmarkt, die Rathausstraße und später die Schmiedestraße und den Hamburger Fischmarkt. Daraufhin kam es in den Strassen Schopenstehl und Brandstwiete zu Brandstiftungen und Plünderungen, wobei sich unter den geplünderten Geschäften auch mehrere Juweliere befanden.

Die konservative Hamburger Tagespresse stellten die Ereignisse in einen direkten Zusammenhang mit der russischen Revolution von 1905 und entfesselten eine massive Hetzkampagne gegen die SPD. Diese wiederum tat ihr möglichstes um sich von den Ereignissen zu distanzieren. Im sozialdemokratischen „Hamburger Echo“ wurde vermutet, dass die Polizei indirekt für die Plünderungen verantwortlich sei, da sie ihre Patroullien aus dem „Verbrecherviertel“ um den Schopenstehl zurückgezogen hatte und so dem „Janhagel“ ermöglichte unkontrolliert zu randalieren. Am nächsten Tag wurde ein vollkommenes Versammlungsverbot verhängt und alle Restaurants und Kneipen in den Strassen Schopenstehl, Niedernstraße, Kattrepel, Mohlenhofstraße, Springeltwiete, Altstädter Straße, Fischertwiete und Depenau mussten bis auf weiteres jeden Tag um 15 Uhr schließen. Außerdem wurden alle Personen, die sich wegen Säbelwunden in den Ambulanzen behandeln ließen, verhaftet, so dass schließlich gegen ca. 50 Verhaftete ein Verfahren eröffnet wurde. Viele der Verurteilten waren  Stammgäste der Kneipen um die Niedernstraße, bzw. wohnten in diesem Viertel, welches zu den Gängevierteln der Innenstadt zählte, die bei den Bürgerlichen als Slums und Brutstätten der Kleinkriminalität verschrien waren.

Evans Richard J, 1990, “Tod in Hamburg”, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg


Karte 1915, Sanierungsgebiet ohne Straßennamen


Das Konzept der Citybildung und die Zerstörung der Gängeviertel

„Da darf ich doch wohl fragen, ob andere Städte derartige Sanierungen in ihren Städten durchgemacht haben, wie wir das in Hamburg tun. Keineswegs! Es gibt keine Stadt in Deutschland, die derartige weite, städtische, eng bebaute Gebiete aufgekauft hat, die Häuser herunterreißt und dann neu aufbaut.“

Der Abgeordnete Riege auf einer Beratung über einen Bericht für die Verbesserung der Wohnverhältnisse in Hamburg, 1904 (Quelle: Schubert Dirk, 1993 : 68)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzte durch die prosperierende Dampfschiffahrt seit 1816 und die Unabhängigkeit Nordamerikas ein Handelsaufschwung ein – so wurde mit den USA 1827 ein Handelsabkommen abgeschlossen. Durch die Unabhängigkeit der mittel- und südamerikanischen Kolonien Portugals und Spaniens zwischen 1810 und 1880 ergaben sich auch für Hamburg eine Reihe neuer Handelsbeziehungen und Märkte. Mit einer Vielzahl dieser Länder schloss Hamburg Verträge die den Baumwoll-, Tabak-, Kautschuk-, Kakao-, und Kaffeehandel  betrafen. Exportiert wurden Maschinen, Keramik und Glas, Werkzeuge und Textilien, später dann Auswanderer, wobei sich die Verschiffung der Aussiedler zu  einem der bedeutendsten Geschäftszweige dieser Zeit entwickelte.

Im Verlauf des 19.Jh. emigrierten ca. 5,5 Millionen  Deutsche nach Amerika. Die Höhenpunkte lagen in den 50er und 80er Jahren, als jährlich bis zu einer Viertelmillion Menschen auswanderten. Ab der Jahrhundertwende dominierten die Emigranten aus Russland, Polen und den Balkanländern die den dortigen Wirtschaftskrisen und Progromen zu entkommen suchten. Hamburg war neben Bremen der größte deutsche Auswandererhafen. Von 1871 bis 1876 schifften sich in Hamburg jährlich ca. 40 000 Emigranten ein, darunter 32 000 deutscher Nationalität. Im Zeitraum 1901-1906 war der Strom der Auswanderer auf jährlich ca. 120 000 gestiegen, aus Deutschland kamen noch 17.000 während über 100 000 aus Russland und Österreich-Ungarn kamen. Ein Großteil dieser Massentransporte wurde über die 1847 gegründete „Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“, kurz „Hapag“ abgewickelt. Ein namentlicher Hamburger Konkurrent der Hapag in puncto Auswandererbeförderung war die Reederei Rob. M. Sloman, die sich allerdings Ende der 1870er aus diesem Geschäft zurückzog.  Bis 1892 kamen die Auswanderer hauptsächlich in privaten Logierhäusern unter. Viele Menschen aus Altona, Hamburg und St. Pauli verdienten an den Emigranten durch Vermietung, Verkauf von Lebensmitteln und Reiseutensilien, Geldwechsel und Warentausch. Es gab viele Agenten, sogenannte „Litzer“, die im Auftrag von Bahn- oder Schifffahrtslinien, Logishäusern, Banken etc. viele und oft überteuerte Waren und Dienstleistungen an den Mann brachten, so dass man beim Hamburger Senat vom sogenannten „Litzerunwesen“ sprach, das man auf dem Vorschriftenweg zu bekämpfen versuchte.

Nach dem Ausbruch der Cholera wurden (wahrscheinlich zu Unrecht) Osteuropäer und Russen für das Einschleppen der Seuche verantwortlich gemacht. Die preußischen Grenzen und das Hamburger Stadtgebiet wurden gegen osteuropäische Durchwanderer gesperrt. Nachdem sich das Auswanderergeschäft in den Folgejahren wieder erholt hatte, waren strikte Gesundheitskontrollen an den Grenzbahnhöfen zur deutschen Ostgrenze eingeführt worden. In Hamburg wurden die osteuropäischen Auswanderer in einem Barackenlager auf dem Amerikakai (welches für ca. 1400 Menschen Platz bot) bis zur Abreise zwangskaserniert, während Mitteleuropäer das Logieren in der Stadt freistand. Ab 1900 baute die Hapag auf einem 25 000 ha großem, abgelegenen Areal auf der Veddel eine regelrechte Kleinstadt für die Emigranten. Einerseits versuchte man so den Menschenmassen und der daraus erwachsenen Situation und den hygienischen Notwendigkeiten gerecht zu werden, andererseits monopolisierte die Hapag auf diese Weise ein Großteil des nicht unerheblichen Zusatzgeschäftes, welches den Verkauf von Waren, Lebensmitteln und Dienstleistungen und die Unterbringung betraf. Ab 1921 wurden die Veddeler Hallen für deutsche Auswanderer genutzt, während der nationalsozialistischen Herrschaft quartierte sich dort die SS ein. Durch die Bombardements im 2. Weltkrieg wurde ein Großteil des Areals zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Keller Ulrich, 1981, „Mein Feld ist die Welt“, Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln

Eine der Konsequenzen dieser Entwicklung war eine massiven Wohnungsnot im Bereich der inneren Stadt. Sie wurde nicht nur durch eine Bevölkerungszunahme von 85.000 Menschen im Jahre 1790 auf 130.000 Menschen im Jahre 1806 verursacht, aufgrund des allgemeinen Wohlstand wurden zahlreiche kleine Wohnungen zu wenigen großen vereinigt. Außerdem verwandelte man ganze Wohnhäuser in Zuckersiedereien und Speicher zur Aufnahme der ständig anwachsenden Menge der Handelsgüter. Die Mieten stiegen um das Mehrfache, so dass aus diesem Grunde zahlreiche Familien gezwungen waren mit anderen zusammenzuziehen. Die ständig zunehmende Zahl von Arbeitern und Gehilfen des Handels führte auch in Hamburg zur Herausbildung von Quartieren, sofern diese Gruppen nicht noch von den Kaufleuten und Arbeitgebern untergebracht werden, in denen diese Schichten unter ärmlichsten Verhältnissen wohnten. Die Bebauung der Straßen wurde deshalb immer dichter. Selbst die Twieten – schmale Verbindungswege zwischen zwei Straßen – und Höfe hinter Wohnhäusern wurden bebaut. Enge winklige Gassen und kleine, meist zweistöckige Häuser kennzeichneten die ärmlichen Wohnverhältnisse in diesen Stadtteilen.

Hamburger Brand

Der  Hamburger Brand  1848 bedeutete eine einschneidende Zäsur für die bis dahin mittelalterlich geprägten Struktur Hamburgs. Das Feuer brach in der Nacht vom 4. zum 5. Mai  in der Deichstraße am Nikolaifleet aus und breitete sich von dort nach dem Rödingsmarkt und Hopfenmarkt aus. Am Graskeller und Jungfernstieg gelang es, durch Sprengung ganzer Häuserblocks das Feuer aufzuhalten, so dass die Neustadt weitgehend verschont blieb. Während des Feuers kam es zu nicht unerheblichen Plünderungen und zu Übergriffen gegen sich in der Stadt aufhaltende Engländer, die den Bau der Eisenbahn betrieben und verdächtigt wurden, dass Feuer verursacht zu haben. Der Große Brand verwüstete mehr als ein Viertel des damaligen Stadtgebietes. 50 Menschen waren umgekommen, 120 schwer verletzt. Die Zahl der Obdachlosen wurde auf 20.000 geschätzt, die Zahl der zerstörten Häuser auf etwa 1700 in 41 Straßen, darunter drei Kirchen. Die Hamburger Feuerkasse, welche alle betroffenen Gebäudebesitzer entschädigte, gab an, dass 20% des Gebäudebestands zerstört waren. Der Hamburger Brand sorgt für eine Bevölkerungsexplosion auf dem Hamburger Berg und in Altona, dessen Gebiete das Feuer unbeschadet überstanden hatten.  Über Jahre hinweg war das Stadtbild von den zerstörten Flächen und den darauf errichteten Behelfswohnungen geprägt. Die großflächigen Zerstörungen in der Altstadt gaben Gelegenheit, das innere Stadtgebiet umfassend neu zu gestalten und die Infrastruktur zu modernisieren um den Ansprüchen des Industriezeitalters gerecht zu werden. Die Planungen dazu wurden noch im Mai 1842 unter der Federführung des englischen Ingenieurs William Lindley in Angriff genommen. Eine Voraussetzung des Wiederaufbauplans war die Enteignung der Bauflächen im Brandgebiet, weil die alte teils mittelalterliche Parzellierung der innerstädtischen Grundstücke einer modernen Neustrukturierung im Wege stand. Nach der Katastrophe wurde mit dem Aufbau einer zentrale Wasserversorgung und eines Sielsystems begonnen. 1846 wurde erstmals nachts eine Straße mit Gaslaternen beleuchtet. Maßgeblich beteiligt an der Erneuerung des Stadtbildes war der Architekt Alexis de Chateauneuf, außerdem flossen Vorschläge von Gottfried Semper mit ein. Bereits 1837, 5 Jahre vor dem Brand, waren im großen Stil Landkäufe in Hammerbrock, Uhlenhorst/Rothenbaum von Hamburger Großbürgerlichen, wie dem Senator August Abendroth getätigt worden und boten so beste Voraussetzungen diese Areale zu neuen Stadtentwicklungsgebieten auszuschreiben.

Die durch das Wachstum der Stadtbevölkerung bedingte gesteigerte Wohnungsnachfrage konzentrierte sich in der ersten Hälfte des 19. Jh. auf die Viertel der Innenstadt innerhalb der Stadtmauern. Zusätzlicher Wohnraum wurde geschaffen indem man Häuser aufstockte oder Keller in Wohnraum verwandelte. 1817 befanden sich in Hamburg nur 44% der Wohnungen in den oberen Geschossen von Häusern. 1865 war diese Zahl auf 65% gestiegen, außerdem gab es in der Stadt inzwischen ca. 9000 Etagenwohnungen, eine bis in die 40er Jahre unbekannte Art der Wohnung im Obergeschoss mit einem separaten Eingang im Parterre. Die Zahl der Kellerwohnungen nahm zwischen 1817 und 1866 um 60% zu.

Bereits ab Ende der 50er Jahre stiegen die Mieten erneut rasch an. Die Mieten für kleine Wohnungen in den billigen Gegenden der Altstadt und in den Gängevierteln erhöhten sich von 1855 bis 1870 um ca. 33%. Um die hohen Mieten aufbringen zu können, nahmen die Mieter sogenannte Schlafgänger zur Untermiete auf, in der Regel unverheiratete Männer, die im Hafen Arbeit suchten, so dass in den 90er Jahren fast ein Drittel der Haushalte in der Innenstadt und den umgebenden Vierteln ihren Wohnraum mit Schlafgängern teilten.

In Hamburg betrug die jährliche Wohnungsmiete in der Jahrhundertmitte für Keller, Buden und Sähle durchschnittlich 60-80 Mk., für Wohnungen im Haus 80-100 Mk.. Das Vermieten einer Schlafstelle brachte ca. 45 Mk., wodurch ungefähr die Hälfte der Wohnungsmiete abgedeckt werden konnte. Einen zusätzlichen Verdienst konnten sich die Vermieter verschaffen, indem sie gegen Aufpreis für den Schlafgänger kochten, Wäsche wuschen und Besorgungen erledigten.

Der ökonomische Aufschwung Hamburgs seit dem Zollanschluss (1888) bis zum 1. Weltkrieg, brachte neue Impulse für die städtische Entwicklung mit sich. Aufgrund der ökonomischen Triebkräfte wurde ein nicht unerheblicher Teil der Gesamtstadt neu und monofunktional definiert. So wurde das dichtbesiedelte Wohngebiet um den Brook und den Alten Wandrahm zum Bestandteil des Freihafengebietes der Stadt erklärt und in Folge wurde die alte Bebauung komplett abgerissen und bis 1888 die heute noch existierende Speicherstadt gebaut. Von den rund 24 000 Bewohnern der Brook-Insel, die ihren angestammten Wohnsitz verlassen mussten, siedelten sich 8000 in der Innenstadt an. Der größere Teil zog nach Billwerder-Ausschlag, St. Pauli und nach Hammerbrook.

Von 1842 an wurde nach Plänen des englischen Ingenieurs William Lindley ein Teil des Marschgebiets des Hammerbrooks entwässert und binnen kurzer Zeit entstand so eines der größten Arbeiterviertel Hamburgs: Ein rechtwinkliges System aus Straßen und Kanälen, gesäumt von großen Mietskasernen, deren Höfe nur wenige Meter breit waren. Hier fanden vor allem die Menschen, die nach 1881 der Hafenerweiterung und dem Bau der Speicherstadt weichen mussten, eine neue Unterkunft. Das Proletarierviertel, das zum Ruf des „roten Hamburgs“ beitrug, wurde durch die britischen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg (Operation Gomorrha, 1943) fast vollständig zerstört. An das alte Hammerbrook erinnern heute – angesichts der Entstehung der neuen „City-Süd“ – nur noch wenige Gebäude und die Bezeichnungen der meisten Straßenzüge.

Choleraepedemie

Die unhygienischen Wohnverhältnisse und vor allem das ungefilterte Hamburger Trinkwasser führten 1882 zum Ausbruch der asiatische Cholera.

Vor der  großflächige Brand-Katastrophe von 1842, bei der ein Drittel der Stadt abbrannte, gab es in Hamburg drei verschiedene, private und genossenschaftlich organisierte Versorgungssysteme, die ihr Wasser entweder aus der Alster oder der Elbe bezogen. Parallel zu diesen nebeneinander existierenden und konkurrierenden „Wasserkünsten“ gab es in der Stadt Schöpfbrunnen, Wasserträgerinnen und Wasserwagen. Nach dem Brand wurde nach den Plänen von William Lindley eine öffentliche, zentrale Wasserversorgung errichtet. 1848 nahm die „Stadtwasserkunst“ in Hamburg-Rothenburgsort den Betrieb auf. Geklärtes Elbwasser wurde in Behälter auf den Dachböden der Stadthäuser gepumpt. Erst durch den Bau einer Elbwasser-Filteranlage auf Kaltehofe war es ab 1893 möglich, hygienisch einwandfreies Trinkwasser abzugeben. Vom gleichem Ingenieur wurde 1855 die erste Wasch- und Badeanstalt auf dem europäischen Festland am Schweinemarkt( Steinstraße, Ecke Glockengießerwall) errichtet. Sie bot 32 Waschstände für Kleidung und 32 Badewannen für Männer und 16 für Frauen in jeweils separaten Kabinen. Fließend Wasser war in dieser Zeit eher die Ausnahme. In den alten Stadtvierteln, wie den Gängevierteln, musste das Wasser von einem, für alle Anlieger zur Verfügung stehendem Anschluss im Hof in die Wohnung geholt werden. Toiletten gab es nur als Gemeinschaftseinrichtungen. Früher wurde deren Shit von den Dungsammlern an die umliegenden Bauern verkauft. Mit dem Ausbau der Kanalisation und der Wasserleitungen setzte sich immer mehr das Spülklosett durch, aber noch 1898 waren mindesten 900 Gebäude mit mehr als 2000 Toiletten nicht an die Kanalisation angeschlossen und ließen ihre Abwässer direkt in die Fleete und die Elbe.

Auf dem Altonaer Stadtgebiet kamen nur sehr wenige Cholerafälle vor. In einer solchen Grenzstraße („Am Schulterblatt“) wurden nur die Häuser der Hamburger Seite befallen, während jene des Altonaer Bezirks, die nur durch den Straßendamm getrennt waren, verschont blieben. Dies lag daran das Altona eine gesonderte Wasserversorgung besaß. Während Hamburg Trinkwasser noch unfiltriertes Elbwasser bezog, besaß Altona bereits seit 1859 ein brauchbares Filterwasserwerk, das vor allem deshalb errichtet worden war, weil das Hamburger Stammsiel mit allen Abwässern und Fäkalien oberhalb von Altona in die Elbe mündete.

„Was man außerhalb Hamburgs nicht weiß, ist, daß die Wasser-versorgungsfrage schon seit Jahrzehnten den Gegenstand Jahr um Jahr wiederkehrender Anrufungen an unsere Behörden und Beamten (…)ist und daß, trotz der dringlichsten Mahnungen (…)die Angelegenheit praktisch nicht vom Flecke kommt, auf dem sie vor 20 Jahren stand, als das inzwischen verstorbene Bürgerschaftsmitglied J. F. Martens eine abscheuerregende Probe des von der Stadt gelieferten Trinkwassers in der Bürgerschaft mit den Worten auf den Tisch des Hauses setzte: ,Sehen Sie, meine Herren, das zu trinken mutet der Senat der Bevölkerung zu.‘ Was ist in diesen zwanzig Jahren in Hamburg für die Lieferung eines besseren Trinkwassers an die Consumenten geschehen? (…) Die Bevölkerung hat jetzt tausendfach diese schwere Unterlassungssünde mit dem Liebsten bezahlen müssen, mit dem Leben ihrer Angehörigen!“

„Korrespondenzblatt“, 5. 9. 1892

Das Gängeviertel  um die Niedernstraße war  besonders stark von der Cholera-Epidemie betroffen und wurde später in der Öffentlichkeit als Herd von Unmoral, Schmutz und Krankheit dargestellt. Während der Choleraepedemie, wurden örtlich Gesundheitskommissionen eingesetzt um eine Desinfizierung der Wohneinheiten zu organisieren. In der Altstadt Nord konnten diese Kommissionen hundert Haushalte desinfizieren, mussten bei weiteren 66 Wohnungen allerdings die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Im Gängeviertel, in der Niedernstraße, einem Zentrum des Prostitutionsgewerbes, konnten insgesamt nur 5 Wohnungen ohne die Unterstützung der Polizei desinfiziert werden.

1905 wurde den Teilnehmern eines internationalen Kriminologen-Kongresses, der in Hamburg tagte, die Gänge um die Niedernstraße als eines der sogenannten „Verbrecherviertel“ vorgeführt.  Bereits 1890 war es dort, infolge eines Streikes der Gasarbeiter, der einen großen Teil der Stadt in Dunkelheit legte, zu Krawallen gekommen die fast eine Woche andauerten.

Zehn Wochen wütete die Seuche in Hamburg. Hamburg wurde unter Quarantäne gestellt. Schifffahrt und Handel kamen völlig zum erliegen. Die Bilanz: 16.956 Erkrankungen und 8.605 Todesfälle, der wirtschaftliche Gesamtverlust  wurde mit 430,0 Mio Mk  beziffert. Ein Jahr nach der Epidemie, 1893 wurde das Filterwerk Kaltehofe, das bereits seit 1890 in Planung war, in Betrieb genommen und Hamburg bekam eine Müllverbrennungsanlage. Unter dem Eindruck der Choleraseuche und begleitet von Pressekampagnen, die die Gängeviertel als Seuchenherde bezeichneten, konnte der Senat 1898  gegen den Widerstand der Grundeigentümer das „Wohnungspflegegesetz“ verabschieden, das der Stadt die gesetzliche Handhabe für den Abbruch der Gänge und die Neubebauung gab.

http://www.collasius.org/WINKLE/04-HTML/hhcholera.htm

Hafenarbeiterstreik von 1896/7

Nicht die Erfahrungen der Choleraepidemie, sonder der Hafenarbeiterstreik 1896/7 und der Umstand, dass sich während der Unruhen  zeitweise ein Teil der Gängeviertel von Altstadt bis Neustadt dem Zugriff der Obrigkeit entzogen, führte dazu, dass der Hamburger Senat das Stadtplanungskonzept in Angriff nahm, welches die Sanierung ganzer Wohnviertel beinhaltete. Dieses Konzept sah vor Wohnen und Arbeiten zu trennen. Die Arbeiter sollten nicht mehr in der Innenstadt wohnen und diese sollte repräsentativ, als Geschäfts- und Einkaufsviertel aufgewertet werden. In diesem Areal lebten zu dieser Zeit 50 000 Menschen. Bis 1896 waren große Teile der Innenstadt von den Gängevierteln geprägt, bewohnt von der Arbeiterklasse und vielen Tagelöhnern, die darauf angewiesen waren in der Nähe ihres Arbeitsortes, den Hafen, zu wohnen, da die Arbeit (soweit sie das Be- und Entladen von Schiffen betraf) größtenteils auf der Basis von Gelegenheitsarbeit organisiert war. Die neuen Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen in den 90er Jahren veränderten den Arbeitsmarkt und die soziale Geographie des Hamburger Hafens. So hatte der lange Hafenarbeiterstreik von 1896/7, an dem sich mehr als 16 000 Hafenarbeiter und Seeleute beteiligten – und der eigentlich im Februar 1897 mit einer Niederlage der Streikenden endete, aber später als ein Sieg der Arbeiterbewegung gefeiert wurde – zwar für eine Minderheit der Arbeiter mehr feste Arbeitsplätze zur Folge aber die Arbeitsmöglichkeiten für die vielen Gelegenheitsarbeiter wurden weitgehend reduziert.

Dieser Streik gilt als einer der berühmtesten Konflikte in der Geschichte der Arbeitskämpfe in Deutschland im späten 19.Jh. Kennzeichnend für diesen Streik war, dass weder Sozialdemokraten noch Gewerkschaftler diesen Streik von oben herab organisierten, sondern die Masse der unorganisierten Gelegenheitsarbeiter, die von den Umstrukturierungen im Hafen direkt betroffen waren und überwiegend in den Gängevierteln wohnten. Der Konflikt eskalierte kurz nach dem Ende des Streiks, als Arbeiter im Hafengebiet und in der Neustadt-Süd Streikbrecher angriffen, woraufhin die Polizei im Stil militärischer Konfrontation mit gezogenem Säbel eingriff. Daraufhin lieferten sich mehrere tausend Menschen in den Gängevierteln zwei Tage lang eine erbitterte Straßenschlacht mit den Hamburger Ordnungskräften. In den großen Kämpfen der Hamburger Arbeiterbewegung wurden die Gängeviertel immer wieder zum Schauplatz gewaltsamer, oft tagelanger Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Anwohnern (Steinstraßenunruhen 1890, Schaarmarktkrawalle 1897, Wahlrechtsunruhen und Schopenstehlkrawalle 1906)

Die Reaktion der maßgeblichen politischen Kreise Hamburgs auf den Hafenarbeiterstreik ließ nicht lange auf sich warten. Die Gängeviertel, wurden im Rahmen der einsetzenden Sanierung allerdings nicht schonend saniert, indem man einzelne Häuser wegen dem ungenügenden Lichteinfall abriss und die anderen modernisierte – sondern vollständig abgerissen wobei eine seuchenhygienische Prävention das Hauptargument lieferte, in Wirklichkeit aber innenpolitische Gründe maßgeblich gewesen waren.  Die drei festgelegten Sanierungsgebiete waren die südliche Neustadt, die nördliche Neustadt und die Altstadt. Diese Gebiete umfassten mit ca. 37,9 ha ca. 18% der gesamten Fläche der Innenstadt. Begonnen wurde mit dem Bezirk Neustadt, der häufig überflutet war und während des Hafenarbeiterstreiks 1896 Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen gewesen war. 1906 war das alte Gängeviertel um den alten Fischmarkt und die Niedernstraße aufgrund der Baumaßnahmen bereits sozial und geographisch isoliert.

Ellermeyer Jürgen (Hg.) : 1986, „Stadt und Hafen“, Hans Christians Verlag, Hamburg

Evans Richard J, 1990, “Tod in Hamburg”, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Gröwer, Karin, 1999, , „Wilde Ehen im 19. Jahrhundert“, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Hamburg

Höhns Ulrich (Hg.), 1991, „Das ungebaute Hamburg“, Junius Verlag, Hamburg

Plagemann Volker (Hg), 1984, „Industriekultur im alten Hamburg“, C. H. Beck, München

Schubert Dirk, Hans Harms (Hg.), 1993, „Wohnen am Hafen“, VSA-Verlag, Hamburg

Das Gängeviertel

„Schaute man damals vom Burstah aus in die Richtung  Heiligengeistfeld, so hatte man einen ähnlichen Anblick, wie man ihn heute vor Blankenese hat. Das Land stieg terrassenförmig an und war wegen seiner günstigen Lage, an einem sonnigen Abhang, der aufgehenden Sonne zugekehrt, für Gartenzwecke vorzüglich geeignet. Und diese große Böschung war dann auch ein Gartenviertel der Alt-Hamburger Kaufleute. Vornehme Ziergärten und vor allem Gemüsegärten reihten sich aneinander.(…) War schon vor 1618 manches Gartenhäuschen in eine Notwohnung umgewandelt worden, so stieg die Nachfrage nach bebauungsfähigen Land in den nächsten Jahrzehnten immer gewaltiger. (…) Kein Wunder, dass da auf dem ehemaligen Gartengelände eine lebhafte Bautätigkeit Platz gegriffen hatte, und das die neu erbaute St. Michaeliskirche (1619) gar bald auf ein Meer von Häusern und Häuschen blicken konnte. Denn jedes Fleckchen Erde innerhalb der Festungswälle war begehrter Besitz geworden. Und so schossen an den bisherigen Gartenstraßen die hohen Etagenhäuser mit den dichtgelagerten vielen Fenstern in den Fachwerkwänden nur so aus dem Boden, aber auch die kleineren Etagenhäuser der Gewerbetreibenden reihten sich dicht an dicht, und an alle diese Vorderhäuser, gleichhin ob groß oder klein, schlossen sich überall Hinterhäuser an und machten den alten Gärten bald völlig den Garaus. Was wusste man damals von weitschauenden Bebauungsplänen, was von staatlicher Baupflegekommission! Und so blieben nicht nur die Straßen, wie sie organisch mit den einzelnen Geländeterrassen verwachsen waren und wie wir sie in diesem Stadtgebiet bis auf den heutigen Tag noch finden: schief, krumm  und herabholpernd, jeder Unebenheit des Bodens sich anpassend, es entstanden vielmehr damals überhaupt die „Gängeviertel“ Hamburgs, jene Labyrinthe menschlicher Behausungen bei St. Jacobi und St. Michaelis“

„Vom Gartengelände zum Gängeviertel“, Waldemar Schultz, Hamburger Correspondent Nr. 1, 01.01.1928

„Die Gebäude dieses Stadtviertels sind zum größten Teil Fachwerkgebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die teilweise mit massiven Frontwänden versehen worden sind, deren innerer Bau jedoch die typischen engen Verhältnisse des Hamburger Kleinbürgerhauses jener Perioden zeigt. Wohnhäuser mit reicherer Ausstattung als Zeugen vergangener besserer Zeiten sind kaum anzutreffen, da das Hamburger Patriziat seine alten Wohnsitze mehr in der Altstadt und am Hafen hatte. Die Höfe zeigen eine weitgehende Ueberbauung durch Hinterhäuser in Form der in Hamburg üblichen Buden und Sähle. Alle Gebäude des Gängeviertels leiden in besonderem Maß Mangel an Licht und Luft, da auch die Straßen, wie schon ihr Name Gang andeutet, besonders eng, zum Teil gar nicht befahrbar sind“

Quelle: Hamburger Correspondent Nr.1 1.1.1928,   „Das Hamburger Gängeviertel – Ein sozialer Fremdkörper in der Millionenstadt“  „Ein fragwürdiges Wohnquartier“ von Oberbaurat Peters

Schon 1865 stimmten Physikus Dr. Gernet und Dr. H. Asher die bürgerliche Öffentlichkeit mit ihren Schriften auf eine Sanierungspolitik auf den Grundlagen vermeintlicher sozialhygienischer Prämissen ein, die zuerst auf eine „Durchbrechung des Viertels“ mit großangelegten Straßen setzte.

„Fast ohne jede Ausnahme sind alle Zugänge zu den Quartier mit Bordellen in großer Anzahl besetzt, ja vom Ebräergang und Schulgang, durch Kugelsort, den Brettergang bis zum Ausgang des Rademachergangs, somit quer durch das ganze Gängeviertel zieht sich eine fast ununterbrochene Reihe von Bordellen.“

„Die Durchbrechung des Gängeviertels“ Ein Gutachten von Physikus Dr. Gernet, 1865, Hamburg, Verlag von Hermann Grüning, Seite 4

„ Zunächst hat das gedrängte Zusammenwohnen – es gibt Häuser in denen 25 Familien, Sähle, auf welchen 10 Familien, immer nur durch eine Bretterwand getrennt, beisammenwohnen, zur Folge, dass alles und jedes Schamgefühl schon von frühester Jugend an in den Menschen erstickt wird; Incest ist nichts unerhörtes und jedes Kind sieht es im Vorübergehen mit an, wie ehrlose Dirnen ihr Gewerbe am hellem Tage und auf offener Gasse betreiben. Wo der Mensch in dieser Weise von Jugend an jedes Schamerröthen verlernt, wo er an den täglichen Anblick viehischer Begierden und der widerlichsten Völlerei in den stets offenen Branntweinschenken gewöhnt wird, wo sind da noch die Tugenden zu erwarten, welche der Staat in seinen Bürgern zu erziehen suchen muß (…) Eine fernere Folge dieser unsittlichen Verhältnisse sind die zahllosen wilden Ehen, deren nachteiligen Folgen sich dann wieder nicht bloß im sittlichen, sondern auch im bürgerlichen Leben zeigen. Die Kinder aus solchen Ehen werden häufig nicht getauft, entziehen sich dann umso leichter aller späteren Aufsicht durch die Schule und endlich auch ihren Verpflichtungen gegen den Staat.“

„Das Gängeviertel und eine Möglichkeit dasselbe zu durchbrechen“ von Dr. H. Asher, 1865, Hamburg, Verlag von Hermann Grüning, Seite 6

Im gleichen Jahr in dem die Publikationen aus denen die Zitate stammen, veröffentlicht wurden – 1865 – wurden mit einer längst überfälligen Gesetzesreform die Eheschließung sowie das Betreiben eines selbstständigen Gewerbes von dem Erwerb des Bürgerrechts befreit. Vormals waren die Möglichkeiten der Eheschließungen für die einfache hamburgische Bevölkerung stark eingeschränkt. Seit 1813 mussten sie, anstatt einen Taler für die Schutzverwandtschaft zu zahlen, als Vorraussetzung das Kleinbürgerrecht erwerben, dem seit 1805 eine gründliche Untersuchung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse vorgeschaltet war. Der Antragsteller musste das 22 Lebensjahr vollendet haben, durfte der Polizei nicht negativ aufgefallen sein und musste Mitglied des hamburgerischen Bürgermilitärs sein oder vom denselbigen Dienst befreit, bzw. freigekauft sein. Dies bedeutete für den Betreffenden den Kauf einer Uniform und eines Gewehrs, sowie das Ableisten von Exerzierübungen, die sich mit Kosten in Höhe von mindestens 75 Mk. Crt. niederschlugen. Zusätzlich musste ein Bürgergeld in Höhe von 40 Mk. Crt gezahlt werden. Für den Erwerb des Kleinbürgerrechtes als Vorraussetzung für die Heirat waren also insgesamt über 100 Mk. Crt. zu entrichten. Diese Kosten waren für die ärmere Bevölkerung Hamburgs kaum aufzubringen. Die durchschnittlichen jährlichen Lebenserhaltungskosten für einen einfachen Arbeiter lagen zwischen 320-360 Mk. Crt.. Der Jahreslohn eines Maurer oder Zimmermannes lag zwischen 430-450 Mk. Crt., der eines Straßenbauarbeiters zwischen 230-280 Mk. Crt. Aufgrunddessen wichen viele Heiratswillige in die Vorstädte aus, wo sie weiterhin problemlos die Schutzbürgerschaft erwerben konnten um dann heiraten zu können. – oder sie lebten in sogenannten wilden Ehen zusammen. Die wilden Ehen waren in den städtischen Unterschichten der damaligen Zeiten weit verbreitet und akzeptiert. Die obrigkeitlichen Beschränkungen und die ökonomischen Zwänge wurden nicht einfach hingenommen, sondern führten in Hamburg über den Zeitraum mehrerer Generationen hinweg, trotz Strafandrohung und evtl. Strafverfolgung (Hebammen und Ärzte hatten beispielsweise eine Anzeigepflicht bei unehelichen Geburten), zu der Herausbildung dieser gemeinschaftlichen Lebenspraxis. So verlor für die einfache Bevölkerung der bürgerlich-kirchliche Akt der Eheschließung die absolute und konstituierende Bedeutung für das Familienleben, die Obrigkeit und Kirche auch in den unteren Schichten verankert wissen wollten.

Gröwer, Karin, 1999,  „Wilde Ehen im 19. Jahrhundert“, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Hamburg

Bereits vor 1900 wurde die Wexstraße(1866), benannt nach den Brüdern Wex, die durch einen großangelegten Immobilienaufkauf den Bau dieser Straße ermöglichten, durch das ursprüngliche Viertel getrieben. Der Aufteilung des Gängeviertels durch den Bau der Wexstraße folgte Ende der 80er Jahre der Durchbruch Admiralitätsstraße – Fuhlentwiete und bald darauf die Anlegung des Straßenzuges Stadthausbrücke – Kaiser-Wilhelm-Straße. (1888) Nach der Choleraepedemie von 1892 und dem fünf Jahre späteren großen Hafenarbeiterstreik beschloss der Hamburger Senat eine rigorose Abbruch-Sanierung. Zuerst wurden die Hafen-Gängeviertel der Neustadt Süd dem Erdboden gleichgemacht. Dies umfasste das Gebiet um die St. Michaelis-Kirche und den Niederhafen (Kraienkamp, Schaarmarkt, Eichholz, Hafentor) Die Altstadt-Ost mit der Lilienstraße, Messberg und dem Schweinemarkt, musste ab 1908 dem Bau der Mönckebergstraße und den Kontorhausbauten weichen. Für den Bau der Mönckebergstraße kaufte der Hamburger Senat 178 Grundstücke im Gesamtwert von 29 Millionen Mark auf. Insgesamt 7950 Bewohner der alten Gänge mussten umgesiedelt werden.

Quelle: Hamburger Fremdenblatt, Sonderbeilage, 318 AB, S.9,  15.11.1924

Da wo heute das Chilehaus den vorbeifahrenden Touristen als architektonische Meisterleistung präsentiert wird, war früher dichtbesiedeltes Wohngebiet. Viele der Bewohner wurden in die neu entstehenden Mietskasernenviertel umgesiedelt während sich ein Teil des spezifischen Milieus in die letzten Gängeviertel der nördlichen Neustadt zwischen Valentinskamp und Großneumarkt und nach St. Pauli verlagerte. Unter der Regie von Fritz Schuhmacher (seit 1909 Leiter des Hochbauwesens, seit 1923 Oberbaudirektor) entstanden in den Jahren 1924-1929 um das ältere Hamburg herum ein Gürtel funktionaler Großsiedlungen um Klinkerbaustil wie die Jarrestadt (1929) und die Dulsberg-Siedlung (1930). Die Wohneinheiten, größtenteils Zwei- und Dreizimmerwohnungen waren hell weil es keine engen Höfe mehr gab, hatten alle Küche und Bad, waren gut zu durchlüften und lagen allesamt in Grünanlagen.

Das Chilehaus wurde 1923/4 vom Architekten Fritz Höger erbaut.  Der Bauherr war der Hamburger Reeder Slohmann, der u.a. durch den Salpeterhandel mit Chile (zu militärischen Zwecken) zu Reichtum gekommen war.

Neben dem größtenteils passiven und manchmal gewalttätig aufflammenden Widerstand der betroffenen Bevölkerung gegen diese Sanierungspolitik, gab es auch im bürgerlichen Lager kritische Stimmen, dessen bekanntester Vertreter wohl Alfred Lichtwark(1852 – 1914) war,  der die Niederlegung der Gängeviertel als einen schweren Fehler anprangerte. Erbittert prägte er das Wort von der „Freien und Abrißstadt Hamburg“. Er schrieb 1912:

„Wohl keine Kulturstadt der Welt hat je eine solche Selbstzerstörungslust entwickelt wie Hamburg. Hamburg hätte die Stadt der Renaissance sein können, des Barocks und des Rokoko – doch all diese Schätze wurden stets begeistert dem Kommerz geopfert. An die Stelle barocker Wohnhäuser wurden neubarocke Kontorblocks getürmt und noch immer ist jeder Neubau ein Schlag ins Gesicht der Stadt.“

(Zitat aus: Eckart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg. Hamburg 1981, S. 52.)

Alfred Lichtwark,  langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle, war auch Namensgeber der 1920 eröffneten Lichtwarkschule, die 1924 in das von Fritz Schuhmacher erbaute Schulgebäude einzog. In der Weimarer Republik galt diese Schule als eine weit über die Stadtgrenze Hamburgs hinaus bekannte Reformschule und hat in jenen Jahren ganz wesentliche Impulse und Wirkungen für Schulreformen in Berlin und Umgebung erzeugt. Während die anderen Reform- und Versuchsschulen alle Volksschulen waren, war die Lichtwarkschule eine Schule des höheren Schulwesens. Das war eine Ausnahmeerscheinung. Insgesamt zählt die schulgeschichtliche Forschung für das gesamte Deutsche Reich in der Weimarer Zeit nur fünf solcher Institutionen. Die Einrichtung wurde 1937 von den Nationalsozialisten aufgelöst und nach Ende des Krieges nicht wiederbelebt. Das Gebäude wird seitdem von der Heinrich-Hertz -Schule genutzt.

1910 kam Paul Bröcker* zum Thema Gängeviertel in einer Artikelserie über die Städtebauaustellung in Berlin, in welcher er „ das in siedlungs-künstlerischer Hinsicht so interessante Gebiet zwischen Alster, Steinweg und Valentinskamp mit den modernen Mietskasernenvierteln in Barmbek, Uhlenhorst, Rothenburgsort, usw.“ vergleicht, zu einer ganz anderen Einschätzung als der Hamburger Senat und die Baudeputation. So stellt er, u.a. durch einen Rückgriff auf das vom Medizinalkollegium bei Leopold Voß in Hamburg erschienene Buch „Die Gesundheitsverhältnisse Hamburgs im 19. Jahrhundert“ fest, dass die Bevölkerung der Gängeviertel  in puncto Einkommensverhältnisse, Geburten- und Sterbezahlen und der Säuglingssterblichkeit, weitaus besser gestellt war als die der modernen Mietskasernen mit ihren breiten Straßen und übersichtlichen Hinterhöfen.

*Quelle: „Das Hamburger Gängeviertel in sozialhygienischer Beziehung“ Hamburger Fremdenblatt, Nr.193, Seite 7, 19.8.1910

Vom Cholerajahr 1892 (582.566; 1900=705.738) hatte sich die Einwohnerzahl Hamburgs innerhalb von 21 Jahren bis 1913 auf 1.030.933 fast verdoppelt. Die Abnahme der Wohnbevölkerung im Stadtzentrum und die  Zunahme „tertiärer Nutzungen“ wurde bereits damals in der zeitgenössischen Literatur vor dem 1. Weltkrieg als „Citybildung“ bezeichnet. Die Wohnbevölkerung innerhalb der City ging von 170.875 (1880) auf 139.221 (1900) und 91.084 (1913) zurück, das entspricht einem Rückgang um fast die Hälfte. Für die in den neuen Mietskasernen einquartierten Arbeiter betrugen die Entfernungen zum Arbeitsplatz im Hafen von Eimsbüttel 6 km, Barmbek 10 km und Hammerbrook 5 km. Entfernungen, die zwei Mal am Tag zurückgelegt werden mussten. In den drei Stadtteilen wohnten allein ca. 26.000 Hafenarbeiter. Für die Masse der unständigen Hafen- und Gelegenheitsarbeiter war es ein grundlegendes Bedürfnis in einem zum Hafen zentral gelegenen Wohnviertel Unterkunft zu finden. Hafenarbeit war im 19.Jh. noch weitgehend Gelegenheitsarbeit, längere Perioden der Arbeitslosigkeit gehörten wegen der kurzfristigen Arbeitsverhältnisse und der Überfüllung des Arbeitsmarktes zum Alltag der Beschäftigten. Sie waren deshalb darauf angewiesen die Arbeitsvermittlungsstellen so schnell und häufig wie möglich erreichen zu können, ohne dabei die teuren (seit 1866) öffentlichen Verkehrsmittel benutzen zu müssen.

Bis zum ersten Weltkrieg erfolgten im Sanierungsgebiet der nördlichen Altstadt keine Maßnahmen. Während des Zeitraumes der Weimarer Republik wurde das Sanierungsprojekt Gängeviertel/Neustadt nicht weiter verfolgt. Mit der Weltwirtschaftskrise wurde der Spielraum der öffentlichen Finanzen stark eingeschränkt und die Finanzdeputation sah sich außerstande, Grundstücksankäufe in größerem Umfange zu tätigen.

Nach 1933 erhielt die Diskussion um Stadtsanierung neben den bisherigen wohnungs-reformerischen Argumenten eine neue ideologische bevölkerungs- und sozialpolitische Bedeutung und Aktualität. Die rasche Inangriffnahme des Sanierungsprojekts Neustadt/Gängeviertel durch die Nationalsozialisten hatte vor allem auch politische Gründe. 1930 hatte der Chef der Hamburger Ordnungspolizei die damalige Situation im Viertel wie folgt dargestellt:

„Die wirkliche Beherrschung des Gängeviertels durch die Polizei verlangt einen so hohen Einsatz von Kräften, wie er auf die Dauer nicht gestellt werden kann. Es liegt auf der Hand, daß das Gängeviertel bei seiner heutigen Gestalt …zu einer außerordentlich ernsten Gefahr für die Sicherheit des Staates und der gesamten Bevölkerung wird, wenn es dort zu wirklichem, bewaffnetem Aufruhr kommt.“

(zitiert nach Grüttner M., „Soziale Hygiene und soziale Kontrolle. Die Sanierung des Hamburger Gängeviertels“ in Herzig A. „Arbeiter in Hamburg“ S. 359)

Bezeichnenderweise wurde als Kommissar für die Sanierung dieses Gebietes, welches einen hohen Anteile an kommunistischen Wählergruppen hatte, der Polizeisenator Hamburgs eingesetzt, der die Aufgabe mit großer Energie anfasste.  Bauträger der Sanierungsmaßnahme waren der Bauverein zu Hamburg, die Deutsche Schiffszimmerergenossenschaft, die Gemeinnützige Baugenossenschaft deutscher Arbeiter sowie die Baugenossenschaft Sorbenstraße.

„Schon seit Jahren hat man über die Sanierung des Gängeviertels beraten, ohne daß man praktisch diese für die Gesundheit und die öffentliche Sicherheit so wichtige Maßnahme in Angriff genommen hat.(…) Betroffen werden von dieser Sanierung etwa 12 000 Personen. (…) Wirtschaftliche Entwicklung im Zusammenhang mit politischen Einflüssen haben dann dieses Gängeviertel auch zur Hochburg des Kommunismus gemacht, der an sich ja bei uns erst eine Erscheinung der Nachkriegszeit ist. Wir wissen, daß in den mannigfachen Unruhe-Perioden des letzten Jahrzehnts gerade dieses Viertel zu beiden Seiten der Wexstraße das Operationsgebiet der aufruhrschürenden Moskauer Sendboten gewesen ist, die in großen Teilen der Bevölkerung auf ein williges Ohr trafen, da sich in dieses Wohnviertel im Laufe der Zeit mehr und mehr auch die sozial am schlechtesten gestellten Bevölkerungsschichten mit Rücksicht auf die Billigkeit der Wohnungen zurückgezogen hatten.“(…) Der Ausschnitt (des Stadtplans) zeigt deutlich das feinädrige Gewirr der ganz regellos angelegten Gänge und Höfe, in denen die Polizei ein ganz besonders schwieriges Gelände hatte. Bezeichnend für den eigenartigen Charakter ist, daß die Polizei bei ihrer Arbeit auf diesem Felde weniger von den Maschinengewehren Gebrauch machte, für die es an den Voraussetzungen des Schußfeldes fehlte, als von der unblutigsten Waffe des Polizeieinsatzes, dem Scheinwerfer, der mit seiner Blendwirkung jeden bewegungsunfähig macht, der in sein Lichtfeld tritt.“

Hamburger Fremdenblatt  „Das Hamburger Gängeviertel verschwindet“ 25.04.1933

Die räumliche Situation der dichten Bebauung und der engen Gassen ist heute nur noch bei den Krameramtsstuben, ein 1676/77 gebauter Witwenstift, zu erfahren. Ein vollkommen überlaufener Touristenanziehungspunkt in direkter Nähe zur Michaeliskirche und ansatzweise bei den letzten Häuserzeilen des Gängeviertels, die man nicht abgerissen hat, weil sich dort das Elternhaus und die Geburtsstätte des bekannten Komponisten Johannes Brahms befindet. Als Projekt der Stiftung Denkmalpflege wurden die dortigen Fachwerkhäuser im Bäckerbreitergang, von 1980 bis 1984 restauriert. Die Reste dieses Quartiers zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Bäckerbreitergang sollten, in Kombination mit mehreren Neubauten, für 35 Millionen Euro nach dem Vorbild der Hackeschen Höfe, der Touristenattraktionen Berlins, aufwendig saniert und restauriert werden. Durch die Wirtschaftskrise verzögerten sich diese Pläne und sind inzwischen auf Eis gelegt. Ende 2009 wurde das Areal von der Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“ besetzt, die dort seitdem Ausstellungen, Konzerte, etc. organisieren und die dort ein Mischkonzept von Wohnen, Ateliers und Veranstaltungsorten realisieren wollen. Die Stadt Hamburg duldet die Besetzung und scheint an einer Vertragslösung mit der Initiative interessiert zu sein.

Interessante Historische Kriminalromane in Bezug auf Hamburgs Bau- und Zeitgeschichte sind die des Kunst- und Bauhistorikers Boris Meyn (Der Tote im Fleet, Der eiserne Wal, die rote Stadt und Der blaue Tod /rororo – Taschenbuch), die im Zeitraum 1840 – 1884 spielen und fundiertes historisches Wissen in die Romanhandlung mit einfließen lassen. Sowie die historischen Romane von Ronald Gutberlet alias Virginia Doyle, bzw. alias Robert Brack. Eine St. Pauli-Trilogie (Die rote Katze,  Der gestreifte Affe und Die schwarze Schlange / Heyne), die in dem Zeitraum 1890 – 1940 angelegt ist.

„Wie in anderen deutschen Ländern hat auch in Hamburg die nationalistische Staatsführung für einen Teil der in Schutzhaft genommenen politischen Gegnern, deren Vorleben, Stellung oder Haltung nach dem Umschwung sie irgendwie als bedrohlich erscheinen ließ, ein sogenanntes Konzentrationslager eingerichtet. Man hat sie aus dem unmittelbaren Bereich der Gefangenenanstalten herausgenommen und in einem – der Name ist wohl richtiger und läßt keine solchen, aus den berüchtigten Konzentrationslagern unserer Gegner im Weltkrieg hergeleiteten Vorstellungen aufkommen – Arbeitslager untergebracht. Es befindet sich in Wittmoor, nur etwa drei Viertelstunden entfernt von der Hochbahn-Endstation Langenhorn und dem bekannten Ausflugsziel Ochsenzoll. (…) Der Besucher des Konzentrationslagers Wittmoor ist überrascht, wenn er plötzlich am Lagereingang steht, den er sich ganz anders vorgestellt hat.Ein einfacher Drahtzaun, wie er auch sonst Grundstücke abgrenzt, dahinter in einem weiten Hof eine alte „Brikettfabrik“. Das ganze im schimmernden Grün des ländlichen Frühlings, links und rechts davon saubere Wohnhäuser der Bevölkerung, dahinter weite Torfflächen, übersponnen mit Heide, durchzogen von grünen Knicks. Ein in der Frühlingssonne doppelt freundlicher Fleck Erde. (…) Anfang April dieses Jahres wurde das Konzentrationslager eingerichtet. Die ersten 20 Schutzhäftlinge räumten den Schutt beiseite, der in dem verfallenen Gebäude meterhoch lag, zogen Wände und Decken, tischlerten, mauerten und richteten die alte Fabrik für eine Belegschaft von 100 Häftlingen (später 250) und das Bewachungs-kommando her. Unter Führung von Zugwachtmeister Ziefemer wird zielbewußt gearbeitet. Ihm zur Seite stehen 5 Polizeibeamte und 36 SA-Männer als Hilfspolizisten. (…) Es handelt sich fast durchweg um Kommunisten, nur ein geringer Teil sind Sozialdemokraten; sie haben sich alle hochverräterischer Umtriebe, oft in Verbindung mit Schießereien und unbefugten Waffenbesitz schuldig gemacht.(…) es muß stramm gearbeitet werden 6 Uhr morgens wird geweckt, dann heißt es sich waschen und Betten und Zimmer in Ordnung bringen. Von 7 bis 8 Uhr ist Frühstückspause. Dann geht es hinaus ins Moor zum Torfstechen, und in dem Gefühl produktive Arbeit zu leisten, liegt der größte erzieherische Wert des Lagers, der zugleich auch ein gesundheitlicher ist.“

Hamburger Fremdenblatt „Im Konzentrationslager Wittmoor“ 26.05.1933

11
Feb
10

Das Prostitutionsgewerbe in Hamburg

Mamsellenhäuser, Freudenhäuser und Bordelle – Alte Prostitutionsquartiere Hamburgs und St. Paulis

Bis zum 16 Jh. war die Prostitution seitens der Obrigkeit geduldet, vor allem in großen Handels-städten wie Hamburg mit seinem florierenden Hafen und Seehandel. Allerdings waren die Prostituierten stark stigmatisiert und wie aus dem  Hamburger Stadtrecht von 1292 hervorgeht, einem strengem Reglement von Strafen unterworfen.

„Nach dem alten Hamburger Stadtrecht von 1292 wurden die Verurteilten beim Kaak (der Richtplatz fürs Stäupen, Brandmarken und ähnliche Strafen) zwei Steine um den Hals gehängt, mit welchem belastet sie vom Frohn und seinen Knechten mit Hörnerblasen durch die Straßen und zur Stadt hinaus geführt wurden. Diese strenge Strafe wiederholt noch das Stadtrecht von 1497.  Ein solches in Lübeck aufbewahrtes Paar Schandsteine wiegt mit der eisernen Kette, an der sie hängen, zirka 25kg; es wurde so um den Hals gelegt, dass der eine Stein auf der Brust, der andere tief auf dem Rücken hing. In einigen Städten waren Stacheln daran befestigt. Oft waren die Steine noch besonders geformt oder trugen darauf eingehauene Figuren, z.B. mit Anspielung auf das veranlassende Vergehen: einen Weiberkopf mit ausgestreckter Zunge unter einem Maulkorb.“

(Zitat aus: Buhr Emmy, 1920, Seite 11)

1428 soll die Stadt acht offizielle Frauenhäuser besessen haben, u.a. auf dem Kattrepel und auf der Neustraße und für den Zeitraum 1461-1528 existieren Dokumente für amtlich verzeichnete Frauenwirte in Hamburg. Vor der Einführung der Reformation und auch später soll es in bestimmten Zeiten üblich gewesen sein die Frauen, die als Prostituierte arbeiteten mit Trommeln und Fahnen aus allen Gegenden der Stadt, wo sie sich aufhielten, zusammen zu treiben und ihnen bestimmte Gassen zuzuweisen. Dazu gehörte ebenda die Neustraße, welche von der Straße Kohlhöfen in die Neustädter Fuhlentwiete ging und mitten im Gängeviertel lag, da sie von den belebtesten Gassen und Kirchen zu dieser Zeit weit genug entfernt war. Außerdem war dort das Hochgericht mit dem Hinrichtungsplatz verortet. Auch die Bugenhagensche Kirchenordnung von 1529 erwähnt die Neustraße als Wohnort für Prostituierte. Das Gebiet der Neustadt wurde erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den neuen Wallring einbezogen und ab dann zu einem Stadtteil Hamburgs.

Im 17. Jh. wurde dann aber im Zuge der Reformation und der aufkommenden Syphilis die Prostitution in ganz Deutschland rigoros bekämpft. Im Jahr 1666 wurde in Hamburg am Alstertor gegenüber dem Zuchthaus ein Spinnhaus erbaut in welchen die Frauen, die der Prostitution beschuldigt wurden, anstelle der Stadt verwiesen zu werden, im Spinnhaus arbeiten mussten. 1725 wurde das Spinnhaus erweitert und ein Flügel angebaut. Im Jahr 1732 wurde seitens des Prätoren der Hamburger Sittenpolizei ein Mandat erlassen, das als Strafe für erstmals aufgegriffene Prostituierte vorsah, sie 8-14 Tage bei Wasser und Brot im alten Turm einzusperren. Bei wiederholtem Aufgreifen wurde die Strafzeit verlängert, zusätzlich wurden sie am Hamburger Pferdemarkt am sogenannten Schandpfahl an ein Hals-Eisen gekettet und mussten dort mit einem an die Brust befestigtem Namensschild eine Stunde stehen. Dann wurden sie für den Zeitraum von 10 Jahren aus der Stadt gewiesen.

Die Verfolgung der Prostituierten nach der Reformation und während der grassierenden Syphilis hatten bewirkt das sich die heimliche Prostitution in ganz Europa weiter ausbreitete und im 18.Jh. einen Höhepunkt erreichte. Mit den Dekreten der Pariser Polizeibehörden im Jahr 1765 begann sich eine Wende in der herrschenden Haltung gegenüber der Prostitution abzuzeichnen. Die Prostituierten mussten sich polizeilich registrieren und ärztlich untersuchen lassen, wurden aber in der Ausübung ihres Gewerbes wieder geduldet. Seit 1807, bedingt durch die französische Besatzungszeit, wurde auch in Hamburg die Prostitution wieder offiziell geduldet

Während der französischen Revolution bis zum Ende des 18.Jh., kamen viele französische Emigranten nach Hamburg und brachten neben nicht unbeträchtlichen Geldmitteln, ihre am Hof gebräuchliche libertinen Auffassungen mit ins Land. Daraus resultierte eine wahrnehmbare Zunahme der Anzahl und des Ansehens von „Freudenhäusern“ der gehobenen Klasse. Bereits im Jahr 1805 gibt es eine Vielzahl „tolerierter Freudenhäuser“, „Mamsellenhäuser“, im Volksmund genannt, die sich vom Millerntor (Altonaer Thor), An den Hütten, Dragonerstall, an dem Wall hin, über den Kamp, durch den Konzerthof über die Drehbahn, durch die Neue- und ABC-Straße hinziehen. Die Prostituierten warten an den Fenstern oder Türen auf Kundschaft. Die bessergestellten unter ihnen verfügen über ein Vorzimmer, in der Regel im 2. Stock des Hauses. Eine weniger privilegierte Klasse von „Mamsellen“ soll in den kleineren Häusern der bereits genannten Straßen und in anderen Gassen der Neu- und Altstadt gelebt haben. Sie waren häufig bei Handwerkern, Kleinhökern, Teekrämern und Wäscherinnen einquartiert. Viele Frauen die sich in den Schlafstätten der Säle, Buden und Keller der Gängeviertel einquartiert hatten, gingen der Prostitution in der Nähe der Speise- und Kaffeehäuser und auf der Straße nach. Außerdem gab es in der zwischen Hamburg und Altona liegenden Vorstadt eine Anzahl von Bordellen, wo die Frauen durch ihre selbstbewusste, aggressive Art der Werbung bekannt waren.

„Die Bewohner sind größtenteils Schiffer, Handwerker und eine Menge Schenk- und Bordellwirte. Hier in den letzteren der Venus cloacaria gewidmeten Häusern, findet besonders der rohe Matrose die höchsten Freuden des mühevollen Lebens im Branntwein, beim Tanz und in den Umarmungen feiler Nymphen der niedrigsten Klasse, welche ihn oftmals, wenn er in Gesellschaft seiner jauchzenden Brüder aus einem der vielen Brauhäuser Altonas taumelnd und lallend zurückkehrt, auf einmal um den Lohn vieler mühsam durchgearbeiteten Monate bringen. Diese Häuser, welche durch die, in den immer geöffneten Thüren fast halb entkleidet stehenden Damen mit ziegelroth geschminkten Gesichtern, und durch die abscheuliche Musik schon ganz zerfiedelter Geigen, die Vorübergehenden einladen, stehen besonders zur Herbstzeit in ihrem höchsten Glanze, alsdann der Matrose abgelohnt wird.“

(Meyer, Hamburg und Altona. Hamburg, 1836: S. 438 )

Laut dem Autor Pierre Dofour waren die Bordelle in der Schwiegerstraße die feinsten Etablissements der Stadt, gefolgt von denen in der kleinen und großen Drehbahn, dem Dammtorwall, der Ulricusstraße, den Hütten und dem Pilatuspool, während die „am tiefsten stehenden“ sich in den Gängevierteln, wie im Langen Gang, Specksgang, Kugelsort und neun weiteren Gassen befanden.

„Zunächst einige Worte über die Schwiegerstraße. (…) Beim Eintritt in dasselbe führt eine Haushälterin die Gäste aus dem Vorplatz in die parterreliegenden Versammlungssäle, in denen man gewöhnlich gegen 14 Mädchen beisammen findet, zum Teil mit Musizieren oder Lesen beschäftigt. Die der Prostitution geweihten Zimmer liegen in den Stockwerken. Man findet daselbst Mahagonimöbel von Rang und Größe, und feine Draperien. Alles zeigt Reinlichkeit und Eleganz. Die Toiletten der Mädchen sind elegant, teilweise selbst kostbar, der Schnitt der Kleidung ist verhältnismäßig anständig. Die Mehrzahl besteht aus früheren Putzmacherinnen, Ladenmädchen etc, doch findet man hier nicht selten auch gefallene Töchter anständiger Familien. (…) Wenn sie ausgehen wollen, so muß das bei Tage geschehen, da die Wirtin Abendpromenaden nicht gestattet. Abend wird gewöhnlich ein Teil der Mädchen unter Aufsicht der Wirtin, oder einer von derselben Angestellten, nach dem Apollosaal und den beiden Theatern geführt von wo sie den Bordellen neue Kunden zuführen. Mit dem Bordell ist eine Wirtschaft verknüpft. (…) Die Wirtin verlangt, dass die Mädchen lustig sind und beim Trinken tüchtig Bescheid thun. Sie sind gezwungen, ihre ganze Einnahme abzuliefern; jedoch erhalten sie bei gutem Verdienst ein Taschengeld. Ueber die Preise für Wohnung, Essen, Kleidung etc werden die Mädchen niemals klar, da sie nie eine detaillierte Rechnung erhalten. Demnach bleiben sie, ihr Verdienst sei, wie es wolle, stets der Wirtin verschuldet.“

Zitat aus: Dofour Pierre, 1995 : 84/85)

Auch die Frauen der anderen Etablissements in der Region um den Dammtorwall sollen regelmäßig die Theater, den Apollosaal und die Tanzsäle in St. Pauli, die „Neue Dröge“ und das „Joachimsthal“ besucht haben. Ein weiterer Chronist dieser Zeit erwähnt drei öffentliche Tanzsäle, die nicht nur von Bürgerlichen, sondern auch von Prostituierten frequentiert wurden: der Tanzsaal von Dorgerloh, das Lokal von Peter Ahrens und die „Bacchus-Halle“ von Hanssen.

„Wir besuchten an einem Sonntage den dorgerlohschen Saal. Hier fanden wir wohl an die tausend Personen, worunter wenigstens dreihundert Freuden-Mädchen waren. (…)Wir bemerkten verschiedene junge Burschen von 12 – 16 Jahren, wovon einige noch schüchtern und andere schon beherzter die Aufmunterungen der Mädchen erwiderten; mehrere sahen wir nach geendigten Tanze mit den Dirnen den Saal verlassen. Was uns aber am meisten empörte, war der Anblick mehrerer Mütter aus dem Mittelstande, die im Kreise ihrer zum Theil unerwachsenen, zum Theil schon mannbaren Töchter hier saßen, dem Tanze mit Vergnügen zusahen und es sogar zuweilen erlaubten, dass diese sich mit den Freudenmädchen in einer Colonne zum Walzen stellen durften!“

(Zitat aus: Pabel Reinhold, 1996 : 207/8)

Zwischen 1806-1814 führten die Franzosen, um die Gesundheit ihrer Truppen zu gewährleisten, eine mit Frankreich vergleichbare Reglementierung der Prostitution ein. Wegen der ansteigenden Zahl von geschlechtskranken französischen Soldaten, wurde die alle acht Tage stattfindende ärztliche Untersuchung eingeführt. Der mit der Prostituiertenuntersuchung beauftragte sogenannte „Ratschirurg“, war zu dieser Zeit kein akademisch ausgebildeter Mediziner, sondern gehörte der Zunft der Barbiere und Wundärzte an. Diese Verordnungen wurden nach dem Abzug der französischen Truppen beibehalten, aber legerer gehandhabt. 1833 gab es in Hamburg bereits 113 Bordelle mit 569 Freudenmädchen, was 1834 zu einem Senatserlass mit reglementierenden Vorschriften führte, in denen ab sofort von den Bordellwirten eine Konzession verlangt wurde und die Prostituierten in ihren persönlichen Freiheiten erheblich eingeschränkt wurden. (z.b. das Verbot des Zutritts des 1. und 2. Ranges des Stadttheaters) Außerdem wurden die Frauen in ihrer Tätigkeit in drei verschiedene Klassen eingeteilt, nach denen sich die Höhe der Abgaben richtete, die sie an die Stadt zu zahlen hatten.

In der Zeit in der die Prostitution förmlich nicht anerkannt war, hat es dementsprechend auch keine regelmäßige amtsärztliche Untersuchungen der Frauen gegeben. Allerdings beauftragten die Bordellwirte bis zum Beginn des19.Jh. Privatärzte mit der periodischen Untersuchung der Dirnen. An diese Art der Selbsthilfe knüpfte die Amtsverordnung von 1807 an, die die Bordellwirte verpflichtete die Frauen auf ihren Gesundheitszustand untersuchen zu lassen. Im Jahr 1850 gingen die polizeiärztlichen Funktionen des „Ratschirurgen“ auf einen Vollarzt über. Die ärztlichen Untersuchungen wurden damals erschwert durch den Lichtmangel vieler Prostituiertenwohnungen. Auch in den Bordellen soll kaum genügend Beleuchtung vorhanden gewesen sein und in vielen Lokalen mussten die Fenster verhängt werden, damit die Nachbarschaft nicht am Geschäft teilnahm. Außerdem waren die Wege zwischen der Vielzahl der Bordelle und den Wohnungen der Prostituierten in der Alt-und Neustadt für den Amtsarzt sehr zeitraubend. Von der Einrichtung zentraler Untersuchungslokale sah man aufgrund der hohen Zahl der zu untersuchenden Frauen und der daraus möglichen resultierenden Reaktion der Öffentlichkeit, ab. So der oberste Polizeiherr:

“ Welchen Anstoß für das Publicum würde es geben, ganze Schwärme von Mädchen zu solchem Zweck über die Gassen in dazu eigens acquirierte Locale ziehen zu sehen. Die Möglichkeit, daß es einzelnen Localen der Wirthe oder Mädchen an der zur Untersuchung nöthigen Helle mangeln möchte, kann eine solche Maßregel nicht rechtfertigen. „

(Zitat, Urban Alfred, 1927: 69)

Im Zeitraum 1846 bis 1876 waren die zahlreichen Bordelle in der Alt- und Neustadt nicht auf wenige Straßen zusammengedrängt, sondern über das ganze Stadtgebiet verteilt. Einige Straßen allerdings fielen durch die Konzentration von Bordellwirtschaften aus diesem Muster heraus. So der Dammthorwall (1846 mit 16 Bordellen in denen 40 Prostituierte lebten, zu 30 Bordelle mit 98 Frauen im Jahr 1871), der Dovenfleth (1846 mit 8 Bordellen und 25 Frauen, zu 12 Wirtschaften mit 45 Prostituierten im Jahr 1871), die Klefekerstraße (1846 – 5 Bordelle mit 15 Frauen, zu 15 Bordelle im Jahr 1871 mit 81 Frauen), die Schwiegerstraße (9 Bordelle mit 32 Prostituierten zu 14 Bordelle mit 35 Frauen in den gleichen Jahren) und die Gänge Rademachergang (5 Bordelle mit 14 Frauen zu 8 Bordelle mit 57 Frauen) und Specksgang (3 Bordelle mit 10 Frauen zu  17 Bordellen mit 81 Frauen).

Buhr Emmy, 1920, „1000 Jahre Hamburger Dirnentum“,  Elbe-Verlag Hamburg

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Dofour Pierre, 1995,  „Die Weltgeschichte der Prostitution“, Reprint, Band 2, , Eichborn Verlag, Frankfurt am Main

Kahmann Jürgen, Hubert Lanzerath, 1981 , „Weibliche Prostitution in Hamburg“, Kriminalistik Verlag, Heidelberg

Pabel Reinhold : 1996, „Hamburger Kulturkarussell“, Wachholtz Verlag, Neumünster

Plagemann Volker (Hg), 1984, „Industriekultur im alten Hamburg“, C. H. Beck, München

Schubert Dirk, Hans Harms (Hg.), 1993, „Wohnen am Hafen“, VSA-Verlag, Hamburg

Schuster Beate, 1995, „Die freien Frauen – Dirnen und Frauenhäuser im 15. und 16. Jh.“, Campus Verlag, Frankfurt, New York

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Bordellwirte und Verschickefrauen

Schon früh haben in Hamburg sogenannte „Verschickefrauen“ als Kupplerinnen und Wohnungsvermittlerinnen für Prostituierte eine Rolle gespielt. Sie hatten neben den Bordellwirten im Rahmen der behördlichen Kontrollmaßnahmen eine wichtige Funktion. Sie hatten die Aufsicht über den geregelten Austausch der „öffentlichen Mädchen“ zwischen den Hamburger Bordellen. Nach einer Verfügung des Hamburger Patronats hatte der Wechsel einer Frau in ein anderes Bordell ausschließlich über die Vermittlungsinstanz der Verschickefrauen stattzufinden. Diese Frauen waren sittenpolizeilich kontrolliert und zugelassen. 1859 setzte die Polizeibehörde eine bis 1876 gültige „Taxe der Verschickefrauen“ fest. Der direkte Austausch und das Abwerben von Prostituierten direkt zwischen den Bordellwirten war behördlicherseits unerwünscht.

„Die Besorgung von öffentlichen Mädchen für die einzelnen Bordelle wird durch vom Staate tolerierte Kupplerinnen vermittelt, an die sich die Wirthe deßhalb wenden. Conveniren ihnen die von der Kupplerin proponirten Dirnen, so werden sie erst ärztlich untersucht, und nach erlangten Gesundheitsschein auf der Polizei dem Wirthe zugeschrieben, der dann verpflichtet ist, etwaige Schulden des Mädchens zu tilgen.“

Zitat (Urban Alfred, 1927: 32)

Die Situation der registrierten Prostituierten war durch eine massive persönliche und materielle Abhängigkeit vom Bordellwirt gekennzeichnet und die Festschreibung des sozialen Stigmata durch die Sittenpolizei machte es den Frauen schwer ins „normale“ Leben zurückzukehren. Die Bordellwirte, zumindestens die erfolgreichen unter ihnen, waren ihres Berufes weit weniger stigmatisiert als die Prostituierten, denen sie ihr Einkommen verdankten. Sie sollen in weiten Kreisen gesellschaftlich akzeptiert gewesen sein, waren Mitglieder von Bürgervereinigungen und Casinos, zeigten sich im Theater und luden zu aufwendigen Feierlichkeiten in ihren eigenen Etablissements ein. Es gab unter den Bordellwirten nicht nur Männer, sondern auch Frauen. So wurden in einer Liste aus dem Jahr 1841 13 Wirte und 7 Wirtinnen aufgeführt. Die Bordellwirte konnten, behördlich genehmigt, für die Gewährung von Kost und Logis, die Hälfte der Einnahmen der Frauen berechnen. Die andere Hälfte der Einnahmen diente „zur Abtragung der Schuld und Behütung anderer Kosten“. So lieferte der Wirt den Frauen die Kleider ohne dafür eine detaillierte Rechnung aufzusetzen und notierte statt dessen die Totalsumme der monatlichen Gesamtschulden, wenn die Einnahmen der Prostituierten anstiegen, erhöhte man dementsprechend proportional die für sie aufgewendeten Ausgaben, indem teurere Stoffe, Kleider und Toilettenartikel angeschafft wurden, so dass es den Frauen selten gelang sich schuldenfrei zu arbeiten. Die gewöhnliche Schuldenlast einer registrierten Prostituierten, beispielsweise in einem Bordell in St. Pauli, belief, sich auf eine Summe von 2-300 Mark, die aber bis zu einer Höhe von 1000 Mark ansteigen konnte. Die Polizei hatte zu dieser Zeit ein klares Interesse an dem Bestand der sittenpolizeilich kontrollierten Bordelle und der dort betriebenen Schuldenwirtschaft, da sich so die Kontrollmöglichkeiten über die Frauen ausweiten ließen und sie so die heimliche Prostitution einzudämmen versuchte.

Zum Vergleich: 1848 ging der Hamburger Senat davon aus, dass die Lebenserhaltungskosten eines alleinstehenden Arbeiters „geringerer Classe“, etwa fünf bis sieben Mark in der Woche betrugen. In der Jahrhundertmitte sollen zwischen 2 Drittel und 3 Viertel der Erwerbstätigen in Hamburg weniger als 500 Mark im Jahr verdient haben.

Eine Möglichkeit sich den Zwängen der registrierten Prostitution zu entziehen, war die Flucht aus dem Bordell. So soll es allein im Jahr 1858   28 Frauen gelungen sein ihr Bordell  heimlich zu verlassen. Eine weitere Möglichkeit aus dem System auszusteigen stellte die Heirat dar. Der heiratswillige Mann musste mit 75 bis maximal 150 Mark die betreffende Frau aus dem Bordell auslösen um ihre Schuldenlast zu tilgen. Erst unter dieser Vorraussetzung gestatten die Hamburger Behörden die Heirat.

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg


Reglementierte und  heimliche Prostitution

Die sich heimlich prostituierenden Frauen besaßen gegenüber den Eingeschriebenen einen größeren individuellen Spielraum, wenn sich auch das mit dieser Form der Prostitution herausbildende Zuhälterwesen oft zu einer neuen Form der Unterdrückung entwickelte. Laut Polizeibehörde waren im Jahr 1875 fünf, im Jahr 1891 bereits 53 Männer wegen des Verdachts der Zuhälterei verhaftet worden. Im Jahr 1896 waren der Kriminalpolizei 404 Männer als Zuhälter aktenmäßig erfasst.

Für Frauen von außerhalb, die nach Hamburg zuzogen, gab es in der ersten Hälfte des 19.Jh. vor allem im Dienstleistungsbereich der Hausarbeit Anstellungsmöglichkeiten. 1867 arbeiteten im Durchschnitt von 100 beschäftigten Frauen 53 im häuslichen Dienst, aber bereits 33 im Gewerbe und in der Industrie. Frauen, die in Hamburg heimisch waren, fanden in der Regel bessere Arbeit als eine Anstellung als unterprivilegiertes und schlechtbezahltes Dienstmädchen, so dass die bürgerlichen Haushalte gemeinhin Frauen vom Land in ihren Dienst nahmen, da sie allgemein niedrigere Ansprüche hatten. Eine ähnliche Tendenz zeichnete sich bei den in Hamburg registrierten Prostituierten ab. Nur wenige Hamburger Frauen waren bereit sich den derartigen Zwangsverhältnissen der Reglementierung zu unterwerfen, so dass ein Großteil der kasernierten Frauen von außerhalb von Hamburg kamen. Sie sollen um 1840 vor allem aus dem Königreich Hannover, aus Preußen, Holstein, Mecklenburg und dem Herzogtum Braunschweig gekommen sein.

Bis zur Mitte des 19.Jh. nahm die Zahl der Prostituierten kontinuierlich zu: 1833 gab es in Hamburg 113 Bordelle mit 569 Freudenmädchen, 1863 waren es 180 mit insgesamt 1047 Prostituierten. Erschwert wurde die sittenpolizeiliche Kontrolle durch den häufigen Adresswechsel der Prostituierten. In Hamburg wurden jedes Jahr über tausend Adressänderungen registriert. Im Jahr 1863 waren dies 1646, drei Jahre später 1294. Also zog in diesem Zeitraum jede offiziell registrierte Prostituierte im Durchschnitt im Jahr zweimal um. Zudem meldeten sich viele Prostituierte ab, weil sie eine andere Arbeit aufnahmen. Im Jahr 1862 wurden in Hamburg 610 neue Prostituierte ins Register eingeschrieben und 573 Frauen wurden gestrichen.  Auch die heimliche Prostitution wuchs im gleichen Maße und stieg ab 1890 erheblich an. Nach einer Schätzung der Hamburger Polizei von 1895 betrug die Zahl der Frauen, die heimlich der Prostitution nachgingen ca. 3000- 4000. Zur gleichen Zeit waren ca. 1000 Frauen registriert.

Um die enorme Anzahl von Bordellen und Prostituierten in der Vergangenheit Hamburgs verstehen zu können, muss man sich vergegenwärtigen, dass infolge der Zuwanderung die Innenstadt Hamburgs mit den damals noch existierenden Gängevierteln und der Altstadt dicht bewohnt war. Die Bevölkerung Hamburgs, zusammen mit seinen Vorstädten, verdoppelte sich zwischen 1806 und 1860 von rund 100 000 auf fast 200 000 Einwohner. Eine Tendenz, die sich in der 2. Hälfte des 19. Jh. noch weitaus stärker fortsetzen sollte. Im Jahr 1867 wohnten noch 59,4% der hamburgischen Bevölkerung, 155734 Personen, in der Alt- und Neustadt. Der Hamburger Hafen mit seinem enormen Schiffs- und Transportaufkommen an Menschen und Waren war direkt in das Stadtgeschehen eingebunden und bot bis ins letzte Jahrhundert eine Vielzahl von Menschen Arbeitsmöglichkeiten, außerdem war Hamburg neben Bremen die Drehscheibe für die Ströme von Auswanderern nach Amerika.

Urban schätzte die Zahl der heimlichen Prostitution im Jahr 1868 auf 1690 Frauen, was 1,2% der damaligen weiblichen Stadtbevölkerung entsprochen haben soll. Ab ca. 1869 ging die Polizei zu Zwangseinschreibungen über, während früher die freiwillige Meldung der Frauen zur Registrierung über das System der Bordellwirtschaft als Kontrollmaßnahme genügte. Immer mehr Frauen, die der Prostitution nachgingen, scheinen sich als Näherinnen, Putzfrauen, Schneiderinnen, Friseusen, etc. bei den Behörden angemeldet zu haben, um ein freies Leben führen zu können, so dass die Polizei dazu überging Sittenzeugnisse aus dem Heimatort der Frauen anzufordern. Ab 1870 wurde die einmonatliche, ärztliche Zwangsuntersuchung auf ehemals registrierte Frauen, deren Eintrag als getilgt galt und Frauen, die andernorts unter sittenpolizeilicher Kontrolle gestanden hatten, ausgedehnt. Im Jahr 1871 waren konzessionierte Bordelle in über 66 Straßen der inneren Stadt verbreitet, die durchwegs von normalen Wohnhäusern umgeben waren. Den registrierten Prostituierten in den Bordellen war es verboten sich nach 23 Uhr abends ohne männliche Begleitung außerhalb ihrer Wohnung aufzuhalten. Außerdem war ihnen das Betreten bestimmter Straßen, insbesondere die in der Umgebung der Binnenalster liegenden, ganz oder zu bestimmten Zeiten verboten. Am häufigen Ausgehen wurden sie vom Bordellwirt gehindert, dessen Erlaubnis, so vorschriftsmäßig festgelegt, sie vor jedem Ausgang einzuholen hatten.

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Plagemann Volker (Hg), 1984, „Industriekultur im alten Hamburg“, C. H. Beck, München

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Das Hamburger Reglement über die „erleichterte“ sittenpolizeiliche Aufsicht aus dem Jahr 1909

„§2.  Die der erleichterten sittenpolizeilichen Aufsicht unterstellten Frauenzimmer haben sich sofort nach Stellung unter Polizeiaufsicht durch den Polizeioberarzt oder dessen Stellvertreter und demnächst nach näherer Anordnung durch die Polizeibehörde regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen zu unterwerfen.

§3.  Zu allen Untersuchungen haben sie nüchtern, in reinlichen Kleidern und mit reingewaschenem Körper zu erscheinen.

§4.  Falls der Arzt Krankenhausbehandlung verfügt, sind sie gehalten, sie der Überführung in das von der Behörde bestimmte Krankenhaus zu fügen (…) Während des Krankenhausaufenthaltes haben sie den Anordnungen der Ärzte und Beamten der Anstalt, sowie den Anordnungen des Pflegepersonals Folge zu leisten, sich ruhig und gesittet zu benehmen  und die Vorschriften der Hausordnung zu beachten. Das Mitbringen, die Annahme und der Gebrauch von Blumen, Büchern, Eßwaren, Getränken und von Tabak ist ohne Genehmigung des Arztes verboten.

§6.  Sie haben sich im Bureau der Sittenpolizei, wenn sie Hamburg dauernd oder vorübergehend verlassen wollen, vor 11 Uhr vormittags persönlich abzumelden. Die Rückkehr nach Hamburg ist binnen 24 Stunden persönlich auf dem Bureau der Sittenpolizei zu melden.

§7.  Dem zur Besichtigung ihrer Wohnung erscheinenden Polizeibeamten haben sie sofort Einlaß zu gewähren.

§10. Es ist ihnen verboten,
(1)in einem Hause zu wohnen, das die Polizeibehörde als für sie zur Wohnung ungeeignet bezeichnet, in einem anderen Hause als in ihrer Wohnung zu übernachten, mit Männern zu verkehren oder sich obdachlos herumzutreiben;
(4)in dem von ihnen bewohnten oder in einem anderen Hause sich am Fenster oder an der Haustür zu zeigen oder durch Anklopfen, Anrufen oder auf andere Weise zu versuchen, Männer anzulocken;
(7)sich von 11 Uhr abends bis 6 Uhr morgens an einem anderen Orte als in ihrer Wohnung aufzuhalten,
(8)die Straßen und Plätze: Alter Jungfernstieg, Neuer Jungfernstieg, Alsterdamm, Neuer Wall, Alter Wall, Reesendamm, Rathausmarkt, Burstah, Adolphsplatz, Große Johannisstr., Mönckebergstr., Steindamm, Reeperbahn, Spielbudenplatz, Dammthorstr., Harvestehuder Weg, an der schönen Aussicht, Schwanenwick, an der Alster und die Wallanlagen zu betreten;
(9)das Stadt-, Thaliatheater und das Deutsche Schauspielhaus, das Hansatheater, im Carl-Schultze-Theater und Hamburger Operettentheater die Fremdenlogen, Parkettlogen und Sperrsitze, im Neuen Operetten Theater die im ersten Rang befindlichen Plätze, die Museen, den Zoologischen und Botanischen Garten, das Velodrom, bei Rennen andere Plätze als zweite Tribüne und Fußgängerplatz, in den Zirkussen die logen, Balkons und Sperrsitze, die Veranstaltungen des allgemeinen Alsterclubs, insbesondere die Regatten, die öffentlichen Konzerte und Tanzlokale (außer dem Neustädterstr. 25 und Mohlenhofstr. 10 gelegenen) zu besuchen;
(11)in offenem Wagen zu fahren;
(12)in hiesigen Badeanstalten andere als für einzelne Badende eingerichtete Kabinette, namentlich die Schwimmbassins, zu benutzen;

§12.  Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschriften werden auf Grund §361 Z.6 und §362 StGB mit Haft bis zu 6 Wochen und Überweisung an die Landespolizeibehörde behufs Unterbringung in ein Arbeitshaus bis zu 2 Jahren bestraft.“


Mädchenhandel – Kampagnen und Wirklichkeit

Wenn man den Umstand berücksichtigt, das nur wenige heimische Frauen bereit waren sich der Reglementierungspraxis der Sittenpolizei zu unterwerfen, ist es anzunehmen, dass das Hamburger Bordellsystem den Frauenhandel begünstigte, der laut Polizei- und Presseberichten, ab der 2. Hälfte des 19. Jh. vor allem mit Frauen aus Polen und Österreich-Ungarn einen beträchtlichen Umfang annahm. Die Duldung des Frauenhandels war sozusagen für den Bestand der konzessionierten Bordelle notwendig, wenn man nicht der privatwirtschaftlichen und individuell- heimlichen Prostitution das Feld überlassen wollte. In den 90er Jahren des 19.Jh. stieg die Kuppelei und der damit verbundene Menschenhandel, vor allem mit Ausländerinnen aus Böhmen und Ungarn, an. Im Mai 1894 befanden sich 231 Frauen aus Österreich-Ungarn in Hamburger Bordellen und Hamburg soll darüber hinaus auch als Drehscheibe für den Mädchenhandel fungiert haben. Aufgrund dieser Verhältnisse wandte der österreich-ungarische Generalkonsul sich an die Polizeibehörde, die daraufhin viele seiner Landsfrauen, die in den Hamburger Bordellen arbeiteten, ausweisen lassen musste. 1876 waren 92 Bordellfrauen ausländischer Herkunft, 1992 bereits 357. 1896, dem Jahr der massenhaften Ausweisung, nur noch fünf.

Ein nicht unbedeutender Prozentsatz der Frauen, die auf fingierte Heiratsversprechen hereinfielen, stammte aus der jüdischen Population Osteuropas. Dies hatte neben der dortigen Massenarmut seine Gründe in den ostjüdischen Ehegesetzen, die nicht vorsahen eine religiöse Trauung standesamtlich bestätigen zu lassen. Eine Heirat galt als vollzogen, wenn das Paar vor mindestens 2 Zeugen die Ehe einging. Ein Heiratsschwindler konnte davon ausgehen, das ein so geschlossener Ehevertrag im Ausland nicht rechtskräftig war. In den heimatlichen Dorfgemeinden war die so geschlossene Ehe umso verbindlicher. Im Falle einer Trennung durfte die Frau nur dann ein weiteres Mal heiraten, wenn ihr vorheriger Mann einen Scheidungsbrief unterzeichnete oder wenn es eine verbürgte Bestätigung für seinen Tod gab. Viele Frauen, die sich in so einer Notlage befunden hatten, sollen gefälschte Scheidungsbriefe angeboten worden sein. Diese Umstände schufen ein ideales Rekrutierungsfeld von Frauen, die dann – einmal in Abhängigkeit gebracht – den Nachschub für die einschlägigen Etablissements in den westeuropäischen Großstädten lieferten.

„Die ungeheure Ausdehnung des Mädchenhandels ist erst erkannt worden, nachdem auf Anregung Englands in den meisten Kulturstaaten Komitees zur Bekämpfung desgleichen gegründet worden sind. Wie im Viehhandel spricht man beim Mädchenhandel von üblichen Preisnotierungen und Zutreibergebühren. Es gibt sogar besondere telegraphische Verständigungen, wie fünf Faß feurigen Ungarwein, oder vier Ballen französische Seide, womit jedes Mal lebendiges Menschenmaterial gemeint ist. Für Deutschland ist der Preis im Binnenverkehr für schon prostituiert Gewesene M20 bis M 25. Die Grenzkommission in Beuthen hat festgestellt, dass alljährlich Tausende von Mädchen aus Russland und Polen verschickt werden, für die bis zu 1000 Rubel bezahlt werden. (…) Besonders Gegenden in denen Not und Dummheit herrschen, werden von den Händlern, die meist ein sehr vornehmes Auftreten haben, heimgesucht. Sie werben entweder für einen Freund in Südamerika oder lassen sich sogar selbst mit den Mädchen treuen. (…).  Die Liste des internationalen Kommitees zählt jetzt 1500 Namen von Mädchenhändlern, unter denen eine sehr scharfe Konkurrenz besteht. Sogar Frauen sind an diesem Handel beteiligt. Die Summen die die Händler verdienen sind sehr bedeutend. So wurde in Chikago ein Ehepaar mit 20 Mädchen abgefasst, das auf eine Kaution von M 106 000 freigelassen wurde und diese Kaution ruhig im Stich ließ, weil es im Jahre 1907, wie die Bücher auswiesen M 410 8000 verdient hatte und im ersten Vierteljahr 1908 allein M164 000“

Hamburger Echo, Nr.283, 3.12.1911, „Die Sanierung der Altstadt und der Mädchenhandel“

Auch August Bebel, einer der damaligen Wortführer der Sozialdemokratie nutzte dieses Thema und die Umstände des Hamburger Bordellsystems, um im Reichstag gegen den politischen Gegner zu polemisieren.

„Deutschland genießt mit den traurigen Ruhm, Frauenmarkt für die halbe Welt zu sein.(…) Der Weg, den diese Mädchen nehmen, läßt sich ganz genau verfolgen. Von Hamburg werden dieselben nach Südamerika verschifft, Bahia, Rio de Janeiro erhält seine Quote, der größte Teil aber ist für Montevideo und Buenos Aires bestimmt, während ein kleiner Rest durch die Magellanstraße bis Valparaiso geht. Ein anderer Strom wird über England oder direkt nach Nordamerika dirigiert, kann aber hier nur schwer mit dem einheimischen Produkt konkurrieren, er verteilt sich daher den Mississippi hinab bis nach New Orleans und Texas oder gen Westen nach Kalifornien. Von dort wird die Küste bis Panama hinunter versorgt, während Kuba, Westindien und Mexiko ihren Bedarf von New Orleans beziehen.“

August Bebel – „Die Frau und der Sozialismus“ – 62. Auflage, Berlin/DDR, 1973, S. 207-242. Zwölftes Kapitel,  „Die Prostitution – eine notwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt“      http://www.mlwerke.de/beb/beaa/beaa_207.htm


Die Kampagnen gegen den internationalen Mädchenhandel – im englischsprachigen Raum mit dem Schlagwort „white slavery“ belegt – wurde von vielen Frauenverbänden und der Sittlichkeitsbewegung initiiert und getragen. Diese Protestbewegung war durchzogen von einem religiösen Fundamentalismus, der seine wesentliche Aufgabe in einem Kampf gegen die Lockerung der Sexualmoral und der prosperierenden Vergnügungsindustrie sah. Die neu entstandene Vergnügungskultur gehörte zu den Feindbildern der Sittlichkeitsbewegung, mit der zeittypischen Polemik gegen die Varietes, Kinos, Kneipen und Kabaretts ging die Botschaft einher, dass junge Frauen, die alleine in die Stadt zogen dem Risiko des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt waren, solange sie nicht mehr oder noch nicht unter dem Schutz des Vaters oder Ehemanns standen.

Auslösendes Element dieser Debatte waren Reportagen von englischen und amerikanischen Journalisten wie William Thomas Stead. Dieser veröffentlichte 1885 eine Reportagenserie mit dem Titel „The Maiden Tribute of Modern Babylon“ in der Londoner „Pall Mall Gazette“, nachdem er im Auftrag eines Sittlichkeitsvereins Hinweisen auf systematischen Kindesmissbrauch nachgehen sollte. Josephine Butler, eine bekannte englische Frauenrechtlerin, stellte für den Journalisten den Kontakt zu einer ehemaligen Prostituierten her, die ihrerseits Stead mit einer der Hauptprotagonistinnen der 1885 publizierten Skandalgeschichte bekannt machte – der 13-jährigen Eliza Armstrong. Als Freier getarnt machte er mehrere Bordelle ausfindig, die auf die kommerzielle Defloration spezialisiert waren, die ein weitverzweigtes ökonomisches Netzwerk – vom bestochenen Polizisten, bis hin zur zahlenden Kundschaft, die sich zum Teil aus adeligen und großbürgerlichen Kreisen zusammensetze – offenbarte. Infolge des Skandals, die diese im Stil von „true crime-stories“ verfassten Artikeln auslösten, kam es im Londoner Hyde Park zu einer riesigen Protestkundgebung an der sich ca. 250 000 Menschen beteiligt haben sollen. Sittlichkeitsverbände nutzten die Stimmung der aufgebrachten Öffentlichkeit um Music-Halls, Theater, Buchläden und die Kneipenkultur zu attackieren. Aufgrund dieses öffentlichen Druckes verabschiedete das englische Parlament noch im gleichen Jahr den „Criminal Law Amendent Act“ der die Mündigkeit für Mädchen von 13 auf 16 Jahren heraufsetzte. Außerdem wurden bei dieser Gelegenheit homosexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe gestellt.

William Steads Recherchen zu folge waren die meisten Londoner Mädchen damit einverstanden sich gegen Geld entjungfern zu lassen. Seine Reportagen stellen aber in erster Linie die Fälle in den Mittelpunkt, in denen Zwang angewendet wurde, es also zu Vergewaltigungen gekommen war. Sein Text beschäftigt sich detailliert mit der damit zusammenhängenden sadistischen Inszenierung und befriedigt so nicht nur die Sensationslust seiner Leserschaft, sondern weist zum Teil pornographische Züge auf. Das Thema „White Slavery“ war nicht nur Zielscheibe sittlicher Empörung, sondern auch Gegenstand der Massenunterhaltung und bediente das Interesse des Publikums an „Sex & Crime“ und verschaffte ihm sonst tabuisierte Einblicke in die Subkultur der Prostitution und einem ganzen Spektrum von Sexualpraktiken

Das Thema Mädchenhandel eignete sich aufgrund seiner Skandalisierung bestens als Kinostoff und entwickelte sich zu einem regelrechten Subgenre. Die Geschichte des unbescholtenen Landmädchens, welches in der Großstadt auf einen unmenschlichen Zuhälter hereinfällt und von diesem in die Prostitution gezwungen wird, wurde erstmals 1907 mit dem dänischen Film „Den hvide Slavinde“ des Regisseurs Viggo Larsen einem größeren Publikum unterbreitet. Der Film war außerordentlich erfolgreich und begründete (neben den Filmproduktionen mit Asta Nielsen) den Ruf Dänemarks als liberale Kulturnation. Bis 1914 sollen in Dänemark ca. 50 weitere Filme des gleichen Sujets produziert worden sein. Hauptabnehmer dieser Serienproduktion waren die Kinos in Deutschland. Für einen noch größeren kommerziellen Erfolg und dementsprechenden Folgeproduktionen sorgte der 1913 produzierte Film „A Traffic in Souls“ von David W. Griffith in den USA. In deutschen Studios wurde nach dem Ende des 1. Weltkrieges eine Reihe ähnlicher Filme produziert von denen die bekanntesten „Die weiße Sklavin“ und „Das Schweigen der Großstadt“ gewesen sein dürften.

Aus der englischen Sittlichkeitsbewegung heraus entwickelten sich Initiativen um gegen den Mädchenhandel und gegen die Prostitution im allgemeinen auf internationalen Ebene vorgehen zu können. Zu ihren Leitfiguren gehörten neben William Stead, die Frauenrechtlerin Josephine Butler und der Schriftführer der „National Vigilance Association“ William Cote, der später Steads Privatsekretär wurde. Coote unternahm 1899 eine europäische Rundreise um die „First International Conference against White Slavery“ vorzubereiten. Infolge dieser Initiative entstand in Deutschland eine Initiativgruppe aus der das „Deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels“ hervorging. Den Vorsitz übernahm der evangelische Pfarrer Johannes Burckhardt, der bereits 1894 die erste Bahnhofsmission in Berlin gegründet hatte, die im Zuge des Aktionismus der Sittlichkeitsbewegung bald in jeder größeren Stadt zu finden waren. (Neben den evangelischen und katholischen Bahnhofsmissionen gab es auch eine ähnlich orientierte jüdische Bahnhofshilfe, die 1909 in 20 deutschen Bahnhöfen und Häfen präsent war) Die Gremien und Vorstände dieser Vereine konstituierten sich zum großen Teil aus dem protestantischen Bildungsbürgertum und gewannen zunehmend an Einfluss.

1905 auf dem 4. Deutschlandkongress waren 32 Verbände vertreten, auf der nachfolgenden Konferenz, zwei Jahre später, waren es bereits 55 Verbände. 1903 wurde eine „Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels“ eingerichtet, die dem Berliner Polizeipräsidium angegliedert war. Zu ihr gehörten 15 Kriminalbeamte und 1 Wachtmeister. Auf die erste internationale Konferenz folgte die zweite 1902 in Paris, auf der bereits Regierungsvertreter aus 15 europäischen Ländern und Brasilien teilnahmen. Sie entwarfen ein Übereinkommen um gesetzgeberische und verwaltungstechnische Maßnahmen auf internationaler Ebene aufeinander abstimmen zu können. Das daraus resultierende Abkommen trat 1904 in Kraft.

Es gab zu dieser Zeit auch Vertreterinnen eines anderen Feminismus, wie den der militanten Suffragette Teresa Billington-Graig. Für sie stufte das in den Medien verbreitete White-Slavery-Script die Frauen zu geistig minderbemittelten Mitleidswesen herab. Billington-Graig machte es sich zur Aufgabe die Pressemeldungen über die Schicksale vermisster Mädchen, sowie die vielen Vermisstenanzeigen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Diese wurden u.a. von der „National Vigilance Asociation“ als Beweis für die Existenz internationaler Mädchenhändlerringe angeführt und lieferte genug Stoff um die Emotionalisierung der Debatte weiterbetreiben zu können. Im Rahmen ihrer Nachforschungen wurde deutlich, dass die maßgeblichen Organisationen dieser Kampagne, wie die „National Vigilance Asociation“ und die Heilsarmee keinen einzigen Fall nachweisen konnten, in dem eine Frau in ein ausländisches Bordell verschleppt worden war. Im deutschen Raum kamen kriminalistische Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen. Deutlich zeigt sich an dem Thema Mädchenhandel, das ab 1900 von etlichen Organisationen und den Massenmedien als ein großes soziales Problem behandelt wurde, das die Verunsicherung breiter Bevölkerungskreise auf die neuentstehende Lebensformen in den Industriemetropolen durch eine unverhältnismäßige Skandalisierung des Themas im Sinne von konservativ-christlichen Moralisten kanalisiert wurde.

„Gibt es einen Mädchenhandel? (…) Ja! Wenn man damit die Vermittlung, Werbung und Verbringung von Mädchen durch bezahlte Agenten für ausländische (und inländische) Bordelle meint mit Kenntnis und Einverständnis der verbrachten Person selbst. Nein! (oder nur als außerordentliche Seltenheit) wenn man darunter – wie das große Publikum – die Verschleppung ahnungsloser Mädchen mit Gewalt oder List versteht, um sie im Ausland der Prostitution zuzuführen.“

Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld aus seinem Werk „Geschlechtskunde“ (1930/ Seite 436)

Jazbinsek, Dietmar,  „Der internationale Mädchenhandel – Biographie eines sozialen Problems“, Schriftenreihe der Forschungsgruppe „Metropolenforschung am Wirtschaftszentrum  Berlin für Sozialforschung, 2002

11
Feb
10

Die Einschränkung des Hamburger Bordellwesens unter preußischer Einflußnahme

Bis zur Reichsgründung wurde der Umgang mit der Prostitution von jedem deutschen Land, bzw. Stadt selbstständig geregelt. 1871 vereinheitlichte das Reichsstrafgesetz mit dem Paragraphen §361 Nr.6 StGB sowie §180 und §181 StGB die Strafbestimmungen zur Prostitution. Danach war die registrierte Prostitution unter sittenpolizeilicher Aufsicht erlaubt, die Zimmervermietung an Prostituierte wie auch die Einrichtung von Bordellen war strafbar. Zum 1.September 1876 wurde nach vorangegangenen Rechtsstreit, dem Hamburg unterlag, durch eine Reichsintervention, dass polizeilich geduldete Hamburger Bordellwesen für nicht rechtmäßig erklärt. Die Polizeibehörde ordnete daraufhin die Aufhebung der Bordellwirtschaften an und nahm die erteilten Schankkonzessionen zurück. Die Häuser, in denen die Prostituierten nun wohnen und arbeiten durften waren allerdings keine anderen als die alten Bordelle, mit dem Unterschied, dass sich der Sprachgebrauch im Amtsdeutsch geändert hatte.

In Preußen war die Regulierung der Prostitution von 1794 bis Mitte des Jahrhunderts allgemeine Praxis. 1846 wurde die Regulierung aufgegeben und vom preußischen Strafgesetzbuch von 1851 außer Kraft gesetzt. Nach der Annexion Schleswig Holsteins durch Preußen nach dem Krieg von 1866 sollte dieses Strafrecht auch in Altona angewendet werden. Die Polizei in Altona hatte sich bis dahin an die Praxis des kontrollierten Bordellsystems des benachbarten Hamburgs gehalten und focht die preußische Praxis an und verlangte eine Fortführung der Regulierung, weil „die Ausweitung des Strafgesetzbuches auf Altona eigenthümliche Konflikte mit der örtlichen Polizei zur Folge hatte.“ (Evans J. Richard, 1997  : 286)

Aus den Bordellen wurden „Beherbergerhäuser“ und die Polizei unterließ es in Zukunft, sich in Streitigkeiten zwischen Wohnungsgebern und Prostituierten einzuschalten, sah die Verantwortung für die neuen Vorschriften teilweise bei den „Beherbergern“, also den Bordellwirten und überließ konkrete Rechtsstreitigkeiten der Kompetenz der Gerichte. An den bestehenden Arbeitsverhältnissen der Frauen veränderte sich nichts. Das Verbot des Getränkeausschankes wurde in den folgenden Jahren in Teilen immer mehr missachtet und schon um 1883 soll es die Regel gewesen sein, dass jedes „Beherbergerhaus“ einen Salon hatte in welchem die Prostituierten die Gäste zu reichlichen Alkoholgenuss zu animieren hatten und dabei auch viel mittrinken mussten. Vor allem nach der Polizeistunde, wenn normale Gaststätten schließen mussten, florierte das Geschäft mit dem Alkohol. Nichtsdestsotrotz ging in Konsequenz der neuen Gesetzeslage die Zahl der Bordelle zurück. In der Alt- und Neustadt gab es am 1. Januar 1876 noch 201 Bordelle, zwei Jahre später nur noch 167. Das Bordellgeschäft soll tatsächlich in erster Linie wegen dem Verbot des Ausschankes von Getränken zurückgegangen sein und sich zum Teil in die Tanz- und andere Vergnügungslokale verlagert haben. Die Gesamtzahl der kontrollierten Prostituierten nimmt im gleichen Maße ab, wobei in den Statistiken zwischen „streng- und leicht kontrollierten“ Frauen unterschieden wird.1876 waren es noch 1035, im Januar 1878,  816, davon 550 in Bordellen lebend und 227 in eigenen Wohnungen, die zusammen die Zahl der streng kontrollierten Frauen von 777 ausmachten, hinzukamen noch 39 „leicht“ kontrollierte Prostituierte. In St.Pauli existierten 1876 nur fünf Bordelle, ein Jahr später noch vier, mit 36 registrierten Prostituierten, während die Zahl der kontrollierten, alleinwohnenden Frauen im gleichen Zeitraum anstieg, wie sicherlich auch die Zahl der heimlichen Prostitution, da die Vorstadt St. Pauli mit seinen gut fluktuierenden Vergnügungsstätten die besten Voraussetzungen bot.


Bis ca. 1875 war das Bordellwesen in Hamburg sehr dezentralisiert, dann setzte allerdings im Zuge des preußischen Einflusses eine zunehmende Einschränkung und Zusammendrängung dieser Wirtschaften seitens offizieller Seite ein. In den Jahren 1876 bis 1879 verschwanden die Bordelle aus vielen Straßen der Innenstadt, so beim Alsterthor, Brauerknechtsgraben, Breiter Gang, Druvenhof, Ellernthorsbrücke, Hohler Weg, Niedernstraße, Paradieshof, Sägerplatz, Schauenburger Straße, Schlachterstraße und der Schmiedestraße. Eine einschneidende Veränderung im Hamburger Bordellwesen stellte das Abrechen der alten Bordellstraße Dammthorwall dar, die danach mit Amtsgebäuden bebaut wurde. Dort hatten ca. 30 Bordelle mit 120 Prostituierten existiert. Als Ersatz wurden in den folgenden Jahren die Straßen Ulricusstraße und Bei den Hütten mit einer Vielzahl von Bordellen belegt.

Im Jahr 1889 befanden sich die Hamburger Bordelle nur noch in 16 Straßen. In den folgenden Jahren, bis 1895 wurde das Gängeviertel der Neustadt von Bordellen geräumt (Amidammachergang, Ebräergang, Schulgang , Trampgang und Specksgang) Außerdem verschwanden die Wirtschaften in den Straßen Kleine Drehbahn, Valentinskamp, Pilatuspool und bei den Hütten. Einzig der Schaarhof wurde in dieser Zeit als Ersatz erstmals mit Bordellen belegt. Die Schützenstrasse wurde bei dieser Aufzählung erstmalig mit 2 Bordellen erwähnt. 1892 lagen bereits 9 Bordelle in dieser Straße, später deren 19.  Bei dieser Straße scheint es sich allerdings um einen Sonderfall gehandelt zu haben; in direkter Nachbarschaft und in der Nähe des Berliner Bahnhofes befand sich das St. Johanniskloster Jungfrauenstift, dessen Landgut der Hamburger Senat erwerben wollte und durch diesen Umstand das Kloster zum Verkauf zwingen und gleichzeitig zur Wertminderung des Grundstückes beitragen wollte. Dieser spezielle Fall wurde von August Bebel auf einem Parteitag, in der ein Antrag der Sozialdemokratie gegen das Bordellwesen besprochen wurde, zur Sprache gebracht. 1896 konzentrierten sich die Hamburger Bordelle nur noch auf wenige Straßen: den Großen Barkhof, 2. Brunnenstraße, Klefeckerstraße, Hinter der Markthalle, Schaarhof, Schützenstraße und die Schwieger- und Ulricusstraße. (die Heinrichstraße wird mit aufgezählt) Die Bordelle im Barkhof wurden 1907 wegen der Stadtsanierung in die Neue Springeltwiete verlegt und der Schaarhof 1908 abgebrochen. Ansonsten soll sich, laut Urban, bis zur offiziellen Aufhebung der Bordelle 1922  keine weitere Veränderung ergeben haben.

Im Zusammenhang mit den Ausführungen des sozialdemokratischen Abgeordneten August Bebel vor dem Reichstag, betreffend des Hamburger Bordellwesens und andererseits die Vorbereitungen für die sogenannte „Lex Heinze“, weswegen eine Untersuchung der Hamburger Prostitutionsverhältnisse durch Reichsinstanzen erwartet wurde, wurde die polizeiliche Überwachung der Bordellstraßen  ab der Mitte der 90er Jahre allgemein verschärft. Es wurde ein sittenpolizeilicher Patrouillendienst in der Zeit von 10.00 vormittags bis 12.00 nachts eingerichtet, mit dem Ziel das öffentliche Auftreten der Prostituierten vor den Häusern zum Zwecke der Kundenwerbung zu unterbinden.

Den Hintergrund für die Gesetzesveränderung, der sogenannte „Lex Heinze“, bildete ein Mordfall im Jahr 1891 in Berlin – vor allem der folgende Prozess fand ein enormes Echo in der Öffentlichkeit. Der Zuhälter Heinze und seine Frau, eine Prostituierte waren in eine Kirche eingebrochen und hatten dort den Nachtwächter ermordet. In dem späteren öffentlichen Prozess gaben beide freimütig zu, dass sie die Ehe nur aus reinen Geschäftsinteressen abgeschlossen hätten. Die Frau war bereits wegen 44 Verstößen gegen die Sittengesetze aktenkundig. Ihre Verteidigung im Gerichtssaal führten sie in einer milieubedingten Selbstsicherheit die die bürgerliche Öffentlichkeit schockierte. H. Heinze ließ sich ab und zu eine Flasche Champagner zur Stärkung kommen und seine Verteidigung wurde unter Beifall seiner Freunde und Bekannten geführt. Die Empörung war so groß, das der Kaiser im gleichen Jahr eine Proklamation herausgab in der er die Regierung aufforderte strengere Gesetze gegen Prostituierte und deren Anhang einzuführen. Gerade ein Jahr zuvor waren die Sozialistengesetze aufgehoben worden, worauf es dann zu vielen Demonstrationen und Massenversammlungen der Sozialdemokraten kam, die die Ängste des konservativen Bürgertums vor sozialer Unruhe schürten.  Der Berliner Autor Hans Ostwald bestritt seinerseits, dass die Zuhälter in Berlin zentrale Figuren der kriminellen Szene seien; – da, wenn sie ihre Kunden bestehlen würden, würden sie so ihre Kundschaft abschrecken und ihrem eigenen Geschäft schaden. Er beschreibt, dass viele Prostituierte sich einen Mann zum Schutz gegen die Sittenpolizei und zur Unterstützung ihres Geschäftes suchen würden und ihn sozusagen zu ihrem Zuhälter machen würden. Für viele dieser Männer war die Zuhälterei nicht ihr Hauptberuf, da sie nebenher oft in anderen, milieunahen Berufen ( z.b. in der Gastronomie und im Schaustellergewerbe) arbeiten würden.

Mit der Einschränkung und Konzentrierung des Hamburger Bordellwesens ging eine immer stringentere Reglementierung der erfassten Prostituierten einher. Seit dem Jahr 1876 war es ihnen verboten nach 23.00 Uhr auf den Straßen spazieren zu gehen und für die Umgebung der Börse und der Wall-, Alster- und Hafenpromenaden bestand ein vollständiges Straßenverbot, welches 1902 erheblich erweitert wurde. Außerdem bestand das Verbot andere Tanz- und Vergnügungslokale zu besuchen als die, in denen sie vom Bordellwirt mit Genehmigung der Polizei zugelassen waren. Dies waren das Ballhaus in der Neustädter Neustraße 25, das Geerz`sche Tanzlokal in der Altstädter Fuhlentwiete und in St. Pauli das Ballhaus Alcazar und die Elbhalle. Auch dieses Reglement wurde 1902 erheblich verschärft und ausgedehnt, bis dann 1907 den Prostituierten das Betreten aller Gastwirtschaften, Cafe`s, Konzert- und Gesangslokalen in der Stadt und in den Vororten komplett verboten wurde.  Ausnahmen bildeten weiterhin die Elbhalle, ein Lokal in der Neustädter Neustraße und ein Tanzlokal in der Molenhofstraße. Da viele der Frauen diese Reglementierungen nicht hinnahmen, kam es im Rahmen der strengeren Kontrollen zu einer Zunahme der verzeichneten Verwarnungen und Bestrafungen, die sich in den Statistiken niederschlugen.

Diese verschärften Reglementierungen führten dazu, dass sich immer mehr Frauen dem Modell der kasernierten Prostitution entzogen und sich heimlich prostituierten. Dies wird besonders am statistischen Material betreffend der Bordelle St. Pauli`s deutlich. So waren laut Amtszählung in St. Pauli seit 1870 durchschnittlich nie mehr als 100 Frauen kaserniert, 1907 dann 75 Frauen und 1919   72 Frauen, während in diesem Zeitraum der Hamburger Hafen, der Schiffs- und Fremdenverkehr, die ein bedeutendes Kundenpotential für die Prostitution stellten, einen enormen Wachstum verzeichneten. So stieg die Zahl der von See gekommenen Schiffe von 1880 mit deren 6024 auf 17 320 Schiffe im Jahr 1910 und die Zahl der bei der Fremdenpolizei angemeldeten Fremden wuchs von 134 868 im Jahr 1880 auf 480 872 im Jahr 1910. Bereits 1895 äußerte sich der damalige Chef der Hamburger Kriminalpolizei zu diesem Thema der Prostitutionsfrage:

„(…) dass in einer Stadt von der Größe und dem Fremdenzufluß Hamburgs die etwa 1000 eingetragenen Kontrollmädchen die Nachfrage auch nicht zum vierten Teile deckten und dass sich daher Privatunternehmen daneben ausgebildet haben.“

(Zitat aus: Urban Alfred, 1927 : 114)

Aufgrund der stadtplanerischen Maßnahmen und der restriktiven Vorgehensweise der Sittenpolizei  nutzten immer mehr Frauen die großen und eng beieinanderliegenden Tanz- und Vergnügungslokale St. Paulis um ihrem Gewerbe nachzugehen. In dem ersten Halbjahr 1898 wurden auf der Reeperbahn über 700 Frauen durch die Sittenpolizei verhaftet unter denen sich 300 Kontrollmädchen befunden haben, die aufgrund  Kontrollentziehung oder Umhertreibens bestraft worden sind. Genauso breitete sich in der Alt- und Neustadt Hamburgs zu dieser Zeit die freie Prostitution aus. So kam es 1898 zu einer öffentlichen Beschwerde von über 600 Anwohnern über die Verhältnisse in den Concerthallen in der Niedernstraße und Altstädter Fuhlentwiete, weswegen die Polizei die Überwachung dieser Gegend verschärfte. 1899 wurden dort über 750 Frauen wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Unzucht festgenommen. Zu dieser Beschwerde schrieb der Chef der Sittenpolizei:

„Es kann nicht außer Betracht bleiben, dass sich in der Altenstädter Fuhlentwiete früher Bordelle befanden und dass seit dem engen Zusammendrängen der Prostitution und seitdem die Behörde die strengste Abschließung der Kontrollmädchen durchführt, sittliche Uebelstände in anderer Form auftreten. Die vagierende Prostitution mehrt sich und sucht Männerbekanntschaften auf der Straße und in den Wirtschaften, während die kasernierte Prostitution zurückgeht.“

(Zitat aus: Urban Alfred, 1927 : 117)

In der Neustadt waren vor allem die Gängeviertel weiterhin für die Prostituierten anziehend. Es waren dort zwar alle der fast 100 Jahre existierenden Bordelle geschlossen worden, womit aber keineswegs die Prostitution aus den Gängen verdrängt wurde. Viele Prostituierte wohnten in den Vierteln und betrieben ihr Gewerbe von ihren Zimmern und den Gassen aus.

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Die Prostitution in St. Pauli – Tanzlokale und „stille Wirtschaften“

In der Vorstadt St. Pauli war das Prostitutionswesen von der Stadt völlig getrennt und stand unter der Oberaufsicht des Landesherrn der Vorstadt, einem Mitglied des Hamburger Senats. Im Jahr 1838 gab es in St. Pauli 21 und in der Stadt 109 Bordelle, 1853: 15 zu 145, 1862: 10 zu 156 und 1875: 7 zu 192.  In St. Pauli war bereits sehr früh eine starke Zusammendrängung der registrierten Prostitution in wenige Bordellstraßen erkennbar, während in der Stadt Hamburg im Zeitraum 1853 – 1873 durchschnittlich 4-5 Frauen in einem Bordell untergebracht waren, waren es in St. Pauli im gleichem Zeitraum 14-15 Frauen. Die St. Paulianer Bordelle wurden von den Amtsärzten der Sittenpolizei auch von vornherein als Untersuchungslokale genutzt, während sich die Zwangsuntersuchungen der Frauen durch die Kontrollärzte sich in der Innenstadt Hamburgs weitaus schwieriger gestalteten, da viele der eingeschriebenen Frauen oft einzeln und weit gestreut in verschiedenen Wirtschaften wohnten und viele Lokalitäten in den Gängevierteln schwer zugänglich waren und nicht über ausreichend Licht verfügten. Die Untersuchungen lagen bereits seit 1820 bei einem Vollarzt, so dass in St.Pauli alle Bordelle als Untersuchungslokale genutzt wurden.
Es gab in St. Pauli zwei Arten von Bordellen, die einen waren zugleich öffentliche Tanzlokale und die sogenannten stillen Wirtschaften ohne Tanz- und Musikerlaubnis. Die stillen Wirtschaften wiesen die gleiche Betriebsgröße auf wie die Bordelle in der Stadt, während diejenigen mit Tanzsalon eine weitaus größere Anzahl von Prostituierten aufwiesen. So wohnten von 186 Frauen, die 1846 in den 19 Bordellen von St. Pauli eingeschrieben waren, 131 in den sieben Wirtschaften mit angeschlossenem Tanzsaal.

Die lizenzierten Bordelle mit angeschlossenem Tanzsaal waren jahrzehntelang eine Spezialität St. Paulis und ein wesentlicher Faktor im Vergnügungsgewerbe der Vorstadt. Das bekannteste und größte dieser Lokale lag in der Davidstraße, der Tanzsaal „Zu den 4 Löwen“. Im Erdgeschoss der „4 Löwen“ befanden sich der Tanzsalon, die Küche und die Wohnung der Wirte. Das obere Stockwerk diente als Unterkunft für die Prostituierten, die in diesen Zimmern auch ihrem Gewerbe nachgingen. In diesen Tanzlokalen brauchte kein Eintritt gezahlt zu werden, aber für jeden längeren Tanz mit einer der Frauen mussten die Gäste um die 2 Schillinge als Lohn für die Musiker zahlen. Entsprechend der vielen Nationalitäten der Seeleute wurde ein breites Spektrum von Musiken und Tänzen gespielt. Aufgrund von politischen Druck und neuen Behördenauflagen zerbrach die traditionelle Symbiose von Prostitution und Gastwirtschaft mit Tanz und Alkoholkonsum. Die Wirte in der Davidstrasse hatten sich zu entscheiden ob sie Kneipiers bleiben wollten – dann mussten sie die Frauen außerhalb ihrer Räume ihr Geschäft nachgehen lassen oder sie verloren ihre Schanklizenz und wurden stattdessen zu Zimmervermietern.

Im Zeitraum 1850 – 1870 entstanden vor allem in St. Pauli sogenannte Cafe chantants mit weiblichen Gesangs- und Tanzkünstlerinnen, in denen häufig der heimlichen Prostitution nachgegangen wurde. Das Aufkommen dieser Gesangswirtschaften stellte die staatliche Bordellprostitution in St. Pauli in den Schatten, da die Männer die Atmosphäre mit Gesang und Tanz bei weitem bevorzugten. Ab 1890 breiteten sich die „Wiener Cafe`s“, Lokale größeren Stils, aus. 1899 gab es 33 dieser Lokale mit Nachtkonzession für alle Tage die Woche. Diese Cafe`s, wie auch die anderen Vergnügungslokale deren Anzahl und Größe stark angestiegen war, wurden von den Prostituierten zur Anbahnung von Geschäftskontakten gerne frequentiert. Manche dieser Läden entwickelten sich zu regelrechten Prostitutionsmärkten. 1898 hieß es, dass die „Großen Bierhallen“ am Spielbudenplatz zum „Rendezvous der Prostitution und des Louistums“ geworden seien. Aufgrund polizeilichen Drucks erteilte der Wirt den Prostituierten und ihren Zuhältern Hausverbot – mit der Konsequenz das seine Tageseinnahmen von bis zu 1000 Mark auf höchstens 250 Mark zurückgingen, da dort täglich 150 Prostituierte samt Anhang verkehrt hatten.

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“,  Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Schlaf- und Heuerbasen in der Heinrichstraße (Herbertstr.)

Für Seeleute, die auf das Beladen ihrer Schiffe warteten oder eine Heuer suchten gab es in Hamburg, Altona und St. Pauli zahlreiche Logishäuser. Oft konnten sie sich dort bestimmt zu regulären und fairen Konditionen einmieten. In der Heinrichstraße, der späteren Herbertstraße in St. Pauli, bestand eine direkte Nachbarschaft zwischen mehreren, von Schlaf- und Heuerbasen betriebenen Logierhäusern für Seemänner und den stillen Bordellwirtschaften. Diese Straße wurde im Jahr 1797 gemeinsam mit dem umgebenden Straßennetz als enge Vorstadtstraße angelegt und 1801 als Heinrichstraße benannt. Sie verband die Davidstraße, die bereits nach 1800 als Matrosenquartier und Bordellstraße bekannt war mit der Gerhardstraße. Um 1800 herum war das Prostitutionsgeschäft noch deutlicher auf die Schifffahrt ausgerichtet und dementsprechenden saisonalen Schwankungen unterworfen. In der Herbstzeit herrschte Hochkonjunktur, da zu dieser Zeit die Schifffahrt beendet war und den Seeleuten ihre Heuer ausgezahlt wurde. In den übrigen Jahreszeiten war der Umsatz geringer, so dass die Wirte oftmals auch einen Teil ihrer Mädchen entließen. 1883 gab es 6 Bordelle in der Heinrichstraße, 2 Jahre später deren zehn. 1887 wurden die in der Straße gelegenen Logierhäuser in Bordelle umgewandelt, so dass die Strasse dann mit 20 Bordellen belegt war. Um die Jahrhundertwende wurde der konzessionierte Bordellbetrieb in St. Pauli in der Herbertstraße von der Stadtverwaltung zentralisiert um ihn aus der stark frequentierten Durchgangszone Davidstraße in eine Nebenstraße zu verlagern. Die Herbertstr hat ihren Namen seit 1922, die Tore zu beiden Seiten, die als Absperrung und Sichtblende fungieren, wurden während der Nazi-Zeit eingerichtet. Der Herbertstraße optisch ähnliche Gassen waren die kleine Marienstraße, Nähe Nobistor, die Ulricusstraße, die Winkelstrasse und der Kalkhof.

Die Logiswirte wurden „Schlafbaase“ genannt, oft waren sie gleichzeitig auch die „Heuerbaase“ und vermittelten den Matrosen eine neue Heuer. Dort traf man allerdings auch auf Verhaltensweisen seitens der Wirte die denen der Bordellwirte durchaus ähnlich waren. Die Seemänner wurden dauernd aufgefordert zu trinken, z.b. wenn ein neuer Kamerad kam, musste er eine Lage geben und die anderen zogen mit einer weiteren nach. Mädchen wurden ihnen durch die Wirte gegen Bezahlung vermittelt. Es kam desöfteren zu einer bewussten Verzögerung der Vermittlung zu einem neuen Schiff bis der Mieter kein Geld mehr hatte und auf Kredit leben musste und so in Abhängigkeit geriet. Was der Wirt oft zu überteuerten Preisen ausgelegt hatte, mussten die Matrosen von ihrem Vorschuss auf die Heuer zurückzahlen. Der Ausdruck „Seelenverkoper“ hat nichts mit dem Verkauf von Seelen zu tun, sondern bedeutet in Wirklichkeit „Zettelverkäufer“. Der Seemann bekam bei seiner Anmusterung einen Zettel mit der Angabe des Vorschusses, den er oft dem Wirt geben musste, der ihn dann wieder, wie eine Obligation, zu einem bestimmten Kurs weiterverkaufen konnte. Viele der Arbeitsverhältnisse des Hamburger Hafens waren zu dieser Zeit von der Vermittlung von Hafenkneipen und korrupten Wirten abhängig.  Ordentliche Lohnbüros wurden erst im Jahr 1897 eingeführt.

Weitere Möglichkeiten für Logis oder zumindestens für eine warme Mahlzeit boten konfessionelle und freie Wohlfahrtseinrichtungen auf St. Pauli, wie die „Seemannsruhe“ in der Bernhardt-Nocht-Straße (1881), das Seemannsheim am Pinnasberg (1887), die Herberge zur „Heimat“ in der Talstraße (1889/90), die Volkskaffeehallen und das Logierhaus „Concordia“ auf der Reeperbahn (1891, bzw.1894), die neben verschiedenen Ansätzen des Stiftungs- und Wohnungsbaus, wie bsp. In der Wohlwillstraße (Jägerpassage/1866-1873) die verstärkten Bemühungen des Bürgertums und der Kirche  um die sittliche, kulturelle und soziale Bildung der Arbeiterschaft zeigten. Noch existierende Beispiele sind die Schwedische und Finnische Seefahrtskirche(Dietmar-Koel-Straße) mit angeschlossenen Wohnheimen und das heutige Hotel Hafen Hamburg. Es wurde 1860 von den Reedern errichtet. Die moderne und relativ komfortable Unterkunft war jedoch gepaart mit einer strengen Hausordnung(feste Essenszeiten, kein Alkohol, kein Damenbesuch) und Bildungsprogrammen(gemeinsame Gottesdienste, Alphabetisierungskurse, Ausflüge nach Hamburg). Das erschien vielen Seeleuten wenig attraktiv, so dass es bald anders genutzt wurde, zuerst als Navigationsschule, dann als weitere Zweigstelle des Tropeninstitutes, bis es dann 1982 von Willi Bartels aufgekauft und in ein Hotel umgewandelt wurde.

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Ellermeyer Jürgen (Hg.) : 1986, „Stadt und Hafen“, Hans Christians Verlag, Hamburg

Haspel Jörg, 1987 , „Hamburger Hinterhäuser. Terrassen – Passagen – Wohnhöfe“, Hans Christians Verlag, Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

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Feb
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Zuhälter und Ringvereine

Mit dem anhaltenden Boom des Vergnügungssektors bildeten sich in ganz Deutschland die sogenannten Ringvereine. Seitens der Kriminalpolizei wurden sie als organisierte Berufsverbrecher eingestuft, mit den bevorzugten Delikten der Schutzgelderpressung, dem Glücksspiel, Diebstahl und Hehlerei, Waffenschmuggel und Zuhälterei.

Bereits 1902 gründeten Bordellinhaber in Halle/Saale den Verein „Zufriedenheit“, in anderen Städten folgten ähnliche Gründungen oft unter den Namen eines Sparvereins oder Kegelclubs. Da gab es bsp. den Hannoveraner Sparclub „Treue“, den Dresdner Sportverein “Deutsche Eiche“ und den „Spar- Gesellschafts-, und Kegelclub Fidelio“ auf St. Pauli. In der Regel waren nur Männer Mitglieder.  Der Berliner Unterweltverein „Immertreu“ beherrschte die ganze Gegend um den damaligen Schlesischen Bahnhof und verlangte von den Gewerbetreibenden des Rotlichtmilieus, wie auch von Anderen, Schutzgelder.  1926/7 bildeten sich als übergeordnete Zusammenschlüsse u.a. der „Mitteldeutsche Ring“ mit 21 Vereinen in 10 der größeren Städte Deutschlands, wobei Leipzig, Hannover und Chemnitz mit einer Vielzahl von Vereinen, wie  „Die Unken“, „Unter Uns“ und „Rotschwänzchen“ vertreten waren.

Ein gewisser Anteil aus den Einnahmen der Prostitution und anderen Geschäften floss in die gemeinsame Clubkasse, aus der in Not geratene Mitglieder unterstützt, Anwälte finanziert und geschlechtskranke Frauen versorgt wurden. Hauptaufgabe dieser Vereinigungen war es durch Selbstorganisation konkurrenzfähig zu bleiben und auf dem Markt zu expandieren und sich gegen staatliche Restriktionen, auf Behördenebene und seitens der Sittenpolizei zu schützen. In Hamburg St. Pauli in der Sophienburg an der Ecke Reeperbahn/Detlev-Bremer-Straße (früher Sophienstraße}traf sich ab 1926 der „Spar- Gesellschafts-und Kegelclub Fidelio“. Die Zunft der Einbrecher organisierte sich im „Boxclub H.i.H.“, der aber anders als in Berlin, mit dem Rotlichtmilieu vernetzt war, so wurden z.b. legale Arbeitsverhältnisse wie Portier und Kellner an Mitglieder weitervermittelt, während Personen des gleichen Berufsklientels, die als informelle Zuträger an die Polizei bekannt waren durch handgreiflichen Druck in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden.  Mitte der 20er Jahre lud der St.Pauli Verein „Fidelio“ zu einer überregionalen Feier zu der über 1500 Zuhälter aus ganz Deutschland erwartet wurden. Diese wurde allerdings durch die Polizei verhindert indem sie im Vorfeld 17 Mitglieder des Vereins verhaften ließ, denen 1927 der Prozess gemacht wurde. In die Öffentlichkeit traten diese Vereine in Hamburg verstärkt in den Jahren zwischen 1920-1925 auf. Ab 1925 begann die Polizei verstärkt gegen die halböffentlichen und halblegalen Vereinsstrukturen vorzugehen und 1927 soll es der Hamburger Polizei gelungen sein einen Teil der internen Organisationsstruktur der Vereine auf überregionaler Ebene aufzudecken.

„Während des Krieges war das Zuhältertum, wie in den meisten Großstädten, so auch in Hamburg, erheblich zurückgegangen. In der Nachkriegszeit nahm es aber wieder zu, um sich dann namentlich nach der bis Ende Juni 1922 durchgeführten Aufhebung der Bordelle und während der Inflationsjahre besonders stark auszudehnen. Die Zuhälter schlossen sich sogar in Clubs zusammen, deren Hauptzweck war, ihren in finanziellen Bedrängnis geratenen Mitgliedern Geldunterstützungen zu gewähren, ihnen in Strafsachen Anwälte zu stellen usw. War schon früher die Bekämpfung des Zuhältertums mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft, so steigerten sich diese ganz bedeutend, als mit der Aufhebung der Bordelle die Dirnen sich über einen großen Teil  der inneren Stadt und besonders auch über St. Pauli und St. Georg verbreiteten und dann auch den Zuhältern ihr Gewerbe außerordentlich erleichterten.“

Quelle: Hamburgischer Correspondent Nr.: 395Mo, 2 Beilage, Seite1 / 26.8.1926  „ Der Kampf gegen die Unzucht“

Die Hamburger Sittenpolizei nahm 1924 171 Personen wegen Zuhälterei fest, 1925 – 288 Personen und 1926 bereits 314. Vor allem ab der Zeit nach dem 1. Weltkrieg entstanden in den Städten eine Vielzahl von Gaststätten, Nachtlokalen, wo Betreiber und Publikum es mit den bestehenden Gesetzen nicht so genau nahmen. , so z.b. Nachtlokale, wo verbotene Nackttänze gezeigt wurden. Zu einem solchen Betrieb gehörte damals ein „Lotse“ der auf der Straße vermeintliche Kundschaft ansprach und sie bei Interesse zu einem Haus führte, wo der „ Spanner“ den Gast übernahm und ihn dann zur Wohnungstür brachte, wo der Besucher vom „Geschäftsführer“ eingelassen wurde. Für den Schlepper bezahlte der Kunde beispielsweise 8,50 RM und für den Eintritt 20RM und ein obligatorisches Glas Wein für weitere 10 RM, bis er dann in einem abgedunkelten Zimmer zu Grammophonklängen z.b. einer nackten Frau beim Tangotanz zuschauen durfte  Unter ähnlichen Verhältnissen werden wohl auch die frühen Pornofilmvorführungen stattgefunden haben. In den späten 20ern, in den Inflationsjahren, lohnte sich das Geschäft mit Nachtclubs, Nachtvorführungen etc. besonders. Vor allem Ausländer mit ihrer vergleichsweise harten Landeswährung nutzten das Preis- Leistungsgefälle im Bereich der nächtlichen Vergnügungen. In vielen dieser Nachtlokale die es mit der amtlich verordneten Speerstunde nicht so genau nahmen, hatten sogenannte „Ringvereine“ ihren Standort. In der Regel Zuhälterorganisationen, die ihre Einkünfte aus der Prostitution, dem Rauschgifthandel und dem Glücksspiel bezogen. In Sitte und Gebräuchen taten es diese Ringvereine der bürgerlichen Welt nach und zu denen von ihnen arrangierten Tanzfesten und Vergnügungen erschienen die Herren im Smoking und die Damen in dementsprechender Mode

Bis zur ersten Hälfte der 20er Jahre wurden solche Lokale oftmals geduldet und erst später ging man dann, beispielsweise in Berlin, mit Beamten der „Theaterpolizei“ und der „Zentralstelle zur Bekämpfung des Schmutzes in Wort und Bild“ gegen derartige Lokalitäten vor. Eine umfassende Kontrolle gelang der Polizei zu dieser Zeit allerdings nicht. So gab es z.b. Wohnungsinhaber, die ihre Wohnung kurzfristig, mittags oder abends vor dem Nachtbetrieb für eine Nacht an einen  „Unternehmer“ vermieteten. Dieser richtete die Räume dementsprechend ein und gegen ca. 1 Uhr Nachts fand er sich mit seinem Personal ein. Dazu gehörten Kellner, Schlepper, Spanner, Musiker und Tänzerinnen.

„In den Jahren zwischen 1925 und 1932 waren, wie vielen alten Kriminalisten noch bekannt ist, die Ringvereine so stark geworden, daß sie zu einer besonderen Bedrohung der öffentlichen Ruhe und Ordnung wurden. Sie scheuten sich nicht mehr, offen hervorzutreten, und es kam vor, daß bei der Beerdigung eines Vereinsmitgliedes sowohl die Vereinsmitglieder selbst wie auch die befreundeten Vereine in großer Aufmachung an der Beerdigung teilnahmen und die Vereinsfahnen entfalteten. Die Vereinsmitglieder fuhren in Kraftwagen vor, und es war sogar häufig der Fall, daß bei besonderen Gelegenheiten, wie Stiftungs- und sonstigen Vereinsfesten, angesehene Rechtsanwälte, Geschäftsleute u. a. teilnahmen, die in Ausübung ihres Berufes mit den Vereinen oder einzelnen ihrer Mitglieder in Verbindung standen. Auf der anderen Seite war die Rivalität unter den Vereinen so gestiegen, daß es zu gegenseitigen Überfällen auf einzelne Mitglieder wie auch auf Vereinslokale kam, also auf die Lokale, in denen sich die Mitglieder regelmäßig trafen.“

(Bartsch Georg, 1956 : S.80  „Prostitution, Kuppelei und Zuhälterei“, Verlag Deutsche Polizei GmbH, Hamburg)

Bis 1933 gab es in Deutschland etwa 100 Vereine mit ca. 5000 Mitgliedern. Bei einem Großteil dieser Vereine handelte es sich um reine Zuhälterclubs, während in Berlin die Konkurrenz zu anderen Unterweltvereinen weiterhin bestand. Während der Weimarer Republik gelang es der Polizei nicht die „Schweigesolidarität“ des Milieus zu durchbrechen. Durch eine Ausweitung der Kompetenzen der Kripo nach 1933 weit über den rechtsstaatlichen Rahmen hinaus (dies wurde als vorbeugende Verbrechensbekämpfung bezeichnet) wurden viele Ringvereine brutal zerschlagen und 1934 offiziell verboten. Nach einem Runderlass von 1938 wurden viele Zuhälter ins Konzentrationslager überführt. Inwieweit sich diese Ringvereine in der Weimarer Republik auch politisch positionierten ist aus den eingesehenen Quellen nicht zu ersehen.

Im Arbeiterstadtteil St. Pauli wurde traditionell links gewählt und es scheint zumindestens zum Ende der Weimarer Republik auf der unteren Ebene zwischen kriminellen und politischen Organisationsprinzipien gewisse Ähnlichkeiten gegeben zu haben. Anfang der 1930er  entwickelten sich innerhalb der kommunistischen Arbeiterschaft Tendenzen, die seitens der Kriminalpolizei dem Bereich der gewöhnlichen Kriminalität zugerechnet wurden. 1931 wurden eine Mehrzahl von Wettbüros, Banken und anderen Geschäften von kommunistischen Arbeitern aus dem Umfeld des seit 1929 verbotenen Rotfrontkämpferbundes überfallen. Teile der aktiven Basis hatten sich zu „Selbsthilfegruppen“ zusammengeschlossen um wegen der wirtschaftlichen Not und der sich zuspitzenden politischen Situation, Lebens- und Geldmittel zu organisieren.

„Bemerkenswert ist nun, dass es sich bei den inzwischen ergriffenen Tätern durchweg um Personen handelt, die nach eigener Bekundung der kommunistischen Partei angehören bzw. mit den Kommunisten sympathisieren. Etliche sind Mitglieder eines Sportclubs. Von ihnen ist bekannt, dass sie Mitglieder der Sektion „Rote Marine“ des verbotenen Rotfrontkämpferbundes sind. In einem kommunistischen Verkehrslokal, der Gastwirtschaft Gericke, wurden unter dem Fußboden versteckt größere, aus einem Raubüberfall stammende Gelder gefunden. Als festgestellt muß gelten, dass es sich bei den Tätern um gleichgesinnte Leute handelt. Nach eigenen Bekundungen festgenommener Personen waren geraubte Gelder „für das Proletariat“ bestimmt. Es sind auch Gelder zur Unterstützung in Haft befindlicher Kommunisten verwendet worden.“

Aus einer amtlichen Bekanntgebung der Hamburger Kriminalpolizei vom 14. Oktober 1932  Zitat aus:  Ebeling Helmut, 1980 „Schwarze Chronik einer Weltstadt – Hamburgs Kriminalgeschichte 1919-1945“, Ernst Kabel Verlag, Hamburg, Seite 317/318


Amelunxen Clemens, 1967, „Der Zuhälter – Wandlungen eines Tätertyps“, Kriminalistik – Verlag Hamburg

Barth Ariane, 1999,„Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Fock Jürgen, 1965, „Das Problem des Zuhältertums“, Inaugural-Dissertation, Universität Berlin

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

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Das Sexbusiness in St. Pauli 1968

Der geschätzter Jahresumsatz des Sex-Business soll in Hamburg 1968 ca. 120 Millionen Mark betragen haben. Rund 1300 Prostituierte waren zu dieser Zeit in Hamburg offiziell registriert. Die Straßenprostitution war weitaus ausgedehnter als heutzutage, vor allem in dem Quartier zur Wasserseite der Reeperbahn. In dem Quadrat zwischen den Straßen Pepermölenbek (ehemalige Bachstr.), St. Pauli Fischmarkt/ St. Pauli-Hafenstrasse und der Davidstrasse in den vielen kleinen Seiten und Nebenstrassen und in den Straßenzügen auf der anderen Seite der Davidstr., Richtung Millerntor. 1969 wurde es für die Prostituierten zur Vorschrift eine Kontrollkarte mit sich zuführen, auf der die regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen eingetragen wurden, den sogenannten „Bockschein“  (der Name kam von dem im Milieu so bezeichneten Gynäkologenstuhl). Konnte eine Frau diese Karte nicht vorweisen, fehlten Eintragungen oder entzogen sich Prostituierte ganz den Kontrollmaßnahmen, konnte die Polizei die Betreffenden zur Fahndung auszuschreiben oder zwangsweise eine Krankenhauseinweisung verfügen.

In der St. Pauli Hafenstraße, am Fischmarkt und beim Straßenzug Pepermölenweg, an die zu dieser Zeit noch Ruinengrundstücke aus dem Krieg angrenzten, befand sich ein reiner Autostrich. Die Frauen die dort arbeiteten hatten keine Zimmer und erledigten ihr Geschäft entweder im Auto des Kunden oder im Freien. An der Straße Pepermölenweg sollen bis an die 100 Frauen pro Nacht, bei einem Tarif von 10 Mark, gestanden haben. In der Bernard-Nocht-Straße waren die Grenzen zwischen Animiermädchen der zahlreichen Kellerbars und der reinen Straßenprostitution fließend. Dort waren mehr Gelegenheitsprostituierte anzutreffen. Die Preise sollen zwischen 15-30 Mark gelegen haben.  Desweiteren waren Prostituierte in den Straßen Lincolnstr., Herrenweidl und der Finkenstr., in Nähe des Pepermölenbeks anzutreffen.

„Bernhard-Nocht-Straße- zur „Scharfen Ecke“ mit den Spotlights, die auch tagsüber blinken. Das „Casablanca“, mit der kleinen grellgrünen Palme auf gelbem Grund. Die Türkenkneipen, in der jeden Samstag Sängerinnen auftreten, mit halbnackten Busen, aber die Augen hinter schwarzen Brillen versteckt. Schwarze, verwohnte Häuser mit kaputten Fensterscheiben. Und dahinter die Schiffe. „Washingtonbar“, “Die Kogge“, „Erosstübchen“, „Schmaal`s Hotel, „Onkel Max“, die Balduintreppe, „Lolobar“ und „Lili Marleen“. Hier spielt sich der Mittagsstrich ab. Die Freier kommen in der Mittagspause. Der Mittagsstrich ist polizeilich verboten. Deshalb kurven auch unentwegt die Polizeiautos durch die Bernhard-Nocht-Straße. Langsam, wie fette Haifische, die ihre Beute schon auf Nummer sicher haben. Wo sie auftauchen, huschen die Frauen in die Hauseingänge. Beim ersten Mal erwischt werden, kostet eine Geldstrafe. Beim zweiten Mal Knast. Die Polizei macht dabei ein gutes Geschäft. Manchmal verkleiden sie sich auch als Freier und sprechen die Frauen an. Das sind 180 DM bei jeder, die drauf reinfällt. Aber die Polizisten steigen in der Bernhard-Nocht-Straße ungern aus dem Wagen, vor allem nicht allein.“

Impressionen aus der Bernhard-Nochtstr. aus den 70er Jahren:„Schwarz war ihr Haar – Frauen auf St. Pauli“, Susanne Klippel, 1980, Frauenbuchverlag, München

Rund um die Herbertstrasse, wo zu der Zeit 220 Frauen arbeiteten bis zum Hans-Albers Platz und der Gerhartstr. war die Straßenprostitution natürlich auch stark vertreten. Diese Milieu aus Straßenprostituierten, Zuhältern und Absteigen war allerdings in Verruf geraten, da viele der dort arbeitenden Frauen ihre Gewinnspanne durch Nepp und Diebstahl erweiterten. In der Kastanienallee, der Tauben- und der Hopfenstrasse existieren bordellartige Betriebe und ein auf Absteigen angewiesener Straßenstrich nebeneinander, ca. 100 Frauen hatten die Kastanienallee als ihr Revier. Die Taubenstraße galt zu dieser Zeit als sogenannter „Babystrich“. Verhältnisse die auf einen Versuch Wiener Zuhälter zurückgingen 1965 in St. Pauli Fuß zu fassen. Diese waren aufgrund massiver Repressionen in ihrer Heimat, u.a. nach Hamburg ausgewichen. In Folge kam es zu Territorialkämpfen zwischen den Hamburger „Loddels“ und der neuen Konkurrenz, bei denen auch die hiesigen  Behörden und die Polizei auf ihre übliche Art die „Hamburger Interessen“ vertraten. Eine Folge dieser Situation war seitdem ein in die Höhe gegangener Preludinverbrauch unter den Prostituierten, das durch Beziehungen der Wiener in St. Pauli Einzug erhalten haben soll und die Konzentration von jungen Frauen (17-23 Jahre) in der Taubenstraße und z.T. in der Kastanienallee. Ungefähr 40 Frauen hatten in der Taubenstraße ihren Standplatz. Sie waren in ihrer Werbung zurückhaltender da diese Straße in erster Linie eine normale Wohn- und Geschäftsstraße war. Das Preisniveau lag höher, bis zu 50 Mark wurden verlangt.

Die Droge der 60er Jahre auf St. Pauli war das Preludin, ein Wachmacher und Appetithemmer. Wer Preludin nahm konnte Unmengen von Alkohol konsumieren, blieb wach und wurde zuweilen allerdings auch aggressiv. Nachdem die pharmazeutische Industrie Preludin durch hinzufügen eines Abführmittels entschärft hatte, stiegen viele Tablettenkonsumenten auf das damals noch rezeptfreie Captagon um. (Preludin und Captagon waren ursprünglich das Hungergefühl dämpfende Medikamente, sogenannte Schlankmacher auf Amphetaminbasis, die in Apotheken frei erhältlich waren.)

Ab Ende der 60er begannen stadtplanerische und behördliche Maßnahmen, die auf eine Zurückdrängung des Rotlichtmilieus abzielten, zu greifen. In den 60er Jahren erklärten sich viele Hamburger Stadtteile zu Sperrbezirken und nachdem zwei Großbordelle, 1967 das Eros- Center und ein Jahr später das Palais d`Amour eröffneten, wurde ein Großteil von St.Pauli ebenfalls zum Sperrbezirk erklärt. 1974 wurde der Straßenstrich am Pepermöhlenweg endgültig verdrängt, nachdem das Quartier Hexenberg oberhalb des Fischmarktes vollständig abgerissen und neubebaut wurde, obwohl ein Großteil der Häuser nur sanierungsbedürftig waren.

Das Eros-Center wurde 1967 an der Reeperbahn 170, u.a. an dem Standort des ehemaligen Hippodroms erbaut. Der Bauherr und Besitzer Wilhelm Bartel, einer der größten Immobilienbesitzer St. Paulis, investierte 4,7 Millionen Mark in dieses Projekt. Es galt zu dieser Zeit als eines der modernsten und aufwendigsten Bordelle und leitete die Ära der sogenannten Kontakthöfe und Großbordelle ein. Es wurde mit offizieller Unterstützung der Stadt Hamburg realisiert, da ein erklärtes Ziel dieses Unternehmens die Eindämmung der unkontrollierten Straßenprostitution in St. Pauli war. Der Komplex umfasste einen 400 qm großen Kontakthof in welchem sich während der Hauptgeschäftszeit bis zu 30 Frauen aufhielten. Begrenzt wurde der Hof allseitig von 3-4-geschossigen Einzelhäusern in denen sich insgesamt 136 Appartements befanden. Bartels bekam für ein Zimmer 360DM Miete pro Monat und verpachtete etagenweise. Die sechs Betreiber nahmen 3-5 x soviel Miete. Außerdem gehörten eine Automatenstraße mit erwerbbarer Erotica, ein Restaurant, eine Würstchenbude und eine Tiefgarage zu dem Komplex.. Die Frauen die dort arbeiteten begannen mit Blockschulden. Sie mussten 50 Mark Miete täglich und weitere Unkosten für jeweils 5 Tage im Voraus bezahlen. 1968 galt das Eros-Center in der Hamburger Pressöffentlichkeit teilweise als Renommierbetrieb, der einen Besuch wert war und wo die dort arbeitenden Frauen gut verdienen konnten, obwohl beide Großbordelle anfangs unterbesetzt blieben. Das Großbordell wurde 1987 geschlossen. Danach wurde es von Bartels zum Hotel „Interrast“ umgebaut, in dem über die Sozialbehörde hauptsächlich Immigranten einquartiert wurden. Später wurde ein Teil des Komplexes in das „Hotel Stern“ umgewandelt. Seit 1998 betreibt ein Kölner Unternehmer, Besitzer des Riesenbordells „Pascha“ in Köln, ein Remake des Eros-Centers, das sogenannte „Laufhaus“.

Fernsehbericht „Die letzten Tage des Eros“ ARD, 21.4.88

Wilhelm Bartel (1914 – 2008) Größter Immobilienbesitzer und „heimlicher König“ von St. Pauli.  Sein Vater war, wie auch der Vater von Hans Albers, Besitzer einer Großschlachterei. Dieser eröffnete 1928 das Ballhaus Jungmühle (Große Freiheit 21) und später das “Bikini“ . Mit 23 Jahren übernahm sein Sohn Wilhelm Bartels als Geschäftsführer das Kabarett „Jungmühle“, später kam das  Hippodrom (Große Freiheit 10-12) hinzu. Nach dem Tod des Vaters 1947, übernahm W. Bartels komplett die Geschäfte.1963 initiierte Bartels mit Bernhard Keese, Besitzer von Cafe Keese und Kurt Collien, Betreiber des Operettenhauses eine Aktion mit dem Label „Der gute Stern von St. Pauli“ in dessen Rahmen zu einer seriösen Preisgestaltung und zu dem Verzicht auf Selbstjustiz aufgerufen wurde.1984 wurde dann die „Interessengemeinschaft St.Pauli“ wiederum mit Bartels und mit Heinrich Umnus, Besitzer des Hotels „Monopol“, Bartels Pächter Hans Henning Schneidereit und dem Vorsitzenden des Gaststättenverbandes gegründet um St. Pauli touristen- und gastfreundlicher zu gestalten und gegen den „Nepp“ vorzugehen. Schneidereit (geb. 1930) war seit 1964 Besitzer des „Safari“ und zeitweise Pächter der Kabaretts Tabu, Alkazar, Indra, Colibri und der Jungmühle. Keiner dieser Life-Clubs, bis auf das Safari, existiert heute noch.  In den 80er Jahren soll Wilhelm Bartels zwischen 40-60 Gaststätten und Läden auf St. Pauli verpachtet haben. Ihm gehörten u.a. die Hotels „Hotel Hafen Hamburg“, das „Kronprinz“, „Fürst Bismark“, „Senator“ und das „Eden“, eine Handvoll „Kleinkunstbühnen“, unter anderem das „Schmidts Theater“ und das „Dollhouse“ und etliche Wohnhäuser auf St. Pauli und in ganz Norddeutschland. Sein bisher größtes Projekt war die Neugestaltung des Geländes der Astra-Brauerei (Davidstraße) mit Hotels, Wohn- und Gewerbeflächen, welches 2008 fertiggestellt wurde. Bartels verstarb gleichen Jahres.

1968 gab es in St. Pauli noch die Tanzcafes „Mehrer“ (Große Freiheit) und „Menke“ und „Lausen“ (beide auf der Reeperbahn) Das „Mehrer“ hatte eine Tischtelefonanlage zur Kontaktaufnahme. In allen drei Cafes fand eine umfangreiche Lokalprostitution statt. Das Preisniveau lag weitaus höher als bei den Straßenprostituierten. Auf diesem Gebiet sollen ca. 400 – 500 Frauen aktiv gewesen sein. Die Tarife lagen oft um die hundert Mark für einen mehrstündigen Service. Dafür wurden die Stundenhotels auf der Reeperbahn und der Großen Freiheit frequentiert. Die Zimmerkosten zwischen 20-30 Mark gingen ebenfalls zu Lasten des Freiers. Die beiden Cafés auf der Reeperbahn galten auch unter dem bürgerlichen Klientel als respektable Lokalitäten, wo gute Tanzmusik und Service geboten wurde. Dementsprechend wurde von den Frauen die dort arbeiteten, gegebenenfalls bürgerliche Umgangsformen und ein dementsprechendes seriöses Geschäftsgebaren erwartet. In den 70ern wurde aus dem Hotel Lausen ein richtiger Bordellbetrieb, bis nach der Krise des Rotlichtmilieus in den 80ern dort eine Mac-Donalds-Filiale einzog. Das Hotel,, welches inzwischen über albanische Mittelsmänner geführt werden soll, existiert weiterhin und bietet in einem Night-Club regelmäßige Stripteasevorführungen an. Das Cafe Keese bietet als einziges noch Kaffeehausatmosphäre, setzt inzwischen aber auch auf einen Mix von traditionellen Interieur und moderner Clublocation. Mencke existiert nicht mehr und vom Cafe Mehrer gibt es noch der Namenszug an der Außenfassade, ansonsten ist es zu einem Musik-Club umgebaut worden.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg


Die „Große Freiheit“ – Kabaretts und Transvestiten

Anfang 1970 zog das Sex-Variete „Salambo“ unter der Leitung Rene´ Durants in das Gebäude des ehemaligen Starclubs ein. Das „Salambo“ in der Großen Freiheit unter der Regie von Rene Durand galt als eines der freizügigsten Etablissements und als eines der Highlights in diesem Showgewerbe. Die 3x täglich stattfindenden Vorführungen in diesem Erotictheater waren zu dieser Zeit immer komplett ausverkauft. Die Bestuhlung zählte 150 Plätze, der Minimalverzehr lag bei 14 Mark, eine Flasche Champagner kostete damals 150 DM.  Nach dem großen Brand 1983, der das Gebäude restlos zerstörte, zog das Variete in die Große Freiheit Nr.11 um. Das Ordnungsamt entzog dem Salambo, das  als erstes Etablissement offiziell den unverhüllten Geschlechtsakt auf die Bühne geholt hatte, bzw. dem Betreiber Rene Durant, die Konzession wegen verdeckter/heimlicher Prostitution. Seine Tochter konnte, nachdem das Thema sogar in der Hamburger Bürgerschaft besprochen wurde und die ehemalige „Ruhezone“ geschlossen wurde, Anfang der 90er Jahre das Salambo wieder eröffnen. Sie konnte aber nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen und 1996, nach einer erneuten Polizeirazzia wurde das Salambo wegen heimlicher Prostitution und  Waffenbesitz endgültig geschlossen.

1968 gab es mit dem „Tabu“, „Regina“, „Les Premiers“,  dem „Safari“ und dem „Colibri“, das in den 60ern und später mit dem Salambo als führendes Striptease Kabarett in St. Pauli galt, eine Reihe namenhafter Kabaretts in der Großen Freiheit, die sich neben vielen kleineren Läden auf Live-Bühnenshows spezialisiert hatten.

Im „Les Premiers“ beispielsweise, gab es neben den einschlägigen Liveshows  eine  Sauna, ein Swimming Pool und Duschen für danach und es bestand die Möglichkeit für das zahlende Publikum mit den Damen in die Sauna zu gehen, was darauf hinweist das die Grenzen zwischen Kabarett und Prostitution wahrscheinlich fließend waren.

Desweiteren gab es in dieser Strasse die „Monica-Bar“, ein Transvestitenlokal und das „Barcelona“, ein homosexueller Treffpunkt – Ausdruck der in der Nähe befindlichen Transvestiten- und Schwulenszene in der Schmuck- und Talstrasse. Obwohl sich diese Szene Ende der 60er Jahre zum Teil auch  in der Kastanienallee in den Bars „Le Punch“,  „Bar `Celona“, „Flamingo“ und „Laubfrosch“  konzentriert  haben soll. Die  Talstraße soll sich schon seit den 20er Jahren zu einem Treffpunkt der Homosexuellenszene entwickelt haben. Heute gibt es dort noch 6 Gay-Kinos und Läden sowie in den umliegenden Straßen einige Szene-Bars und Musikclubs.

„Wir oder jedenfalls die Besseren von uns werden auch gern zum Animieren in den normalen Kabaretts genommen, weil wir `nen besseren Umsatz machen. Aber da gibt`s natürlich auch Kämpfe zwischen uns und den richtigen Frauen – aus so was entsteht Hass. Denn einige von uns sind ja richtig Spitze, mit unseren dunklen Stimmen gibt`s auch keine Probleme, die schieben die Gäste meist auf Alkohol oder auf`s Rauchen. Und das Gehänge wird halt geschickt nach hinten geklebt mit Leukoplast. Das ziept am Anfang, aber da gewöhnst du dich schnell dran, kannst du wieder ablösen mit Waschbenzin. Ist ganz einfach: den Hoden schiebst du in die Bauchhöhle, is wie ne` Tasche, und den Schwanz ziehst du nach hinten durch die Beine. Das Pflaster klebst du hoch bis zum Arsch, ist hautfarben, fällt also gar nicht auf. Den Sack klebst du ringsherum, da entsteht eine richtige Mulde, in der du sogar eine Kerze oder ein Seidentuch reinstecken kannst, wenn du Show machst. Fällt fast jeder drauf rein. Im Augenblick haben wir unheimlich viele Transis hier in Deutschland, die meisten aus Südamerika oder Spanien. Die gehen auf den Strich oder Tingeln. Die sind hier als Touristen eingereist und fahren nach 3 Monaten, sobald ihre Visa ablaufen, für ein paar Tage nach Holland oder Dänemark. Mit neuen Visa für 3 Monate sind sie bald wieder da.(…) Anschaffen, Nachtleben, Animieren oder Bühne. Zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent gibt`s auf die Drinks. Cola mit Rum, Pfläumchen oder Ponnys, in der „Taverne“, im „Flesh“, in den „Drei Weisheiten“ in der Schmuckstraße oder in der Großen Freiheit im „Musikladen“ oder in der „Monica Bar“. Die Besitzerinnen sind meistens Lesben“

Zitat aus:  Eppendorfer Hans, 1982 „Szenen  aus St. Pauli“, Seite 108

Nach 2000 gab es in der noch existierenden Straßenzeile der Schmuckstraße nur noch einen kleinen Transvestitenstrich wo, Transis abends vor den Häusern standen und auf Kundschaft warteten. In der Straße gab es noch 2 Kneipen: das „Steppenwolf“ und die  „Taverne Bar“ in denen vorwiegend Transvestiten in üblicher St- Pauli-Manier die Gäste zum Trinken und Geldausgeben animierten. Aufgrund des baulichen Zustandes der Häuser ist es absehbar, das die gesamte Straßenbebauung wahrscheinlich abgerissen oder totalsaniert werden wird. In der Großen Freiheit hat sich, ausgehend von dem ständigen Zufluss thailändischer Bühnenkünstlerinnen, seit den 80ern eine dementsprechende Szene herausgebildet. Es gibt dort mehrere Stripbars und ein Bordell (Thai Paradies), in denen ausschließlich Thailänderinnen arbeiten. Laut einem Informanten sollen alle diese Läden dem gleichen Besitzer gehören. Weitergehend gab es in der Straße einen thailändischer Imbiß und an der Ecke zur Schmuckstr. die „Thai Oase“, eine Karaoke Bar mit  gemischtes Publikum, wo viele echte Karaoke-Fans ans Mikro gehen.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

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St. Pauli im Umbruch

Die 80er  Jahre– ein Stadtteil im Umbruch

In den 80ern geriet im St.Pauli Milieu vieles in Umbruch. Durch die komplette Modernisierung des Hafens, die bereits Ende der 60er Jahre begann, brach eine tragende Säule des Sex- und Alkoholgeschäftes weg. Es kamen kaum noch Matrosen an Land, da die Containerschiffe inzwischen in 24 Stunden entladen wurden. Diese Modernisierung wie auch die Werftenkrise kostete einen Großteil der Hafenarbeiter ihren Job die sonst auch ihre Stammkneipen in St. Pauli hatten. In den beschäftigungsintensivsten Zeiten arbeiteten bis zu 50 000 Menschen im Hamburger Hafen, 1999 bereits weniger als 5000.  Früher lagen die Schiffe zum Be- und Entladen mindestens 1 Woche, manchmal bis zu 4 Wochen vor Anker und die Schiffsbesatzungen nutzten die Zeit für Landgänge und brachten ihre Heuer nach St. Pauli. Inzwischen haben die Matrosen nicht nur weniger Zeit, sondern auch weitere Wege. Die Schiffe liegen weiter weg vom Kiez, im Containerhafen auf der Südseite der Elbe. Außerdem verdienen viele der Matrosen auf den Billig-Flaggen-Schiffen oft nur einen Dollar pro Tag. Die Taxifahrt vom Containerhafen nach St. Pauli kostet 30 €, so dass Viele lieber bei der Seemannsmission „Duckdalben“ im Freihafen bleiben. Früher arbeiteten die als Dockschwalben bezeichneten Prostituierten direkt an den Kais und gingen mit den Seeleuten in nahe gelegene Steigen oder auf das Schiff. In den 60er und 70er Jahren standen die Frauen zum Teil in den Nebenstraßen Richtung Harburg und frequentierten Kneipen in der Nähe der Anlegestellen im Freihafen. 2004 wurde mit dem „International Ship and Port Facility Security Code“ der Freihafen für Unbefugte gesperrt. Von den Kneipen existiert heute noch eine einzige – die Karaokebar „Bituin“, die überwiegend von phillipinischen Seeleuten besucht wird.

Eine weitere Zäsur für den Stadtteil, stellten die fortgeführten Prämissen der Stadtteilplanung dar, in dessen Konsequenz die Prostitution aus ihrem traditionellen Quartier am Fischmarkt, am Hafenrand und in der Bernhard-Nocht-Str. verdrängt wurde und die historische Baustruktur des betreffenden Areals unwiederbringlich zerstört wurde. Den 2. Weltkrieg hatte der Fischmarkt mit der Fischauktionshalle, den Lagern, Speichern, Fabriken und angrenzenden Wohngebieten fast unbeschadet überstanden, nicht aber die Sanierungspolitik des Senats in den folgenden Jahrzehnten. Bereits 1974 wurde die Bebauung des Hexenbergs oberhalb des Fischmarktes vollständig abgerissen und neubebaut. Anfangs der 80er, im Rahmen der neuen Flutschutzsicherung wurden die ursprünglichen Kopfsteinpflasterstraßen durch eine vierspurige Hafenrandautobahn ersetzt, der Fischmarkt räumlich versetzt, von Wohnungsneubauten eingegrenzt und um mehr als die Hälfte seiner Fläche reduziert. Wegen der baulichen Maßnahmen ist der  Straßen- und Autostrich, der sich von der anliegenden Straße Pepermölenbek auf den Fischmarkt verlagert hatte, nach St. Georg und Hammerbrook ausgewichen.

Der Fischmarkt, seit 1711 auf seinem heutigen Platz, entwickelte zum Ende des 19. Jh, als Altona den bedeutendsten Fischereihafen des Deutschen Reiches stellte, zum größten Markt wo täglich Fischauktionen abgehalten wurden. 1934 erfolgte die Zusammenlegung mit dem Hamburger Fischmarkt auf das Areal des Altonaer Fischmarktes. Der Markt war eingebetet in einen typischen hafenstädtischen Lebensraum. Zehntausende von Menschen kamen täglich hierher, entweder um auf den Fischmarkt zu arbeiten, zu handeln und zu kaufen, oder um sich von einem der zahlreichen Schiffsanlegern auf die andere Elbseite zu den Werften und Hafenbetrieben übersetzen zu lassen.

Im gleichen Zeitraum, im Rahmen der Komplettsanierung ausgehend vom Hexenberg, plante die Stadt den kompletten Abriss der Altbauten am Hafenrand – an den Straßen Hafenstraße und Bernhard-Nochtstr.- um dort Bürokomplexe anzusiedeln. Zuerst der Kaffeekonzern Tschibo und dann das Verlagshaus Gruner und Jahr standen in Verhandlungen mit dem Senat, bis 1981, durch eine zunächst stille Besetzung der betreffenden Häuser, diese Pläne verhindert wurden. Die „Hafenstraße“ mit ihren ca. 100 Besetzern entwickelte sich zu einem Politikum mit häufigen Großeinsätzen der Polizei, bis ein breites Solidaritätsbündnis den Erhalt der Häuser durchsetzen konnte.1996 verkaufte die Stadt die Häuser, mit der Auflage der dauerhaften Sanierung und Bewirtschaftung, an die Genossenschaft St.Pauli Hafenstraße.

Auch die in den 90ern realisierten Bauvorhaben zeigen keine Abkehr, sondern die Vollendung der alten stadtplanerischen Prämissen. Beim Fischmarkt, an der Elbstrasse wurde zwar die alte Mälzerei aufwendig saniert und beherbergt inzwischen ein Zentrum für italienisches Möbeldesign und mehrere Gastronomien, aber die Wasserseite der Elbstrasse, wo früher an den Docks die Schiffe entladen wurden, ist trotz Bürgerprotesten ein großflächiger Büroneubaukomplex entstanden. Am Millerntor, ist anstelle des Mitte der 90er gesprengten Iduna-Hochhauses 1997 ein imposanter Neubau entstanden, in den 1999 der Internet-Betreiber AOL einzog und 6 der 10 Etagen belegte. Dieser Neubau dient als Keimzelle einer neuen Strukturplanung, die zu einer Neubebauung  der Straßen Seilerstraße, Simon von Utrechtstr. bis zur Detlev-Bremer-Strasse mit Hotels und Büros führte. Auf der anderen Seite der Reeperbahn bezieht der Plan die Strassen Zirkusweg und Beim Trichter mit ein, nur das dort anscheinend noch kein schlüssiges Finanzierungskonzept vorliegt. Dem dort jahrelang residierenden „Mojo-Club“ wurde auf jeden Fall schon 2003 gekündigt. Inzwischen ist dort das Prestigeobjekt des Star-Architekten Teherani geplant. Die sogenannten „Tanzenden Türme“, zwei über 80 Meter hohe Hochhausbauten. Die Künstlerinitiative, die das Gebäude übergangsweise für mehrere Jahre nutzte, musste Herbst 2009 ausziehen. Auf dem Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei, dem heutigen „Brauquartier“, entstanden mit einem Investitionsvolumen von 350 Mio. Euro fast 300 Wohnungen, das Hotel Empire Riverside und 55.000 Quadratmeter Büros, Einzelhandel und Gastronomie. Prägnant ist die nach außen hin abweisende Architektur der Neubauten. Sie sieht zwar eine kommerzielle und teilweise gastronomische Nutzung vor, ist aber auf ein „Innenraum-Konzept“ gegründet, während das Straßenleben, das für St. Pauli charakteristisch ist, im Einzugsbereich dieser Bauten verödet.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Heiligengeistfeldes, in direkter Nachbarschaft zum Karolinenviertel und St. Pauli-Stadion, soll in dem denkmalgeschützten ehemaligen Schlachthof, der seit Jahren verschiedene Großsupermärkte beherbergte, ein Veranstaltungszentrum entstehen, welches mehrere Zehntausend Besucher fasst. Ein weiterer Brennpunkt ist das „BNQ“.  Die Investoren Köhler&von Bargen wollen in St. Pauli, an der Bernhard-Nocht-Straße und umliegenden Straßen, das sogenannte “Bernhard-Nocht- Quartier (BNQ )” bauen. Geplant ist der Abriss historischer Substanz, an deren Stelle Eigentumswohnungen und Gewerbeflächen in inzwischen gewohnter Hochhausarchitektur entstehen sollen. Betroffen sind davon zahlreiche Kneipen und Altmieter, die sich in direkter Nachbarschaft der Hafenstraßenhäuser angesiedelt haben. Die haben sich zu der Initiative „No-BNQ“ zusammengeschlossen, welche sich zunehmend im Rahmen der „Recht auf Stadt“-Kampagne mit anderen Initiativen vernetzen. Sie haben einen alternativen Bebauungsplan entwickelt, der unter der Mitbestimmung der betroffenen Anwohner auf den Erhalt der Häuser und der gewachsenen Strukturen setzt. Es wird sich ab 2010 zeigen, ob es den vielen Stadteilinitiativen und den Besetzern des Gängeviertels gelingen wird der zunehmenden kommerziellen Verödung innerstädtischer Quartiere etwas entgegenzusetzen.

Empire St. Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen
Ein Dokumentarfilm von Irene Bude und Olaf Sobczak
Produktion Steffen Jörg, GWA St. Pauli | Mini-DV, 2009, 85 Min.
http://www.empire-stpauli.de/

http://www.rechtaufstadt.net/


Musikclubs und „Kulturmeile“

Die ersten Aids-Fälle traten in Deutschland, Frankreich und der Schweiz um 1981 auf. In der Bundesrepublik begannen 1985 die ersten staatlich organisierten  Präventionskampagnen. Die Diskussion der einzuschlagenden Präventionspolitik sprengte den Rahmen herkömmlicher gesundheitspolitischer Debatten, da die Hauptbetroffenengruppen zu besonders marginalisierten und stigmatisierten Bevölkerungsgruppen gehörten: Homosexuelle, Drogenabhängige und Prostituierte. Die Presseberichterstattung in den 80er Jahren, in der Aids als die Seuche des 20. Jh. dargestellt wurde und mit den Pest- und Syphilisepidemien  vorangegangener Jahrhunderte gleichgestellt wurde, führte zum Niedergang des Rotlichtmilieus und zu einem verstärkt monogamen Sexualverhalten in großen Teilen der Bevölkerung. Weltweit sind inzwischen mehr als 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, 560.000 davon in Europa, etwa 50.000 – 60.000 in Deutschland. AIDS ist längst keine Krankheit von Randgruppen mehr. In der Anfangszeit der Epidemie waren 90% aller Infizierten in Deutschland homosexuell oder drogenabhängig, heute sind es weniger als 50%. Die Zahl der Neuinfektionen wird pro Jahr auf ca. 2.000 – 2.500 geschätzt, wobei die Infektionsgefahr zu ca. 16% bei heterosexuellen Kontakte liegt. Inzwischen hat sich das emotionale Klima wieder normalisiert und bei der nachfolgenden Generation macht sich, wenn man den Presseberichten glauben kann, wieder eine gewisse Sorglosigkeit breit. Aber Mitte der 80er Jahre kam es zu massiven Geschäftseinbrüchen im Sexbusiness. Das Geschäft mit der Prostitution litt darunter das die potentiellen Freier Angst vor Aids hatten und das wirkte sich auf das gesamte Rotlichtbusiness aus, so dass bald billige Räume und Läden frei wurden, da das Geschäft der Zweit- und Drittvermietung der gleichen Räume nicht mehr funktionierte. In St. Pauli entwickelte sich eine neue Musik- und Clubszene und – im Gegensatz zu den 70er wo die Einwohnerzahl durch Wegzug stark abfiel, wurde Ende der 80er St. Pauli zu einem beliebten und günstigen Stadtteil für junge Menschen.

Martens Rene, Günther Zint, 2000, „Kiez, Kult, Alltag“, Verlag der Hanse, Hamburg

Nach dem Ende des Star-Clubs in den 70er Jahren war der St. Pauli-Kiez für viele Jugendliche weitgehend uninteressant, da es keine dementsprechenden Angebote gab. Die Reeperbahn war zu dieser Zeit nicht so eine überfüllte Ausgehmeile wie heute, viele Clubs und Diskotheken mit einer innovativen Musikszene lagen zu dieser Zeit in anderen Stadtteilen, bsp. wie das „Onkel Pö“, das „Logo“, Madhouse“, „Remter“, „Knust“ und das „After Eight“. Ab den 80er Jahren entstand mit der Krise des traditionellen Rotlichtmilieus eine neue Musikclub- und Kneipenszene mit den Zentren Hamburger Berg und Hans-Albers-Platz und Seitenstraßen. Auf dem Hans-Albers Platz wurde diese Entwicklung durch den Umstand begünstigt das der Immobilienmakler und Betreiber des „Erotik Art Museums“ Claus Becker dort nach und nach Häuser aufkaufte und das traditionelle Milieu dort zurückgedrängt wurde.

Am Hamburger Berg, wie um den Hans Albers Platz existieren Milieu- und traditionelle St. Pauli-Kneipen, neben den neuen Musikclubs- und –kneipen und den sogenannten „Spaßläden“ der Wochenend-Pistengänger. Am Hamburger Berg wurde diese Entwicklung durch die Gründung der Musikkneipe „Sparr“ und dem „Tempelhof“, Ende der 80er eingeleitet. Inzwischen gibt es in dieser Strasse an die zehn Läden für verschiedene Geschmäcker. Eine der dort noch vorhandenen typischen St. Pauli-Kneipen ist die „Zum Goldenen Handschuh“. Hinter dem Tresen bedient die Tochter des Wirts und Enkelin des Kneipengründers Herbert Nürnberg (geb. 1914), der die Kneipe beim Boxen gewonnen hatte und aus ihr ein Lokal machte, wo sich zu seinen Zeiten die Boxprominenz traf. Ähnlich wie die Kneipe „Ritze“(Reeperbahn) mit ihrem Trainingsraum, sich in den 80ern zu einem Treffpunkt bekannter Boxer entwickelte. Nach dem Tod von Nürnberg verlor sich der Glanz der Kneipe. Mit einem Interieur aus den 50er Jahren bietet sie einem in die Jahre gekommenen Publikum die Möglichkeit des billigen Alkoholkonsums. Desweiteren gibt es in der Strasse ein paar Kneipen des Milieus wo einige der Portiers der Strip-Lokale nach Feierabend noch einkehren, außerdem einen „Club“, einen Sexshop und die älteste Tattoo-Stube  Hamburgs.

In den besetzten Häusern der Hafenstraße entwickelte sich mit den ehemaligen Kiezkneipen „Onkel Otto“ und „Ahoi“ und dem Veranstaltungszentrum „Vokü“, später dem „Störtebeker-Zentrum“ eine musikalische Subkultur der durchaus ein Multiplikatoren-Effekt bei der späteren Vielzahl von Ladengründungen ab Ende der 80er zugesprochen werden kann. In der Nähe eröffneten später das “Soul Kitchen” (1989- ca. 1995) und der „Golden Pudel Club(1995)“. Neben weiteren kleinen Läden wie das „Mitternacht“ (Gerhartstr.16, 1985-90) das „Heinz Karmers Tanzcafe“(1994-97), der „Tanzhalle“(Silbersackstr./Elektro), dem „Better Days Projekt“ (Hopfenstr. 34) oder der Diskothek „Aftershave“, die bereits in den 80ern vom Besitzer des Grünspans am Zeughausmarkt und dann am Spielbudenplatz betrieben wurde, entstanden im Rahmen dieser Entwicklung auch größere Veranstaltungsorte.

Die Lizenzvergabe des Ordnungsamtes hatte entscheidend mit dazu beigetragen, dass es kaum noch Kabaretts gab. Die Musik- und Clubszene hingegen profitierte von dieser Entwicklung. Neben der Umwandlung vieler Live-Shows  in der Großen Freiheit in Diskotheken und Musikclubs, etablierten sich mehrere Veranstaltungszentren für Live-Musik. 1988 eröffnete die „Große Freiheit 36“, eine Live-Musik-Bühne und Diskothek. Am Spielbudenplatz in den Räumen der „Knopf`s Music Hall“ eröffnete das ähnlich ausgerichtete „Docks“ mit der dazugehörigen „Prinzenbar“, einem ehemaligen Luxusbordell. Am Millerntor, in dem ehemaligen Bowlingcenter entwickelte sich seit 1991 mit dem „Mojo Club“ eine Dancefloor Jazz- und elektronischer Tanzmusik-Szene, die neue Trends aus England in die Stadt brachte und  – ähnlich wie der Starclub früher – ein eigenes Plattenlabel betrieb. Dem Mojo-Club wurde allerdings 2003 seitens der Stadt gekündigt und musste schließen. (der zukünftige Großinvestor für dieses Gelände ist die „B&L Immobilien Ag“ mit dem Vorstandvorsitzenden Hans Hellberg) Ähnlich erging es dem seit einigen Jahren bestehenden Veranstaltungscenter im ehemaligen C&A-Kaufhaus am Nobistor, auf der anderen Seite der Reeperbahn. Das Gebäude bot im Rahmen einer Mehrfachnutzung mehreren Musikclubs und Konzertveranstaltern eine Betriebsmöglichkeit; zeitweilig dem „Phonodrom“, dem „KDW“, der „Weltbühne“ und „Echochambre“. 2006 musste das Gebäude einem Erweiterungsbau der benachbarten Endo-Klinik weichen.

Neben dieser kurz umrissenen Entwicklung der Musik- und Clubszene kam es zu einer Wiederbelebung der „Kulturmeile“ Reeperbahn, die lange Zeit nur von dem Operettenhaus und dem St. Pauli-Theater repräsentiert wurde. Das St. Pauli Theater wurde 1970 nach längerer Spielpause neu eröffnet. Kurt Collien übernahm das Theater in 13. Direktion. Namen wie Freddy Quinn („Der Junge von St. Pauli“), Willy Milowitsch oder Henry Vahl standen ab dann regelmäßig auf den Spielplänen. Es folgten ab Ende der 80er Musicals wie „Little Shop of Horrors“(1988) oder „Aretha – The Queen of Soul“ und regelmäßige Gastauftritte der „Natural Theatre Company“, einer ehemaligen englischen Straßentheatergruppe. 2003 erfolgte mit dem Schauspieler Ulrich Tukur und dem Regisseur Ulrich Weller, die 8 Jahre lang die Hamburger Kammerspiele geführt haben, eine Neuorientierung. Mit Thomas Collien, der in der dritten Generation das Haus leitet, geht das Theater auf die Suche nach einer deutschsprachigen Unterhaltungskultur, wie sie zwischen den Weltkriegen in Blüte stand.

1988 eröffnete das Schmidt-Theater am Spielbudenplatz, wo sich früher die „Union-Lichtspiele“ befanden. Der Betreiber ist Corny Littmann und sein damaliger Partner Ernie Reinhardt, besser bekannt als Lilo Wanders aus der Fernsehserie „Wa(h)re Liebe“. Das Theater war mit seiner Mischung aus Comedy, Kleinkunst und St. Pauli-Musicals, die zum Teil regelmäßig vom NDR-Fernsehen aufgezeichnet wurden, außerordentlich erfolgreich. Das Gebäude wurde 2004 abgerissen und das Theater 2005 in einem Neubau wiedereröffnet. Im ehemaligen Zillertal (1925-1990) wurde 1991 das „Schmidts Tivoli“ und der „Angie Nightclub“ eröffnet. In diesem Zusammenhang wurde von Corny Littmann und Prof. Norbert Aust das Unternehmen „Schmidt`s Tivoli“ gegründet. Norbert Aust ist ein ehemaliger Direktor (1980) der Hochschule für Wirtschaft und Politik und dort immer noch als Professor für Rechtswissenschaften tätig. Zur Schmidts Tivoli GmbH gehört das Schmidt Tivoli Theater mit ca. 600 Plätzen, der Angie`s Nightclub und seit 1997 das Schmidts Theater. Die dazugehörige Firma „SeeLive Tivoli“ wurde gegründet um auf 4 Schiffen der Reederei „Seetours“ für  professionelle Unterhaltung zu sorgen. Das beinhaltet allabendliche Musik- und Showprograme für die jeweils 800 Sitzplätze umfassenden Theater und weitergehend Animation, Kinderbetreuung, Workshops und Lernprogramme. 2004 eröffnete „SeeLive Tivoli“ in der Seilerstraße 41-43, eine „Hamburg School of Entertainment“. Jährlich sollen 25 Schüler spartenübergreifend für den Show- und Theaterbereich ausgebildet werden. „SeeLive Tivoli“ ist ein Tochterunternehmen von Schmidt`s Tivoli. Vor dem Umbau des Schmidts Theater hatte die „Schmidt`s Tivoli“  ca. 250.000 Besucher jährlich in ihren festen Häusern und ca. 14 Millionen Umsatz zu verzeichnen.

Es folgte 1994 die Gründung des „Imperial Theater“ auf der Reeperbahn, einem Musical- und Comedy-Theater,  in den Räumen eines ehemaligen Premieren- und späteren Pornokinos. Und seit 1999 hat  das Zelttheater der „Fliegenden Bauten“ an der Glacischaussee, direkt an dem Domplatz angrenzend, seinen festen Standort. Die Betreiber hatten bereits vorher mit Produktionen wie „Cirque O“ neue Maßstäbe im Bereich der circensischen Künste gesetzt. Vor einigen Jahren zog das „Pulverfaß“,  ein über Hamburg hinaus bekanntes Transvestiten-Kabarett, welches bereits 1973 am Pulverteich in St. Georg gegründet wurde, auf die Reeperbahn. In den Shows wechseln sich Conferencen und Live-Gesang, internationale Star-Parodien, Comedy, Men-Striptease und Revuen im raschen Tempo aneinander ab. Menstripshows für Frauen, als Ausdruck einer veränderten Konsumentenhaltung, werden neben dem Dollhouse auch einmonatlich im „Herzblut“(Reeperbahn 50), einem mit Formenelementen des Jugendstils und des Art Deko  gestylten Cafe, Restaurant und Tanzbar, veranstaltet. Außerdem finden dort Gay- und Karaoke-Parties statt. Der Geschäftsführer vom „Herzblut“  war jahrelang Cocktailmixer im „Angie`s Nightclub“ und betreibt auch noch die Cocktailbar „Christiansen“ am Pinnasberg 60 und die Bar im Schauspielhaus, St.Georg.

Das Erotic Art Museum des Hamburger Immobilienhändlers Claus Becker (zeitweiliger Teilhaber und Mitbegründer der „Hansa Trauhand Schiffsbeteiligung GmbH“), ein weiterer Anziehungspunkt für St. Pauli-Besucher, hatte seinen Standort in der ehemaligen Hutfabrik am westlichen Ende der Reeperbahn. Es zeigte 2000 Werke erotischer Kunst von  der Renaissance bis zum 20.Jh. Es wurde 1992 in der Bernhard Nocht Straße 69 eröffnet und zog 1997 dann zum Nobistor/Reeperbahn um. Neben der festen Ausstellung von erotischen Exponaten quer durch die Kulturen und Epochen, gab es bereits mehr als 60 Sonderausstellungen. Ende der 90er-Jahre geriet Becker in Zahlungsschwierigkeiten und die Immobilien kamen unter Zwangsverwaltung. Ende 2004 stand das Erotic-Art-Museum, das seit seiner Gründung mehr als 2 Millionen Besucher verzeichnet hatte, erstmals zur Zwangsversteigerung. Im Sommer 2005 ersteigerte der Kosovo-Albaner Burim Osmani über seine Firma GGS die Räumlichkeiten des Museum an der Bernhard-Nocht-Straße für 1,5 Millionen Euro. Die zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden Sammlungen von Erotica wurden von den Osmanis aufgelöst. Im Juni 2007 wurde die Immobilie für 4,4 Millionen Euro an drei Hamburger Immobilienkaufleute verkauft

Jährlich besuchen nach Schätzungen der Hamburger Touristenzentrale ca. 15,5 Millionen Menschen St. Pauli. Die wiederauferstandene Kulturmeile am Spielbudenplatz, vom Operettenhaus bis zum St. Pauli-Theater, Ecke Davidsstr. hat sich zu einem Attraktionspunkt für Hamburger, wie für Touristen entwickelt. Die weiterhin boomende Musik-Club-Szene ist rein auf jugendliche Pistengänger ausgerichtet. Diese beiden relativ neuen Entwicklungen haben ihrerseits kaum Kontakte zu dem traditionellen Rotlichtmilieu St. Paulis

Twickel Christoph (Hg.), 2003, „Läden, Schuppen, Kaschemmen“, Edition Nautilus, Hamburg

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Die Prostitution im Hamburger Raum

Zuhälter und organisierte Kriminalität

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges und vor allem mit dem einsetzenden Boom des Rotlichtgewerbes kam es zu einer Wiederbelebung der Zuhältervereinigungen. Es entstanden eine Reihe der Ring-Vereine neu, so in Berlin der „Sparverein West“(1949), der „Vergnügungs- und Sparverein Louisenstadt“ (1952) und der „Lotto-Verein-Nord“ (1954) 1957 wurden 17 Mitglieder eines Berliner „Sparvereins“ wegen Gründung einer Untergrundvereinigung, Landfriedensbruch, Nötigung und Körperverletzung zu hohen Strafen verurteilt. Im gleichem Jahr wurden in Braunschweig 10 Mitglieder des Kegelclubs „Goldene Neun“ und des wiederauferstandenen  Sparvereins „Unter Uns“ zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Geschichte dieser offiziellen Zuhältervereine, die in ihrem jeweiligen Milieu verwachsen waren und in ihrer Erscheinungsform  Wert auf äußere Legalität legten und ihre Vereine und Statuten offiziell bei den Behörden anmeldeten und vorzeigten, ging in den 50er Jahren zuende. Die Zuhälterorganisationen neueren Typs unterschieden sich von diesen Ringvereinen durch eine größere Affinität zu anderen kriminellen Deliktformen und Schwer-kriminalität, durch eine starke Kommerzialisierung und betriebs-wirtschaftliche Organisation und eine erweiterte Internationalisierung von „Geschäftskontakten“

In den 60er Jahren trat die Person von Wilfried Schulz, genannt „Frieda“ im St. Pauli-Milieu erstmals in die Öffentlichkeit. Er  war in St. Pauli geboren und aufgewachsen und trat zuerst als Besitzer des Stundenhotels „Austria“ in der Talstraße in Erscheinung, bis er dann durch vielfältige Beteiligungen und Geschäftsübernahmen zu einer der einflussreichsten Personen im Milieu wurde. Er galt als der Inbegriff des „ehrenwerten Gauners“, der in seinem Revier seinen Codex durchsetzte – mit dem Faustrecht, aber ohne Waffen. Mit Freunden und Bekannten übernahm er die Gerichtsbarkeit bei Streitigkeiten im Milieu. Maßregelungen konnten von einer „Abreibung“, bis zur Zerstörung einer Ladeneinrichtung oder der Verbannung durch ein St. Pauli-Verbot gehen. 1977 veranstaltete Wilfried Schulz im Hamburger Kongresszentrum eine exklusive Boxgala, u.a. mit den Pop-Stars Roberto Blanco und Katja Epstein, die als eine der größten „Ganovenbälle“ der Nachkriegszeit galt.

Ende der 70er Jahre gerieten zwei konkurrierende Zuhältergruppen in die Schlagzeilen. Die einen firmierten unter dem Namen „GMBH“ in den Boulevardblättern, mit einem Clublokal in der Silbersackstrasse. Die andere Gruppierung unter den Namen „Nutella“. Sie hatten Anteile im Eros-Center und in der Herbertstraße und den ehemaligen „German Club“ am Spielbudenplatz als Treffpunkt. Bei der „Nutella“ stieg Anfang der 80er Jahre die deutsche Sektion der „Hell Angels“ mit ein. Symptomatisch für das Auftreten vieler Zuhälter war ein ausgeprägter Mannbarkeitsritus wie er sich auch in vielen Filmen Ende der 60er und den 70er Jahren widerspiegelte: die Fähigkeit sich mittels Faustrecht durchzusetzen, das unter Beweis stellen ihrer Potenz und das überzogene Zuschaustellen von Statussymbolen, z.b. teure Uhren, die Kleidung der Frauen (wie auch die Frauen selbst) und vor allem auffällige Autos und Motorräder.

Der Prostitutionsmarkt begann sich zu verändern. Den Bordellbetrieben und Hotels auf St. Pauli entstand eine Konkurrenz durch die ca. 300-500 Kleinanzeigen in den großen Tageszeitungen  „Bild“ und „Mopo“ mit einer klar veränderten Konsumentenhaltung des Freiers, weg von den Großbordellen, hin zu den oft serviceorientierteren kleinen Bordellen und Privatwohnungen, die über den gesamten Hamburger Raum verteilt waren. Außerdem gelangten anfangs der 80er  härtere Drogen im größeren Umfang auf den Markt, zuerst Kokain, später dann auch Heroin. Die Konkurrenzsituation verschärfte sich und interne Revierkämpfe, bzw. neue Geschäftsinteressen unter den verschiedenen Gruppierungen in St. Pauli wurden ab 1981 auch mit Waffengewalt (und Todesfolgen) ausgetragen, so dass der Codex „ohne Waffen“ auf dem Kiez keine Gültigkeit mehr hatte. 1982 beendete eine der größten Polizeirazzien der Nachkriegsgeschichte die Karriere von Wilfried Schulz. An die hundert Nachtlokale, Spielsalons und Wohnungen wurden durchsucht und „Frieda“ infolge der zusammen getragenen Beweise 1984 wegen Steuerhinterziehung und Förderung der Prostitution verurteilt. 1983 riegelten ca. 500 Beamte das Gebiet um die Club-Kneipe „Angels Palace“ im Schanzenviertel, dem Lokal der Hell´s Angel, ab und verhafteten sämtliche Anwesenden. Der Bundesinnenminister verbot den „Hell´s Angels Motor-Club e.V.“ als kriminelle Vereinigung und infolge dieses Polizeieinsatzes wurde auch die Zuhälterorganisation GMBH empfindlich getroffen – entweder unter dem juristischen Konstrukt „der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“ oder durch die Steuerfahndung. 1984 konnte durch verdeckte Ermittlungen die Nutella-Gruppe belangt werden, ihre Geschäftskonten wurden gesperrt und Verfahren wegen Steuerhinterziehung, räuberischer Erpressung und Körperverletzung erhoben. 1986 wurde mit einer weiteren Großrazzia auf dem Hans Albers Platz die Kneipe „Chikago“ durchsucht und die dortigen kriminellen Strukturen ausgehebelt. Mit diesem Großeinsatz und aufgrund des Umstandes das Claus Becker, ein Immobilienhändler und Besitzer des „Erotic Art Museums“,  ab Mitte `85 etliche Immobilien rund um den Hans Albers Platz aufkaufte, hat sich das kriminelle Milieu dort weiter zurückgezogen. Danach sollte das einheimische Milieu von St. Pauli keine weiteren populären Führungspersonen hervorbringen. Wegen der sich inzwischen allgemein abzeichnenden Krise des Rotlichtmilieus bedingt durch Aids und des zunehmenden Verfolgungsdrucks staatlicher Behörden zogen sich ehemals führende Profiteure der Prostitution ins Privatleben zurück bzw. verlagerten ihre Geschäftsbereiche.

Während in den 70ger und 80ger Jahren das Geschäft mit Prostitution und später der Drogenhandel in deutscher Hand lag, drängten in den späten 80ern und den 90ern türkische Zuhältercliquen auf den Kiez. Richtig etablieren konnten sie sich  nur zur Landseite der Reeperbahn, in der Paul-Roosen-Str. und umliegenden Straßen wie der Talstraße. Hier betrieben sie , eingebettet in einem Milieu von vielen türkische Läden und Imbissen, illegale Bordelle und Spielclubs in den Hinterhöfen, die hauptsächlich von Landsleuten frequentiert wurden und waren im Drogenhandel engagiert Nach polizeilichen Erkenntnissen soll jeder zweite türkische Betrieb in St. Pauli unter krimineller Kuratel gestanden haben. Die Polizei hob zu dieser Zeit im türkischen Rotlichtmilieu neun illegale Bordelle aus. In den 16 übrig gebliebenen sollen ca. 260 Frauen gearbeitet haben. In den sogenannten Türkenclubs arbeiteten überwiegend Frauen aus Osteuropa, oft mit illegalen Aufenthaltsstatus, allerdings nie welche aus Deutschland oder der Türkei. Die Arbeitsbedingungen dort waren schlecht, die Preise niedrig und ungeschützter Verkehr ohne Kondome wurde in diesen Clubs angeboten. Zwischen 1995-97 gab es in der Paul-Rosen-Straße und Umgebung ca. 25 dieser Clubs, die dann unter Mitwirkung einer Bürgerinitiative, der Stadtentwicklungsgesellschaft(STEG) von dem Bezirksamt und der Polizei geschlossen wurden. In den 90ern kam es zeitweise zu Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden afrikanischen und kurdischen Gruppierungen wegen des Straßenverkaufes von Drogen, die das Alltagsleben auf dem Kiez belasteten. Durch die daraufhin einsetzenden verdeckten Ermittlungen einer Sonderkommission von 50 Ermittlern konnte ein Teil der kurdischen Drogenmafia, die ihre Heimat in der Region Elazig, Bingöl und Palu hatten, verhaftet werden. Insgesamt wurden 76 Angeklagte- von den Straßenverkäufern bis zu den Residenten – zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt.

Weitere schwerwiegende Veränderungen im Milieu zeichneten sich durch den deutsch-deutschen Mauerfall und den politischen Umbrüchen in Europa ab. Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens und Albaniens kamen viele Kosovo-Albaner in den norddeutschen Raum, speziell nach Hamburg-St. Pauli. Die Albaner fielen durch ihren hohen Organisationsgrad und teilweise durch ihre Gewaltbereitschaft auf . Direkt auf der Reeperbahn sollen mehrere der Striplokale von albanischen Mittelsmännern übernommen worden sein und eine 300 Mann starke Gruppe hatte in Norddeutschland eine regelrechte „Einbruchsfirma“ betrieben. Zwischen 1994-1997 wurden 224 Kosovo-Albaner festgenommen wg. Einbrüchen, Scheckbetrug, Urkundenfälschung, Autodiebstahl und Hehlerei.

Ein Beispiel für die Einflussnahme von albanischen Interessengruppen oder auch „Ölaugen“, wie sie im Volksmund von St. Pauli genannt werden, sind die Osmani-Brüder. Burim Osmani studierte Ökonomie und kam Ende der 1970er Jahre mit seiner Familie, zu der auch seine Brüder Bashkim, Bekim und Quazim gehören, aus dem Kosovo nach Hamburg. Das später auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzte Vermögen wurde nach ihren Angaben in der Gastronomie und mit Immobilieninvestitionen erwirtschaftet. Bekannte Immobilien auf St. Pauli, die sich in ihrem Besitz befanden, waren u.a. die „Heiße Ecke“, das „Café Keese“ und das „Pupasch“ an den Landungsbrücken. Zudem war  Burim Osmani Gesellschafter von drei Immobilienfirmen, die ca. 20 Immobilienobjekte im Wert von über 40 Millionen Euro in ihrem Portefeuille hatten. Das Landeskriminalamt ermittelte gegen den Familienclan spätestens seit Ende der 80er Jahre wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die Deliktformen betrafen u.a.: illegales Glücksspiel, Geldwäsche, Betrug, Drogenhandel, Erpressung, gefährliche Körperverletzung und Waffenbesitz. Nachgewiesen konnte lange Zeit kein einziger dieser Vorwürfe. Allein 1999 wurde Burim Osmani wegen dem Verkauf gestohlener TÜV- und ASU-Plaketten zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen wegen Hehlerei verurteilt. 2004 wurde er vom Landgericht Lübeck zu 14 Monaten Haft auf Bewährung wegen Steuerhinterziehung verurteilt und 2006 wurde Burim Osmani durch das Landgericht Würzburg der Beihilfe zum Betrug beschuldigt, weswegen er kurzzeitig in Nürnberg in Untersuchungshaft einsaß. Osmani betrieb seit Januar 2004 ein Asylbewerberheim, für das die Stadt Hamburg jeden Monat 39.000 € zahlte. In einigen Artikeln der Hamburger Boulevardpresse wurde vermutet, das Hamburger Politiker den wirtschaftlichen Aufstieg des Osmani-Clans begünstigt haben sollen.

Der Rechtspopulist Ronald Schill, der sich inzwischen nach Brasilien abgesetzt hat, holte 2001 mit seiner Partei bei der Hamburg-Wahl 19 Prozent und beendete in Koalition mit der CDU die 40- jährige SPD-Herrschaft. Wolfgang Barth-Völkel ein enger Vertrauter des ehemaligen Innensenators Roland Schill und zu dieser Zeit Vorsitzender des Gesundheitsausschusses in der Hamburger Bürgerschaft, arbeitete vor seiner politischen Karriere im „Corner 57“ einem bekannten Milieu-Treffpunkt, der unter der Kuratel der Osmani-Brüder gestanden haben soll. Barth-Völkel wie Schill wurden enge Kontakte zu den Osmanis nachgesagt. Im Mai 2008 nahm das Mobile Einsatzkommando die 36 und 39 Jahre alten Brüder Burim und Bashkim Osmani in Hamburg fest.  Beide wurden im Oktober 2008 für erschlichene Millionenkredite in Höhe von dreißig Millionen Euro bei der früheren Volksbank Lauenburg, in einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Nachkriegszeit vor dem Landgericht Hamburg zu langen Haftstrafen verurteilt. Am gleichen Tag setzte das Landgericht Hamburg die Haftbefehle gegen eine hohe Kaution von rund einer Million Euro sowie strenge Meldeauflagen außer Vollzug.

Bis 2005 war ein naher Verwandter des Brüdertrios, Sefer Osmani, als Betriebsleiter des Bordells Atmos eingesetzt. Ein 2500 Quadratmeter großer FKK-Saunaclub am Großmoorring im Gewerbegebiet in Hamburg-Harburg, . Diese Immobilie wurde über fragwürdige Kredite aus Lauenburg finanziert. 3,5 Millionen Euro sollen nach einer Anklageschrift gegen Osmani in das Bordell geflossen sein. Juni 2009 wurde beim „Atmos“  auf einen stadtbekannten Zuhälter geschossen. Ein Schwager von Burim Osmani, Sadri Lipai, von der Boulevardpresse unter dem Namen „Albaner-Toni“ gehandelt, war offiziell Besitzer eines Bordells am Süderstraßen-Strich und soll diesen faktisch kontrolliert haben. März 2008 eskalierten Territorialstreitigkeiten verschiedener Gruppierungen um den Straßenstrich und die Steigen in Hammerbrook in einer Schießerei, bei der eine Person mit einem Knieschuss niedergestreckt wurde.

Ab 1991 kommt es zu  mehreren Mordanschlägen als Folge von Auseinandersetzungen zwischen jugoslawischen, türkischen, deutschen, später dann albanischen Zuhältergruppen, bei denen es u.a. um den  Straßenstrich Süderstraße ging und wobei mehrere Unbeteiligte ums Leben kamen. Diese neue Gewaltbereitschaft  hatte auch Auswirkungen auf die Club- und Diskothekenszene. 1994/5 kam es nach Auseinandersetzungen vor verschiedenen Diskotheken zu mehreren Toten und Verletzten, in dessen Konsequenz  die Türsteher aufrüsteten. Ein klares Zeichen dass die Gewalt sinnlos eskaliert war.

Das Einschleusen von Mädchen und Frauen, ein Bereich wo die Grenzen zum Menschenhandel oft fließend sind, verlagerte sich von den thailändischen Frauen in den 70er und 80er Jahren auf den osteuropäischen Sektor – viele Polinnen, aber auch Bulgarinnen, Rumäninnen und russische Frauen arbeiten inzwischen, oftmals unter Tarif, in den Bordellen und Animierlokalen. In den Rotlichtkneipen St. Georgs, dem Straßenstrich Hammerbrocks und den Großbordellen der Reeperbahn sind viele osteuropäische und russische Frauen anzutreffen und es ist anzunehmen, dass inzwischen dementsprechende russische Organisationen im Milieu vertreten sind. Von Mitte der 90er-Jahre bis 2005 blieb es vergleichsweise ruhig in St. Pauli, bzw. im Hamburger Rotlichtmilieu. Die Geschäftsleute dieses Metiers hatten ihre einzelnen Reviere abgesteckt und waren bemüht geschäftsschädigende Schießereien und Messerstechereien durch vorbeugende Gesprächsrunden zu ersetzen.

An der Herbertstraße und auf dem Straßenstrich in der Davidstraße arbeiten hauptsächlich deutsche Prostituierte, die von deutschen Zuhältern kontrolliert werden. 1997 sollen dies insgesamt 7 verschiedenen Gruppen gewesen sein, die sich aus 200 Zuhältern mit ca. 400 Prostituierten zusammensetzten. 2005 ist nach langer Zeit erstmals wieder eine Hamburger Zuhältergruppe in das Licht polizeilicher Ermittlungen und der Öffentlichkeit geraten. Ausgelöst durch Revierstreitigkeiten um die Herbertstraße mit einer Schießerei, kam es in Folge zu zwei großen Polizeieinsätzen mit jeweils über 400 Beamten. Eine Vielzahl von Privatwohnungen, Bordellen, das Lokal „Rotlicht“ am Hans Albers Platz und die Spielhalle „Vegas World“ auf der Reeperbahn wurden durchsucht und insgesamt 20 Haftbefehle vollstreckt. Laut Angaben der Polizei handelte es sich bei der „Hamburger Gruppe“ bzw. „Marek-Gruppe“  um eine ca. 85 Mann starken Gruppierung, die 140 Frauen in 14 Bordellen und Absteigen kontrolliert haben soll. Der Gesamtumsatz im Zeitraum 2001 – 2005  wurde auf 27 Millionen Euro geschätzt. Das erreichbare Vermögen, inklusive Sachwerten wie Automobile, wurden von der Finanzermittlungsdienststelle eingezogen. Im April 2007 wurden die Angeklagten der „Marek-Gruppe“ u.a. wegen gewerbsmäßigen Menschenhandels, Zuhälterei und Körperverletzung zu Bewährungsstrafen zwischen 14 und 28 Monaten verurteilt. Der Vorstandsvorsitzende Carsten Marek wurde zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nur ein Einziger der Beklagten musste für 2,5 Jahre in Haft.

Seit 2005 werden Konkurrenzien  im Milieu wieder verstärkt mit Waffengewalt ausgetragen. Ende Dezember 2005 kam es in der Maxstraße zu Auseinandersetzungen zwischen Russen und Afghanen, sowie Angestellten des betreffenden Bordells, bei der Schusswaffen und Messer eingesetzt wurden. Tage darauf wurde  ein Hamburger Zuhälter in seinem Bordell im Hamburger Stadtteil Eilbek verhaftet. Er hatte acht Wohnungen an osteuropäische Frauen vermietet. Dem Mann wurde „Schleusung“, also Verstöße gegen das Ausländergesetz vorgeworfen. Zusammen mit ihm wurden elf osteuropäische Prostituierte aus dem Etablissement in der Maxstrasse abgeführt. Bereits 1998 gab es in diesem Milieu Auseinandersetzungen: eine Ukrainerin, die zuletzt als Prostituierte in einem Appartement an der Maxstraße arbeitete, wurde tot im nahe gelegenen Eilbektal-Park gefunden. Im gleichen Jahr entging der besagte Zuhälter, der angeblich gute Geschäftskontakte zu Albanern unterhält, knapp einem Anschlag mit einer Autobombe. Februar 07 schoss ein Zuhälter im Großbordell Laufhaus ein Mitglied der Hells Angels nieder. Ein halbes Jahr später kam es zur Schießerei in dem Wandsbeker Bordell „Tropicana“. Im Dezember 07 lieferten sich zwei rivalisierende Gruppierungen einen Schusswechsel in Jenfeld. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung war im März 2008 eine bewaffnete Auseinandersetzung in Hammerbrook, wo es um Territorialstreitigkeiten um den dortigen Straßenstrich ging. Die Polizei nahm mehrere Personen fest und stellte u.a. eine Maschinenpistole sicher. Aufgrund der folgenden Presseberichterstattung und der beunruhigten Öffentlichkeit wurde noch im gleichen Monat eine neue Sonderkommission der Polizei ins Leben gerufen.

Spiegel Nr. 50/ 8.12.1997, „Kampf um die Reeperbahn“,  Seite 86-107

Hamburger Abendblatt 9/10. Juli 2005, S.1,  „Razzia in der Herbertstraße“

Amelunxen Clemens, 1967, „Der Zuhälter – Wandlungen eines Tätertyps“, Kriminalistik – Verlag Hamburg

Arndt Ute, Thomas Duffe, Bernd Gerstäcker, 1995, „St Pauli – Gesichter und Ansichten vom Kiez“, Historika Photoverlag, Hamburg

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Straßenstrich, Modellwohnungen und Bordelle

1978 wurden die zur Verfügung stehenden Zwangsmaßnahmen zugunsten liberalerer Verfahrensweisen eingestellt. Der bloße Verdacht auf Prostitutionsausübung reichte nicht mehr aus um Frauen zur Zwangsuntersuchung zu verpflichten. In Folge wurden die Maßnahmen der „Zuführung terminsäumiger Frauen“, damit zusammenhängende Fahndungen und zwangsweise Krankenhauseinweisungen stark eingeschränkt. Weitergehend wurde die 1969 eingeführte Kontrollkarte, der sogenannte „Bockschein“ wieder abgeschafft und Frauen, die ihren Wohnsitz außerhalb Hamburgs verlegten, wurden aufgrund eines Schweigepflichtgebotes nicht mehr an die dortigen Gesundheitsämter weitergemeldet. Durch diese Liberalisierung nahm die Anzahl der registrierten Frauen im Zeitraum 1978 bis 1983 um ca. 40% ab. 1978 hatte die Zahl der registrierten Frauen noch bei über 2000 gelegen. 1987, unter der Diktion einer wirksamen Bekämpfung von Aids, ist die Untersuchungspflicht ganz weggefallen. Die Untersuchungen werden seitdem freiwillig und anonym durchgeführt. Das Angebot der Beratungsstellen wurde im medizinischen und im sozialfürsorgerischen Bereich erweitert und auf männliche Prostituierte ausgeweitet. Bundesweit erfolgte die generelle Abschaffung erst 2001.

In der ersten Hälfte der 90er sind in Hamburg rund 4000 Prostituierte der Polizei bekannt, der damalige Dienststellenleiter des Milieudezernates schätzte aber, dass ca. 8000 Frauen in Hamburg als Prostituierte arbeiteten. Prostitution findet nicht nur in St. Pauli und St. Georg statt. In jedem Stadtteil gibt es Bordelle, kleinere Etablissements und Modellwohnungen, die einen großen Teil der Prostitution in Hamburg ausmachen. Seitens des Hamburger Milieudezernates wurde in sechs Kategorien unterschieden: Prostitution auf dem Autostrich, in Sexclubs, Absteigen, Appartements, auf der Straße und in Türkenclubs. Zu dieser Zeit sind in St. Pauli 300 Frauen auf dem Straßenstrich registriert, in St. Georg sogar 700. In ca. 75 Sexclubs boten 1200 Prostituierte ihre Dienste an und ca. 1500 Frauen arbeiteten in Absteigen und 600  schafften in Appartements an. Nach einer Erhebung der Hamburger Kriminalpolizei aus dem Jahr 1998 soll aufgrund des polizeilichen Drucks die Zahl der Prostituierten von 6000 auf 4300 zurückgegangen sein und der monatliche Umsatz der Prostituierten sich von 25 Millionen Mark auf 15 Millionen reduziert haben. Die Beratungsstellen für Prostituierte schätzten die Zahl mit weiterhin 6000 allerdings weitaus höher ein als die offizielle Statistik. Nach Angaben des Landeskriminalamtes für organisierte Kriminalität vom Juni 2001 arbeiteten 3.700 Frauen als Prostituierte, wobei der Anteil der Ausländerinnen 52% betrug. In St. Georg, wo die Beschaffungsprostitution weit verbreitet ist, arbeiteten 660 Frauen.  In Clubs und Modellwohnungen arbeiteten 2.300 Frauen , davon 1500 mit illegalen Status und in St. Pauli ca. 500 Frauen, überwiegend mit legalem Status. Der täglicher Umsatz wurde auf 375.000 bis 500.000 Euro geschätzt, der monatlicher Umsatz auf 12,5 Mio Euro.

1997 zählte das Magazin der „Spiegel“  in St. Pauli  32.000 Einwohner,  450 Lokale, von denen 100 dem kriminellen Milieu zugerechnet wurden. 32 Diskotheken und Live Musikclubs, 6 Theater, 4 Museen. 22 Spielhallen, 2 Leihhäuser, 17 Sexläden, 5 Sadomaso-Treffs, 5 Stripbühnen, 4 Kopulationstheater und 52 Bordelle.

Laut der Zeitschrift „Szene Hamburg“ waren 1999/2000 in Hamburg 4500-5000 Prostituierte fest im Gewerbe, davon ca. die Hälfte Migrantinnen, überwiegend aus osteuropäischen Ländern.

2005 waren in Hamburg ca. 2325 Frauen bekannt, die in der Prostitution arbeiten, davon mehr als die Hälfte Ausländerinnen, ca. 300 mit illegalen Aufenthaltsstatus. Es gab zu diesem Zeitpunkt rund 290 bekannte Häuser mit ca. 350 Modellwohnungen, 40 Clubs, darunter 6 Edelbordelle, 7 SM-Clubs, 8 Swinger-Clubs und 2 Billigclubs. 59 Absteigen, überwiegend in St. Pauli und außerdem in St. Georg und der Süderstraße, 4 Laufhäuser und 53 andere Objekte wie Sexshops, Sexkinos und Animierlokale.

Viele Frauen wurden in Bordelle oder Großhäuser wie das „Laufhaus“ gedrängt, so dass der Zugriff für Zuhälterorganisationen und Bordellpächter erleichtert wurde. Eine durchschnittliche Zimmermiete betrug vor der Euroeinführung im Großbordell auf der Reeperbahn 110DM täglich. Dazu 20DM Trinkgeld(Tip) für den Wirtschaftler, 30 DM pro Tag für Präservative, frische Handtücher, Bettwäsche etc. und 10 DM fürs Essen. Tagesfixkosten in Höhe von 170 DM. Außerdem besteht in vielen Bordellen ein Getränkezwang zu überhöhten Preisen, der abhängig ist von der Höhe der Bezahlung durch den Freier (z.b. bei 50 DM Freierentgelt müssen zwei Getränke a´12DM abgenommen werden) Diese Getränke muss die Frau bezahlen, unabhängig davon ob der Kunde Getränke haben will oder nicht.

In den Clubs sind die Frauen prozentual am Getränkeumsatz beteiligt. Die Preise liegen bei einem Bier zwischen 6 bis 12 €, bis hin zu einer Flasche Champagner für 300€. Die sexuellen Angebote werden oft indirekt, über den Kauf der teuren Alkoholika abgewickelt, müssen dann aber in der Regel extra bezahlt werden. Als Kupplergeschäft und Förderung der Prostitution war diese Form des getarnten Sex-Angebotes zwar strafbar, wurde aber kaum unterbunden.

Für Straßenprostituierte gilt nach wie vor die Sperrgebietsverordnung von 1982, nach der das Anschaffen auf der westlichen Seite der Davidstraße, auf dem Hans-Albers-Platz und in der Friedrichstraße zwischen 20.00 abends und 4.00 morgens erlaubt ist. Auf dem Autostrich an der Süderstraße liegen die Zeiten zwischen 20.00 und 6.00 morgens. Außerhalb dieser festumrissenen Gebiete und Zeiten begehen Prostituierte, wenn sie ihrem Geschäft in der Öffentlichkeit nachgehen, formell eine Ordnungswidrigkeit, der aber oft nicht nachgegangen wird – zumindestens wird die Straßenprostitution in St. Georg am Steindamm und in den Seitenstraßen(Elmenreichstr., Bremer Reihe, Steintorweg, bis hin zur Brennerstr.) hinter dem Schauspielhaus weitgehend geduldet, obwohl das Quartier schon 1961 zum Sperrgebiet erklärt wurde. Prostituierte sind dort bereits vereinzelt ab 8 Uhr morgens auf dem Straßenstrich anzutreffen, verstärkt dann um die Mittagszeit, bis in den späten Abend. Ein Teil der Frauen haben  ihren festen Stammplatz  und Stammkunden, Andere wiederum arbeiten nur sporadisch auf dem Strich. In der Regel werden die vielen Stundenhotels frequentiert. Einige Frauen sind erheblich älter als ihre Kolleginnen in der Davidstr. oder in Hammerbrook, es gibt aber auch viele junge Frauen. Zur Zeit als der Hansaplatz Treffpunkt der Drogenszene war, soll laut Einschätzung des Hilfsprojektes „Cafe Sperrgebiet“(1992) die Anzahl von drogenabhängigen und minderjährigen Frauen, die anschaffen gingen, bei 200-300 gelegen haben. Inzwischen ist sie zurückgegangen. Neben dem Straßenstrich existieren vor allem in der Bremer Reihe eine Anzahl von Nachtbars mit Animierdamen, einem hochpreisigen Getränkesortiment und verdeckter Prostitution. Am Steindamm, der ehemaligen Einkaufs- und Amüsiermeile St. Georgs vor dem 2. Weltkrieg, dominieren Sex-Shops, Videoshows und türkische Imbisse und Gemüseläden

Der ursprüngliche Straßenstrich am Fischmarkt wurde anfangs der 80er Jahre im Zuge der Hafenrandsanierung in das Gewerbegebiet an der großen Elbstraße verlegt und ist inzwischen wegen der stadtplanerischen Maßnahmen so gut wie nicht mehr existent und hat sich weitgehend nach Hammerbrook verlagert Der Straßenstrich Süderstraße, der deutlichen Abstand zum Wohngebiet hält, beschränkt sich auf den Straßenabschnitt im Gewerbegebiet zwischen Ausschläger Weg, Hammer Deich (Shell-Tankstelle) bis zum Borstelmannsweg, das Nachts vollkommen menschenleer ist. Viele der Frauen schaffen dort mit eigenen Wagen oder Wohnwagen an, erledigen ihren Job im Wagen des Kunden, oder nutzen nahe gelegene Absteigen. Viele Osteuropäerinnen und Russinnen arbeiten auf diesem Strich

Nach Angaben des Hamburger Landeskriminalamt 242 soll der monatliche Durchschnittsverdienst einer Frau zwischen 5000 – 30 000 Mark gelegen haben, je nachdem ob sie auf dem Straßenstrich, im Sexclub, Appartement oder im Edelbordell arbeitet. Den Frauen die allerdings nicht selbstständig arbeiten, sollen davon höchstens 20% bekommen, der weitaus größere Teil geht in die Hände der Vermieter, Clubbesitzer und Zuhälter. Nach polizeilichen Erkenntnissen arbeiten in Hamburg ca. 80% der Frauen für Zuhälter, ein weitaus höherer Prozentsatz als in vielen anderen deutschen Großstädten, wie z.b. Frankfurt oder München. 1600 Zuhälter sind der Polizei bekannt. Mit der Euro-Einführung und der zunehmenden osteuropäischen Konkurrenz haben sich die Tarife weiter verschlechtert. Die billigste „Nummer“ gibt es nach den Erfahrungen von Szene-Kennern schon für 25 bis 30 Euro. Nur noch wenige Frauen kommen heute abzüglich der Zimmermiete auf 300 Euro pro Tag, früher waren bis zu 1000 Mark üblich.

Emilija Mitrovic „Prostitution in Hamburg – ein lukratives Geschäft für wen?“

von Dücker  Elisabeth, 2005, „Sexarbeit : Prostitution – Lebenswelten und Mythen“, Edition Temmen, Bremen

Migrantinnen im Prostitutionsgewerbe

Hamburg hat sich nach der EU-Osterweiterung in einem noch größeren Stil zum Umschlag- und Einfuhrplatz sexueller Dienstleistungen und des internationalen Frauenhandels entwickelt. Laut Angaben des LKA Hamburgs handelte es sich bei den Schleusern vor dem deutsch-deutschen Grenzfall, „um Einzelpersonen aus dem Milieu, die sich untereinander alle kennen“. Die Frauen wurden in ihren Heimatländern kontaktiert, man stellt ihnen gute Verdienstmöglichkeiten in Aussicht und besorgt ihnen ein Touristen-, oder Künstlervisum (seitdem 1989 die vorherige Visumspflicht aufgehoben wurde und ein auf drei Monate beschränktes Visum zur Einreise genügte) und vermittelt sie danach an interessierte Club- oder Bordellbesitzer. Die Vermittlungsgebühren betrugen ca. 10 000 Mark; 5000 Mark für die Vermittlung, 5000 für die entstandenen Unkosten wie Flugticket, Transfer und Unterbringung. Diese Summe war von den Frauen in monatlichen Raten abzuarbeiten. Viele der männlichen „Schleuser“ waren mit ausländischen Frauen verheiratet. Rund 1000 ausländische Frauen waren zu der Zeit bei der Hamburger Kripo als Prostituierte registriert. Thailändische Frauen bildeten mit einem Drittel die größte Gruppe. In St. Pauli sind sie, jenseits der Großbordelle und Appartement in der Großen Freiheit, in den dortigen thailändischen Sexclubs, dem Bordell  und der Karaoke-Bar anzutreffen.

Als zweitgrößte Gruppe galten die Südamerikanerinnen, und dann die Osteuropäerinnen, die inzwischen allerdings, im Zuge der Entwicklung der letzten Jahre, die größte Gruppe stellen. Für Frauen aus Drittweltstaaten gibt es drei Möglichkeiten legal nach Deutschland einzureisen; als Ehefrau, Touristin oder Künstlerin. Das Künstler- oder Tänzervisum wird von den deutschen Auslandsvertretungen im Herkunftsland ausgestellt und führt, im Gegensatz zum Touristenvisum, in der Regel zur Bewilligung einer Arbeitserlaubnis und damit zur Aufenthaltsgenehmigung. Die Ehe mit einem deutschen Mann wird aufgrund der vielen Scheinehen behördlicherseits stark kontrolliert. Die eheliche Lebensgemeinschaft muss mindestens 4 Jahre halten, für das Zusammenleben in einer Wohnung und den ehelichen Vollzug müssen Beweise erbracht werden. Kündigt der Mann die Ehe auf, verliert die Frau ihr Aufenthaltsrecht und wird, wenn sie nicht vorher untertaucht, abgeschoben. Ohne gültige Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung sind die Frauen ihrem Arbeitgeber dann oftmals so gut wie ausgeliefert.

Schleuser- und Zuhälterringe organisierten die Prostitution zunächst in den sogenannten Billigclubs. Viele osteuropäische Frauen arbeiteten unter schlechten Bedingungen in solchen Clubs in den Nebenstraßen von St. Pauli, die bis 1997 Laden für Laden vom Ordnungsamt und der Polizei geschlossen wurden. Gleichzeitig wuchs die Modellwohnungsprostitution, die für die Strafverfolgungsbehörden schwerer zugänglich war, überproportional an. Die Anzahl der polizeilich bekannten Wohnungen stieg von ca.50 (1990) auf ca. 900 (Ende 1997) an. Auf den zunehmenden organisierten Menschenhandel mit Zwangsprostitution reagierte die Polizei 1997 mit dem „Bekämpfungskonzept Modellprostitution“, das zu einem Schwerpunkt der Ermittlungstätigkeit des Landeskriminalamtes (LKA) 731 wurde. In der Apartmentprostitution waren hauptsächlich osteuropäische und lateinamerikanische Frauen involviert.  In den folgenden Jahren ging die Polizei verstärkt gegen die illegale Prostitution und denen mit ihr zusammenhängenden Strukturen der organisierten Kriminalität vor. Im Jahr 2003 wurde das „Bekämpfungskonzept Menschenhandel“ erarbeitet. Wesentliche Ziele dieses Konzeptes ist die Bekämpfung des Menschenhandels, die Verbesserung der Situation der Prostituierten und vor allem die Abschöpfung der kriminellen Organisationen durch Beschlagnahmung und Einziehung der Vermögenswerte. Bis Anfang 2005 wurde im Rahmen dieses Konzeptes die Zusammenarbeit mit „Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel (KOOFRA)“  intensiviert und in rund 60 Groß- und mehreren Einzelverfahren wurden über 200 Täter verurteilt.

-In einem Großverfahren zur Bekämpfung der Prostitution in der Modellwohnungsszene wurde 1998 gegen 9 Beschuldigte wegen des Verdachts der Mitgliedschaft bzw. Unterstützung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Die Beschuldigten unterhielten insgesamt 86 Modellwohnungen, in denen zeitweise 100 – 130 osteuropäische und südamerikanische Frauen arbeiteten.
-1999 wurde die sogenannte „Trinitas“-Bande zerschlagen, die mehrere Wohnblocks in verschiedenen Hamburger Stadtteilen komplett in Modellwohnungen umgewandelt und dort 175 Prostituierte untergebracht hatte
-Im gleichen Jahr wurde in einer Großaktion gegen eine Gruppierung die den Straßenstrich um die Süderstr. kontrollierte, insgesamt 19 Wohnungen und 8 Bordelle durchsucht, mehrere Bordelle geschlossen und 4 Personen verhaftet. Der Hauptangeklagte, der Mazedonier Musa A zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Der Mazedonier hatte im Zeitraum 1994 –1997 fast alle Bordelle, bzw. Absteigen im Bereich der Süderstr. „übernommen“ und soll die Arbeitsmodalitäten von rund 300 Prostituierten bestimmt haben.
– Im Jahr 2000  wurde eine Sektion der „Hells Angels“ verhaftet und angeklagt, da sie die Übernahme mehrerer Großbordelle auf Hamburgs Reeperbahn planten. Im gleichen Zeitraum wurde ein Großverfahren gegen eine Gruppe russischer Menschenhändler und Zuhältern abgeschlossen.
-2002 kam es zu einer Razzia im „Club 77“ an der Holstenstraße (Altona) und im Rotlichtmilieu St. Georgs zu einer größeren Durchsuchung, an der über 140 Beamte und die Ausländerbehörde beteiligt waren. Infolgedessen wurden drei Polen wegen Schleusung und „dirigistischer Zuhälterei“ angeklagt. Drei der vier Nacht-Bars(Preise für ein Bier 8€ und für eine Flasche Sekt 130€), die in den Straßen um den Hansaplatz lagen, wurden geschlossen und 10 von 35 festgenommenen Prostituierten nach Polen zwangsausgewiesen
-Januar 2009 kam es zu einer konzertierten, zeitgleichen Aktion von MEK und SEK in Hamburg und Bremen, sowie von vergleichbaren Spezialeinheiten (SIC) im rumänischen Braila, bei der neun Rumänen verhaftet wurden. Ihnen wird Menschenhandel, Zuhälterei, Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger, Körperverletzung und Vergewaltigung vorgeworfen. Diese rumänische Zuhältergruppe soll seit mindestens 2005 Frauen, überwiegend aus dem rumänischen Constanta nach Deutschland gebracht haben, wo sie, zum Teil unter Zwang, als Prostituierte arbeiten mussten. In Hamburg geschah dies in Modellwohnungen in Harburg, Wilhelmsburg, Eilbek und Tonndorf, sowie auf dem Straßenstrich im Stadtteil St. Georg. Dort wurden den Frauen feste Standorte in der Bremer Reihe und am Hansaplatz sowie ein Stundenhotel zugewiesen. Bei der Arbeit wurden sie aus einem angrenzenden Lokal und einem Internetcafé heraus überwacht.

Inzwischen ist die Anzahl der Modellwohnungen auf ca.  400  reduziert worden. Viele Frauen wichen zunächst auf den Straßenstrich in St. Georg und dann an den der Süderstraße in Hammerbrook aus, oder arbeiteten in einen der rund 40 Hamburger Sex-Clubs. Durch das verschärfte Vorgehen der Hamburger Polizei mit massiven Kontrollen und Razzien seit Ende der 90er gegen die Drogenszene und dann gegen den Strich und die Clubszene von St. Georg, schafften die Frauen verstärkt verdeckt an und viele Prostituierte sind von dort in die Süderstraße abgewandert. 2005 wurden in der Hamburger Presse Pläne diskutiert, wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation traditionelle Prostitutionseinrichtungen wie die Herbertstraße teilweise in Musikclubs und Gastronomie umzuwandeln, weil die Erträge aus der Prostitution für alle Beteiligten real sinken. Tagsüber sind nur noch sehr wenige Kunden in der Herbertstr., andererseits beginnt sich der Straßenstrich langsam  wieder an der Silbersackstraße und  Erichstraße auszubreiten. Der Autostrich an der Süderstr. hingegen wird stark frequentiert. Für ein Großteil der Frauen existieren  allerdings schlechte Arbeitsbedingungen: reine Nachtarbeit, sexuelle Dienstleistung im Auto/LKW und auf sogenannten „Stichplätzen“, wenig sanitären Anlagen und Kondomzugänge und niedrige Tarife für die sexuelle Dienstleistung aufgrund des Konkurrenzdrucks.

Im Frühjahr 2009 eröffnete in Hamm-Süd ein Groß-Bordell für 130 Prostituierte, dem weitere folgen sollten. In direkter Nähe bestehen bereits fünf Bordelle und Beherbergungsbetriebe. Dies stieß bei den Bewohnern des Osterbrookviertels auf großen Widerstand, worauf der Hamburger Bezirk Mitte einen neuen Bebauungsplan für den Stadtteil Hamm-Süd aufstellte, der die Ansiedlung neuer Bordelle verhindern soll. Gleichzeitig lässt der Bezirk Wohnmobile von Prostituierten entfernen. Nach neuesten Plänen soll der Straßenstrich von der Süderstraße ins Industriegebiet Buller Deich in Hammerbrook verlegt werden. Auch in Wandsbek protestierten rund 1000 Menschen mit ihren Unterschriften gegen die Planung eine neuen Großbordells, sowie einem bereits genehmigten Etablissement an der Angerburger Straße. Antragsteller für dieses Bordell mit 20 Zimmern ist der Betreiber der Bordellkette „Geizhaus„.

„taz“, Bd.14, 1992, Nr. 3679 vom 10.4., Seite 23,  Redakteurin Sannah Kirch

Hamburger Rundschau Nr.6, 2.2.1995, Seite 4-7,   Redakteurin Petra Bäuerle

Szene Hamburg, 26 Jahr, Nr.11, November 1999 „Beruf Hure – Anschaffen auf Lohnsteuerkarte“, Seite 27-34

http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=11042
http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/Hauptseite

Hamburger Initiativen und Organisationen

Die Zentrale Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten (Max-Brauer-Alle 152) bietet Informationen zu – sowie Untersuchungen und Behandlungen von sexuell übertragbaren Erkrankungen an. Über 90% der Klientel der Zentralen Beratungsstelle sind Frauen aus Osteuropa, Lateinamerika, Afrika und Asien, weswegen Informationen und soweit es geht Beratungen in den Sprachen: englisch, russisch, polnisch, bulgarisch, spanisch und  rumänisch angeboten werden. Es besteht die Möglichkeit einer kostenlosen Untersuchung bei Tripper(Gonorrhoe)  und Syphilis,  anonymen und kostenlosen HIV-(AIDS) Antikörpertests , Hepatitis-Antikörpertest mit anschließender Möglichkeit zur Impfung,  Schwangerschaftstests und Krebsvorsorgeuntersuchungen. Sowie weitere kostenfreie Untersuchung und Behandlung mittels Privatrezept bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Zentrale Beratungsstelle für sexuell übertragbare Erkrankungen und die AIDS Beratung am Bernhard-Nocht-Institut wurden April 2008 zum neuen Beratungszentrum „CASA blanca“ zusammengeführt.

Die Kaffeeklappe, (Mitternachtsmission St. Pauli/ Diakonisches Werk Hamburg) in der Seilerstraße 34, St. Pauli bietet seit 1973 Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution, Hilfe beim beruflichen Neustart, Beratung und Begleitung bei Behördenangelegenheiten, Gesundheitsaufklärung und ist über die Teestube Sarah in der Straßensozialarbeit engagiert.

Die Teestube Sarah ist eine christliche Initiative, die bereits vor 25 Jahren von einem Werftarbeiter gegründet wurde, dessen frühere Privatwohnung am Hans-Albers-Platz den Sitz dieser Teestube stellt. Die ca. 15 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen gehen ein- bis zweimal wöchentlich die verschiedenen Hamburger Straßenstrichs ab und verteilen kostenlos Getränke, Süßigkeiten und Kondome und suchen das Gespräch und den Kontakt mit den Prostituierten.

Die Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel(KOOFRA
) gibt es seit 1999. Ein eingetragener, gemeinnützig anerkannter Verein, der überwiegend durch die Freie und Hansestadt Hamburg finanziert wird. Die Zielsetzung des Vereins ist es vom Frauenhandel betroffene Frauen und Mädchen über ihre Rechte zu informieren, sie weitergehend psychosozial zu betreuen und ihnen den Ausstieg zu ermöglichen. Hierzu kann u. .a  die Unterbringung an einem sicheren Ort, eine Prozessbegleitung und Hilfe bei der Rückkehr ins Heimatland gehören. Im Rahmen der Zeuginnengewinnung als notwendiger Bestandteil der Beweisführung hat die Zusammenarbeit mit der Polizei an Bedeutung gewonnen. KOOFRA betreut die betroffenen Frauen und bietet denen, die sich entschieden haben in einem Gerichtsverfahren auszusagen, weitergehende Hilfestellungen.        http://www.koofra.de/de/kontakt.html

Amnesty for Women (Grosse Bergstr. 231, Altona) besteht seit 1986. Es ist keine Organisation dessen Arbeit speziell auf Sexarbeiterinnen ausgerichtet ist, sondern hat als Ziel die soziale und rechtlich Situation von emigrierten Frauen zu verbessern. Aber ca. 40% der Frauen, die Kontakt zu Amnesty for Women aufgenommen haben, hatten bereits Erfahrungen in der Sexindustrie gemacht. Zu den Angeboten dieser Organisation gehört eine rechtliche und gesundheitliche Beratung, der Aufbau von Multiplikatoren und kontinuierliches Streetworking. Sie bieten unter dem Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe ein umfangreiches Beratungs-, Begleitungs-, Betreuungs- und Weiterbildungsangebot.

Raggazza e.V.( Brennerstraße 81 / 12 Mitarbeiterinnen)  wurde 1991 als gemeinnütziger Verein gegründet um Beschaffungsprostituierte zu unterstützen. Der Verein arbeitet im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg und bietet drogenabhängigen und sich prostituierenden Frauen Beratung und Überlebenshilfen an. Dazu gehören Strassensozialarbeit, Spritzentauschprogramme, die Möglichkeit medizinischer und hygienischer Versorgung, gesundes Essen und das Angebot von Schlafmöglichkeiten. Ein ähnliches Angebot bietet das Café Sperrgebiet in St. Georg an, eine Einrichtung des Diakonischen Werkes, welche seit 1985 existiert.

Der Trägerverein BASIS e.V. kümmert sich um männliche Jugendliche und junge Erwachsene, die „auf der Straße leben“ und sich häufig im Bereich des Hamburger Hauptbahnhofes aufhalten, wo Drogen und Prosititution zum Alltag gehören. Der Verein bietet medizinische Hilfe, Übernachtungsmöglichkeiten und ein auswärtiges Ferienhaus als Kriseninterventions- und Freizeitprojekt.

Tampep ist ein aktives Interventions- und Forschungsprojekt für Präventionsarbeit im Gesundheitsbereich für migrierte Sexarbeiterinnen mit 19 Partnerorganisationen in west/-mittel- und osteuropäischen Ländern. In Hamburg ist Tampep im speziellen im Bereich der Appartmentsprostitution aktiv, der Träger ist „Amnesty for Women“, finanziert wird dieser Projektzusammenhang  über eine Regelung mit dem Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz