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11
Feb
10

Die Entwicklung des Rotlichtmilieus und des Unterhaltungsgewerbes St. Paulis

Die Entwicklung des Rotlichtmilieus und des Unterhaltungsgewerbes St. Paulis im Verhältnis der politischen und städtebaulichen Rahmenbedingungen

Inhalt

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Preface
Die Entwicklung von Hamburg,  Altona und der Vorstadt St. Pauli – Ein kurzer historischer Abriss-
Hamburg
Altona
St. Pauli

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Das Unterhaltungsgewerbe in St. Pauli und der Alt- und Neustadt
Die Aufhebung der Torsperre – Singspielhallen und Tanzlokale
Der Hamburger Dom, Tingeltangel und Variete
Massenunterhaltung in festen Häusern – Der Spielbudenplatz und die Große Freiheit
Eine neue Theaterlandschaft
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Verschiedene Obrigkeiten – verschiedene Rechts- und Handelssysteme
Warenschmuggel und Zensur
Kneipen, Kaschemen und Pennen – Die Grenzregion zwischen Hamburg und Altona
Politische Instabilität und politische Radikalisierung nach dem 1. Weltkrieg
Bürgermilitär, Gassenoffizianten und Nachtwächter – Die Entstehung eines modernen Polizeiwesens
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Stadtentwicklung und „soziale Fremdkörper“
Hamburgs Eingliederung in den preußischen Nationalstaat und die Entstehung
einer Gewerkschaftsorganisation
Das Konzept der Citybildung und die Zerstörung der Gängeviertel
Das Gängeviertel
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Das Prostitutionsgewerbe in Hamburg und St. Pauli
Mamsellenhäuser, Freudenhäuser und Bordelle – Alte Prostitutionsquartiere Hamburgs und St. Paulis
Bordellwirte und Verschickefrauen
Reglementierte und heimliche Prostitution
Mädchenhandel – Kampagnen und Wirklichkeit
Die Einschränkung des Hamburger Bordellwesens unter preußischer Einflussnahme
Die Prostitution in St. Pauli – Tanzlokale und „stille Wirtschaften“
Schlaf- und Heuerbasen in der Heinrichstraße (Herbertstr.)
Zuhälter und Ringvereine
Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung und das Prostitutionswesen
Schließung der Bordelle
Hamburg und St. Pauli unter faschistischer Herrschaft
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Der Mythos St. Pauli – Erinnerung und Gegenwart
Hamburg und St. Pauli nach `45 bis in die 50er
Das Prostitutionsgewerbe und das Rotlichtmilieu seit der Nachkriegszeit
Die 60er Jahre – Musikclubs, Liberalisierung und die „St. Paul-Nachrichten“
Das Sexbusiness  in St. Pauli 1968
Die „Große Freiheit“ – Kabaretts und Transvestiten
Die 80er  Jahre  – ein Stadtteil im Umbruch
Musikclubs und „Kulturmeile“
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Die Prostitution im Hamburger Raum

Zuhälter und organisierte Kriminalität
Straßenstrich, Modellwohnungen und Bordelle
Migrantinnen im Prostitutionsgewerbe
Hamburger Initiativen und Organisationen
Im Detail: Sexuelles Entertainment auf St. Pauli

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11
Feb
10

Das Unterhaltungsgewerbe in St. Pauli und der Alt- und Neustadt

Die Aufhebung der Torsperre – Singspielhallen und Tanzlokale

Nach der Aufhebung der Torsperre entstehen in den kommenden Jahren eine Vielzahl von Tingeltangel, Varietetheater und Bierhallen. Nach dem Ende der Neuordnung des Terrains der aufgelösten Reeperbahnen Ende der 1880er und der festen Bebauung des Spielbudenplatzes war eine klare Tendenz hin zu großen Prachtbauten, Theatern, Konzerthallen, Zirkushallen, Panoramen und Bierhallen zu erkennen, die einerseits der Massenunterhaltung dienten, aber auch den Ansprüchen des Bürgertums gerecht wurden. Die kleineren Theater und Singspielhallen entlang der Reeperbahn wurden so mehr und mehr in die Seitengassen gedrängt. Der Boom der vielen Bierhallen wurde teils von einer großen Bierhallen-Aktiengesellschaft finanziert, die an mehreren Orten in der Stadt ähnliche Etablissements unterhielt. Die Beteiligung von Brauereien an derartigen Unternehmungen die somit eine Absatzgarantie und eine Schlüsselfunktion in der Freizeitindustrie auf St. Pauli erhielten, war ein wichtiges Kriterium bei dem stattfindenden Konzentrationsprozess in der Unterhaltungsbranche. Um die Jahrhundertwende gab es eine Vielzahl von großen Hamburger Brauereien: die “Barmbeker” (seit 1879), die “Löwen- und Holstenbrauerei” (seit 1880), die “Winterhuder- und Elbschlossbrauerei” (seit 1881), die “Hansa” (seit 1882) und die “Gertig´sche und Billbrauerei (1890).Parallel zu dieser Entwicklung verlief der Aufschwung der 1860 gegründeten „St. Pauli- Creditbank“, die seit den 1890ern zunehmend Grundstücke und Lokale aufkaufte. Die Katastrophe des Wiener Theaterbrandes (1881) und die zwei Brände der „Centralhalle“ auf St. Pauli (1873 und 1878), sowie die Zerstörung des Zirkusgebäudes von „Renz“ (1888) führten zu einer zunehmenden Kontrolle der Etablissements durch Sicherheits- Brandschutz- und Baurechtsvorschriften. Dies machte oft kapitalintensivere Investitionen nötig und schuf die Grundlagen, dass die Behörden auf Lizenzvergaben und Neugründungen von Lokalen, Tanzhallen, etc. größeren Einfluss nehmen konnten.

In Alt-St. Pauli gab es die „Neue Dröge“ und das „Joachimsthal“. Das Restaurant die „Neue Dröge“ befand sich auf der rechten Seite der „Langen Reihe“, der späteren Straße Reeperbahn(von Hamburg aus kommend), neben den von den Reepern benutzten Dröge. Es war auf ein gutsituiertes bürgerliches Publikum ausgerichtet, besaß ein Lesezimmer mit den damals beliebten Zeitschriften, einen eigenen Garten, ein Billiard- und Spielzimmer sowie einen für 100 Personen bestimmten Speisesaal. Später nach 1814,  wurde aus dem Etablissement das „St. Pauli Tivoli“ und dann der Salon „Alkazar“. 1865 wurde die Straße „Hinter der Neuen Dröge“ umbenannt in Heinestraße zu Ehren von Salomon Heine, dem Onkel des Dichters Heinrich Heine und Erbauer des Israelitischen Krankenhauses, auf das die Straße zuführt. Nachdem es zu einem Tanzsaal umgebaut wurde, bewertete ein Stadtführer 1861 das Lokal als ein Etablissement, „wo das Damenpublikum nicht viel anders ist als ,In den vier Löwen‘ (…) aber das Herrenpublikum ist durchweg feiner. Man ist vor Exzessen sicher“.

In der gleichen Straße, mehr nach Altona zu, befand sich das Lokal „Joachimstal“. Ein Tanzlokal mit großem Garten in welchem auch Konzerte stattfanden. 1851 fand dort eine „Vauxhall“ mit einem Ball „Champeterie“ statt, sogenannte Gartenfeste für ein gutsituiertes bürgerliches Publikum. Beide Lokale wurden während der Zeit der französischen Besetzung niedergebrannt aber umgehend wieder aufgebaut. Wo das „Joachimstal“ stand, wurde später das Carl-Schulze-Theater errichtet. Weitere Tanzlokale befanden sich im Gängeviertel der Neustadt,  in der Neustädter Straße. „Lahrs Tanzsalon“ und gegenüber, das bekannte Etablisement vom Wirt Peter Ahrens, seit 1805 eröffnet. Es war beliebt in bürgerlichen Kreisen und bei vielen ausländischen Reisenden und sogar bei Mitgliedern verschiedener Fürstenhäuser. 1823 führte der Wirt in seinem Lokal die erste Gasbeleuchtung in Deutschland ein und wurde dadurch zum regelrechten Publikumsmagneten. Nach dem Tod des Besitzers (1825) wurde das Lokal u.a. von der Witwe und später vom Schwiegersohn weitergeführt und soll noch bis 1860 eine gutgehende Wirtschaft gewesen sein. (Borcherdt Albert, 1999: 26) Aus einer Beschreibung von „Lahrs Tanzsalon“ in der Neuen Straße und dem gegenüberliegenden Salon von Peter Ahrens aus dem Jahr 1850 geht hervor, dass beide Tanzlokale zu dieser Zeit von Prostituierten frequentiert wurden und darüber hinaus dort eine einträgliche Kuppelei von Frauen und Mädchen stattgefunden hat.

Ab 1850 boomten die Singspielhallen und Cafe Cantants in St. Pauli, in welchen die Soubretten von St. Pauli „aufgehübscht“ mit tiefen Dekollete ihr Gesangsrepertoire zum besten gaben. Die Frauen mussten sich auch als Animierdamen betätigen und erhielten von der Spirituosenvertilgung einen kleinen Prozentsatz zur Aufbesserung ihrer geringen Gage. 1874 musste eine aus dem Jahr 1822 bestehende Verordnung über die Polizeistunde per Dekret in Erinnerung gebracht werden, wegen „ der maßlosen Ausdehnung des Schankbetriebes bis tief in die Nacht hinein“. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich in offener Weise ein Nachtbetrieb in sogenannten Cafe`s in denen, zumindestens nominell, kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Zusätzlich existierten eine Vielzahl von sogenannten Speisewirtschaften, die bis weit in die Nacht geöffnet hatten. Die Polizeibehörde hatte keine Kontrolle über die Errichtung dieser Lokale, da sich das Reglement der Reichsgewerbeordnung nur auf Schankbetriebe bezog in denen Alkoholika ausgeschenkt wurden. Als dann 1895 die Konzessionspflicht auf alle Lokale ausgedehnt wurde und die polizeilichen Kontrollen hinsichtlich der weiblichen Bedienungen und der Einhaltung der Polizeistunde verschärft wurden, mussten innerhalb kürzester Zeit 86 dieser Lokale schließen.

Borcherdt Albert, 1999, „Von Wirtshäusern und vom guten Essen im alten Hamburg“, Kurt Sauck-Verlag, Hamburg

Buhr Emmy, 1920, „1000 Jahre Hamburger Dirnentum“, Elbe-Verlag Hamburg

Dofour Pierre, 1995,  „Die Weltgeschichte der Prostitution“, Reprint, Band 2, , Eichborn Verlag, Frankfurt am Main

Ellermeyer Jürgen (Hg.) : 1986, „Stadt und Hafen“, Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Hamburg, Nr.8, Hans Christians Verlag, Hamburg

Thinius Carl, 1975, „Damals in St. Pauli”, Hans Christians Verlag, Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg


Der Hamburger Dom, Tingeltangel und Variete

Als besonders innovativ für die Entwicklung des Unterhaltungsgewerbes, insbesondere der Varietebranche, erwies sich der Hamburger Dom. Zur Zeit dieses Volksfestes reisten Schausteller aus der ganzen Region nach Hamburg. Neben dem üblichen Jahrmarkt, der in manchen Straßenzügen auch die Form eines normalen Straßenhandels aufwies, zeigte sich die Tendenz zu immer aufwendigeren Ausstattungen der Buden von überdimensionalen, prächtig ausgestatteten Orchestrions bis hin zu kompletten mechanischen Theatern. Aber nicht nur das reisende Gewerbe, auch die festen Häuser boten ein spezielles Domprogramm. Sämtliche kleinen und großen Ballhäuser, Varietes und Singspielhallen, vor allem in direkter Nähe zu dem Budenzauber, buhlten mit Kleinkunstprogrammen bis hin zu aufwendigen Shows um die Gunst des Publikums. So entwickelte sich Hamburg zeitweise zu einem Treffpunkt des Varietegewerbes wo zur Domzeit Artistenlogen und Varietebetreiber zusammentrafen, wo Programme und Nummern entwickelt- und Arbeitsverträge abgeschlossen wurden. In diesem Zusammenhang entwickelte sich die Seilerstrasse in St. Pauli zu einer regelrechten Hotelstrasse, wo sich vor allem Bühnenkünstler einquartierten.

„Von den so neu entstandenen Straßen hat sich die Seilerstraße zu einem großen Hotel Garni herausgebildet. Fast ohne Ausnahme  ist jeder Etageneingang mit zahlreichen Zetteln „Hier ist ein möbliertes Zimmer zu vermieten“ versehen. Der reisende Künstler, der nach St. Pauli kommt, um für längere oder kürzere Dauer in einem der Vergnügungsetablissements seine nie gesehenen unübertrefflichen Nummern oder ganz neue Tricks zum Besten zu geben, bedarf heutzutage nicht mehr eines Wohnungsnachweises. Sein Kollege, der vor ihm das Hamburger Publikum zu amüsieren die Gewogenheit hatte, nannte ihm als  Ziel der Reise die Seilerstraße. Und das genügt auch vollständig“

Hamburger Sonntagspost, 1891, Johannes Meier. Zitat aus:  Eppendorfer Hans, 1982 „Szenen  aus St. Pauli“, Seite 42

Den Hamburger Dom auf dem Heiligengeistfeld gibt es erst seit 1900. Das Volksfest hat seinen Ursprung in dem Weihnachtsmarkt um den ehemaligen Mariendom im Kern der Altstadt. Bereits im 14. Jh. standen in und um der Marienkirche, dem damaligen Dom, hunderte von Buden, deren Besitzer Nahrungsmittel, Zuckerwerk und Spielsachen anboten. Daraus entwickelte sich im Mittelalter ein beliebter Weihnachtsmarkt. Seit 1668 sprach man von der Domzeit, wenn von diesem Markt die Rede ist. Die Marienkirche wurde dann dem Hamburger Senat übereignet, der sie kurzerhand abriss und den Jahrmarkt auf den Gänsemarkt verlegte. Ab 1820 weitete sich das Treiben auf den Zeughausmarkt, den Pferdemarkt und auf den Spielbudenplatz aus. Ab dem Jahr 1900 wird durch eine Marktverordnung das Heiligengeistfeld zum Domplatz ernannt auf dem dann jedes Jahr zur Weihnachtszeit der Hamburger Dom stattfand. Der Platz  des Heiligengeistfeldes wurde bereits ab 1880 für große Vergnügungsveranstaltungen genutzt. Neben dem Tierpark veranstaltete Hagenbeck ab 1887 seine ersten Völkerschauen auf dem Heiligengeistfeld, so die „Internationale Circus- und Singhalesen-Ausstellung“ 1887. 1890 residierte eine Leipziger „Beduinen und Völkerschau“ auf dem Platz. 1890 gaben dort „Buffalo Bill`s Wild West Truppe“ und „Carvor`s Wild America“, mit vielen nordamerikanischen Indianern, ihre Vorstellungen. Alljährlich wurden fast auf der ganzen Fläche künstliche Eisbahnen angelegt und die passende Restauration betrieben.1894 wurde sogar eine ganze italienische Landschaft mit berühmten Bauwerken und Kanälen auf denen Gondeln fuhren aufgebaut. Ein ganzes Jahr lang bevölkerten 450 Italiener diese Kunststadt und vergnügten die Hamburger.

Seinen Namen hat das Heiligengeistfeld von dem vor der Stadt liegenden Heiligen-Geist-Hospital. Nach dem Ausbau der Verteidigungswälle wurde die freie Fläche vor dem Festungsgürtel Heiligengeistfeld genannt. Dieser Platz blieb unbebaut da das Schussfeld der Kanoniere nicht eingeschränkt werden durfte. Ab 1711 wird den „Knochenhauern“ das Gelände ständig zur Pacht übergeben damit sie ihr Schlachtvieh darauf weiden lassen konnten. In den Jahren 1863/4 wurden an der Nordwestecke des Heiligengeistfeldes der Hamburger-Altonaer Viehmarkt gebaut. So wurden in diesem Zusammenhang auch nach der Jahrhundertwende Teile des Heiligen-geistfeldes weiterhin als Viehweide genutzt. Die Rinderhalle (1887/8) fasste 6000 Rinder und 6000 Schafe, südlich dieser Halle befanden sich Stände für ca. 1500 Pferde. Auch Tiere vom Carl Hagenbecks Tierpark, damals am Neuen Pferdemarkt ansässig, weideten im 19.Jh. auf dem Heiligengeistfeld. In der Zeit zwischen 1860-67 nutzten Einheiten des Hamburger Bürgermilitärs, wie auch dänisch-schleswiges Militär aus Altona das Freigelände als Aufmarsch und Exerzierplatz. Nach 1871 wurden Feiern und Paraden zum Kaisergeburtstag und zum Sedanstag auf dem Heiligengeistfeld abgehalten.

http://www.karo4tel.de/first.htm

„Vorerst auf den Gänsemarkt beschränkt, streckte der Dom allmählich seine Riesenarme immer weiter aus. Es entstand der Straßendom. In seinen Bereich gingen nach und nach über: ein Teil des Jungfernstiegs, die Ellerntorsbrücke, der Alte Steinweg, der Valentinskamp. 1823 wurde auch der Großneumarkt vom Dom mit Beschlag belegt.(…)Später brachte der Dom, der sich mit den Jahren den Zeughausmarkt, Pferdemarkt, Holstenplatz, Spielbudenplatz nebst Zugangsstraßen erobert hatte (…) wirkliche Sehenswürdigkeiten. Es erschienen Zauberkünstler, Panoramen, in denen die größten Begebenheiten des abgelaufenen Jahres anzustaunen waren, Seiltänzer, Menagerien, Affen-, Floh-, und Hundecircus, Wachsfigurenkabinette mit hohen Fürstlichkeiten, Räuberhauptmännern, Mördern und anderem gruseligen Inhalt. (…).Auf St. Pauli hatte der Dom erst das richtigen Feld seiner Betätigung gefunden; außer auf dem Spielbudenplatz, bei Hornhardt (jetzt Trichter) und Ludwig (jetzt Millerntortheater) gab es dort Dom im Apollo (später American Bar, wo August Pieso, der auch später den Dom bei Saegebiel einrichtete und leitete, einen mehr künstlerischen Dom zustande brachte). Auf der Ringstraße, Ecke Holstenwall hatte das mechanische Theater von Morieux gewaltigen Zulauf. Nicht minder wurde die Konkurrenz, das Theater Merveilleux, auf dem Spielbudenplatz besucht. Vor mindestens 40 Jahren übte der Dom in den Apollo-Sälen auf der Drehbahn eine große Anziehungskraft auf das domfreudige Publikum aus. Die hervorragensten Artisten aller Nationen, – andere Varietes mussten wohl oder übel Piesos Beispiel folgen, – trafen sich im Dezember in Hamburg. Es kam sogar soweit, dass die Artisten-verbindungen „Sicher wie Gold“ und die „Internationale Artistenloge“ hier ihre alljährlichen Kongresse abhielten, wo viele Engagements, vielfach für das ganze Jahr abgeschlossen wurden, da viele auswärtige Varietebesitzer, Agenten und Impresarios eigens zu diesem Zweck nach Hamburg reisten“.

Quelle: „Der Hamburger Dom – wie er entstand und aussah“ Hamburger Correspondent Nr.543Mo, 2.Beilage,Seite 1, 4.12.1921

Massenunterhaltung in festen Häusern – Der Spielbudenplatz und die Große Freiheit

Der Spielbudenplatz auf dem bis 1900 auch der Dom stattfand, stand schon früher, wie die Namensgebung zeigt, in der Tradition von hölzernen Spielbuden und Zelten. Dort zeigten bereits 1795 Akrobaten, Gaukler, Seiltänzer und Puppenspieler ihr Können, außerdem gab es einen schwunghaften Karrenhandel mit Essbaren und Krams. Nach 1840 wurden feste Häuser errichtet und die Häuserzeile zwischen Circus Gymnasticus und dem Urania-Theater entstand. Der  „Circus-Gymnasticus“(1841), der neben dem Trichter stand, bot in seinem pompösen Bau 3000 Zuschauer Platz. Durch Umbau des Gebäudes hatte ab 1864 das „Theater der Centrallhalle“, die drittgrößte Bühne St. Paulis, dort seinen Sitz. Ab 1889 hatte Circus Renz dort sein traditionelles Winterquartier und bis 1897 übernahm Zirkus Busch das Gebäude. 1903 wird es in „Neues Operettentheater“ umbenannt und dem Publikum Singspiele, Possen und Sittenkomödien geboten. Später wechselte der Namen in „Operettenhaus“ und dann in „Eden-Theater“  In direkter Nähe zur Stadtwache am Millerntor wurde bereits 1805 der St. Pauli- Trichter eröffnet. Zur Zeit der bevorstehenden Torsperre versammeln sich dort die Bummler auf ein letztes Bier. Der „Trichter“ galt lange als ein Ort des bürgerlichen Freizeitlebens, der als Ausflugslokal und Kaffeehaus fungierte und durch ausliegende Tagespresse und Zeitungen den Gästen die Möglichkeit bildender Unterhaltung bot. Später wurde der Trichter durch den Restaurationsbetrieb von Mutzenbacher verdrängt und das Angebot verlagerte sich von der Garten- und Kaffeehausatmosphäre hin zu einer Bierhalle wo musikalisches und artistisches Beiprogramm gehalten wurde.  1889 wird es zum „Hornhardts“ Etablissement, einem Ballhaus, umgestaltet, mit einer prächtigen Kuppel und Aussichtsturm, danach übernimmt Clausen das Lokal. Es besteht über 20 Jahre lang. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bleibt der Bau ungenutzt. Erst 1920 wird das Gebäude als „Ballhaus Trichter“ wiedereröffnet und 1942 zerstört. Die heutige Straße „Beim Trichter“, die vom Spielbudenplatz abgeht verweist, wie der angrenzende „Zirkusweg“ auf die damaligen Lokalität.

Auf dem Spielbudenplatz standen noch eine Vielzahl weiterer Etablissements, so das Panoptikum, ein Wachsfigurenkabinett, das als Reminiszenz zu den Jahrmarktattraktionen 1879 von dem Holzbildhauer Friedrich H. Faerber gegründet wurde. Der bekannte Volkssänger Hein Köllisch eröffnete 1895 am Spielbudenplatz sein eigenes Theater, das „Heinrich Köllisch’s Universum“, wo um 1900 herum Charly Wittong, ein bekannter Hamburger Volkssänger auftrat. Beim Spielbudenplatz 19 befanden sich seit der Jahrhundertwende die „Knopf„s Lichtspiele“, eines der ersten Kinematographie-Theater Hamburgs*. Das Kino wurde dann um die „Spiegelsäle“ und die „Hagenbecks Raubtierschau“ erweitert. Die Apollo-Säle (Spielbudenplatz 28), waren ein bei Bürgerlichen beliebtes Veranstaltungslokal, welches auch von Prostituierten des nahegelegenen Dammtorwalls frequentiert wurde. Seit 1900 befand sich dort die „American Bar“. Später eröffnete in direkter Nachbarschaft(Nr.27) 1925 das Zillertal, eine große Bierhalle mit Veranstaltungsbühne.

*Bereits für den deutschen Stummfilm war Hamburg, bzw. St. Pauli ein wichtiger Drehort. Der Hamburger Hafen und Hagenbecks Tierpark wurden gerne als Kulisse genutzt und St. Pauli bot sich an als Drehort für viele Plots von sogenannten Sittendramen, wo es um „gefallene Mädchen“ und „zwielichtes Gesindel“ ging. Der Stiefbruder von Carl Hagenbeck, John Hagenbeck gründete sogar eine eigene Filmproduktion. Das Hagenbecksche Etablissement am Spielbudenplatz 8 stattete beispielsweise die Filmproduktionen „Der Fremde“ und „Peer Gynt“ aus. Ein weiterer Verwandter, Heinrich Umlauff, schuf die Kulissen für die Völkerschauen von Hagenbeck und wurde dann von der Ufa als Filmarchitekt verpflichtet. Beim ehemaligen „Trichter“ eröffneten in den zwanziger Jahre zwei große Kinos. Das Millerntorkino wie auch das Schauburg erfreuten sich beim Publikum großer Beliebtheit. Es gab sogar ein russisches Produktionsbüro in der Hansestadt (Goskino).

Fast jede größere Bierhalle, Hotels wie Cafes hatten zu dieser Zeit eine kleine Veranstaltungsbühne oder einen Tanzsalon mit Kapelle um den Gästen ein künstlerisches Beiprogramm zu bieten oder der Tanzbegeisterung einen Raum zu geben. So die Hotels Lausen und Mehrer, die beide an der Reeperbahn lagen und die ab den 20er Jahren über je ein Cafe mit Tanzsaal verfügten. Dort war auch die gehobene Prostitution zu finden. Die Kontakte wurden über Tischtelefone oder auf der Tanzfläche hergestellt. Weitere bekannte  Tanzlokale in den 20er und 30er Jahren  waren das am Millerntor gelegene „Cafe Heinze“, im futuristisch anmutenden Art Deco mit einer großen, nüchternen Lichtreklame und das „Cap Norte“ auf der Großen Freiheit. Beide waren beliebte Swing-Lokale.

„Die Lustbarkeitspolizei unternimmt gegenwärtig energische Schritte um die in zahlreichen Hamburger Lokalen veranstalteten „wilden Tänze“ auszurotten. Außer den Saaltänzen, wie bei Saegebiel usw. sind in Hamburg nur  fünf Lokale berechtigt, dem Publikum ein Tänzchen zu erlauben, und dieser Spaß kostet den Inhabern von vier Ballhäusern 200 M und der fünften „Diele“ 300 M Konzessionsgebühr pro Tag. Obwohl eine Strafe von 150 M für Lokalinhaber ausgesetzt ist, welche ohne Konzession ihren Gästen Gelegenheit zum Tanzen geben – oft ist es nur ein mühsames Durchschieben zwischen den Tischreihen – so wird diese Verordnung doch recht oft übertreten, namentlich von den kleineren Bars und Weinstuben. Auch soll eine strengere Kontrolle der 78 Hamburger Kabaretts beabsichtigt sein. In den konzessionierten Ballhäusern sind alle Tänze erlaubt, da die Lustbarkeitspolizei sich nicht berechtigt glaubt, als Sittenrichter zu wirken. Von offiziell konzessionierten Nackttänzen, wie sie in Berlin gang und gäbe sind, ist Hamburg indessen noch verschont geblieben.“

Hamburger Correspondent, 420Ab, S.3, vom 8.5.1921

Weitere wichtige Institutionen des Unterhaltungsgewerbes auf St. Pauli dieser Zeit waren das Variete Alcazar und das Hippodrom. Das  Varietetheater  und Ballhaus “ Alkazar“ das in der Vorkriegszeit eines der großen Varietes auf der Meile war, befand sich bei der Reeperbahn Nr. 110.  Schon vor der Jahrhundertwende gab es auf St. Pauli einen „Salon Alcazar“. Früher stand dort das Tanzlokal „Die neue Dröge“. Das neue „Groß-Ballhaus-Varieté Alkazar“ geleitet von Artur Wittkowski, bot im Viertelstunden-Takt neue Bühnenbilder und Zugnummern des internationalen Varieté-Betriebs mit viel Erotik und nackter Haut, sogar Striptease gehörte mit zum Programm.1936 erhielt das Haus einen neuen Betreiber und einen neuen Namen. Der Name „Alkazar“ war für das NS-Regime durch den Spanischen Bürgerkrieg negativ besetzt. Mit einem Preisausschreiben, das sich an alle Hamburger richtete, erfolgt die Umbenennung  in „Allotria“. In der  „Großen Freiheit“ Nr. 10-12 befand sich eines der größten Hippodrome. Bei dieser Art der Amüsierlokale handelte es sich um Manegen in einem Gebäude mit Restauration am Rand, wo leichtbekleidete Damen zu Pferde, später auch auf Kamelen auftraten. Für kleine Beträge konnte man ein Pferd für die Frau oder Freundin mieten und sie durfte unter aller Augen ein paar Runden drehen. Oft wurde diese Art der Zurschaustellung von Prostituierten zum Kundenfang genutzt. Es diente als Kulisse für den Hans-Albers Film „Große Freiheit Nr. 7“. Das Hippodrom war vor dem 1. Weltkrieg von Paul Becker eröffnet worden und ging erst nach dem 2. Weltkrieg in den Besitz von Wilhelm Bartels(1914-  ) über, dessen Vater nicht nur Besitzer einer Großschlachterei (wie auch Hans Albers Vater)war, sondern auch ab 1928 das Ballhaus Jungmühle in der Großen Freiheit 21 betrieb. Mit 23 Jahren übernahm Willi Bartels als Geschäftsführer das Kabarett „Jungmühle“ das sich durch den „Kraft durch Freude“- Stadttourismus der Nazis zu einem florierendes Etablissement entwickelte.

Das boomende Vergnügungsgewerbe war allerdings nicht nur auf St. Pauli konzentriert. In St. Georg, wo auch das bekannte Variete „Hansa Theater“ (1892),das Kabarett „Fledermaus“ und das Tanzcafe Siegler am Steindamm beheimatet waren, hatte sich mit der Eröffnung des Hauptbahnhofes, ein mit St. Pauli vergleichbares Milieu entwickelt und die Innenstadt war zu diesem Zeitpunkt noch dicht besiedelt und bot vielen Lokalitäten einen ausreichenden Umsatz. Um den Jungfernstieg und den Gänsemarkt befanden sich die Kabaretts „ Trocadero“ (Große Bleichen 32)  und das „Barberina“(Hohe Bleichen 30), desweiteren die Tanzsalons „Caricata Tanzbar“(Große Bleichen 34), „Faun Tanz Casino“(Gänsemarkt 45), das Variete „Kaffeehaus Vaterland“, das aus dem „Cafe Belvedere“ hervorgegangen war(Alsterdamm 39-40, später  Ballindamm) und der Alsterpavillon. Alle diese Etablissement waren in ihrem Angebot und Interieur auf ein wohlhabendes Klientel ausgerichtet. In den 20er und 30er Jahren entwickelten sich viele dieser Tanzlokale zu Treffpunkten der Swing-Jugend mit dementsprechenden Life-Auftritten von Tanzkapellen.

Weitere Treffpunkte der „Swing-Heinis“ waren  das „Curiohaus“ (Rothenbaumchaussee  ), welches 1940 Schauplatz der ersten Razzia und Verhaftungsaktion der Gestapo gegen Hamburger Swingjugendliche war und die im Dezember 1935 eröffnete Eislaufbahn bei „ Planten und Blomen“, dem großen innerstädtischen Park beim Dammtorbahnhof. Sie war ab dem Winter 1937/8 ein beliebter Treffpunkt von Swingjugendlichen. Die Eisbahn, zu der Zeit die größte ihrer Art in Europa, hatte eine Übertragungsanlage für Musik und man konnte dort mitgebrachte Schellackplatten auflegen lassen.

„Getanzte Freiheit: Swingkultur zwischen NS-Diktatur und Gegenwart“, Alenke Barber-Kersovan  Dölling und Galitz , Hamburg 2002 , Gordon Uhlmann

http://www.mdr.de/mdr-figaro/musik/926908.html

Eine neue Theaterlandschaft

Schon Ende des 18.Jh bot der Hamburger Berg Schaustellern und Schauspielern die Möglichkeiten ihre Kunst vorzuführen. Oft eröffneten Kneipiers kleinere Etablissements, um ein Rahmenprogramm zum Kneipenbesuch zu schaffen. So entwickelte sich eine Bühnenkultur, die ökonomisch geprägt war, mit dem wichtigsten Kriterium des Publikumsgeschmacks. Es wurde nicht Kunst der Kunst willen mit Subventionen betrieben. Wenn ein Stück oder eine Inszenierung nicht angenommen wurde, wurde es bald wieder abgesetzt. Ab den 1840gern entstanden Theaterhäuser deren Räumlichkeiten größer und moderner waren und bald mehr Besucher als die Stadttheater anzogen. Zeitweise gab es in St. Pauli fünf große Bühnenhäuser: das „Urania-Theater“, „Theater der Centrallhalle“, „Carl-Schulze Theater“, „Wilhelm-Theater“* und das „Deutschen Operettentheater“

1871 entstand aus den Ruinen des niedergebrannten Odeon, als fünfte große Bühne, das „Wilhelm-Theater“. Der Besitzer war Hermann Schmars dem auch das „Tivoli am Schulterblatt“, dem Vorläufer des „Flora-Theaters“, gehörte. 1887 wurde es geschlossen und ein Jahr später als Bierhalle Wilhelmshalle wiedereröffnet. 1943 wurde das Gebäude vollständig zerstört. Das Flora – Variete in Hamburg Altona wurde zwischen 1886-8  mit einem Programm von Revuen, Box- und Ringwettkämpfen und regelmäßigen Kinematographievorführungen eröffnet.1949 wurde es wiedereröffnet und 1953 in ein Kino mit 800 Plätzen umgewandelt. 1964 zog dort der Handwerksdiscounter „1000 Töpfe“ ein, bis es sich nach Leerstand und erfolgreicher Besetzung in den 90ern zu einem alternativen Kulturzentrum entwickelte.

Auf diesen Bühnen wurde Theatergeschichte geschrieben. Dramatiker wie Maxim Gorki(„Nachtasyl“/ 1903) ,Gerhard Hauptmann(„Die Weber“/ 1894), Leo Toilstoi („Auferstehung“/ 1903), Frank Wedekind(„Erdgeist“ /1898) und Henrik Ibsen(„Hedda Gabbler“/ 1889) wählten St. Pauli als Erstaufführungsort für ihre Stücke. Dies zog auch den Schauspieler-nachwuchs an. Neben Volksdarstellern wie Hein-Köllisch oder den Gebrüdern Wolf betraten Hans Albers oder Gustav Gründgens erstmals in St.Pauli die Bühne. Fritzi Massary begann ihre Karriere 1900 beim Carl-Schultz-Theater mit einer Rolle im Stück „Geisha“ und Mia May, der Stummfilmstar der 20er Jahre, legte u.a. durch ihre Arbeit in verschiedenen Rollen der Revue „Rund um die Alster“ den Grundstein für ihre spätere Karriere. Zu dieser Zeit wurde Hamburg , vor allem mit den Spielstätten St. Paulis, zum „norddeutschen Wien“, zur Stadt der Operette. Von den ca. 570 in Hamburg erstaufgeführten Operetten(ca. 1859- 1933) wurden über 450 zuerst auf St. Pauli-Bühnen gespielt. Allein von Jean Gilbert waren über 20 Produktionen erstmals auf St. Pauli zu sehen, z.b. „Die keusche Susanne“/(1910).

Eines der bekanntesten Häuser war die Hamburger Volksoper, am Anfang der Reeperbahn zum Millerntor. Das Gebäude, welches dem Burgtheater in Wien nachempfunden war, beherbergte zuerst „Ludwigs Ballhaus“ , welches in den 1880ern  zum „Konzerthaus Hamburg“ erweitert wurde. Nachdem die klassischen Konzerte in die neugebaute Musikhalle am Holstendamm verlegt wurden, zog 1910 dort das „Deutsche Operettentheater“ mit 1300 Sitzplätzen ein. Zur Eröffnung wurde Franz Lehars“ Der Graf von Luxemburg“ uraufgeführt Ab 1911 hieß das Theater „Das Operettentheater“, und ab 1913 mit einer erneuten Namensgebung zur „Neuen Oper“, wurde dort „Figaros Hochzeit“ aufgeführt, außerdem fand dort der einzige Auftritt der Tanzlegende Anna Pawlowa in Hamburg statt. Ab 1914 wurde das Haus zur „Hamburger Volksoper“ zu deren Ensemble ein Jungschauspieler namens Hans Albers gehörte und schließlich hieß das Theater ab 1926 bis zu seiner Zerstörung 1943 „Das Haus am Millerntor“.

In der Nähe zum Nobistor, bei der Reeperbahn, war der Standort des „Carl-Schultz-Theaters“. Der Volksschauspieler Carl Schultz gründete dort 1860 sein eigenes Theater. Ab 1883 wurden im Schwerpunkt Operetten aufgeführt und das Theater galt bis 1904 als eine der besten Operettenbühnen im Reich und erlebte bis 1920 viele erfolgreiche Vorstellungen.1931 wurde das Haus in ein Kino umgewandelt und kurz danach geschlossen.

Neben dem bereits erwähnten Operettenhaus und dem Heinrich Köllisch Universum entstand 1841 das Urania- Theater in der Nähe der Davidwache, beim Spielbudenplatz 29/30. Das Eröffnungsstück des damals zweitgrößten Theaters Hamburgs war „Die Schule des Lebens“ von Ernst Raupach. Der Theaterbetreiber war  u.a. der Gastwirt Menk. Der Volksschauspieler Carl Schultz begann dort ca.1850 seine Karriere. Aufgrund einer Kapitalisierung an der Börse wurde das Haus in „Actien- Theater“ umbenannt, zeitweilig firmierte es unter dem Namen „Variete-Theater“, bis es 1895 vom Theatermann Ernst -Drucker übernommen wurde. Er brachte es dann als „Ernst Drucker Theater“ zu seiner künstlerischen Blüte. Es wurde zum Stammhaus des Vereins „Freie Bühne Altona“. Hier wurde auch die inoffizielle Hymne St. Paulis „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ vom Dramaturgen Alfred Müller Förster und dem Schauspieler Ralf Arthur Robert geschrieben. Erstmals wurde das Lied bei der Uraufführung als Teil der Revue „Rund um die Alster“ 1911 von den Gebrüdern Wolf* gesungen. 1941 wurde das Theater auf Druck  der Nazis hin – Ernst Drucker war semitischer Herkunft- in „St.Pauli- Theater“ umbenannt.

Die drei Söhne des Schächters Isaac Joseph Isaac aus der Hamburger Neustadt, Ludwig (1867-1955), Leopold (1869-1926) und James (1870-1943) wurden als »Wolf-Trio«  bekannt. Ihre Spezialität waren Couplets nach dem Vorbild der im angelsächsischen Sprachraum  beliebten Comic Songs, die sie der Norddeutschen Mundart anpassen. Obwohl sie schon vor der Jahrhundertwende bekannt waren, gelang der eigentliche Durchbruch um 1911 mit der Revue ‚Rund um die Alster‘, im Hamburger ‚Neuen Operetten Theater‘. Hier spielten die ‚Gebrüder Wolf‘, seit 1906 nur noch aus Ludwig und Leopold bestehend, die waschechten Hamburger Hafenarbeiter Fietje und Thetje, die man bei Sagebiel, im Eden, im Trocadero und im Hansa-Theater bejubelte. Nach ihrem Erfolg auf den Varieté-Bühnen pressen viele renommierte Plattenfirmen ihre Couplets und Songs auf  Schellack. Ihre Schlager von den »Snuten un Poten«, vom »Mariechen, dem süßen Viehchen« und dem beliebten Lied „An der Eck steiht´n Jung mit´n Tüdelband“ hörte man überall in der Stadt.« Ab 1936 waren dann nur noch Auftritte im Rahmen des jüdischen Kulturbunds möglich. Ab 1939 erhielten sie generelles Auftrittsverbot. James Wolf wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er 1943 starb. Ludwig Wolf verbrachte ein Jahr im KZ Sachsenhausen, konnte aber nach Schanghai fliehen und überlebte. Er starb 1955 in Hamburg.

http://www.hagalil.com/archiv/2004/03/kuenstler.htm

Auch im Kabarettistischen  war Hamburg, Dank der lebendigen Kulturszene St. Paulis, neben Berlin und Wien kein unbeschriebenes Blatt. Das erste Berliner Kabarett des Freiherrs von Wolzogen, das „Bunte Theater“ mit dem Programm „Überbrettl“ eröffnete im Januar 1901 und bereits im April des gleichen Jahres kam das „Überbrettl“ für 10 Tage nach St. Pauli in das Theater der Centralhalle. Hamburgs erstes Kabarettgründung, in diesem künstlerischen Sinne, folgte im Oktober 1901, das „Theater-Variete Apollo“ am Spielbudenplatz von August Piefos –. Es bestand allerdings nur 4 Wochen, hinterließ wegen seines hohen künstlerischen Niveaus aber einen bleibenden Eindruck. Vor dem 1. Weltkrieg, genauer ab 1909,  kam es zu einer Vielzahl weiterer Kabarettgründungen. Im ersten Stock des „Köllisch Universums“ am Spielbudenplatz, eröffnete das „Cabaret Bonbonniere“, das bis 1912 bestand. In direkter Nachbarschaft gab es bis 1910 das „Cabaret Montematre“ im Variete „Deutsche Reichshalle“ und im Cafe Gröber auf St. Pauli eröffnete das „Cabaret Boheme“. In der Innenstadt gab es u.a. die Kabaretts „Hölle“ am  Alten Steinweg und  „Cabaret Intim“ am Jungfernstieg.

Die Entwicklung St. Paulis als Freizeit- und Vergnügungsquartier der Gesamtstadt mit späteren weltweiten Bekanntheitsgrad hing nicht nur allein von der Beziehung des Stadtteils zum Hafen ab. Vorraussetzung war auch die Lage der Region „Hamburger Berg“ außerhalb des Zunftzwanges und außerhalb der Akzisesteuern, die auf der Stadt innerhalb ihrer Festungsmauern lag. Diese Grenzsituation und die Lage an wichtigen Ausfallsstraßen hatten seit der Entstehung Altonas, in der Nähe der Grenztore, die Gründung vieler Bühnen, Gasthäuser, Kaschemmen und Tanzlokale gefördert. Ausschlaggebend für die spätere Zentralisierung des Rotlichtmilieus in St. Pauli waren allerdings die städtebaulichen Prämissen, welche den Abriss großer Flächen der ursprünglichen Altstadt beinhalteten und mit denen eine Verdrängung des Prostitutionsgewerbes aus der Neu- und Altsstadt Hamburgs einherging.

Möhring Paul, „Das andere St. Pauli“, Matari Verlag Hamburg ,(keine Jahresangabe, ca 1959/60 erschienen)

20
Jan
10

Die Prostitution im Industriezeitalter bis zum Ende der Weimarer Republik

Das 19. Jahrhundert  – Die Kasernierung der Prostitution

Im Mittelalter war die systematische Organisation und die planmäßige Förderung des Frauenhauswesens mit dem Ausbau des Städtewesens parallel gegangen. Ebenso ist die Erscheinungsweise der Prostitution im 19.Jh. eng verknüpft mit der Entwicklung der großen Städte. Im Gegensatz zum Mittelalter fanden sich im 19.Jh. – durch die Landflucht und das explosionsartige Anwachsen der Städte – Prostituierte in allen Teilen der Stadt. Napoleon I. führte in Frankreich zum Zwecke des gesundheitlichen Schutzes seiner Soldaten im Jahre 1802 als erstes das System der staatlichen Reglementierung und der Kasernierung der Prostitution ein, um das französische Heer vor der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu schützen. Nachdem Frankreich seine strenge Reglementierung durchgesetzt hatte, folgten fast alle anderen europäischen Länder diesem Beispiel. Das Reglementierungssystem des 19. Jahrhunderts, das die Bevölkerung vor Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper schützen sollte, bestand aus polizeilichen und gesundheitlichen Verordnungen, die sich ausschließlich auf die Prostituierten bezogen, deren männliche Kundschaft, wie auch männliche Prostituierte aber nicht berücksichtigten. Beauftragt mit der Durchführung dieser Maßnahmen war die Polizei, speziell der Sittenpolizei. Die Aufgabe der Sittenpolizei war der Schutz der Gesellschaft vor „gesundheitlicher und sittlicher Ansteckung“. Die zentrale Forderung war die Isolierung der Prostitution, ihr Ausschluss aus der Öffentlichkeit. Dies führte in  Konsequenz zur Kasernierung der Prostituierten, d.h. zur zwangsweisen Unterbringung und Kontrolle in Bordellen und Speerbezirken, womit gleichzeitig eine institutionalisierte Überwachung der Gesundheit ermöglicht werden sollte. Neben der Sittenpolizei war für die Prostituierten auch ein Kontrollarzt zuständig. In Frankreich lag die Kontrolle bei den Kommunen und war von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In Marseille z.b. wurden alle Frauen wöchentlich untersucht. Für die Frauen in den Bordellen fand die Untersuchung an ihrem Arbeitsplatz statt. Die Straßenprostituierten mussten in einem Raum der Sittenpolizei erscheinen um sich untersuchen zu lassen. In England wurde im Jahr 1864 im Parlament erstmals über die Maßnahmen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten diskutiert. In Folge kam es in England zu einer ähnlichen Gesetzgebung, die allerdings nur für die Städte galt wo Militär stationiert war.

Die verschiedenen Obrigkeiten mussten allerdings feststellen, das die Maßnahmen der stringenten Kasernierung nicht die gewünschte Wirkung zeigten, da viele Frauen, aufgrund der massiven Stigmatisierung, die die gesetzlichen Maßnahmen begleiteten, sich der Kontrolle entzogen.
In Frankreich zeigte sich Jahre nach dem erfolgten Reglement keine Verbesserung der Situation und in Christiania/Dänemark bemerkte man nach der inzwischen vollzogenen Aufhebung der Reglementierung 1888, dass die eingeschriebenen Prostituierten aus den Hospitälern zum großen Teil verschwanden und Schneiderinnen, Dienstmädchen und Kellnerinnen an ihre Stelle traten. Zum Teil waren es Prostituierte, die einen anderen Beruf angaben, aber auch viele Frauen die sich bisher von den Spitälern ferngehalten hatten und sich jetzt freiwillig behandeln ließen. In England stieß diese Gesetzgebung gleich nach ihrer Inkrafttretung auf heftige Kritik und wurde bereits 1886 wieder abgeschafft. Es gab in England eine starke Frauenrechtsbewegung, die unter dem Namen der „Abolitionistischen Bewegung“ mit ihrer Vorkämpferin Josephine Butler, Millionen von Unterschriften gegen dieses Gesetz sammelte und es zu Fall brachte. In Norwegen, Holland, Italien und der Schweiz wurde gegen Ende des Jahrhunderts die Reglementierung ebenfalls abgeschafft. In Frankreich und  Deutschland hingegen wurde sie beibehalten.

Der deutsche Reglementarismus

In Deutschland regelte der Paragraph 361 Abs.6 des Strafgesetzbuches das Verhältnis der staatlichen Behörden zu den Prostituierten. Bis zur Reichsgründung wurde der Umgang mit der Prostitution von jedem deutschen Land, bzw. Stadt selbstständig geregelt. 1871 vereinheitlichte das Reichsstrafgesetz mit dem Paragraphen §361 Nr.6 StGB und 180 StGB die Strafbestimmungen zur Prostitution. Nach dem §361 Nr.6 StGB war die registrierte Prostitution erlaubt, sofern sich die Frauen unter polizeiliche Kontrolle begaben und deren Vorschriften Folge leisteten. Verhaftet und bestraft werden konnten nach diesem Gesetz alle Frauen bei denen der Verdacht bestand, dass sie ohne sittenpolizeiliche Aufsicht, gewerbsmäßig der heimlichen Prostitution nachgingen, oder wenn sie als eingeschriebene Prostituierte den Vorschriften der Sittenpolizei zuwiderhandelten. Der §180 und §181 StGB bestraften die Kuppelei. Demnach machte sich strafbar, wer: „objektiv günstigere Bedingungen als die sonst vorhandenen herbeiführt und zwar durch Vermittlung oder Gewährung der Verschaffung von Gelegenheit zur Unzucht“ Die Zimmervermietung an Prostituierte wie auch die Einrichtung von Bordellen war somit strafbar.

Die Gesetzesauslegung differierte zwischen den einzelnen Länder und Gemeinden, die zusätzliche Polizeivorschriften zur praktischen Ausführung erließen. Der wesentliche Unterschied bestand in dem Umgang mit der Institution des Bordells, die eigentlich im Widerspruch zum Kuppeleiparagraphen stand. In München und später auch in Berlin wurde die Reglementierung mit einem gleichzeitigen Bordellverbot vollzogen, Städte wie Bremen, Stuttgart und Kiel setzten auf eine Kasernierung der Prostitution und führten die gesamte Überwachung und Organisation des Gewerbes über städtische Institutionen durch. In Hamburg führte die im Rahmen der Kasernierung weitergehende Duldung von Bordellen und die Praxis der Sittenpolizei zu wiederholten Konflikten mit übergeordneten Reichsinstanzen. Die polizeilichen Vorschriften umfassten Freiheitsbeschränkungen örtlicher und zeitlicher Art. Prostituierte war das Betreten vieler Hauptverkehrs- und Geschäftsstraßen untersagt, ebenso der Besuch der bürgerlichen Freizeitinstitutionen wie Theatern, Cafe- und Ballhäusern, manchmal sogar der von öffentlichen Badeanstalten. Es war ihnen verboten in der Nähe von Schulen, Kirchen und Kasernen eine Wohnung zu nehmen, mit anderen Prostituierten zusammen, und im Parterre zu wohnen. Jeder Wechsel in eine andere Stadt musste bei der Polizei persönlich angemeldet werden. Nachts bestand für die Prostituierten ein generelles Ausgehverbot. Mancherorts bestanden weitergehende Verhaltensregelungen wie das Verbot auf der Straße stehen zu bleiben oder nicht in offenen Wagen zu fahren. Diese freiheitsbeschränkenden Maßnahmen überwogen deutlich die gesundheitlichen, die die zwangsweise Verpflichtung zu einer ein- bis zweimal wöchentlichen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten vorschrieben. Mit Beginn der Registrierung wurde eine Polizeiakte für jede Prostituierte angelegt, in der, angefangen von der Familiengeschichte und Ortswechsel, bis hin zu den Gesetzesverstößen und Krankenhausbehandlungen, alles festgeschrieben wurde.

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg (spez.: Berliner Polizeivorschriften von 1902)

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Bereits ab dem Ende des 19.Jh. gerät die Prostituierte zunehmend in das Interessengebiet der sich formierenden Kriminalpsychatrie, -psychologie, und – anthropologie. Deren Forschungsergebnisse und Gutachten zielten nicht nur auf eine Be- und Verurteilung einer Gesetzesübertretung, sondern haben die Individualität, den Charakter, den sozialen Werdegang, die „gute“ und „verdorbene“ Seele dieser Frauen zum Thema. Gleichzeitig wurde an einer neuen, informellen Kleiderordnung gestrickt, den sogenannten „objektiven“ Lebenslauf der Prostituierten. Dieser beginnt mit dem Moment der ersten Verhaftung, die die heimliche Prostitution in eine offizielle, registrierte verwandelte. Dieser polizeiliche Lebenslauf umfasste die Registratur ihrer Strafen, ihre psychische Normalität oder Abnormalität, ihre Familiengeschichte unter dem Aspekt dieser Fragestellung, ihre Aufenthalte im Gefängnis, Arbeits- oder Krankenhaus und anderen Einrichtungen. Ein wesentlicher Bestandteil setzte sich aus den Materialien der Krankengeschichte zusammen, vor allen Dingen ihrer Geschlechtskrankheiten und die Ergebnisse der regelmäßigen Zwangsuntersuchungen. Diese Datensammlung objektivierte ihre Existenz als deliquente Prostituierte, die unter diesem Vorzeichen immer als eine Kriminelle eingestuft wurde.

Der einmal registrierten Frau wurde es fast unmöglich gemacht sich eine Existenz außerhalb der Prostitution zu suchen. Der Versuch eine Arbeit zu finden scheiterte meistens daran, dass die Sittenpolizei ihre regelmäßigen Kontrollen auch am Arbeitsplatz durchführte, was dann in der Regel zu einer sofortigen Kündigung führte. Die Bedingung aus den regelmäßigen Kontrollen entlassen zu werden war der Arbeitsnachweis – und um von der Polizei unbehelligt einer Arbeit nachgehen zu können, war es notwendig von der Kontrolle befreit zu sein. Diese sittenpolizeiliche Praxis illustriert sehr deutlich warum sich der Grossteil der Frauen nicht registrieren ließ und stattdessen polizeiliche und justizielle Verfolgung in Kauf nahm. Außerdem standen die Frauen die in den Bordellen arbeiteten in der Regel in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis zum Bordellwirt, dass dem Prinzip der Schuldknechtschaft im mittelalterlichen Frauenhaus ähnlich war. Oft wurden sie über systematische Verstrickung in Schulden an das Haus gefesselt. Dies geschah über Wucherpreise für Miete und Kost und über die Besorgung von Kleidern, Schmuck und Ähnlichem, die nur als geliehen galten und abbezahlt werden mussten. In vielen Etablissements bestand der Zwang zum Alkoholkonsum zu Animierzwecken und der Wirt fungierte oft als Kontrollinstanz was die Durchsetzung der sittenpolizeilichen Vorschriften betraf.

Im Zuge der Industrialisierung stieg die Prostitution seit der Mitte des 19. Jahrhunderts enorm an. Verschiedenen Schätzungen für Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert  gehen von 100.000 bis 200.000 Prostituierten, kurz vor dem 1. Weltkrieg sogar bis zu 330.000, aus. In den Städten entstand mit der elektrischen Straßenbeleuchtung, der Errichtung der großen Kaufhäuser seit 1871, der beginnenden Massenproduktion von Konsum- und Gebrauchsgütern und der damals noch neuen Repräsentation der Waren mittels großer Schaufenster, die Atmosphäre eines ständigen, zeitlich ungebundenen und immer präsenten Marktes. Dieser Umstand, wie die zunehmende Anzahl von Vergnügungsstätten – vom aufwendigen Variete oder Operettenhaus bis zum kleinen Tingeltangel in der mit einer Bühne ausgestatteten Trinkhalle – führte zu einer Belebung des Straßenbildes, in der die heimliche Prostituierte auf der Straße nicht mehr für Jeden als solche erkennbar war. Diese Schwierigkeit zwischen den „anständigen“ Frauen und den Prostituierten zu unterscheiden, wurde dann auch zu einem zentralen Argument für eine schärfere Vorgehensweise gegen die Prostitution. (belegt für Hamburg, Köln und Dortmund). Vor allem in den großen Städten kam es zu einem bedeutenden Zuwachs an Prostituierten.

In Berlin, zwischen den Jahren 1859 und 1871, soll sich die Zahl der Prostituierten verdoppelt haben während die Bevölkerung nur etwa um die Hälfte zunahm. Im Jahr 1871 gab es in Berlin ca.15000 Prostituierte bei etwa 800 000 Einwohnern. Am Anfang des 20. Jh. wurden in Berlin bis zu 50000 Prostituierte geschätzt. Die Zahl der polizeilich registrierten und kontrollierten Frauen war wesentlich geringer: im Jahr 1869 waren 1709 Prostituierte bekannt, im Jahre 1903 waren es 3709. Für Hamburg stellten sich die Verhältnisse von kontrollierter und heimlicher Prostitution ähnlich dar wie in Berlin, obwohl hier offiziell noch Bordelle bestanden, die Prostitution also nicht wie in Berlin, eine rein Vagierende war. In Hamburg war nach Polizeiberichten die Straßenprostitution:

„…in wahrhaft exorbitanter Weise entwickelt. Kaum ist der Abend angebrochen, so wimmeln der Jungfernstieg und die Hauptstraßen der Stadt von prostituierten Dirnen … Unter 10 Mädchen, die am Abend mit einem Körbchen am Arm in den Gassen einhergehen, kann fast wohl die Hälfte als öffentlich und für Geld zu erkaufen angenommen werden. Vor allem findet man in der Nähe der Absteigerquartiere zahlreiche derartige Patrouillen. Die Wanderungen der feineren unter ihnen nehmen gewöhnlich von der Gegend des Valentinskamps ihren Ausgangspunkt und verbreiten sich von da über den Gänsemarkt, Jungfernstieg, die Königinstraße, Großen Bleichen, Poststraße, Neuen Wall, die Alsterarkaden und so zurück; die niedere Sorte derselben wählen die ärmeren, entlegeneren und dunkler beleuchteten Gegenden der Stadt als Standquartier, den Sägerplatz, Kraienkamp, die Kirchhöfe, die Fuhlentwiete, die Neustraße- und vor allem die Wälle. An einzelnen Punkten der Stadt, so ganz besonders am Sägerplatz ist es oft kaum möglich, sich des Abends vor den Zudringlichkeiten dieser Mädchen zu retten, die einem in ganzen Scharen entgegenströmen.“


(Zitat aus „Speerbezirke“, Seite: 23, Regina Schulte, 1994)

Das Spektrum der Prostitution am Beispiel Berlins

Der Berliner Schriftsteller Hans Ostwald veröffentlichte zwischen 1905 und dem ersten Weltkrieg eine Vielzahl von Büchern zum Thema Prostitution und „Unterwelt“ in seiner Schriftenreihe „Großstadtdokumente“. Einer der Autoren in dieser Schriftenreihe war Magnus Hirschfeld, der über männliche Prostitution und die homosexuelle Subkultur Berlins schrieb. In der Weimarer Republik fungierte er als Herausgeber der Werke des Zeichners Heinrich Zilles. Nach Oswalds Milieubeschreibungen spiegelte die „Halbwelt der Prostitution“ die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse wider und für jede soziale Lage und Klasse gab es ein differenziertes Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Oben auf der sozialen Stufenleiter standen in Berlin die Frauen, die als Blumenhändlerinnen der vornehmen Restaurants und die Tänzerinnen und Sängerinnen einiger Theater und vieler Varietes, die abends auf dem Boulevard „Unter den Linden“ flanierten. Dort wo die Prostitution die Reichen und Aristokraten bediente, ging sie ins Konkubinat über. „Demoiselles de plaisir, Cocottes“ waren einige der Bezeichnungen für diese Kurtisanen, elitäre Prostituierte, die ihre Liebhaber in adel- und großbürgerlichen Kreisen hatten. Die Ballhäuser, Opern, Theater und Varietés waren bevorzugte Orte der Präsentation und Selbstdarstellung dieser Frauen, wobei die Grenzen zu den Stars der Varieté- und Theaterwelt und später des Films, fließend waren. Affären mit Aristokraten und Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik sorgten für Gesprächsstoff. Diese, wie auch die wertvollen Toiletten und der Schmuck, die Bühnenkostüme und die neuesten Abendkleider gaben immer wieder Anlass für Berichte in den Zeitungen. Sie bestimmten die Modetrends ihrer Zeit maßgeblich mit.

Auf der nächsten Stufe der sozialen Gegenwelt standen die Frauen, die die Männer aus dem Geld- und Bildungsbürgertum bedienten. Sie waren in der Umgebung der Friedrichstraße mit ihren vielen Hotels, Bars und Vergnügungsetablissements lokalisiert. Sie trugen traditionsgemäß einen Hut und einen Schal, oft auch einen Regenmantel und pfiffen, wenn Männer vorbeigingen, als obszön erkennbare Melodien, überließen aber in der Regel dem Mann die Initiative zur Kontaktaufnahme. (Im 19. Jh. trug eine Prostituierte dieser Klasse in der Regel einen Schlüssel in der Hand, um anzuzeigen, dass sie ihr eigenes Zimmer hatte.) Die Preise sollen bei ca. 20 Mark gelegen haben.

Eine Begegnung durfte für den Mann nicht kompromittierend sein, dies machte vereinfachte Formen der Kontaktaufnahme nötig. Ein Blick, eine Geste oder Obszönität hatten auszureichen, um denjenigen auf sich aufmerksam zu machen, der ihren Diensten nicht abgeneigt war. Ein weiteres wichtiges Mittel zur professionellen Stilisierung war die Schminke. Kaum andere Frauen schminkten sich vor der Jahrhundertwende, für den Tag, bzw. für den Gang auf die Straße, mit Ausnahme der Theater- und Variete-Künstlerinnen, wo die Prostitution traditionell verbreitet war.

In der Region um die Leipziger Straße kostete der Geschlechtsverkehr mit einer Frau 10 Mark. Die Frauen waren nicht so gut gekleidet und weitaus offensiver in ihrer Werbung, viele waren Gelegenheitsprostituierte, die oft in der Begleitung einer älteren Kupplerin waren. Diese Abstufungen gingen weiter, bis hin zu den „bescheideneren Vergnügungsviertel“, wo die Preise zwischen 5 bis 1 Mark lagen und die Kundschaft überwiegend aus Arbeitern und Soldaten bestand.  Das Angebot der Prostitution verlief parallel zum gesamten gesellschaftlichen Spektrum. Manche Frauen verdienten bei einer einzigen Begegnung bis zu zwanzigmal mehr als andere. Das Angebot war so vielfältig; von den elementarsten  Diensten, bis hin zu den kostspieligsten, weil es eben eine breite Nachfrage von Männern aus dem gesamten sozialen Spektrum gab. Auch Schuljungen und Studenten besuchten zum Teil regelmäßig Bordelle um sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

20
Jan
10

Die soziale Rekrutierung der Prostituierten

Ein Großteil der Prostituierten rekrutierte sich aus berufstätigen Frauen der Unterschicht und sozial absteigenden Kreisen der Mittelschicht. Vor allem aus Frauen, die aufgrund des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs des traditionellen Handwerks im Zeichen der Industrialisierung vom Land oder aus dem kleinstädtischen Milieu in die Stadt abwanderten. Laut der Akten der Sittenpolizei aus den Jahren 1873/4 stammten 55% aller Prostituierten in Berlin vom Land und 22% der Frauen aus familiären Verhältnissen von Fabrikarbeitern, wiederum fast die Hälfte der Prostituierten kamen aus Handwerkerfamilien. Ähnliche Verhältnisse bestanden auch in anderen deutschen Städten, wie München und Stuttgart. Die registrierten Prostituierten in den großen Städten waren zum Großteil zugewandert. Im Jahr 1907 waren z.b. in Hamburg nur 10,8% der 408 kontrollierten Prostituierten in Hamburg geboren  Die Berufszweige aus denen sich die Prostituierten überwiegend rekrutierten, waren die der Dienstmädchen, Kellnerinnen, Verkäuferinnen, Fabrikarbeiterinnen, Näherinnen, Wäscherinnen und Plätterinnen, Kirmesangestellte, Schauspielerinnen, sowie Chor- und Ballettmädchen. Oft langte der geringe Lohn dieser Erwerbstätigkeit nicht aus um den Lebensunterhalt zu sichern, schon gar nicht wenn die Frau mehrere Personen zu versorgen hatte. So verdiente z.b. eine Näherin um 1890 in Berlin im Durchschnitt 6 Mark in der Woche, wobei sie bei geringen Ansprüchen ca. 9-10 Mark wöchentlich benötigte, um die Lebenserhaltungskosten zu decken. Viele dieser Frauen gingen neben ihrer normalen Erwerbstätigkeit der Gelegenheitsprostitution nach, um ihre Existenz zu sichern.

Die Verbreitung der Prostitution im 19.Jh. hing eng mit der Entwicklung und dem Charakter der Frauenarbeit zusammen. Für die bürgerlichen Frauen, die durch Heirat meistens finanziell abgesichert waren, folgte aus der Mechanisierung der Produktion sowie der daraus resultierenden Trennung von Arbeits- und Wohnbereich der Verlust vieler produktiver Tätigkeiten, die sie vormals im Haus und für die Familie leisteten. Die bürgerliche Familie wandelte sich von einer Produktions- in eine überwiegende Konsumtionsgemeinschaft. Die Frauen aus der Arbeiterklasse hatten im Gegensatz zu den bürgerlichen Frauen kaum freie Zeit zur Verfügung. Ihr Alltag war bestimmt durch 10-12-stündige Arbeit und zusätzliche Hausarbeit. Mit fortschreitender Industrialisierung verschärfte sich die wirtschaftliche Situation der proletarischen Frauen zunehmend, so dass viele von ihnen der Prostitution nachgingen. Für die Frauen vom Land machte die Vergütung der Arbeitskraft mit Geld für viele die Arbeit in der Stadt attraktiv, da die Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft meistens unbezahlt geleistet wurde. Töchter und Ehefrauen zählten als mithelfende Familienangehörige und die Mägde arbeiteten in der Regel gegen Naturalien und freie Logis. Die Landflucht während der Industrialisierung war eine der größten Massenbewegungen der deutschen Geschichte und erfasste im Zeitraum 1860 bis 1925 bis zu 25 Millionen Menschen. Sozial stammten die meisten Abwanderinnen aus der Unterschichten, Töchter die nicht mehr mit einer entsprechenden Mitgift ausgestattet und verheiratet werden konnten. In vielen Fällen geschah die Abwanderung auf Betreiben der Eltern. Die Töchter wurden zum außerhäuslichen Gelderwerb weggeschickt da die Söhne im elterlichen Betrieb, im Handwerk oder in der Landwirtschaft benötigt wurden.

Im Zeitraum 1855-1898 nahm der Anteil der Arbeiterinnen an den Prostituierten um die Hälfte ab, während sich der der Dienstbotinnen versiebenfachte. Den höchsten Prozentsatz an Prostituierten hatten Mitte des Jahrhunderts noch die Industriearbeiterinnen gestellt, gegen Ende des Jahrhunderts waren es die Frauen aus den dienenden Berufen. Unter den Arbeiterinnen entwickelte sich ein Klassenbewusstsein. Aus diesem neuen, gemeinsamen Bewusstsein heraus wurde Fabrikarbeit als Möglichkeit empfunden sich frei von der Hörigkeit der häuslichen Dienste zu machen. Die damit einhergehende Moral führte oft zu einer Verurteilung von den Frauen, die der Prostitution nachgingen, „sich verkauften“, obwohl in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und dadurch bedingter niedriger Löhne und Arbeitslosigkeit auch viele Arbeiterinnen in die Gelegenheitsprostitution getrieben wurden.

Zum Ende des 19.Jh. bestand ein zunehmender Dienstbotenmangel. Während die Zahl der Arbeiterinnen und Verkäuferinnen stetig zunahm, sank die Anzahl derer, die bereit waren als Dienstboten zu arbeiten, so dass sie aus ländlichen Gebieten rekrutiert wurden. In Berlin kamen jährlich 40 000 Dienstmädchen vom Land und  in Hamburg kamen vierfünftel aller Dienstmädchen aus den ländlichen Gebieten der Umgebung. Von den in Berlin geborenen Dienstmädchen waren viele Waisen und unehelich geborene Mädchen aus Heimen. Die Frauen vom Land  kamen meistens aus Gebieten mit niedrigen Lebensstandard. Der durchschnittliche Monatslohn betrug zwischen 15 und 30 Mark während die tägliche Arbeitszeit bis zu 16 Stunden betragen konnte.

Freizeit mit der Möglichkeit des Ausganges wurde den meisten Dienstmädchen in der Regel nur alle zwei Wochen am Sonntag gewährt, im Schnitt  vier Stunden. So hatten sie kaum eine Gelegenheit außerhalb des eingegrenzten Bereiches des Haushaltes Erfahrungen in der ihnen fremden großstädtischen Umgebung zu sammeln. Man beließ sie in der Verfügbarkeit ihres Arbeitsbereiches. Diese Unerfahrenheit war auch ein wesentlicher Aspekt für den möglichen Gang in die Prostitution. Bei vielen bildete eine Zufallsbekanntschaft auf der Straße, in einem Ballsaal oder Café den Einstieg, da der Herr sich später häufig als Kuppler oder Zuhälter entpuppte oder schließlich die Freundin mit einem Kind alleine ließ. Außerdem vermittelten sogenannte „Stellenvermittlungsbüros“ diese als „Dienstmädchen“ an Kabaretts und Bars weiter, wo sie dann in Wirklichkeit als Animiermädchen und Prostituierte arbeiten mussten. Diese Frauen wurden von der Sittenpolizei ebenfalls als ehemalige Dienstmädchen geführt. Die Dienstmädchen bildeten den höchsten Prozentsatz unter den unehelichen Müttern. Eine Schwangerschaft bedeutete meistens die fristlose Entlassung. So bildeten um 1900 die Dienstbotinnen in Berlin ca. ein Viertel der weiblichen Bevölkerung der Stadt, brachten aber fast  ein Drittel der unehelichen Kinder zur Welt. Von den 1531 Frauen, die sich zwischen 1908 und 1910 in Berlin als Prostituierte registrieren ließen, hatten 636 Kinder. Eine Arbeiterin hingegen, konnte im Falle einer unehelichen Mutterschaft ihre Arbeitsstelle bis kurz vor der Niederkunft behalten und hatte Ansprüche auf gesetzliche Wöchnerinnenunterstützung. Nicht nur Schwangerschaft führte zu Entlassungen. Zur Reisezeit im Sommer, wie auch vor Weihnachten, kam es aus Einsparungsgründen zu massenhaften Kündigungen. So standen zwei mal im Jahr eine große Anzahl von Dienstmädchen stellen- und mittellos auf der Straße und für viele war der einzige Ausweg aus der Obdachlosigkeit die Prostitution.

Mit der Einrichtung der großen Warenhäuser eröffnete sich den Frauen ein neues Feld der Lohnarbeit. Auf dem Gebiet, welches die Statistik unter dem Namen „Handel und Verkehr“ zusammenfasste, hatte die Frauenarbeit von 1882-1895 am stärksten zugenommen, nämlich um 94%. Das Berufsbild der modernen Verkäuferin war bei jungen Frauen, trotz niedriger Löhne und langer Arbeitszeiten, beliebt, da ihm ein weitaus höheres Sozialprestige zukam als der Fabrikarbeit. Die Versprechungen der Warenwelt und ihrer Werbung übten eine starke Anziehungskraft auf die jungen Frauen aus. Das Durchschnittseinkommen einer Berliner Verkäuferin wurde Ende des Jahrhunderts vom „kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte“ auf 58 Mark, in anderen großen Städten Deutschlands, auf nur 27-47 Mark monatlich geschätzt. Die Frauen mussten einen nicht unwesentlichen Teil ihres Gehaltes für ihr Aussehen und ihre Kleidung verwenden, da sie als Angestellte der Kaufhäusern diese repräsentativ zu vertreten hatten. Außerdem stiegen ihre eigenen Ansprüche durch den fortgesetzten Verkehr mit den wohlhabenderen Kreisen, die zur ständigen Kundschaft gehörten, so dass der Lohn bei vielen nicht ausreichte. Für einen Teil von ihnen bot die Prostitution, die sich in der Anfangszeit häufig aus einem Kontakt während ihrer Arbeitszeit als Verkäuferin ergeben hatte, eine Möglichkeit, ihre Ansprüche auf einen höheren Lebensstandard zu verwirklichen.

Der große Anteil von Kellnerinnen an der Prostitution erklärt sich aus der traditionellen Nähe von Animierlokalen zur Prostitution. Im Süden Deutschlands war die Kellnerin als ausgebildeter Frauenberuf anerkannt, aber in Berlin und Hamburg wurden sie fast nur zu Animierzwecken eingestellt. Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895 gab es 37.121 Kellnerinnen, von denen knapp 80% ein Bargehalt erhielten, das durch Kost und Logis im Haus des Wirtes ergänzt wurde. Die Hälfte der Frauen die Lohn erhielten, mussten mit einem Einkommen von 10-30 Mark auskommen. Die Kellnerinnen waren im deutschen Kaiserreich aufgrund der niedrigen Löhne überwiegend von Trinkgeldern abhängig und in den Cafes, Varietes und Tingel-Tangel wurde von den Bühnenkünstlerinnen und dem weiblichen Personal geradezu erwartet, dass sie sich den Großteil ihres Einkommens durch Prostitution verdienten.

Bereits vor der Jahrhundertwende waren in den großen Städten eine Vielzahl von Varietés, Kabaretts und Theaterbühnen entstanden und ein Teil der gehobenen Prostituierten rekrutierte sich aus dem Bereich der dort tätigen Künstlerinnen. Die Schauspielerin gehörte im abendländischen Spätmittelalter zu den Geächteten und die Kirche verweigerte ihr ebenso wie der Prostituierten die Sakramente und den Friedhof.  Erst im Laufe des 19.Jh., mit dem veränderten  Selbstverständnis der dramatischen Kunst, gelang es den Beruf der Schauspielerin zu verbürgerlichen und den Schauspielerstand zu emanzipieren. Die Gagen von denen selbst Schauspielerinnen an besseren Bühnen lebten, waren niedrig, außerdem stellten sie meistens nur das Saisoneinkommen dar, von denen die Frauen das ganze Jahr über zu leben hatten. An fast allen Bühnen Deutschlands hatten sie ihre Ausstattung und die Kostüme aus eigener Tasche zahlen – und das zu einer Zeit (ab 1870) wo in den Theatern und Opernhäusern ein extremer Luxus in der Ausstattung auf den Bühnen herrschte. Allerdings hatte die sogenannte Prostitution der Schauspielerinnen einen anderen Charakter als die der Arbeiterinnen und Dienstmädchen. Viele begannen ihre Karriere in den Betten von Theaterdirektoren, Regisseuren und Kritikern und sie hatten oft länger andauernde Verhältnisse die sich nicht nur auf sexuelle Beziehungen beschränkten und ihnen den Status einer Mätresse gaben. Sie waren in der Gesellschaft nicht eindeutig der Verachtung preisgegeben wie die einfache Prostituierte. Die Theaterwelt galt als anrüchig, faszinierte das Bürgertum aber auch, das in weiten Kreisen die Berührung mit der Bühnenwelt suchte. – Frauen die nicht an einer großen Bühne engagiert wurden blieb oft nichts anderes übrig, als ihren Unterhalt bei einem der vielen Varietes, Kabaretts und Tanzbühnen zu verdienen, wo – je nach Etablissement – die Grenzen zur weitergehenden Animation und Prostitution fließender waren. Unter dem Banner des Tanzes wurde für jedes Publikum entsprechende Vergnügungen angeboten. Da gab es „Witwenbälle“, “Bälle für die „reifere Jugend“ und “Strandfeste“, welche Orte des Tanzvergnügens und der Prostitution waren.

Die Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen in Deutschland

Die Sittlichkeitsvereine, die überwiegend mittelständische Protestanten (insbesondere viele Volksschullehrer) angehörten, bildeten eine rechtsgerichtete außerparlamentarische Interessengruppe, die am Ende des 19. Jh. an Bedeutung gewann. Sie waren entschiedene Gegner des staatlichen Bordellwesens. Ihr Anführer,  Pastor Ludwig Weber, sah in der Prostitution die Gefahr der sozialen Unordnung. Die damit einhergehende Unmoral, die Zerstörung der Familie, der Wachstum des städtischen Proletariats, wie auch die sexuelle Emanzipation stellten aus dieser Weltsicht heraus, wichtige Punkte der allgemeinen Bedrohung der Gesellschaft dar. Im gleichem Jahr wie der „Allgemeine Kongress der Deutschen Sittlichkeitsvereine“ – 1888, wurde auch der „Verein Jugendschutz“ in Berlin gegründet. Die Vorsitzende war eine Frau – und dieser Verein bildete sozusagen das weibliche Gegenstück zu den patriarchalen Sittlichkeitsvereinen, wo Frauen in der Regel ausgeschlossen waren. Sie forderten die Abschaffung der staatlich regulierten Bordelle und die Einsperrung aller Prostituierte bei einer Haft von 1- 3 Jahren. Außerdem setzten sie sich für präventive Maßnamen wie die Gründung von Heimen und Vereinen für weibliche Hausangestellte ein. Dieser Verein war in seiner Haltung zwar erzreaktionär, zeigte aber auch eine feministische Tendenz, da er auf dem Recht bestand, dass bürgerliche Frauen in der Öffentlichkeit auftreten und über sexuelle Themen diskutieren konnten. In Opposition zu dieser Haltung standen die sogenannten „neuen Frauenrechtlerinnen“, die gegen Ende der 90er Jahre in Erscheinung traten. Sie waren teilweise Anhängerinnen der Britin Josephine Butler, die in den 90er Jahren eine erfolgreiche Kampagne gegen die Reglementierung in England geführt hatte.

Josephine Butler war eine der namhaften Wortführerinnen der englischen Protestbewegung, die sich u.a. aus Frauenverbänden zusammensetzte, die gegen den 1864 erlassenen „Contagious Diseases Act“ protestierten. Dieser war verabschiedet worden um mit dem Mittel der Zwangsuntersuchung und Zwangsbehandlung von Prostituierten der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten entgegen zuwirken. In diesem Gesetz trat deutlich die viktorianische Doppelmoral zutage, die den Männern das Recht auf Promiskuität gegen Bezahlung einräumte, die Frauen aber den entwürdigenden Kontrollen der Sittenpolizei auslieferte. Josephine Butler, die Prostitution mit weiblicher Sklaverei gleichsetzte, nun aber als eine frühe Verfechterin eines Feminismus, der sich für die Rechte der Prostituierten einsetzte, zu sehen, ist ein Trugschluss. Diese Protestbewegung war durchzogen von einem religiösen Fundamentalismus, der seine wesentliche Aufgabe in einem Kampf gegen die Lockerung der Sexualmoral und der prosperierenden Vergnügungsindustrie sah.

Die neu entstandene Vergnügungskultur gehörte zu den Feindbildern der Sittlichkeitsbewegung, mit der zeittypischen Polemik gegen die Varietes, Kinos, Kneipen und Kabaretts ging die Botschaft einher, dass junge Frauen, die alleine in die Stadt zogen dem Risiko des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt waren, solange sie nicht mehr oder noch nicht unter dem Schutz des Vaters oder Ehemanns standen. Josephine Butler war u.a. auch an der Medienkampagne gegen die „White Slavery“ beteiligt. Sie stellte für den Journalisten William Stead den Kontakt zu einer ehemaligen Prostituierten her, die ihrerseits Stead mit einer der Hauptprotagonistinnen der 1885 publizierten Skandalgeschichte bekannt machte – der 13-jährigen Eliza Armstrong. Die durch den Skandal entstandene öffentliche Aufmerksamkeit um den vermeintlichen „internationalen Mädchenhandel“ verschaffte den Frauenverbänden um Josephine Butler eine große, wenn nicht sogar entscheidende Anerkennung.

Jazbinsek, Dietmar,  „Der internationale Mädchenhandel – Biographie eines sozialen Problems“, Schriftenreihe der Forschungsgruppe Metropolenforschung am Wirtschaftszentrum  Berlin für Sozialforschung, 2002

1898 als die Debatte über den „ Lex Heinze“ ihren Höhepunkt hatte, wurde die deutsche Sektion der Abolitionistinnen gegründet. Sie betrachteten die Prostituierten als Opfer und gingen davon aus, dass mit der Abschaffung des Bordellsystems und einen entschiedenen Kampf gegen die Doppelmoral, Frauen nicht mehr länger gezwungen wären sich in der Prostitution zu verdingen. Außerdem setzten sie sich – als eine vorbeugende Maßnahme gegen Geschlechtskrankheiten – für einen allgemeingültigen Maßstab sexueller Enthaltsamkeit ein. Frauen die von Polizei als „der gewerblichen Unzucht nachgehend“ verdächtig aufgegriffen wurden, konnten auf Geschlechtskrankheiten zwangsuntersucht werden, so dass auch Frauen jenseits des Prostitutionsgewerbes Bekanntschaft mit dieser entwürdigenden  Behandlung machten. Die Abschaffung des Paragraphen § 361 StGB, der diese Vorgehensweise ermöglichte, wurde eine der zentralen Forderungen der Frauenbewegung hinsichtlich der „Prostitutionsfrage“. Die Gräfin Gertrud Guillaume-Schalk mit dem „Deutschen Kulturbund“ und die „Internationale Abolitionistische Föderation“ waren in dieser Hinsicht aktiv, sie hatten auf parlamentarischer Ebene allerdings keinen  Erfolg. Bereits im Jahr 1905, dem Erscheinungsjahr der „Tagebuch einer Verlorenen“, begann sich das politische Klima  über die öffentliche Debatte zum Thema Prostitution zu verändern.

Im Jahr 1905 wurde in Deutschland von der Schriftstellerin Magarethe Böhme das „Tagebuch einer Verlorenen“ veröffentlicht. Diese Tagebuchaufzeichnungen beschrieben scheinbar autographisch den Lebensweg einer Frau aus bürgerlichen Verhältnissen, die mit ihrer Familie bricht und in Hamburg eine Luxuskurtisane der Oberschicht wird, – bis sie dann als lebensmüde Hure an Tuberkulose stirbt. Dieses Tagebuch war in Wirklichkeit ein Roman der Autorin Böhme, die es in dieser Zeit als zu unsicher empfand es als ihr eigenes Werk auszugeben. Es  löste im sittenstrengen, wilhelminischen Deutschland öffentliche Debatten zu diesem Thema aus. In der Weimarer Republik wurde das „Tagebuch“ unter der Regie von G.W. Pabst mit Louise Brooks in der Hauptrolle verfilmt. Die Lizenz die der Film im August 1929 für den kommerziellen Verleih erhielt, wurde allerdings schon im Dezember gleichen Jahres von der Filmprüfstelle Berlin wiederrufen, da es zu massiven Protesten seitens kirchlicher Organisationen und Frauenvereinen gekommen war.

Die feministische Bewegung, bzw. deren radikaler Flügel um die Person der Sexualreformerin Helene Stöcker nahmen immer mehr eine liberale Haltung zum Thema Sexualität ein. 1908 initiierten sie eine Kampagne für die Abschaffung des Paragraphen 218 und für die Legalisierung der Abtreibung, sowie zur Anerkennung gleicher Rechte für unverheirateter Mütter – und das Frauen ebenso wie Männer ein Recht auf sexuelle Erfüllung haben. Vielen damaligen Frauenrechtlerinnen gingen diese Positionen allerdings zu weit – so wurde bei der Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine (1908) der Versuch, die Kampagne gegen den 218§ zur allgemeinen Forderung aller Frauenvereine zu erheben, abgewiesen- und die radikalen Feministinnen wurden im Laufe der nächsten Jahre innerhalb der Bewegung immer mehr an den Rand gedrängt.

Unter dem wachsenden Einfluss des wissenschaftlichen Diskurses über Fragen der Eugenik und des Sozialdarwinismus auf die politische Kultur, kam es auch bei den Abolitionistinnen zu einer Umorientierung. Sie begannen sich ab 1910 für eine Art „Neo-Reglementarismus“ einzusetzen, der dem Standpunkt der Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten (gegründet 1902) nahe kam. Sie kämpften nicht mehr für die Abschaffung der Polizeiregulation im Namen der sexuellen Gleichheit, sondern für die Einführung von Gefängnisstrafen für jeden, der wissentlich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit infiziert war und trotzdem Geschlechtsverkehr hatte. Dies implizierte eine stärkere Polizeikontrolle der Prostitution. Mit diesen Forderungen entfernten sich die deutschen Abolitionistinnen immer mehr von Geschlechtsgenossinnen in den anderen europäischen Ländern.

Eine tragende Kraft der Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen stellte die Sozialdemokratie dar, in der ein Großteil der Arbeiterschaft organisiert war und die sich auch zunehmend für frauenrechtlerische Positionen öffnete. Die Sozialdemokraten definierte die Prostitution vereinfacht, wie auch im kommunistischen Manifest, als eine besondere Form gesellschaftlicher Ausbeutung bei der das Proletariat das Angebot stellte und die Nachfrage von der Bourgeoisie bestimmt wurde. Das Bordellwesen wurde oft zum Anlass genommen um im Reichstag die Ursachen der Prostitution und die damit verbundene Politik der Ausbeutung und die herrschende Doppelmoral zu thematisieren.

Die Gesetzgebung in der Weimarer Republik

Nach dem 1. Weltkrieg und den stattgefundenen politischen Umwälzungen erlangte die SPD großen Einfluss in  Landesparlamenten und Regierung. Zum ersten Mal wurden Frauen als offizielle politische Vertreter ins Parlament und in die Bürgerschaften gewählt. Damit gewannen diejenigen politischen Kreise an Einfluss, die jahrelang das Bordellsystem entschieden bekämpft hatten. Mit der Etablierung der Weimarer Republik forderte 1921 der Reichstag alle im Deutschen Reich noch bestehenden Bordelle zu schließen und die Kasernierung zu beenden. In Städten wie Hamburg, in denen Bordelle in großer Anzahl existierten, kam es mit der Schließung zu einer weitgehenden Verschlechterung des Straßenbildes, da die vormals bordellierten Frauen ihr Gewerbe nun von der Straße ausgehend betrieben.

Im Oktober 1927 trat das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Kraft, mit dem die gewerbsmäßige Prostitution straffrei wurde. Ausgenommen waren Orte in der Nähe von Schulen und Kirchen, sowie Wohnungen in denen Kinder zwischen 3-18 Jahren lebten. Mit diesem Gesetz hatte sich der Schwerpunkt der Bekämpfung der Prostitution von der sittenpolizeilichen auf eine gesundheitliche Kontrolle  mit sozial-fürsorgerischer Betreuung verlagert. Die Kuppeleiparagraphen §180 und §181 StGB blieben im Inhalt gleich, demnach war der Unterhalt eines Bordells oder bordellartigen Betriebes strafbar. Mit diesem Gesetz waren alle Männer, wie Frauen verpflichtet sich beim Vorliegen einer Geschlechtskrankheit behandeln zu lassen. Prostituierte mussten sich weiterhin einer regelmäßigen Gesundheitskontrolle unterziehen, die nicht mehr unter der Aufsicht der Sittenpolizei, sondern unter der Gesundheitsbehörde stand. Die Gesundheitsbehörde konnte nach der neuen Gesetzeslage von allen Personen, die verdächtigt wurden geschlechtskrank zu sein und diese weiterzuverbreiten, die Vorlage eines Gesundheitszeugnisses verlangen.

Während in den Akten der Sittenpolizei nur die Frauen auftauchten, die der gewerbsmäßigen Prostitution nachgingen oder dessen verdächtigt wurden, führte die Gesundheitsbehörde weitergehend Listen über sämtliche bekannten Personen mit „häufig wechselnden Geschlechtsverkehr (hwG)“. Diese Datenerhebungen standen bereits in der Weimarer Republik teilweise unter dem Einfluss der eugenischen und sozialdarwinistischen Diskussionen um Fragen der Kriminalität zu denen die Prostitution als Teilgebiet zugerechnet wurde. Während Mitte des 19. Jh. von Ave`-Lallement die kriminelle Unterwelt als ein Produkt rassischer  Einflüsse dargestellt wurde, werden später diese Einflüsse nicht nur bei Juden und Zigeunern, sondern unter dem Postulat der „Rassenhygiene“ verallgemeinernd bei „schädlichen Erbfaktoren“ gesucht. Die Sozialforscher und Kriminalanthropologen dieser Zeit machten sich daran, genau diese Faktoren bei Kriminellen, Prostituierten, bzw. bei der gesamten Unterschicht zu diagnostizieren und zu bestimmen. Das juristische Modell von Kriminalität machte immer stärker einem medizinischen und eugenischen Modell Platz.

(Das Thema Prostitution und Faschismus erscheint (wenn auch kurz) im Kapitel St. Pauli, welches sich ausführlich mit der Geschichte der Prostitution im Hamburger Raum beschäftigt.

. Bebel, August, 1919, „Die Frau und der Sozialismus“, Dietz , Stuttgart
. Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
. Flexner, Abraham, 1969, „Prostitution in Europe“,Repr. [d. Ausg.] 1914, Smith,  Montclair/New Jersey
. Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der .Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster
. Holter, Ute (Hg)   1994, „Bezahlt, geliebt , verstoßen- Prostitution und andere Sonderformen institutionalisierter Sexualität in verschiedenen Kulturen“, Holos Verlag , Bonn
. Konieczka, Vera, 1980, „Prostitution im 19. Jahrhundert“, R.G. Fischer,  Frankfurt/Main, Tübingen
. Ochain Brygida, 1998, „Varietetänzerinnen um 1900“, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/ Basel
. Pappritz, Anna (Hg.), 1919, „Einführung in das Studium der Prostitutionsfrage“, Barth , Leipzig
. Richebächer Sabine, 1982, „Uns fehlt nur eine Kleinigkeit. –  Deutsche proletarische Frauenbewegung 1890-1914“
Fischer-Taschenbuch-Verlag , Frankfurt/Main
. Schär Christian, 1991, „Der Schlager und seine Tänze in Deutschland der 20er Jahre“, Chronos Verlag, Zürich
. Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg
. Stursberg, Hermann, 1886 „Die Prostitution in Deutschland und ihre Bekämpfung“, Verl. d. Rheinisch-Westfälischen Gefängnis-Gesellschaft,  Düsseldorf
. Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg