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Feb
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Die Entwicklung des Rotlichtmilieus und des Unterhaltungsgewerbes St. Paulis

Die Entwicklung des Rotlichtmilieus und des Unterhaltungsgewerbes St. Paulis im Verhältnis der politischen und städtebaulichen Rahmenbedingungen

Inhalt

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Preface
Die Entwicklung von Hamburg,  Altona und der Vorstadt St. Pauli – Ein kurzer historischer Abriss-
Hamburg
Altona
St. Pauli

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Das Unterhaltungsgewerbe in St. Pauli und der Alt- und Neustadt
Die Aufhebung der Torsperre – Singspielhallen und Tanzlokale
Der Hamburger Dom, Tingeltangel und Variete
Massenunterhaltung in festen Häusern – Der Spielbudenplatz und die Große Freiheit
Eine neue Theaterlandschaft
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Verschiedene Obrigkeiten – verschiedene Rechts- und Handelssysteme
Warenschmuggel und Zensur
Kneipen, Kaschemen und Pennen – Die Grenzregion zwischen Hamburg und Altona
Politische Instabilität und politische Radikalisierung nach dem 1. Weltkrieg
Bürgermilitär, Gassenoffizianten und Nachtwächter – Die Entstehung eines modernen Polizeiwesens
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Stadtentwicklung und „soziale Fremdkörper“
Hamburgs Eingliederung in den preußischen Nationalstaat und die Entstehung
einer Gewerkschaftsorganisation
Das Konzept der Citybildung und die Zerstörung der Gängeviertel
Das Gängeviertel
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Das Prostitutionsgewerbe in Hamburg und St. Pauli
Mamsellenhäuser, Freudenhäuser und Bordelle – Alte Prostitutionsquartiere Hamburgs und St. Paulis
Bordellwirte und Verschickefrauen
Reglementierte und heimliche Prostitution
Mädchenhandel – Kampagnen und Wirklichkeit
Die Einschränkung des Hamburger Bordellwesens unter preußischer Einflussnahme
Die Prostitution in St. Pauli – Tanzlokale und „stille Wirtschaften“
Schlaf- und Heuerbasen in der Heinrichstraße (Herbertstr.)
Zuhälter und Ringvereine
Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung und das Prostitutionswesen
Schließung der Bordelle
Hamburg und St. Pauli unter faschistischer Herrschaft
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Der Mythos St. Pauli – Erinnerung und Gegenwart
Hamburg und St. Pauli nach `45 bis in die 50er
Das Prostitutionsgewerbe und das Rotlichtmilieu seit der Nachkriegszeit
Die 60er Jahre – Musikclubs, Liberalisierung und die „St. Paul-Nachrichten“
Das Sexbusiness  in St. Pauli 1968
Die „Große Freiheit“ – Kabaretts und Transvestiten
Die 80er  Jahre  – ein Stadtteil im Umbruch
Musikclubs und „Kulturmeile“
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Die Prostitution im Hamburger Raum

Zuhälter und organisierte Kriminalität
Straßenstrich, Modellwohnungen und Bordelle
Migrantinnen im Prostitutionsgewerbe
Hamburger Initiativen und Organisationen
Im Detail: Sexuelles Entertainment auf St. Pauli

10
Feb
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Der Mythos St. Pauli – Erinnerung und Gegenwart

„Wo sind die Singspielhallen? Wo die Vergnügungspaläste, die lustigen Schießstände, die unverfälschten Kneipen in den Seitenstraßen, die lebensgefährlichen, dürftig beleuchteten Straßenecken, wo aus finsteren Hausfluren plötzlich ein Mensch mit vorgehaltenem Revolver auftauchte? Im Film mag es dergleichen noch geben, wie es für die Lichtbildindustrie noch immer die malerischen Montmatre-Keller, für den Feuilletonismus noch immer die großmütigen, hitzigen und überaus farbig bekleideten Pariser Apachen gibt. – Die Tatsachen sehen ein wenig anders aus. (…)  Das alte St. Pauli, das St. Pauli von vorgestern, stirbt völlig aus, das neue St. Pauli, das amerikanisierte, pariserisch durchblutete St. Pauli, St. Pauli von übermorgen, gewinnt von Tag zu Tag an Boden. Eine der seltsamen Kneipen nach der anderen, wie das eigenartige „Museum“ mit hängenden Fischen, dem Embryo eines Urmenschen in Spiritus und tausendfachen echten und imitierten Dingen aus allen Herren Ländern, die fabelhaft mit Stimmung geladenen Negerkneipen, die Treffpunkte der ansässigen „Ganoven“, wie der berüchtigte Fuchsbau, alle diese werden entweder von einer modernisierten Betriebsamkeit mit  Stumpf und Stiel verschlungen, oder für die Bädeckerreise auffrisiert. Die Straßenbeleuchtung wird besser, jagende Autos schießen über den Hamburger “Boulevard de Montparnasse“ , schlicht bürgerliche Bierrestaurants, gemütliche Kaffeehäuser, hie und da eine nette Winkneipe mit undenkbar niedrigen Preisen, Oberbayernrummel, Kinopaläste, stimmungsgeladene Ballhäuser, noch ein Hippodrom, aber auch schon modernisiert –  so sieht heute die Reeperbahn aus.“

Quelle: Hamburgischer Correspondent Nr. 445Mo, 3.Beilage, Seite 1 / 26.9.1926  „Das sterbende St. Pauli“

Hamburg und St. Pauli nach 45 bis in die 50er

Bei Kriegsende offenbarte sich die Bilanz des totalitären Naziregimes: Die Zahl der in Hamburg lebenden Juden sank von ca. 22.000 Mitte der Zwanziger Jahre auf etwa 700 bei der Befreiung 1945.  Man geht davon aus, dass ca.10.000 Hamburger Juden durch Auswanderung entkamen.

Ehemalige jüdische Unternehmen die „arisiert“ wurden:    Modehaus Hirschfeld (Neuer Wall, bis 1938, danach „Fahning“), Modehaus Robinsohn (Neuer Wall), Kaufhaus Tietz (Jungfernstieg, später Alsterhaus), Optikgeschäft Champbell (Jungfernstieg), Bankhaus Warburg, Bucky-Kaufhaus (Eimsbüttler Chaussee), Kaufhaus Schäfer (Bergedorf). – Die Aufzählung ist ganz gewiss nicht vollständig.

Im KZ Neuengamme fanden zwischen 1938-1945 etwa 55.000 Menschen den Tod. Bei Kriegsende war Hamburg eine der am stärksten zerstörten Städte Deutschlands, die Hälfte des Wohnraums war vernichtet, nur 20 % blieben unbeschädigt. Der Hafen, der Motor der Hamburger Wirtschaft,  war zu 80 % zerstört, es fand weder Import- noch Exporthandel statt, und den Werften war der Schiffbau bis 1951 untersagt.

Durch  Zuwanderung stieg Hamburgs Bevölkerungszahl von 1945 bis Ende 1947 um 500.000 auf 1,5 Millionen. 1948 lebten rund 200.000 Menschen in Notunterkünften, viele davon in Nissenhütten aus Wellblech. (In den 1950er Jahren galt Hamburg als „Hauptstadt der Vertriebenen“, noch 1954 lebten 275.000 Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten in Hamburg.) Wer nur auf die Lebensmittelkarten angewiesen war, existierte von den amtlichen Rationen. Das waren 1945 knapp 1200 Kalorien pro Tag. Im Winter 1945/6 standen Brennmaterialien zum Heizen nicht zur Verfügung. Die Strom- und Gasversorgung wurde stark rationiert. Die Menschen begannen  sich Brennmaterial auf Vorrat zu besorgen – durch Plündern von Kohlenzügen und Abholzen in den Wäldern und an den Straßen. Zentren des Schwarzhandels waren der Großneumarkt, der Goldbekplatz und der Hansaplatz in St. Georg. Insbesonders auf St. Pauli, auf der Reeperbahn, vor allem der Talstraße bis hin zum Pferdemarkt, entwickelte sich bereits 1944 einer der größten Straßenschwarzmärkte Hamburgs. Dort konnten alle Lebensmittel und andere Waren, die sonst nirgendwo zu bekommen waren, erworben werden. Zwischen den Bordellen und den Absteigen bestanden Verbindungen zum Schwarzmarkt, insofern, dass sich dieser teilweise in die Bordelle verlagerte und die Prostituierten ihrerseits auf dem Straßenmarkt tätig waren. So war es üblich, dass bis zur Währungsreform in den Bordellen zu Schwarzmarktpreisen abgerechnet wurde. Ein wesentlicher Teil der Geschäfte wurde im Tausch oder gegen Tabakwährung abgewickelt. Eine Zigarette, der sogenannte „Ami“ hatte  einen Gegenwert von 6 bis 20 RM. Der Bruttoverdienst eines männlichen Arbeiters betrug 1946  42 RM wöchentlich. Ein Kilo Butter konnte auf dem Schwarzmarkt bis zu 500 RM kosten, ein Dreipfundbrot 20 RM, ein Pfund weißer Zucker 80 RM und ein Pfund Fleisch 60RM. Immer wieder riegelten britische Militärpolizei und deutsche Schutzpolizei bei Razzien ganze Straßenzüge ab,(allein im März 1946 wurden 150 Razzien durchgeführt) ohne den schwarze Markt nennenswert eindämmen zu können. Erst die Währungsreform von 1948, mit der die D-Mark eingeführt wurde, leitete den Niedergang des Schwarzhandels ein. Über Nacht stand ein umfangreiches Angebot von Waren, die bis dahin gehortet worden waren, in den Regalen.

Die Militärregierung genehmigte bereits 1945 die Gründung von Gewerkschaften und die Bildung von vier politischen Parteien. Es entstanden die SPD, die FDP, die CDU und die KPD. 1946 finden in Hamburg die ersten freien Parlamentswahlen seit 1932 statt: Aus ihnen geht die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) als Sieger hervor; neuer Erster Bürgermeister wird Max Brauer. 1952 wird die bis heute gültige Verfassung Hamburgs beschlossen, das seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949) ein selbständiges deutsches Bundesland ist. 1952 wurde der 100.000. Wohnungs-Neubau eingeweiht und Hamburg entwickelte sich mit dem Wiederaufbau  neben der traditionellen Rolle als Hafen- und Handelsstadt, auch zu einem Medienstandort. Wichtige Verlagshäuser ließen sich in Hamburg nieder : der Alex-Springer-Verlag, und der Heinrich Bauer-Verlag. Das Magazin „Der Spiegel“ war seit 1952 in Hamburg ansässig, das Wochenmagazin „Die Zeit“ hatte seit 1946 eine Lizenz, ebenso die Illustrierte „Stern“. Außerdem wird Hamburg zum Hauptsitz des NDR und zu einer Dependance der Schallplattenindustrie und erhält mit dem Studio Hamburg eine wichtige Filmproduktionsstätte.

1965 entstand das Verlagshaus „Gruner&Jahr“ aus einem Zusammenschluss der Verleger John Jahr („Brigitte“, „Capital“) und Gerd Bucerius („Die Zeit“, „Stern“) mit dem Druck- und Verlagshaus von Richard Gruner. Seit 1976 hält die Bertelsmann AG über 70% der Anteile.

Für die damalige Stadtplanung stellten die Kriegszerstörungen der Operation „Gomorra“ von 1943 die entscheidende Zäsur dar.  Der Generalbebauungsplan von 1947, wie auch die Aufbaupläne von 1950 und 1960 sahen keine grundlegende Rekonstruierung der historischen Stadtstruktur vor, sondern richteten sich nach städtebaulichen Leitbildern, die im Funktionalismus und in der Moderne verhaftet waren und die großflächigen Abriss und  die Auflösung der vorhandenen Bau- und Raumstruktur bedeuteten. Die Stadtplanung nahm die Grundzüge der Bebauungspläne von 1941 und 1944 auf. Deren Zielvorgabe war eine aufgelockerte funktionale Stadt mit geringerer Wohndichte und vielen Grünanlagen. Zu Beginn der 50er Jahre hatten in der Innenstadt noch knapp 25.000 Einwohner gelebt. 1964 hatte sich diese Zahl annähernd halbiert. Wohnungen waren in Büroraum umgewandelt und Schulen geschlossen worden. Anfangs der 1950er Jahre wurde die seit 1940 geplante Ost-West-Straße durch die ehemalige Kernstruktur der Altstadt gelegt und beim Wohnungsbau in Hamburg  galt die Praxis, das alle Gebäude, die vor 1918 gebaut worden waren, prinzipiell zum Abriss freigegeben waren. Während Wohnanlagen aus der Weimarer Republik wiederaufgebaut wurden, riss man Gebäude aus dem 19. Jahrhundert massenhaft ab oder machte keine Anstalten sie zu erhalten.

Am Elbufer zwischen den Landungsbrücken und Altona sahen die nationalsozialistischen Pläne, entwickelt vom Architekten Konstanty Gutschow, den Abriss sämtlicher Altbauten vor um an dessen Stelle ein monumentales Gauzentrum mit einer 250m hohen Skyline und einer Versammlungshalle für 50.000 Menschen zu errichten. Diese Planungen wurden 1942 wegen der Kriegsereignisse abgebrochen. Im Zuge der Vorplanung zu Gutschows Elbufergestaltung wurde der Grund und Boden im entsprechenden Gebiet von der Stadt aufgekauft. Auch wenn das Projekt nicht realisiert wurde, waren die neuen Besitzverhältnisse prägend für die spätere Entwicklung. Der zugrundeliegenden Idee, soziale Brennpunkte durch Abriss und Neubebauung aufzulösen, bzw. zu entschärfen, wurde weiterhin nachgegangen, was sogar noch die Sanierungspolitik der 70er- und 80er Jahre deutlich dokumentiert. Um für die City-Bebauung freie Hand zu haben, erklärte die Stadt weite Flächen in der Stadt zu „Untersuchungsgebieten“, in denen zu prüfen sei wie sie in Zukunft genutzt werden sollen. Solange keine Ergebnisse zustande kamen, bestand „Planungsunsicherheit“. Ein Umstand der viele Hausbesitzer davon abhielt in die Häuser zu investieren um notwendige Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. So wurde der Abriss ganzer Quartiere vorbereitet, dessen Häuser dann für „unbewohnbar“ erklärt werden konnten. Fast ganz St. Pauli war eines dieser „Untersuchungsgebiete“.

St. Pauli und Teile von Altona Altstadt blieben von den Zerstörungen des 2. Weltkrieges weitgehend verschont, aber das dicht besiedelte Grenzgebiet zu Sankt Pauli zwischen Nobistor und Allee, Holsten- und Große Elbstraße und der angrenzenden Altonaer Altstadt war nach dem Krieg ein großflächiges Ruinenfeld. Das Quartier, das bereits der Obrigkeit in der Weimarer Zeit wegen seiner politisch wie sozial kaum kontrollierbaren Bevölkerungsmischung ein Dorn im Auge war, wurde nach Kriegsende nicht wieder aufgebaut. St. Pauli hat die Bombardements des 2. Weltkrieges relativ gut überstanden, hat aber weder an die Operetten- und Theaterkultur, die bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme bestand, noch an die Varietekultur der 20er Jahre, wieder anknüpfen können. Der Kultur von Tanz, Gesang und Striptease war unter den Sittenwächtern der 50er Jahre kein öffentlicher Raum gegeben und verschwand im Dunstkreis von überteuerten Preisen und  Nepp in den Hinterzimmern.

Die Staatsoper die trotz Kriegsschäden ihren Spielbetrieb bereits 1946 eröffnete, das Schauspielhaus, das Thaliatheater und die Konzerte in der Musikhalle dominierten die Hamburger Kulturlandschaft in den 50er Jahren. Daneben gab es die Kammerspiele (1945 von Ida Ehre eröffnet), das Junge Theater (1951) das seinen Sitz an der Neuen Rabenstraße hatte und 1957 nach Barmbek umzog (seit 1973 Ernst Deutsch Theater), das Theater im Zimmer (1948), das Altonaer Theater und das theater 53 das bis 1958 seinen Sitz in einem der Flakbunker auf dem Heiligengeistfeld hatte.

Viele Gebäude am Spielbudenplatz waren ein Opfer der Bomben, die Tanzbetriebe und Theater entlang der Reeperbahn vom Zirkusweg bis zur Großen Freiheit waren größtenteils zerstört. Einzig das St.Pauli Theater blieb praktisch unbeschadet, dort wurde im August `45 das Stück „Zitronenjette“ aufgeführt, über eine schlagfertige Zitronenverkäuferin in den Kneipen des Hafens, die bereits 1940, während des Nationalsozialismus, eine populäre Theaterprotagonistin war. Im Juli 1945 erhielten 10 Hamburger Kinos eine Betriebsgenehmigung und ab Dezember 1945 waren bereits 5 Tanzlokale und Kabaretts auf St. Pauli wieder geöffnet, darunter die „Jungmühle“ und das „Hippodrom“ in der Großen Freiheit. Der erste Dom fand 1946 auf dem Spielbudenplatz statt. Das Operettenhaus und der Trichter wurden in funktionaler Architektur wiederaufgebaut. Das Operettenhaus eröffnete 1953. Der Trichter wurde bis 1958 betrieben, dann entstand an dessen Stelle ein Bowlingcenter.

Ab Oktober `45 war der Film „Die Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers in der Hauptrolle in Hamburg zu sehen. Der Film war das Ereignis. Die Menschen standen in langen Schlangen vor den wenigen, geöffneten Kinos. Karten, die regulär 3 RM kosteten, wurden von Schwarzmarkthändlern für bis zu 300RM gehandelt. „Die Große Freiheit Nr. 7“ vom Regisseur Helmut Käutner, 1943 gedreht, war zu dieser Zeit einer der ersten deutschen Farbfilme und galt den Nationalsozialisten als offizielles Prestigeprojekt. Ein Großteil des Films wurde in nachgebauten Kulissen in Babelsberg und später, wegen der Bombardements, in Prag gedreht. Bei den Außenaufnahmen in Hamburg durften keine zerbombten Häuser gezeigt werden – und auf noch etwas achtete der Regisseur – bei allen Hafenaufnahmen ist auf den Schiffen keine einzige Hakenkreuzfahne zu sehen. Die Uraufführung erfolgte Ende 1944 im Ausland, in Schweden, Dänemark und in der Schweiz,. In Deutschland wurde der Film trotz wiederholter Umarbeitungen nicht aufgeführt. Erst im September 1945 wurde der Film von den Alliierten in West-Berlin freigegeben.


Eine mit Hans Albers vergleichbare Popularität erlangte Freddy Quinn in den 50er Jahren. Er trat ab 1951 als Liedersänger mit Gitarre in St. Pauli in der Washingtonbar (Bernhard-Nocht-Straße 75) auf und wurde dort 1954 von Talentsuchern der Firma “Polydor” entdeckt und unter Vertrag genommen. Er wurde, mit über 1000 Titelaufnahmen und über 60 Millionen verkauften Tonträger, einer der erfolgreichste Schlagersänger der Nachkriegszeit  und spielte auch in einigen Filmen mit. So in „Heimweh nach St.Pauli“(1951), wo Jayne Mansfield in einer Gastrolle zu sehen ist und in „Freddy, die Gitarre und das Meer“ von 1954, mit einem Dreh in der Kneipe Onkel Otto(Bernard-Nocht-Str./Balduintreppe)

Die filmische Tradition des russisches Produktionsbüro (Goskino) aus der Weimarer Zeit, wurde noch nach dem Krieg von „Realfilm“ (Vorgänger der Trebitsch-Filmproduktion, größtenteils sowjetisch finanziert)mit anspruchsvollen Literaturverfilmungen bis zur deutschen Teilung wiederbelebt. Die St. Pauli-Filme hatten sich ihrerseits zum eigenen Genre entwickelt. Etliche Hans-Albers-Filme, von „Der Draufgänger“ (1931, R. Richard Eichberg) und „Auf der Reeperbahn Nachts um halb eins“, bis zum „Herz von St. Pauli“ (1957, R. Wolfgang Liebereiner) spielten im Milieu. Ein sehenswerter Film ist der vom Regisseur Francesco Rossi in den 50ern gedrehte Film „Auf St. Pauli ist der Teufel los“, mit sehr vielen Drehs von Originalschauplätzen, die inzwischen dokumentarischen Wert besitzen. In den 60ern zog die erfolgreiche Fernsehserie „Polizeirevier Davidswache“ von Jürgen Roland eine ganze Reihe von Folgefilmen hinter sich her. Filme wie „Mädchenjagd in St. Pauli“, „Die Engel von St. Pauli“ oder „Zinksärge für die Goldjungs“ – allesamt triviale Gangsterfilme, die im St. Pauli Milieu spielten, sich aber oft einen pseudo- dokumentarischen Anstrich gaben und so den Mythos St. Pauli – als Zentrum von Lust und Laster weiterhin schürten. 1962 gab es noch 14 normale Filmtheater, die mit der Zeit geschlossen wurden,  u. a. das Aladin/ Reeperbahn 89; Oase/ Reeperbahn 147,  Radiant/ Reeperbahn 31; Knopf´s Lichtspiele/ Spielbudenplatz 19; Union/ Spielbudenplatz 24. Mit der Schließung des „Oasekino“(Reeperbahn,  Ecke Lincolnstraße) im Jahr 2001 verschwand das letzte Kino auf dem Kiez. Neuere, erwähnenswerte St.- Pauli-Filme sind  „St. Pauli Nacht“ und „Der König von St. Pauli“ Sönke Wortsmann produzierte 1999 „St. Pauli Nacht“. Der Regisseur  nähert sich mit seinen Milieubeschreibungen einem relativ zutreffenden Querschnitt durch den Kiez, wie er heute noch existiert und gewährt einen Einblick hinter die Kulissen. Der Film hat keine Hauptdarsteller im üblichen Sinne, da seine einzelnen Akteure in etwa gleicher Bedeutung nebeneinander agieren Er verzichtet weitgehend auf musikalische oder szenische Effekte, was dem Film einen dokumentarischen Touch gibt. „Der König von St. Pauli“, als sechsteilige Serie im Fernsehen ausgestrahlt, wurde 1997 vom Regisseur Dieter Wedel fertiggestellt. Der Film spielt in einem fiktiven St. Pauli-Milieu der 50/60er Jahre, um eine St.-Pauli-Größe mit seinem Striplokal und schildert Konkurrenzien, Mafiöses und dem Alltag auf dem Kiez.

Arndt Ute, Thomas Duffe, Bernd Gerstäcker, 1995, „St Pauli – Gesichter und Ansichten vom Kiez“, Historika Photoverlag, Hamburg

Bremer Dagmar, 1987, „Die räumlich-soziale Bedeutung von städtischen Umstrukturierungsprozessen am Beispiel von Altona-Altstadt/St. Pauli-Süd“, Verlag Sautter + Lackmann, Hamburg

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Gobecker Kurt(Hg.), 1998, „ Die Stadt im Umbruch“, Kabel Verlag, Hamburg

Sigmund Monika, Renate Kühne, Gunshild Ohl-Hinz, Ulrike Meyer, 1996, „ Man versuchte längs zu kommen und man lebt ja noch – Frauen-Alltag in St. Pauli in Kriegs- und Nachkriegszeit“, St. Pauli-Archiv, Druckerei in St.Pauli, Hamburg

Das Prostitutionsgewerbe und Rotlichtmilieu seit der Nachkriegszeit

Der Tauschhandel Geschlechtsverkehr gegen Lebensmittel und Zigaretten wurde zu einem quasi alltäglichen Phänomen der Nachkriegszeit. Viele Frauen prostituierten sich oder gingen Verhältnisse mit Besatzungssoldaten ein, um ihre Familie zu ernähren und zu schützen und um nicht selbst vergewaltigt zu werden. Um eine Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern wurde das System der Bordellprostitution übernommen und die Überwachung der eingeschriebenen Frauen weitergeführt. Gegen die massenhafte Gelegenheitsprostitution führten die britische Militärpolizei und die Hamburger Sittenpolizei verschärft Razzien durch. Ziel dieser Maßnahmen waren neben Lokalen im gesamten Stadtzentrum, die Wartehallen großer Bahnhöfe, die Parkanlagen der Alster zur Stadtmitte, der Jungfernstieg und der Gänsemarkt, dort wo die Briten ihre Quartiere bezogen hatten. Stundenhotels und Privatwohnungen die als Absteigequartiere von Prostituierten genutzt wurden, gab es vor allem in St. Pauli und St. Georg. Die Reeperbahn und der Steindamm waren die Straßen mit dem größten Durchgangsverkehr an Frauen, die der heimlichen Prostitution nachgingen. 1946 wurden von der Sittenpolizei 6.014 Frauen festgenommen, bei 763 wurde eine Geschlechtskrankheit festgestellt. In den gleichen Zeitraum verhaftete die britische Militärpolizei 10.601 Frauen, von denen 709 geschlechtskrank waren. 1947 zog sich die britische Militärregierung völlig von der Kontrolle der Geschlechtskrankheiten zurück und übergab diesen Bereich der Gesundheitsbehörde. Die Polizei hatte, obwohl sie, wie auch der Hamburger Senat gegen diesen Beschluss der Briten opponierte, nur noch eine unterstützende Funktion inne. Die Razzien bei denen massenhaft Frauen festgenommen worden waren und die zunehmend in die Kritik der Öffentlichkeit gerieten, wurden eingestellt.

Für die Mädchen und Frauen die im Zeitraum der nationalsozialistischen Herrschaft in Hamburg als „sittlich gefährdet“ entmündigt wurden und im Farmsener Heim verwahrt wurden, gab es nach Kriegsende keine Befreiung, wie sie die Überlebenden der Konzentrationslager erlebten. Die Kriterien der Entmündigung wurden seitens der britischen Besatzungsbehörden nicht hinterfragt. Um die 250-300 entmündigten Frauen wurden in der geschlossenen Anstalt Farmsen „verwahrt“. Die Praxis der Entmündigung wurde auch nach 1945 fortgesetzt. Ein Großteil der Hamburger Fürsorgerinnen, die direkt nach dem Krieg aus politischen Gründen entlassen worden waren, hatten 1947 bereits wieder ihre alten Positionen inne. Erst 1949 mit der Verabschiedung des Grundgesetzes wurde das Prozedere der Anstaltseinweisung und Entmündigung erschwert.

Vor den Bombenangriffen 1943 hatte es in Hamburg ca. 80 Bordelle mit 800 Prostituierten gegeben. Bei Kriegsende gab es noch 42 Bordelle mit 402 registrierten Frauen. Diese lebten und arbeiteten weiterhin in den Bordellen während die Anzahl der frei wohnenden Frauen kontinuierlich zunahm. Sie lag 1947 bei 250, 1948 bereits bei 350 und 1949 bei ca. 550. Die Prostituierten mussten sich 2x wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen. 1950 waren es 47 Bordelle. 25 Bordelle befanden sich in der Winkelstraße, 17 in der Herbertstraße und 5 in der Lohestraße. Die Zahl der eingeschriebenen Bordellprostituierten sank kontinuierlich von 1950 mit 384 Frauen auf 252 im Jahr 1972. Die Anzahl der freiwohnenden registrierten Frauen stieg hingegen proportional an: 1950 mit 639 Frauen, auf 1.025 Frauen im Jahr 1960, bis auf 2.019 Frauen im Jahr 1972. Der durchschnittliche Tagesverdienst einer Prostituierten 1948 wurde seitens zuständiger Beamter auf 50-60 Mark geschätzt. Zwischen 1945-49 war laut Anweisung eine Bestrafung von Zuhältern mit Zuchthausstrafen verboten. Dies änderte sich zum Oktober `49. Ab diesem Zeitpunkt war eine Haftstrafe bei rechtskräftiger Verurteilung sogar vorgeschrieben. Alle im Jahr 1950 verurteilten Zuhälter erhielten daraufhin mindestens ein Strafmaß von 9 Monaten.

Die Bordellstraße Lohestraße wurde durch die Bombenangriffe 1943 bis auf ein Haus zerstört. Bis 1949 wurden dort drei weitere Bordelle ausgebaut und die Straße erneut mit einem Tor versehen. Anfang der 50er Jahre wurden diese Etablissements geschlossen und die dort lebenden Frauen auf die Herbert- und Winkelstraße verteilt. Die Bordelle in der Winkelstraße und in St. Pauli, nahe bei der Großen Freiheit und des Nobistors, die „Kleine Marienstraße“ wurden ebenfalls bis Mitte der 50er geschlossen. Parallel zu der Schließung der Bordellstraßen entwickelte sich auf St. Pauli in der Kastanien- und Taubenstraße ein neuer Straßenstrich mit Absteigen, Bars und Bordellen. Die Winkelstraße, ehemals Ulrikusstraße, letzter Bestandteil eines Hamburger Prostitutionsquartiers, verschwand anfangs der 60er mit dem Neubau des prämierten und inzwischen denkmalgeschützen Uni Lever-Hochhauses(Ecke Valentinskamp/Caffamacherreihe/Dammtorwall) aus den Stadtplänen. An der Strasse Pepermölenbek, der ehemaligen Bachstraße, die vom Nobistor bis zum Altonaer Fischmarkt geht, direkt angrenzend an das Quartier „Hexenberg“, zog sich auf ganzer Länge ein Straßenstrich hin, der in den Fischmarkt mündete, dem traditionellen Revier der „Dockschwalben“, die inzwischen vermehrt LKW-Fahrer bedienten.

1953 wurde das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vom Bundestag verabschiedet. Es beruhte auf dem Reichsgesetz von 1927 und setzte neben der medizinischen Kontrolle auf die sozialfürsorgerische Betreuung und sollte die unter dem Besatzungsrecht verabschiedeten landesrechtlichen Vorschriften vereinheitlichen. Eine Beteiligung der Polizei war, wie in Hamburg bereits praktiziert, nur noch in Form einer unterstützenden Tätigkeit der Gesundheitsbehörden vorgesehen. Nach diesem Gesetz mussten sich die registrierten Prostituierten zweimal wöchentlich auf  Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen und zwar auf die Dauer von mindestens 6 Monaten. Mit einem nachgewiesenen Umzug in das Elternhaus, einer Heirat oder der Aufnahme eines normalen Arbeitsverhältnisses, konnten die Frauen aus dieser Untersuchungspflicht entlassen werden. Die Frauen hatten aber auch die Möglichkeit sich bei einem zugelassenen Arzt kostenfrei untersuchen zu lassen und dessen Attest bei der Hamburger „Zentralen Beratungsstelle“ einzureichen. Außerdem wurde der §361 StGB in modifizierter Form übernommen. Prostitution in der Nähe von Schulen und Kirchen und in Wohnungen mit Kindern zwischen 3-18 Jahren blieb damit weiterhin strafbar.

„Nach 45 waren zunächst endlose Reihen Wurstbuden St. Paulis Hauptattraktion; sie trugen der Reeperbahn die Bezeichnung „Knackwurstallee“ ein. Als die Fresswelle abebbte, glaubten die St. Pauli- Unternehmer zuerst, im Vorkriegsstil mit sittsam verhüllten Tänzerinnen das D-Mark-Geschäft ankurbeln zu können. Aber selbst an Sonntagen, die einst das Hauptgeschäft brachten, blieben die Etablissements leer. (…) Die Kneipiers stellten ihr Programm um: Damenringkämpfe im Schlamm und Revuen von „100 nur mit Bikinis bekleideten Badenixen“ waren die ersten Attraktionen, die wenigstens für einige Zeit wieder volle Kassen garantierten. Doch St. Paulis Vergnügungsmanager mussten bald stärkere Anreize ersinnen. In den Schaukästen der Lokalitäten wurden die Fotos der mit Bikinis bekleideten Damen durch Bilder von Schönheitstänzerinnen ersetzt, die meistens nicht mehr am Körper trugen als Halsketten und Ringe. Auf reißerischen Plakaten wurden „scharf gemixte Nackt-Revuen“ angepriesen. Doch im April 1956, drei Jahre nachdem das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften vom Bundestag beschlossen worden war, brach plötzlich und ohne erkennbaren Anlaß ein „Bildersturm“ los. Über Nacht wurden mehr als 400 Fotos von Unverhüllten beschlagnahmt und über eine Anzahl von Nachtclub-Besitzern harte Geldstrafen verhängt. Auf der Suche nach weniger anstößigen, jedoch ebenso wirksamen Werbemethoden kam den St. Pauli-Wirten schließlich die heute noch erfolgreich praktizierte Idee, als Ersatz für Nackedeis in den Schaukästen grellbunte Plakate aufzustellen, die in monumentalen Schriftzügen „erregende Sittenfilme“ und „intime Sittendramen in Technicolor“ anpreisen. Kellner avancierten zu Filmvorführern, Nachtlokalchefs zu Drehbuchschreibern und Regisseuren, die im Sachsenwald bei Hamburg oder in der Lüneburger Heide ihre „Original Pariser Streifen“ herunterkurbelten.“

Der Spiegel vom 6. August 1958

Bekannte Etablissements in der „Großen Freiheit“ in den 50ern waren die Kabaretts „Jungmühle“, das „Bikini“, in dem Damen-Schlamm-Ringkämpfe geboten wurden, und das Hippodrom“, dessen Besitzer Wilhelm Bartels war. In dem Kabarett „Indra“(Große Freiheit 64) traten  akrobatische Schönheitstänzerinnen, orientalische Degenartisten und Tanzkapellen auf. Weiterhin erwähnenswert das Kabarett „Tabu“ wo der Plakatmaler Erwin Ross 1955 seine Karriere als Maler und Innenausstatter begann.

Auf vielen Werbeflächen, vorzugsweise denen der alten Peep-, und Stripbars und Kneipen von St. Pauli prangten spärlich bekleidete vollbusige Frauen. Ihr Schöpfer ist der Plakatmaler Erwin Ross, der fast 40 Jahre lang für die Clubbesitzer von St. Pauli gemalt hat. Die gespreizten Frauenbeine an den Außentüren der „Ritze“ sind sein Werk, wie er auch die Frontseiten vieler nicht mehr existierender Cabarets in der großen Freiheit gestaltet hat. Begonnen hat er seine Karriere als Plakatmaler der Konsum-Genossenschaft Eberswalde in der ehemaligen DDR, wo er politische Losungen, Arbeiterhelden, sowie Marx, Engels und Lenin im laufenden Dutzend malte. Er zog vor dem Mauerbau mit seiner Frau nach Hamburg und wurde in St. Pauli heimisch.

Das Angebot der Kabaretts und Nachtclubs variierte zwischen „Entkleidungsrevuen“, CanCan, türkischen,  spanischen oder indischen „Schönheitstänzen“, Silhouettentheater und später zu sogenannten „Sittenfilmen“. Ende der 50er Jahre soll das Geschäftsgebaren vieler Lokale auf St. Pauli unseriös geworden sein, außerdem war in den 50er Jahren der sogenannte „Zechraub“ noch ein weit verbreitetes Phänomen. Darunter verstand man Gelegenheitsraub, der in unmittelbarer Nähe von Gastwirtschaften und „verrufenen“ Kneipen stattfand. Opfer waren in der Regel milieufremde Gäste, die beobachtet wurden und auf dem Nachhauseweg, unter Androhung oder vollzogener Körperverletzung, beraubt wurden. Da diese Entwicklung geschäftsschädigende Ausmaße angenommen hatte, initiierten 1958 der St. Pauli-Verein und  Mitglieder des Gaststättenverbandes eine Aktion „St. Pauli ist für alle da“, um etwas gegen die überteuerter Getränkepreise, Nepp und die Faustrechtsmentalität zu unternehmen. 1961 gründeten die Besitzer von 19 Striplokalen einen  Selbsthilfe-Verein, um in einer Art freiwilligen Selbstkontrolle gegen Nepp und allzu undurchsichtige Preisgestaltung vorzugehen.

1964 wurde wiederum (u.a. von dem Besitzer des Cafe Keese und Kurt Collien, der Direktor des Operettenhauses) eine ähnliche Initiative gegründet bei der die teilnehmenden Lokal- und Barbesitzer mit öffentlichkeits-wirksamen beleuchteten Glaskästen für ihre Etablissements warben. Diese Initiative war allerdings nur in Hinblick auf die Internationale Gartenbauausstellung und dem zu erwartenden Publikumsandrang initiiert worden. Ende Dezember 1964 war der Verein wieder aufgelöst und die Glaskästen verschwunden.

„Die Gäste merkten nie etwas. Im Separe holten sie sofort ihren Diddel raus, wollten sich da einen runterholen lassen, dabei wurden ihnen die Ketten abgenommen um` Hals, in die Taschen gegriffen; was die da drin hatten, das wurde alles rausgeholt. Nein, das hat er nicht gemerkt. Eine Frau rechts, eine andere links, und dann wurde er so richtig durchgecheckt, Brieftaschen durchstöbert und rausgegeben zum Nachgucken, ob da was drin war was man noch gebrauchen konnte, oder was für`n Typ der war. Dann wurde das wieder reingereicht und bei ihm reingepackt. Wenn er viel hatte, blieb auch mal n` Scheinchen da oder zwei. Je nachdem.(…) Und dann die Geschichte mit dieser Karte, mit den Preisen. Also wenn man die hinten im Separee gelesen hat, da war Rotlicht, da konntest du die rote Schrift nicht sehen. Du konntest nur die schwarzen Schriftzüge lesen. Wenn aber die Bullen kamen und die Freier sagten, hier das stand nicht auf der Karte, dann kam Archi – vorne am Büfett war ja richtig helles Licht – und sagte: „Hier, Herr Wachtmeister, da steht`s  doch!“ Denn nun konntest du das Rote ja wieder lesen. Die Bullen kriegten ja auch immer abgesteckt.(…) da kamen zwei, dreitausend Mark ja schnell ran.“

Zitat aus:  Eppendorfer Hans, 1982 „Szenen  aus St. Pauli“, Seite 63

Viele der kleinen Läden, Bars, Clubs, Restaurants, Theaterkeller, Live-Shows und Kabaretts, die nach der Währungsreform gegründet wurden, mussten im Zuge der allgemeinen Restauration einer konservativen Sexualmoral, wegen Restriktionen seitens des Ordnungsamtes wieder schließen, bzw. wurden zu Spielcasinos und Pizzerias umgewandelt. Die Vorgehensweise des Ordnungsamtes gegen die Kabaretts und Life-Lokale wegen zu freizügiger Entkleidungs- und Schönheitstänze führte dazu, dass viele der kleinen Läden Separees in den hinteren Räumen errichteten, wo die Nacktshows weiterhin gezeigt wurden, bei allerdings völlig überteuerten Getränkepreisen. Was wiederum zu weiteren Auflagen seitens des Ordnungsamtes führte: keine Separees mehr, keine Türen, nur noch ein leichter Vorhang war erlaubt. In Konsequenz bedeutete dies einen Konzessionsentzug für viele Läden. Um für die gleichen Läden eine neue Konzession zu beantragen holten sich die ehemaligen Konzessionsträger Strohmänner die ihrerseits wieder bezahlt werden mussten. Daraus entstand das Verhältnis von ineinander verschachtelten Mehrfach-Vermietungen und Verkonzessionierungen der verschiedenen Lokale, was zu einem völlig überzogenen Anstieg der Miet- und Unkosten führte. Diese Entwicklung führt dazu das viele der kleinen Lokale kaputtgingen und das es zu einer weitgehenden Konzentration von Immobilien und Kapital in die Hände weniger kam. Am Ende dieser Entwicklung befanden sich beispielsweise viele Kabaretts in der Großen Freiheit im Besitz von Willi Bartels, bzw. zeitweilig unter der Geschäftsführung des Betreibers von Club „Safari“.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Stark Jürgen, 1992, „Das Herz von St. Pauli“,  Verlag Kammerer&Unverzagt, Hamburg

Töteberg, Michael, 1990, „Filmstadt Hamburg : von Emil Jannings bis Wim Wenders“, VSA-Verlag, Hamburg

Die 60er Jahre – Musikclubs, Liberalisierung und die „St. Paul-Nachrichten“

Schon in den 50er Jahren entwickelte sich auf St. Pauli eine lebendige  Musikszene. Erste englische und amerikanische Jazz-Band kamen nach Hamburg, ehemalige Swing-Heinis und junge Jazzer gründeten Bands und es entwickelte sich eine größere Clubszene mit Tanzmusik und Lifeauftritten. Cafe Lausen und Mehrer mit ihren Tanzsälen entwickelten sich zu bekannten Jazz-Treffs. 1953 zog  Bernhard Keese mit seinem Café von der Fruchtallee auf die Reeperbahn 19/21. Cafe Keese, ein Tanzlokal mit Tischtelefon wurde schnell zu einem beliebten Treffpunkt  und Kontaktbörse – beim „Ball Paradox“ herrschte Damenwahl. Mitte der 50er Jahre löste der Traditional Jazz und der Skiffle, von England kommend, den Swing in der Publikumsgunst ab.

Ab Ende 1959 ließ Bruno Koschmider in seinen Etablissements „Kaiserkeller“ und „Indra“, beide Große Freiheit, britische Rockn`Roll-Bands wie die „Jets“ und später dann die Beatles auftreten. Hamburgs ersten Rock ’n‘ Roll-Club, der „Kaiserkeller“, Tür an Tür mit Striptease-Läden und Milieukneipen, wurde ein voller Erfolg, da es seit der Bill Haley-Tournee und den begleitenden Saal- und Straßenschlachten so gut wie keine Auftrittsmöglichkeiten für Rockmusiker gegeben hatte. Ein weiterer Musikclub dieser Zeit war der Top Ten-Club auf der Reeperbahn. Erst 1962 wurde der „Star Club“ in den Räumen der ehemaligen „Stern-Lichtspiele“ (1949-1962), Großen Freiheit 39 eröffnet. Die damalige Organisation von Konzerten unterschied sich ganz erheblich zu denen heutzutage. So wechselten sich in den ersten 6 Monaten des Star Clubs bis zu 8 Gruppen pro Nacht ab und gastierten dort meistens für die Zeit eines Monats als sogenannte Haus- oder Resident- Bands. Die „Dominos“ aus Liverpool traten bsp. zwischen `62 und `63   332x im Star Club auf, die deutsche Band „The Rattles“ kam auf 159 Auftritte, die „Beatles“ auf 79. Viele der Musiker, die im Starclub auftraten, trafen sich nach den Konzerten mit ihrem Anhang in den nahegelegenen Kneipen „Grete & Alfons“ und in der „Blockhütte“. Abgesehen von einigen deutschen Bands wie ‚The Rattles‘, ‚The German Bonds‘ und ‚The Rivets‘ traten vorwiegend Liverpooler Gruppen auf. Neben verschiedenen Stamm-Gruppen standen regelmäßig international bekannte Stars auf der Bühne, zunächst überwiegend US- Rock’n’Roll-Bands, dann immer mehr englische Künstler. Zu den Musikern die hier gastierten zählen u.a. The Searchers , Jerry Lee Lewis , Little Richard , Jimi Hendrix , Black Sabbath, die Beatles und Cream.

„Ich war ein halbes Jahr nach der Eröffnung zum erstenmal da, vorher war ich nur ein paarmal im Top Ten. In den Star-Club ging man nicht als Bürgersöhnchen, weil es hieß, da seien nur die Rocker. (…) Das hat sich aber geändert, als ich hörte, daß die Beatles dort wieder spielten, da hab ich mich dann mal getraut. Und ich war gleich unheimlich begeistert (…) daß da irgendwie so Typen auf der Bühne waren, mit denen man sich wesentlich eher identifizieren konnte und die die Musik live machten, die man nur von Platten her kannte, das hat den wesentlichen Kick ausgemacht. Ich bin dann auch vom erstenmal an mindestens zweimal die Woche im Star-Club gewesen. Das war in den Augen meiner Mutter und sonstiger Verwandter ganz schön gefährlich, so oft nach St. Pauli zu gehen. Aber in Wirklichkeit war das ganz cool, weil die Typen auf St. Pauli und die Portiers immergleich gesehen haben: Der will zum Star-Club, und da haben sie uns nie dumm angemacht. (…). Die Leute hatten alle Anzüge an, Krawatten und Nyltesthemden. Wer damals dazu noch Cowboystiefel besaß, war ganz besonders progressiv. Sie machten sich sorgfältig zurecht, wenn sie hingingen, das war richtig Ausgehen. In erster Linie ging man ja auch hin, um Musik zu hören und zu tanzen, nicht um rumzuhängen, dazu war der Star-Club zu faszinierend . Jeden Tag war es gerammelt voll. Der Star-Club war für die Jugend so was wie die Dame ohne Unterleib, die totale Sensation, deshalb kamen auch immer so viele.“

Frank Dostal, Sänger der „Rattles“    http://www.infopartisan.net/archive/1967/266709.html

1963 wurde der Starclub zur Zielscheibe des Ordnungsamtes, das eine amtliche Schließung des Musikclubs anstrebte.

Regierungsamtsmann Kurt Falck war der Chef  des Wirtschafts- und Ordnungsamtes. Er erwies sich nicht nur als Gegenspieler des Star-Clubs, sondern ging in erster Linie gegen eine Vielzahl von St. Pauli-Wirten und die sogenannte „Noludar-Gang“ vor, die mit K.O-Tropfen Gäste betäubte und dann ausraubte. Er entzog deren Schanklizenzen und kontrollierte erstmals im größerem Umfang, das die ehemaligen Betreiber nicht wieder über Strohmänner eine Neukonzessionierung beantragen konnten. So wurde 1963 das Striplokal „La Maitresse“ von Wilfried („Frieda“) Schulz geschlossen.

Alleine in diesem Jahr kam es zu 90 Polizeieinsätzen, u.a. zu Großeinsätzen bei denen 100 Polizisten beteiligt waren. Ein für die 60er Jahre ungewöhnliches Zahlenverhältnis. Infolge dieser Kampagne wurde dem Betreiber Manfred Weißleder im Sommer 1964 die Konzession entzogen. Auf den Betrieb des Musikclubs wirkte sich dies nicht aus, da Weißleder die Konzession auf seinen Geschäftsführer übertrug – eine für St. Paulianer Verhältnisse übliche Vorgehensweise. Der Konflikt Starclub – Ordnungsamt wurde in der deutschen Medienlandschaft, in allen großen Zeitungen und im Fernsehen, öffentlich ausgetragen, wobei dem Starclub auch in der bürgerlichen Presse, im nicht unbedeutendem Maße Sympathie zuteil wurde. Der StarClub entwickelte sich zum Mekka für jugendliche Musikfans mit Hunderttausenden von Besuchern pro Jahr und wurde über Deutschland hinaus bekannt. 1964  wurde mit den „Star-Club Records” ein Label entwickelt  über den Life-Mitschnitte und Musik-LP`s dementsprechender Musiker vermarktet und vertrieben wurden. Mit dem Boom der Musikclubs veränderte sich die Publikumsstruktur St. Paulis. Die Konzertbesucher frequentierten umliegende Kneipen und Bars, die sich auf das neue Klientel einzustellen begannen und mit der von der 68-Bewegung propagierten sexuellen Libertinage, durch die visuelle Erotica teilweise in einen antistaatlichen und emanzipatorischen Kontext gesetzt wurden, entwickelte St. Pauli im Vorfeld der staatlichen Liberalisierung von Pornographie ein neues Sendungsbewusstsein, welches sich bereits Ende der 60er Jahre mit der Aufführung des Musicals „Oh Calcutta“ (Sex, Nacktheit und Beischlaf waren Thema und wurden auf der Bühne vorgespielt) im Operettenhaus im Mainstream wiederspiegelte. 1967/8 eröffneten mit dem „Grünspan“ und dem „Birdland“ zwar zwei weitere Musikclubs in dieser Strasse, aber Ende der sechziger Jahre gehörten die Auftritte von Rockgruppen bereits zum normalen Alltag und Musikbusiness – aus der ehemaligen Subkultur war ein Milliardenmarkt geworden. Viele kleinerer Clubs mussten wegen  den extrem gestiegenen Gagenforderungen und der Auslandsteuer  -ausländische Bands müssen 28% und Solokünstler sogar 31% ihrer Einnahmen abführen –  ihr Life-Auftrittsangebot an Großveranstalter abgeben oder waren in Diskotheken umgewandelt worden. Die innovative Musikclubszene hatte sich jenseits von St. Pauli, in anderen Stadtteilen entwickelt.  Wegen dauernde Komplikationen mit dem Ordnungsamt und künstlerischem wie finanziellen Missmanagement musste der  Star Club 1969/70 schließen.

1968 hatten der Raritätenhändler Helmut Rosenberg* und der Photograph Günther Zint* die Idee für eine St. Pauli typische Kiez-Zeitung – den „St. Pauli Nachrichten(SPN)“. Gestartet wurde mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren, mit rasant steigender Tendenz: Juni `69- 30 000, einen Monat später ist die Zeitung mit einer Auflage von 105 000 in ganz Hamburg erhältlich, Oktober `69- Auflage 205 000, November gleichen Jahres- Auflage 420 000 mit dem Verbreitungsgebiet der gesamten Bundesrepublik. Januar 1970- Auflage 780 000, Erscheinungszeitraum alle 14 Tage. Im Februar 70 droht der Zeitung eine Dauerindizierung nach dem Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften. Nichtsdestotrotz erscheinen im April `70 die St. Pauli Nachrichten mit einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren wöchentlich. Inhaltlich war neben kleinen Artikeln zum Thema St. Pauli, dass Thema Sex, vor allem visuell, dominierend. Redaktionell waren die St.Pauli Nachrichten, zumindestens in den ersten 2 Jahren, beeinflusst von dem Geist der 68er-Bewegung und ihrer propagierten sexuellen Liberalisierung. Der umfangreiche Kontaktanzeigenmarkt der SPN war einer der Hauptträger der Zeitung. 1971 war es noch ungewöhnlich, sexuelle Such- und Kontaktanzeigen in einer derart offenen Form zu publizieren, was der SPN einen wachsenden Käuferkreis bescherte. Dieser ursprünglich private Annoncenteil fiel allerdings Anfang der 70er Jahre dem Trend zur Kommerzialisierung anheim, der bestimmt wurde von verdeckter Prostitution und  offensiver Produktwerbung. Bereits zu diesem Zeitpunkt existierten Adresshändler, die die Namen und Adressen zum Zweck der gezielten Direktwerbung auf den Markt feilboten. Nach einem Artikel des Spiegels (Nr.435/1971) wurden jährlich rund 125 Millionen Mark an den Kiosken für die St. Pauli-Blätter gezahlt. Ein lukrativer Markt, der der SPN viele Nachfolger bescherte – so gab es im Zeitraum 1971 an den Großstadtkiosken bereits 15 verschiedene Sex-Illustrierten zu kaufen. Die St. Pauli- Nachrichten wurden im Januar 1972 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften für die Dauer von 9 Monaten indiziert und entwickelten sich bald zu einer Sex-Postille unter vielen. Im Rückblick kann man sagen, dass die St. Pauli Nachrichten eine Vorreiterfunktion innehatten was die Kommerzialisierung nackter weiblicher Haut auf den Titelseiten der Illustrierten und der bald darauf folgenden Legalisierung von Pornographie in Deutschland betraf.

*Harry Rosenberg(1924 – 2000 ) ein St. Pauli-Orginal, Mitbegründer der St. Pauli Nachrichten, Bekannter von Willi Bartels und Besitzer von „Harry`s Hafenbasar“ den er 1954 nach dem Vorbild von „Käpt`n Haase`s Museumskneipe“ in der Erichstraße, die in den 30ern bis in die 50er bestand, gründete. Mit dem Nachlass dieser Kneipe und vielen Kuriositäten, die die Seeleute von ihren Fahrten mitbrachten, entwickelte sich der Basar zu einem regelrechten Museum zum Anfassen und Kaufen – mit Asien- und Afrikazimmern, ausgestopften Tieren, Münz- und Schmucksammlungen, und,  und, und.  Nach seinem Tod betreibt seine Tochter Karin den Hafenbasar, der in die Erichstraße umziehen musste.

*Günter Zint war zu Zeiten des Star Clubs Photoreporter für ein Musikmagazin des Bauer Verlags und hat in den 60er Jahren für Zeitschriften wie „Konkret“, „Spontan“ und „Das Da“ erotische Fotos geliefert. Er veröffentlichte Reportagen mit Günter Walllraff und begleitete die Außerparlamentarische Opposition in den 60ern, später die Anti-Atom-Bewegung, wie auch das St. Pauli-Milieu mit seiner Kamera. Er publizierte u.a. die St. Pauli-Bücher „Die weiße Taube flog für immer davon“ und „Große Freiheit 39“. 1989 gründete Günter Zint mit vielen anderen Förderern das St. Pauli Museum, welches nach mehreren Standortwechseln und finanziellen Krisen seit 2005 von der Kulturbehörde gefördert wird

Kroner Ingrid, 1974, „Genitale Lust im Kulturkonflikt – eine Untersuchung am Beispiel der St. Pauli Nachrichten“
Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen

Martens Rene, Günther Zint, 2000, „Kiez, Kult, Alltag“, Verlag der Hanse, Hamburg

Zint Günter ,1987,  „Große Freiheit 39,  Wilhelm Heyne Verlag, München

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Das Sexbusiness in St. Pauli 1968

Der geschätzter Jahresumsatz des Sex-Business soll in Hamburg 1968 ca. 120 Millionen Mark betragen haben. Rund 1300 Prostituierte waren zu dieser Zeit in Hamburg offiziell registriert. Die Straßenprostitution war weitaus ausgedehnter als heutzutage, vor allem in dem Quartier zur Wasserseite der Reeperbahn. In dem Quadrat zwischen den Straßen Pepermölenbek (ehemalige Bachstr.), St. Pauli Fischmarkt/ St. Pauli-Hafenstrasse und der Davidstrasse in den vielen kleinen Seiten und Nebenstrassen und in den Straßenzügen auf der anderen Seite der Davidstr., Richtung Millerntor. 1969 wurde es für die Prostituierten zur Vorschrift eine Kontrollkarte mit sich zuführen, auf der die regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen eingetragen wurden, den sogenannten „Bockschein“  (der Name kam von dem im Milieu so bezeichneten Gynäkologenstuhl). Konnte eine Frau diese Karte nicht vorweisen, fehlten Eintragungen oder entzogen sich Prostituierte ganz den Kontrollmaßnahmen, konnte die Polizei die Betreffenden zur Fahndung auszuschreiben oder zwangsweise eine Krankenhauseinweisung verfügen.

In der St. Pauli Hafenstraße, am Fischmarkt und beim Straßenzug Pepermölenweg, an die zu dieser Zeit noch Ruinengrundstücke aus dem Krieg angrenzten, befand sich ein reiner Autostrich. Die Frauen die dort arbeiteten hatten keine Zimmer und erledigten ihr Geschäft entweder im Auto des Kunden oder im Freien. An der Straße Pepermölenweg sollen bis an die 100 Frauen pro Nacht, bei einem Tarif von 10 Mark, gestanden haben. In der Bernard-Nocht-Straße waren die Grenzen zwischen Animiermädchen der zahlreichen Kellerbars und der reinen Straßenprostitution fließend. Dort waren mehr Gelegenheitsprostituierte anzutreffen. Die Preise sollen zwischen 15-30 Mark gelegen haben.  Desweiteren waren Prostituierte in den Straßen Lincolnstr., Herrenweidl und der Finkenstr., in Nähe des Pepermölenbeks anzutreffen.

„Bernhard-Nocht-Straße- zur „Scharfen Ecke“ mit den Spotlights, die auch tagsüber blinken. Das „Casablanca“, mit der kleinen grellgrünen Palme auf gelbem Grund. Die Türkenkneipen, in der jeden Samstag Sängerinnen auftreten, mit halbnackten Busen, aber die Augen hinter schwarzen Brillen versteckt. Schwarze, verwohnte Häuser mit kaputten Fensterscheiben. Und dahinter die Schiffe. „Washingtonbar“, “Die Kogge“, „Erosstübchen“, „Schmaal`s Hotel, „Onkel Max“, die Balduintreppe, „Lolobar“ und „Lili Marleen“. Hier spielt sich der Mittagsstrich ab. Die Freier kommen in der Mittagspause. Der Mittagsstrich ist polizeilich verboten. Deshalb kurven auch unentwegt die Polizeiautos durch die Bernhard-Nocht-Straße. Langsam, wie fette Haifische, die ihre Beute schon auf Nummer sicher haben. Wo sie auftauchen, huschen die Frauen in die Hauseingänge. Beim ersten Mal erwischt werden, kostet eine Geldstrafe. Beim zweiten Mal Knast. Die Polizei macht dabei ein gutes Geschäft. Manchmal verkleiden sie sich auch als Freier und sprechen die Frauen an. Das sind 180 DM bei jeder, die drauf reinfällt. Aber die Polizisten steigen in der Bernhard-Nocht-Straße ungern aus dem Wagen, vor allem nicht allein.“

Impressionen aus der Bernhard-Nochtstr. aus den 70er Jahren:„Schwarz war ihr Haar – Frauen auf St. Pauli“, Susanne Klippel, 1980, Frauenbuchverlag, München

Rund um die Herbertstrasse, wo zu der Zeit 220 Frauen arbeiteten bis zum Hans-Albers Platz und der Gerhartstr. war die Straßenprostitution natürlich auch stark vertreten. Diese Milieu aus Straßenprostituierten, Zuhältern und Absteigen war allerdings in Verruf geraten, da viele der dort arbeitenden Frauen ihre Gewinnspanne durch Nepp und Diebstahl erweiterten. In der Kastanienallee, der Tauben- und der Hopfenstrasse existieren bordellartige Betriebe und ein auf Absteigen angewiesener Straßenstrich nebeneinander, ca. 100 Frauen hatten die Kastanienallee als ihr Revier. Die Taubenstraße galt zu dieser Zeit als sogenannter „Babystrich“. Verhältnisse die auf einen Versuch Wiener Zuhälter zurückgingen 1965 in St. Pauli Fuß zu fassen. Diese waren aufgrund massiver Repressionen in ihrer Heimat, u.a. nach Hamburg ausgewichen. In Folge kam es zu Territorialkämpfen zwischen den Hamburger „Loddels“ und der neuen Konkurrenz, bei denen auch die hiesigen  Behörden und die Polizei auf ihre übliche Art die „Hamburger Interessen“ vertraten. Eine Folge dieser Situation war seitdem ein in die Höhe gegangener Preludinverbrauch unter den Prostituierten, das durch Beziehungen der Wiener in St. Pauli Einzug erhalten haben soll und die Konzentration von jungen Frauen (17-23 Jahre) in der Taubenstraße und z.T. in der Kastanienallee. Ungefähr 40 Frauen hatten in der Taubenstraße ihren Standplatz. Sie waren in ihrer Werbung zurückhaltender da diese Straße in erster Linie eine normale Wohn- und Geschäftsstraße war. Das Preisniveau lag höher, bis zu 50 Mark wurden verlangt.

Die Droge der 60er Jahre auf St. Pauli war das Preludin, ein Wachmacher und Appetithemmer. Wer Preludin nahm konnte Unmengen von Alkohol konsumieren, blieb wach und wurde zuweilen allerdings auch aggressiv. Nachdem die pharmazeutische Industrie Preludin durch hinzufügen eines Abführmittels entschärft hatte, stiegen viele Tablettenkonsumenten auf das damals noch rezeptfreie Captagon um. (Preludin und Captagon waren ursprünglich das Hungergefühl dämpfende Medikamente, sogenannte Schlankmacher auf Amphetaminbasis, die in Apotheken frei erhältlich waren.)

Ab Ende der 60er begannen stadtplanerische und behördliche Maßnahmen, die auf eine Zurückdrängung des Rotlichtmilieus abzielten, zu greifen. In den 60er Jahren erklärten sich viele Hamburger Stadtteile zu Sperrbezirken und nachdem zwei Großbordelle, 1967 das Eros- Center und ein Jahr später das Palais d`Amour eröffneten, wurde ein Großteil von St.Pauli ebenfalls zum Sperrbezirk erklärt. 1974 wurde der Straßenstrich am Pepermöhlenweg endgültig verdrängt, nachdem das Quartier Hexenberg oberhalb des Fischmarktes vollständig abgerissen und neubebaut wurde, obwohl ein Großteil der Häuser nur sanierungsbedürftig waren.

Das Eros-Center wurde 1967 an der Reeperbahn 170, u.a. an dem Standort des ehemaligen Hippodroms erbaut. Der Bauherr und Besitzer Wilhelm Bartel, einer der größten Immobilienbesitzer St. Paulis, investierte 4,7 Millionen Mark in dieses Projekt. Es galt zu dieser Zeit als eines der modernsten und aufwendigsten Bordelle und leitete die Ära der sogenannten Kontakthöfe und Großbordelle ein. Es wurde mit offizieller Unterstützung der Stadt Hamburg realisiert, da ein erklärtes Ziel dieses Unternehmens die Eindämmung der unkontrollierten Straßenprostitution in St. Pauli war. Der Komplex umfasste einen 400 qm großen Kontakthof in welchem sich während der Hauptgeschäftszeit bis zu 30 Frauen aufhielten. Begrenzt wurde der Hof allseitig von 3-4-geschossigen Einzelhäusern in denen sich insgesamt 136 Appartements befanden. Bartels bekam für ein Zimmer 360DM Miete pro Monat und verpachtete etagenweise. Die sechs Betreiber nahmen 3-5 x soviel Miete. Außerdem gehörten eine Automatenstraße mit erwerbbarer Erotica, ein Restaurant, eine Würstchenbude und eine Tiefgarage zu dem Komplex.. Die Frauen die dort arbeiteten begannen mit Blockschulden. Sie mussten 50 Mark Miete täglich und weitere Unkosten für jeweils 5 Tage im Voraus bezahlen. 1968 galt das Eros-Center in der Hamburger Pressöffentlichkeit teilweise als Renommierbetrieb, der einen Besuch wert war und wo die dort arbeitenden Frauen gut verdienen konnten, obwohl beide Großbordelle anfangs unterbesetzt blieben. Das Großbordell wurde 1987 geschlossen. Danach wurde es von Bartels zum Hotel „Interrast“ umgebaut, in dem über die Sozialbehörde hauptsächlich Immigranten einquartiert wurden. Später wurde ein Teil des Komplexes in das „Hotel Stern“ umgewandelt. Seit 1998 betreibt ein Kölner Unternehmer, Besitzer des Riesenbordells „Pascha“ in Köln, ein Remake des Eros-Centers, das sogenannte „Laufhaus“.

Fernsehbericht „Die letzten Tage des Eros“ ARD, 21.4.88

Wilhelm Bartel (1914 – 2008) Größter Immobilienbesitzer und „heimlicher König“ von St. Pauli.  Sein Vater war, wie auch der Vater von Hans Albers, Besitzer einer Großschlachterei. Dieser eröffnete 1928 das Ballhaus Jungmühle (Große Freiheit 21) und später das “Bikini“ . Mit 23 Jahren übernahm sein Sohn Wilhelm Bartels als Geschäftsführer das Kabarett „Jungmühle“, später kam das  Hippodrom (Große Freiheit 10-12) hinzu. Nach dem Tod des Vaters 1947, übernahm W. Bartels komplett die Geschäfte.1963 initiierte Bartels mit Bernhard Keese, Besitzer von Cafe Keese und Kurt Collien, Betreiber des Operettenhauses eine Aktion mit dem Label „Der gute Stern von St. Pauli“ in dessen Rahmen zu einer seriösen Preisgestaltung und zu dem Verzicht auf Selbstjustiz aufgerufen wurde.1984 wurde dann die „Interessengemeinschaft St.Pauli“ wiederum mit Bartels und mit Heinrich Umnus, Besitzer des Hotels „Monopol“, Bartels Pächter Hans Henning Schneidereit und dem Vorsitzenden des Gaststättenverbandes gegründet um St. Pauli touristen- und gastfreundlicher zu gestalten und gegen den „Nepp“ vorzugehen. Schneidereit (geb. 1930) war seit 1964 Besitzer des „Safari“ und zeitweise Pächter der Kabaretts Tabu, Alkazar, Indra, Colibri und der Jungmühle. Keiner dieser Life-Clubs, bis auf das Safari, existiert heute noch.  In den 80er Jahren soll Wilhelm Bartels zwischen 40-60 Gaststätten und Läden auf St. Pauli verpachtet haben. Ihm gehörten u.a. die Hotels „Hotel Hafen Hamburg“, das „Kronprinz“, „Fürst Bismark“, „Senator“ und das „Eden“, eine Handvoll „Kleinkunstbühnen“, unter anderem das „Schmidts Theater“ und das „Dollhouse“ und etliche Wohnhäuser auf St. Pauli und in ganz Norddeutschland. Sein bisher größtes Projekt war die Neugestaltung des Geländes der Astra-Brauerei (Davidstraße) mit Hotels, Wohn- und Gewerbeflächen, welches 2008 fertiggestellt wurde. Bartels verstarb gleichen Jahres.

1968 gab es in St. Pauli noch die Tanzcafes „Mehrer“ (Große Freiheit) und „Menke“ und „Lausen“ (beide auf der Reeperbahn) Das „Mehrer“ hatte eine Tischtelefonanlage zur Kontaktaufnahme. In allen drei Cafes fand eine umfangreiche Lokalprostitution statt. Das Preisniveau lag weitaus höher als bei den Straßenprostituierten. Auf diesem Gebiet sollen ca. 400 – 500 Frauen aktiv gewesen sein. Die Tarife lagen oft um die hundert Mark für einen mehrstündigen Service. Dafür wurden die Stundenhotels auf der Reeperbahn und der Großen Freiheit frequentiert. Die Zimmerkosten zwischen 20-30 Mark gingen ebenfalls zu Lasten des Freiers. Die beiden Cafés auf der Reeperbahn galten auch unter dem bürgerlichen Klientel als respektable Lokalitäten, wo gute Tanzmusik und Service geboten wurde. Dementsprechend wurde von den Frauen die dort arbeiteten, gegebenenfalls bürgerliche Umgangsformen und ein dementsprechendes seriöses Geschäftsgebaren erwartet. In den 70ern wurde aus dem Hotel Lausen ein richtiger Bordellbetrieb, bis nach der Krise des Rotlichtmilieus in den 80ern dort eine Mac-Donalds-Filiale einzog. Das Hotel,, welches inzwischen über albanische Mittelsmänner geführt werden soll, existiert weiterhin und bietet in einem Night-Club regelmäßige Stripteasevorführungen an. Das Cafe Keese bietet als einziges noch Kaffeehausatmosphäre, setzt inzwischen aber auch auf einen Mix von traditionellen Interieur und moderner Clublocation. Mencke existiert nicht mehr und vom Cafe Mehrer gibt es noch der Namenszug an der Außenfassade, ansonsten ist es zu einem Musik-Club umgebaut worden.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg


Die „Große Freiheit“ – Kabaretts und Transvestiten

Anfang 1970 zog das Sex-Variete „Salambo“ unter der Leitung Rene´ Durants in das Gebäude des ehemaligen Starclubs ein. Das „Salambo“ in der Großen Freiheit unter der Regie von Rene Durand galt als eines der freizügigsten Etablissements und als eines der Highlights in diesem Showgewerbe. Die 3x täglich stattfindenden Vorführungen in diesem Erotictheater waren zu dieser Zeit immer komplett ausverkauft. Die Bestuhlung zählte 150 Plätze, der Minimalverzehr lag bei 14 Mark, eine Flasche Champagner kostete damals 150 DM.  Nach dem großen Brand 1983, der das Gebäude restlos zerstörte, zog das Variete in die Große Freiheit Nr.11 um. Das Ordnungsamt entzog dem Salambo, das  als erstes Etablissement offiziell den unverhüllten Geschlechtsakt auf die Bühne geholt hatte, bzw. dem Betreiber Rene Durant, die Konzession wegen verdeckter/heimlicher Prostitution. Seine Tochter konnte, nachdem das Thema sogar in der Hamburger Bürgerschaft besprochen wurde und die ehemalige „Ruhezone“ geschlossen wurde, Anfang der 90er Jahre das Salambo wieder eröffnen. Sie konnte aber nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen und 1996, nach einer erneuten Polizeirazzia wurde das Salambo wegen heimlicher Prostitution und  Waffenbesitz endgültig geschlossen.

1968 gab es mit dem „Tabu“, „Regina“, „Les Premiers“,  dem „Safari“ und dem „Colibri“, das in den 60ern und später mit dem Salambo als führendes Striptease Kabarett in St. Pauli galt, eine Reihe namenhafter Kabaretts in der Großen Freiheit, die sich neben vielen kleineren Läden auf Live-Bühnenshows spezialisiert hatten.

Im „Les Premiers“ beispielsweise, gab es neben den einschlägigen Liveshows  eine  Sauna, ein Swimming Pool und Duschen für danach und es bestand die Möglichkeit für das zahlende Publikum mit den Damen in die Sauna zu gehen, was darauf hinweist das die Grenzen zwischen Kabarett und Prostitution wahrscheinlich fließend waren.

Desweiteren gab es in dieser Strasse die „Monica-Bar“, ein Transvestitenlokal und das „Barcelona“, ein homosexueller Treffpunkt – Ausdruck der in der Nähe befindlichen Transvestiten- und Schwulenszene in der Schmuck- und Talstrasse. Obwohl sich diese Szene Ende der 60er Jahre zum Teil auch  in der Kastanienallee in den Bars „Le Punch“,  „Bar `Celona“, „Flamingo“ und „Laubfrosch“  konzentriert  haben soll. Die  Talstraße soll sich schon seit den 20er Jahren zu einem Treffpunkt der Homosexuellenszene entwickelt haben. Heute gibt es dort noch 6 Gay-Kinos und Läden sowie in den umliegenden Straßen einige Szene-Bars und Musikclubs.

„Wir oder jedenfalls die Besseren von uns werden auch gern zum Animieren in den normalen Kabaretts genommen, weil wir `nen besseren Umsatz machen. Aber da gibt`s natürlich auch Kämpfe zwischen uns und den richtigen Frauen – aus so was entsteht Hass. Denn einige von uns sind ja richtig Spitze, mit unseren dunklen Stimmen gibt`s auch keine Probleme, die schieben die Gäste meist auf Alkohol oder auf`s Rauchen. Und das Gehänge wird halt geschickt nach hinten geklebt mit Leukoplast. Das ziept am Anfang, aber da gewöhnst du dich schnell dran, kannst du wieder ablösen mit Waschbenzin. Ist ganz einfach: den Hoden schiebst du in die Bauchhöhle, is wie ne` Tasche, und den Schwanz ziehst du nach hinten durch die Beine. Das Pflaster klebst du hoch bis zum Arsch, ist hautfarben, fällt also gar nicht auf. Den Sack klebst du ringsherum, da entsteht eine richtige Mulde, in der du sogar eine Kerze oder ein Seidentuch reinstecken kannst, wenn du Show machst. Fällt fast jeder drauf rein. Im Augenblick haben wir unheimlich viele Transis hier in Deutschland, die meisten aus Südamerika oder Spanien. Die gehen auf den Strich oder Tingeln. Die sind hier als Touristen eingereist und fahren nach 3 Monaten, sobald ihre Visa ablaufen, für ein paar Tage nach Holland oder Dänemark. Mit neuen Visa für 3 Monate sind sie bald wieder da.(…) Anschaffen, Nachtleben, Animieren oder Bühne. Zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent gibt`s auf die Drinks. Cola mit Rum, Pfläumchen oder Ponnys, in der „Taverne“, im „Flesh“, in den „Drei Weisheiten“ in der Schmuckstraße oder in der Großen Freiheit im „Musikladen“ oder in der „Monica Bar“. Die Besitzerinnen sind meistens Lesben“

Zitat aus:  Eppendorfer Hans, 1982 „Szenen  aus St. Pauli“, Seite 108

Nach 2000 gab es in der noch existierenden Straßenzeile der Schmuckstraße nur noch einen kleinen Transvestitenstrich wo, Transis abends vor den Häusern standen und auf Kundschaft warteten. In der Straße gab es noch 2 Kneipen: das „Steppenwolf“ und die  „Taverne Bar“ in denen vorwiegend Transvestiten in üblicher St- Pauli-Manier die Gäste zum Trinken und Geldausgeben animierten. Aufgrund des baulichen Zustandes der Häuser ist es absehbar, das die gesamte Straßenbebauung wahrscheinlich abgerissen oder totalsaniert werden wird. In der Großen Freiheit hat sich, ausgehend von dem ständigen Zufluss thailändischer Bühnenkünstlerinnen, seit den 80ern eine dementsprechende Szene herausgebildet. Es gibt dort mehrere Stripbars und ein Bordell (Thai Paradies), in denen ausschließlich Thailänderinnen arbeiten. Laut einem Informanten sollen alle diese Läden dem gleichen Besitzer gehören. Weitergehend gab es in der Straße einen thailändischer Imbiß und an der Ecke zur Schmuckstr. die „Thai Oase“, eine Karaoke Bar mit  gemischtes Publikum, wo viele echte Karaoke-Fans ans Mikro gehen.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

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Die Prostitution im Hamburger Raum

Zuhälter und organisierte Kriminalität

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges und vor allem mit dem einsetzenden Boom des Rotlichtgewerbes kam es zu einer Wiederbelebung der Zuhältervereinigungen. Es entstanden eine Reihe der Ring-Vereine neu, so in Berlin der „Sparverein West“(1949), der „Vergnügungs- und Sparverein Louisenstadt“ (1952) und der „Lotto-Verein-Nord“ (1954) 1957 wurden 17 Mitglieder eines Berliner „Sparvereins“ wegen Gründung einer Untergrundvereinigung, Landfriedensbruch, Nötigung und Körperverletzung zu hohen Strafen verurteilt. Im gleichem Jahr wurden in Braunschweig 10 Mitglieder des Kegelclubs „Goldene Neun“ und des wiederauferstandenen  Sparvereins „Unter Uns“ zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Geschichte dieser offiziellen Zuhältervereine, die in ihrem jeweiligen Milieu verwachsen waren und in ihrer Erscheinungsform  Wert auf äußere Legalität legten und ihre Vereine und Statuten offiziell bei den Behörden anmeldeten und vorzeigten, ging in den 50er Jahren zuende. Die Zuhälterorganisationen neueren Typs unterschieden sich von diesen Ringvereinen durch eine größere Affinität zu anderen kriminellen Deliktformen und Schwer-kriminalität, durch eine starke Kommerzialisierung und betriebs-wirtschaftliche Organisation und eine erweiterte Internationalisierung von „Geschäftskontakten“

In den 60er Jahren trat die Person von Wilfried Schulz, genannt „Frieda“ im St. Pauli-Milieu erstmals in die Öffentlichkeit. Er  war in St. Pauli geboren und aufgewachsen und trat zuerst als Besitzer des Stundenhotels „Austria“ in der Talstraße in Erscheinung, bis er dann durch vielfältige Beteiligungen und Geschäftsübernahmen zu einer der einflussreichsten Personen im Milieu wurde. Er galt als der Inbegriff des „ehrenwerten Gauners“, der in seinem Revier seinen Codex durchsetzte – mit dem Faustrecht, aber ohne Waffen. Mit Freunden und Bekannten übernahm er die Gerichtsbarkeit bei Streitigkeiten im Milieu. Maßregelungen konnten von einer „Abreibung“, bis zur Zerstörung einer Ladeneinrichtung oder der Verbannung durch ein St. Pauli-Verbot gehen. 1977 veranstaltete Wilfried Schulz im Hamburger Kongresszentrum eine exklusive Boxgala, u.a. mit den Pop-Stars Roberto Blanco und Katja Epstein, die als eine der größten „Ganovenbälle“ der Nachkriegszeit galt.

Ende der 70er Jahre gerieten zwei konkurrierende Zuhältergruppen in die Schlagzeilen. Die einen firmierten unter dem Namen „GMBH“ in den Boulevardblättern, mit einem Clublokal in der Silbersackstrasse. Die andere Gruppierung unter den Namen „Nutella“. Sie hatten Anteile im Eros-Center und in der Herbertstraße und den ehemaligen „German Club“ am Spielbudenplatz als Treffpunkt. Bei der „Nutella“ stieg Anfang der 80er Jahre die deutsche Sektion der „Hell Angels“ mit ein. Symptomatisch für das Auftreten vieler Zuhälter war ein ausgeprägter Mannbarkeitsritus wie er sich auch in vielen Filmen Ende der 60er und den 70er Jahren widerspiegelte: die Fähigkeit sich mittels Faustrecht durchzusetzen, das unter Beweis stellen ihrer Potenz und das überzogene Zuschaustellen von Statussymbolen, z.b. teure Uhren, die Kleidung der Frauen (wie auch die Frauen selbst) und vor allem auffällige Autos und Motorräder.

Der Prostitutionsmarkt begann sich zu verändern. Den Bordellbetrieben und Hotels auf St. Pauli entstand eine Konkurrenz durch die ca. 300-500 Kleinanzeigen in den großen Tageszeitungen  „Bild“ und „Mopo“ mit einer klar veränderten Konsumentenhaltung des Freiers, weg von den Großbordellen, hin zu den oft serviceorientierteren kleinen Bordellen und Privatwohnungen, die über den gesamten Hamburger Raum verteilt waren. Außerdem gelangten anfangs der 80er  härtere Drogen im größeren Umfang auf den Markt, zuerst Kokain, später dann auch Heroin. Die Konkurrenzsituation verschärfte sich und interne Revierkämpfe, bzw. neue Geschäftsinteressen unter den verschiedenen Gruppierungen in St. Pauli wurden ab 1981 auch mit Waffengewalt (und Todesfolgen) ausgetragen, so dass der Codex „ohne Waffen“ auf dem Kiez keine Gültigkeit mehr hatte. 1982 beendete eine der größten Polizeirazzien der Nachkriegsgeschichte die Karriere von Wilfried Schulz. An die hundert Nachtlokale, Spielsalons und Wohnungen wurden durchsucht und „Frieda“ infolge der zusammen getragenen Beweise 1984 wegen Steuerhinterziehung und Förderung der Prostitution verurteilt. 1983 riegelten ca. 500 Beamte das Gebiet um die Club-Kneipe „Angels Palace“ im Schanzenviertel, dem Lokal der Hell´s Angel, ab und verhafteten sämtliche Anwesenden. Der Bundesinnenminister verbot den „Hell´s Angels Motor-Club e.V.“ als kriminelle Vereinigung und infolge dieses Polizeieinsatzes wurde auch die Zuhälterorganisation GMBH empfindlich getroffen – entweder unter dem juristischen Konstrukt „der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“ oder durch die Steuerfahndung. 1984 konnte durch verdeckte Ermittlungen die Nutella-Gruppe belangt werden, ihre Geschäftskonten wurden gesperrt und Verfahren wegen Steuerhinterziehung, räuberischer Erpressung und Körperverletzung erhoben. 1986 wurde mit einer weiteren Großrazzia auf dem Hans Albers Platz die Kneipe „Chikago“ durchsucht und die dortigen kriminellen Strukturen ausgehebelt. Mit diesem Großeinsatz und aufgrund des Umstandes das Claus Becker, ein Immobilienhändler und Besitzer des „Erotic Art Museums“,  ab Mitte `85 etliche Immobilien rund um den Hans Albers Platz aufkaufte, hat sich das kriminelle Milieu dort weiter zurückgezogen. Danach sollte das einheimische Milieu von St. Pauli keine weiteren populären Führungspersonen hervorbringen. Wegen der sich inzwischen allgemein abzeichnenden Krise des Rotlichtmilieus bedingt durch Aids und des zunehmenden Verfolgungsdrucks staatlicher Behörden zogen sich ehemals führende Profiteure der Prostitution ins Privatleben zurück bzw. verlagerten ihre Geschäftsbereiche.

Während in den 70ger und 80ger Jahren das Geschäft mit Prostitution und später der Drogenhandel in deutscher Hand lag, drängten in den späten 80ern und den 90ern türkische Zuhältercliquen auf den Kiez. Richtig etablieren konnten sie sich  nur zur Landseite der Reeperbahn, in der Paul-Roosen-Str. und umliegenden Straßen wie der Talstraße. Hier betrieben sie , eingebettet in einem Milieu von vielen türkische Läden und Imbissen, illegale Bordelle und Spielclubs in den Hinterhöfen, die hauptsächlich von Landsleuten frequentiert wurden und waren im Drogenhandel engagiert Nach polizeilichen Erkenntnissen soll jeder zweite türkische Betrieb in St. Pauli unter krimineller Kuratel gestanden haben. Die Polizei hob zu dieser Zeit im türkischen Rotlichtmilieu neun illegale Bordelle aus. In den 16 übrig gebliebenen sollen ca. 260 Frauen gearbeitet haben. In den sogenannten Türkenclubs arbeiteten überwiegend Frauen aus Osteuropa, oft mit illegalen Aufenthaltsstatus, allerdings nie welche aus Deutschland oder der Türkei. Die Arbeitsbedingungen dort waren schlecht, die Preise niedrig und ungeschützter Verkehr ohne Kondome wurde in diesen Clubs angeboten. Zwischen 1995-97 gab es in der Paul-Rosen-Straße und Umgebung ca. 25 dieser Clubs, die dann unter Mitwirkung einer Bürgerinitiative, der Stadtentwicklungsgesellschaft(STEG) von dem Bezirksamt und der Polizei geschlossen wurden. In den 90ern kam es zeitweise zu Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden afrikanischen und kurdischen Gruppierungen wegen des Straßenverkaufes von Drogen, die das Alltagsleben auf dem Kiez belasteten. Durch die daraufhin einsetzenden verdeckten Ermittlungen einer Sonderkommission von 50 Ermittlern konnte ein Teil der kurdischen Drogenmafia, die ihre Heimat in der Region Elazig, Bingöl und Palu hatten, verhaftet werden. Insgesamt wurden 76 Angeklagte- von den Straßenverkäufern bis zu den Residenten – zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt.

Weitere schwerwiegende Veränderungen im Milieu zeichneten sich durch den deutsch-deutschen Mauerfall und den politischen Umbrüchen in Europa ab. Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens und Albaniens kamen viele Kosovo-Albaner in den norddeutschen Raum, speziell nach Hamburg-St. Pauli. Die Albaner fielen durch ihren hohen Organisationsgrad und teilweise durch ihre Gewaltbereitschaft auf . Direkt auf der Reeperbahn sollen mehrere der Striplokale von albanischen Mittelsmännern übernommen worden sein und eine 300 Mann starke Gruppe hatte in Norddeutschland eine regelrechte „Einbruchsfirma“ betrieben. Zwischen 1994-1997 wurden 224 Kosovo-Albaner festgenommen wg. Einbrüchen, Scheckbetrug, Urkundenfälschung, Autodiebstahl und Hehlerei.

Ein Beispiel für die Einflussnahme von albanischen Interessengruppen oder auch „Ölaugen“, wie sie im Volksmund von St. Pauli genannt werden, sind die Osmani-Brüder. Burim Osmani studierte Ökonomie und kam Ende der 1970er Jahre mit seiner Familie, zu der auch seine Brüder Bashkim, Bekim und Quazim gehören, aus dem Kosovo nach Hamburg. Das später auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzte Vermögen wurde nach ihren Angaben in der Gastronomie und mit Immobilieninvestitionen erwirtschaftet. Bekannte Immobilien auf St. Pauli, die sich in ihrem Besitz befanden, waren u.a. die „Heiße Ecke“, das „Café Keese“ und das „Pupasch“ an den Landungsbrücken. Zudem war  Burim Osmani Gesellschafter von drei Immobilienfirmen, die ca. 20 Immobilienobjekte im Wert von über 40 Millionen Euro in ihrem Portefeuille hatten. Das Landeskriminalamt ermittelte gegen den Familienclan spätestens seit Ende der 80er Jahre wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die Deliktformen betrafen u.a.: illegales Glücksspiel, Geldwäsche, Betrug, Drogenhandel, Erpressung, gefährliche Körperverletzung und Waffenbesitz. Nachgewiesen konnte lange Zeit kein einziger dieser Vorwürfe. Allein 1999 wurde Burim Osmani wegen dem Verkauf gestohlener TÜV- und ASU-Plaketten zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen wegen Hehlerei verurteilt. 2004 wurde er vom Landgericht Lübeck zu 14 Monaten Haft auf Bewährung wegen Steuerhinterziehung verurteilt und 2006 wurde Burim Osmani durch das Landgericht Würzburg der Beihilfe zum Betrug beschuldigt, weswegen er kurzzeitig in Nürnberg in Untersuchungshaft einsaß. Osmani betrieb seit Januar 2004 ein Asylbewerberheim, für das die Stadt Hamburg jeden Monat 39.000 € zahlte. In einigen Artikeln der Hamburger Boulevardpresse wurde vermutet, das Hamburger Politiker den wirtschaftlichen Aufstieg des Osmani-Clans begünstigt haben sollen.

Der Rechtspopulist Ronald Schill, der sich inzwischen nach Brasilien abgesetzt hat, holte 2001 mit seiner Partei bei der Hamburg-Wahl 19 Prozent und beendete in Koalition mit der CDU die 40- jährige SPD-Herrschaft. Wolfgang Barth-Völkel ein enger Vertrauter des ehemaligen Innensenators Roland Schill und zu dieser Zeit Vorsitzender des Gesundheitsausschusses in der Hamburger Bürgerschaft, arbeitete vor seiner politischen Karriere im „Corner 57“ einem bekannten Milieu-Treffpunkt, der unter der Kuratel der Osmani-Brüder gestanden haben soll. Barth-Völkel wie Schill wurden enge Kontakte zu den Osmanis nachgesagt. Im Mai 2008 nahm das Mobile Einsatzkommando die 36 und 39 Jahre alten Brüder Burim und Bashkim Osmani in Hamburg fest.  Beide wurden im Oktober 2008 für erschlichene Millionenkredite in Höhe von dreißig Millionen Euro bei der früheren Volksbank Lauenburg, in einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Nachkriegszeit vor dem Landgericht Hamburg zu langen Haftstrafen verurteilt. Am gleichen Tag setzte das Landgericht Hamburg die Haftbefehle gegen eine hohe Kaution von rund einer Million Euro sowie strenge Meldeauflagen außer Vollzug.

Bis 2005 war ein naher Verwandter des Brüdertrios, Sefer Osmani, als Betriebsleiter des Bordells Atmos eingesetzt. Ein 2500 Quadratmeter großer FKK-Saunaclub am Großmoorring im Gewerbegebiet in Hamburg-Harburg, . Diese Immobilie wurde über fragwürdige Kredite aus Lauenburg finanziert. 3,5 Millionen Euro sollen nach einer Anklageschrift gegen Osmani in das Bordell geflossen sein. Juni 2009 wurde beim „Atmos“  auf einen stadtbekannten Zuhälter geschossen. Ein Schwager von Burim Osmani, Sadri Lipai, von der Boulevardpresse unter dem Namen „Albaner-Toni“ gehandelt, war offiziell Besitzer eines Bordells am Süderstraßen-Strich und soll diesen faktisch kontrolliert haben. März 2008 eskalierten Territorialstreitigkeiten verschiedener Gruppierungen um den Straßenstrich und die Steigen in Hammerbrook in einer Schießerei, bei der eine Person mit einem Knieschuss niedergestreckt wurde.

Ab 1991 kommt es zu  mehreren Mordanschlägen als Folge von Auseinandersetzungen zwischen jugoslawischen, türkischen, deutschen, später dann albanischen Zuhältergruppen, bei denen es u.a. um den  Straßenstrich Süderstraße ging und wobei mehrere Unbeteiligte ums Leben kamen. Diese neue Gewaltbereitschaft  hatte auch Auswirkungen auf die Club- und Diskothekenszene. 1994/5 kam es nach Auseinandersetzungen vor verschiedenen Diskotheken zu mehreren Toten und Verletzten, in dessen Konsequenz  die Türsteher aufrüsteten. Ein klares Zeichen dass die Gewalt sinnlos eskaliert war.

Das Einschleusen von Mädchen und Frauen, ein Bereich wo die Grenzen zum Menschenhandel oft fließend sind, verlagerte sich von den thailändischen Frauen in den 70er und 80er Jahren auf den osteuropäischen Sektor – viele Polinnen, aber auch Bulgarinnen, Rumäninnen und russische Frauen arbeiten inzwischen, oftmals unter Tarif, in den Bordellen und Animierlokalen. In den Rotlichtkneipen St. Georgs, dem Straßenstrich Hammerbrocks und den Großbordellen der Reeperbahn sind viele osteuropäische und russische Frauen anzutreffen und es ist anzunehmen, dass inzwischen dementsprechende russische Organisationen im Milieu vertreten sind. Von Mitte der 90er-Jahre bis 2005 blieb es vergleichsweise ruhig in St. Pauli, bzw. im Hamburger Rotlichtmilieu. Die Geschäftsleute dieses Metiers hatten ihre einzelnen Reviere abgesteckt und waren bemüht geschäftsschädigende Schießereien und Messerstechereien durch vorbeugende Gesprächsrunden zu ersetzen.

An der Herbertstraße und auf dem Straßenstrich in der Davidstraße arbeiten hauptsächlich deutsche Prostituierte, die von deutschen Zuhältern kontrolliert werden. 1997 sollen dies insgesamt 7 verschiedenen Gruppen gewesen sein, die sich aus 200 Zuhältern mit ca. 400 Prostituierten zusammensetzten. 2005 ist nach langer Zeit erstmals wieder eine Hamburger Zuhältergruppe in das Licht polizeilicher Ermittlungen und der Öffentlichkeit geraten. Ausgelöst durch Revierstreitigkeiten um die Herbertstraße mit einer Schießerei, kam es in Folge zu zwei großen Polizeieinsätzen mit jeweils über 400 Beamten. Eine Vielzahl von Privatwohnungen, Bordellen, das Lokal „Rotlicht“ am Hans Albers Platz und die Spielhalle „Vegas World“ auf der Reeperbahn wurden durchsucht und insgesamt 20 Haftbefehle vollstreckt. Laut Angaben der Polizei handelte es sich bei der „Hamburger Gruppe“ bzw. „Marek-Gruppe“  um eine ca. 85 Mann starken Gruppierung, die 140 Frauen in 14 Bordellen und Absteigen kontrolliert haben soll. Der Gesamtumsatz im Zeitraum 2001 – 2005  wurde auf 27 Millionen Euro geschätzt. Das erreichbare Vermögen, inklusive Sachwerten wie Automobile, wurden von der Finanzermittlungsdienststelle eingezogen. Im April 2007 wurden die Angeklagten der „Marek-Gruppe“ u.a. wegen gewerbsmäßigen Menschenhandels, Zuhälterei und Körperverletzung zu Bewährungsstrafen zwischen 14 und 28 Monaten verurteilt. Der Vorstandsvorsitzende Carsten Marek wurde zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nur ein Einziger der Beklagten musste für 2,5 Jahre in Haft.

Seit 2005 werden Konkurrenzien  im Milieu wieder verstärkt mit Waffengewalt ausgetragen. Ende Dezember 2005 kam es in der Maxstraße zu Auseinandersetzungen zwischen Russen und Afghanen, sowie Angestellten des betreffenden Bordells, bei der Schusswaffen und Messer eingesetzt wurden. Tage darauf wurde  ein Hamburger Zuhälter in seinem Bordell im Hamburger Stadtteil Eilbek verhaftet. Er hatte acht Wohnungen an osteuropäische Frauen vermietet. Dem Mann wurde „Schleusung“, also Verstöße gegen das Ausländergesetz vorgeworfen. Zusammen mit ihm wurden elf osteuropäische Prostituierte aus dem Etablissement in der Maxstrasse abgeführt. Bereits 1998 gab es in diesem Milieu Auseinandersetzungen: eine Ukrainerin, die zuletzt als Prostituierte in einem Appartement an der Maxstraße arbeitete, wurde tot im nahe gelegenen Eilbektal-Park gefunden. Im gleichen Jahr entging der besagte Zuhälter, der angeblich gute Geschäftskontakte zu Albanern unterhält, knapp einem Anschlag mit einer Autobombe. Februar 07 schoss ein Zuhälter im Großbordell Laufhaus ein Mitglied der Hells Angels nieder. Ein halbes Jahr später kam es zur Schießerei in dem Wandsbeker Bordell „Tropicana“. Im Dezember 07 lieferten sich zwei rivalisierende Gruppierungen einen Schusswechsel in Jenfeld. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung war im März 2008 eine bewaffnete Auseinandersetzung in Hammerbrook, wo es um Territorialstreitigkeiten um den dortigen Straßenstrich ging. Die Polizei nahm mehrere Personen fest und stellte u.a. eine Maschinenpistole sicher. Aufgrund der folgenden Presseberichterstattung und der beunruhigten Öffentlichkeit wurde noch im gleichen Monat eine neue Sonderkommission der Polizei ins Leben gerufen.

Spiegel Nr. 50/ 8.12.1997, „Kampf um die Reeperbahn“,  Seite 86-107

Hamburger Abendblatt 9/10. Juli 2005, S.1,  „Razzia in der Herbertstraße“

Amelunxen Clemens, 1967, „Der Zuhälter – Wandlungen eines Tätertyps“, Kriminalistik – Verlag Hamburg

Arndt Ute, Thomas Duffe, Bernd Gerstäcker, 1995, „St Pauli – Gesichter und Ansichten vom Kiez“, Historika Photoverlag, Hamburg

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Straßenstrich, Modellwohnungen und Bordelle

1978 wurden die zur Verfügung stehenden Zwangsmaßnahmen zugunsten liberalerer Verfahrensweisen eingestellt. Der bloße Verdacht auf Prostitutionsausübung reichte nicht mehr aus um Frauen zur Zwangsuntersuchung zu verpflichten. In Folge wurden die Maßnahmen der „Zuführung terminsäumiger Frauen“, damit zusammenhängende Fahndungen und zwangsweise Krankenhauseinweisungen stark eingeschränkt. Weitergehend wurde die 1969 eingeführte Kontrollkarte, der sogenannte „Bockschein“ wieder abgeschafft und Frauen, die ihren Wohnsitz außerhalb Hamburgs verlegten, wurden aufgrund eines Schweigepflichtgebotes nicht mehr an die dortigen Gesundheitsämter weitergemeldet. Durch diese Liberalisierung nahm die Anzahl der registrierten Frauen im Zeitraum 1978 bis 1983 um ca. 40% ab. 1978 hatte die Zahl der registrierten Frauen noch bei über 2000 gelegen. 1987, unter der Diktion einer wirksamen Bekämpfung von Aids, ist die Untersuchungspflicht ganz weggefallen. Die Untersuchungen werden seitdem freiwillig und anonym durchgeführt. Das Angebot der Beratungsstellen wurde im medizinischen und im sozialfürsorgerischen Bereich erweitert und auf männliche Prostituierte ausgeweitet. Bundesweit erfolgte die generelle Abschaffung erst 2001.

In der ersten Hälfte der 90er sind in Hamburg rund 4000 Prostituierte der Polizei bekannt, der damalige Dienststellenleiter des Milieudezernates schätzte aber, dass ca. 8000 Frauen in Hamburg als Prostituierte arbeiteten. Prostitution findet nicht nur in St. Pauli und St. Georg statt. In jedem Stadtteil gibt es Bordelle, kleinere Etablissements und Modellwohnungen, die einen großen Teil der Prostitution in Hamburg ausmachen. Seitens des Hamburger Milieudezernates wurde in sechs Kategorien unterschieden: Prostitution auf dem Autostrich, in Sexclubs, Absteigen, Appartements, auf der Straße und in Türkenclubs. Zu dieser Zeit sind in St. Pauli 300 Frauen auf dem Straßenstrich registriert, in St. Georg sogar 700. In ca. 75 Sexclubs boten 1200 Prostituierte ihre Dienste an und ca. 1500 Frauen arbeiteten in Absteigen und 600  schafften in Appartements an. Nach einer Erhebung der Hamburger Kriminalpolizei aus dem Jahr 1998 soll aufgrund des polizeilichen Drucks die Zahl der Prostituierten von 6000 auf 4300 zurückgegangen sein und der monatliche Umsatz der Prostituierten sich von 25 Millionen Mark auf 15 Millionen reduziert haben. Die Beratungsstellen für Prostituierte schätzten die Zahl mit weiterhin 6000 allerdings weitaus höher ein als die offizielle Statistik. Nach Angaben des Landeskriminalamtes für organisierte Kriminalität vom Juni 2001 arbeiteten 3.700 Frauen als Prostituierte, wobei der Anteil der Ausländerinnen 52% betrug. In St. Georg, wo die Beschaffungsprostitution weit verbreitet ist, arbeiteten 660 Frauen.  In Clubs und Modellwohnungen arbeiteten 2.300 Frauen , davon 1500 mit illegalen Status und in St. Pauli ca. 500 Frauen, überwiegend mit legalem Status. Der täglicher Umsatz wurde auf 375.000 bis 500.000 Euro geschätzt, der monatlicher Umsatz auf 12,5 Mio Euro.

1997 zählte das Magazin der „Spiegel“  in St. Pauli  32.000 Einwohner,  450 Lokale, von denen 100 dem kriminellen Milieu zugerechnet wurden. 32 Diskotheken und Live Musikclubs, 6 Theater, 4 Museen. 22 Spielhallen, 2 Leihhäuser, 17 Sexläden, 5 Sadomaso-Treffs, 5 Stripbühnen, 4 Kopulationstheater und 52 Bordelle.

Laut der Zeitschrift „Szene Hamburg“ waren 1999/2000 in Hamburg 4500-5000 Prostituierte fest im Gewerbe, davon ca. die Hälfte Migrantinnen, überwiegend aus osteuropäischen Ländern.

2005 waren in Hamburg ca. 2325 Frauen bekannt, die in der Prostitution arbeiten, davon mehr als die Hälfte Ausländerinnen, ca. 300 mit illegalen Aufenthaltsstatus. Es gab zu diesem Zeitpunkt rund 290 bekannte Häuser mit ca. 350 Modellwohnungen, 40 Clubs, darunter 6 Edelbordelle, 7 SM-Clubs, 8 Swinger-Clubs und 2 Billigclubs. 59 Absteigen, überwiegend in St. Pauli und außerdem in St. Georg und der Süderstraße, 4 Laufhäuser und 53 andere Objekte wie Sexshops, Sexkinos und Animierlokale.

Viele Frauen wurden in Bordelle oder Großhäuser wie das „Laufhaus“ gedrängt, so dass der Zugriff für Zuhälterorganisationen und Bordellpächter erleichtert wurde. Eine durchschnittliche Zimmermiete betrug vor der Euroeinführung im Großbordell auf der Reeperbahn 110DM täglich. Dazu 20DM Trinkgeld(Tip) für den Wirtschaftler, 30 DM pro Tag für Präservative, frische Handtücher, Bettwäsche etc. und 10 DM fürs Essen. Tagesfixkosten in Höhe von 170 DM. Außerdem besteht in vielen Bordellen ein Getränkezwang zu überhöhten Preisen, der abhängig ist von der Höhe der Bezahlung durch den Freier (z.b. bei 50 DM Freierentgelt müssen zwei Getränke a´12DM abgenommen werden) Diese Getränke muss die Frau bezahlen, unabhängig davon ob der Kunde Getränke haben will oder nicht.

In den Clubs sind die Frauen prozentual am Getränkeumsatz beteiligt. Die Preise liegen bei einem Bier zwischen 6 bis 12 €, bis hin zu einer Flasche Champagner für 300€. Die sexuellen Angebote werden oft indirekt, über den Kauf der teuren Alkoholika abgewickelt, müssen dann aber in der Regel extra bezahlt werden. Als Kupplergeschäft und Förderung der Prostitution war diese Form des getarnten Sex-Angebotes zwar strafbar, wurde aber kaum unterbunden.

Für Straßenprostituierte gilt nach wie vor die Sperrgebietsverordnung von 1982, nach der das Anschaffen auf der westlichen Seite der Davidstraße, auf dem Hans-Albers-Platz und in der Friedrichstraße zwischen 20.00 abends und 4.00 morgens erlaubt ist. Auf dem Autostrich an der Süderstraße liegen die Zeiten zwischen 20.00 und 6.00 morgens. Außerhalb dieser festumrissenen Gebiete und Zeiten begehen Prostituierte, wenn sie ihrem Geschäft in der Öffentlichkeit nachgehen, formell eine Ordnungswidrigkeit, der aber oft nicht nachgegangen wird – zumindestens wird die Straßenprostitution in St. Georg am Steindamm und in den Seitenstraßen(Elmenreichstr., Bremer Reihe, Steintorweg, bis hin zur Brennerstr.) hinter dem Schauspielhaus weitgehend geduldet, obwohl das Quartier schon 1961 zum Sperrgebiet erklärt wurde. Prostituierte sind dort bereits vereinzelt ab 8 Uhr morgens auf dem Straßenstrich anzutreffen, verstärkt dann um die Mittagszeit, bis in den späten Abend. Ein Teil der Frauen haben  ihren festen Stammplatz  und Stammkunden, Andere wiederum arbeiten nur sporadisch auf dem Strich. In der Regel werden die vielen Stundenhotels frequentiert. Einige Frauen sind erheblich älter als ihre Kolleginnen in der Davidstr. oder in Hammerbrook, es gibt aber auch viele junge Frauen. Zur Zeit als der Hansaplatz Treffpunkt der Drogenszene war, soll laut Einschätzung des Hilfsprojektes „Cafe Sperrgebiet“(1992) die Anzahl von drogenabhängigen und minderjährigen Frauen, die anschaffen gingen, bei 200-300 gelegen haben. Inzwischen ist sie zurückgegangen. Neben dem Straßenstrich existieren vor allem in der Bremer Reihe eine Anzahl von Nachtbars mit Animierdamen, einem hochpreisigen Getränkesortiment und verdeckter Prostitution. Am Steindamm, der ehemaligen Einkaufs- und Amüsiermeile St. Georgs vor dem 2. Weltkrieg, dominieren Sex-Shops, Videoshows und türkische Imbisse und Gemüseläden

Der ursprüngliche Straßenstrich am Fischmarkt wurde anfangs der 80er Jahre im Zuge der Hafenrandsanierung in das Gewerbegebiet an der großen Elbstraße verlegt und ist inzwischen wegen der stadtplanerischen Maßnahmen so gut wie nicht mehr existent und hat sich weitgehend nach Hammerbrook verlagert Der Straßenstrich Süderstraße, der deutlichen Abstand zum Wohngebiet hält, beschränkt sich auf den Straßenabschnitt im Gewerbegebiet zwischen Ausschläger Weg, Hammer Deich (Shell-Tankstelle) bis zum Borstelmannsweg, das Nachts vollkommen menschenleer ist. Viele der Frauen schaffen dort mit eigenen Wagen oder Wohnwagen an, erledigen ihren Job im Wagen des Kunden, oder nutzen nahe gelegene Absteigen. Viele Osteuropäerinnen und Russinnen arbeiten auf diesem Strich

Nach Angaben des Hamburger Landeskriminalamt 242 soll der monatliche Durchschnittsverdienst einer Frau zwischen 5000 – 30 000 Mark gelegen haben, je nachdem ob sie auf dem Straßenstrich, im Sexclub, Appartement oder im Edelbordell arbeitet. Den Frauen die allerdings nicht selbstständig arbeiten, sollen davon höchstens 20% bekommen, der weitaus größere Teil geht in die Hände der Vermieter, Clubbesitzer und Zuhälter. Nach polizeilichen Erkenntnissen arbeiten in Hamburg ca. 80% der Frauen für Zuhälter, ein weitaus höherer Prozentsatz als in vielen anderen deutschen Großstädten, wie z.b. Frankfurt oder München. 1600 Zuhälter sind der Polizei bekannt. Mit der Euro-Einführung und der zunehmenden osteuropäischen Konkurrenz haben sich die Tarife weiter verschlechtert. Die billigste „Nummer“ gibt es nach den Erfahrungen von Szene-Kennern schon für 25 bis 30 Euro. Nur noch wenige Frauen kommen heute abzüglich der Zimmermiete auf 300 Euro pro Tag, früher waren bis zu 1000 Mark üblich.

Emilija Mitrovic „Prostitution in Hamburg – ein lukratives Geschäft für wen?“

von Dücker  Elisabeth, 2005, „Sexarbeit : Prostitution – Lebenswelten und Mythen“, Edition Temmen, Bremen

Migrantinnen im Prostitutionsgewerbe

Hamburg hat sich nach der EU-Osterweiterung in einem noch größeren Stil zum Umschlag- und Einfuhrplatz sexueller Dienstleistungen und des internationalen Frauenhandels entwickelt. Laut Angaben des LKA Hamburgs handelte es sich bei den Schleusern vor dem deutsch-deutschen Grenzfall, „um Einzelpersonen aus dem Milieu, die sich untereinander alle kennen“. Die Frauen wurden in ihren Heimatländern kontaktiert, man stellt ihnen gute Verdienstmöglichkeiten in Aussicht und besorgt ihnen ein Touristen-, oder Künstlervisum (seitdem 1989 die vorherige Visumspflicht aufgehoben wurde und ein auf drei Monate beschränktes Visum zur Einreise genügte) und vermittelt sie danach an interessierte Club- oder Bordellbesitzer. Die Vermittlungsgebühren betrugen ca. 10 000 Mark; 5000 Mark für die Vermittlung, 5000 für die entstandenen Unkosten wie Flugticket, Transfer und Unterbringung. Diese Summe war von den Frauen in monatlichen Raten abzuarbeiten. Viele der männlichen „Schleuser“ waren mit ausländischen Frauen verheiratet. Rund 1000 ausländische Frauen waren zu der Zeit bei der Hamburger Kripo als Prostituierte registriert. Thailändische Frauen bildeten mit einem Drittel die größte Gruppe. In St. Pauli sind sie, jenseits der Großbordelle und Appartement in der Großen Freiheit, in den dortigen thailändischen Sexclubs, dem Bordell  und der Karaoke-Bar anzutreffen.

Als zweitgrößte Gruppe galten die Südamerikanerinnen, und dann die Osteuropäerinnen, die inzwischen allerdings, im Zuge der Entwicklung der letzten Jahre, die größte Gruppe stellen. Für Frauen aus Drittweltstaaten gibt es drei Möglichkeiten legal nach Deutschland einzureisen; als Ehefrau, Touristin oder Künstlerin. Das Künstler- oder Tänzervisum wird von den deutschen Auslandsvertretungen im Herkunftsland ausgestellt und führt, im Gegensatz zum Touristenvisum, in der Regel zur Bewilligung einer Arbeitserlaubnis und damit zur Aufenthaltsgenehmigung. Die Ehe mit einem deutschen Mann wird aufgrund der vielen Scheinehen behördlicherseits stark kontrolliert. Die eheliche Lebensgemeinschaft muss mindestens 4 Jahre halten, für das Zusammenleben in einer Wohnung und den ehelichen Vollzug müssen Beweise erbracht werden. Kündigt der Mann die Ehe auf, verliert die Frau ihr Aufenthaltsrecht und wird, wenn sie nicht vorher untertaucht, abgeschoben. Ohne gültige Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung sind die Frauen ihrem Arbeitgeber dann oftmals so gut wie ausgeliefert.

Schleuser- und Zuhälterringe organisierten die Prostitution zunächst in den sogenannten Billigclubs. Viele osteuropäische Frauen arbeiteten unter schlechten Bedingungen in solchen Clubs in den Nebenstraßen von St. Pauli, die bis 1997 Laden für Laden vom Ordnungsamt und der Polizei geschlossen wurden. Gleichzeitig wuchs die Modellwohnungsprostitution, die für die Strafverfolgungsbehörden schwerer zugänglich war, überproportional an. Die Anzahl der polizeilich bekannten Wohnungen stieg von ca.50 (1990) auf ca. 900 (Ende 1997) an. Auf den zunehmenden organisierten Menschenhandel mit Zwangsprostitution reagierte die Polizei 1997 mit dem „Bekämpfungskonzept Modellprostitution“, das zu einem Schwerpunkt der Ermittlungstätigkeit des Landeskriminalamtes (LKA) 731 wurde. In der Apartmentprostitution waren hauptsächlich osteuropäische und lateinamerikanische Frauen involviert.  In den folgenden Jahren ging die Polizei verstärkt gegen die illegale Prostitution und denen mit ihr zusammenhängenden Strukturen der organisierten Kriminalität vor. Im Jahr 2003 wurde das „Bekämpfungskonzept Menschenhandel“ erarbeitet. Wesentliche Ziele dieses Konzeptes ist die Bekämpfung des Menschenhandels, die Verbesserung der Situation der Prostituierten und vor allem die Abschöpfung der kriminellen Organisationen durch Beschlagnahmung und Einziehung der Vermögenswerte. Bis Anfang 2005 wurde im Rahmen dieses Konzeptes die Zusammenarbeit mit „Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel (KOOFRA)“  intensiviert und in rund 60 Groß- und mehreren Einzelverfahren wurden über 200 Täter verurteilt.

-In einem Großverfahren zur Bekämpfung der Prostitution in der Modellwohnungsszene wurde 1998 gegen 9 Beschuldigte wegen des Verdachts der Mitgliedschaft bzw. Unterstützung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Die Beschuldigten unterhielten insgesamt 86 Modellwohnungen, in denen zeitweise 100 – 130 osteuropäische und südamerikanische Frauen arbeiteten.
-1999 wurde die sogenannte „Trinitas“-Bande zerschlagen, die mehrere Wohnblocks in verschiedenen Hamburger Stadtteilen komplett in Modellwohnungen umgewandelt und dort 175 Prostituierte untergebracht hatte
-Im gleichen Jahr wurde in einer Großaktion gegen eine Gruppierung die den Straßenstrich um die Süderstr. kontrollierte, insgesamt 19 Wohnungen und 8 Bordelle durchsucht, mehrere Bordelle geschlossen und 4 Personen verhaftet. Der Hauptangeklagte, der Mazedonier Musa A zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Der Mazedonier hatte im Zeitraum 1994 –1997 fast alle Bordelle, bzw. Absteigen im Bereich der Süderstr. „übernommen“ und soll die Arbeitsmodalitäten von rund 300 Prostituierten bestimmt haben.
– Im Jahr 2000  wurde eine Sektion der „Hells Angels“ verhaftet und angeklagt, da sie die Übernahme mehrerer Großbordelle auf Hamburgs Reeperbahn planten. Im gleichen Zeitraum wurde ein Großverfahren gegen eine Gruppe russischer Menschenhändler und Zuhältern abgeschlossen.
-2002 kam es zu einer Razzia im „Club 77“ an der Holstenstraße (Altona) und im Rotlichtmilieu St. Georgs zu einer größeren Durchsuchung, an der über 140 Beamte und die Ausländerbehörde beteiligt waren. Infolgedessen wurden drei Polen wegen Schleusung und „dirigistischer Zuhälterei“ angeklagt. Drei der vier Nacht-Bars(Preise für ein Bier 8€ und für eine Flasche Sekt 130€), die in den Straßen um den Hansaplatz lagen, wurden geschlossen und 10 von 35 festgenommenen Prostituierten nach Polen zwangsausgewiesen
-Januar 2009 kam es zu einer konzertierten, zeitgleichen Aktion von MEK und SEK in Hamburg und Bremen, sowie von vergleichbaren Spezialeinheiten (SIC) im rumänischen Braila, bei der neun Rumänen verhaftet wurden. Ihnen wird Menschenhandel, Zuhälterei, Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger, Körperverletzung und Vergewaltigung vorgeworfen. Diese rumänische Zuhältergruppe soll seit mindestens 2005 Frauen, überwiegend aus dem rumänischen Constanta nach Deutschland gebracht haben, wo sie, zum Teil unter Zwang, als Prostituierte arbeiten mussten. In Hamburg geschah dies in Modellwohnungen in Harburg, Wilhelmsburg, Eilbek und Tonndorf, sowie auf dem Straßenstrich im Stadtteil St. Georg. Dort wurden den Frauen feste Standorte in der Bremer Reihe und am Hansaplatz sowie ein Stundenhotel zugewiesen. Bei der Arbeit wurden sie aus einem angrenzenden Lokal und einem Internetcafé heraus überwacht.

Inzwischen ist die Anzahl der Modellwohnungen auf ca.  400  reduziert worden. Viele Frauen wichen zunächst auf den Straßenstrich in St. Georg und dann an den der Süderstraße in Hammerbrook aus, oder arbeiteten in einen der rund 40 Hamburger Sex-Clubs. Durch das verschärfte Vorgehen der Hamburger Polizei mit massiven Kontrollen und Razzien seit Ende der 90er gegen die Drogenszene und dann gegen den Strich und die Clubszene von St. Georg, schafften die Frauen verstärkt verdeckt an und viele Prostituierte sind von dort in die Süderstraße abgewandert. 2005 wurden in der Hamburger Presse Pläne diskutiert, wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation traditionelle Prostitutionseinrichtungen wie die Herbertstraße teilweise in Musikclubs und Gastronomie umzuwandeln, weil die Erträge aus der Prostitution für alle Beteiligten real sinken. Tagsüber sind nur noch sehr wenige Kunden in der Herbertstr., andererseits beginnt sich der Straßenstrich langsam  wieder an der Silbersackstraße und  Erichstraße auszubreiten. Der Autostrich an der Süderstr. hingegen wird stark frequentiert. Für ein Großteil der Frauen existieren  allerdings schlechte Arbeitsbedingungen: reine Nachtarbeit, sexuelle Dienstleistung im Auto/LKW und auf sogenannten „Stichplätzen“, wenig sanitären Anlagen und Kondomzugänge und niedrige Tarife für die sexuelle Dienstleistung aufgrund des Konkurrenzdrucks.

Im Frühjahr 2009 eröffnete in Hamm-Süd ein Groß-Bordell für 130 Prostituierte, dem weitere folgen sollten. In direkter Nähe bestehen bereits fünf Bordelle und Beherbergungsbetriebe. Dies stieß bei den Bewohnern des Osterbrookviertels auf großen Widerstand, worauf der Hamburger Bezirk Mitte einen neuen Bebauungsplan für den Stadtteil Hamm-Süd aufstellte, der die Ansiedlung neuer Bordelle verhindern soll. Gleichzeitig lässt der Bezirk Wohnmobile von Prostituierten entfernen. Nach neuesten Plänen soll der Straßenstrich von der Süderstraße ins Industriegebiet Buller Deich in Hammerbrook verlegt werden. Auch in Wandsbek protestierten rund 1000 Menschen mit ihren Unterschriften gegen die Planung eine neuen Großbordells, sowie einem bereits genehmigten Etablissement an der Angerburger Straße. Antragsteller für dieses Bordell mit 20 Zimmern ist der Betreiber der Bordellkette „Geizhaus„.

„taz“, Bd.14, 1992, Nr. 3679 vom 10.4., Seite 23,  Redakteurin Sannah Kirch

Hamburger Rundschau Nr.6, 2.2.1995, Seite 4-7,   Redakteurin Petra Bäuerle

Szene Hamburg, 26 Jahr, Nr.11, November 1999 „Beruf Hure – Anschaffen auf Lohnsteuerkarte“, Seite 27-34

http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=11042
http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/Hauptseite

Hamburger Initiativen und Organisationen

Die Zentrale Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten (Max-Brauer-Alle 152) bietet Informationen zu – sowie Untersuchungen und Behandlungen von sexuell übertragbaren Erkrankungen an. Über 90% der Klientel der Zentralen Beratungsstelle sind Frauen aus Osteuropa, Lateinamerika, Afrika und Asien, weswegen Informationen und soweit es geht Beratungen in den Sprachen: englisch, russisch, polnisch, bulgarisch, spanisch und  rumänisch angeboten werden. Es besteht die Möglichkeit einer kostenlosen Untersuchung bei Tripper(Gonorrhoe)  und Syphilis,  anonymen und kostenlosen HIV-(AIDS) Antikörpertests , Hepatitis-Antikörpertest mit anschließender Möglichkeit zur Impfung,  Schwangerschaftstests und Krebsvorsorgeuntersuchungen. Sowie weitere kostenfreie Untersuchung und Behandlung mittels Privatrezept bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Zentrale Beratungsstelle für sexuell übertragbare Erkrankungen und die AIDS Beratung am Bernhard-Nocht-Institut wurden April 2008 zum neuen Beratungszentrum „CASA blanca“ zusammengeführt.

Die Kaffeeklappe, (Mitternachtsmission St. Pauli/ Diakonisches Werk Hamburg) in der Seilerstraße 34, St. Pauli bietet seit 1973 Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution, Hilfe beim beruflichen Neustart, Beratung und Begleitung bei Behördenangelegenheiten, Gesundheitsaufklärung und ist über die Teestube Sarah in der Straßensozialarbeit engagiert.

Die Teestube Sarah ist eine christliche Initiative, die bereits vor 25 Jahren von einem Werftarbeiter gegründet wurde, dessen frühere Privatwohnung am Hans-Albers-Platz den Sitz dieser Teestube stellt. Die ca. 15 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen gehen ein- bis zweimal wöchentlich die verschiedenen Hamburger Straßenstrichs ab und verteilen kostenlos Getränke, Süßigkeiten und Kondome und suchen das Gespräch und den Kontakt mit den Prostituierten.

Die Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel(KOOFRA
) gibt es seit 1999. Ein eingetragener, gemeinnützig anerkannter Verein, der überwiegend durch die Freie und Hansestadt Hamburg finanziert wird. Die Zielsetzung des Vereins ist es vom Frauenhandel betroffene Frauen und Mädchen über ihre Rechte zu informieren, sie weitergehend psychosozial zu betreuen und ihnen den Ausstieg zu ermöglichen. Hierzu kann u. .a  die Unterbringung an einem sicheren Ort, eine Prozessbegleitung und Hilfe bei der Rückkehr ins Heimatland gehören. Im Rahmen der Zeuginnengewinnung als notwendiger Bestandteil der Beweisführung hat die Zusammenarbeit mit der Polizei an Bedeutung gewonnen. KOOFRA betreut die betroffenen Frauen und bietet denen, die sich entschieden haben in einem Gerichtsverfahren auszusagen, weitergehende Hilfestellungen.        http://www.koofra.de/de/kontakt.html

Amnesty for Women (Grosse Bergstr. 231, Altona) besteht seit 1986. Es ist keine Organisation dessen Arbeit speziell auf Sexarbeiterinnen ausgerichtet ist, sondern hat als Ziel die soziale und rechtlich Situation von emigrierten Frauen zu verbessern. Aber ca. 40% der Frauen, die Kontakt zu Amnesty for Women aufgenommen haben, hatten bereits Erfahrungen in der Sexindustrie gemacht. Zu den Angeboten dieser Organisation gehört eine rechtliche und gesundheitliche Beratung, der Aufbau von Multiplikatoren und kontinuierliches Streetworking. Sie bieten unter dem Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe ein umfangreiches Beratungs-, Begleitungs-, Betreuungs- und Weiterbildungsangebot.

Raggazza e.V.( Brennerstraße 81 / 12 Mitarbeiterinnen)  wurde 1991 als gemeinnütziger Verein gegründet um Beschaffungsprostituierte zu unterstützen. Der Verein arbeitet im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg und bietet drogenabhängigen und sich prostituierenden Frauen Beratung und Überlebenshilfen an. Dazu gehören Strassensozialarbeit, Spritzentauschprogramme, die Möglichkeit medizinischer und hygienischer Versorgung, gesundes Essen und das Angebot von Schlafmöglichkeiten. Ein ähnliches Angebot bietet das Café Sperrgebiet in St. Georg an, eine Einrichtung des Diakonischen Werkes, welche seit 1985 existiert.

Der Trägerverein BASIS e.V. kümmert sich um männliche Jugendliche und junge Erwachsene, die „auf der Straße leben“ und sich häufig im Bereich des Hamburger Hauptbahnhofes aufhalten, wo Drogen und Prosititution zum Alltag gehören. Der Verein bietet medizinische Hilfe, Übernachtungsmöglichkeiten und ein auswärtiges Ferienhaus als Kriseninterventions- und Freizeitprojekt.

Tampep ist ein aktives Interventions- und Forschungsprojekt für Präventionsarbeit im Gesundheitsbereich für migrierte Sexarbeiterinnen mit 19 Partnerorganisationen in west/-mittel- und osteuropäischen Ländern. In Hamburg ist Tampep im speziellen im Bereich der Appartmentsprostitution aktiv, der Träger ist „Amnesty for Women“, finanziert wird dieser Projektzusammenhang  über eine Regelung mit dem Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz

10
Feb
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Sexuelles Entertainment auf St. Pauli im Detail

(z.T. Stand 2005)

Striptease

In St.Pauli, auf der Reeperbahn/Landseite gibt es noch ca. 10 Life-Shows. In der „Großen Freiheit“, dem Aushängeschild St. Paulis, sind die meisten Live-Cabaretts durch Diskotheken und Musikclubs verdrängt worden. Die  nennenswerten Etablissements lassen in ihren Shows selten eine Rückbesinnung auf die Kultur der Burleske erkennen. Daneben gibt es auf der ganzen Reeperbahn eine Mehrzahl von Peep-Shows, entweder als eigenständigen Laden oder als Bestandteil des Angebotes der vielen Sexshops.

In der Großen Freiheit bieten die Clubs “Dollhouse”, “Safari”und “Susies Stripbar” Live-Shows an, wobei dem Safari als einzigem Etablissement noch dem Begriff „Kabarett“ gerecht wird. Die durchgängige Bestuhlung mit kleinen Tischen auf zwei Ebenen für ein Publikum bis ca. 200 Zuschauern ist auf  die 1 Meter erhöhte Theaterbühne ausgerichtet. Der Eintritt liegt bei 20 €, in dem ein normales Getränk inbegriffen ist. Die Show dauert zwischen 1,5-2 Stunden und wird zumindestens an den Wochenenden durchgängig wiederholt. Sie setzt sich aus verschiedenen Acts zusammen: verschiedene Frauen treten einzeln mit ihrer Stripteasenummer auf, kombiniert mit Musik und Gesang, der allerdings ausschließlich als Playback läuft. Das Bühnenbild und die Kostüme sind teilweise sehr aufwendig. Höhepunkt und Abschluss bildet ein Bühnenkoitus. Susies Stripbar ist ein kleines Lokal mit einer runden Drehbühne im Zentrum, die auf gleicher Höhe wie die umfassenden Sitzgelegenheiten liegt. Es gibt mehrere im Halbdunkeln liegende separeeähnliche Sitzgelegenheiten, ein DJ-Pult mit Ansager und eine kleine Bar mit einem hochpreisigen Getränkesortiment. Pro Abend strippen im ständigen Wechsel 5-8 Frauen auf der Bühne, das tänzerische Repertoire aller Frauen ähnelt sich, bzw. gleicht sich nach der Zeit der Einarbeitung an. Über den normalen Striptease hinaus werden von einzelnen Frauen auch Dildo-Shows oder lesbische Nummern angeboten, desöfteren werden auch Gäste auf die Bühne geholt. Diese Bar hatte sich bis zum Um- und Ausbau 2005 noch etwas von dem alten Charme des St. Pauli-Milieus erhalten und die Atmosphäre war geprägt von der Nähe zu den Darstellerinnen, deren Hauptaufgabe neben den Tanznummern in der Getränkeanimation liegt.

Das Dollhouse, in den Räumen des ehemaligen „Salambo“, vertritt ein modernes, amerikanisches Konzept des Striptease. (keine Genitalshow, keine Berührungen) Auf der zentralen Hauptbühne findet ein Hauptprogramm statt und die Gäste können außerdem zwischen verschiedene Acts, von männlichen wie weiblichen Darstellern wählen, die dann separat auf ihrem Tisch tanzen. Dem Betreiber Andreas Schenktat ist es gelungen die Grenze zum Publikum der Diskotheken und Musikclubs zu durchbrechen, die neben ungewöhnlich vielen Frauen einen Großteil des Publikums stellen. Das Dollhouse hat zusätzlich das Restaurant „Dollhouse Dinner“ im ehemaligen Kabarett „Tabu“ und eine Bar in der Großen Freiheit eröffnet und betreibt inzwischen Filialen in Berlin und Köln. Im März 2005 fand mit knapp 200 Beamten eine Razzia in den verschiedenen Lokalitäten der Dollhaus-Kette statt. Dem Geschäftsführer, wie dem Dollhousegründer Andy Schenkat wurden umfangreiche Steuerhinterziehungen vorgeworfen. Seit dieser Razzia soll das Dollhouse den Brüdern Dreschaj gehören. Anfang 2010 wurde Schenkat wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 2,5€ Millionen zu 30 Monaten Haft verurteilt.

„10€ Eintritt und Garderobe. Hinter dem Eingang 2 halbvergitterte, röhrenförmige Käfige in denen jeweils ein Mann und eine Frau tanzen. Insgesamt habe ich 15 Tänzer und Tänzerinnen gezählt, von denen ca. zwei auf der Hauptbühne agieren, 2 weitere auf den kleinen Laufstegen und Käfigen und weitere, jeweils nach Bedarf, auf den Rundtischen, wo die Extrastripshow 20E kostet. Die Show der Tänzer auf der Hauptbühne und den Laufstege sind im Eintrittspreis mit inbegriffen. Der Strip auf den Einzeltischen endet mit der vollständigen Entkleidung (bis auf die Schuhe), wobei die Beine dann geschlossen bleiben und der/die TänzerIn mit einer Hand ihr Geschlecht bedecken. Ein Nebenverdienst und eine Möglichkeit der Interaktion zwischen Publikum und Akteur besteht darin, dass man die „Doll-Dollars“ – einen erhält man beim Eintritt, weitere kann man bei einer Frau kaufen, die mit einem kleinen Bauchladen, ihrer Wechselstube, von Tisch zu Tisch geht – entweder mit Spucke auf der nackten Haut, oder am Bikinioberteil, am Höschen oder am Strumpfband eingeschoben – der Tänzerin zukommen lässt. Einer der männlichen Striptänzer, beispielsweise, animierte an einem Tisch mit 5 Frauen hauptsächlich eine einzige Zuschauerin, steckte  ihr einen Schein zu und forderte sie auf es ihm gleichzutun. Dann entkleidete er sich tänzerisch expressiv (MTV-Stil), und bittet, noch mit einem Slip bekleidet, die Frau mit auf den Tisch zu steigen und tanzte mit ihr und forderte sie zum Schluss auf ihre Beine um ihn zu schlingen während er sich noch ein paar mal mit ihr drehte. Es werden keine Obszönitäten und anscheinend keine weiteren sexuellen Dienstleistungen geboten.. Das Angebot der Solostripnummern variierte: bei den Männern trat einer in sehr militärischer Kleidung auf, mit einer sehr expressiven, schnellen Tanznummer. Ein anderer schälte sich aus dem Anzug, ließ sich beim Entkleiden von dem weiblichen Gästen helfen und gewährte zum Schluss, beim Zustecken eines Doll-Dollars auch einen Blick unter dem Tuch auf sein Geschlecht. Die Frauen begannen meistens schon leichtbekleideter als die Männer und lieferten in der Regel einen konventionellen Strip, wobei sie sich zuerst, leicht tänzelnd von der Vorderseite präsentierten, dann (mit einem leichten Shimmy) ihren Popo, wobei sie zwischen die Beine auf die Zuschauer guckten. Öfters spreizten sie (noch mit einem Slip bekleidet) die Beine vor den Männern. Eine der Frauen trat, vor einem Frauentisch, als Polizistin auf und benutzte den Polizeiknüppel als ein wichtiges Requisit, wobei sie pantomimisch mit dem Stab masturbierte. Desweiteren gab es zwei Doppelnummern: eine lesbische, mädchenhafte Darstellung, bei der in der 69-Position Cunnigulus angedeutet wurde. Die andere Doppelnummer bestand aus einer Frau und einem jungen Mann, der mit einem Sträflingsanzug ausgestattet war. Er war für die Frau das Reittier, der Hund, oder auch derjenige der sie mit der Peitsche bearbeitete. Beide Doppeldarstellungen stellten keine tatsächlichen SM, oder lesbische Szene dar, sondern theatralisierten sie nur.“

Dollhouse, 2003, Beschreibende Beobachtung  Ethnologie,  Uni HH

Die Las Vegas Strip Bar ist, neben dem „Moulin Rouge“ und der „Roten Katze“ eine von den fünf  Stripbars alten Typs auf der Reeperbahn. Es gibt eine kleine Bühne am hinteren Rand des Raumes, der Tresen befindet sich meistens auf der anderen Seite, im Eingangsbereich, die Tische und Stühle sind in Sitzgruppen bzw. Nischen gruppiert. Eine Frau tanzt auf der Bühne, die anderen animieren die Männer zum Trinken, wobei sie Prozente am Getränkeverkauf bekommen. Die Preise für ein Bier liegen in diesen Läden in der Regel bei 6 Euro und klettern dann für Sekt bzw. Champagner auf Flaschenpreise von 120 bis 240 Euro. In der Woche sind diese Läden oftmals leer und die Betreiber haben zum Teil Schwierigkeiten  neue Tänzerinnen zu bekommen, da viele Frauen lieber gleich „anschaffen“ gehen würden, da sie dort mehr verdienen und bei Frauen außerhalb des Milieus in der Regel Berührungsängste bestehen.

Während  in diesen Läden die Zeit seit den 60ern stehengeblieben zu sein scheint und sie so als Relikte der „Golden Sixties and Seventhies“ überdauert haben, merkt man den moderner ausgestatteten Live-Bars einen deutlich höheren Kapitalfluss an, obwohl auch in diesen Läden wenig Kunden anzutreffen sind. Die Inneneinrichtung wird von vielen Spiegeln und Chrom bestimmt, in zwei dieser Bars setzt sich die Bühne über eine Art Laufsteg in Richtung Publikum fort und die Beleuchtungstechnik ist weitaus aufwendiger. Die Preise für die Grundgetränke liegen um einige Euro höher als in den „alten“ Läden. Bei allen diesen Bars, den modernen, wie den alten, fiel die Unlust der Tänzerinnen während ihrer Show auf, wie auch die Tatsache, dass fast alle Frauen einen deutlichen Mangel an tänzerischer Kompetenz hatten, diese Läden also eine deutliche Ausrichtung auf das Geschäft mit dem Alkohol und der verdeckten Prostitution erkennen lassen. Jeder dieser Nachtclubs hat einen Portier, auch „Koberer“ genannt, als Türsteher. Früher, bis Mitte der 80er Jahre, standen noch mehr als 80 Koberer von 19 bis 4 Uhr vor den „echten Clubs“ auf St. Pauli. Aber der Großteil der niveauvollen Erotic-Theater hat  inzwischen geschlossen und potenzielle neue Betreiber haben in der Regel Probleme eine neue Konzession zu erhalten. Heute stehen  noch ca. 15 „Portiers der alten Schule“ rund um die Reeperbahn und in der Großen Freiheit, bei denen sich ein klarer Generationsunterschied zu den jüngeren Türstehern der Musikclubs zeigt.

Es gibt in Hamburg keine prosperierende Pornofilmindustrie wie in den USA, wo sich ein gut funktionierendes und lukratives Zusammenspiel von Filmproduktionen und Auftritten der Filmstars in den Stripbars entwickelt hat. Die Krise des Striptease auf der Meile liegt einerseits an der seit den 60ern enorm ansteigenden Verbreitung von visueller Erotica in Printmedien, Filmen und im Internet bis hin zu den Video-Peep-Shows, die zu einer Übersättigung geführt haben, so dass die bloße Zurschaustellung des weiblichen Körpers ihren Reiz verloren hat. Eine weitere Ursache stellt das  milieubedingte Zusammenspiel zwischen Striptease, Animation und Prostitution dar, welches sich seit der Krise des Rotlichtmilieus in den 80ern im Niedergang befindet. Während ausnahmsweise alle befragten Frauen, die bereits länger oder früher als Tänzerinnen gearbeitet haben, sagen, dass man früher gut- und bis zur Einführung des Euro verhältnismäßig verdienen konnte, haben sich die Einkommensverhältnisse in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Inzwischen arbeiten viele Migrantinnen aus Osteuropa in diesen Bars. Viele dieser St- Pauli-Läden scheinen entweder ausschließlich vom Wochenendgeschäft oder als Abschreibungsobjekte und Geldwaschanlagen zu existieren. Mischkonzepte von Striptease, Peep-Shows, Live-Musik, experimenteller Kunst und Kurzfilmen, bis hin zur Wiederbelebung des niveauvollen Striptease, stellen durchaus eine Marktlücke dar, vor allem wenn es Frauen von außerhalb des Milieus möglich wäre auf diese Art ihr Geld zu verdienen, ohne dabei mit prostitutiven Verhältnissen in Berührung zu kommen. Aber solche Konzepte scheinen mit dem alten St. Pauli-Milieu nicht realisiert werden zu können. (genau diese Lücke versuchen die Betreiberinnen von „Queen Cavalera“ – einer 2008 eröffneten Schwesternkneipe des Punk´n roll-Clubs „King Cavalera“ am Hans-Albers-Platz – mit einem wechselnden Angebot von Neoburleskeshows zu schließen)

Weiterhin gibt es eine Reihe von Live-Peep-Shows, bei denen die „Nevada-Peep-Show(Reeperbahn, Nähe Große Freiheit) einer der größeren Läden darstellt. In der Peepshow wird eine Mischung aus Striptease und reiner Präsentation des nackten weiblichen Körpers geboten. Die Frauen beginnen ihre Show, die meistens in einem Zeitraum zwischen 2-5 (früher 5-10) Minuten liegt, schon leicht bekleidet auf einer kleinen Bühne, früher rund und heutzutage meistens in der Art eines kleinen Laufstegs in deren Mitte sich eine bis zur Decke reichende Chromstange befindet. Diese ist oft das Zentrum der Darbietung, da es z.b. mit ihrer Hilfe leichter ist gymnastische Figuren aus dem klassischen Striptease auszuführen ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die Zuschauer befinden sich in räumlich abgegrenzten Einzelkabinen die rund um die Bühne gruppiert sind. Durch den Einwurf eines Geldstückes öffnet sich die Kabinentür (früher der Sehschlitz in der Kabine) und damit der visuelle Zugang zur Show. Normalerweise gibt es keinen körperlichen Kontakt zwischen der darstellenden Frau und dem Zuschauer. In den Hochzeiten der Peepshows bekam die Frau in der Regel eine Zusage für ein Engagement eines Monats. Die Arbeitszeiten und die Pauschalen waren bei vielen Peepshows verschieden, z.b. Frühschicht von 10-19 Uhr (9Std.), Spätschicht von 19-3 Uhr (8Std.). Pro geleisteter Schicht gab es  100DM. Die Frauen kamen auf ungefähr 4-5 Schichten die Woche, so dass sie im Monat 1500-2000 DM verdienten, plus das zusätzliche Geld für die „Extras“ wie Solovorführungen etc.. In jeder Schicht arbeiteten mehrere Frauen, jede tanzte in der Regel 45 Minuten. Gehörten z.b.  vier Frauen zu einer Schicht gab es nach dem Tanzen eine Pause von 15 Minuten. Die Bühne bestand früher aus einem kreisrunden, oft sich drehenden Podest oder aus einem Laufsteg, jeweils mit einer bis zur Decke gehenden Chromstange im Zentrum. Viele der Frauen versuchten die Männer zum Besuch einer Solo-Box zu animieren, ließ ein Mann sich darauf ein, löste er an der Kasse einen Extra-Bon/Chip der teurer ist als die reguläre 5min Show. Der Kassierer, der gleichzeitig auch Aufpasser und Diskjockey ist, ruft dann über Mikro die betreffende Frau zur Solokabine auf. In der Kabine stehen sich nun Peeperin und Zuschauer gegenüber. Am Anfang werden, falls üblich „Extras“ und deren Bezahlung ausgehandelt, dass kann, je nach Etablissement, bis zur Prostitution gehen. Ansonsten wird  unter Berücksichtigung der Kundenwünsche getanzt (z.b. 2 Minuten für 5 Mark) die Soloauftritte stellen eine weitere Verdienstmöglichkeit dar, ein prozentualer Anteil an diesen Extrabons (z.b. 2DM von fünf) steht den Frauen zu und wird entweder allabendlich oder monatlich ausgezahlt.

„Da ich der einzige Besucher war, erschien die Frau auf ein Signal hin und begann mit ihrer Vorführung direkt vor mir. Ein erschwerender Umstand  der Beobachtung und was ich auch persönlich als unangenehm empfunden habe, war die Höhe meines Blickes aufgrund der räumlichen Begebenheiten. Der Laufsteg ist um einiges höher als die Kabine. Der untere Teil ist durch eine Plexiglasscheibe abgegrenzt, der obere Raum ist völlig frei. Der Blick geht genau auf die Höhe des Unterleibs der Tänzerin. Die Frau ist unter 25 Jahre, hat langes Haar, ist schlank und leicht bekleidet. Sie trägt ein weißes Spitzenunterhöschen und – BH  und ein weiteres, leichtes Oberteil, ihre Schuhe sind hochhackig, mit breiten Absätzen. Die Frau hat Erfahrungen in Jazz-Dance, bzw. vergleichbaren Tanzstilen.. Ihre Choreographie war leicht, nicht schweißtreibend und bestand in einer Gesamtfigur, die sich hauptsächlich um die Chromstange und am Platz des Laufsteges, direkt vor mir, bewegte. Mimik und Sprache spielten keine Rolle. Ihre Hände hingegen sind ein wichtiges Ausdrucksmittel. Indem sie ihren Körper streichelnd von Oberschenkeln bis Bauch entlangfährt. Oder, was bei ihr 4-5 mal vorkommt, die Präsentation ihres straffen Hinterns, bei kreisender oder hin- und herbewegender Beckenbewegung, auseinandergestellten Beinen in Schulterbreite, bei einem, leicht nach vorne gebeugten Oberkörper. Eine Stellung, die vollen Einblick auf – und in ihr Geschlecht geben würde, welches sie aber jedesmal mit ihrer Hand, an der sie einen Goldring trug, bedeckte. Der eigentliche Strip gestaltete sich folgendermaßen: zuerst zog sie ihren Slip aus und zeigte bei kreisenden Becken ihre frisch rasierte Vulva, dann eine Drehung um die Stange, wobei sie eher nebensächlich, ihr Oberteil auszog, In einer Figur hob sie, wie beim CanCan, ihr Bein zu einer halben „Gitarre“ und fuhr mit ihren Händen am Bein entlang. Beim akustischen Signal des Münzautomaten brach sie ihre Vorführung ab und sagte noch ihren Namen, für den Fall, dass man Interesse an einem Solo für 6 € hat.(…) Abschließend kann man sagen, dass die Innenarchitektur und Konzeption dieser Art von Peepshow nur eine bestimmte Art von sexuellen Entertainment zulässt. Ähnlich wie es die Kamera im standardisierten pornographischen Film vorgibt, wird der Blick der Zuschauer auf eine reine Genitalschau fixiert“

Nevada Peepshow,2003, Beschreibende Beobachtung,  Ethnologie,  Uni HH

Die Live-Peepshows, die Ende der 70 und Anfang der 80er boomten, wurden großteils durch Videoautomaten ersetzt. In diesen Einzelkabinen kann der Kunde nach Einwurf von Münzen zwischen einer Vielzahl von Pornofilmen wählen.1982 wurden in einem Präzedenzfall durch das Bundesverwaltungsgericht die Berliner Peep-Shows geschlossen, da, so die Urteilsbegründung, die Art und Weise der Zuschaustellung des weiblichen Körpers gegen die Prinzipien der Menschenwürde verstoße. Die Besitzer der Peep-Shows reagierten auf dieses Grundsatzurteil mit baulichen Maßnahmen, einer veränderten Innenarchitektur und einer verstärkten Technisierung und Rationalisierung. Anstatt des Sehschlitzes, der sich nach dem Münzeinwurf des Zuschauers öffnete und den Blick freigab auf ein drehendes, rundes Podest mit einer tanzenden und strippenden Frau, gab es nun eine Plexiglasscheibe, die die Zuschauerkabine von dem erhöhten Podest auf dem die Darstellerin ihren Körper präsentierte, trennte. Ein großer Anteil der Live-Shows wurde abgeschafft zugunsten von Videokabinen, wo man nach Münzeinwurf, eine Auswahl zwischen verschiedenen Pornofilmen treffen konnte. Aus vielen  Peep-Shows entwickelten sich kleine Warenhäuser für Erotica, wo von Magazinen, Puppen, Vibratoren und Videos bis spezieller Unterwäsche alles zu kaufen war. Die Peep-Show, wenn sie nicht durch Filmkabinen ersetzt wurde, lieferte nur noch das Begleitprogramm, wo sie vorher die Hauptattraktion war. Für die Frauen bedeutete dies einen enormen Einschnitt in ihre Verdienstmöglichkeiten während sich gleichzeitig die Konkurrenzsituation und die Arbeitsbedingungen verschärften. Für die männliche Kunden bedeutete diese Modernisierung einen Verzicht auf ihre onanistischen Neigungen, der viele bei dem alten Modell der Peepshow mit Sehschlitz, nachgegangen waren.

Herbertstraße

In der Herbertstraße, die in der Tradition der kasernierten Prostitution steht, befinden sich 19 Häuser für über 200 Prostituierte. In dieser, von den umliegenden Straßen durch Sichtblenden abgetrennten Straße, können die potentiellen Kunden die in den „Koberzimmern“ sitzenden Frauen, ähnlich wie in Amsterdam, durch große Fenster begutachten. Die Frauen versuchen durch Gesten, Klopfen an den Fenstern und direkter Ansprache auf sich aufmerksam zu machen. Bei Interesse wird bei geöffnetem Fenster über Vorlieben und Preise verhandelt und bei Einigung der Kunde dann in die hinteren Räume geführt. Die Preise in der Herbertstraße lagen 1992 bei 50DM Handarbeit, 100DM für eine Nummer im Bett, Extras mit jeweils 50.- Aufpreis. Es gibt zwei 10- Stunden-Schichten in denen das Personal wechselt, von 6 – 11 h sind nur wenige Frauen anzutreffen, danach füllen sich die Schaufenster. Die Immobilien werden durchgehend in einer Tagesschicht von 10-20 Uhr, einer Nachtschicht von 20-6 Uhr und einer Frühschicht, die um 6 Uhr beginnt, genutzt. Die Frauen, die hier arbeiten sind meist selbständige Unternehmerinnen und zahlen die Miete an den Wirtschafter, der für den Besitzer die Geschäfte führt.

Eine bekannte Persönlichkeit, die lange in der Herbertstr. gearbeitet hat, war Domenica, eine stadtbekannte Hure. Sie begann ihre Karriere in den 70er Jahren im Palais d´Amour und wechselte dann in die Herbertstraße. Sie befand sich jahrelang im Focus der Hamburger Boulevardblätter und wurde als Vorzeigefrau zu progressiven gesellschaftlichen Anlässen eingeladen. Ihre Arbeit  besang  sie in dem Lied „Alle meine Freier…hießen alle Maier“. Sie engagierte sich in der Selbsthilfeorganisation „Solidarität Hamburger Huren“ und organisierte das Sozialhilfeprojekt „Raggazza e.V.“

Viele der Frauen in der Herbertstrasse haben sich auf ein sadomasochistisches Angebot spezialisiert, zum Teil, weil der Altersdurchschnitt der Frauen erheblich höher liegt als der der Frauen auf der Davidsstraße oder in den Großbordellen auf der Reeperbahn, sie als Domina aber durchaus noch bis zum 50. Lebensjahr arbeiten können. Außerdem ist die Verdienstspanne bei einer geringeren Anzahl von Freiern weitaus höher. Das SM-Klientel wurde außerdem eine Seitenstrasse weiter, in der Erichstr., wo sich bis in die 60er der Straßenstrich gehalten hat, vom „Club de Sade“ und dem „Club Justine“ bedient. Beide Clubs haben dort seit über 30 Jahren ihren Sitz, Jahrzehnte bevor SM zu einer Modeerscheinung wurde, sind inzwischen (2009) allerdings abgewirtschaftet. Neben Offerten des individuellen Service wurden dort  Themen- und Einsteigerabende, bei günstigen bis freien Eintritt, veranstaltet. Die Getränkepreise bewegten sich im oberen Bereich. Eine professionelle Domina muss nicht nur mit den einschlägigen SM-Praktiken vertraut sein, sondern auch über Einfühlungsvermögen, wie medizinische und psychologische Grundkenntnisse verfügen. Zum Programm können Rollenspiele, Flagellationen, „Natursekt“ und „Kaviar“ gehören. Bei den vielzähligen Arten des Schmerzzufügens wird in der Regel vor Beginn der Session ein Codewort vereinbart, mit dem der Kunde zu verstehen geben kann, das seine Leidensfähigkeit erschöpft ist oder andere Unstimmigkeiten bestehen.

„Psychologische Kenntnisse sind sehr wichtig.(…) Ich muss eine Kommunikation mit dem Kunden aufbauen, die aus Augenkontakt, aus Körpersprache, auch aus verbaler Sprache besteht. Ich muss ein Gefühl für die Situation haben. Ein Beispiel: Ich kann eine Abstrafung, eine Auspeitschung, vornehmen und bei fünf verschiedenen Kunden kann sie in völlig verschiedenen Atmosphären stattfinden. Der eine ist ein Flagellant, der die Körperreize braucht; dabei agieren wir aber auf gleicher Augenhöhe, können in der Zwischenzeit miteinander reden und lachen. Er kann sogar einen Wunsch äußern – das ist alles möglich. Der andere dagegen braucht eine Abstrafung, weil er mir etwas erzählt hat, dass er etwas gemacht habe, was nicht in Ordnung sei, weswegen er jetzt bestraft werden müsse. Und der nächste, der kommt, ist grundsätzlich der ausgepeitschte Sklave, der innerlich vor der Herrin unten sein will. Obwohl ich handwerklich also immer das Gleiche tue, geschieht alles in verschiedenen Atmosphären, darauf muss ich mich einstellen.“

Lady Vera(58) – Domina, Berlin. Zitat aus: “Die Wa(h)re Lust”, Marcel Feige, 2004, Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag Berlin, Seite 127

Neben den Frauen, die wie in der Herbertstr. oder in Wohnungen ihre Dienste anbieten, gibt es auch richtige Domina-Studios. Die Ausstattung eines Studios kann sehr aufwendig sein, neben dem üblichen Kleidung und dem entsprechenden Handwerkszeug kann das Interieur von Streckbank, Körperaufhängungen, Käfigen, bis zu speziellen Themenzimmern, wie Klinik/Pathologie bis zum mittelalterlichen Folterkeller reichen. So eine Ausstattung bedingt größere Vorinvestitionen, die leicht von 10.000-50.000€ und weit darüber hinaus reichen können. In einem Studio liegt der Stundentarif bei ca. 200€. Dominas die außerhalb eines Studios ihre Dienste anbieten und über weniger Equipment verfügen sind in der Regel billiger, bei Tarifen zwischen 100-150€.  Neben dem Club de Sade haben sich in den letzten Jahren weitere Clubs und Bars von und für die SM-Szene gegründet. Die „UnSchlagBar“ (Nobistor 36), der „Club Touch“ (Erichstrasse 16) und das „Café SittsaM“ (Wexstraße 42), welches als einzigstes Lokal außerhalb St.Paulis liegt. Dort werden u.a. SM-Stammtische von „Schlagzeilen“ organisiert.  „Schlagzeilen“ ist aus dem Charon Verlag (Simon-von-Utrecht-Straße 4) heraus entstanden. Sie veranstalten in der Boutique Bizarre auf der Reeperbahn Workshops zu verschiedenen SM-Praktiken und bieten auf ihrer Webseite „schlagzeilen.com“, die neben „SklavenZentrale.com“ eine der wichtigsten deutschsprachigen Webplattformen für die SM-Gemeinde ist, eine umfangreiche Ressource zum Thema Seil- und Japanische Bondage (Shibari) an.

Die 2003 gegründete „BundesVereinigung SadoMasochismus“ nutzt neuerdings diese Webseiten ebenfalls als informelles Medium. Der BVSM engagiert sich u.a. für eine Verbesserung des Datenschutzes für Patienten, insbesondere für eine Streichung der „Kategorie F65“.  Seit 2004 werden ärztliche Diagnosen an die gesetzlichen Krankenkassen für die Abrechnung. nicht mehr fallbezogen, sondern personenbezogen weitergeben, damit ärztliche Leistungen und weitere Behandlungskosten der bei ihnen versicherten Personen direkt zugeordnet werden können. Mit Hilfe eines Diagnoseschlüssel werden spezielle sexuelle Interessen unter der Kategorie F65 erfasst.  – F65.5 Sadomasochismus, F65.0 Fetischismus und F65.1 fetischistischer Transvestitismus –  Damit wird die ärztliche Schweigepflicht unterlaufen und persönliche Daten des Patienten können in die Hände Dritter geraten, was für Betroffenen unangenehme Konsequenzen haben kann..

Feige Marcel, 2004, “Die Wa(h)re Lust” Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag Berlin

Sexshops

Bei dem Segment der Sexshops zeigt sich eine zunehmende wirtschaftliche Konzentration. Neben dem Erotikkaufhaus „WOS – World of Sex“ gibt es die Sex-Shop-Kette der Firma „Koch&Devil&Heaven“ zu der unter verschiedenen Namen die Boutiquen in der Reeperbahn 88, 90, 152 mit der „Darkside Boutique“(Hustlersortiment) und der Laden am Spielbudenplatz Nr.5 gehören. Alle diese Läden führen ein breitgefächertes Sortiment von Videofilmen, Magazinen, Toys und Wäsche und Video-Peep-Shows. Drei weitere Filialen dieses Unternehmens befinden sich auf  dem Steindamm/St. Georg. Daneben gibt es noch einige kleinere Läden wie die Condomerie (Reeperbahn, Ecke Taubenstraße), die bereits seit 1988, vor dem Boom der Sex Shops in den 90ern, besteht. Weitere Unternehmen haben sich erfolgreich auf den Bereich SM und Fetisch spezialisiert, dazu gehören die Boutique „Fashion and Tools“ (Reeperbahn 38) und „Absolute Danny“(Reeperbahn 40) dessen Betreiber  als einzige Hamburger auf dem „German Fetish Ball“ (Mai 2004) vertreten waren. Die Geschäftsführung befindet sich wahrscheinlich in Holland, zumindestens liegen die  Rechte  der Webseite in Amsterdam. Herausragend ist die „Boutique Bizarre“ (Reeperbahn 35), die es  seit 1991 auf  dem Kiez gibt und  die nach erfolgten Umbau und Erweiterung des Geschäftes auf 1400 qm Verkaufsfläche (2002), das größte Erotik-Kaufhaus St. Paulis mit dem Schwerpunkt auf SM und Fetisch ist. In den Räumen laufen ständig Kunstausstellungen der SM-, Fetisch-, und Gay-Community. Aber auch solide mittelständische Unternehmen sind, bzw. waren bis vor kurzem auf der Reeperbahn vertreten. Die Schuhgeschäfte „Schuh Messmer“ und  „Schuh-Blicker“ zählen beide die Frauen aus der Herbertstraße und Großen Freiheit, die Künstler des Travestie-Theaters „Pulverfaß“ und Theaterausstatter zu ihrem festen Kundenstamm. „Schuh Messmer“ eröffnete vor über 150 Jahren  unter dem Namen „Witt-Walden“ auf der Reeperbahn. Seit über 30 Jahren führt Paul Messmer neben Alltagsschuhen ein ausgefallenes Sortiment an farbenfrohen Plateausandalen, hochhackigen Lackstiefeln und Stilettos. Seit den 50er Jahren gibt es die Konkurrenz „Schuh-Blicker“ in der Nähe der S-Bahn Reeperbahn. Das Sortiment ist dem Messmers ähnlich, allerdings mit einer größeren Auswahl an High Heels. Die Krise des Rotlichtmilieus haben diese Schuhgeschäfte allerdings auch zu spüren bekommen; während früher Zuhälter mit ihren Frauen mal eben für 1000DM Schuhe aussuchten, lassen die Frauen heute schon mal ein Paar High Heels zurücklegen, weil das Geld nicht langt. In der Davidstraße Nr.5 befand sich bis 2004 „Leder-Puls“, bzw. die „Puls-Drugstore“. Dort wurden über 20 Jahren lang maßgefertigte  Hand- und Fußfesseln, Gerten und Peitschen, Kopfmasken und Keuschheitsgürteln in Handarbeit produziert. Inzwischen wird die Produktion und der Versand  von Ungarn aus betrieben.

10
Jan
10

Stripclubs in den USA

In den 1980er und 1990ern wurden mit Hilfe von Sperrgebietszonen viele der ursprünglichen Stripteasebars und Nightclubs in den traditionellen Rotlichtmilieus behördlicherseits geschlossen. Solche Verordnungen stellten bis zum Ende der 90er das bevorzugte Mittel der lokalen Behörden dar, um gegen das Rotlichtmilieu vorzugehen. So wurden in New York bis Mitte der 90er Jahre ein Großteil der Sexshops und Amüsierbetriebe geschlossen. Die  42. Strasse beim Times Square in Manhattan(New York), die einen ähnlichen Ruf  wie die Reeperbahn auf  St. Pauli hatte, wurde in der Amtszeit des Ex-Bürgermeisters Rudy Giuliani im Sinne einer familienfreundlichen Politik „gesäubert“. 2002 hat mit dem ‚Peep-O-Rama‘ der letzte Sexshop und Stripclub die Pforten geschlossen. Diese behördlichen Reglemtierungen haben teilweise zu einer Transformation dieses Genres geführt. Die neuen Clubs waren auf ein gut situiertes männliches Publikum ausgerichtet und boten ein dementsprechendes Interieur, gehobene Gastronomie und Seriosität des Personals. Neben den Hustler Gentlemen Clubs, stehen das an der Börse notierte „Rick’s Cabaret“ aus Houston und der in Dallas beheimatete „Million Dollar Saloon“ für diese Entwicklung. Zu dem Unternehmen „Rick’s Cabaret“ gehören insgesamt sechs Clubs, die jährlich 2 Millionen Dollar umsetzen. Zu den weiteren größeren Nightclub-Ketten gehören u.a. „Déjà Vu“ und „Spearmint Rhino“. Nach dem Forbes-Magazin soll die „Deja Vu Consulting“ 1998 im Besitz einer Kette von über 50 Gentlemen`s- und Strip- Clubs in den gesamten USA gewesen sein, bei einen Umsatz von $75 Millionen. Dave Manack von “E.D. Publications”, die das “Exotic Dancer Magazine” und das Magazin “Club Bulletin” publizieren, geht davon aus, dass die Adult Nightclub-Industrie in der gesamten USA einen Umsatz von  $15 Billionen macht und ca. 500.000 Angestellte beschäftigt. Die Zahl der Stripclubs in Nordamerika wird auf 2500 bis 3000 geschätzt. Jedes Jahr findet eine Messe in Las Vegas, die „Exotic Dancer Gentlemen’s Club Owner’s Expo“ statt.

Alleine in der kalifornischen Exotic-Dance-Industrie sollen 7500 Vollzeit-TänzerInnen und weitere 5000 Teilzeit-TänzerInnen beschäftigt sein. Dort soll es ca. 175 Exotic-Dance-Clubs geben, die insgesamt einen Umsatz von $1 Milliarde generieren, was dem Bundesstaat Steuereinnahmen in Höhe von $500,000 einbringt. Im Gegensatz zu den Prostituierten gab es bei den Stripteasetänzerinnen selten Ansätze zur Organisierung. Erst 1994, ausgehend vom „Lusty Lady Theater“, einer Peepshow in San Francisco, wurde die erste Gewerkschaft für Stripteasetänzerinnen gegründet, die „Exotic Dancers Union“. Im Sommer 2003 übernahmen die Stripperinnen das Lusty Lady. Sie kauften es ihrem vorherigen Arbeitgeber ab und organisierten sich als Kollektiv. Das Lusty Lady Peep Show Theatre in San Francisco war damit zum landesweit ersten und einzigen kooperativ geführten Unternehmen des sexuellen Entertainments geworden, wo die Frauen die dort arbeiteten gleichzeitig die Besitzerinnen waren.

Rick’s Cabaret“ ein Unternehmen aus der Nightclub-Branche, hat seit 2001 seine Aktivitäten auf das Internet ausgeweitet. Im Besitz des an der Börse notierten Unternehmens gehören sechs Nachtclubs in Texas und Minnesota in denen Striptease und gehobene Gastronomie angeboten werden. Desweiteren Clubs und ein Restaurant die zum Teil an Lizenznehmer verpachtet werden. Zu den Internetunternehmungen gehören mehrere Auktionsplattformen, die ausschließlich sexuell konnotierte und pornographische Artikel anbieten. Das Angebot wurde von der 2001 gestarteten Webseite „NaughtyBids.com“ auf insgesamt acht verschiedene Auktionsseiten, wie „pornauction.com“ und  „xxxauctionville.com“ erweitert(2003). Angeboten werden Photos, Videos, dementsprechende Kleidung und weitere Artikel. Nach Unternehmensangaben befinden sich auf der Hauptseite „Naughtybids“ zu jeder Zeit mehr als 10.000 Artikel in den aktuellen Angeboten. „Rick’s Cabaret“ hatte  im Austausch von ca. 40% der Aktienanteile des Unternehmens zwei umsatzstarke Webseiten von „Voice Media“(Cybererotica) erworben. Eine dieser Webseiten  “XXXpassword.com” hatte in einem Zeitraum von 11 Monaten einen Umsatz von $3 Millionen zu verzeichnen – über diese Seite bot „Ricks“ lizenziertes Material von „Voice Media Inc.“ an. Andere Internetaktivitäten, wie „dancerdorm.com“, die voyeuristischen Content aus den Stripclubs anbot wurden bis 2003 wieder eingestellt. Im Jahr 2000 hatte das Unternehmen einen Gesamtumsatz von $12,7 Millionen, 2001 von $19,7 Millionen, bei einem Nettogewinn von 1,3 Millionen Dollar und 2003 einen Umsatz von $15 Millionen. „Rick`s“ beschäftigt insgesamt über 500 Angestellte. April 2008 übernahm Rick´s Cabaret mit ED Publications Inc. das führende Trader-Magazin der US-Nachtclub-Industrie. Damit ist der Holding neben seinem Kerngeschäft Besitzer von drei branchenspezifischen Trader-Publikationen, zwei jährlich stattfindenden Messen und über 25 verschiedenen Webseiten.

Die “Spearmint Rhino“-Stripclubkette umfasst knapp 40 Nightclubs, kombiniert mit Gastronomie, der gehobenen Kategorie, ca. 30 davon in den USA, 6 in England und jeweils einen in Australien und Russland(Moskau). Die Kette wurde 1989 von John Gray gegründet. In den „Blue Zebra“-Stripclubs, eine Tochterunternehmung der Firma, treten, begleitet von dementsprechender Promotion regelmäßig Pornofilmstars als Stripperinnen auf. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben über 2700 Mitarbeiter. Das Flaggschiff des Unternehmens in Europa, der Club in Tottenham(GB) soll alleine Wochenumsätze von bis zu 300.000 Pfund erzielen.  Laut dem Geschäftsgründer und Inhaber entspricht das Geschäftsmodell dem von Mc Donald : “We already have fast food, but the future is fast fantasy”

Die „VCG Holding“ betreibt eine Reihe von Gentlemen Clubs u.a. in Denver und  St. Louis/Illinois unter den Namen „PT´s“ und – unter einer Lizenzierungsvereinbarung mit Penthouse Media, die Penthouse Clubs. Neben dem Striptease gehören gastronomische Angebote zu den Dienstleistungen. Die Umsätze aus dem Verkauf von Alkoholika sollen 40% des Gesamtumsatzes ausmachen. Der Generaldirektor Troy Lowrie besitzt mehr als 60% der Aktien des VCG Holdings. Das Unternehmen beschäftigt 335 Angestellte(2004) und verzeichnete 2005 einen Gesamtumsatz von $17 Millionen, bei einem offiziellen Nettoeinkommen von $0,4 Millionen. Ende 2007 war die Anzahl der Beschäftigten bereits auf 1200 angestiegen. Die Performerinnen sind davon ausgenommen, da sie als Selbständige gelten. Sie zahlen dem Club eine Gebühr um diesen nutzen zu können und erzielen ihren Umsatz, laut Angaben des Unternehmens, durch die Tippgelder der Kunden.

In den USA, speziell in den Regionen von San Francisco und Los Angeles gibt es einen direkten kommerziellen Zusammenhang zwischen dem Gewerbe des Striptease und dem Genre des Pornofilms. Erfolgreiche Stripteasetänzerinnen erhalten oftmals Angebote aus der Pornoindustrie und bekommen oft den Tipp, dass sie weitaus mehr Geld beim Strippen verdienen könnten, wenn sie bei einigen Pornovideos mitspielen würden. Umgekehrt ist es für Pornofilmdarstellerinnen selten, wenn sie nicht periodisch als „Exotic Dancer“ auftreten. Bekannte Namen aus dieser Filmbranche sind Publikumsmagneten und versprechen den Lokalbesitzern volle Kassen während das Strippen für die Produzenten ein Bestandteil der Promotion und des Starkultes ist, welches den Bekanntheitsgrad der Darstellerin noch erhöht. Als Beispiele für diese Art von Strip-Lokalen, die nicht zu den großen Ketten gehören, können das „Venice Adult Theatre“ und das „Venus Fair“ gelten, die von Robert Stoller im Rahmen seiner Untersuchung exemplarisch ausgewählt wurden.

Das „Venice Adult Theatre“ ist eine Mischung aus Sex-Shop, Sex-Kino mit Life-Show, wo jeweils eine Woche lang eine Tänzerin auftritt bis sie dann von einer anderen in der nächsten Woche abgelöst wird. Bestimmte Pornofilmproduzenten arbeiten eng mit dieser Art von Strip-Shows zusammen und vermitteln vorzugsweise Neulinge, damit sie dort Erfahrungen sammeln können. Die Frau hat fünf Auftritte pro Nacht zu absolvieren, die jeweils ca. ½ Stunde dauern. Zwischen den Auftritten liegen 1 ½ Stunden Pause, die frei genutzt werden können. Die Tänzerinnen verdienten in der Woche 250 Dollar für das Tanzen, Tippgeld nicht mitgerechnet. Die überwiegend männlichen Gäste zahlen einmalig 5 Dollar Eintritt und haben damit ein Anrecht sich alle Auftritte, bzw. Filmveranstaltungen anzuschauen (Der Film, wie die Life-Show sind innerhalb einer Woche immer die gleichen). Für die Auftritte einer Nacht gibt es folgendes Formula : für jeden der fünf Auftritte gibt es einen eigenen Tanz und ein anderes Kostüm. Ein Bühnenauftritt dauert 20 Minuten, in welchem fünf Songs gespielt werden. (Die Musik wird von der Tänzerin ausgesucht) Im ersten Lied wird nur getanzt und nichts vom Körper entblößt, zum Ende des 2. Liedes muss die Frau allerdings nackt sein. Im dritten Song wird ein Stuhl als Requisit in den Tanz miteinbezogen, des weiteren die im Kreisrund obligatorische Chromstange. Bis inklusive des 5.Liedes hat sie sich tänzerisch nackt zu präsentieren, wobei die „Steigerung“ darin liegt, dass sie ab dem 4. Song zu breitbeinigen Posen übergeht und zum fünften Lied, auf kurze Distanz, direkt zu den Zuschauern, ihre Beine spreizt und ihnen einen vollen Blick auf ihr Geschlechtsorgan gewährt.

Das „Venus Fair“ in Nord –Hollywood ist ebenfalls eine Mischung aus Sex-Shop und Videokabinen, in denen bei Münzeinwurf für wenige Minuten zwischen einer Reihe von Pornofilmen ausgewählt werden kann. Daneben gibt es zwei Live-Sektionen. Einmal die „Live-Dance-Area“. Die Zuschauer können beim Kassierer oder bei einem Automaten ihr Geld gegen Coins im Gegenwert zu 25 Cents eintauschen und dann über insgesamt 12 Einzelkabinen die Live-Peep-Show betreten. Die Einzelkabinen sind hell erleuchtet und über einen Zwei-Wege-Spiegel optisch mit der Tanzfläche verbunden. Solange das Licht in der Kabine brennt, ist der Spiegel seitens des Zuschauers blind, die Tänzerin hat ihrerseits freien Einblick  in die Kabinen. Wenn der Mann den Automaten mit mindestens 4 Coins, im Gegenwert von einem Dollar füttert, geht das Licht in der Kabine aus und die Spiegelfläche gibt den Blick auf die Tänzerin frei während sie den Kunden dann nicht mehr sehen kann. Die Frau beginnt dann mit ihrem Striptease. Die Tänzerinnen dürfen sich während der Show nicht an ihren Brüsten und Geschlechtsorganen berühren und auch nicht direkt um Trinkgeld fragen, obwohl sie nach eigenen Aussagen, in der Regel zwischen 40-80 Dollar „Tipp“ einnehmen. Des weiteren gibt es die „Talk Booths“, insgesamt 3 Telefonkabinen mit einer massiven Glasscheibe zwischen Zuschauer und Tänzerin und einem Telefon auf jeder Seite. Die Männer haben ein Minimum von 10 Dollar für 5 Minuten zu zahlen. Danach kostet jede weitere Minute 2 Dollar, von denen die Tänzerin 50% erhält. Zur Abrechnung wird ein Button gepresst, der jede Minute zählt und dessen Zählerstand dann bei Schichtende mit den Notizen der Tänzerin verglichen  und abgerechnet wird. Der Mann erhält in dieser Zeit eine private Einzelvorführung eines Striptease und kann der Frau über das Telefon seine Wünsche mitteilen, oder sich einfach nur unterhalten. Ein Grossteil der Männer onaniert und ejakuliert bis zum Ende dieser Show. Tagsüber arbeiten 4 Frauen im Live-Bereich, zwei auf der Stripteasetanzfläche und zwei weitere in den Telefonkabinen. In der Nacht sind es insgesamt nur zwei, die dann beide Bereiche betreuen. Die dort arbeitenden Frauen können zwischen 100-200 Dollar pro Arbeitsschicht verdienen, wobei in dem Bereich der Telefonkabinen ihre Verdienstmöglichkeiten am größten sind.

Eine weitere Form des Striptease, mit einem direkteren Kundenkontakt, ist das „Lap-Dancing“. Die Performerinnen können oft ihre eigenen Kostüme und Musik mitbringen und ihre eigenen Tänze zeigen. Das Basisformula gibt alleine vor, dass der Tanz nach 2-3 Songs nackt enden muss. Die Besonderheit liegt in der Art und Weise wie sich die Tänzerinnen ihr Tipp-Geld verdienen. In den Pausen ziehen sie sich leicht an, Unterwäsche oder einen Badeanzug etc. und gehen dann in den Zuschauerbereich zu den Männern. Sie verdienen sich ihr Geld indem sie bei den, bzw. auf den Männern sitzen, von denen viele Stammgäste waren. Sie setzen sich auf ihren Schoß und reiben sich an ihm im Takt der Musik, flüstern ihnen „nette Sachen“ ins Ohr, umarmen und streicheln sie, allerdings ohne direkten Genitalkontakt und den Männern ist es verboten die Brüste oder weiblichen Genitalien zu berühren. Lap Dancing kam ursprünglich aus New York, wo es bereits in den 70ern im Melody Theater als besondere Form sexuellen Entertainments praktiziert wurde. Populär wurde es aber erst in den 80ern, nachdem Jim und Artie Mitchell es in ihrem San Franciscoer O’Farrell Theatre einführten. Bald darauf folgten andere Clubs ihrem Beispiel, zunächst in der Stadt, dann in ganz Kalifornien, bis sich innerhalb einer Dekade Lap Dancing als eine neue Form sexueller Unterhaltung im gesamten Land durchgesetzt hatte.

„I like it, and I don´t like it. I like it because they can´t touch you, and you don´t have to grind on them. But I don´t like it because those were twenty-dollar dances, and guys buy more lap dances than anything else. You made so much more money when lap dancing was around.”

Zitat: Stripteastänzerin  in Weitzer Ronald, 2000 : 214

Ab den 1990ern führten Clubbesitzer von den Tännzerinnen für jede Schicht Gebühren, sogenannte „stage fees“ ein, um so an den hohen Tippgeldern eine Beteiligung zu erlangen. Diese bewegten sich zunächst zwischen $10-15 und wurden, wenn auch widerwillig von den Frauen akzeptiert. Als Clubs 1993 begannen diese Gebühren auf $25 zu erhöhen, begannen sich die Tännzerinnen zu wehren und zu organisieren, was zur Gründung der „Exotic Dancers Alliance“, einer gewerkschaftlichen Organisation der Stripteasetänzerinnen, führte. Sie protestierten offiziell bei der San Francisco Labor Commission und versuchten einen rechtlichen Status als angestellte Arbeitnehmerinnen durchzusetzen, anstelle des von sogenannten unabhängigen Subunternehmerinnen. Die Kommission entschied 1995 zugunsten der „Exotic Dancers Alliance“ und verpflichtete die Clubbesitzer reguläre Löhne auszuzahlen. Diese Entscheidung führte zu einer Kettenreaktion. In anderen US-Bundesstaaten begannen sich die Frauen ebenfalls zu organisieren und Gerichtsentscheidungen in Oregon, Alaska und Texas fielen alle zugunsten der Frauen aus. Einzelne Tänzerinnen die auf rückwirkende Lohnzahlungen und Ersetzung der Bühnengebühren klagten, bekamen in der Regel vor den Gerichten Recht zugesprochen.

Anfang 1996 setzte eine Entwicklung ein, die diese Erfolge allerdings wieder zunichte machte. Clubbesitzer begannen das Konzept der Innenarchitektur ihrer Läden so zu verändern, das eine rechtliche Handhabe nicht mehr möglich war. Sie installierten eine Reihe von „private booths“, kleine Räume mit einer Plattform und einer Reihe von Stühlen, die mit Vorhängen und mittels der Beleuchtung voneinander abgegrenzt waren und setzten die Nutzungsgebühren für eine 8-Stundenschicht auf über $100 fest. Zeitgleich zu dieser Entwicklung wurde seitens der Polizei in San Francisco verschärft gegen die Straßenprostitution vorgegangen, während die sonst üblichen Kontrollen in den Strip-Clubs zum gleichen Zwecke unterblieben. Dies führte dazu das sich ein nicht unwesentlicher Teil des Straßenprostitution in die Lap Dancing-Clubs verlagerte. Die Frauen, die vorher ausschließlich Lap Dancing praktiziert hatten, waren unter diesen Umständen gezwungen sich auf weitgehendere sexuelle Interaktionen mit den Kunden einzulassen oder sich Lokale zum Arbeiten zu suchen, wo ausschließlich regulärer Striptease als Tanz angeboten wurde.

In dem Segment der Peep-Shows und des Table-Dance, allgemein beim Striptease, wo der Körper auf die eine oder andere Art und Weise einen Warencharakter haben, sind die Grenzen zur Prostitution traditionell fließend. Es gibt aber auch viele Frauen, die aus ihrem Selbstverständnis heraus als Tänzerinnen und Entertainerinnen arbeiten. Lap-Dancing ließ aufgrund des unmittelbaren Kundenkontaktes die Grenzen zwischen Prostitution und Exotic Dancing unscharf werden. In den 90ern kam diese spezielle Form des Entertainments in die öffentliche Diskussion und wurde in Folge 1997 in Kanada und auch in einigen US-Bundesstaaten verboten. Für viele der Frauen, die Lap-Dancing praktizierten, hatten sich seit dem Verbot die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten erheblich verschlechtert. Im September 2003 wurde in Los Angeles das „Lap-Dancing“ verboten und im Mai 2004 ging die Polizei in San Francisco erstmals  im größeren Umfang gegen das Lap Dancing vor und verhaftete 9 Tänzerinnen und 3 Clubbesitzer wegen Ausübung, bzw. Förderung der Prostitution. Unter der neuen Gesetzgebung musste in Zukunft beim Strippen ein ‘Sicherheitsabstand’ von sechs Fuss eingehalten werden. Dieser Abstand muss nicht nur von den Lap-Dancern gewahrt werden, sondern auch von den ‘normalen’ Stripperinnen.. Somit  ist das Zustecken von Dollarnoten in den BH oder den String der Frauen , die einen beträchtlichen Zusatzverdienst der Stripperinnen ausmachten, nicht mehr möglich. Auf Verletzung dieses Reglements stehen 2500$ Geldstrafe und bis zu 6 Monaten Gefängnis.

Stoller Robert J., 1991, „Porn – Myths for the 20. Century”,  Yale University Press, New Haven, London

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“, Routledge, New York, London

Lewis Perdue, “Eroticabiz: How Sex shaped the Internet”, 2003, e-book – http://www.eroticabiz.com/

http://www.ainews.com/Archives/Story5547.phtml



29
Sep
08

. Comics – Rohstofflieferant für zukünftige Bilderwelten?

Preface

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Momentan sind die Bilderwelten des Internets bestimmt von Machinia-Produktionen, gängigen Flash-Comics-Animationen und Yentai. Bei der momentanen Geschwindigkeit der Entwicklung von Soft- und Hardware ist es nur eine Frage der Zeit, bis individuelle Zeichenstile über spezielle Software generiert und als Animationen, Film oder virtuelles Design für interaktive Spiele angeboten werden können. An der bevorstehenden Diskussion um Fragen des Copyrights, die den künstlerischen „Rohstoff“, den Stil betreffen, wird sich entscheiden inwieweit diese Comic-Welten realisiert werden können. Aus diesem Grund folgt ein Exkurs zum Thema Comic mit einigen Beispielen von Zeichnern, die sich mit dem Thema Sexualität und Sexarbeit auseinandergesetzt haben.

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Der Begriff „Comic“ bezog sich ursprünglich im England des 18.Jh. auf Witzzeichnungen und wurde für Zeitschriften verwendet, die neben Texten, Bildwitze und kurze Bildgeschichten beinhalteten. Die europäische Form der Bildergeschichte, die sich u.a. aus der Tradition der Bänkelsänger herleitet, wurde dann, ausgehend von den USA ab den 90er Jahren des 19.Jh fester Bestandteil vieler Tageszeitungen. Für diese „funnies“ setzte sich dann der Begriff „comic“ durch – eine inhaltlich- chronologische Folge von Einzelbildern (Paneelen), in einem Streifen angeordnet. Ab Anfang der 30er Jahre erscheint das „Comic Book“, zunächst als Sammlung von Zeitungsstrips, später als eigenständiges Medium. In den USA entwickelt sich eine prosperierende Comic-Industrie – nicht so in Europa – obwohl nach dem 1. Weltkrieg der Bilderbogen, das bis dahin auflagenstärkste Massenmedium, bedeutungslos wurde, rückt der Comic Strip dort nicht an seine Stelle. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er begründet sich die später so erfolgreiche franko-belgische Comic-Tradition.

Tijuana Bibles/ eight pagers


Die sogenannten Tijuana Bibles waren keine Bibeln und wurden auch nicht in Tijuana oder Havanna etc. gedruckt, wie es desöfteren auf dem Cover angegeben wurde. Es waren heimlich produzierte und vertriebene pornographische Comics, die sich in ihrer graphischen Gestaltung an den damals üblichen Comicpanelen, die in den Tageszeitungen veröffentlicht wurden, orientierten. Schmale Heftchen im A6-Format, meistens mit 8, manchmal mit 16 Seiten, mit je einem Paneel pro Seite. Das Format der „eight pager“ betrug etwa 12 x 8 cm, sie waren auf billigen Papier gedruckt und waren mit einem Verkaufspreis zwischen 50Cent und einem Dollar für damalige Verhältnisse sehr teuer. (ein Pulp-Heft kostete 10 Cent). Der Inhalt besteht jeweils aus 8 ganzseitigen Bildern und ist nach einem klaren Schema strukturiert. Die drei ersten Bilder dienen der Einleitung und auf den folgenden vier Seiten werden explizit sexuelle Handlungen dargestellt, während die letzte Seite meistens dem Schluss in Form eines Gags vorbehalten bleibt.


Nach Art Spiegelmann sind die Tijuana Bibles die ersten realen Comic Books, die mehr als nur ein Reprint oder eine Fortführung der alten Tageszeitungsstrips waren. Ohne sie hätte es kein „Mad-Magazin“ in den USA gegeben, das eine neue ironische Attitüde in die Medienlandschaft brachte – und ohne das Mad-Magazin hätte sich in den 60er Jahren nicht in dieser Form eine Underground-Comic-Presse entwickeln können. Die Themen dieser, in schwarz oder blau gedruckten Comicgeschichten in den „eight-pager`s“ waren ausschließlich sexueller Natur und handelten von den sexuellen Abenteuern bekannter Comicfiguren, Musik- und Filmstars. Die ersten dieser Hefte erschienen zum Ende der 20er Jahre und sie hatten ihre Blütezeit während der Jahre der wirtschaftlichen Depression. Zu ihren Hochzeiten waren sie ein richtiggehendes Massenmedium. Druck und Nachdruck waren einfach zu realisieren, zudem wurden sie von Hand zu Hand weitergegeben.. Die geschätzte Auflagenstärke ging in die Millionen. Mit der zunehmenden photographischen Darstellung von Frauen als Pin ups bis hin zur pornographischer Ware nach dem 2. Weltkrieg wurde der schnelle Niedergang der Tijuana Bibles eingeleitet. Inwieweit diese kleinen Underground-Comichefte, die vom Ende der 20er  bis in die 50er illegal produziert und vertrieben wurden, Privatinitiativen entsprangen oder von der organisierten Kriminalität kontrolliert wurden, lassen sich nur Vermutungen anstellen. Auf jeden Fall stellte der Verkauf dieser „eight pager“ ein gewinnbringendes Geschäft dar.


Die Qualität dieser gezeichneten Geschichten geht von zweit- bis drittklassigen Witzen und hingepfuschten Zeichnungen bis hin zu eleganten Karikaturen mit intelligenten, kurzen Stories. Es ist ein Genre, welches in erster Linie, wenn nicht sogar ausschließlich von Männern für Männer gezeichnet worden ist und in vielen dieser frühen Heftchen finden sich frauen- und fremdenfeindliche Tendenzen. Sie befriedigten einerseits den Voyeurismus und lieferten das Bild für sexuelle Phantasien, andererseits zeigten sie bezüglich der Comic-Helden genau den Bereich, der in den offiziellen Comics peinlich genau ausgespart wurde; das Sexualleben. Allerdings nicht realistisch oder essayistisch, sondern kurz und knapp, wie die Anspielungen in der damaligen Burleske, nur das in den Comics, diese im Bild genau dargestellt wurden Sie waren die praktischen Sexualkundeheftchen ihrer Zeit. In einfachen, leichtverständlichen Bildern konnte man etwas über den Geschlechtsverkehr, über verschiedene Stellungen und Spielarten erfahren. Außerdem verbreiteten sie die sensationellen Informationen, dass auch Frauen Spaß an Sex haben und sogar fette Menschen wie Oliver Hardy und Kate Smith sexy waren und das Cunnilingus Spaß und Freude machen konnte.

Die Zeichner dieser Comic Strips blieben in der Regel anonym und nur bei zwei von ihnen konnte nach längerer Recherche die Identität ermittelt werden. Der eine, der seine Zeichnungen mit dem Synonym „Mr. Prolific“  kennzeichnete, war „Doc“ Rankin der sein Geld als Zeichner von Cartoons verdiente. Sein Herausgeber „Larck Publications“ produzierte Witzbücher für „Macic-Shops“ und ähnliches. Er war einer der talentiertesten Zeichner und setzte mit seinen „Adventures of Fuller Brush Man“ und „The Lovers Guide“ (mit Mae West und anderen Stars) Maßstäbe in diesem Genre. Der einzige andere Künstler den man benennen konnte war Wesley Morse, der eine Reihe seiner Geschichten auf der Weltausstellung 1939 spielen ließ. Er zeichnete in den 50er Jahren die „Bazooka Joe – Comics“ im Rahmen einer Werbeaktion für „Bazooka-Kaugummi“.


Diese „eight pager“ hatten selten politische Anklänge aber sie waren in ihrer Natur antiautoritär – der Ausdruck eines Protestes gegen die Moral der sexuellen Imagos die von den Massenmedien und Hollywood über das Starsystem vorgegeben wurden. (Greta Garbo, Betty Boop) Seitdem Cartoons eine visuelle Zeichensprache darstellen, stellen Stereotypen die Basis aller Cartoon-Kunst. Die Tijuana Bibles entwickeln in der Verbindung von Pornographie und Cartoon sehr einfache Stereotypen. Beide arbeiten mit den Mittel der Übertreibung und beide entwickeln eine Variationsbreite von Typen, aber niemals von Individuen. Die Frauen in diesen Geschichten, mögen sie intelligent oder dumm, verheiratet oder ungebunden sein, sind alle geil, bis hin zum Punkt der Unersättlichkeit. Das Hauptkriterium ist eher, ob sie die Männer für ihre eigene Befriedigung oder für Geld  zu sich nehmen. Die Männer, ihrerseits, werden unterschieden in alt und geil und jung und geil. Die offiziellen Zeitungs-Funnies wurden vor allem von Kindern und Jugendlichen gelesen, aber eine Gallus-Umfrage von 1938 ergab, dass auch 70% aller amerikanischen Erwachsenen diese Serien ständig verfolgten, so dass man davon ausgehen kann, dass der Einfluss von Comics auf die amerikanische Massenkultur, bevor der Fernseher jedem Haushalt Bilder lieferte, nicht zu unterschätzen ist. Diese „eight pager“ beeinflussten auf ihre Weise alle Bereiche der Kultur, insbesondere die Filme, Radio-Shows und Comic-Strips die sie parodierten – nicht die Entwicklung und Produktion, aber die Rezeption derselben.

Die Tradition dieser „eight pager“ wurde in den Undergroundcomix der 70er Jahre wieder aufgegriffen. In einigen dieser Fälle reagierten die Großverlage allerdings sehr restriktiv. So wurde der Zeichner O´Neill und der Herausgeber des Heftes „Air Pirates“ wegen der Darstellung sexuell agierender Comicfiguren aus dem Walt Disney Universum von Disney wegen Copyrightverletzung zur Zahlung von 190 000 Dollar verklagt. In Europa wurden die Comicfiguren von Herge „Tim und Struppi“ zur Zielscheibe pornographischer Parodien (1962, 1974).  1977 wurde dann der Zeichner Callico von einem Brüssler Gericht wegen einer solchen Persiflage zur Zahlung von 40 000Bfr verurteilt. Der holländische Zeichner Paul Schuurmans nahm sich die Comics „Die Schlümpfe“, „Lucky Luck“ („Fucky Luck – der Mann der schneller kommt als sein Schatten“) und „Tarzan“ vor. Die kleinstformatigen Bände wurden in Deutschland überwiegend in Sex-Shops gehandelt. Auch heutzutage findet man, vorzugsweise im Internet, Persiflagen auf bekannte Comicfiguren und Leinwandhelden, in denen sich z.b. über das Sexleben der Star Trek-Crew ausgelassen wird, oder Karikaturen von Figuren aus dem Marvel- oder Walt Disney-Universum. Die Intention solche Geschichten zu produzieren dürfte zum Teil die gleiche gewesen sein wie damals, mit dem großen Unterschied, dass der Verkauf dieser Tijuana Bibles ein durchaus gewinnbringendes Geschäft war, wo von heute keine Rede mehr sein kann. Während heute die Motivation von der Reizwirkung der Copy-Right-Verletzung und der Persiflage bekannter Figuren ausgeht, waren es in den 20er und 30er Jahren die graphische Darstellung der Geschlechtsorgane und der verschiedenen Spielarten der Sexualität, die zu dieser Zeit extrem tabubehaftet waren. Heutzutage gibt es in den USA einen Comicverlag der die Tradition dieser Eight Pager weiterführt. Die „Shanda Fantasy Arts“, die die „XXX Files“ herausgeben in denen bekannte Comiccharaktere erotische Abenteuer erleben, die im Mainstream immer noch ausgespart bleiben.

Adelman Bob, 1997„Tijuana Bibles“,  Simon&Schuster Editions, New York

Knigge Andreas, 1985„Sex im Comic“,  Ullstein-Verlag, Frankfurt am Main/ Berlin

www.salon.com (10.06.03) – “The introduction to Tijuana bibles“, Art Spiegelmann

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Von der „Blonden Pantherin“ zum feministischen Sexcomic

Comics mit weiblichen Hauptfiguren sind zahlenmäßig im Vergleich zu den männlichen Serienhelden selten geblieben, aber eine beträchtliche Anzahl von Comic-Heldinnen entstand nach dem Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg, als dessen Prototyp „Sheena, Queen of the Jungle“(1938) gilt. Ein Produkt von „Jumbo Comics“, Ableger des Pulp-Verlages „Fiction House“ eine weibliche Dschungelheldin, die ihr Dschungelterritorium verteidigt und andererseits, mit knappem Fellbikini bekleidet, in assoziativen, typisch „weiblichen“ Posen dargestellt wird. Das Dschungelszenerario bot ausreichenden Raum für okkulte Bildmotive, Totenköpfe, Vodoozauberer, Zombies und Dämonen. Beliebte Covermotive waren Bondage-Szenen in denen die gefesselte Heldin hilflos ihrem Feind ausgeliefert scheint. Der Erfolg dieser Heftreihe ließ eine Vielzahl weiblicher Dschungelheldinnen folgen, z.b. „Tiger Girl“, „Saari, the Jungle Goddess“, „Cave Girl“ und „Princess Pantha“, um nur einige zu nennen. “Sheena” von Jumbo Comics brachte es bis 1953 auf 167 Hefte. 1948 fand in Italien dieses Genre mit der Serie „Panthera Bionda“ Nachahmer. Diese Serie wurde allerdings von der katholischen Kirche stark angefeindet und 1950 wieder eingestellt. In Deutschland erschienen 1950 neunzehn Ausgaben der „Blonden Pantherin“ bis wegen ähnlicher Restriktionen seitens konservativer Kirchenkreise der Vertrieb eingestellt wurde. Im Zuge dieser Anti-Comic-Kampagne sollen sogar Zeitungskioske, die die „Pantherin“ in der Auslage hatten, in Brand gesteckt worden sein.


Die Zeitschrift „Bizarre“ des amerikanischen Herausgebers und Zeichners John Alexander Scott Coutts, bekannt unter seinem Künstlernamen John Willie, (1902 geboren in Singapur, 1962 gestorben) verzichtete auf exotische Landschaften und Symbole und destillierte stattdessen die in diesen Comics angedeuteten Tendenzen auf ihre Essenz. Seine Figur „Gwendoline“ erschien in den insgesamt 26 Ausgaben dieser Zeitschrift in den USA im Zeitraum 1946-1959. „Bizarre“ hatte eine relativ kleine Auflage und wurde ausschließlich über den Postversand vertrieben. John Willies wurde von seiner Nachwelt inzwischen zum Altmeister des Sexualfetisch-Comics erklärt. Die Themen seiner Stories bewegen sich stets im gleichen Rahmen: fetisch- und sadomasochistische Phantasien, die vorzugsweise in einem schier unerschöpflichen Spektrum von Bondage-Motiven mündeten und eine Vielzahl von Geschichten die den lesbischen Flagellantismus als Thema behandeln. John Willie beeinflusste mit seinem Zeichenstil Eric Stanton ( 1926 – 1999) der ebenfalls erotische Comics und Illustrationen mit dem Fokus auf BDSM produzierte. Beide Künstler arbeiteten im Studio von Irving Klaw, der ihre Comicserien veröffentlichte und Bettie Page als Bondagemodell entdeckt hatte.

Eine Dekade später, 1969 erscheint auf dem us-amerikanischen Markt eine weitere weibliche Protagonistin – „Vampirella“. Die gleichnamige Figur wurde von dem Zeichner Frank Frazetta entwickelt, der sich wahrscheinlich von „Satanik“, dem 1965 erstmalig erschienen weiblichen Helden des italienischen „fumetti neri“-Genres (sexualisierte Horrorcomics) inspirieren ließ.  Die Erzählung ist eine Mischung aus herkömmlichen Vampirgeschichten und Science Fiction, in denen Vampirella in einem knappen roten Kostüm auf Männerjagd geht um ihnen das kostbare Lebenselixier auszusaugen. Herausgeber war der Verlag „Warren“ der mit seinen Horror-Magazinen „Eerie“ und „Creepy“ bereits den Erwachsenenmarkt bediente.


In den 70er Jahren beginnt sich das Medium Comic, ausgehend von den USA, England und Frankreich, langsam als eigene Kunstform, mit anspruchvollen Stories, dementsprechender graphischer Gestaltung und innovativer Erzählweisen, durchzusetzen. Vorausgegangen war dieser Entwicklung die Entstehung des innovativen Genres des Underground-Comix. Die im Zuge der 68-Bewegung geschaffenen Freiräume spiegelten sich auch in den Comics wider, vor allem in der us-amerikanischen Szene, mit Autoren wie S. Clay Wilson und Robert Crumb. „Zap1“ war das erste reguläre Comix-Heft, dass 1967/8 erschien. Viele der Underground-Comix waren allerdings schon vorher in Fanzines und Studentenzeitungen abgedruckt worden, z.b. „Fritz the Cat“, die bekannteste Schöpfung Robert Crumbs, war bereits erstmals 1958 in dem Fanzine „Foo“ erschienen und die Superheldenparodie „Wunderwarzenschwein“ von Gilbert Shelton, erschien 1959 in dem Studentenblatt „Bachanal“. Crumbs Comix wurden in Europa schnell zur begehrten Importware als die Hippiewelle, sexuelle Revolution und Bewusstseinserweiterung via Drogen, mit einigen Jahren Verspätung nach Europa kam. 1970 gab der März-Verlag die „Head-Comix“ heraus und 1975 folgte der 2001-Versand mit dem Sammelband „Die 17 Gesichter des Robert Crumb“. Crumbs Werk lässt sich in zwei Hauptkategorien einteilen, einerseits die Geschichten um den bärtigen Guru „Mr. Natural“ – mit philosophischen Themen aus den 60er Jahren, Spirit und politischer Kritik und andererseits die Stories in denen Crumb seinen sexuellen Phantasien freien Lauf lässt und mit den Lesern seine Vorlieben für ausgeprägte Hintern, Brüste und stämmige Frauenbeine, die in Schuhen mit riesigen Plateausohlen enden, teilt.

Viele der Underground-Comix gingen sehr offen mit sexuellen Phantasien um und spiegelten dabei oft den damals noch nicht hinterfragten männlichen Chauvinismus wider. Andere Tendenzen wurden in den sexuellen Subkulturen sichtbar: 1966 erschien in Philadelphia das erste schwule Comix-Heft, „The uncensored Adventures of Harry Chass“. Es wurde hauptsächlich über die Verteiler homosexueller Pornomagazine vertrieben. 1970 erschien mit „It Ain`t Me Babe“, das erste Comix-Heft was ausschließlich von weiblichen Zeichnern gestaltet wurde. Es war Auslöser für weitere Magazine die ab Anfang der 70er die amerikanische Comixszene bereicherten, z.b. „Tits and Clits“, „Wimmen`s Comix“, „Pandora’s Box“ und die Serien „Girl Fight Comics“ und „Abortion Eve“. Wie ihre männlichen Kollegen waren die weiblichen Cartoonisten in der Darstellung von sexuellen Themen freizügig, anstelle von Brüsten und Ärschen wurde in den „Women’s Comics” aber eher über Menstruation, Vibratoren, Abtreibungen, Lesben und Sexualpolitik diskutiert. 1976 wurde u.a. von Trina Robbins eine Anthologie über Sex im feministischen Comix herausgegeben – „Wet Satin“, die den Verlagen allerdings zu pornographisch war, so dass nur 2 Ausgaben realisiert werden konnten. Die Comix-Zeichnerinnen haben , im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen dieser Zeit, immer sehr offen homosexuelle Beziehungen in ihren Stories dargestellt. 1979 kam dann mit „Come Out Comix“ das erste lesbische Comic-Heft heraus. Es folgten ein paar Jahre später „Dynamite Damsels“ (Roberta Gregory) und „Dyke Shorts“ (Mary Wings).

Über den Erfolg der Undergroundcomics etablierte sich das Genre des männlich orientierten pornographischen Comic. In den 80ern stellten sie bereits einen populären und wachsenden Markt dar. Verlage wie „Fantagraphics“ gründeten mit „Eros Comix“ Tochterunternehmen, die ausschließlich erotische und pornographische Comics vermarkteten.

„Fantagraphics Books“ ein Verlag aus Seattle, wurde mit den Publikationen von Jaime und Gilbert Hernandez Anfang der 80er Jahre und vielen anderen Independent-Zeichnern bekannt. 1990 wurde das Sublabel „Eros Comix“ für die Vermarktung pornographischer Comics gegründet, mit dem der Verlag seine finanzielle Situation sanieren konnte.


Howard Chaykins(1950), begann mit seiner Serie „Black Kiss“ im Jahr 1988. Die Erzählung ist ausschließlich in Schwarz-weiß-Zeichnungen gestaltet und spielt im Call-Girl-Milieu Hollywoods der 50er Jahre. Mit einer Crime-Noire-Atmosphäre und Elementen des Phantastischen – (die beiden weiblichen Hauptprotagonistinnen erweisen sich im Laufe der Erzählung als sexbesessene  Vampire) und den expliziten Sex- und Gewaltdarstellungen, hat „Black Kiss“ die Grenzen verschoben was in Mainstream-Comics gezeigt werden durfte. Die Hefte wurden in Plastik eingeschweißt und mit einem „adults only“- Label vermarktet. Die Serie galt in den USA als eine der erfolgreichsten Independent-Comics dieser Zeit.

Der kommerzielle Erfolg von erotischen und pornographischen Comics setzte sich mit steigender Tendenz in den 90ern fort, wobei ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Publikationen deutlich frauenfeindlich waren. Die Comickünstlerin  Roberta Gregory war 1991 mit ihrem erotischen Comic im Buchformat, die Erste die dieser Entwicklung einen deutlichen Kontrapunkt setzte – und dies mit beträchtlichen Erfolg, sowohl bei Frauen wie auch bei Männern. Die folgende 2. Ausgabe gab sie im Eigenverlag heraus und der Fokus ihrer Erzählung verlagerte sich vom Sex zur weitergehenden Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen. Andere Frauen zeichneten  über das Leben und Sex im speziellen, wie Roberta Gregory aus ihrer eigenen, weiblichen Perspektive heraus und boten oft intelligentere und einfühlsamere Geschichten an als die herkömmlichen Produkte. Durch den daraus resultierenden Erfolg wurde dem feministischen Erotikcomic, seitens der Industrie, ein dementsprechender Stellenwert eingeräumt. Zu den bekannteren Zeichnerinnen gehören Mary Fleener, Produzentin von “Slutburger“ und „Nipplez ’n‘ Tum Tum“, Julie Doucet, Aline Kominsky-Crumb, Petra Waldron und Jennifer Finch mit ihren „Adventures of A Lesbian College Schoolgirl“, Molly Kiely’s “Diary of a Dominatrix” und  “That Kind of Girl” sowie Colleen Coover.

AVN-Online “The Princesses of Porno Power: Women’s Erotic Comix” , Kara Maia Spencer

Die „normale“ Seite sexuellen Erlebens, die ganz alltägliche und sehr individuelle Sichtweise auf „pornographische“ Erfahrungen, jenseits des industriellen Formulas, wird auch in der Antalogie „True Porn“(Bd.1/2) dargestellt. In diesem Sammelband, herausgegeben von Robyn Chapman und Kelli Nelson beim Verlag „Alternative Comics“ stellen eine Vielzahl von Zeichnern ihre Kurzgeschichten vor. – http://www.trueporncomic.com/

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Der bekannte US-Szenearist Warren Moore (Watchmen, V for Vendetta, From Hell) veröffentlichte 2006 das erotische Comic „Lost Girls“, an dem er 16 Jahre mit seiner Lebenspartnerin Melinda Gebbie gearbeitet hatte. Die Erzählung handelt von drei der bekanntesten weiblichen Figuren des klassischen Märchen/Fantasy-Genres: Wendy aus Peter Pan, Dorothy von The Wizard of Oz und Alice aus Alice im Wunderland und ihren Abenteuern als Erwachsene bei ihrem Zusammentreffen in einem östereichischen Hotel kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges. Moore interpretiert die Phantasieländer der Klassiker; Oz, Never Never Land und Wunderland als sexuelle Metaphern, die die Welt der heranwachsenden Protagonistinnen widerspiegeln und weitergehend einen tiefenpsychologischen Code der Autoren entspringt, die den versteckten Wunsch nach sexueller Entfaltung zu ihrer Zeit so zu Papier gebracht haben. Als Konsequenz beschreibt Moore ausführlich die sexuellen Erlebnisse der drei Frauen und führt die ausschweifenden klassischen Phantasien in die Körperlichkeit zurück. Das Ergebnis ist eine graphische Novelle, die keinen sexuellen Fetisch und Paraphilia in der Beschreibung auslässt. In den USA ist das Buch freigegeben, in Kanada wurde „Lost Girls“ zunächst als pornographisch eingestuft.

Von Barbarella und Glamour Girl zu „Métal Hurlant“

Der europäische Markt

In Europa erscheinen ab den 60ern ebenfalls Comics, die sich grundsätzlich von der vorangegangenen Comic-Generation unterschieden und sich ausschließlich an Jugendliche und Erwachsene wandten. Neben den Darstellungen des subkulturellen Milieus aus der us-amerikanischen Undergroundpresse,  gab es eine Mehrzahl von erotischen Geschichten, vor allem von französischen Zeichnern. 1962 erschien in der französischen Erotik-Zeitschrift „V-Magazin“ die ersten Geschichten von „Barbarella“, einer erotischen Comic-Heldin, von Jean-Claude Forest. 1964 wurde der erste Barbarella-Sammelband des Erotica-Verlages „Eric Losfeld“ von den französischen Zensurbehörden verboten, was der Serie eine große Popularität einbrachte. Bis dato war es eine übliche Praxis, die bedeckten, aber sichtbaren Busen der weiblichen Comicfiguren von Prinz Eisenherz oder Tarzan wegzuretuschieren. Bei Barbarella, eine Figur die der Ästhetik der damaligen Twen-Modelle nachempfunden war, handelte es sich um einen Science Fiction-Comic, dessen Erfolg in der Erotisierung der Handlung lag, die fast ausschließlich mit den Mitteln der Andeutung arbeitete. 1966 erschien „Barbarella“ in Deutschland, 1968 folgte dann mit „Pravda“ von Guy Peellaert die Geschichte einer harley-fahrenden Motorradfrau. 1970 kommen mit „Epoxy“ (Paul Cuvelier/Jean van Hamme) und „Phoebe – Zeitgeist“ (Michael O`Donoghue/Frank Springer) zwei weitere, erotische Comicfiguren auf den Markt, wobei „Phoebe“ deutlich sadomasochistische Tendenzen erkennen ließ.

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Die Comicfigur Prawda war möglicherweise von „Octobriana“, einem sowjetischen Undergroundcomic inspiriert. Octobriana, die Hauptfigur dieses Comic stellte eine Mischung aus einem Frauentyp mongolischen Einschlags und dem damaligen populären Frauenbild im Westen dar, wie er durch die Schauspielerin Brigit Bardot und durch die Comicfigur Barbarella repräsentiert wurde. Octobriana war ein Produkt der PPP – Progressive/Political/Pornography – einer Gruppe sowjetischer Künstler und Intellektueller, die sich Ende der 1950er Jahre gegründet hatte und die dieses Comic als ein subversives Medium für ihre Systemkritik nutzten. Bekannt wurde das Comic und die PPP durch den Tschechoslowaken Petr Sadecky, der 1967 in den Westen emigrierte und mehrere Ausgaben dieses Comics mitbrachte.

Seitens der 68er-Studentengeneration wurde das Medium Comic gezielt eingesetzt um subversives Gedankengut zu verbreiten. Alfred von  Meysenburg, überzeugter Adorno- und Marcuse-Anhänger und Student der Soziologie, kam 1968 mit den beim Heinrich Heine Verlag verlegten Bänden „Das Ende der Verkäuferin Jolly Boom“ und den Folgeband „Glamour Girl“ heraus. Die Story handelt von dem Leidensweg einer biederen Handelskauffrau zur Prostituierten und deren abschließende Läuterung zur SDS-Symphatisantin und wartete „ um den Strategien der Triebunterdrückung und Triebmodellierung der herrschenden Klasse entgegen zu wirken“, mit den Darstellungen nackter Körper auf. Vom Zeichenstil sind seine Arbeiten an der Pop-Art, vor allem der Roy Lichtensteins, orientiert. Seine Bildsequenzen und ein Teil der Texte sind bewusst aus der Werbung und Gebrauchsgraphik entlehnt. Meysenburg versuchte auf diese Weise diese Elemente im Rahmen seiner Geschichte zu persiflieren und zu verfremden um die Mechanismen der Konsumgesellschaft zu verdeutlichen.

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Der Franzose Pichard (geb. 1920), Werbegraphiker, Illustrator, später Kunstprofessor, gilt als einer der europäischen Vorreiter des erotischen Comics. Eine seiner bekanntesten Figuren ist das 17-jährige Mädchen „Blanche“. Sie war mit ähnlichen Körpermaßen wie die Heldin des Playboy-Strips „Little Annie Fanny“ ausgestattet, die Hugh Hefner ab 1962 herausbrachte. Das Szenario der Geschichte ist eine Ansammlung von Klischees verschiedener „Schicksalsromane“ mit fast ausschließlich viktorianischen Dekor. Die Erstausgabe erschien im französischen „V-Magazine“ von Eric Losfeld. Ab 1977 erschienen weitere Geschichten in dem Comic-Magazin „Metal Hurlant“, später auch in der deutschen Ausgabe von „Schwermetall“. Pichards bekannteste Serie „Paulette“ entstand ab 1979. Während sich bei den Serien „Paulette“ und „Blanche“ ironisch angelegte Persiflagen auf die Stereotypen der Trivialliteratur ab und zu bemerkbar machten, zeigt sich in seinem Werk von 1977 „Marie-Gabrielle de Saint-Entrope“ eine andere Tendenz der Schaulust: Sadomasochistische Szenen und eine Vielzahl von Folterszenen vollbusiger nackter Frauen dominieren die Erzählung. Dieser Comic hat Pichard Kritik und den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit und „der lüsternen Ästhetisierung von Gewalt“ eingebracht.

Auch bei dem französischen Zeichner Crepax ist SM ein immer wiederkehrendes Thema. Er steht mit seinen Darstellungen aber eher bei John Willies „Bizzare“ als bei Pichards penetrierenden Zeichnungen und seine Darstellungen zielen eher auf den geistigen Effekt des Sadomasochismus. Crepax war ein großer Verehrer der Schauspielerin Louise Brooks, die in der Weimarer Republik mit der Darstellung der „Lulu“ Filmkarriere machte – eine Figur aus dem Film „Tagebuch einer Verlorenen“ des Regisseurs Reinhold Pabst.  Diese charakteristische Figur, mit dem Pagen-Haarschnitt, taucht auch immer wieder bei einzelnen Stories von Crepax auf. Crepax hat mit den Jahren mittels seinen  Ausschnitten aus dem Bildganzen und der wechselnden Anwendung von Split Panels eine narrative Technik entwickelt, an der sich viele Produzenten erotischer Photographie ein Beispiel nehmen könnten. Ab 1973 begann Crepax mit der Umarbeitung erotischer Weltliteratur in seine Comicerzählungen. In Deutschland wurden Werke von Crepax wie Emmanuelle (1980), Justine (1992) und Valentina in Nadelstreifen (1997)  über Münchner Verlage wie den Bahia Verlag und die Edition Erotik und später dem Schreiber & Leser-Verlag publiziert.

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„Da werden in auffallend dick umrandeten Bildern in Briefmarkengröße ein Schuh gezeigt, ein Brillenglas, eine Gürtelschnalle, ein abgestreiftes Spitzenunterhöschen. Mit fortschreitender Zuspitzung der erotischen Handlung werden die Details durch Augen und Lippen abgelöst, dann von Brustwarzen, einem erigierten Penis, einer Vagina, einem After


(Zitat aus: Knigge Andreas, 1985 : 195 , „Sex im Comic“, Ullstein-Verlag)

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Ein weiterer erfolgreicher Zeichner in diesem Segment ist der italienische Comicautor Paolo Eleuteri Serpieri. (1944)  Er begann 1985 mit seiner Science Fiction Serie „Morbus Gravis“ um die weibliche Comicfigur Druuna, die einen deutlichen erotischen bis pornographischen Charakter hatte. Die insgesamt acht Alben dieser Serie wurden in zwölf Sprachen übersetzt und  über eine Million mal verkauft.



Die neuen Tendenzen des Medium Comics führten die französischen Zeichner Moebius, Phillipe Druillet, Jean Pierre Dionnet und Bernard Farkas mit ihrem Verlag „Les humanoides associés“ ab 1974 mit dem Comicmagazin „Métal Hurlant“ in den Mainstream. 1977 folgte „Heavy Metal“ für den us-amerikanischen Markt und einige Jahre später erschien die deutsche Version „Schwermetall“. In Anlehnung an den Erfolg von Magazinen wie „Heavy Metal“ und „U-Comix“ erscheint in den USA seit 1994 das „Penthouse-Comic“-Magazin, welches ausschließlich erotische Comics veröffentlicht. Es gelang diesem Verlag allerdings nicht zugkräftige Zeichner zu verpflichten, so dass der erwartete Erfolg ausblieb. Seit 1998 erscheint „Penthouse Comic“ auch in Deutschland.

Beginnend in den 80ern boomt der Markt für erotische Comics in den 90ern. Neben Spezialeditionen von Erotikverlagen bringen auch die großen Comicverlage Extraausgaben bekannter Comickünstler mit überwiegend erotischen Inhalt auf den Markt. In Deutschland veröffentlicht die „Edition Kunst der Comix“  erotische Comics in ihrer „Collektion X“. Die dort verlegte Zeichnerin Giovanna Cassetto wurde mit ihrem Band „Striptease“ sogar noch 2001 von der Bundesprüfstelle indiziert. Der Verlag Schreiber und Leser veröffentlicht seit 1992 mit seiner Edition Erotik die erotischen Werke von bekannten Zeichnern wie Milo Manara und der Verlag Sackmann und Hörndl (comic+) publiziert mit seiner Edition Luxor, seit 1990 Zeichner wie Loisel/Le Guirec, Paolo E. Serpieri und Don Lawrence. Das Verlagshaus Sonnenberg stellte das Dach für bekannte Labels der deutschen Ausgaben von U-Comix, Schwermetall sowie Penthouse Comix und dem Alpha-Comic-Verlag und den drei Editionen  Kunst der Comics(Collektion X), Aleph und Luna über die eine Vielzahl vor erotischen Comics im deutschen Raum publiziert wurden.

Der kleine Verlag „Schwarzer Turm“ bietet über den „Freibeuter-Shop“ im Internet mehrere Sex- und Pornocomics aus eigener Produktion und von anderen Verlagen an. Neben „Weißblechs Weltbeste Comics“, die mit Titeln wie „Der geifernde Grapsch“ und „Drogengeile Teenieschlampen“ reinsten Trash anbieten, wie er bereits seit den 70ern auf dem US-Markt zirkulierte, gibt es die Serien „Alraune“ und „Arsinoe“, die sich beide – im realistischen Zeichenstil- an das gängige pornographische Formula halten. Qualitativ herausragende Produktionen sind die Einzelbände „Vier Stunden zu früh“ von der Zeichnerin Renke Karrow und „Small Favors“ von der US-Amerikanerin Colleen Coover. 2005 erschien vom gleichem Verlag  „Hurengeschichten“. Verschiedene Kurzgeschichten, die auf Interviews mit Prostituierten beruhen, die in Zusammenarbeit mit der Prostituiertenorganisation „Hydra“ entstanden sind.


Bei vielen anspruchsvollen Comicgeschichten wird, ähnlich wie beim Film, seit den 90ern eine neue Tendenz sichtbar. Das Innen- und Sexualleben der Protagonisten wird nicht mehr ausgespart, sondern fließt mit in die Geschichte ein. Bei Dave Mc Keans, „Cages“, (Carlsen Verlag 1997, 5.Band) erlebt man den Protagonisten, einen Kunstmaler, bei dem Beginn einer romantischen Beziehung mit seiner Nachbarin. Die folgenden gezeichneten Sex-Szenen sind weder aufgesetzt noch voyeuristisch, sondern Teil der Erzählung. Sie sind skizzen- und collagenhaft, so dass der Leser die beiden Akteure mehr imaginiert, als das sie real abgebildet werden. Auf einer weiteren Erzählebene nehmen die „Schutzgeister“ der beiden, eine Katze und ein kleiner Mann,  das Liebesspiel zum Anlass für philosophische und tantrische Diskurse. Dave Mc Keans, „Cages“ wurde erstmals bei Kitchen Sink Press veröffentlicht. McKean ist Jazzmusiker, ein Umstand der bei seinen Zeichnungen, die sich zeitweise in eine Art grafischen Musikfluss auflösen, spürbar wird

Online-Comics

Viele pornographische Comics werden inzwischen über das Internet angeboten, entweder über Online-Kataloge wie „Blowfish“ und von us-amerikanische Verlagen wie „Eroscomics“, oder als Content für pornographische Webseiten. Neben den kommerziellen Angeboten gibt es viele Künstler, die ihre Comics kostenfrei im Netz anbieten, so auch in dem Bereich der Sex- und Pornocomics. Ein gutes Beispiel für diese Art nichtkommerzieller Webcomics ist die Serie „Sexy Losers“, in der Regel kurze Stories, die in der Form eines Tageszeitungsstrips in ein bis zwei Paneelen veröffentlicht werden. Auf der Webseite des Künstlers sind bereits 240 dieser Stripes.Abgerufen werden kann die Webseite über

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comicartcollective.com/. Mit der Webseite adultwebcomics.com bestand  2006 – 2008 für unbekannte Zeichner die Möglichkeit ihre Werke zu veröffentlichen und die Seite als Platform für eine mögliche Karriere in diesem Genre zu nutzen. Ein ähnliches Angebot bietet speziell für 3D-Comics die Seite renderotica.com

Das wachsende Potential  von 3D-Comics, Spielen und interaktiven Anwendungen ist auch in Hinblick auf den 18 U.S.C. 2257 interessant, da die Speicherung der Personendaten bei virtuellen, computergenerierten Akteuren entfällt und etwaige Verstöße gegen dieses Gesetz nicht mehr von Belang sind. Im Internet gibt es eine ganze Reihe von amerikanischen Anime- und Comic-Anbieter für Adultwebmaster  Die Anbieter von adultcartooncontent.com boten beispielsweise Comics je nach Qualität und Anzahl der Seiten zwischen 7 – 90$ und 3D-Comics zu 50$ an. Desweiteren Flash-Cartoons und Webdesignvorlagen, sowie Partnerprogramme mit dem kalifornischen „JK Network“, die vier Comic- und Anime-Seiten in ihrem Programm haben: HardToon.com, FetishDrawing.com,  EroComics.com und  MaxiManga.com

Im Bereich der Angebote pornographischer Comics im Internet sind drei Hauptsegmente auszumachen; das Genre des Yentai, Comics verschiedener westlicher Zeichenstile wie sie von der kalifornischen Firma „Naweb Admin“ seit 2001 mit eadultcomics.com und 10 weiteren Webseiten angeboten werden und 3D-Comics, die mit Hilfe verschiedener Computerprogramme produziert werden. Diese 3D-Comics werden oft im Zusammenhang mit interaktiven Angeboten und Adult-Games vermarktet. Anbieter dieses Segments sind beispielsweise „XPosh Llc“(USA) mit 3dplaything.com, die über Somavision registriert sind, amazonsoul.com(Kanada) und die populäre crazyxxx3dworld.com des US-Unternehmens „Global iNet World“. Mit zu den populärsten Hentai-Anime-Seiten im Netz gehörten nach Alexa (Nov.2006) archivehentai.com und free-manga-hentai.com der holländischen Firma „Web Dreams“, hentaikiss.com von CNC Marketing(USA), die Netzwerke animemanga.biz und exstasia.biz der italienischen „Vaga Srl“, sowie weitere Webseiten von Einzelanbietern und kleineren Firmen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Comic

http://xoomic.de/webneu/magazin/zensur2.html

http://www.avant-verlag.de/

Grünewald Dietrich, 2000, „Comics“, Max-Niemeyer-Verlag, Tübingen

Schnurrer Achim (Hg.), 1996, „Comic: zensiert“, Bd.1, Edition Kunst der Comics, Sonneberg, Deutschland

Knigge Andreas, 1985, „Sex im Comic“, Ullstein-Verlag, Frankfurt am Main/ Berlin


Das Thema „Sexworking“ im Comic3 Beispiele

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Hernandez, Jaime, 1994

„WigWam Bang“

Reprodukt/Edition Moderne,Berlin/Zürich

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Der Comic zeichnet u.a. die Geschichte von Doyle und Ray und in diesem Rahmen, die der Frau Danita, einer ca. 18-25 – jährigen Afroamerikanerin mit Kind. Danita bekommt von ihrer Freundin Lily, einer ca. 30-40- jährigen weißen Amerikanerin, das Strippen beigebracht und verdient danach ihr Geld in einem Nachtclub. Im Laufe der Geschichte sieht man Doyle, einen ca. 25-32 -jährigen Amerikaner. Er ist der Freund von Lilly, wohnt bei ihr, lässt sich von ihr aushalten, scheut aber vor einer zu engen Bindung zurück und schläft auch öfters bei den Underdogs unter Brücken oder in einem Zelt. Zu Ray, dem Freund von Danita, verbindet ihn eine Freundschaft. Auch Ray ist meistens ohne Geld, ein mittelloser Künstler, der in seinem Atelier haust. Er verliert seine Wohnung, weil er die rückständige Miete nicht zahlen kann, wird aber von Danita, die die Wohnung übernimmt, aufgenommen. Ray ist bereit zu einer festen Beziehung und sieht sich durch die gelungenen Auftritte Danitas in seinem Milieu auch aufgewertet. Die Beziehung scheitert aber daran, dass durch die Schließung der Bar die materielle Grundlage ihrer Beziehung entzogen wird und an einer alten Liebesbeziehung von Ray, die trotz ihrer Abwesenheit zwischen ihnen steht. Danita zieht daraufhin mit ihrem Kind wieder zu ihrer Mutter, hat durch ihre Erfahrungen in der Strip-Bar aber ein neues Selbstbewusstsein entwickelt.


Beide Männer, Doyle und Ray scheinen keinen strukturierten „normalen“ Lebensentwurf als ihr Ziel zu verfolgen. Beide leben mehr oder weniger von der Arbeit  ihrer Freundinnen, wobei dieses Verhältnis seitens der Frauen auf Freiwilligkeit beruht und sich auch nicht auf mehrere Frauen erstreckt. Sie sind also keine Zuhälter was durch die Beschreibung ihrer Charaktere auch deutlich wird. Ihr Tagesablauf wird bestimmt durch die Gestaltung ihrer freien Zeit. Vom Suchen einer Duschmöglichkeit bis hin zu vielfältigen sozialen Interaktionen: Tramps eine günstige Stelle zum Aufspringen auf den Zug zeigen, mit Bekannten Bier trinken oder wie Doyle, sich in seiner Stammkneipe, der Strip-Bar, aufhalten. Beide sind keine Outsider die sich durch einen bestimmten Dresscode zu erkennen geben, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern tragen in der Regel Hemd und Anzug. Die Stabilität ihrer Lebenssituation wird durch ihre Freundinnen und ihren Verdienst gestellt. In beiden Fällen zerbricht diese Beziehung. Bei Doyle wegen seiner Unwilligkeit sich fest zu binden, bei Ray wegen dem Kind und der fehlenden materiellen Grundlage. Beide geraten in eine Krise, Ray sieht  seine sexuelle Potenz in Frage gestellt, Doyle verlässt sogar das ganze Milieu. Im letztem Bild sieht man ihn die Bahnschienen entlanggehen und die Stadt verlassen.

Die Toplessbar wird ausschließlich von Männern besucht. Die Stripperinnen werden hauptsächlich in der Garderobe dargestellt , die Atmosphäre unter ihnen ist locker. Der Chef, „Mr. Bumper“ tritt nie in Erscheinung, so dass man über die Hierarchie im Arbeitsverhältnis nichts erfährt. Ansonsten ist eine Barkeeperin die einzige weitere Frau. Die Mutter von Danita, welche in der Nähe wohnt, ist von der Arbeit Danitas zwar nicht begeistert, toleriert sie aber. Einzig eine Verwandte von Danita, ihre ca. 25 jährige -Cousine, äußert sich abwertend und empfindet auch den Umzug in die Wohnung von Ray als sozialen Abstieg. Sie betrachtet zweifelnd ein Aktbild, das Ray von Danita gemalt hat welches eindeutig ihre sexuellen Reize betont, weswegen sie ihm vorwirft, dass er nicht besser sei als die Zuschauer in der Strip-Bar, wenn er sie so sehe.

Eine Schlüsselszene in Bezug auf das Thema „Strippen“ wird zeichnerisch gelungen dargestellt, als Danita auf der Bühne strippt, sich in eine Art Selbstvergessenheit steigert, sich im Tanz gefällt und aus dieser Stimmung heraus sich im Publikum umguckt und zum ersten Mal die Gesichter der Männer, ihre Blicke, wahrnimmt. Sie sieht ihre Geilheit, sich als Objekt dieser Geilheit. Ihr bricht der Schweiß aus. Sie ist angewidert wenn nicht sogar ängstlich.Ob eine Frau sich als Objekt des patriarchalen Blickwinkels wahrnimmt oder als Frau, die die sexuell aufgeladene Atmosphäre genießt und sogar Macht empfindet, Macht über die auf sie schauenden Männer, liegt im individuellen Empfinden und in ihrer Selbstreflexion begründet


„Omaha – The Cat Dancer“ Nr.16

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Reed Waller& Kate Worley : 1991

Kitchen Sink Press, Princetown /USA

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Ein Erwachsenencomic, herausgegeben von „Kitchen Sink Press“ (Inc. Nr2 Swamp Rd., Princetown WI 54968, USA). Zeichnung und Text von Reed Waller, ab der zweiten Ausgabe unter Mitarbeit von Kate Worley. In der Fortsetzungsgeschichte die 2-monatlich erschien (Erstausgabe 1981, 7. Nachdruck 1990) wird in Schwarzweiß mit einem Zeichenstil, der dem amerikanischen Undergroundcomicklassiker „Fritz the Cat“ ähnelt, die Geschichte der Stripteasetänzerin Omaha erzählt. Die menschlichen Personen in diesem Comic werden allesamt als Tiercharaktere dargestellt. Schwerpunkt der Geschichte sind die Beziehung Omahas zu ihrem Freund Chuck, die Krisen dieser Beziehung und ihre Liebschaften, die u.a. mit Bildsequenzen von erotischen und zum Teil pornographischen Charakter dargestellt werden, weswegen der Comic in den USA erst ab 18 Jahre freigegeben ist. Diese Sequenzen machen im Verhältnis zur gesamten Bildgeschichte nur einen geringen Teil aus und sind Bestandteil der Lebensschilderung dieser Personen. Da sind z.b. Joanne, eine Bekannte von Omaha und Chuck, die als professionelles Callgirl arbeitet, bisexuell ist und die Beiden eines Abends auch verführt. Oder Rob Shaw, ein homosexueller Photograph, den Chuck über seine Agentur, wo er als Zeichner arbeitet, kennenlernt und schließlich noch Shelly, eine Freundin von Omaha, die als Tänzerin, aber auch als Organisatorin im Strip-Business gearbeitet hat, bis sie angeschossen wurde und erst mühsam wieder laufen lernen muss.

Die Stripclubs, das Milieu, in dem Omaha sich zum Teil bewegt, ist das von finanziell gut situierten Kreisen und dementsprechenden Hostessen und Callgirlringen (sie selbst arbeitet ausschließlich als Exotic-Dancer).  Aufgrund der politischen Situation müssen alle Striplokale in der Stadt schließen und der Leser nimmt Teil an den Bemühungen eines dieser Lokale wieder zu eröffnen, u.a. indem Unterschriften gesammelt und Eingaben beim Gericht gemacht werden. Man erfährt etwas über die Schwierigkeiten einer feministischen Initiative mit dem Thema Prostitution und Sexworking und stellt fest, dass es Menschen gibt, die lieber ihren nackten Körper präsentieren als das sie sich in einem 8-Stunden-Tag an eine Firma verkaufen. Einen weiteren Spannungsbogen bietet die Story um einen machthungrigen Senator, der in der Vergangenheit Chuck´s Mutter zu einer Zwangsheirat erpresst hat und im Laufe der Geschichte ermordet wird, wobei die Hauptakteure dieses Comics, Omaha und Chuck, im Zuge der polizeilichen Ermittlungen, in Verdacht geraten.

„Omaha“ ist kein Comic, das realistisch die Situation der Striptänzerinnen in den USA beleuchtet, aber auch kein reiner Sex&crime-Funny oder Noire-Comic. Die ganze Geschichte ist getragen von einem Geist sexueller Liberalität wie er sich in den USA in den 60er Jahren aus der Studenten-, Kommunen- und Hippiebewegung entwickeln konnte. Am Rande der sehr ausführlich dargestellten Beziehungskontexte erhält der Leser einige Einblicke auf Verhältnisse in diesem Milieu, die durchaus als wirklichkeitsnah bezeichnet werden können.

„From Hell“

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Alan Moore&Eddie Campbell : 1989/1999

Speed, Verlag Thomas Tilsner, Bad Tölz

Deutsche Ausgabe, 2.Auflage 2001

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In dem Comic „From Hell“ von Alan Moore und Eddie Campbell, in dem es um die Geschichte des Serien und Frauenmörders „Jack The Ripper“ geht, hat der Texter Moore umfangreiche Hintergrundrecherchen zu der speziellen Thematik und darüber hinaus, zu den historisch-sozialen Hintergründen dieser Zeit betrieben, die von dem Zeichner Campbell graphisch detailliert umgesetzt werden. Neben der eigentlichen Kriminalgeschichte werden die Freimaurerlogen, verwoben mit dem Königshaus, als politischer Machtfaktor dargestellt, wobei sich die Autoren die Freiheit nehmen bis in das Genre des Phantastischen zu gehen. In dem Zusammenhang dieser Arbeit ist vor allem die detaillierte Beschreibung des Londoner Prostituiertenmilieus im Stadtteil Whitechapel, insbesonderen der Straßenstrich interessant, von dem hier auch eine dreiseitige, zusammenhängende Bildsequenz vorgestellt wird.


Diese Zeichnungen zeigen die Prostituierte Marie bei ihrer Arbeit, die Kontaktaufnahme, die über den Mann erfolgt indem er sie anspricht und sagt, dass er einen Ausflug nach „Hairy-Ford-Shire“ machen möchte und nur 3 Pence dabei hat. Dies bezieht sich zwar auf die Aussprache des Ortes „Herfordshire“, war aber ein Slangausdruck für die weiblichen Genitalien. („From Hell, Anhang, S.8) Dann suchen sie gemeinsam einen Hinterhof auf und der Geschlechtsverkehr wird im Stehen, an einem Zaun gelehnt vollzogen. In dieser Form möglich, durch ein Anheben des Rockes ihrerseits und aufgrund des Umstandes, dass das Tragen von Unterwäsche zu dieser Zeit noch unüblich war. Sie versucht den Mann zu „kobern“, also den Geschlechtsverkehr vorzutäuschen, indem sie den Penis zwischen ihren Schenkeln hält. Ihr Kunde bemerkt dies und fordert, bzw. erzwingt den richtigen Verkehr. Hier nutzt der Zeichner in 3 Bildern eine Gestaltungstechnik wie sie im Film mit dem Zoom gebräuchlich ist, um die emotionale Distanz der Frau zum Geschehen zu verdeutlichen. Im ersten Bild sieht man von oben herab, beide am Zaun gelehnt, stehend kopulieren, wobei die Geräusche des Mannes mit der Sprechblase „Ummf“ verdeutlicht werden. Das zweite Bild führt weiter weg vom Geschehen und lässt die umliegenden Gebäude erkennen, während in der Bildmitte zentriert, weiterhin, wenn auch kleiner, die Sprechblase „umf“ steht. Das dritte Bild schließlich, lässt beide Gestalten im Grau der Hinterhoflandschaft verschwinden, wobei das Auge wiederum bei „umf“ stehenbleibt. Auffällig an der Darstellung ist die brutale Kürze des Geschlechtsaktes und die „Gespanntheit“ der Situation, in der fest geschlossenen Faust des Mannes verdeutlicht, während die andere Hand geöffnet, als Geste der Verachtung, die 3 Pence vor ihr auf das Pflaster fallen lässt. Ein Kondom wurde nicht benutzt. Es gab sie zwar schon zu dieser Zeit, stellte aber für die Straßenprostituierte in der Regel ein unerschwinglicher Luxusartikel dar, der den Prostituierten der gehobenen Klasse vorbehalten war. Diese Form der dargestellten Schnellprostitution soll im viktorianischen England üblich gewesen sein und betrug in der Regel tatsächlich 3 Pence. Der Verkehr fand meistens im Stehen, gegen eine Wand oder einen Zaun gelehnt statt. In der Umgangssprache nannte man dies einen „thrupenny upright“ – einen „Drei-Penny-Ständer“ (From Hell, Anhang, S.8) In den folgenden letzten Bildern sieht man die Frau Marie durch die Gassen gehen, die von Straßenhändlern bevölkert sind. Ein charakteristisches Straßenbild, wie es in jeder Großstadt zu dieser Zeit anzutreffen war.