Posts Tagged ‘Weimarer Republik

11
Feb
10

Zuhälter und Ringvereine

Mit dem anhaltenden Boom des Vergnügungssektors bildeten sich in ganz Deutschland die sogenannten Ringvereine. Seitens der Kriminalpolizei wurden sie als organisierte Berufsverbrecher eingestuft, mit den bevorzugten Delikten der Schutzgelderpressung, dem Glücksspiel, Diebstahl und Hehlerei, Waffenschmuggel und Zuhälterei.

Bereits 1902 gründeten Bordellinhaber in Halle/Saale den Verein „Zufriedenheit“, in anderen Städten folgten ähnliche Gründungen oft unter den Namen eines Sparvereins oder Kegelclubs. Da gab es bsp. den Hannoveraner Sparclub „Treue“, den Dresdner Sportverein “Deutsche Eiche“ und den „Spar- Gesellschafts-, und Kegelclub Fidelio“ auf St. Pauli. In der Regel waren nur Männer Mitglieder.  Der Berliner Unterweltverein „Immertreu“ beherrschte die ganze Gegend um den damaligen Schlesischen Bahnhof und verlangte von den Gewerbetreibenden des Rotlichtmilieus, wie auch von Anderen, Schutzgelder.  1926/7 bildeten sich als übergeordnete Zusammenschlüsse u.a. der „Mitteldeutsche Ring“ mit 21 Vereinen in 10 der größeren Städte Deutschlands, wobei Leipzig, Hannover und Chemnitz mit einer Vielzahl von Vereinen, wie  „Die Unken“, „Unter Uns“ und „Rotschwänzchen“ vertreten waren.

Ein gewisser Anteil aus den Einnahmen der Prostitution und anderen Geschäften floss in die gemeinsame Clubkasse, aus der in Not geratene Mitglieder unterstützt, Anwälte finanziert und geschlechtskranke Frauen versorgt wurden. Hauptaufgabe dieser Vereinigungen war es durch Selbstorganisation konkurrenzfähig zu bleiben und auf dem Markt zu expandieren und sich gegen staatliche Restriktionen, auf Behördenebene und seitens der Sittenpolizei zu schützen. In Hamburg St. Pauli in der Sophienburg an der Ecke Reeperbahn/Detlev-Bremer-Straße (früher Sophienstraße}traf sich ab 1926 der „Spar- Gesellschafts-und Kegelclub Fidelio“. Die Zunft der Einbrecher organisierte sich im „Boxclub H.i.H.“, der aber anders als in Berlin, mit dem Rotlichtmilieu vernetzt war, so wurden z.b. legale Arbeitsverhältnisse wie Portier und Kellner an Mitglieder weitervermittelt, während Personen des gleichen Berufsklientels, die als informelle Zuträger an die Polizei bekannt waren durch handgreiflichen Druck in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden.  Mitte der 20er Jahre lud der St.Pauli Verein „Fidelio“ zu einer überregionalen Feier zu der über 1500 Zuhälter aus ganz Deutschland erwartet wurden. Diese wurde allerdings durch die Polizei verhindert indem sie im Vorfeld 17 Mitglieder des Vereins verhaften ließ, denen 1927 der Prozess gemacht wurde. In die Öffentlichkeit traten diese Vereine in Hamburg verstärkt in den Jahren zwischen 1920-1925 auf. Ab 1925 begann die Polizei verstärkt gegen die halböffentlichen und halblegalen Vereinsstrukturen vorzugehen und 1927 soll es der Hamburger Polizei gelungen sein einen Teil der internen Organisationsstruktur der Vereine auf überregionaler Ebene aufzudecken.

„Während des Krieges war das Zuhältertum, wie in den meisten Großstädten, so auch in Hamburg, erheblich zurückgegangen. In der Nachkriegszeit nahm es aber wieder zu, um sich dann namentlich nach der bis Ende Juni 1922 durchgeführten Aufhebung der Bordelle und während der Inflationsjahre besonders stark auszudehnen. Die Zuhälter schlossen sich sogar in Clubs zusammen, deren Hauptzweck war, ihren in finanziellen Bedrängnis geratenen Mitgliedern Geldunterstützungen zu gewähren, ihnen in Strafsachen Anwälte zu stellen usw. War schon früher die Bekämpfung des Zuhältertums mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft, so steigerten sich diese ganz bedeutend, als mit der Aufhebung der Bordelle die Dirnen sich über einen großen Teil  der inneren Stadt und besonders auch über St. Pauli und St. Georg verbreiteten und dann auch den Zuhältern ihr Gewerbe außerordentlich erleichterten.“

Quelle: Hamburgischer Correspondent Nr.: 395Mo, 2 Beilage, Seite1 / 26.8.1926  „ Der Kampf gegen die Unzucht“

Die Hamburger Sittenpolizei nahm 1924 171 Personen wegen Zuhälterei fest, 1925 – 288 Personen und 1926 bereits 314. Vor allem ab der Zeit nach dem 1. Weltkrieg entstanden in den Städten eine Vielzahl von Gaststätten, Nachtlokalen, wo Betreiber und Publikum es mit den bestehenden Gesetzen nicht so genau nahmen. , so z.b. Nachtlokale, wo verbotene Nackttänze gezeigt wurden. Zu einem solchen Betrieb gehörte damals ein „Lotse“ der auf der Straße vermeintliche Kundschaft ansprach und sie bei Interesse zu einem Haus führte, wo der „ Spanner“ den Gast übernahm und ihn dann zur Wohnungstür brachte, wo der Besucher vom „Geschäftsführer“ eingelassen wurde. Für den Schlepper bezahlte der Kunde beispielsweise 8,50 RM und für den Eintritt 20RM und ein obligatorisches Glas Wein für weitere 10 RM, bis er dann in einem abgedunkelten Zimmer zu Grammophonklängen z.b. einer nackten Frau beim Tangotanz zuschauen durfte  Unter ähnlichen Verhältnissen werden wohl auch die frühen Pornofilmvorführungen stattgefunden haben. In den späten 20ern, in den Inflationsjahren, lohnte sich das Geschäft mit Nachtclubs, Nachtvorführungen etc. besonders. Vor allem Ausländer mit ihrer vergleichsweise harten Landeswährung nutzten das Preis- Leistungsgefälle im Bereich der nächtlichen Vergnügungen. In vielen dieser Nachtlokale die es mit der amtlich verordneten Speerstunde nicht so genau nahmen, hatten sogenannte „Ringvereine“ ihren Standort. In der Regel Zuhälterorganisationen, die ihre Einkünfte aus der Prostitution, dem Rauschgifthandel und dem Glücksspiel bezogen. In Sitte und Gebräuchen taten es diese Ringvereine der bürgerlichen Welt nach und zu denen von ihnen arrangierten Tanzfesten und Vergnügungen erschienen die Herren im Smoking und die Damen in dementsprechender Mode

Bis zur ersten Hälfte der 20er Jahre wurden solche Lokale oftmals geduldet und erst später ging man dann, beispielsweise in Berlin, mit Beamten der „Theaterpolizei“ und der „Zentralstelle zur Bekämpfung des Schmutzes in Wort und Bild“ gegen derartige Lokalitäten vor. Eine umfassende Kontrolle gelang der Polizei zu dieser Zeit allerdings nicht. So gab es z.b. Wohnungsinhaber, die ihre Wohnung kurzfristig, mittags oder abends vor dem Nachtbetrieb für eine Nacht an einen  „Unternehmer“ vermieteten. Dieser richtete die Räume dementsprechend ein und gegen ca. 1 Uhr Nachts fand er sich mit seinem Personal ein. Dazu gehörten Kellner, Schlepper, Spanner, Musiker und Tänzerinnen.

„In den Jahren zwischen 1925 und 1932 waren, wie vielen alten Kriminalisten noch bekannt ist, die Ringvereine so stark geworden, daß sie zu einer besonderen Bedrohung der öffentlichen Ruhe und Ordnung wurden. Sie scheuten sich nicht mehr, offen hervorzutreten, und es kam vor, daß bei der Beerdigung eines Vereinsmitgliedes sowohl die Vereinsmitglieder selbst wie auch die befreundeten Vereine in großer Aufmachung an der Beerdigung teilnahmen und die Vereinsfahnen entfalteten. Die Vereinsmitglieder fuhren in Kraftwagen vor, und es war sogar häufig der Fall, daß bei besonderen Gelegenheiten, wie Stiftungs- und sonstigen Vereinsfesten, angesehene Rechtsanwälte, Geschäftsleute u. a. teilnahmen, die in Ausübung ihres Berufes mit den Vereinen oder einzelnen ihrer Mitglieder in Verbindung standen. Auf der anderen Seite war die Rivalität unter den Vereinen so gestiegen, daß es zu gegenseitigen Überfällen auf einzelne Mitglieder wie auch auf Vereinslokale kam, also auf die Lokale, in denen sich die Mitglieder regelmäßig trafen.“

(Bartsch Georg, 1956 : S.80  „Prostitution, Kuppelei und Zuhälterei“, Verlag Deutsche Polizei GmbH, Hamburg)

Bis 1933 gab es in Deutschland etwa 100 Vereine mit ca. 5000 Mitgliedern. Bei einem Großteil dieser Vereine handelte es sich um reine Zuhälterclubs, während in Berlin die Konkurrenz zu anderen Unterweltvereinen weiterhin bestand. Während der Weimarer Republik gelang es der Polizei nicht die „Schweigesolidarität“ des Milieus zu durchbrechen. Durch eine Ausweitung der Kompetenzen der Kripo nach 1933 weit über den rechtsstaatlichen Rahmen hinaus (dies wurde als vorbeugende Verbrechensbekämpfung bezeichnet) wurden viele Ringvereine brutal zerschlagen und 1934 offiziell verboten. Nach einem Runderlass von 1938 wurden viele Zuhälter ins Konzentrationslager überführt. Inwieweit sich diese Ringvereine in der Weimarer Republik auch politisch positionierten ist aus den eingesehenen Quellen nicht zu ersehen.

Im Arbeiterstadtteil St. Pauli wurde traditionell links gewählt und es scheint zumindestens zum Ende der Weimarer Republik auf der unteren Ebene zwischen kriminellen und politischen Organisationsprinzipien gewisse Ähnlichkeiten gegeben zu haben. Anfang der 1930er  entwickelten sich innerhalb der kommunistischen Arbeiterschaft Tendenzen, die seitens der Kriminalpolizei dem Bereich der gewöhnlichen Kriminalität zugerechnet wurden. 1931 wurden eine Mehrzahl von Wettbüros, Banken und anderen Geschäften von kommunistischen Arbeitern aus dem Umfeld des seit 1929 verbotenen Rotfrontkämpferbundes überfallen. Teile der aktiven Basis hatten sich zu „Selbsthilfegruppen“ zusammengeschlossen um wegen der wirtschaftlichen Not und der sich zuspitzenden politischen Situation, Lebens- und Geldmittel zu organisieren.

„Bemerkenswert ist nun, dass es sich bei den inzwischen ergriffenen Tätern durchweg um Personen handelt, die nach eigener Bekundung der kommunistischen Partei angehören bzw. mit den Kommunisten sympathisieren. Etliche sind Mitglieder eines Sportclubs. Von ihnen ist bekannt, dass sie Mitglieder der Sektion „Rote Marine“ des verbotenen Rotfrontkämpferbundes sind. In einem kommunistischen Verkehrslokal, der Gastwirtschaft Gericke, wurden unter dem Fußboden versteckt größere, aus einem Raubüberfall stammende Gelder gefunden. Als festgestellt muß gelten, dass es sich bei den Tätern um gleichgesinnte Leute handelt. Nach eigenen Bekundungen festgenommener Personen waren geraubte Gelder „für das Proletariat“ bestimmt. Es sind auch Gelder zur Unterstützung in Haft befindlicher Kommunisten verwendet worden.“

Aus einer amtlichen Bekanntgebung der Hamburger Kriminalpolizei vom 14. Oktober 1932  Zitat aus:  Ebeling Helmut, 1980 „Schwarze Chronik einer Weltstadt – Hamburgs Kriminalgeschichte 1919-1945“, Ernst Kabel Verlag, Hamburg, Seite 317/318


Amelunxen Clemens, 1967, „Der Zuhälter – Wandlungen eines Tätertyps“, Kriminalistik – Verlag Hamburg

Barth Ariane, 1999,„Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Fock Jürgen, 1965, „Das Problem des Zuhältertums“, Inaugural-Dissertation, Universität Berlin

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Advertisements
11
Feb
10

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung und das Prostitutionswesen

Bei der Reichstagswahl 1928 stimmten in St. Pauli 37% für die SPD, 30% für die KPD und 3% für die Nazis. Die Hamburger Bürgerschaftswahl von 1931 brachte der KPD ihr bestes Ergebnis in der Weimarer Republik: 169.000 Stimmen – 21,9%. Da der politische Kampf aufgrund der Erfahrungen nach dem 1. Weltkrieg und der Vorgaben der Komintern  weiterhin hauptsächlich gegen die SPD gerichtet blieb, war ein gemeinsames politisches Konzept aller antifaschistischen Kräfte so gut wie unmöglich. 1933 stimmten 24% für die SPD, 32% für die KPD und 35% für die Nazis.

1930 hatte die Polizei in Hamburg 209 Versammlungen und Demonstrationen zu überwachen. 1931 waren es bereits 1341 Versammlungen und 706 Demonstrationen. 1932 wurden 5920 politische Veranstaltungen überwacht, bzw. begleitet und im Zusammenhang mit Demonstrationen, Saalschlachten und Straßenunruhen waren 2936 Festnahmen wegen Körperverletzung erfolgt. 1931 wurde Ernst Henning, ein KPD-Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft von Mitgliedern der SA erschossen. 4 Tage später kam es zu Schlägereien auf der Bürgerschaftssitzung in dessen Folge mehrere Mitglieder der nationalsozialistischen Fraktion zusammengeschlagen wurden, woraufhin alle 10 KPD-Abgeordnete einen Monat von Parlamentssitzungen ausgeschlossen wurden. Am Tag der Beerdigung kam es in Barmbek zu schweren Unruhen bei denen die Polizei von der Schusswaffe Gebrauch machte. Die politischen Straßenkämpfe gipfelten am 17. Juni 1932 im sogenannten „Altonaer Blutsonntag“ An diesem Tag wollten die Nazis eine ca. 7000 Mann starke Demonstration durch die traditionell kommunistisch und sozialdemokratisch geprägten Stadtteile Altona und St. Pauli durchführen. Im Arbeiterrevier nahe der Grenze zu St.Pauli kam es zu schweren Auseinandersetzungen bei denen auch Schusswaffen eingesetzt wurden, woraufhin die Polizei ihrerseits unverhältnismäßig von der Schusswaffe Gebrauch machte. Resultat: 60 Verletzte, 18 Tote, darunter zwei SA-Männer, drei Kommunisten und 13 Passanten. Diese bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen lieferten dem Reichskanzler Franz von Papen den Vorwand, die von den Sozialdemokraten mitgebildete preußische Regierung aufzulösen, womit der NSDAP politisch der Weg frei gemacht wurde.


Die Sozialdemokratie in Deutschland des 19. Jh. und jungen 20. Jh. definierten die Prostitution, wie auch im kommunistischen Manifest, als eine besondere Form gesellschaftlicher Ausbeutung bei der das Proletariat das Angebot stellte und die Nachfrage von der Bourgeoisie bestimmt wurde. Diese vereinfachende Perspektive des Klassenkampfes wurde von dem französischen Historiker Alain Corbin (geb. 1936) und dem deutschen Schriftsteller Hans Ostwald (1873-1940) differenzierter dargestellt. Sie wiesen nach, dass die Nachfrage nach Prostituierten auch in der Arbeiterschaft bestand; bei ledigen männlichen Arbeitern, Wandergesellen, Seeleuten, Soldaten und jungen Leuten. Die beiden sozialistischen Theoretiker Marx und Engels nahmen die damalige Vorstellung von der kriminellen Unterwelt auf und fügten sie unter der Begriffsbildung „Lumpenproletariat“ in ihr theoretisches Bezugssystem ein.  Erst nach den Zeiten der Pariser Kommune von 1871 begannen anarchistische Theoretiker wie Michail Bakunin,- und auf der anderen  Seite die Polizei – die Kriminalität als Verbündete der Revolution zu betrachten.  In einer Schrift um die Jahrhundertwende, nach Abschaffung der Sozialistengesetze, wird das Schreckensgespenst eines gemeinsamen Umsturzes von Sozialisten, Zuhältern und Kommunisten entworfen:

„Prostitution und Zuhälterthum in der jetzigen Lebensweise, in der jetzigen Regelung ihrer Verhältnisse sind Vorstufe und Durchgangsstufe zum gemeinen Verbrechen. (…) Wie sehr aber Prostitution und Verbrecherthum in Berlin mit einander verquickt sind, das kann man daran beurteilen, dass beide dieselbe Sprache sprechen, dieselbe ursprünglich aus dem Hebräischen stammende, theils verdeutschte, theils mit deutschen Zusätzen versehene rühmlichst bekannte Berliner Verbrechersprache. Das ist die sociale Gefahr, von der wir sprachen. Daneben steht noch eine social-politische. Denn wenn einmal eine Zeit der schweren Noth hereinbrechen sollte, dann werden wir die ungezügelte Prostitution, diese tausende von vagabondierenden Zuhältern auf der Seite der Umstürzler finden, und sie werden fürchterliche Gegner sein, nicht wegen ihrer Tapferkeit, wohl aber wegen ihrer Blutgier und Verthierung, und noch weit mehr wegen der maßlosen Aufhetzung, mit der sie sich allen Kreisen aufdrängen werden, welche ihnen irgendwie zugänglich sind.“

Aus dem Pamphlet einer Gruppe „Hamburger Männer“ um die Jahrhundertwende,  Zitat aus: Evans Richard J., 1997 : 271

Im Hamburger Echo, dem Kampfblatt der Sozialdemokraten, die kulturpolitisch überwiegend auf das bürgerliche Lager ausgerichtet waren, findet sich zwei Jahrzehnte später ein kleiner Artikel aus dem hervorgeht, dass die Kommunisten und die linksradikale USP sich im Rotlichtmilieu engagierten. So wurde im Zuge der sexualreformerischen Bestrebungen dieser Jahre, 1920 eine Interessenvertretung der Prostituierten mit dem Publikationsorgan „Der Pranger“ gegründet.

„Wenn gestern, angeblich auf Anregung der Prostituierten eine von Ehrenfried Wagner (USP) und der Kommunistin Guttmann einberufene Versammlung ( es waren etwa 100 Vertreter von öffentlichen Häusern anwesend) der unter ärztlicher Sittenkontrolle stehenden weiblichen Personen stattfand. So geschah dies, um die wirtschaftliche und soziale Not der in diesem „Beruf“ stehenden Personen zu mildern gegen die Schikanen der Polizeiorgane und die Ausbeutung der Bordellwirte. Man stellte verschiedene Forderungen auf, wie Tarife für das Logis bei ganzer und halber Miete, Beseitigung des Bierzwanges und des Türanzeige, Aufhebung des Verbots zum Theaterbesuch und des Betretens gewisser Straßen, bessere Behandlung in Krankenhäusern, u.v.m.. Zur Durchsetzung dieser Forderungen will man sich in einer Organisation zusammenfinden, und letztere durch kleine monatliche Beiträge finanzieren. Jede Straße wählt eine Vertrauensperson, die die Beschwerden der Organisation unterbreitet, welche dann zunächst versuchen wird durch gütliche Verhandlungen mit der Polizeibehörde oder den Bordellwirten aus der Welt zu schaffen. Sofern jedoch dadurch keine Abhilfe erreicht wird, soll jeder einzelne Fall von Schikane oder Ausbeutung in einem besonderen Organ, „Der Pranger“ publiziert werden.“

Hamburger Echo/Nr.12 Ab/8.1.1920

Der „Pranger“ wurde bereits am 20.2.1920 verboten. Das „Hamburger Echo“ (HE/85Mo/20.2.20) schreibt hierzu: “…Dieses Blatt “Der Pranger” aber, hat in geradezu skandalöser Weise die betont schmutzigsten Dinge ins Volk getragen, hat bewusst auf die niedrigsten Triebe eingewirkt. (…)
Das Verbot ist ohne weiteres gerechtfertigt, mit menschlich erstrebenswerten Zielen, mit sozialistisch-kommunistischer Gesinnung hat, was in diesem Dreckfetzen stand, nichts gemein.“

 

Ehrenfried Wagner war der leitende Redakteur der USP-nahen Hamburger Volkszeitung und musste im Herbst 1919 wegen seiner kritischen Artikel zum Reichswehreinsatz im Juli 1919 für 6 Wochen ins Gefängnis. Danach gründete er mit Ketty Gutmann den „Pranger“ als Gewerkschaftsorgan der Hamburg-Altonaer Kontrollmädchen. In der Publikation wurde weitergehend die freie Liebe und die Sexualrevolution propagiert. Beide gehörten 1921 zu den 17 Mitgliedern der kommunistischen Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft. Jahre später wurde Ketty Gutmann wegen ihrer Broschüre „Los von Moskau!“ als „Antiautoritäre“ aus der KPD ausgeschlossen.

Im gleichem Jahr heißt es bei dem Artikel „Zum Kampfe gegen die Bordelle“:


„…Es handelt sich hier um eine große soziale Tat, für die unsere Partei des Dankes aller derjenigen Männer und Frauen gewiß sein kann, die den Kampf gegen  die gewerbsmäßige Unzucht im neuzeitlichen Geiste führen. Es ist kein Zufall, dass auch die russische Sowjetregierung nach dem Berichte von Goldschmidt in seinem Moskauer Tagebuch vom Mai dieses Jahres das Bordellunwesen in Russland rücksichtslos ausgerottet hat, und mögen wir auch sonst durchaus nicht mit allen Sowjetmethoden aus wohlberechtigten Gründen übereinstimmen, in diesem Punkte müssen wir das Vorgehen der Bolschewisten anerkennen und uns zum Vorbild nehmen“

Hamburger Echo, 429Ab, vom 14.9.1920

Wie aus den Texten und speziellen Formulierungen der letzten Artikelschreiber hervorgeht, gab es im Gegensatz zur Darstellung konservativer Kreise keineswegs eine Allianz zwischen Prostitution und linksgerichteter Politik, oft waren sie vielmehr erbitterte Gegner. Die Sozialdemokratie nahm das Hamburger Bordellwesen oft zum Anlass um gegen die Prostitution zu Felde zu ziehen und um im Reichstag gegen die Politik der Ausbeutung und die herrschende Doppelmoral zu polemisieren, wobei die Interessenlage der Prostituierten nicht berücksichtigt wurde. Obwohl davon ausgegangen werden kann, dass vor allem in den Gängevierteln die sozialen Milieus der Arbeiter, Gewerbetreibenden und der Prostituierten vernetzt waren.

Gegner des Hamburger Bordellsystems und auch oft der Sittenpolizei waren verschiedene Frauenvereine, vor allem der 1899 gegründete „ Hamburger-Altonaer-Zweigverein der Internationalen Abolitionistischen Föderation“, die seit 1911 bestehende, religiös geprägte Mitternachtsmission und die Sozialdemokratie. Der sozialdemokratische Abgeordnete für den Hamburger Wahlkreis August Bebel, brachte das Hamburgische Bordellwesen und den Frauenhandel wiederholt im Reichstag zur Sprache. 1895 hatte dies die Ausweisung zahlreicher Ausländerinnen aus den Bordellen zur Folge. Nach dem 1. Weltkrieg und den stattgefundenen politischen Umwälzungen erlangte die sozialdemokratische Partei großen Einfluss im Hamburger Parlament und Regierung. Zum ersten Mal zogen Frauen in die Hamburger Bürgerschaft ein. Damit gewannen diejenigen politischen Kreise an Einfluss, die jahrelang das Bordellsystem entschieden bekämpft hatten.

Ebeling Helmut, 1980, „Schwarze Chronik einer Weltstadt – Hamburgs Kriminalgeschichte 1919-1945“, Ernst Kabel Verlag,

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Pelc Ortwin, 2002, „Hamburg, die Stadt im 20.Jh.“, Convent-Verlag, Museum f. Hamburgerische Geschichte

Sigmund Monika, Renate Kühne, Gunshild Ohl-Hinz, Ulrike Meyer, 1996, „ Man versuchte längs zu kommen und man lebt ja noch – Frauen-Alltag in St. Pauli in Kriegs- und Nachkriegszeit“, St. Pauli-Archiv, Druckerei in St.Pauli, Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Die Schließung der Bordelle – Gesetzesnovelle und Datenerfassung

Mit der Etablierung der Weimarer Republik forderte 1921 der Reichstag alle im Deutschen Reich noch bestehenden Bordelle zu schließen und die Kasernierung zu beenden. Auch in Hamburg empfahl eine extra dazu eingesetzte Kommission die Schließung der Bordelle. In einem Bericht des Bürgerausschusses aus dem Jahr 1921 zum hamburgischen Prostitutionswesens wurde festgestellt, dass sich nur ein geringer Teil der gewerbsmäßigen Unzucht in den Bordellen vollziehe, der Polizei aber mehr als 1000 Kupplerquartiere bekannt seien, vor allem in den Straßen rund um den Hauptbahnhof und in St. Pauli. Im gleichen Jahr wurde dann in der Bürgerschaft ein Antrag angenommen, dass der Senat zu ersuchen sei keine Neueinschreibungen unter Kontrolle stehender Prostituierter mehr zu genehmigen und die Bordelle baldmöglichst polizeilich schließen zu lassen. Im Juni 1922 wurden dann die letzten Bordelle offiziell geschlossen. Die Bordellstraßen wurden umbenannt und die freigewordenen Bordelle zur normalen Vermietung freigegeben, einige hingegen wurden zu „Restaurants“ und „Pensionaten“ umbenannt.

Nach einer  Statistik der Hamburger Sittenpolizei aus dem Jahr 1920 gab es insgesamt 116 Häuser mit über 800 Zimmern in denen durchschnittlich 550 bis 600 “Insassen” zugegen waren. Der Wert der Hamburger Bordell-Häuser wurde vor dem ersten Weltkrieg auf 6 Millionen Reichsmark geschätzt. In Altona gab es die Bordellstraßen Peterstraße und Kleine Marienstraße mit insgesamt 26 Häusern und 260 Insassinnen. Nach einer Umfrage des Frankfurter Statistischen Amtes aus dem Jahr 1919 wurde die Zahl der geheimen Prostituierten in Altona auf 500 geschätzt.

Die unter strenger Kontrolle stehenden Prostituierten verteilten sich über folgende Bordelle:

Brunnenstraße                        2 Häuser   –     7 Zimmer
Heinrichstraße                       21 Häuser  –     117 Zimmer
Hinter der Markthalle         4 Häuser   –     20 Zimmer
Klefekerstraße                       16 Häuser   –     130 Zimmer
Neue Springeltwiete           11 Häuser  –     119 Zimmer
Schützenstraße                     14 Häuser   –     138 Zimmer
Schwiegerstraße                  17 Häuser  –      80 Zimmer
Ulricusstraße                        31 Häuser   –      210 Zimmer

Quelle: Knack U.B., 1921: 9

Der Senat schloss als erstes die Bordelle in den Straßen „Hinter der Markthalle“ und einen Teil der Häuser in der Klefekernstraße und in der zweiten Brunnenstraße. Bereits einen Monat später, im August `21, beschwerten sich die Geschäftsleute der Klefekernstr., der Wexstr., Brüderstr. und des Trampgangs über die Zustände im Inneren der Neustadt, da die vormals bordellierten Frauen ihr Geschäft nun auf der Straße betrieben und die Straßen das Bild „öffentlicher Bordellstraßen “ angenommen hätten. Frauen von Anwohnern wurden von der männlichen Klientel der Prostituierten belästigt und die Kundschaft der regulären Läden blieb zunehmend aus. Um die Schließung weiterer Bordelle zu verhindern organisierten die Geschäftsleute im September `21 eine öffentliche Versammlung zu der ca. 500 Ladenbesitzer, Handwerker, Zimmervermieter und Prostituierte erschienen. Während die Ladenbesitzer eine Verschlechterung des Straßenbildes und Umsatzeinbußen befürchteten, war der Protest der „Kontrollmädchen“ von anderen Sorgen getragen. Während der Nachkriegszeit herrschte eine extreme Wohnungsnot und viele Prostituierte mussten damit rechnen entweder kein neues Zimmer zu finden oder völlig überzogene Mieten zahlen zu müssen. 153 Frauen der Bordelle der Schwiegerstraße und der Ulrikusstraße, die zum Dezember 1921 geschlossen werden sollten, richteten Petitionen an den Senat um den Termin der Schließung zu verschieben, da sie sonst befürchteten zum Winter mittel- und obdachlos zu werden. Sie betonten ihrerseits, dass sie in den Bordellen weitaus preiswerter leben konnten als außerhalb in privaten Wohnungen, da die Vermieter sie entweder ablehnten oder extrem überhöhte Mietpreise verlangten. Die Häuser in der Schwieger- und Ulrikusstraße wurden trotzdem zum Dezember `21 geschlossen, während man bei den anderen Bordellen den Termin wegen der Wohnungsnot hinauszögerte. Im Juli 1922 wurden auf Beschluss der Bürgerschaft und des Senats und unter dem Druck der Öffentlichkeit – gegen den Willen der Polizeibehörde, des Gesundheitsamtes und des Wohnungskommissars – alle Bordelle in der Schützen, Heinrich und Klefekernstraße , sowie der Springeltwiete geschlossen.

Mit der Schließung wurden die ehemaligen Bordellstraßen gleichzeitig umbenannt. Aus der Schwiegerstraße wurde der Kalkhof, aus der Ulrikusstr. die Winkelstraße, die Schützenstr. wurde zum Johanniswall, die Klefekernstr. zur Mauerstraße und die Heinrichstraße zur Herbertstraße. Die Vorschriften der Sittenpolizei verloren mit der Schließung der Bordelle ihre Gültigkeit, da die Frauen somit keiner Wohnungsbeschränkung mehr unterlagen. Es war ihnen von da an erlaubt Cafes, Restaurants, Theater und den Zirkus zu besuchen, Während ihnen vorher fast alle Hauptverkehrsstraßen verboten waren, konnten sie jetzt die Straßen, mit Ausnahme des Jungfernstiegs und den Straßen in der Umgebung des Hauptbahnhofes, betreten. Außerdem wurden die medizinischen Untersuchungseinrichtungen erweitert, da die Untersuchungen nicht mehr in den Bordellen durchgeführt werden konnten. Im Juli 1921 hatten 1600 Frauen unter sittenpolizeilicher Kontrolle gestanden, davon hatten 560 Frauen in einem der 800 Zimmer in den 114 Bordellen in den 8 von der Polizei freigegebenen Bordellstraßen gewohnt. Die anderen 1040 Frauen hatten bereits in Privatwohnungen, verstreut im Stadtgebiet, gelebt. Nach der Auflösung der Bordelle mussten sich die 560 Frauen privat Zimmer suchen und gingen ihrem Geschäft in der Regel auf der Straße nach, wobei sich eine Konzentration in den Stadtteilen St. Georg, St. Pauli und dem Gängeviertel zeigte, was die Möglichkeiten der Zimmervermietung, vorhandene Absteigen und der Straßenprostitution betraf. 1925 kamen ca. 250 Prostituierte auf 1100 Familien im Gängeviertel.

Die Bevölkerung des Gängeviertels ist sehr gemischt. Zu einem geringen Teil ist noch eine bodenständige Arbeiterbevölkerung vorhanden, die, am Hafen beschäftigt, von alters her dort wohnt und infolgedessen mit den bescheidenen Wohnverhältnissen zufrieden ist, da sie die Vorteile des kurzen Weges zur Arbeitsstelle in Rechnung zieht. Diese Bevölkerungsschicht nimmt jedoch mehr und mehr ab, da sie von anderen, weniger soliden verdrängt wird und nach dem Ausbau der Verkehrsanlagen die Möglichkeit hat, bessere Wohnquartiere in den äußeren Stadtteilen zu beziehen. Was übrig bleibt, ist eine äußerst zahlungsschwache Mieterschicht, die sich in vielen Fällen durch Beherbergung der nach  Aufhebung der Bordelle heimlosen Prostitution einen Nebenerwerb mancherlei Art verschafft. Diese Entwicklung ist so stark geworden, dass ein Teil der Gänge ganz den äußeren Eindruck minderwertiger Bordellstraßen macht. (…) Eine weitere Schicht der Bewohnerschaft bilden die zugewanderten Familien, die die heute erforderliche Wartezeit bis zur Beschaffung einer Wohnung durch das Wohnungsamt noch nicht erfüllt haben und nun in diesen Wohnungen, die von den Hamburger Wohnungssuchenden verschmäht werden und zur freien Vermietung kommen, unterzukriechen. Hier spielt das Gängeviertel also die Rolle eines fragwürdigen Privataspiz für Obdachlose. Nehmen wir hierzu noch die Tatsache, dass das winkelige und dunkle Gängeviertel willkommener Unterschlupf für die Verbrecherwelt bietet, so haben wir das Nachtstück einer Großstadtentwicklung vor Augen, wie wir es uns trüber kaum denken können. Es wird eine Aufgabe der nächsten Zukunft sein, auch diesen letzten Teil des Sanierungsprogramms vom Jahre 1897 möglichst schnell zu erledigen. Die Lösung der Frage, wo die sozial äußerst schwierige Bewohnerschaft unterzubringen ist, wird den Staat vor soziale Aufgaben stellen, wie er sie in diesem Umfange noch nicht zu lösen hatte, da Gesetzgebung und allgemeine Anschauung heute anders sind als bei Inangriffnahme des Sanierungswerkes und es sich hier um Beseitigung der letzten Insel und Zufluchtstätte meist asozialer Elemente im Herzen der Großstadt handelt.“

Quelle: Hamburger Correspondent Nr.1 1.1.1928,   „Das Hamburger Gängeviertel – Ein sozialer Fremdkörper in der Millionenstadt“  „Ein fragwürdiges Wohnquartier“ von Oberbaurat Peters

Nachdem der Zwang in einem Bordell zu wohnen nicht mehr bestand, ließen sich immer mehr Frauen bei der Sittenpolizei registrieren. Im Juli 1921 waren 560 Frauen eingeschrieben, 1923 bereits 1300 und 1924 – 2000, bis sie mit 2400 registrierten Frauen anfangs 1926 ihren „offiziellen“ Höchststand erreichte. Die Zahl der männlichen Prostituierten wurde auf 1500 geschätzt. 1923 griff die Sittenpolizei 4.078 Männer auf,  von denen 1512 an einer Geschlechtskrankheit litten. 1924 wurden 3554 Männer aufgegriffen von denen 1593 erkrankt waren. Für männliche Prostituierte gab es keine gesetzlichen Bestimmungen. Sie wurden nicht in Listen registriert und mussten sich nicht regelmäßigen Gesundheitskontrollen unterziehen. Das sich innerhalb von 4 Jahren die Zahl der weiblichen Prostituierten um das vierfache erhöht hat erklärt sich aus den Umstand, dass viele der Frauen, die vorher der heimlichen Prostitution nachgegangen waren, sich nun registrieren ließen. Andererseits war Hamburg während der Inflationsjahre, als Messe- und Konferenzstadt und als Hafenstadt, mit vielen  Ausländern und Seeleuten, die mit harter, inflationsresistenter Währung zahlten, auch Anziehungspunkt für viele Frauen aus dem Umland und anderen deutschen Regionen. Insgesamt 70% der Kontrollmädchen sollen von auswärts zugezogen sein.

„Man wird diese Zahl sicher für viel zu niedrig halten, wenn man einmal mit aufmerksamen Auge die Verhältnisse geprüft hat. Doch bei dem jetzigen System des frei-herum-laufen-lassens ist eine Ueberwachung und statistische Erfassung sämtlicher Prostituierten kaum möglich. (…) Aber reine Bahn und moralische Gesundung kann man nur dann schaffen, wenn auch die Fäulniserreger beseitigt werden. Fürsorgerische Maßnahmen werden gegenüber dem Dirnenunwesen nur zu einem kleinen Teil helfen. Verschiedene Kreise wünschen Zusammenarbeit des Pflegeamts mit dem Gericht und dem Arbeitshaus, andere wieder fordern eine verstärkte Straßenpolizei die dem Dirnenunwesen steuern soll.“

(Hamburger Correspondent/Nr.232Ab, S.4, 20.5.1925) „Die Prostitution in Hamburg“

Aufgrund der  zunehmenden Verschlechterung des Straßenbildes kam es im März 1925, unter der Leitung des evangelischen Landesverbandes der Inneren Mission, in den Räumen von Saegebiel zu einer Veranstaltung zum Thema „Prostitution und das Wohnungselend“ mit mehreren tausend Teilnehmern. Im gleichen Jahr setzte der Senat eine Kommission zur Prüfung der Frage der Neuregelung des Prostitutionswesens in Hamburg ein  Auch in der Bürgerschaft wurde die Prostitutionsfrage erneut zum Thema. Die Mehrheit der Abgeordneten sprach sich, wie schon 1921, gegen das System der Kasernierung, polizeilichen Überwachung und Bordellierung aus und befürwortete stattdessen gesundheitliche und fürsorgerische Maßnahmen. Ein Maßnahmenkatalog der Senatskommission setzte vordringlich darauf die Durchmischung von Prostituierten und „normaler“ Bevölkerung entgegenzuwirken, vor allem dort wo Familien und Kinder betroffen waren. Dabei unterschied die Sozialbehörde 3 Kategorien von Straßen: Straßen aus denen normale Haushalte vollständig ausquartiert werden sollten, um sie Prostituierten und Zuhältern zu überlassen. Straßen aus denen Familien mit Kindern ausquartiert werden sollten, kinderlosen Ehepaaren aber weiterhin das Wohnen erlaubt blieb und Straßen aus denen die Prostitution vollständig verdrängt werden sollte. Das Ziel war es alle Familien mit Kindern aus dem „sittlichkeitsgefährdeten Milieu“ umzusiedeln. Viele der Familien waren allerdings zu einem Umzug nicht bereit. Die soziale und berufliche Bindung an den Stadtteil und die niedrigen Mieten waren einige der Gründe, außerdem hatte sich das traditionelle Schläfgängertum, welches sich inzwischen immer mehr zur Zimmervermietung an Prostituierte gewandelt hatte, zu einer wichtigen Einnahmequelle vieler Familien entwickelt.

Nach dem §361 Nr.6 StGB nahm die Sittenpolizei Razzien vor allem in den Vierteln St. Pauli, St. Georg und in der Gegend um die Steinstr. und in der Neustadt vor. Im Jahr 1924 nahm die Polizei insgesamt 15.232 Frauen fest, davon 7.960 registrierte Prostituierte und 7.272 Frauen, die der heimlichen Prostitution verdächtigt wurden. Die Frauen wurden zunächst zur nächstliegenden Polizeiwache gebracht, wo eine Vernehmung durch die Sittenpolizei erfolgte. Wenn sie sich nicht ausweisen konnten oder der Verdacht der Prostitution oder auf eine Geschlechtskrankheit bestand, blieben sie in Arrest und wurden am folgenden Tag im Stadthaus zwangsweise auf Geschlechtskrankheiten untersucht und der Fürsorge des Pflegeamtes übergeben. Statt eine Strafe im Gefängnis anzutreten, hatten die Frauen die Möglichkeit sich „freiwillig“ der Aufsicht des Pflegeamtes zu unterstellen, wo dann, nach dem sogenannten „Bielefelder System“, die Resozialisierung und nicht die Bestrafung im Vordergrund stand. Mit dem Bielefelder System wurde die sittenpolizeiliche Kontrolle durch eine „Aufsicht und Erziehung“ der Frauen durch das Pflegeamt abgelöst. Die Kontrollbücher der Sittenpolizei wurden abgeschafft und 1926 wurden die Frauen aus der sittenpolizeilichen Kontrolle entlassen. Bei Frauen, die keinen Willen zeigten zu einem „gesitteten Lebenswandel“ zurückzukehren oder sich der Aufsicht entzogen, wurde die Haftstrafe vollzogen. Mitte der 20er Jahre verbüßten ca. 2000-2500 Frauen eine Strafe nach §361 Nr.6 StGB in den Hamburger Haftanstalten.

Dem Pflegeamt, dem in den 20er Jahren jährlich ca. 1200 „Pfleglinge“ von der Sittenpolizei und den Krankenhausabteilungen für Geschlechtskranke überwiesen wurden, standen eine Reihe von Häusern zur Verfügung. Nachdem die Frauen unter Aufsicht gestellt waren, entschieden die Fürsorgerinnen ob sie zurück zu ihrer Familie geschickt wurden, eine Arbeit vermittelt bekamen oder im Arbeitshaus 6 Monate zu arbeiten hatten. Das 1921 gegründete Pflegeheim in der Martinistraße war eines der moderateren Einrichtungen. Es wurde neben der Unterbringung, Verpflegung und Arbeitsvermittlung auch für ein kulturelles Begleitprogramm gesorgt, welches von Kinobesuchen, Singabenden bis zu Ausflügen reichte. Eine weitere Einrichtung war der „Louisenhof“ im  sogenannten Versorgungsheim in Farmsen. Es bestand aus zwei Baracken für bis zu 20 Frauen. Das ganze Areal war mit Stacheldraht eingezäunt und die Frauen waren dort unter strenge Aufsicht gestellt, sie durften sich auf dem Gelände nicht frei bewegen, es gab kaum Besuchsmöglichkeiten und persönliche Briefe unterlagen der Zensur. Die Frauen hatten dort einen mindestens 6-monatigen Arbeitsdienst zu verrichten. Wenn Frauen keine Einsicht zeigten und außerdem als „schwachsinnig und psychopathisch“ klassifiziert wurden, wurde oft ein Entmündigungsverfahren eingeleitet, womit diese Frauen dann völlig rechtlos der Vormundschaft der Fürsorge ausgeliefert waren.

Im Februar 1927 wurde das „Reichsgesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ verabschiedet. Mit diesem Gesetz hatte die Prostitution ihren Deliktcharakter verloren und war quasi erlaubt, ausgenommen in der Nähe von Schulen, Kirchen und Kindern allgemein. Die polizeiliche Reglementierung wurde durch eine Gesundheitskontrolle abgelöst und die Kasernierung ausdrücklich verboten. Die Verpflichtung sich bei vorliegender Geschlechtskrankheit untersuchen zu lassen, galt nun für jeden. In Hamburg existierten 1928 ganze fünf Fürsorgestellen für Geschlechtskranke, deren größte sich in der Gesundheitsbehörde am Besenbinderhof und im Krankenhaus St. Georg befanden. Beratung und Behandlung waren kostenlos. Zu den bisherigen Klienten kamen nun auch die Prostituierten hinzu. Die Kuppeleiparagraphen §180 und §181 StGB blieben im Inhalt gleich, demnach war der Unterhalt eines Bordells oder bordellartigen Betriebes strafbar. Doch trotz der endgültigen Schließung aller Bordelle im Oktober 1927 existierten sogenannte „Massagesalons“ und „Heilinstitute“ weiterhin.

Die wirtschaftliche Notlage während der Weltwirtschaftskrise und der damit zusammenhängende Anstieg der Straßenprostitution, gaben der Sittenpolizei Möglichkeiten ihren durch die neue Gesetzeslage verlorenen Kompetenzbereich wiederzugewinnen. Mit Hilfe des Paragraphen 22, dem sogenannten Verhältnisgesetz, konnten Personen die „die öffentliche Ordnung störten“ bis zu 24 Stunden festgenommen werden. Dieser Paragraph wurde zu einem Instrumentarium der Sittenpolizei um gegen die Straßenprostitution vorgehen zu können. Weitergehend setzte die Polizei ihre Vorstellung der Bekämpfung und Kontrollierung der Prostitution durch, indem sie ab 1930, entgegen der eindeutigen Gesetzeslage, wieder begann bestehende Bordelle stillschweigend zu dulden. Hamburg war aufgrund der wirtschaftlichen Lage zum ökonomischen Notstandsgebiet erklärt worden. In Hamburg wirkte sich die Weltwirtschaftskrise wegen der Auslandsabhängigkeit der Hamburger Hafenwirtschaft besonders stark aus. Die Krise führte zu einem Rückgang des deutschen Außenhandels von 1928 bis 1932 auf 60% in Bezug auf die Menge und 38% in Bezug auf den Wert. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Hamburger Arbeitslosen von 50.000 auf fast 165.000. Die meisten Erwerbslosen erhielten in Hamburg durch die Versicherung ein halbes Jahr etwa 40%, 1932 nur noch 20-30% ihres früheren Einkommens. Im Anschluss danach konnten sie bei nachgewiesener Hilfsbedürftigkeit ein Existenzminimum durch die kommunale Wohlfahrt erhalten.

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Knack U.B., 1921, “Groß Hamburg im Kampfe gegen Geschlechtskrankheiten und Bordelle“, Verlagsanstalt Auer in Hamburg

Pelc Ortwin, 2002, „Hamburg, die Stadt im 20.Jh.“, Convent-Verlag, Museum f. Hamburgerische Geschichte

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Zürn Gabriele, 1989, „Prostitution in Hamburg im „Dritten Reich“ 1933-1945“, Magisterarbeit, Universität Hamburg

11
Feb
10

Hamburg und St. Pauli unter faschistischer Herrschaft

Durch das „Groß-Hamburg-Gesetz“ von 1937 verdoppelte sich die  Stadtfläche annährend und die Einwohnerzahl stieg um 40% auf ca. 1,7 Millionen. Altona und die Elbvororte, Wandsbek, Harburg und Wilhelmsburg wurden mit diesem Gesetz eingemeindet. Die enge Vernetzung der Gesundheitsbehörde, der Fürsorgeeinrichtungen und der Polizei lieferten einen umfangreichen Datenpool, der ab 1933 intensiv genutzt wurde. Schon vor 1933, aber spätestens mit der Machtübernahme der Nazis wurde die liberale Gesetzgebung demontiert und durch eine scharfe Reglementierung und Kasernierungspraxis ersetzt.

Es wurden verstärkt Razzien durchgeführt um das „Straßenbild zu reinigen“. Dabei erfolgten die Festnahmen oft nach der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ vom Februar 1933, die zur Verfolgung politischer Gegner des nationalsozialistischen Regimes vorgesehen war. Aufgrund dieser Verordnung war eine 90-tägige Haft möglich. Sie wurde auch gegen die Zuhältervereinigungen eingesetzt. Alleine im Zeitraum März`33 wurden 3.201 „unzuchttreibende Frauen“ verhaftet. Die Hamburger Polizei verwarnte die aufgegriffenen Frauen bei ihrer ersten Festnahme, beim zweiten Mal hatten sie mit 8 Tagen Haft zu rechnen und bei der dritten Festnahme innerhalb eines halben Jahres wurden sie mit 90 Tagen Haft bestraft. Trotz dieses gestaffelten Strafregisters hatte der Strafvollzug wegen Platzmangels bald keine Möglichkeit mehr die Frauen unterzubringen. Viele der inhaftierten Frauen wurden deswegen vorzeitig entlassen. 1934 vermeldete die Hamburger Kriminalpolizei eine Säuberung des Straßenbildes. Der Straßenstrich war verschwunden. Den durch die Gesetzesverschärfungen bedingten Anstieg von Polizeiaktivitäten führte dazu, dass die Frauen des Straßenstriches inzwischen in die schwerer zu kontrollierenden Lokale und Tanzcafes auswichen um dort ihrer Arbeit nachzugehen  Allerdings waren ab November 1939 auch Animiermädchen und Tanzdamen unter die laufende Kontrolle des Gesundheitsamtes gestellt. Das sexuelle Entertainment in den Varietes wurde wieder prüde verpackt. In einigen Varietes durften die Tänzerinnen zwar noch ihre Büstenhalter ablegen, durften dabei aber nicht mehr tanzen, sondern mussten, wie in der früh-wilhelminischen Ära, im Finale zum lebendigen Bild erstarren – ein Rückgriff zu der Tradition der „tableaux vivants“.

Im gleichem Jahr (1933) in dem das Gängeviertel zwischen der Kaiser-Wilhelm-Str., den Kohlhöfen und der Wexstraße, das als „Schlupfwinkel“ für Prostituierte galt, abgerissen wurde, hatte die Hamburger Polizei die kasernierte Prostitution wiedereingeführt. Drei Straßen, der Kalkhof und die Winkelstraße (17 der 25 dort stehenden Häuser gehörten der Hamburger Finanzbehörde) in der Innenstadt und die Herbertstraße in St. Pauli wurden zu reinen Bordellstraßen umfunktioniert. Diese Straßen wurden mit Toren, die gleichzeitig als Sichtblende und als Sperre für den Durchgangsverkehr funktionierten, versehen. Männer durften dort nicht arbeiten und Zuhältern war der Zutritt und der Kontakt mit den Frauen verboten. Die Stellen der vorgesehenen Reinigungskräfte, der Pächter und Wirtschafter wurden ausschließlich mit über 25-jährigen Frauen besetzt. Bei zwei weiteren Straßen, dem Grützmachergang in St. Georg und den östlichen Teil der Maurerstraße in der Innenstadt, wurden aufgrund der Widerstände von betroffenen Bewohner und des Hamburger Fürsorgewesen die Bordellstraßenplanung wieder rückgängig gemacht. Die dort lebenden Prostituierten mussten bis zum Sommer 1935 ausziehen. Im November 1934 waren bei der Gesundheitsbehörde 1200 Frauen wegen gewerblicher Unzucht registriert, 520 hatten von der Polizei ein Kontrollbuch erhalten. In den drei Bordellstraßen wohnten ca. 280 Prostituierte, während die Polizei von 400 Frauen für eine volle Auslastung ausging. Die Pächter klagten über schlechte Geschäfte und die Prostituierten konnten, mangels Kunden, nicht immer ihre Miete bezahlen. 1937 kam durch die Eingemeindung der Stadt Altona die Bordellstraße Lohestraße hinzu.  1941 zählte die Sittenpolizei rund 700 kasernierte Prostituierte mit einer Bedarfsmenge von 300.000 Präservativen im Monat, was einem Durchschnitt von 15 Präservativen pro Frau und Tag entsprach. Hauptsächlich waren es Frauen von außerhalb Hamburgs, die in die Bordellstraßen zogen, während die Hamburgerinnen das „freie“ Wohnen bevorzugten.

Kurz nach dem Kriegsbeginn 1939 wurde das Reichsgesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten vom Reichsinnenministerium außer Kraft gesetzt und der Polizei wieder die Aufgabe der Überwachung und Kontrolle der Prostitution übertragen. Eine Entwicklung, die die Hamburger Polizei bereits mit dem Machtantritt der Nazis 1933 vorweggenommen hatte. Die Polizei fertigte Listen von Lokalen an, in denen Prostituierte verkehren durften. Ab 1940 wurden die Inhaber dieser Lokale per Anordnung verpflichtet, alle Frauen, die in ihren Lokalen verkehrten und verdächtig waren der Prostitution nachzugehen, der Sittenpolizei zu melden. Zur gleichen Zeit führten die Gesundheitsämter und die Polizei verstärkt Razzien und Streifen durch. Kontrolliert wurden einschlägig bekannte Lokale und die Region um den Hansaplatz in St. Georg. Viele der Frauen, die bei diesen Polizeiaktionen verhaftet und der heimlichen Prostitution verdächtigt wurden, erhielten seit 1942 ein „Merkblatt für Prostituierte“, mit der Aufforderung in eines der kontrollierten Bordelle zu ziehen. Frauen die sich den Anordnungen widersetzten hatten mit einer Einweisung in ein Konzentrationslager zu rechnen.

Schon im Zeitraum Mai 1934 bis November 1935 wurde unter der Mithilfe der Hamburger Behörden und Polizisten, Fürsorgerinnen, Pastoren und Lehrern etc…  eine Untersuchung durchgeführt, die dann als Grundlage für eine soziale Kartographie und einer „soziale Sanierung“ verwendet werden sollte.. Die Stadtregionen Gängeviertel, Rothenburgsort, Hammerbrock, St Georg Nord, Hoheluft, Barmbek- Uhlenhorst, St. Pauli und Sternschanze, allesamt soziale wie politische Brennpunkte, wurden infolge der Untersuchung als „gemeinschädliche“ Viertel klassifiziert.

„St.Pauli zählt als Verfallsgebiet mit zu den linksradikalsten Hamburgs. Hier haben die minderwertigen Geistes- und Moralkrüppel von jeher festen Fuß gefasst. Zum anderen ist aber noch zu beachten, dass St. Pauli eine sehr große Anzahl jener Elemente wie Verbrecher, Zuhälter und Prostituierte enthält die grundsätzlich Feinde jeder staatlichen Ordnung sind.“

Aus einer Studie des „Soziologischen Universitätsinstitutes“ in Hamburg dieser Zeit (Barth Ariane, 1999 : 73/4)

Die Datenerhebung war äußerst genau und erfasste die sozialen Zusammenhänge in jedem Wohnhaus, in jeder Straße und war direkt mit dem Gesundheitspassarchiv der Gesundheitsbehörde vernetzt, wo sämtliche Krankheiten- und darüber hinaus gehende Daten gesammelt wurden. Neben der baulichen Sanierung der Viertel sollte mittels der Information ein Differenzierungsprozess zwischen den „gesunden“ Bewohnern und den „Minderwertigen“ und „Volksschädlingen“ betrieben werden, bei denen die Maßnahmen der Sterilisierung, der Sicherheitsverwahrung und der Anstaltseinweisung geprüft wurden. Bereits 2 Jahre nach Einrichtung des Archivs existierten sogenannte Leitkarteien für Sterilisierte und „sexuell Abartige“.  Mit Hilfe eines internen Erlasses des Innenministeriums konnten ab September 1940 Prostituierte zu einem Schwangerschaftsabbruch gezwungen werden (die Schwangerschaften Prostituierter waren in Hamburg meldepflichtig). Infolgedessen wurden die Gesundheitsämter aufgefordert die Genehmigungen für Abtreibungen und Sterilisationen an Prostituierten („insbesondere Bordellinsassinnen“) einzuholen. Die restriktiven Tendenzen die sich in der deutschen Sozialhygiene und Fürsorge bereits 1921 mit der Gesetzesinitiative des sogenannten Bewahrungsgesetzes zeigten und sich in den darauffolgenden Jahren verstärkten, kamen mit dem nationalsozialistischen Regime voll zur Entfaltung. Während das Gesetz von 1927 noch auf eine Resozialisierung der sich prostituierenden Frauen angelegt war, dominierten im Nationalsozialismus Kontroll- und Zwangsmaßnahmen, die oft mit einer völligen Entrechtung der Frauen einherging. Die Hamburger Frauenwirtschaftskammer mit ihren angeschlossenen Frauenvereinen, wie auch die Fürsorgerinnen des Pflegeamtes, waren gegen die Kasernierung der Prostituierten. Sie wollten eine komplette Unterdrückung der Prostitution erreichen. So sprach sich der Nordverband des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes, wie auch der Verband der weiblichen Angestellten Hamburgs, gegebenenfalls für die Einweisung der Prostituierten in Konzentrationslager aus. Die Frauen, die freiwillig in die Bordellstraßen zogen und sich an die polizeilichen und gesundheitsfürsorgerischen Vorschriften hielten, blieben oftmals von den Maßnahmen der Sozialfürsorge verschont. Frauen, die der heimlichen Prostitution verdächtigt wurden und sich den polizeilichen und gesundheitlichen  Kontrollen zu entziehen versuchten, wurden von der Fürsorge überwacht und kontrolliert. Diese „Fürsorge“ konnte seit der NS-Machtergreifung Entmündigung, Sterilisation oder die Einweisung in ein Konzentrationslager bedeuten. Insgesamt wurden in Hamburg ca. 20.000 Personen sterilisiert, im gesamten Deutschen Reich waren es ca. 360.000.

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Zürn Gabriele, 1989, „Prostitution in Hamburg im „Dritten Reich“ 1933-1945“, Magisterarbeit, Universität Hamburg

20
Jan
10

Die Prostitution im Industriezeitalter bis zum Ende der Weimarer Republik

Das 19. Jahrhundert  – Die Kasernierung der Prostitution

Im Mittelalter war die systematische Organisation und die planmäßige Förderung des Frauenhauswesens mit dem Ausbau des Städtewesens parallel gegangen. Ebenso ist die Erscheinungsweise der Prostitution im 19.Jh. eng verknüpft mit der Entwicklung der großen Städte. Im Gegensatz zum Mittelalter fanden sich im 19.Jh. – durch die Landflucht und das explosionsartige Anwachsen der Städte – Prostituierte in allen Teilen der Stadt. Napoleon I. führte in Frankreich zum Zwecke des gesundheitlichen Schutzes seiner Soldaten im Jahre 1802 als erstes das System der staatlichen Reglementierung und der Kasernierung der Prostitution ein, um das französische Heer vor der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu schützen. Nachdem Frankreich seine strenge Reglementierung durchgesetzt hatte, folgten fast alle anderen europäischen Länder diesem Beispiel. Das Reglementierungssystem des 19. Jahrhunderts, das die Bevölkerung vor Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper schützen sollte, bestand aus polizeilichen und gesundheitlichen Verordnungen, die sich ausschließlich auf die Prostituierten bezogen, deren männliche Kundschaft, wie auch männliche Prostituierte aber nicht berücksichtigten. Beauftragt mit der Durchführung dieser Maßnahmen war die Polizei, speziell der Sittenpolizei. Die Aufgabe der Sittenpolizei war der Schutz der Gesellschaft vor „gesundheitlicher und sittlicher Ansteckung“. Die zentrale Forderung war die Isolierung der Prostitution, ihr Ausschluss aus der Öffentlichkeit. Dies führte in  Konsequenz zur Kasernierung der Prostituierten, d.h. zur zwangsweisen Unterbringung und Kontrolle in Bordellen und Speerbezirken, womit gleichzeitig eine institutionalisierte Überwachung der Gesundheit ermöglicht werden sollte. Neben der Sittenpolizei war für die Prostituierten auch ein Kontrollarzt zuständig. In Frankreich lag die Kontrolle bei den Kommunen und war von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In Marseille z.b. wurden alle Frauen wöchentlich untersucht. Für die Frauen in den Bordellen fand die Untersuchung an ihrem Arbeitsplatz statt. Die Straßenprostituierten mussten in einem Raum der Sittenpolizei erscheinen um sich untersuchen zu lassen. In England wurde im Jahr 1864 im Parlament erstmals über die Maßnahmen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten diskutiert. In Folge kam es in England zu einer ähnlichen Gesetzgebung, die allerdings nur für die Städte galt wo Militär stationiert war.

Die verschiedenen Obrigkeiten mussten allerdings feststellen, das die Maßnahmen der stringenten Kasernierung nicht die gewünschte Wirkung zeigten, da viele Frauen, aufgrund der massiven Stigmatisierung, die die gesetzlichen Maßnahmen begleiteten, sich der Kontrolle entzogen.
In Frankreich zeigte sich Jahre nach dem erfolgten Reglement keine Verbesserung der Situation und in Christiania/Dänemark bemerkte man nach der inzwischen vollzogenen Aufhebung der Reglementierung 1888, dass die eingeschriebenen Prostituierten aus den Hospitälern zum großen Teil verschwanden und Schneiderinnen, Dienstmädchen und Kellnerinnen an ihre Stelle traten. Zum Teil waren es Prostituierte, die einen anderen Beruf angaben, aber auch viele Frauen die sich bisher von den Spitälern ferngehalten hatten und sich jetzt freiwillig behandeln ließen. In England stieß diese Gesetzgebung gleich nach ihrer Inkrafttretung auf heftige Kritik und wurde bereits 1886 wieder abgeschafft. Es gab in England eine starke Frauenrechtsbewegung, die unter dem Namen der „Abolitionistischen Bewegung“ mit ihrer Vorkämpferin Josephine Butler, Millionen von Unterschriften gegen dieses Gesetz sammelte und es zu Fall brachte. In Norwegen, Holland, Italien und der Schweiz wurde gegen Ende des Jahrhunderts die Reglementierung ebenfalls abgeschafft. In Frankreich und  Deutschland hingegen wurde sie beibehalten.

Der deutsche Reglementarismus

In Deutschland regelte der Paragraph 361 Abs.6 des Strafgesetzbuches das Verhältnis der staatlichen Behörden zu den Prostituierten. Bis zur Reichsgründung wurde der Umgang mit der Prostitution von jedem deutschen Land, bzw. Stadt selbstständig geregelt. 1871 vereinheitlichte das Reichsstrafgesetz mit dem Paragraphen §361 Nr.6 StGB und 180 StGB die Strafbestimmungen zur Prostitution. Nach dem §361 Nr.6 StGB war die registrierte Prostitution erlaubt, sofern sich die Frauen unter polizeiliche Kontrolle begaben und deren Vorschriften Folge leisteten. Verhaftet und bestraft werden konnten nach diesem Gesetz alle Frauen bei denen der Verdacht bestand, dass sie ohne sittenpolizeiliche Aufsicht, gewerbsmäßig der heimlichen Prostitution nachgingen, oder wenn sie als eingeschriebene Prostituierte den Vorschriften der Sittenpolizei zuwiderhandelten. Der §180 und §181 StGB bestraften die Kuppelei. Demnach machte sich strafbar, wer: „objektiv günstigere Bedingungen als die sonst vorhandenen herbeiführt und zwar durch Vermittlung oder Gewährung der Verschaffung von Gelegenheit zur Unzucht“ Die Zimmervermietung an Prostituierte wie auch die Einrichtung von Bordellen war somit strafbar.

Die Gesetzesauslegung differierte zwischen den einzelnen Länder und Gemeinden, die zusätzliche Polizeivorschriften zur praktischen Ausführung erließen. Der wesentliche Unterschied bestand in dem Umgang mit der Institution des Bordells, die eigentlich im Widerspruch zum Kuppeleiparagraphen stand. In München und später auch in Berlin wurde die Reglementierung mit einem gleichzeitigen Bordellverbot vollzogen, Städte wie Bremen, Stuttgart und Kiel setzten auf eine Kasernierung der Prostitution und führten die gesamte Überwachung und Organisation des Gewerbes über städtische Institutionen durch. In Hamburg führte die im Rahmen der Kasernierung weitergehende Duldung von Bordellen und die Praxis der Sittenpolizei zu wiederholten Konflikten mit übergeordneten Reichsinstanzen. Die polizeilichen Vorschriften umfassten Freiheitsbeschränkungen örtlicher und zeitlicher Art. Prostituierte war das Betreten vieler Hauptverkehrs- und Geschäftsstraßen untersagt, ebenso der Besuch der bürgerlichen Freizeitinstitutionen wie Theatern, Cafe- und Ballhäusern, manchmal sogar der von öffentlichen Badeanstalten. Es war ihnen verboten in der Nähe von Schulen, Kirchen und Kasernen eine Wohnung zu nehmen, mit anderen Prostituierten zusammen, und im Parterre zu wohnen. Jeder Wechsel in eine andere Stadt musste bei der Polizei persönlich angemeldet werden. Nachts bestand für die Prostituierten ein generelles Ausgehverbot. Mancherorts bestanden weitergehende Verhaltensregelungen wie das Verbot auf der Straße stehen zu bleiben oder nicht in offenen Wagen zu fahren. Diese freiheitsbeschränkenden Maßnahmen überwogen deutlich die gesundheitlichen, die die zwangsweise Verpflichtung zu einer ein- bis zweimal wöchentlichen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten vorschrieben. Mit Beginn der Registrierung wurde eine Polizeiakte für jede Prostituierte angelegt, in der, angefangen von der Familiengeschichte und Ortswechsel, bis hin zu den Gesetzesverstößen und Krankenhausbehandlungen, alles festgeschrieben wurde.

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg (spez.: Berliner Polizeivorschriften von 1902)

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Bereits ab dem Ende des 19.Jh. gerät die Prostituierte zunehmend in das Interessengebiet der sich formierenden Kriminalpsychatrie, -psychologie, und – anthropologie. Deren Forschungsergebnisse und Gutachten zielten nicht nur auf eine Be- und Verurteilung einer Gesetzesübertretung, sondern haben die Individualität, den Charakter, den sozialen Werdegang, die „gute“ und „verdorbene“ Seele dieser Frauen zum Thema. Gleichzeitig wurde an einer neuen, informellen Kleiderordnung gestrickt, den sogenannten „objektiven“ Lebenslauf der Prostituierten. Dieser beginnt mit dem Moment der ersten Verhaftung, die die heimliche Prostitution in eine offizielle, registrierte verwandelte. Dieser polizeiliche Lebenslauf umfasste die Registratur ihrer Strafen, ihre psychische Normalität oder Abnormalität, ihre Familiengeschichte unter dem Aspekt dieser Fragestellung, ihre Aufenthalte im Gefängnis, Arbeits- oder Krankenhaus und anderen Einrichtungen. Ein wesentlicher Bestandteil setzte sich aus den Materialien der Krankengeschichte zusammen, vor allen Dingen ihrer Geschlechtskrankheiten und die Ergebnisse der regelmäßigen Zwangsuntersuchungen. Diese Datensammlung objektivierte ihre Existenz als deliquente Prostituierte, die unter diesem Vorzeichen immer als eine Kriminelle eingestuft wurde.

Der einmal registrierten Frau wurde es fast unmöglich gemacht sich eine Existenz außerhalb der Prostitution zu suchen. Der Versuch eine Arbeit zu finden scheiterte meistens daran, dass die Sittenpolizei ihre regelmäßigen Kontrollen auch am Arbeitsplatz durchführte, was dann in der Regel zu einer sofortigen Kündigung führte. Die Bedingung aus den regelmäßigen Kontrollen entlassen zu werden war der Arbeitsnachweis – und um von der Polizei unbehelligt einer Arbeit nachgehen zu können, war es notwendig von der Kontrolle befreit zu sein. Diese sittenpolizeiliche Praxis illustriert sehr deutlich warum sich der Grossteil der Frauen nicht registrieren ließ und stattdessen polizeiliche und justizielle Verfolgung in Kauf nahm. Außerdem standen die Frauen die in den Bordellen arbeiteten in der Regel in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis zum Bordellwirt, dass dem Prinzip der Schuldknechtschaft im mittelalterlichen Frauenhaus ähnlich war. Oft wurden sie über systematische Verstrickung in Schulden an das Haus gefesselt. Dies geschah über Wucherpreise für Miete und Kost und über die Besorgung von Kleidern, Schmuck und Ähnlichem, die nur als geliehen galten und abbezahlt werden mussten. In vielen Etablissements bestand der Zwang zum Alkoholkonsum zu Animierzwecken und der Wirt fungierte oft als Kontrollinstanz was die Durchsetzung der sittenpolizeilichen Vorschriften betraf.

Im Zuge der Industrialisierung stieg die Prostitution seit der Mitte des 19. Jahrhunderts enorm an. Verschiedenen Schätzungen für Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert  gehen von 100.000 bis 200.000 Prostituierten, kurz vor dem 1. Weltkrieg sogar bis zu 330.000, aus. In den Städten entstand mit der elektrischen Straßenbeleuchtung, der Errichtung der großen Kaufhäuser seit 1871, der beginnenden Massenproduktion von Konsum- und Gebrauchsgütern und der damals noch neuen Repräsentation der Waren mittels großer Schaufenster, die Atmosphäre eines ständigen, zeitlich ungebundenen und immer präsenten Marktes. Dieser Umstand, wie die zunehmende Anzahl von Vergnügungsstätten – vom aufwendigen Variete oder Operettenhaus bis zum kleinen Tingeltangel in der mit einer Bühne ausgestatteten Trinkhalle – führte zu einer Belebung des Straßenbildes, in der die heimliche Prostituierte auf der Straße nicht mehr für Jeden als solche erkennbar war. Diese Schwierigkeit zwischen den „anständigen“ Frauen und den Prostituierten zu unterscheiden, wurde dann auch zu einem zentralen Argument für eine schärfere Vorgehensweise gegen die Prostitution. (belegt für Hamburg, Köln und Dortmund). Vor allem in den großen Städten kam es zu einem bedeutenden Zuwachs an Prostituierten.

In Berlin, zwischen den Jahren 1859 und 1871, soll sich die Zahl der Prostituierten verdoppelt haben während die Bevölkerung nur etwa um die Hälfte zunahm. Im Jahr 1871 gab es in Berlin ca.15000 Prostituierte bei etwa 800 000 Einwohnern. Am Anfang des 20. Jh. wurden in Berlin bis zu 50000 Prostituierte geschätzt. Die Zahl der polizeilich registrierten und kontrollierten Frauen war wesentlich geringer: im Jahr 1869 waren 1709 Prostituierte bekannt, im Jahre 1903 waren es 3709. Für Hamburg stellten sich die Verhältnisse von kontrollierter und heimlicher Prostitution ähnlich dar wie in Berlin, obwohl hier offiziell noch Bordelle bestanden, die Prostitution also nicht wie in Berlin, eine rein Vagierende war. In Hamburg war nach Polizeiberichten die Straßenprostitution:

„…in wahrhaft exorbitanter Weise entwickelt. Kaum ist der Abend angebrochen, so wimmeln der Jungfernstieg und die Hauptstraßen der Stadt von prostituierten Dirnen … Unter 10 Mädchen, die am Abend mit einem Körbchen am Arm in den Gassen einhergehen, kann fast wohl die Hälfte als öffentlich und für Geld zu erkaufen angenommen werden. Vor allem findet man in der Nähe der Absteigerquartiere zahlreiche derartige Patrouillen. Die Wanderungen der feineren unter ihnen nehmen gewöhnlich von der Gegend des Valentinskamps ihren Ausgangspunkt und verbreiten sich von da über den Gänsemarkt, Jungfernstieg, die Königinstraße, Großen Bleichen, Poststraße, Neuen Wall, die Alsterarkaden und so zurück; die niedere Sorte derselben wählen die ärmeren, entlegeneren und dunkler beleuchteten Gegenden der Stadt als Standquartier, den Sägerplatz, Kraienkamp, die Kirchhöfe, die Fuhlentwiete, die Neustraße- und vor allem die Wälle. An einzelnen Punkten der Stadt, so ganz besonders am Sägerplatz ist es oft kaum möglich, sich des Abends vor den Zudringlichkeiten dieser Mädchen zu retten, die einem in ganzen Scharen entgegenströmen.“


(Zitat aus „Speerbezirke“, Seite: 23, Regina Schulte, 1994)

Das Spektrum der Prostitution am Beispiel Berlins

Der Berliner Schriftsteller Hans Ostwald veröffentlichte zwischen 1905 und dem ersten Weltkrieg eine Vielzahl von Büchern zum Thema Prostitution und „Unterwelt“ in seiner Schriftenreihe „Großstadtdokumente“. Einer der Autoren in dieser Schriftenreihe war Magnus Hirschfeld, der über männliche Prostitution und die homosexuelle Subkultur Berlins schrieb. In der Weimarer Republik fungierte er als Herausgeber der Werke des Zeichners Heinrich Zilles. Nach Oswalds Milieubeschreibungen spiegelte die „Halbwelt der Prostitution“ die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse wider und für jede soziale Lage und Klasse gab es ein differenziertes Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Oben auf der sozialen Stufenleiter standen in Berlin die Frauen, die als Blumenhändlerinnen der vornehmen Restaurants und die Tänzerinnen und Sängerinnen einiger Theater und vieler Varietes, die abends auf dem Boulevard „Unter den Linden“ flanierten. Dort wo die Prostitution die Reichen und Aristokraten bediente, ging sie ins Konkubinat über. „Demoiselles de plaisir, Cocottes“ waren einige der Bezeichnungen für diese Kurtisanen, elitäre Prostituierte, die ihre Liebhaber in adel- und großbürgerlichen Kreisen hatten. Die Ballhäuser, Opern, Theater und Varietés waren bevorzugte Orte der Präsentation und Selbstdarstellung dieser Frauen, wobei die Grenzen zu den Stars der Varieté- und Theaterwelt und später des Films, fließend waren. Affären mit Aristokraten und Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik sorgten für Gesprächsstoff. Diese, wie auch die wertvollen Toiletten und der Schmuck, die Bühnenkostüme und die neuesten Abendkleider gaben immer wieder Anlass für Berichte in den Zeitungen. Sie bestimmten die Modetrends ihrer Zeit maßgeblich mit.

Auf der nächsten Stufe der sozialen Gegenwelt standen die Frauen, die die Männer aus dem Geld- und Bildungsbürgertum bedienten. Sie waren in der Umgebung der Friedrichstraße mit ihren vielen Hotels, Bars und Vergnügungsetablissements lokalisiert. Sie trugen traditionsgemäß einen Hut und einen Schal, oft auch einen Regenmantel und pfiffen, wenn Männer vorbeigingen, als obszön erkennbare Melodien, überließen aber in der Regel dem Mann die Initiative zur Kontaktaufnahme. (Im 19. Jh. trug eine Prostituierte dieser Klasse in der Regel einen Schlüssel in der Hand, um anzuzeigen, dass sie ihr eigenes Zimmer hatte.) Die Preise sollen bei ca. 20 Mark gelegen haben.

Eine Begegnung durfte für den Mann nicht kompromittierend sein, dies machte vereinfachte Formen der Kontaktaufnahme nötig. Ein Blick, eine Geste oder Obszönität hatten auszureichen, um denjenigen auf sich aufmerksam zu machen, der ihren Diensten nicht abgeneigt war. Ein weiteres wichtiges Mittel zur professionellen Stilisierung war die Schminke. Kaum andere Frauen schminkten sich vor der Jahrhundertwende, für den Tag, bzw. für den Gang auf die Straße, mit Ausnahme der Theater- und Variete-Künstlerinnen, wo die Prostitution traditionell verbreitet war.

In der Region um die Leipziger Straße kostete der Geschlechtsverkehr mit einer Frau 10 Mark. Die Frauen waren nicht so gut gekleidet und weitaus offensiver in ihrer Werbung, viele waren Gelegenheitsprostituierte, die oft in der Begleitung einer älteren Kupplerin waren. Diese Abstufungen gingen weiter, bis hin zu den „bescheideneren Vergnügungsviertel“, wo die Preise zwischen 5 bis 1 Mark lagen und die Kundschaft überwiegend aus Arbeitern und Soldaten bestand.  Das Angebot der Prostitution verlief parallel zum gesamten gesellschaftlichen Spektrum. Manche Frauen verdienten bei einer einzigen Begegnung bis zu zwanzigmal mehr als andere. Das Angebot war so vielfältig; von den elementarsten  Diensten, bis hin zu den kostspieligsten, weil es eben eine breite Nachfrage von Männern aus dem gesamten sozialen Spektrum gab. Auch Schuljungen und Studenten besuchten zum Teil regelmäßig Bordelle um sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

20
Jan
10

Die soziale Rekrutierung der Prostituierten

Ein Großteil der Prostituierten rekrutierte sich aus berufstätigen Frauen der Unterschicht und sozial absteigenden Kreisen der Mittelschicht. Vor allem aus Frauen, die aufgrund des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs des traditionellen Handwerks im Zeichen der Industrialisierung vom Land oder aus dem kleinstädtischen Milieu in die Stadt abwanderten. Laut der Akten der Sittenpolizei aus den Jahren 1873/4 stammten 55% aller Prostituierten in Berlin vom Land und 22% der Frauen aus familiären Verhältnissen von Fabrikarbeitern, wiederum fast die Hälfte der Prostituierten kamen aus Handwerkerfamilien. Ähnliche Verhältnisse bestanden auch in anderen deutschen Städten, wie München und Stuttgart. Die registrierten Prostituierten in den großen Städten waren zum Großteil zugewandert. Im Jahr 1907 waren z.b. in Hamburg nur 10,8% der 408 kontrollierten Prostituierten in Hamburg geboren  Die Berufszweige aus denen sich die Prostituierten überwiegend rekrutierten, waren die der Dienstmädchen, Kellnerinnen, Verkäuferinnen, Fabrikarbeiterinnen, Näherinnen, Wäscherinnen und Plätterinnen, Kirmesangestellte, Schauspielerinnen, sowie Chor- und Ballettmädchen. Oft langte der geringe Lohn dieser Erwerbstätigkeit nicht aus um den Lebensunterhalt zu sichern, schon gar nicht wenn die Frau mehrere Personen zu versorgen hatte. So verdiente z.b. eine Näherin um 1890 in Berlin im Durchschnitt 6 Mark in der Woche, wobei sie bei geringen Ansprüchen ca. 9-10 Mark wöchentlich benötigte, um die Lebenserhaltungskosten zu decken. Viele dieser Frauen gingen neben ihrer normalen Erwerbstätigkeit der Gelegenheitsprostitution nach, um ihre Existenz zu sichern.

Die Verbreitung der Prostitution im 19.Jh. hing eng mit der Entwicklung und dem Charakter der Frauenarbeit zusammen. Für die bürgerlichen Frauen, die durch Heirat meistens finanziell abgesichert waren, folgte aus der Mechanisierung der Produktion sowie der daraus resultierenden Trennung von Arbeits- und Wohnbereich der Verlust vieler produktiver Tätigkeiten, die sie vormals im Haus und für die Familie leisteten. Die bürgerliche Familie wandelte sich von einer Produktions- in eine überwiegende Konsumtionsgemeinschaft. Die Frauen aus der Arbeiterklasse hatten im Gegensatz zu den bürgerlichen Frauen kaum freie Zeit zur Verfügung. Ihr Alltag war bestimmt durch 10-12-stündige Arbeit und zusätzliche Hausarbeit. Mit fortschreitender Industrialisierung verschärfte sich die wirtschaftliche Situation der proletarischen Frauen zunehmend, so dass viele von ihnen der Prostitution nachgingen. Für die Frauen vom Land machte die Vergütung der Arbeitskraft mit Geld für viele die Arbeit in der Stadt attraktiv, da die Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft meistens unbezahlt geleistet wurde. Töchter und Ehefrauen zählten als mithelfende Familienangehörige und die Mägde arbeiteten in der Regel gegen Naturalien und freie Logis. Die Landflucht während der Industrialisierung war eine der größten Massenbewegungen der deutschen Geschichte und erfasste im Zeitraum 1860 bis 1925 bis zu 25 Millionen Menschen. Sozial stammten die meisten Abwanderinnen aus der Unterschichten, Töchter die nicht mehr mit einer entsprechenden Mitgift ausgestattet und verheiratet werden konnten. In vielen Fällen geschah die Abwanderung auf Betreiben der Eltern. Die Töchter wurden zum außerhäuslichen Gelderwerb weggeschickt da die Söhne im elterlichen Betrieb, im Handwerk oder in der Landwirtschaft benötigt wurden.

Im Zeitraum 1855-1898 nahm der Anteil der Arbeiterinnen an den Prostituierten um die Hälfte ab, während sich der der Dienstbotinnen versiebenfachte. Den höchsten Prozentsatz an Prostituierten hatten Mitte des Jahrhunderts noch die Industriearbeiterinnen gestellt, gegen Ende des Jahrhunderts waren es die Frauen aus den dienenden Berufen. Unter den Arbeiterinnen entwickelte sich ein Klassenbewusstsein. Aus diesem neuen, gemeinsamen Bewusstsein heraus wurde Fabrikarbeit als Möglichkeit empfunden sich frei von der Hörigkeit der häuslichen Dienste zu machen. Die damit einhergehende Moral führte oft zu einer Verurteilung von den Frauen, die der Prostitution nachgingen, „sich verkauften“, obwohl in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und dadurch bedingter niedriger Löhne und Arbeitslosigkeit auch viele Arbeiterinnen in die Gelegenheitsprostitution getrieben wurden.

Zum Ende des 19.Jh. bestand ein zunehmender Dienstbotenmangel. Während die Zahl der Arbeiterinnen und Verkäuferinnen stetig zunahm, sank die Anzahl derer, die bereit waren als Dienstboten zu arbeiten, so dass sie aus ländlichen Gebieten rekrutiert wurden. In Berlin kamen jährlich 40 000 Dienstmädchen vom Land und  in Hamburg kamen vierfünftel aller Dienstmädchen aus den ländlichen Gebieten der Umgebung. Von den in Berlin geborenen Dienstmädchen waren viele Waisen und unehelich geborene Mädchen aus Heimen. Die Frauen vom Land  kamen meistens aus Gebieten mit niedrigen Lebensstandard. Der durchschnittliche Monatslohn betrug zwischen 15 und 30 Mark während die tägliche Arbeitszeit bis zu 16 Stunden betragen konnte.

Freizeit mit der Möglichkeit des Ausganges wurde den meisten Dienstmädchen in der Regel nur alle zwei Wochen am Sonntag gewährt, im Schnitt  vier Stunden. So hatten sie kaum eine Gelegenheit außerhalb des eingegrenzten Bereiches des Haushaltes Erfahrungen in der ihnen fremden großstädtischen Umgebung zu sammeln. Man beließ sie in der Verfügbarkeit ihres Arbeitsbereiches. Diese Unerfahrenheit war auch ein wesentlicher Aspekt für den möglichen Gang in die Prostitution. Bei vielen bildete eine Zufallsbekanntschaft auf der Straße, in einem Ballsaal oder Café den Einstieg, da der Herr sich später häufig als Kuppler oder Zuhälter entpuppte oder schließlich die Freundin mit einem Kind alleine ließ. Außerdem vermittelten sogenannte „Stellenvermittlungsbüros“ diese als „Dienstmädchen“ an Kabaretts und Bars weiter, wo sie dann in Wirklichkeit als Animiermädchen und Prostituierte arbeiten mussten. Diese Frauen wurden von der Sittenpolizei ebenfalls als ehemalige Dienstmädchen geführt. Die Dienstmädchen bildeten den höchsten Prozentsatz unter den unehelichen Müttern. Eine Schwangerschaft bedeutete meistens die fristlose Entlassung. So bildeten um 1900 die Dienstbotinnen in Berlin ca. ein Viertel der weiblichen Bevölkerung der Stadt, brachten aber fast  ein Drittel der unehelichen Kinder zur Welt. Von den 1531 Frauen, die sich zwischen 1908 und 1910 in Berlin als Prostituierte registrieren ließen, hatten 636 Kinder. Eine Arbeiterin hingegen, konnte im Falle einer unehelichen Mutterschaft ihre Arbeitsstelle bis kurz vor der Niederkunft behalten und hatte Ansprüche auf gesetzliche Wöchnerinnenunterstützung. Nicht nur Schwangerschaft führte zu Entlassungen. Zur Reisezeit im Sommer, wie auch vor Weihnachten, kam es aus Einsparungsgründen zu massenhaften Kündigungen. So standen zwei mal im Jahr eine große Anzahl von Dienstmädchen stellen- und mittellos auf der Straße und für viele war der einzige Ausweg aus der Obdachlosigkeit die Prostitution.

Mit der Einrichtung der großen Warenhäuser eröffnete sich den Frauen ein neues Feld der Lohnarbeit. Auf dem Gebiet, welches die Statistik unter dem Namen „Handel und Verkehr“ zusammenfasste, hatte die Frauenarbeit von 1882-1895 am stärksten zugenommen, nämlich um 94%. Das Berufsbild der modernen Verkäuferin war bei jungen Frauen, trotz niedriger Löhne und langer Arbeitszeiten, beliebt, da ihm ein weitaus höheres Sozialprestige zukam als der Fabrikarbeit. Die Versprechungen der Warenwelt und ihrer Werbung übten eine starke Anziehungskraft auf die jungen Frauen aus. Das Durchschnittseinkommen einer Berliner Verkäuferin wurde Ende des Jahrhunderts vom „kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte“ auf 58 Mark, in anderen großen Städten Deutschlands, auf nur 27-47 Mark monatlich geschätzt. Die Frauen mussten einen nicht unwesentlichen Teil ihres Gehaltes für ihr Aussehen und ihre Kleidung verwenden, da sie als Angestellte der Kaufhäusern diese repräsentativ zu vertreten hatten. Außerdem stiegen ihre eigenen Ansprüche durch den fortgesetzten Verkehr mit den wohlhabenderen Kreisen, die zur ständigen Kundschaft gehörten, so dass der Lohn bei vielen nicht ausreichte. Für einen Teil von ihnen bot die Prostitution, die sich in der Anfangszeit häufig aus einem Kontakt während ihrer Arbeitszeit als Verkäuferin ergeben hatte, eine Möglichkeit, ihre Ansprüche auf einen höheren Lebensstandard zu verwirklichen.

Der große Anteil von Kellnerinnen an der Prostitution erklärt sich aus der traditionellen Nähe von Animierlokalen zur Prostitution. Im Süden Deutschlands war die Kellnerin als ausgebildeter Frauenberuf anerkannt, aber in Berlin und Hamburg wurden sie fast nur zu Animierzwecken eingestellt. Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895 gab es 37.121 Kellnerinnen, von denen knapp 80% ein Bargehalt erhielten, das durch Kost und Logis im Haus des Wirtes ergänzt wurde. Die Hälfte der Frauen die Lohn erhielten, mussten mit einem Einkommen von 10-30 Mark auskommen. Die Kellnerinnen waren im deutschen Kaiserreich aufgrund der niedrigen Löhne überwiegend von Trinkgeldern abhängig und in den Cafes, Varietes und Tingel-Tangel wurde von den Bühnenkünstlerinnen und dem weiblichen Personal geradezu erwartet, dass sie sich den Großteil ihres Einkommens durch Prostitution verdienten.

Bereits vor der Jahrhundertwende waren in den großen Städten eine Vielzahl von Varietés, Kabaretts und Theaterbühnen entstanden und ein Teil der gehobenen Prostituierten rekrutierte sich aus dem Bereich der dort tätigen Künstlerinnen. Die Schauspielerin gehörte im abendländischen Spätmittelalter zu den Geächteten und die Kirche verweigerte ihr ebenso wie der Prostituierten die Sakramente und den Friedhof.  Erst im Laufe des 19.Jh., mit dem veränderten  Selbstverständnis der dramatischen Kunst, gelang es den Beruf der Schauspielerin zu verbürgerlichen und den Schauspielerstand zu emanzipieren. Die Gagen von denen selbst Schauspielerinnen an besseren Bühnen lebten, waren niedrig, außerdem stellten sie meistens nur das Saisoneinkommen dar, von denen die Frauen das ganze Jahr über zu leben hatten. An fast allen Bühnen Deutschlands hatten sie ihre Ausstattung und die Kostüme aus eigener Tasche zahlen – und das zu einer Zeit (ab 1870) wo in den Theatern und Opernhäusern ein extremer Luxus in der Ausstattung auf den Bühnen herrschte. Allerdings hatte die sogenannte Prostitution der Schauspielerinnen einen anderen Charakter als die der Arbeiterinnen und Dienstmädchen. Viele begannen ihre Karriere in den Betten von Theaterdirektoren, Regisseuren und Kritikern und sie hatten oft länger andauernde Verhältnisse die sich nicht nur auf sexuelle Beziehungen beschränkten und ihnen den Status einer Mätresse gaben. Sie waren in der Gesellschaft nicht eindeutig der Verachtung preisgegeben wie die einfache Prostituierte. Die Theaterwelt galt als anrüchig, faszinierte das Bürgertum aber auch, das in weiten Kreisen die Berührung mit der Bühnenwelt suchte. – Frauen die nicht an einer großen Bühne engagiert wurden blieb oft nichts anderes übrig, als ihren Unterhalt bei einem der vielen Varietes, Kabaretts und Tanzbühnen zu verdienen, wo – je nach Etablissement – die Grenzen zur weitergehenden Animation und Prostitution fließender waren. Unter dem Banner des Tanzes wurde für jedes Publikum entsprechende Vergnügungen angeboten. Da gab es „Witwenbälle“, “Bälle für die „reifere Jugend“ und “Strandfeste“, welche Orte des Tanzvergnügens und der Prostitution waren.

Die Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen in Deutschland

Die Sittlichkeitsvereine, die überwiegend mittelständische Protestanten (insbesondere viele Volksschullehrer) angehörten, bildeten eine rechtsgerichtete außerparlamentarische Interessengruppe, die am Ende des 19. Jh. an Bedeutung gewann. Sie waren entschiedene Gegner des staatlichen Bordellwesens. Ihr Anführer,  Pastor Ludwig Weber, sah in der Prostitution die Gefahr der sozialen Unordnung. Die damit einhergehende Unmoral, die Zerstörung der Familie, der Wachstum des städtischen Proletariats, wie auch die sexuelle Emanzipation stellten aus dieser Weltsicht heraus, wichtige Punkte der allgemeinen Bedrohung der Gesellschaft dar. Im gleichem Jahr wie der „Allgemeine Kongress der Deutschen Sittlichkeitsvereine“ – 1888, wurde auch der „Verein Jugendschutz“ in Berlin gegründet. Die Vorsitzende war eine Frau – und dieser Verein bildete sozusagen das weibliche Gegenstück zu den patriarchalen Sittlichkeitsvereinen, wo Frauen in der Regel ausgeschlossen waren. Sie forderten die Abschaffung der staatlich regulierten Bordelle und die Einsperrung aller Prostituierte bei einer Haft von 1- 3 Jahren. Außerdem setzten sie sich für präventive Maßnamen wie die Gründung von Heimen und Vereinen für weibliche Hausangestellte ein. Dieser Verein war in seiner Haltung zwar erzreaktionär, zeigte aber auch eine feministische Tendenz, da er auf dem Recht bestand, dass bürgerliche Frauen in der Öffentlichkeit auftreten und über sexuelle Themen diskutieren konnten. In Opposition zu dieser Haltung standen die sogenannten „neuen Frauenrechtlerinnen“, die gegen Ende der 90er Jahre in Erscheinung traten. Sie waren teilweise Anhängerinnen der Britin Josephine Butler, die in den 90er Jahren eine erfolgreiche Kampagne gegen die Reglementierung in England geführt hatte.

Josephine Butler war eine der namhaften Wortführerinnen der englischen Protestbewegung, die sich u.a. aus Frauenverbänden zusammensetzte, die gegen den 1864 erlassenen „Contagious Diseases Act“ protestierten. Dieser war verabschiedet worden um mit dem Mittel der Zwangsuntersuchung und Zwangsbehandlung von Prostituierten der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten entgegen zuwirken. In diesem Gesetz trat deutlich die viktorianische Doppelmoral zutage, die den Männern das Recht auf Promiskuität gegen Bezahlung einräumte, die Frauen aber den entwürdigenden Kontrollen der Sittenpolizei auslieferte. Josephine Butler, die Prostitution mit weiblicher Sklaverei gleichsetzte, nun aber als eine frühe Verfechterin eines Feminismus, der sich für die Rechte der Prostituierten einsetzte, zu sehen, ist ein Trugschluss. Diese Protestbewegung war durchzogen von einem religiösen Fundamentalismus, der seine wesentliche Aufgabe in einem Kampf gegen die Lockerung der Sexualmoral und der prosperierenden Vergnügungsindustrie sah.

Die neu entstandene Vergnügungskultur gehörte zu den Feindbildern der Sittlichkeitsbewegung, mit der zeittypischen Polemik gegen die Varietes, Kinos, Kneipen und Kabaretts ging die Botschaft einher, dass junge Frauen, die alleine in die Stadt zogen dem Risiko des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt waren, solange sie nicht mehr oder noch nicht unter dem Schutz des Vaters oder Ehemanns standen. Josephine Butler war u.a. auch an der Medienkampagne gegen die „White Slavery“ beteiligt. Sie stellte für den Journalisten William Stead den Kontakt zu einer ehemaligen Prostituierten her, die ihrerseits Stead mit einer der Hauptprotagonistinnen der 1885 publizierten Skandalgeschichte bekannt machte – der 13-jährigen Eliza Armstrong. Die durch den Skandal entstandene öffentliche Aufmerksamkeit um den vermeintlichen „internationalen Mädchenhandel“ verschaffte den Frauenverbänden um Josephine Butler eine große, wenn nicht sogar entscheidende Anerkennung.

Jazbinsek, Dietmar,  „Der internationale Mädchenhandel – Biographie eines sozialen Problems“, Schriftenreihe der Forschungsgruppe Metropolenforschung am Wirtschaftszentrum  Berlin für Sozialforschung, 2002

1898 als die Debatte über den „ Lex Heinze“ ihren Höhepunkt hatte, wurde die deutsche Sektion der Abolitionistinnen gegründet. Sie betrachteten die Prostituierten als Opfer und gingen davon aus, dass mit der Abschaffung des Bordellsystems und einen entschiedenen Kampf gegen die Doppelmoral, Frauen nicht mehr länger gezwungen wären sich in der Prostitution zu verdingen. Außerdem setzten sie sich – als eine vorbeugende Maßnahme gegen Geschlechtskrankheiten – für einen allgemeingültigen Maßstab sexueller Enthaltsamkeit ein. Frauen die von Polizei als „der gewerblichen Unzucht nachgehend“ verdächtig aufgegriffen wurden, konnten auf Geschlechtskrankheiten zwangsuntersucht werden, so dass auch Frauen jenseits des Prostitutionsgewerbes Bekanntschaft mit dieser entwürdigenden  Behandlung machten. Die Abschaffung des Paragraphen § 361 StGB, der diese Vorgehensweise ermöglichte, wurde eine der zentralen Forderungen der Frauenbewegung hinsichtlich der „Prostitutionsfrage“. Die Gräfin Gertrud Guillaume-Schalk mit dem „Deutschen Kulturbund“ und die „Internationale Abolitionistische Föderation“ waren in dieser Hinsicht aktiv, sie hatten auf parlamentarischer Ebene allerdings keinen  Erfolg. Bereits im Jahr 1905, dem Erscheinungsjahr der „Tagebuch einer Verlorenen“, begann sich das politische Klima  über die öffentliche Debatte zum Thema Prostitution zu verändern.

Im Jahr 1905 wurde in Deutschland von der Schriftstellerin Magarethe Böhme das „Tagebuch einer Verlorenen“ veröffentlicht. Diese Tagebuchaufzeichnungen beschrieben scheinbar autographisch den Lebensweg einer Frau aus bürgerlichen Verhältnissen, die mit ihrer Familie bricht und in Hamburg eine Luxuskurtisane der Oberschicht wird, – bis sie dann als lebensmüde Hure an Tuberkulose stirbt. Dieses Tagebuch war in Wirklichkeit ein Roman der Autorin Böhme, die es in dieser Zeit als zu unsicher empfand es als ihr eigenes Werk auszugeben. Es  löste im sittenstrengen, wilhelminischen Deutschland öffentliche Debatten zu diesem Thema aus. In der Weimarer Republik wurde das „Tagebuch“ unter der Regie von G.W. Pabst mit Louise Brooks in der Hauptrolle verfilmt. Die Lizenz die der Film im August 1929 für den kommerziellen Verleih erhielt, wurde allerdings schon im Dezember gleichen Jahres von der Filmprüfstelle Berlin wiederrufen, da es zu massiven Protesten seitens kirchlicher Organisationen und Frauenvereinen gekommen war.

Die feministische Bewegung, bzw. deren radikaler Flügel um die Person der Sexualreformerin Helene Stöcker nahmen immer mehr eine liberale Haltung zum Thema Sexualität ein. 1908 initiierten sie eine Kampagne für die Abschaffung des Paragraphen 218 und für die Legalisierung der Abtreibung, sowie zur Anerkennung gleicher Rechte für unverheirateter Mütter – und das Frauen ebenso wie Männer ein Recht auf sexuelle Erfüllung haben. Vielen damaligen Frauenrechtlerinnen gingen diese Positionen allerdings zu weit – so wurde bei der Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine (1908) der Versuch, die Kampagne gegen den 218§ zur allgemeinen Forderung aller Frauenvereine zu erheben, abgewiesen- und die radikalen Feministinnen wurden im Laufe der nächsten Jahre innerhalb der Bewegung immer mehr an den Rand gedrängt.

Unter dem wachsenden Einfluss des wissenschaftlichen Diskurses über Fragen der Eugenik und des Sozialdarwinismus auf die politische Kultur, kam es auch bei den Abolitionistinnen zu einer Umorientierung. Sie begannen sich ab 1910 für eine Art „Neo-Reglementarismus“ einzusetzen, der dem Standpunkt der Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten (gegründet 1902) nahe kam. Sie kämpften nicht mehr für die Abschaffung der Polizeiregulation im Namen der sexuellen Gleichheit, sondern für die Einführung von Gefängnisstrafen für jeden, der wissentlich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit infiziert war und trotzdem Geschlechtsverkehr hatte. Dies implizierte eine stärkere Polizeikontrolle der Prostitution. Mit diesen Forderungen entfernten sich die deutschen Abolitionistinnen immer mehr von Geschlechtsgenossinnen in den anderen europäischen Ländern.

Eine tragende Kraft der Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen stellte die Sozialdemokratie dar, in der ein Großteil der Arbeiterschaft organisiert war und die sich auch zunehmend für frauenrechtlerische Positionen öffnete. Die Sozialdemokraten definierte die Prostitution vereinfacht, wie auch im kommunistischen Manifest, als eine besondere Form gesellschaftlicher Ausbeutung bei der das Proletariat das Angebot stellte und die Nachfrage von der Bourgeoisie bestimmt wurde. Das Bordellwesen wurde oft zum Anlass genommen um im Reichstag die Ursachen der Prostitution und die damit verbundene Politik der Ausbeutung und die herrschende Doppelmoral zu thematisieren.

Die Gesetzgebung in der Weimarer Republik

Nach dem 1. Weltkrieg und den stattgefundenen politischen Umwälzungen erlangte die SPD großen Einfluss in  Landesparlamenten und Regierung. Zum ersten Mal wurden Frauen als offizielle politische Vertreter ins Parlament und in die Bürgerschaften gewählt. Damit gewannen diejenigen politischen Kreise an Einfluss, die jahrelang das Bordellsystem entschieden bekämpft hatten. Mit der Etablierung der Weimarer Republik forderte 1921 der Reichstag alle im Deutschen Reich noch bestehenden Bordelle zu schließen und die Kasernierung zu beenden. In Städten wie Hamburg, in denen Bordelle in großer Anzahl existierten, kam es mit der Schließung zu einer weitgehenden Verschlechterung des Straßenbildes, da die vormals bordellierten Frauen ihr Gewerbe nun von der Straße ausgehend betrieben.

Im Oktober 1927 trat das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Kraft, mit dem die gewerbsmäßige Prostitution straffrei wurde. Ausgenommen waren Orte in der Nähe von Schulen und Kirchen, sowie Wohnungen in denen Kinder zwischen 3-18 Jahren lebten. Mit diesem Gesetz hatte sich der Schwerpunkt der Bekämpfung der Prostitution von der sittenpolizeilichen auf eine gesundheitliche Kontrolle  mit sozial-fürsorgerischer Betreuung verlagert. Die Kuppeleiparagraphen §180 und §181 StGB blieben im Inhalt gleich, demnach war der Unterhalt eines Bordells oder bordellartigen Betriebes strafbar. Mit diesem Gesetz waren alle Männer, wie Frauen verpflichtet sich beim Vorliegen einer Geschlechtskrankheit behandeln zu lassen. Prostituierte mussten sich weiterhin einer regelmäßigen Gesundheitskontrolle unterziehen, die nicht mehr unter der Aufsicht der Sittenpolizei, sondern unter der Gesundheitsbehörde stand. Die Gesundheitsbehörde konnte nach der neuen Gesetzeslage von allen Personen, die verdächtigt wurden geschlechtskrank zu sein und diese weiterzuverbreiten, die Vorlage eines Gesundheitszeugnisses verlangen.

Während in den Akten der Sittenpolizei nur die Frauen auftauchten, die der gewerbsmäßigen Prostitution nachgingen oder dessen verdächtigt wurden, führte die Gesundheitsbehörde weitergehend Listen über sämtliche bekannten Personen mit „häufig wechselnden Geschlechtsverkehr (hwG)“. Diese Datenerhebungen standen bereits in der Weimarer Republik teilweise unter dem Einfluss der eugenischen und sozialdarwinistischen Diskussionen um Fragen der Kriminalität zu denen die Prostitution als Teilgebiet zugerechnet wurde. Während Mitte des 19. Jh. von Ave`-Lallement die kriminelle Unterwelt als ein Produkt rassischer  Einflüsse dargestellt wurde, werden später diese Einflüsse nicht nur bei Juden und Zigeunern, sondern unter dem Postulat der „Rassenhygiene“ verallgemeinernd bei „schädlichen Erbfaktoren“ gesucht. Die Sozialforscher und Kriminalanthropologen dieser Zeit machten sich daran, genau diese Faktoren bei Kriminellen, Prostituierten, bzw. bei der gesamten Unterschicht zu diagnostizieren und zu bestimmen. Das juristische Modell von Kriminalität machte immer stärker einem medizinischen und eugenischen Modell Platz.

(Das Thema Prostitution und Faschismus erscheint (wenn auch kurz) im Kapitel St. Pauli, welches sich ausführlich mit der Geschichte der Prostitution im Hamburger Raum beschäftigt.

. Bebel, August, 1919, „Die Frau und der Sozialismus“, Dietz , Stuttgart
. Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
. Flexner, Abraham, 1969, „Prostitution in Europe“,Repr. [d. Ausg.] 1914, Smith,  Montclair/New Jersey
. Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der .Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster
. Holter, Ute (Hg)   1994, „Bezahlt, geliebt , verstoßen- Prostitution und andere Sonderformen institutionalisierter Sexualität in verschiedenen Kulturen“, Holos Verlag , Bonn
. Konieczka, Vera, 1980, „Prostitution im 19. Jahrhundert“, R.G. Fischer,  Frankfurt/Main, Tübingen
. Ochain Brygida, 1998, „Varietetänzerinnen um 1900“, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/ Basel
. Pappritz, Anna (Hg.), 1919, „Einführung in das Studium der Prostitutionsfrage“, Barth , Leipzig
. Richebächer Sabine, 1982, „Uns fehlt nur eine Kleinigkeit. –  Deutsche proletarische Frauenbewegung 1890-1914“
Fischer-Taschenbuch-Verlag , Frankfurt/Main
. Schär Christian, 1991, „Der Schlager und seine Tänze in Deutschland der 20er Jahre“, Chronos Verlag, Zürich
. Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg
. Stursberg, Hermann, 1886 „Die Prostitution in Deutschland und ihre Bekämpfung“, Verl. d. Rheinisch-Westfälischen Gefängnis-Gesellschaft,  Düsseldorf
. Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

18
Jan
10

Lebens- und Sexualreform im kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik

Aufklärung und Sexualpädagogik als notwendige Reaktion auf die Syphilis

Der Begriff „Sexualität“ entstand im 19.Jh. als man die sexuellen Komponenten vieler Verhaltensweisen zusammenfasste. Dieses Thema wurde als Schnittstelle zahlreicher Probleme der jungen Industrienationen wahrgenommen: der Geburtenrückgang, Fragen der Abtreibung und Empfängnisverhütung, bis hin zur politischen Aufforderung zum Gebärstreik im Zeichen des herannahenden ersten Weltkrieges, eine sich stark ausbreitende Prostitution, Geschlechtskrankheiten und die Möglichkeiten sich vor Ansteckung zu schützen. Eine Veränderung der Geschlechterrollen im Zeichen der zunehmenden Frauenarbeit, die Wahlrechtskampagne der Suffragetten, rauchende Frauen in der Zeitungswerbung und der beginnende Starkult des Kinozeitalters. Die Kleiderreform, Nacktheit, Scham- und Peinlichkeitsgrenzen, die Jugendbewegung und die neue Sportbegeisterung, wie auch die Entstehung einer neuen Körperlichkeit, die u.a. vom Tanz und von asiatischen Lehren und Bewegungssystemen beeinflusst wurde.

Im Oktober 1902 entstand in Berlin die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten“ in der überwiegend Ärzte vertreten waren. 1903 wurde in Frankfurt ein Kongress zu diesem Thema veranstaltet auf dem die meisten Ärzte den Standpunkt des rigiden Reglementarismus gegenüber der Prostitution vertraten. 1909 fand in Düsseldorf eine der ersten Gesundheitsausstellungen (mit 40 000 Besuchern) statt die sich neben den Geschlechtskrankheiten auch allgemeinen Fragen der Sexualpädagogik widmete. 1911 folgte die erste internationale Hygieneausstellung in Dresden. Dort konnte die Öffentlichkeit zum ersten Mal realistische Nachbildungen der menschlichen Geschlechtsorgane anschauen. In Form von Wachsmoulagen wurden dort die Krankheitssymptome und verschiedenen Stadien der Geschlechtskrankheiten dargestellt. Die Syphilis war zu dieser Zeit immer noch nicht heilbar und aufgrund der massenhaften heimlichen Prostitution zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Problem geworden.

Aufgrund der restriktiven Sexualmoral wurde die Problematik der Geschlechtskrankheiten lange Zeit totgeschwiegen. Erst zum Ende des 19.Jh kam es zu einer Veränderung dieser Haltung, die zu der Erkenntnis führte, dass die Aufklärung der Bevölkerung die beste Vorbeugung gegen das massenhafte Auftreten der Syphilis ist. In den folgenden Jahrzehnten würde die Bevölkerung über Informationsveranstaltungen und Ausstellungen, wie die Dresdner Hygieneausstellung, die neu entstehenden Sexualberatungsstellen, Schriften und eine Reihe von umstrittenen Filmen aufgeklärt. Eingeleitet wurde diese Entwicklung u.a. durch das Wirken bürgerlicher Kulturschaffender, die sich an dieses Thema heranwagten. 1881 veröffentlichte Ibsen “Ghost”, ein Theaterstück, welches sich mit der erblichen Syphilis befasste, welches bei der Erstaufführung 1891 in London das Publikum schockierte. Der französische Dramaturg Brieux schrieb 1905 „Les Avaries (Damaged Gods)“, vor allem um die Mauer des Schweigens die das Problem der Geschlechtskrankheiten umgab, zu attackieren und zu durchbrechen. Sein Werk wurde in mehreren Sprachen übersetzt und fand weite Verbreitung in Europa. Die englische Übersetzung wurde 1911 mit einem Vorwort und Laudatio von G. Bernhard Shaw veröffentlicht. Weitere Literatur die das Problem der Syphilis thematisierte, war die Novelle „The Beth Book“/1895 von Grand, des weiteren Emma Brooke`s „A superfluous woman“ und „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde und Emile Zola`s „Nana“. Schon allein das das Schweigen um die damals weitverbreitete Geschlechtskrankheit mit diesen Veröffentlichungen durchbrochen wurde, war ein emanzipatorischer Akt. Darüber hinaus benutzten die AutorInnen die Syphilis weitgehender als Metapher um Folgen der Sexualmoral und Geschlechtsnorm zu thematisieren.

Um die Jahrhundertwende gab es zwei Möglichkeiten des vorbeugenden Schutzes: Desinfektionsmittel die unter den Namen „Sanitas“ und „Viro“ angeboten wurden und Kondome. Kondome waren schon lange bekannt und wurden früher aus Tierdärmen und Fischblasen hergestellt. Ab Mitte des 19. Jh. Wurden dann in England die ersten vulkanisierten Kautschukkondome hergestellt. Sie waren allerdings nicht von der heute bekannten Qualität und außerdem sehr teuer. 1914 kosteten 12 Gummikondome in Deutschland sechs Mark während der Wochenlohn eines ungelernten Arbeiters um die 20 Mark betrug. Der Gebrauch von Kondomen wurde von puritanischen Kreisen stark angefeindet die darin eine Aufforderung zum „unsittlichen Lebenswandel“ sahen, so dass 1912 die Werbung für Kondome in Deutschland verboten wurde. Mit der Einführung der neuen Gesetzgebung in Bezug auf Prostitution und die Geschlechtskrankheiten 1927 liberalisierte sich die Haltung gegenüber Schutzmitteln und die Werbung wie auch das Aufstellen von Automaten wurde zugelassen.

Eine weitere Präventivmaßnahme waren sogenannte „Spritzstuben“ wo sich die Männer nach dem Sex kostenlos und anonym desinfizieren lassen konnten. Ende der 20er Jahre soll es in Berlin neunzehn solcher Einrichtungen gegeben haben, die pro Nacht von bis zu 100 Männern frequentiert wurden. Die im Spätmittelalter gebräuchlichen Quecksilberkuren wurden durch eine Behandlung mit dem ebenfalls giftigen Stoff Arsen ersetzt. Arsenpräparate im Rahmen einer Chemotherapie wurden erstmals 1910 am Menschen ausprobiert, die dann zu einer erfolgsversprechenden Heilung dieser Krankheit führten. Daraus wurde dann „Salvarasan“, ein Arsenpräparat, dass dem Patienten ein Mal pro Woche (in einem Zeitraum von 2,5 Monaten) gespritzt wurde. Dann folgte 1 Monat Pause und dann wiederholte sich dieses Behandlungsintervall noch mindestens zwei mal, so dass sich die Behandlung auf fast ein Jahr erstrecken konnte. Erst ab 1940 wurde das bereits 1929 entdeckte Penicillin massenwirksam für die Bekämpfung dieser Geschlechtskrankheit eingesetzt.

Adam Birgit, 2001, „Die Strafe der Venus“, Orbis Verlag, München

http://www.lesleyahall.net/grtscrge.htm
Hall, Lesley A. , „The great Scourge – Syphilis as a medical problem and moral metaphor. 1880 – 1916”

18
Jan
10

Die Sexualwissenschaft im Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs

1907 schuf Ivan Bloch (1872-1922) den Begriff der „Sexualwissenschaft“, als deren namhafte deutsche Vertreter galten Magnus Hirschfeld(1868-1935), Albert Moll(1868-1939), Max Marcuse(1877-1963), Herrmann Rohleder (1866-?), Albert Eulenberg(1840-1917) und Max Hodann(1894-1946) Ab 1913 konstituierte sich eine „Gesellschaft für Sexualreform“(Gesex), deren Vertreter aus dem Ärztestand und dem jüdischen oder protestantischen Bildungsbürgertum kamen.  Sie wollten anstelle der Priester die gesellschaftliche wie individuelle Moral neu, d.h. naturwissenschaftlich definieren, oder wie Magnus Hirschfeld es 1928 formulierte: „„die bisherige theologische Grundlage der Sexualregelung durch eine biologisch-soziologische (…) ersetzen“  1905 wurde von dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung, mit ihrer namhaften Vertreterin Helene Stöcker (1869-1943), der Bund für Mutterschutz gegründet, der 1924 in „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ umbenannt wurde. Das propagierte Leitbild zeichnete eine ökonomisch und sexuell emanzipierte und geistig gebildete Frau. Allerdings waren sie nicht frei von rassehygienischen Untertönen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hodann
http://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld
http://de.wikipedia.org/wiki/Helene_St%C3%B6cker

Die Sexualreformbewegung bewegte sich zunächst auf einer theoretisch- wissenschaftlichen Ebene, ihre Bemühungen zielten nicht nur auf eine neue Gesetzesregelung, sondern auf eine Reform der Ehe und Familie als Kernzelle der bürgerlichen Gesellschaft. So wurde schon um die Jahrhundertwende unter den Schlagworten „Freie Liebe“ und „Freie Ehe“ über Formen nichtehelicher Lebensgemeinschaften geredet. Die sogenannte sexuelle Revolution war kein isoliert auftretendes Phänomen, sondern war mit vielen anderen Umwälzungen der Moderne, vor allem der industriellen Revolution, verbunden. Bereits während der Französischen Revolution von 1789 wurden viele Fragen der Sexualität angesprochen und mit dem Zusammenbruch der alten sozialen Ordnung nach dem 1. Weltkrieg erfolgte im Zuge der vielen Emanzipationsbestrebungen eine gesellschaftliche Neuorientierung.

In der russischen Oktoberrevolution 1917 wurden gleiche Rechte für Frauen und umfassende sexuelle Freiheit gefordert und die „sexuelle Revolution“ wurde erstmals Gegenstand einer offiziellen Regierungspolitik – auch wenn bereits wenige Jahre später erneut repressive Machtstrukturen dominierten. Wilhelm Reich folgerte aus dieser Entwicklung, dass die bloße Übertragung der Macht von einer sozialen Klasse auf die andere nicht ausreiche und wirklich tiefgreifendere Veränderungen nicht nur eine Frage von Reichtum oder Armut, Kapitalismus oder Kommunismus seien, sondern eine Frage der „selbst regulierten Charakterstruktur“ – der individueller Autonomie – auf die es, im Widerstand gegen bestehenden politischen Systeme, hinzuarbeiten gelte. Die Utopien der Sozialreformer wurden beflügelt, bzw. bezogen sich auf Kommunengründungen, wo die Menschen versuchten nach ihren Vorstellungen, ohne sexuelle Unterdrückung zu leben. Nennenswerte Personen die solche Kommunen  initiierten waren z.b. Charles Fouvrier (1772-1837) in Frankreich und Robert Owen (1771-1858) in England, der wie John Humphrey Noyes von Oneida eine Kommune in den Vereinigten Staaten von Amerika gründete.  (siehe Exkurs „Kommunebewegung“)

Als erste praktische Konsequenz der deutschen Sexualreformbewegung entwickelte sich der politische Kampf um die Abschaffung des Homosexualitätsparagraphen 175. Männliche Homosexuelle organisierten sich erstmalig öffentlich in Verbänden und wurden dabei von der Sexualwissenschaft unterstützt. Nach dem ersten Weltkrieg wurde massiv die Forderung nach der Streichung des Abtreibungsparagraphen 218 und für den freien Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln erhoben. Außerdem wurde der Ruf nach Beseitigung der Kunstzensur und für eine Einführung des Sexualkundeunterrichtes lauter. Der erste  Weltkrieg hat den Bruch mit den traditionellen geschlechtlichen Normen stark beschleunigt und den bereits vorhandenen sexualreformerischen Bestrebungen einen starken Aufschwung gegeben. Vor- und außereheliche Kontakte nahmen an der Front und in der Heimat zu. Aufgrund des Frauenüberschusses wollten zahlreiche Frauen, die nicht mehr mit einer Ehe rechnen konnten und durch ihre berufliche Tätigkeit Selbstversorgerinnen waren, nicht auf eine Befriedigung ihres Geschlechtstriebes verzichten. Obwohl die linken Parteien sexualreformerisch wenig Initiative zeigten, wurden sie beim Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen zum Sprachrohr einer breiten Bewegung. In Deutschland führten diese Kampagnen und die parlamentarischen Eingaben 1926/7 zum liberalsten Abtreibungsrechts Europas.

Die politischen Forderungen der Sexualreformbewegung wurden nach dem ersten Weltkrieg insbesonders durch das von Magnus Hirschfeld 1919 in Berlin gegründete Institut für Sexualwissenschaft in die Öffentlichkeit getragen. Alle wesentlichen Impulse für die Begründung und frühe Entwicklung der Sexualwissenschaft, wie auch die ersten wissenschaftlichen Standardwerke, kamen aus Deutschland, bzw. aus Berlin. Hierzu gehörten Albert Molls „Handbuch der Sexualwissenschaften“ (1911/1926), Max Marcuses „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft“ (1923/1926) und Magnus Hirschfelds „Geschlechtskunde“ (5 Bände, 1926-1930) die zum ersten Male das sexuelle Wissen ihrer Zeit allgemeinverständlich zusammenfassten.

1921 wurde in Berlin die erste „Internationale Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage „ abgehalten. 1928 folgte die Gründung der „Weltliga für Sexualreform“ mit internationalen Kongressen in Kopenhagen (1928), London(1929), Wien(1930) und Brünn(1932). Ihre sexualreformerischen Forderungen umfassten die politische, wirtschaftliche und sexuelle Gleichberechtigung der Frau, die Befreiung der Ehe von staatlicher und kirchlicher Bevormundung und das Recht auf Ehescheidung, Geburtenregelung und den Schutz unehelicher Mütter und Kinder, Verhütung der Prostitution und der Geschlechtskrankheiten. Ein weiterer Schwerpunkt war der Kampf um eine Reformation des Sexualstrafrechtes. Ein Sexualstrafrecht, das nicht in die Geschlechtshandlungen erwachsener Menschen eingreift, wenn diese auf freiem Willen beruhen, planmäßige Sexualerziehung und Aufklärung. Die Auffassung sexueller Triebstörungen als mehr oder weniger krankhafte Erscheinung und nicht als Verbrechen oder Sünde anzusehen, aber auch die eugenische Beeinflussung der Nachkommenschaft. Ein Gedanke der zu dieser Zeit in vielen bürgerlichen und wissenschaftlichen Kreisen präsent war und auf Akzeptanz stieß. Die traditionalistische Geschlechtmoral der christlichen Kirche mit ihren Sittlichkeitsvereinen und die sexualreformerische Aufklärung standen sich als Feinde gegenüber. Auch staatliche Institutionen mit ihrem konservativen Beamtenapparat standen den Sexualreformern oft ablehnend und restriktiv gegenüber. So sah der Sexologe und Erforscher der erotischen Volkskultur, Friedrich Salomon Krauss, Herausgeber der „Anthropophyteia“ und „Kryptadia“, sich wegen seiner sexologischen Studien heftigen Angriffen ausgesetzt und wurde von einem Berliner Gericht 1928/9 als „gefährlichster Pornograph der Welt“ bezeichnet.

Die deutsche mittelständische Lebensreformbewegung stand dem Sendbewusstsein der Sexualreformer positiv gegenüber und bauten deren Ergebnisse aus wissenschaftlichen und populären Publikationen in ihr eigenes reformerisches Weltbild mit ein. Sie propagierten u.a. eine bewusste Lebensführung im Einklang mit der Natur, gesunde Ernährung und natürliche Kleidung. Auch „sittliche Nacktbadeplätze“ waren bei den Lebensreformern sehr populär. Die Sexualität galt ihnen als legitim und als das Natürlichste auf der Welt. Spätestens seit der Veröffentlichung von „ Das Liebesleben in der Natur“ (1890) von Wilhelm Botschen (1861-1939) setzte sich diese Auffassung durch, so dass der Kampf gegen die falsche Scham und die Einführung der Sexualkunde an den Schulen ihre Zustimmung fand. Neben der theoretischen Sexualreform entstanden ab 1922 hunderte von stationären und mobilen Sexualberatungsstellen und Kliniken durch freie und öffentliche Träger. Bemerkenswert ist dabei die Vielzahl von Laienorganisationen der Arbeiterschaft für die Geburtenregelung. Die Zahl ihrer Mitglieder lag bei ca. 150 000. Ihre Aufgaben lagen im Bereich der Sexualaufklärung, Beratung über Empfängnisverhütung und ungewollter Schwangerschaft, die Ausgabe von Verhütungsmitteln und die Information über medizinische und psychologische Fragen des Geschlechtslebens. Sie hatten klar eine andere politische Zielsetzung als die ab 1926 entstandenen Eheberatungsstellen, die auf eine eugenische, (erb)gesundheitliche Beratung ausgerichtet waren.

Linse, Ulrich, 1998 : 211-226, „Sexualreform und Sexualberatung“  in: „Handbuch der deutschen Reformbewegung“
Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hg.) : 1998,  Peter Hammer Verlag, Wuppertal

Money John , 1985,  „Destroying Angels“,  Prometheus Books, Buffalo, New York

Pastötter Jakob, 2003,  „Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozess“, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden

E. J. Haeberle: The Sex Atlas. The Seabury Press, New York, 1978./ Die Sexualität des Menschen, Handbuch und Atlas , Deutsche Ausgabe, 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin, 1985.
http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/inhalt.html

Die FKK-Bewegung

Die Entstehung der Freikörperkultur ab der Jahrhundertwende stand im Zeichen der Lebensreformbewegung – Nacktheit sollte zum natürlichen Leben, zur Natur zurückführen und man stand ein für einen Kampf gegen Prüderie,  doppelte Moral uns falsche Scham. Vorläufer waren die Naturheilbewegung, in der die Nacktheit als Therapieform eingesetzt wurde, die Turnbewegung – Sport- und Körpertraining spielten bei den Nudisten von Anfang an eine große Rolle und dienten zur Legitimierung der Nacktheit – und die Jugendbewegung, insbesondere der Wandervogel, bei denen das Nacktbaden zur einfachen und natürlichen Fahrtenleben mit dazugehörte.
Die ersten FKK-Vereinsgründungen waren eng an die Zeitschriften „Kraft und Schönheit“(ab 1901) und „Schönheit“ (ab 1903) gebunden und charakterisierten die erotisch-ästhetische Tendenz zu den Anfangszeiten dieser Bewegung. Bei einem dieser Vereine, dem „Deutschen Verein für vernünftige Leibeszucht“ gehörten zum Ehrenausschuss u.a. die Tänzerin Isadora Duncan und der Jugendstilmaler ‚Hugo Höppener, der später unter seinem Künstlernamen „Fidus“, mit seinen Motiven von Religion, Erotik und Naturerleben, insbesondere mit seinem Bild „Lichtgebet“ zu einem der Emblematiker der Freikörperkultur wurde. Weiterhin gehörte der Journalist und Schriftsteller Vanselow zu diesem Ausschuss. Er war Herausgeber der Zeitschrift „Schönheit“ und gründete 1905 die „Vereinigung für Sexualreform“ mit den Publikationen „Sexualreform“ und „Geschlecht und Gesellschaft“. Später heiratete er die Tänzerin Olga Desmond, die u.a. durch ihre künstlerischen Nackttänze bekannt wurde.

Der psychoanalytisch geschulte Schweizer Lehrer Werner Zimmermann (1893-1982) war ein bekannter Vertreter der Freikörperkultur und der vegetarischen Rohkost. Er bejahte die zeugungsunabhängige sexuelle Lust und wurde im deutschen Sprachraum zum Apostel der von der aus Amerika stammenden „Oneida-Kommune“ propagierten „Karezza-Methode“, die sich aus dem indischen Tantrismus entlehnte.  „Karezza“ bedeutete, die durch bestimmte Körpertechniken und Willenskontrolle erreichte Vermeidung des Samenergusses während des Geschlechtsverkehrs. Auch der Lebensreformer und Jugendstilkünstler „Fidus“ (Hugo Höppner, 1868-1948) bejahte die freie Liebesgemeinschaft und die Karezza- Methode. Dies entsprach anscheinend am ehesten den lebensreformerischen Auffassungen von Sexualität, da man diese, solcherart, durch Selbstbeherrschung „veredeln“ konnte und Empfängnisverhütung betrieb ohne auf künstliche Hilfsmittel angewiesen zu sein. Daneben gab es, beeinflusst durch die Wiener Jugendkulturbewegung um Siegfried Bernfeld (1892-1953) eine kommunistische Richtung, die nicht nur die körperlich-sexuellen Impulse der Jugend zu ihrem Recht kommen lassen wollte, sondern auch die monogame Ehe in Frage stellte und kollektiv- kommunitäre Lösungen für die Versorgung unehelicher Kinder und Mütter propagierte.

Die Aspekte erotischen Interesses bei der „Schönheitsbewegung“ treten aber durch die zunehmende Ideologisierung der FKK-Kultur – durch eine Negierung der erotischen Bedeutung der Nacktheit und ihrer asketischen Reglementierung – zurück und machten sie später, trotz ihres breiten Spektrums von zum Teil gegensätzlichen politischen Gruppierungen, für nationalsozialistische Anschauungen empfänglich. In der Weimarer Republik gab es sozialistisch-proletarische Gruppen wie die „Körperkulturschule“ des Berliners Adolf Koch, denen völkisch-nationale Organisationen wie der „Neusonnlandbund“ von Hans Suren, mit seiner engen Verbindung von FKK und Sportbewegung, gegenüberstanden. Daneben gab es eine Vielzahl von bürgerlich-unpolitischen Gruppierungen und Jugendbewegte wie der Berliner „Birkenhaider Arbeitskreis“ von Charly Straesser. Mit dem Körperkulturfilm „Wege zur Kraft und Freude“(1924/5), der von der linken wie rechten Presse mit begeisterter Kritik bedacht wurde, zeichnete sich eine zunehmende Akzeptanz der Freikörperkultur ab.
In diesem Film wurde das griechisch-olympische Ideal der Körperzucht propagiert. Neben verschiedenen Sportdisziplinen und Gymnastiken, nahm der Tanz eine wichtige Stellung ein. Es wurden folkloristischen Tänzen aus Asien und Afrika vorgestellt und den Tanzschulen von Dalcroze, Laban und Wigmann wurde ausreichend Raum zur Selbstdarstellung gewährt.
Ab 1926 kam es zu keinen Verurteilungen mehr wegen „Nacktbadens mehrerer Personen“ und das unorganisierte Nacktbaden nahm zu. Anfang der 30er Jahre wird von ca. 100 000 organisierten FKKlern ausgegangen von denen ca. zwei Drittel auf sozialistisch-proletarische Gruppen entfielen.  Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die linken Koch-Schulen verboten und bald darauf betraf das Verbot die gesamte FKK-Bewegung. Dies brachte die FKK im Gegensatz zu vielen Aspekten der Weimarer Reformbewegung aber nicht zum Verschwinden, sondern führte zu einer Anpassung und Umstrukturierung an die neuen politischen Machtverhältnisse die dann in einer „völkischen FKK“ mündeten. 1938 wurde dann das allgemeine Verbot formal durch ein Urteil des Preußischen Oberverwaltungsgerichts außer Kraft gesetzt.

König Oliver, 1990, „Nacktheit – Soziale Normierung und Moral“, Westdeutscher Verlag, Opladen