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Stadtentwicklung und „soziale Fremdkörper“



Hamburgs Eingliederung in den preußischen Nationalstaat-Wahlrechtsunruhen und Gewerkschaftsorganisation

Die 90er Jahre des 1900 in Hamburg sind nicht nur gekennzeichnet durch die Choleraepidemie und die darauffolgende Reform der hygienischen Verhältnisse, die Stadtsanierung unter dem Vorzeichen der „Citybildung“, die Umstrukturierung des Hafens und der Bildung von Arbeitgeberorganisationen – und auf der anderen Seite – die Bildung einer starken Gewerkschaftsorganisation und der Etablierung der Sozialdemokratie, sondern auch durch einen Sieg des Preußentums, der staatlichen Intervention über den Laisser-faire des bürgerlichen Liberalismus.

Hamburg war im 19.Jh. größtenteils eine „Freie Stadt“, ein autonomer Staat im Deutschen Bund und nach 1871, wenn auch eingeschränkt, innerhalb des Deutschen Reiches. Das ganze 19.Jh hindurch und darüber hinaus bestand der Senat aus Mitgliedern eng verflochtener Patrizierfamilien, die über ein weitreichendes Netz von Verwandtschaftsbeziehungen den wohlhabensten Teil der Handels- und Finanzwelt Hamburgs stellten. Viele dieser Hamburger Familien, die die Senatoren stellten, waren nicht deutschen Ursprungs; so die Amsincks, die Chapeauxrouges, Godeffroys, Slomans und die O`Swalds. Die Amsincks stellten den Bürgermeister Wilhelm Amsinck (1752 – 1831) und heirateten in eine Vielzahl anderer Senatorenfamilien ein, wie die Gosslers, Sievekings, Burchhards, Westphals und Mercks – alles sehr vermögende Familien mit dementsprechenden politischen Einfluss. Als reichster Mann der Stadt galt Anfang des 20 Jh. der Reeder Henry Slomann, dessen Vermögen auf 60 Millionen Mark geschätzt wurde, auch er war über diese Heiratspolitik mit den Amsincks verwandt.

Als letzter der norddeutschen Staaten trat Hamburg 1871 dem Deutschen Reich bei. Als Konsequenz dieses Beitrittes wurde die alte Hamburger Währung – 12 Pfennige auf den Schilling, 16 Schilling auf die Mark Banco – durch die Dezimalwährung des Reiches ersetzt. Das Bürgermilitär wurde abgeschafft und das Hanseatische  Infanterieregiment unter preußischen Oberbefehl gestellt. Bereits Ende der 50er Jahre gewann die pro-preußische Partei im Hamburger Senat allmählich die Oberhand. Einer ihrer politischen Führer war Johannes Versmann, der lange Zeit Mitglied im oppositionellen St. Pauli–Bürgerverein war – und dann, ab 1861 einer der bedeutensten Senatoren seiner Zeit in Hamburg, bis zu seinem Tod im Jahr 1899.

Der St. Pauli-Bürgerverein wurde 1843 gegründet um eine Interessenvertretung für das außerhalb der Stadtwälle gelegene Hafenviertel zu schaffen. Er entwickelte sich, neben dem 1832 gegründeten Grundeigentümerverein, schnell zu einem Hauptzentrum der Opposition gegen die oligarchische Herrschaft des Senats. 1892 gab es insgesamt 32 Bürgervereine, die größtenteils in einem Zentralausschuss organisiert waren. Diese Vereine übten Druck auf den Senat aus was sanitäre Einrichtungen, die Wasserversorgung, die Elektrifizierung, die Pflasterung der Straßen und die Müllbeseitigung betraf. Später übernahmen sie die Ausrichtung der Wahlen zur Bürgerschaft. Ihre Mitglieder kamen in der Regel aus dem Besitz- und Kleinbürgertum.

Versmann machte im Senat seinen Einfluss geltend und versuchte zu überzeugen, dass man dem preußischen Druck in Fragen der Angliederung ans Reich nachgeben müsse. Seinen größten politischen Erfolg erzielte er in Fragen des Zollanschlusses, wo es ihm gelang einen Kompromiss auszuhandeln, zwischen den Hamburger Kaufleuten – klare Befürworter des Freihandels – und den Preußen unter Bismarck, die eine Einführung von Importzöllen verlangten. Als dessen Resultat entstand die Speicherstadt, ein zollfreies Gebiet, welches weiterhin von Hamburg verwaltet werden durfte. Die Eröffnung des Freihafens und der Beitritt zum Deutschen Zollverein 1888 markierten den Sieg der pro-preußischen Partei über die Alt-Hamburger Partikularisten.

1865 werden in Hamburg die Privilegien der Zünfte abgeschafft und die Freiheit des industriellen Unternehmertums eingeführt. Bereits 1879 soll es in Hamburg 500 Fabriken mit ca. 16 000 Arbeitern gegeben haben. Zahlen die sich bis 1890, vor allem durch die Eröffnung des Freihafens fast verdoppelten. Durch diese wirtschaftliche Expansion kam es zu zunehmenden Kapitalkonzentrationen – bei den Reedern, die 1884 den Verein Hamburger Reeder gründeten und im Schiffbau, wo sich 1888 über siebzig Werften und Schiffsausrüster im Verband der Eisenindustrie unter dem Vorsitz von Herrmann Blohm zusammenschlossen. Dieser Organisationsprozess war geprägt durch die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen die zwischen den Personen der Hamburger Wirtschaftselite bestanden. So saß Albert Ballin, der Generaldirektor der Hapag- Schiffartslinie auch im Vorstand der Woermann-Linie, der Kosmos-Linie und der Levante-Linie.

Mit dem Ende der Zunftprivilegien im Jahr 1865 kam es erstmals zu Streiks auf breiter Grundlage, so fanden allein in diesem Jahr dreißig Streiks statt. Ende der 80er Jahre kam es zu einer größeren Streikwelle mit mehr als 30 Ausständen und Aussperrungen zwischen den Jahren 1888 bis 1890. 1890 planten die Hamburger Gewerkschaften in Befolgung eines Aufrufes des Gründungskongresses der Zweiten Sozialistischen internationale, eine Mehrzahl von Streiks. Die Arbeitgeber reagierten ihrerseits durch die Organisierung in einem Arbeitgeberverband und gingen gegen die Arbeiter mit Aussperrungen und Entlassungen vor, von denen fast 20 000 Arbeiter betroffen waren. Diese große Streikwelle, das wachsende politische Bewusstsein und die Organisierung der Arbeiterschaft auf internationaler Ebene rief unter den Kaufleuten, Industriellen und dem Senat ernsthafte Besorgnis hervor. Der Handel hatte unter den Streiks erkennbare Einbußen hinnehmen müssen und in der bürgerlichen Öffentlichkeit entstand ein Bedrohungsszenerario in welchem die Unterschichten ernsthaft die Autorität und Vorherrschaft der Patrizierfamilien und der Besitzbürger gefährdeten.

Die ersten Ansätze einer organisierten Arbeiterbewegung sind bereits 1844 mit der Gründung des „Arbeiter-Bildungsvereins“ und durch die Gründung von Lassalles konkurrierenden „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ spürbar. 1869 wurde dann in Eisennach die sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Der ständige Sitz der Partei war, aufgrund der großen Anhängerschaft, von 1871 – 1878 die Hansestadt Hamburg. Allerdings spielten während des Aufstiegs der Arbeiterbewegung lokale Probleme kaum eine Rolle. Die Parteifunktionäre orientierten sich an Zielen, die auf Reichsebene zu verwirklichen waren. Erst ab den 90er Jahren begannen die Sozialdemokraten sich allmählich für Problematiken auf lokaler Ebene zu interessieren, blieben auf kommunalpolitischer Ebene allerdings weitgehend inaktiv.

Durch das eingeschränkte Wahlrecht blieb in allen deutschen Städten, wie auch in Hamburg, die Teilhabe am politischen Leben der Gemeinde einer kleinen Elite von Grundeigentümern und Besitzbürgern vorbehalten. Die Arbeiterklasse war so gut wie überall vom Wahlrecht ausgeschlossen. So wird vielleicht  verständlich warum den städtischen Sanierungsmaßnamen, die in ihren Umfang einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung in der Innenstadt betraf, kaum Widerstand in den politischen Institutionen entgegengesetzt wurde. Das allgemeine Wahlrecht für die Reichstagswahlen galt zwar nach dem Prinzip – ein Mann, eine Stimme – hatte für die Hamburger Verhältnisse zu dieser Zeit aber keine Bedeutung.

Das allgemeine Wahlrecht wurde von Bissmark zuerst für den Norddeutschen Bund und dann für das gesamte Reichsgebiet eingeführt – unter der Annahme, das das Gros der Landbevölkerung konservativ wählen würde. Doch die Wahlbeteiligung der Arbeiterschaft stieg stetig, von 28% im Jahr 1871, auf über 40% (1874) bis auf 69% (1877). 1887 erreichte sie schließlich 80%. Die wachsende Wahlbeteiligung und das sich entwickelte politische Bewusstsein wurde zum Großteil von der Sozialdemokratie aufgefangen.

Die neu entstehende Arbeiterklasse war die Basis für die zunehmende Bedeutung der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Seit 1890 hatte die Partei eine so breite Unterstützung in der Arbeiterschaft, dass sie ohne Unterbrechung die drei Sitze Hamburgs im Reichstag des deutschen Kaiserreiches besetzte. Diese Reichstagswahlen beruhten auf dem allgemeinen Wahlrecht für alle erwachsenen Männer. Die Kommunalwahlen zur Hamburger Bürgerschaft waren allerdings durch ein eingeschränktes Wahlrecht gekennzeichnet. Wahlberechtigt waren nur männliche Personen die die Bürgerschaft erworben hatten und deren Steuern über einen bestimmten Mindestsatz lagen. Als Vorraussetzung musste ein Bürgerschaftsgeld gezahlt werden, in einer Höhe, die für die meisten Arbeiter unerschwinglich war, so dass es im Jahr 1892 bei über 600 000 Einwohnern nur 23 645 Stimmberechtigte gab.

1896 wurde dieses Bürgergeld abgeschafft und stattdessen als Vorraussetzung für das Stimmrecht, ein jährliches Mindesteinkommen von 1200 Mark, welches über einen Zeitraum von 5 Jahren gewährleistet sein musste, festgesetzt. Diese Summe lag bei weitem über dem Durchschnitts-einkommen der meisten Handarbeiter dieser Zeit. Trotz dieser Einschränkung wurde 1901 der erste sozialdemokratische Abgeordnete in die Bürgerschaft gewählt. Im Jahr 1904 kamen noch 12 weitere Abgeordnete hinzu. Auch wenn die Hälfte der insgesamt 160 Sitze von vornerein den Honoratioren und Grundeigentümern vorbehalten war, stellten bereits diese 13 Abgeordneten für den Senat eine bedrohliche Entwicklung dar. Die verschiedenen Fraktionen dieser Körperschaft repräsentierten bis dahin ausschließlich die besitzende Elite der Hansestadt mit ihren unterschiedlichen Interessen. Ein weiterer Punkt war, dass, wäre es der SPD gelungen 40 Sitze in der Bürgerschaft zu erlangen, hätten sie die Möglichkeit gehabt jeden Beschluss dieses Gremiums für den eine 2-Drittel- Mehrheit erforderlich war, zu blockieren. Aus diesem Grund wurde seitens des Senats 1905 eine Revision des Wahlrechtes vorgeschlagen um den Zuwachs sozialdemokratischer Abgeordneter zu verhindern.

Die Sozialdemokratie reagierte mit einer breiten politischen Kampagne gegen diesen „Wahlrechtsraub“ und als im Januar 1906 eine Bürgerschaftsdebatte über das Wahlrechtsgesetz stattfinden sollte, organisierten sie zum gleichen Tag einen großen befristeten Streik und eine Vielzahl von Massen-versammlungen und Demonstrationen. Die Anzahl der teilnehmenden Arbeiter bewegte sich nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 30 000 (Polizei) bis 80 000 („Vorwärts“, die Berliner Zeitung der Sozialdemokratie). Im Zuge der abschließenden Demonstration zum Rathausmarkt kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die im Laufe des Abends eskalierten. Die Polizei ging in unverhältnismäßiger Härte vor, so dass es 2 Tote und eine Vielzahl von Verletzten durch Säbelhiebe und Stiche gab. Während dieser Auseinandersetzungen räumte die Polizei mit gezogenem Säbel und zum Teil zu Pferde den Rathausmarkt, die Rathausstraße und später die Schmiedestraße und den Hamburger Fischmarkt. Daraufhin kam es in den Strassen Schopenstehl und Brandstwiete zu Brandstiftungen und Plünderungen, wobei sich unter den geplünderten Geschäften auch mehrere Juweliere befanden.

Die konservative Hamburger Tagespresse stellten die Ereignisse in einen direkten Zusammenhang mit der russischen Revolution von 1905 und entfesselten eine massive Hetzkampagne gegen die SPD. Diese wiederum tat ihr möglichstes um sich von den Ereignissen zu distanzieren. Im sozialdemokratischen „Hamburger Echo“ wurde vermutet, dass die Polizei indirekt für die Plünderungen verantwortlich sei, da sie ihre Patroullien aus dem „Verbrecherviertel“ um den Schopenstehl zurückgezogen hatte und so dem „Janhagel“ ermöglichte unkontrolliert zu randalieren. Am nächsten Tag wurde ein vollkommenes Versammlungsverbot verhängt und alle Restaurants und Kneipen in den Strassen Schopenstehl, Niedernstraße, Kattrepel, Mohlenhofstraße, Springeltwiete, Altstädter Straße, Fischertwiete und Depenau mussten bis auf weiteres jeden Tag um 15 Uhr schließen. Außerdem wurden alle Personen, die sich wegen Säbelwunden in den Ambulanzen behandeln ließen, verhaftet, so dass schließlich gegen ca. 50 Verhaftete ein Verfahren eröffnet wurde. Viele der Verurteilten waren  Stammgäste der Kneipen um die Niedernstraße, bzw. wohnten in diesem Viertel, welches zu den Gängevierteln der Innenstadt zählte, die bei den Bürgerlichen als Slums und Brutstätten der Kleinkriminalität verschrien waren.

Evans Richard J, 1990, “Tod in Hamburg”, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg


Karte 1915, Sanierungsgebiet ohne Straßennamen


Das Konzept der Citybildung und die Zerstörung der Gängeviertel

„Da darf ich doch wohl fragen, ob andere Städte derartige Sanierungen in ihren Städten durchgemacht haben, wie wir das in Hamburg tun. Keineswegs! Es gibt keine Stadt in Deutschland, die derartige weite, städtische, eng bebaute Gebiete aufgekauft hat, die Häuser herunterreißt und dann neu aufbaut.“

Der Abgeordnete Riege auf einer Beratung über einen Bericht für die Verbesserung der Wohnverhältnisse in Hamburg, 1904 (Quelle: Schubert Dirk, 1993 : 68)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzte durch die prosperierende Dampfschiffahrt seit 1816 und die Unabhängigkeit Nordamerikas ein Handelsaufschwung ein – so wurde mit den USA 1827 ein Handelsabkommen abgeschlossen. Durch die Unabhängigkeit der mittel- und südamerikanischen Kolonien Portugals und Spaniens zwischen 1810 und 1880 ergaben sich auch für Hamburg eine Reihe neuer Handelsbeziehungen und Märkte. Mit einer Vielzahl dieser Länder schloss Hamburg Verträge die den Baumwoll-, Tabak-, Kautschuk-, Kakao-, und Kaffeehandel  betrafen. Exportiert wurden Maschinen, Keramik und Glas, Werkzeuge und Textilien, später dann Auswanderer, wobei sich die Verschiffung der Aussiedler zu  einem der bedeutendsten Geschäftszweige dieser Zeit entwickelte.

Im Verlauf des 19.Jh. emigrierten ca. 5,5 Millionen  Deutsche nach Amerika. Die Höhenpunkte lagen in den 50er und 80er Jahren, als jährlich bis zu einer Viertelmillion Menschen auswanderten. Ab der Jahrhundertwende dominierten die Emigranten aus Russland, Polen und den Balkanländern die den dortigen Wirtschaftskrisen und Progromen zu entkommen suchten. Hamburg war neben Bremen der größte deutsche Auswandererhafen. Von 1871 bis 1876 schifften sich in Hamburg jährlich ca. 40 000 Emigranten ein, darunter 32 000 deutscher Nationalität. Im Zeitraum 1901-1906 war der Strom der Auswanderer auf jährlich ca. 120 000 gestiegen, aus Deutschland kamen noch 17.000 während über 100 000 aus Russland und Österreich-Ungarn kamen. Ein Großteil dieser Massentransporte wurde über die 1847 gegründete „Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“, kurz „Hapag“ abgewickelt. Ein namentlicher Hamburger Konkurrent der Hapag in puncto Auswandererbeförderung war die Reederei Rob. M. Sloman, die sich allerdings Ende der 1870er aus diesem Geschäft zurückzog.  Bis 1892 kamen die Auswanderer hauptsächlich in privaten Logierhäusern unter. Viele Menschen aus Altona, Hamburg und St. Pauli verdienten an den Emigranten durch Vermietung, Verkauf von Lebensmitteln und Reiseutensilien, Geldwechsel und Warentausch. Es gab viele Agenten, sogenannte „Litzer“, die im Auftrag von Bahn- oder Schifffahrtslinien, Logishäusern, Banken etc. viele und oft überteuerte Waren und Dienstleistungen an den Mann brachten, so dass man beim Hamburger Senat vom sogenannten „Litzerunwesen“ sprach, das man auf dem Vorschriftenweg zu bekämpfen versuchte.

Nach dem Ausbruch der Cholera wurden (wahrscheinlich zu Unrecht) Osteuropäer und Russen für das Einschleppen der Seuche verantwortlich gemacht. Die preußischen Grenzen und das Hamburger Stadtgebiet wurden gegen osteuropäische Durchwanderer gesperrt. Nachdem sich das Auswanderergeschäft in den Folgejahren wieder erholt hatte, waren strikte Gesundheitskontrollen an den Grenzbahnhöfen zur deutschen Ostgrenze eingeführt worden. In Hamburg wurden die osteuropäischen Auswanderer in einem Barackenlager auf dem Amerikakai (welches für ca. 1400 Menschen Platz bot) bis zur Abreise zwangskaserniert, während Mitteleuropäer das Logieren in der Stadt freistand. Ab 1900 baute die Hapag auf einem 25 000 ha großem, abgelegenen Areal auf der Veddel eine regelrechte Kleinstadt für die Emigranten. Einerseits versuchte man so den Menschenmassen und der daraus erwachsenen Situation und den hygienischen Notwendigkeiten gerecht zu werden, andererseits monopolisierte die Hapag auf diese Weise ein Großteil des nicht unerheblichen Zusatzgeschäftes, welches den Verkauf von Waren, Lebensmitteln und Dienstleistungen und die Unterbringung betraf. Ab 1921 wurden die Veddeler Hallen für deutsche Auswanderer genutzt, während der nationalsozialistischen Herrschaft quartierte sich dort die SS ein. Durch die Bombardements im 2. Weltkrieg wurde ein Großteil des Areals zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Keller Ulrich, 1981, „Mein Feld ist die Welt“, Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln

Eine der Konsequenzen dieser Entwicklung war eine massiven Wohnungsnot im Bereich der inneren Stadt. Sie wurde nicht nur durch eine Bevölkerungszunahme von 85.000 Menschen im Jahre 1790 auf 130.000 Menschen im Jahre 1806 verursacht, aufgrund des allgemeinen Wohlstand wurden zahlreiche kleine Wohnungen zu wenigen großen vereinigt. Außerdem verwandelte man ganze Wohnhäuser in Zuckersiedereien und Speicher zur Aufnahme der ständig anwachsenden Menge der Handelsgüter. Die Mieten stiegen um das Mehrfache, so dass aus diesem Grunde zahlreiche Familien gezwungen waren mit anderen zusammenzuziehen. Die ständig zunehmende Zahl von Arbeitern und Gehilfen des Handels führte auch in Hamburg zur Herausbildung von Quartieren, sofern diese Gruppen nicht noch von den Kaufleuten und Arbeitgebern untergebracht werden, in denen diese Schichten unter ärmlichsten Verhältnissen wohnten. Die Bebauung der Straßen wurde deshalb immer dichter. Selbst die Twieten – schmale Verbindungswege zwischen zwei Straßen – und Höfe hinter Wohnhäusern wurden bebaut. Enge winklige Gassen und kleine, meist zweistöckige Häuser kennzeichneten die ärmlichen Wohnverhältnisse in diesen Stadtteilen.

Hamburger Brand

Der  Hamburger Brand  1848 bedeutete eine einschneidende Zäsur für die bis dahin mittelalterlich geprägten Struktur Hamburgs. Das Feuer brach in der Nacht vom 4. zum 5. Mai  in der Deichstraße am Nikolaifleet aus und breitete sich von dort nach dem Rödingsmarkt und Hopfenmarkt aus. Am Graskeller und Jungfernstieg gelang es, durch Sprengung ganzer Häuserblocks das Feuer aufzuhalten, so dass die Neustadt weitgehend verschont blieb. Während des Feuers kam es zu nicht unerheblichen Plünderungen und zu Übergriffen gegen sich in der Stadt aufhaltende Engländer, die den Bau der Eisenbahn betrieben und verdächtigt wurden, dass Feuer verursacht zu haben. Der Große Brand verwüstete mehr als ein Viertel des damaligen Stadtgebietes. 50 Menschen waren umgekommen, 120 schwer verletzt. Die Zahl der Obdachlosen wurde auf 20.000 geschätzt, die Zahl der zerstörten Häuser auf etwa 1700 in 41 Straßen, darunter drei Kirchen. Die Hamburger Feuerkasse, welche alle betroffenen Gebäudebesitzer entschädigte, gab an, dass 20% des Gebäudebestands zerstört waren. Der Hamburger Brand sorgt für eine Bevölkerungsexplosion auf dem Hamburger Berg und in Altona, dessen Gebiete das Feuer unbeschadet überstanden hatten.  Über Jahre hinweg war das Stadtbild von den zerstörten Flächen und den darauf errichteten Behelfswohnungen geprägt. Die großflächigen Zerstörungen in der Altstadt gaben Gelegenheit, das innere Stadtgebiet umfassend neu zu gestalten und die Infrastruktur zu modernisieren um den Ansprüchen des Industriezeitalters gerecht zu werden. Die Planungen dazu wurden noch im Mai 1842 unter der Federführung des englischen Ingenieurs William Lindley in Angriff genommen. Eine Voraussetzung des Wiederaufbauplans war die Enteignung der Bauflächen im Brandgebiet, weil die alte teils mittelalterliche Parzellierung der innerstädtischen Grundstücke einer modernen Neustrukturierung im Wege stand. Nach der Katastrophe wurde mit dem Aufbau einer zentrale Wasserversorgung und eines Sielsystems begonnen. 1846 wurde erstmals nachts eine Straße mit Gaslaternen beleuchtet. Maßgeblich beteiligt an der Erneuerung des Stadtbildes war der Architekt Alexis de Chateauneuf, außerdem flossen Vorschläge von Gottfried Semper mit ein. Bereits 1837, 5 Jahre vor dem Brand, waren im großen Stil Landkäufe in Hammerbrock, Uhlenhorst/Rothenbaum von Hamburger Großbürgerlichen, wie dem Senator August Abendroth getätigt worden und boten so beste Voraussetzungen diese Areale zu neuen Stadtentwicklungsgebieten auszuschreiben.

Die durch das Wachstum der Stadtbevölkerung bedingte gesteigerte Wohnungsnachfrage konzentrierte sich in der ersten Hälfte des 19. Jh. auf die Viertel der Innenstadt innerhalb der Stadtmauern. Zusätzlicher Wohnraum wurde geschaffen indem man Häuser aufstockte oder Keller in Wohnraum verwandelte. 1817 befanden sich in Hamburg nur 44% der Wohnungen in den oberen Geschossen von Häusern. 1865 war diese Zahl auf 65% gestiegen, außerdem gab es in der Stadt inzwischen ca. 9000 Etagenwohnungen, eine bis in die 40er Jahre unbekannte Art der Wohnung im Obergeschoss mit einem separaten Eingang im Parterre. Die Zahl der Kellerwohnungen nahm zwischen 1817 und 1866 um 60% zu.

Bereits ab Ende der 50er Jahre stiegen die Mieten erneut rasch an. Die Mieten für kleine Wohnungen in den billigen Gegenden der Altstadt und in den Gängevierteln erhöhten sich von 1855 bis 1870 um ca. 33%. Um die hohen Mieten aufbringen zu können, nahmen die Mieter sogenannte Schlafgänger zur Untermiete auf, in der Regel unverheiratete Männer, die im Hafen Arbeit suchten, so dass in den 90er Jahren fast ein Drittel der Haushalte in der Innenstadt und den umgebenden Vierteln ihren Wohnraum mit Schlafgängern teilten.

In Hamburg betrug die jährliche Wohnungsmiete in der Jahrhundertmitte für Keller, Buden und Sähle durchschnittlich 60-80 Mk., für Wohnungen im Haus 80-100 Mk.. Das Vermieten einer Schlafstelle brachte ca. 45 Mk., wodurch ungefähr die Hälfte der Wohnungsmiete abgedeckt werden konnte. Einen zusätzlichen Verdienst konnten sich die Vermieter verschaffen, indem sie gegen Aufpreis für den Schlafgänger kochten, Wäsche wuschen und Besorgungen erledigten.

Der ökonomische Aufschwung Hamburgs seit dem Zollanschluss (1888) bis zum 1. Weltkrieg, brachte neue Impulse für die städtische Entwicklung mit sich. Aufgrund der ökonomischen Triebkräfte wurde ein nicht unerheblicher Teil der Gesamtstadt neu und monofunktional definiert. So wurde das dichtbesiedelte Wohngebiet um den Brook und den Alten Wandrahm zum Bestandteil des Freihafengebietes der Stadt erklärt und in Folge wurde die alte Bebauung komplett abgerissen und bis 1888 die heute noch existierende Speicherstadt gebaut. Von den rund 24 000 Bewohnern der Brook-Insel, die ihren angestammten Wohnsitz verlassen mussten, siedelten sich 8000 in der Innenstadt an. Der größere Teil zog nach Billwerder-Ausschlag, St. Pauli und nach Hammerbrook.

Von 1842 an wurde nach Plänen des englischen Ingenieurs William Lindley ein Teil des Marschgebiets des Hammerbrooks entwässert und binnen kurzer Zeit entstand so eines der größten Arbeiterviertel Hamburgs: Ein rechtwinkliges System aus Straßen und Kanälen, gesäumt von großen Mietskasernen, deren Höfe nur wenige Meter breit waren. Hier fanden vor allem die Menschen, die nach 1881 der Hafenerweiterung und dem Bau der Speicherstadt weichen mussten, eine neue Unterkunft. Das Proletarierviertel, das zum Ruf des „roten Hamburgs“ beitrug, wurde durch die britischen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg (Operation Gomorrha, 1943) fast vollständig zerstört. An das alte Hammerbrook erinnern heute – angesichts der Entstehung der neuen „City-Süd“ – nur noch wenige Gebäude und die Bezeichnungen der meisten Straßenzüge.

Choleraepedemie

Die unhygienischen Wohnverhältnisse und vor allem das ungefilterte Hamburger Trinkwasser führten 1882 zum Ausbruch der asiatische Cholera.

Vor der  großflächige Brand-Katastrophe von 1842, bei der ein Drittel der Stadt abbrannte, gab es in Hamburg drei verschiedene, private und genossenschaftlich organisierte Versorgungssysteme, die ihr Wasser entweder aus der Alster oder der Elbe bezogen. Parallel zu diesen nebeneinander existierenden und konkurrierenden „Wasserkünsten“ gab es in der Stadt Schöpfbrunnen, Wasserträgerinnen und Wasserwagen. Nach dem Brand wurde nach den Plänen von William Lindley eine öffentliche, zentrale Wasserversorgung errichtet. 1848 nahm die „Stadtwasserkunst“ in Hamburg-Rothenburgsort den Betrieb auf. Geklärtes Elbwasser wurde in Behälter auf den Dachböden der Stadthäuser gepumpt. Erst durch den Bau einer Elbwasser-Filteranlage auf Kaltehofe war es ab 1893 möglich, hygienisch einwandfreies Trinkwasser abzugeben. Vom gleichem Ingenieur wurde 1855 die erste Wasch- und Badeanstalt auf dem europäischen Festland am Schweinemarkt( Steinstraße, Ecke Glockengießerwall) errichtet. Sie bot 32 Waschstände für Kleidung und 32 Badewannen für Männer und 16 für Frauen in jeweils separaten Kabinen. Fließend Wasser war in dieser Zeit eher die Ausnahme. In den alten Stadtvierteln, wie den Gängevierteln, musste das Wasser von einem, für alle Anlieger zur Verfügung stehendem Anschluss im Hof in die Wohnung geholt werden. Toiletten gab es nur als Gemeinschaftseinrichtungen. Früher wurde deren Shit von den Dungsammlern an die umliegenden Bauern verkauft. Mit dem Ausbau der Kanalisation und der Wasserleitungen setzte sich immer mehr das Spülklosett durch, aber noch 1898 waren mindesten 900 Gebäude mit mehr als 2000 Toiletten nicht an die Kanalisation angeschlossen und ließen ihre Abwässer direkt in die Fleete und die Elbe.

Auf dem Altonaer Stadtgebiet kamen nur sehr wenige Cholerafälle vor. In einer solchen Grenzstraße („Am Schulterblatt“) wurden nur die Häuser der Hamburger Seite befallen, während jene des Altonaer Bezirks, die nur durch den Straßendamm getrennt waren, verschont blieben. Dies lag daran das Altona eine gesonderte Wasserversorgung besaß. Während Hamburg Trinkwasser noch unfiltriertes Elbwasser bezog, besaß Altona bereits seit 1859 ein brauchbares Filterwasserwerk, das vor allem deshalb errichtet worden war, weil das Hamburger Stammsiel mit allen Abwässern und Fäkalien oberhalb von Altona in die Elbe mündete.

„Was man außerhalb Hamburgs nicht weiß, ist, daß die Wasser-versorgungsfrage schon seit Jahrzehnten den Gegenstand Jahr um Jahr wiederkehrender Anrufungen an unsere Behörden und Beamten (…)ist und daß, trotz der dringlichsten Mahnungen (…)die Angelegenheit praktisch nicht vom Flecke kommt, auf dem sie vor 20 Jahren stand, als das inzwischen verstorbene Bürgerschaftsmitglied J. F. Martens eine abscheuerregende Probe des von der Stadt gelieferten Trinkwassers in der Bürgerschaft mit den Worten auf den Tisch des Hauses setzte: ,Sehen Sie, meine Herren, das zu trinken mutet der Senat der Bevölkerung zu.‘ Was ist in diesen zwanzig Jahren in Hamburg für die Lieferung eines besseren Trinkwassers an die Consumenten geschehen? (…) Die Bevölkerung hat jetzt tausendfach diese schwere Unterlassungssünde mit dem Liebsten bezahlen müssen, mit dem Leben ihrer Angehörigen!“

„Korrespondenzblatt“, 5. 9. 1892

Das Gängeviertel  um die Niedernstraße war  besonders stark von der Cholera-Epidemie betroffen und wurde später in der Öffentlichkeit als Herd von Unmoral, Schmutz und Krankheit dargestellt. Während der Choleraepedemie, wurden örtlich Gesundheitskommissionen eingesetzt um eine Desinfizierung der Wohneinheiten zu organisieren. In der Altstadt Nord konnten diese Kommissionen hundert Haushalte desinfizieren, mussten bei weiteren 66 Wohnungen allerdings die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Im Gängeviertel, in der Niedernstraße, einem Zentrum des Prostitutionsgewerbes, konnten insgesamt nur 5 Wohnungen ohne die Unterstützung der Polizei desinfiziert werden.

1905 wurde den Teilnehmern eines internationalen Kriminologen-Kongresses, der in Hamburg tagte, die Gänge um die Niedernstraße als eines der sogenannten „Verbrecherviertel“ vorgeführt.  Bereits 1890 war es dort, infolge eines Streikes der Gasarbeiter, der einen großen Teil der Stadt in Dunkelheit legte, zu Krawallen gekommen die fast eine Woche andauerten.

Zehn Wochen wütete die Seuche in Hamburg. Hamburg wurde unter Quarantäne gestellt. Schifffahrt und Handel kamen völlig zum erliegen. Die Bilanz: 16.956 Erkrankungen und 8.605 Todesfälle, der wirtschaftliche Gesamtverlust  wurde mit 430,0 Mio Mk  beziffert. Ein Jahr nach der Epidemie, 1893 wurde das Filterwerk Kaltehofe, das bereits seit 1890 in Planung war, in Betrieb genommen und Hamburg bekam eine Müllverbrennungsanlage. Unter dem Eindruck der Choleraseuche und begleitet von Pressekampagnen, die die Gängeviertel als Seuchenherde bezeichneten, konnte der Senat 1898  gegen den Widerstand der Grundeigentümer das „Wohnungspflegegesetz“ verabschieden, das der Stadt die gesetzliche Handhabe für den Abbruch der Gänge und die Neubebauung gab.

http://www.collasius.org/WINKLE/04-HTML/hhcholera.htm

Hafenarbeiterstreik von 1896/7

Nicht die Erfahrungen der Choleraepidemie, sonder der Hafenarbeiterstreik 1896/7 und der Umstand, dass sich während der Unruhen  zeitweise ein Teil der Gängeviertel von Altstadt bis Neustadt dem Zugriff der Obrigkeit entzogen, führte dazu, dass der Hamburger Senat das Stadtplanungskonzept in Angriff nahm, welches die Sanierung ganzer Wohnviertel beinhaltete. Dieses Konzept sah vor Wohnen und Arbeiten zu trennen. Die Arbeiter sollten nicht mehr in der Innenstadt wohnen und diese sollte repräsentativ, als Geschäfts- und Einkaufsviertel aufgewertet werden. In diesem Areal lebten zu dieser Zeit 50 000 Menschen. Bis 1896 waren große Teile der Innenstadt von den Gängevierteln geprägt, bewohnt von der Arbeiterklasse und vielen Tagelöhnern, die darauf angewiesen waren in der Nähe ihres Arbeitsortes, den Hafen, zu wohnen, da die Arbeit (soweit sie das Be- und Entladen von Schiffen betraf) größtenteils auf der Basis von Gelegenheitsarbeit organisiert war. Die neuen Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen in den 90er Jahren veränderten den Arbeitsmarkt und die soziale Geographie des Hamburger Hafens. So hatte der lange Hafenarbeiterstreik von 1896/7, an dem sich mehr als 16 000 Hafenarbeiter und Seeleute beteiligten – und der eigentlich im Februar 1897 mit einer Niederlage der Streikenden endete, aber später als ein Sieg der Arbeiterbewegung gefeiert wurde – zwar für eine Minderheit der Arbeiter mehr feste Arbeitsplätze zur Folge aber die Arbeitsmöglichkeiten für die vielen Gelegenheitsarbeiter wurden weitgehend reduziert.

Dieser Streik gilt als einer der berühmtesten Konflikte in der Geschichte der Arbeitskämpfe in Deutschland im späten 19.Jh. Kennzeichnend für diesen Streik war, dass weder Sozialdemokraten noch Gewerkschaftler diesen Streik von oben herab organisierten, sondern die Masse der unorganisierten Gelegenheitsarbeiter, die von den Umstrukturierungen im Hafen direkt betroffen waren und überwiegend in den Gängevierteln wohnten. Der Konflikt eskalierte kurz nach dem Ende des Streiks, als Arbeiter im Hafengebiet und in der Neustadt-Süd Streikbrecher angriffen, woraufhin die Polizei im Stil militärischer Konfrontation mit gezogenem Säbel eingriff. Daraufhin lieferten sich mehrere tausend Menschen in den Gängevierteln zwei Tage lang eine erbitterte Straßenschlacht mit den Hamburger Ordnungskräften. In den großen Kämpfen der Hamburger Arbeiterbewegung wurden die Gängeviertel immer wieder zum Schauplatz gewaltsamer, oft tagelanger Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Anwohnern (Steinstraßenunruhen 1890, Schaarmarktkrawalle 1897, Wahlrechtsunruhen und Schopenstehlkrawalle 1906)

Die Reaktion der maßgeblichen politischen Kreise Hamburgs auf den Hafenarbeiterstreik ließ nicht lange auf sich warten. Die Gängeviertel, wurden im Rahmen der einsetzenden Sanierung allerdings nicht schonend saniert, indem man einzelne Häuser wegen dem ungenügenden Lichteinfall abriss und die anderen modernisierte – sondern vollständig abgerissen wobei eine seuchenhygienische Prävention das Hauptargument lieferte, in Wirklichkeit aber innenpolitische Gründe maßgeblich gewesen waren.  Die drei festgelegten Sanierungsgebiete waren die südliche Neustadt, die nördliche Neustadt und die Altstadt. Diese Gebiete umfassten mit ca. 37,9 ha ca. 18% der gesamten Fläche der Innenstadt. Begonnen wurde mit dem Bezirk Neustadt, der häufig überflutet war und während des Hafenarbeiterstreiks 1896 Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen gewesen war. 1906 war das alte Gängeviertel um den alten Fischmarkt und die Niedernstraße aufgrund der Baumaßnahmen bereits sozial und geographisch isoliert.

Ellermeyer Jürgen (Hg.) : 1986, „Stadt und Hafen“, Hans Christians Verlag, Hamburg

Evans Richard J, 1990, “Tod in Hamburg”, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Gröwer, Karin, 1999, , „Wilde Ehen im 19. Jahrhundert“, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Hamburg

Höhns Ulrich (Hg.), 1991, „Das ungebaute Hamburg“, Junius Verlag, Hamburg

Plagemann Volker (Hg), 1984, „Industriekultur im alten Hamburg“, C. H. Beck, München

Schubert Dirk, Hans Harms (Hg.), 1993, „Wohnen am Hafen“, VSA-Verlag, Hamburg

Das Gängeviertel

„Schaute man damals vom Burstah aus in die Richtung  Heiligengeistfeld, so hatte man einen ähnlichen Anblick, wie man ihn heute vor Blankenese hat. Das Land stieg terrassenförmig an und war wegen seiner günstigen Lage, an einem sonnigen Abhang, der aufgehenden Sonne zugekehrt, für Gartenzwecke vorzüglich geeignet. Und diese große Böschung war dann auch ein Gartenviertel der Alt-Hamburger Kaufleute. Vornehme Ziergärten und vor allem Gemüsegärten reihten sich aneinander.(…) War schon vor 1618 manches Gartenhäuschen in eine Notwohnung umgewandelt worden, so stieg die Nachfrage nach bebauungsfähigen Land in den nächsten Jahrzehnten immer gewaltiger. (…) Kein Wunder, dass da auf dem ehemaligen Gartengelände eine lebhafte Bautätigkeit Platz gegriffen hatte, und das die neu erbaute St. Michaeliskirche (1619) gar bald auf ein Meer von Häusern und Häuschen blicken konnte. Denn jedes Fleckchen Erde innerhalb der Festungswälle war begehrter Besitz geworden. Und so schossen an den bisherigen Gartenstraßen die hohen Etagenhäuser mit den dichtgelagerten vielen Fenstern in den Fachwerkwänden nur so aus dem Boden, aber auch die kleineren Etagenhäuser der Gewerbetreibenden reihten sich dicht an dicht, und an alle diese Vorderhäuser, gleichhin ob groß oder klein, schlossen sich überall Hinterhäuser an und machten den alten Gärten bald völlig den Garaus. Was wusste man damals von weitschauenden Bebauungsplänen, was von staatlicher Baupflegekommission! Und so blieben nicht nur die Straßen, wie sie organisch mit den einzelnen Geländeterrassen verwachsen waren und wie wir sie in diesem Stadtgebiet bis auf den heutigen Tag noch finden: schief, krumm  und herabholpernd, jeder Unebenheit des Bodens sich anpassend, es entstanden vielmehr damals überhaupt die „Gängeviertel“ Hamburgs, jene Labyrinthe menschlicher Behausungen bei St. Jacobi und St. Michaelis“

„Vom Gartengelände zum Gängeviertel“, Waldemar Schultz, Hamburger Correspondent Nr. 1, 01.01.1928

„Die Gebäude dieses Stadtviertels sind zum größten Teil Fachwerkgebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die teilweise mit massiven Frontwänden versehen worden sind, deren innerer Bau jedoch die typischen engen Verhältnisse des Hamburger Kleinbürgerhauses jener Perioden zeigt. Wohnhäuser mit reicherer Ausstattung als Zeugen vergangener besserer Zeiten sind kaum anzutreffen, da das Hamburger Patriziat seine alten Wohnsitze mehr in der Altstadt und am Hafen hatte. Die Höfe zeigen eine weitgehende Ueberbauung durch Hinterhäuser in Form der in Hamburg üblichen Buden und Sähle. Alle Gebäude des Gängeviertels leiden in besonderem Maß Mangel an Licht und Luft, da auch die Straßen, wie schon ihr Name Gang andeutet, besonders eng, zum Teil gar nicht befahrbar sind“

Quelle: Hamburger Correspondent Nr.1 1.1.1928,   „Das Hamburger Gängeviertel – Ein sozialer Fremdkörper in der Millionenstadt“  „Ein fragwürdiges Wohnquartier“ von Oberbaurat Peters

Schon 1865 stimmten Physikus Dr. Gernet und Dr. H. Asher die bürgerliche Öffentlichkeit mit ihren Schriften auf eine Sanierungspolitik auf den Grundlagen vermeintlicher sozialhygienischer Prämissen ein, die zuerst auf eine „Durchbrechung des Viertels“ mit großangelegten Straßen setzte.

„Fast ohne jede Ausnahme sind alle Zugänge zu den Quartier mit Bordellen in großer Anzahl besetzt, ja vom Ebräergang und Schulgang, durch Kugelsort, den Brettergang bis zum Ausgang des Rademachergangs, somit quer durch das ganze Gängeviertel zieht sich eine fast ununterbrochene Reihe von Bordellen.“

„Die Durchbrechung des Gängeviertels“ Ein Gutachten von Physikus Dr. Gernet, 1865, Hamburg, Verlag von Hermann Grüning, Seite 4

„ Zunächst hat das gedrängte Zusammenwohnen – es gibt Häuser in denen 25 Familien, Sähle, auf welchen 10 Familien, immer nur durch eine Bretterwand getrennt, beisammenwohnen, zur Folge, dass alles und jedes Schamgefühl schon von frühester Jugend an in den Menschen erstickt wird; Incest ist nichts unerhörtes und jedes Kind sieht es im Vorübergehen mit an, wie ehrlose Dirnen ihr Gewerbe am hellem Tage und auf offener Gasse betreiben. Wo der Mensch in dieser Weise von Jugend an jedes Schamerröthen verlernt, wo er an den täglichen Anblick viehischer Begierden und der widerlichsten Völlerei in den stets offenen Branntweinschenken gewöhnt wird, wo sind da noch die Tugenden zu erwarten, welche der Staat in seinen Bürgern zu erziehen suchen muß (…) Eine fernere Folge dieser unsittlichen Verhältnisse sind die zahllosen wilden Ehen, deren nachteiligen Folgen sich dann wieder nicht bloß im sittlichen, sondern auch im bürgerlichen Leben zeigen. Die Kinder aus solchen Ehen werden häufig nicht getauft, entziehen sich dann umso leichter aller späteren Aufsicht durch die Schule und endlich auch ihren Verpflichtungen gegen den Staat.“

„Das Gängeviertel und eine Möglichkeit dasselbe zu durchbrechen“ von Dr. H. Asher, 1865, Hamburg, Verlag von Hermann Grüning, Seite 6

Im gleichen Jahr in dem die Publikationen aus denen die Zitate stammen, veröffentlicht wurden – 1865 – wurden mit einer längst überfälligen Gesetzesreform die Eheschließung sowie das Betreiben eines selbstständigen Gewerbes von dem Erwerb des Bürgerrechts befreit. Vormals waren die Möglichkeiten der Eheschließungen für die einfache hamburgische Bevölkerung stark eingeschränkt. Seit 1813 mussten sie, anstatt einen Taler für die Schutzverwandtschaft zu zahlen, als Vorraussetzung das Kleinbürgerrecht erwerben, dem seit 1805 eine gründliche Untersuchung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse vorgeschaltet war. Der Antragsteller musste das 22 Lebensjahr vollendet haben, durfte der Polizei nicht negativ aufgefallen sein und musste Mitglied des hamburgerischen Bürgermilitärs sein oder vom denselbigen Dienst befreit, bzw. freigekauft sein. Dies bedeutete für den Betreffenden den Kauf einer Uniform und eines Gewehrs, sowie das Ableisten von Exerzierübungen, die sich mit Kosten in Höhe von mindestens 75 Mk. Crt. niederschlugen. Zusätzlich musste ein Bürgergeld in Höhe von 40 Mk. Crt gezahlt werden. Für den Erwerb des Kleinbürgerrechtes als Vorraussetzung für die Heirat waren also insgesamt über 100 Mk. Crt. zu entrichten. Diese Kosten waren für die ärmere Bevölkerung Hamburgs kaum aufzubringen. Die durchschnittlichen jährlichen Lebenserhaltungskosten für einen einfachen Arbeiter lagen zwischen 320-360 Mk. Crt.. Der Jahreslohn eines Maurer oder Zimmermannes lag zwischen 430-450 Mk. Crt., der eines Straßenbauarbeiters zwischen 230-280 Mk. Crt. Aufgrunddessen wichen viele Heiratswillige in die Vorstädte aus, wo sie weiterhin problemlos die Schutzbürgerschaft erwerben konnten um dann heiraten zu können. – oder sie lebten in sogenannten wilden Ehen zusammen. Die wilden Ehen waren in den städtischen Unterschichten der damaligen Zeiten weit verbreitet und akzeptiert. Die obrigkeitlichen Beschränkungen und die ökonomischen Zwänge wurden nicht einfach hingenommen, sondern führten in Hamburg über den Zeitraum mehrerer Generationen hinweg, trotz Strafandrohung und evtl. Strafverfolgung (Hebammen und Ärzte hatten beispielsweise eine Anzeigepflicht bei unehelichen Geburten), zu der Herausbildung dieser gemeinschaftlichen Lebenspraxis. So verlor für die einfache Bevölkerung der bürgerlich-kirchliche Akt der Eheschließung die absolute und konstituierende Bedeutung für das Familienleben, die Obrigkeit und Kirche auch in den unteren Schichten verankert wissen wollten.

Gröwer, Karin, 1999,  „Wilde Ehen im 19. Jahrhundert“, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Hamburg

Bereits vor 1900 wurde die Wexstraße(1866), benannt nach den Brüdern Wex, die durch einen großangelegten Immobilienaufkauf den Bau dieser Straße ermöglichten, durch das ursprüngliche Viertel getrieben. Der Aufteilung des Gängeviertels durch den Bau der Wexstraße folgte Ende der 80er Jahre der Durchbruch Admiralitätsstraße – Fuhlentwiete und bald darauf die Anlegung des Straßenzuges Stadthausbrücke – Kaiser-Wilhelm-Straße. (1888) Nach der Choleraepedemie von 1892 und dem fünf Jahre späteren großen Hafenarbeiterstreik beschloss der Hamburger Senat eine rigorose Abbruch-Sanierung. Zuerst wurden die Hafen-Gängeviertel der Neustadt Süd dem Erdboden gleichgemacht. Dies umfasste das Gebiet um die St. Michaelis-Kirche und den Niederhafen (Kraienkamp, Schaarmarkt, Eichholz, Hafentor) Die Altstadt-Ost mit der Lilienstraße, Messberg und dem Schweinemarkt, musste ab 1908 dem Bau der Mönckebergstraße und den Kontorhausbauten weichen. Für den Bau der Mönckebergstraße kaufte der Hamburger Senat 178 Grundstücke im Gesamtwert von 29 Millionen Mark auf. Insgesamt 7950 Bewohner der alten Gänge mussten umgesiedelt werden.

Quelle: Hamburger Fremdenblatt, Sonderbeilage, 318 AB, S.9,  15.11.1924

Da wo heute das Chilehaus den vorbeifahrenden Touristen als architektonische Meisterleistung präsentiert wird, war früher dichtbesiedeltes Wohngebiet. Viele der Bewohner wurden in die neu entstehenden Mietskasernenviertel umgesiedelt während sich ein Teil des spezifischen Milieus in die letzten Gängeviertel der nördlichen Neustadt zwischen Valentinskamp und Großneumarkt und nach St. Pauli verlagerte. Unter der Regie von Fritz Schuhmacher (seit 1909 Leiter des Hochbauwesens, seit 1923 Oberbaudirektor) entstanden in den Jahren 1924-1929 um das ältere Hamburg herum ein Gürtel funktionaler Großsiedlungen um Klinkerbaustil wie die Jarrestadt (1929) und die Dulsberg-Siedlung (1930). Die Wohneinheiten, größtenteils Zwei- und Dreizimmerwohnungen waren hell weil es keine engen Höfe mehr gab, hatten alle Küche und Bad, waren gut zu durchlüften und lagen allesamt in Grünanlagen.

Das Chilehaus wurde 1923/4 vom Architekten Fritz Höger erbaut.  Der Bauherr war der Hamburger Reeder Slohmann, der u.a. durch den Salpeterhandel mit Chile (zu militärischen Zwecken) zu Reichtum gekommen war.

Neben dem größtenteils passiven und manchmal gewalttätig aufflammenden Widerstand der betroffenen Bevölkerung gegen diese Sanierungspolitik, gab es auch im bürgerlichen Lager kritische Stimmen, dessen bekanntester Vertreter wohl Alfred Lichtwark(1852 – 1914) war,  der die Niederlegung der Gängeviertel als einen schweren Fehler anprangerte. Erbittert prägte er das Wort von der „Freien und Abrißstadt Hamburg“. Er schrieb 1912:

„Wohl keine Kulturstadt der Welt hat je eine solche Selbstzerstörungslust entwickelt wie Hamburg. Hamburg hätte die Stadt der Renaissance sein können, des Barocks und des Rokoko – doch all diese Schätze wurden stets begeistert dem Kommerz geopfert. An die Stelle barocker Wohnhäuser wurden neubarocke Kontorblocks getürmt und noch immer ist jeder Neubau ein Schlag ins Gesicht der Stadt.“

(Zitat aus: Eckart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg. Hamburg 1981, S. 52.)

Alfred Lichtwark,  langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle, war auch Namensgeber der 1920 eröffneten Lichtwarkschule, die 1924 in das von Fritz Schuhmacher erbaute Schulgebäude einzog. In der Weimarer Republik galt diese Schule als eine weit über die Stadtgrenze Hamburgs hinaus bekannte Reformschule und hat in jenen Jahren ganz wesentliche Impulse und Wirkungen für Schulreformen in Berlin und Umgebung erzeugt. Während die anderen Reform- und Versuchsschulen alle Volksschulen waren, war die Lichtwarkschule eine Schule des höheren Schulwesens. Das war eine Ausnahmeerscheinung. Insgesamt zählt die schulgeschichtliche Forschung für das gesamte Deutsche Reich in der Weimarer Zeit nur fünf solcher Institutionen. Die Einrichtung wurde 1937 von den Nationalsozialisten aufgelöst und nach Ende des Krieges nicht wiederbelebt. Das Gebäude wird seitdem von der Heinrich-Hertz -Schule genutzt.

1910 kam Paul Bröcker* zum Thema Gängeviertel in einer Artikelserie über die Städtebauaustellung in Berlin, in welcher er „ das in siedlungs-künstlerischer Hinsicht so interessante Gebiet zwischen Alster, Steinweg und Valentinskamp mit den modernen Mietskasernenvierteln in Barmbek, Uhlenhorst, Rothenburgsort, usw.“ vergleicht, zu einer ganz anderen Einschätzung als der Hamburger Senat und die Baudeputation. So stellt er, u.a. durch einen Rückgriff auf das vom Medizinalkollegium bei Leopold Voß in Hamburg erschienene Buch „Die Gesundheitsverhältnisse Hamburgs im 19. Jahrhundert“ fest, dass die Bevölkerung der Gängeviertel  in puncto Einkommensverhältnisse, Geburten- und Sterbezahlen und der Säuglingssterblichkeit, weitaus besser gestellt war als die der modernen Mietskasernen mit ihren breiten Straßen und übersichtlichen Hinterhöfen.

*Quelle: „Das Hamburger Gängeviertel in sozialhygienischer Beziehung“ Hamburger Fremdenblatt, Nr.193, Seite 7, 19.8.1910

Vom Cholerajahr 1892 (582.566; 1900=705.738) hatte sich die Einwohnerzahl Hamburgs innerhalb von 21 Jahren bis 1913 auf 1.030.933 fast verdoppelt. Die Abnahme der Wohnbevölkerung im Stadtzentrum und die  Zunahme „tertiärer Nutzungen“ wurde bereits damals in der zeitgenössischen Literatur vor dem 1. Weltkrieg als „Citybildung“ bezeichnet. Die Wohnbevölkerung innerhalb der City ging von 170.875 (1880) auf 139.221 (1900) und 91.084 (1913) zurück, das entspricht einem Rückgang um fast die Hälfte. Für die in den neuen Mietskasernen einquartierten Arbeiter betrugen die Entfernungen zum Arbeitsplatz im Hafen von Eimsbüttel 6 km, Barmbek 10 km und Hammerbrook 5 km. Entfernungen, die zwei Mal am Tag zurückgelegt werden mussten. In den drei Stadtteilen wohnten allein ca. 26.000 Hafenarbeiter. Für die Masse der unständigen Hafen- und Gelegenheitsarbeiter war es ein grundlegendes Bedürfnis in einem zum Hafen zentral gelegenen Wohnviertel Unterkunft zu finden. Hafenarbeit war im 19.Jh. noch weitgehend Gelegenheitsarbeit, längere Perioden der Arbeitslosigkeit gehörten wegen der kurzfristigen Arbeitsverhältnisse und der Überfüllung des Arbeitsmarktes zum Alltag der Beschäftigten. Sie waren deshalb darauf angewiesen die Arbeitsvermittlungsstellen so schnell und häufig wie möglich erreichen zu können, ohne dabei die teuren (seit 1866) öffentlichen Verkehrsmittel benutzen zu müssen.

Bis zum ersten Weltkrieg erfolgten im Sanierungsgebiet der nördlichen Altstadt keine Maßnahmen. Während des Zeitraumes der Weimarer Republik wurde das Sanierungsprojekt Gängeviertel/Neustadt nicht weiter verfolgt. Mit der Weltwirtschaftskrise wurde der Spielraum der öffentlichen Finanzen stark eingeschränkt und die Finanzdeputation sah sich außerstande, Grundstücksankäufe in größerem Umfange zu tätigen.

Nach 1933 erhielt die Diskussion um Stadtsanierung neben den bisherigen wohnungs-reformerischen Argumenten eine neue ideologische bevölkerungs- und sozialpolitische Bedeutung und Aktualität. Die rasche Inangriffnahme des Sanierungsprojekts Neustadt/Gängeviertel durch die Nationalsozialisten hatte vor allem auch politische Gründe. 1930 hatte der Chef der Hamburger Ordnungspolizei die damalige Situation im Viertel wie folgt dargestellt:

„Die wirkliche Beherrschung des Gängeviertels durch die Polizei verlangt einen so hohen Einsatz von Kräften, wie er auf die Dauer nicht gestellt werden kann. Es liegt auf der Hand, daß das Gängeviertel bei seiner heutigen Gestalt …zu einer außerordentlich ernsten Gefahr für die Sicherheit des Staates und der gesamten Bevölkerung wird, wenn es dort zu wirklichem, bewaffnetem Aufruhr kommt.“

(zitiert nach Grüttner M., „Soziale Hygiene und soziale Kontrolle. Die Sanierung des Hamburger Gängeviertels“ in Herzig A. „Arbeiter in Hamburg“ S. 359)

Bezeichnenderweise wurde als Kommissar für die Sanierung dieses Gebietes, welches einen hohen Anteile an kommunistischen Wählergruppen hatte, der Polizeisenator Hamburgs eingesetzt, der die Aufgabe mit großer Energie anfasste.  Bauträger der Sanierungsmaßnahme waren der Bauverein zu Hamburg, die Deutsche Schiffszimmerergenossenschaft, die Gemeinnützige Baugenossenschaft deutscher Arbeiter sowie die Baugenossenschaft Sorbenstraße.

„Schon seit Jahren hat man über die Sanierung des Gängeviertels beraten, ohne daß man praktisch diese für die Gesundheit und die öffentliche Sicherheit so wichtige Maßnahme in Angriff genommen hat.(…) Betroffen werden von dieser Sanierung etwa 12 000 Personen. (…) Wirtschaftliche Entwicklung im Zusammenhang mit politischen Einflüssen haben dann dieses Gängeviertel auch zur Hochburg des Kommunismus gemacht, der an sich ja bei uns erst eine Erscheinung der Nachkriegszeit ist. Wir wissen, daß in den mannigfachen Unruhe-Perioden des letzten Jahrzehnts gerade dieses Viertel zu beiden Seiten der Wexstraße das Operationsgebiet der aufruhrschürenden Moskauer Sendboten gewesen ist, die in großen Teilen der Bevölkerung auf ein williges Ohr trafen, da sich in dieses Wohnviertel im Laufe der Zeit mehr und mehr auch die sozial am schlechtesten gestellten Bevölkerungsschichten mit Rücksicht auf die Billigkeit der Wohnungen zurückgezogen hatten.“(…) Der Ausschnitt (des Stadtplans) zeigt deutlich das feinädrige Gewirr der ganz regellos angelegten Gänge und Höfe, in denen die Polizei ein ganz besonders schwieriges Gelände hatte. Bezeichnend für den eigenartigen Charakter ist, daß die Polizei bei ihrer Arbeit auf diesem Felde weniger von den Maschinengewehren Gebrauch machte, für die es an den Voraussetzungen des Schußfeldes fehlte, als von der unblutigsten Waffe des Polizeieinsatzes, dem Scheinwerfer, der mit seiner Blendwirkung jeden bewegungsunfähig macht, der in sein Lichtfeld tritt.“

Hamburger Fremdenblatt  „Das Hamburger Gängeviertel verschwindet“ 25.04.1933

Die räumliche Situation der dichten Bebauung und der engen Gassen ist heute nur noch bei den Krameramtsstuben, ein 1676/77 gebauter Witwenstift, zu erfahren. Ein vollkommen überlaufener Touristenanziehungspunkt in direkter Nähe zur Michaeliskirche und ansatzweise bei den letzten Häuserzeilen des Gängeviertels, die man nicht abgerissen hat, weil sich dort das Elternhaus und die Geburtsstätte des bekannten Komponisten Johannes Brahms befindet. Als Projekt der Stiftung Denkmalpflege wurden die dortigen Fachwerkhäuser im Bäckerbreitergang, von 1980 bis 1984 restauriert. Die Reste dieses Quartiers zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Bäckerbreitergang sollten, in Kombination mit mehreren Neubauten, für 35 Millionen Euro nach dem Vorbild der Hackeschen Höfe, der Touristenattraktionen Berlins, aufwendig saniert und restauriert werden. Durch die Wirtschaftskrise verzögerten sich diese Pläne und sind inzwischen auf Eis gelegt. Ende 2009 wurde das Areal von der Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“ besetzt, die dort seitdem Ausstellungen, Konzerte, etc. organisieren und die dort ein Mischkonzept von Wohnen, Ateliers und Veranstaltungsorten realisieren wollen. Die Stadt Hamburg duldet die Besetzung und scheint an einer Vertragslösung mit der Initiative interessiert zu sein.

Interessante Historische Kriminalromane in Bezug auf Hamburgs Bau- und Zeitgeschichte sind die des Kunst- und Bauhistorikers Boris Meyn (Der Tote im Fleet, Der eiserne Wal, die rote Stadt und Der blaue Tod /rororo – Taschenbuch), die im Zeitraum 1840 – 1884 spielen und fundiertes historisches Wissen in die Romanhandlung mit einfließen lassen. Sowie die historischen Romane von Ronald Gutberlet alias Virginia Doyle, bzw. alias Robert Brack. Eine St. Pauli-Trilogie (Die rote Katze,  Der gestreifte Affe und Die schwarze Schlange / Heyne), die in dem Zeitraum 1890 – 1940 angelegt ist.

„Wie in anderen deutschen Ländern hat auch in Hamburg die nationalistische Staatsführung für einen Teil der in Schutzhaft genommenen politischen Gegnern, deren Vorleben, Stellung oder Haltung nach dem Umschwung sie irgendwie als bedrohlich erscheinen ließ, ein sogenanntes Konzentrationslager eingerichtet. Man hat sie aus dem unmittelbaren Bereich der Gefangenenanstalten herausgenommen und in einem – der Name ist wohl richtiger und läßt keine solchen, aus den berüchtigten Konzentrationslagern unserer Gegner im Weltkrieg hergeleiteten Vorstellungen aufkommen – Arbeitslager untergebracht. Es befindet sich in Wittmoor, nur etwa drei Viertelstunden entfernt von der Hochbahn-Endstation Langenhorn und dem bekannten Ausflugsziel Ochsenzoll. (…) Der Besucher des Konzentrationslagers Wittmoor ist überrascht, wenn er plötzlich am Lagereingang steht, den er sich ganz anders vorgestellt hat.Ein einfacher Drahtzaun, wie er auch sonst Grundstücke abgrenzt, dahinter in einem weiten Hof eine alte „Brikettfabrik“. Das ganze im schimmernden Grün des ländlichen Frühlings, links und rechts davon saubere Wohnhäuser der Bevölkerung, dahinter weite Torfflächen, übersponnen mit Heide, durchzogen von grünen Knicks. Ein in der Frühlingssonne doppelt freundlicher Fleck Erde. (…) Anfang April dieses Jahres wurde das Konzentrationslager eingerichtet. Die ersten 20 Schutzhäftlinge räumten den Schutt beiseite, der in dem verfallenen Gebäude meterhoch lag, zogen Wände und Decken, tischlerten, mauerten und richteten die alte Fabrik für eine Belegschaft von 100 Häftlingen (später 250) und das Bewachungs-kommando her. Unter Führung von Zugwachtmeister Ziefemer wird zielbewußt gearbeitet. Ihm zur Seite stehen 5 Polizeibeamte und 36 SA-Männer als Hilfspolizisten. (…) Es handelt sich fast durchweg um Kommunisten, nur ein geringer Teil sind Sozialdemokraten; sie haben sich alle hochverräterischer Umtriebe, oft in Verbindung mit Schießereien und unbefugten Waffenbesitz schuldig gemacht.(…) es muß stramm gearbeitet werden 6 Uhr morgens wird geweckt, dann heißt es sich waschen und Betten und Zimmer in Ordnung bringen. Von 7 bis 8 Uhr ist Frühstückspause. Dann geht es hinaus ins Moor zum Torfstechen, und in dem Gefühl produktive Arbeit zu leisten, liegt der größte erzieherische Wert des Lagers, der zugleich auch ein gesundheitlicher ist.“

Hamburger Fremdenblatt „Im Konzentrationslager Wittmoor“ 26.05.1933

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Jan
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Die Prostitution im Industriezeitalter bis zum Ende der Weimarer Republik

Das 19. Jahrhundert  – Die Kasernierung der Prostitution

Im Mittelalter war die systematische Organisation und die planmäßige Förderung des Frauenhauswesens mit dem Ausbau des Städtewesens parallel gegangen. Ebenso ist die Erscheinungsweise der Prostitution im 19.Jh. eng verknüpft mit der Entwicklung der großen Städte. Im Gegensatz zum Mittelalter fanden sich im 19.Jh. – durch die Landflucht und das explosionsartige Anwachsen der Städte – Prostituierte in allen Teilen der Stadt. Napoleon I. führte in Frankreich zum Zwecke des gesundheitlichen Schutzes seiner Soldaten im Jahre 1802 als erstes das System der staatlichen Reglementierung und der Kasernierung der Prostitution ein, um das französische Heer vor der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu schützen. Nachdem Frankreich seine strenge Reglementierung durchgesetzt hatte, folgten fast alle anderen europäischen Länder diesem Beispiel. Das Reglementierungssystem des 19. Jahrhunderts, das die Bevölkerung vor Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper schützen sollte, bestand aus polizeilichen und gesundheitlichen Verordnungen, die sich ausschließlich auf die Prostituierten bezogen, deren männliche Kundschaft, wie auch männliche Prostituierte aber nicht berücksichtigten. Beauftragt mit der Durchführung dieser Maßnahmen war die Polizei, speziell der Sittenpolizei. Die Aufgabe der Sittenpolizei war der Schutz der Gesellschaft vor „gesundheitlicher und sittlicher Ansteckung“. Die zentrale Forderung war die Isolierung der Prostitution, ihr Ausschluss aus der Öffentlichkeit. Dies führte in  Konsequenz zur Kasernierung der Prostituierten, d.h. zur zwangsweisen Unterbringung und Kontrolle in Bordellen und Speerbezirken, womit gleichzeitig eine institutionalisierte Überwachung der Gesundheit ermöglicht werden sollte. Neben der Sittenpolizei war für die Prostituierten auch ein Kontrollarzt zuständig. In Frankreich lag die Kontrolle bei den Kommunen und war von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In Marseille z.b. wurden alle Frauen wöchentlich untersucht. Für die Frauen in den Bordellen fand die Untersuchung an ihrem Arbeitsplatz statt. Die Straßenprostituierten mussten in einem Raum der Sittenpolizei erscheinen um sich untersuchen zu lassen. In England wurde im Jahr 1864 im Parlament erstmals über die Maßnahmen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten diskutiert. In Folge kam es in England zu einer ähnlichen Gesetzgebung, die allerdings nur für die Städte galt wo Militär stationiert war.

Die verschiedenen Obrigkeiten mussten allerdings feststellen, das die Maßnahmen der stringenten Kasernierung nicht die gewünschte Wirkung zeigten, da viele Frauen, aufgrund der massiven Stigmatisierung, die die gesetzlichen Maßnahmen begleiteten, sich der Kontrolle entzogen.
In Frankreich zeigte sich Jahre nach dem erfolgten Reglement keine Verbesserung der Situation und in Christiania/Dänemark bemerkte man nach der inzwischen vollzogenen Aufhebung der Reglementierung 1888, dass die eingeschriebenen Prostituierten aus den Hospitälern zum großen Teil verschwanden und Schneiderinnen, Dienstmädchen und Kellnerinnen an ihre Stelle traten. Zum Teil waren es Prostituierte, die einen anderen Beruf angaben, aber auch viele Frauen die sich bisher von den Spitälern ferngehalten hatten und sich jetzt freiwillig behandeln ließen. In England stieß diese Gesetzgebung gleich nach ihrer Inkrafttretung auf heftige Kritik und wurde bereits 1886 wieder abgeschafft. Es gab in England eine starke Frauenrechtsbewegung, die unter dem Namen der „Abolitionistischen Bewegung“ mit ihrer Vorkämpferin Josephine Butler, Millionen von Unterschriften gegen dieses Gesetz sammelte und es zu Fall brachte. In Norwegen, Holland, Italien und der Schweiz wurde gegen Ende des Jahrhunderts die Reglementierung ebenfalls abgeschafft. In Frankreich und  Deutschland hingegen wurde sie beibehalten.

Der deutsche Reglementarismus

In Deutschland regelte der Paragraph 361 Abs.6 des Strafgesetzbuches das Verhältnis der staatlichen Behörden zu den Prostituierten. Bis zur Reichsgründung wurde der Umgang mit der Prostitution von jedem deutschen Land, bzw. Stadt selbstständig geregelt. 1871 vereinheitlichte das Reichsstrafgesetz mit dem Paragraphen §361 Nr.6 StGB und 180 StGB die Strafbestimmungen zur Prostitution. Nach dem §361 Nr.6 StGB war die registrierte Prostitution erlaubt, sofern sich die Frauen unter polizeiliche Kontrolle begaben und deren Vorschriften Folge leisteten. Verhaftet und bestraft werden konnten nach diesem Gesetz alle Frauen bei denen der Verdacht bestand, dass sie ohne sittenpolizeiliche Aufsicht, gewerbsmäßig der heimlichen Prostitution nachgingen, oder wenn sie als eingeschriebene Prostituierte den Vorschriften der Sittenpolizei zuwiderhandelten. Der §180 und §181 StGB bestraften die Kuppelei. Demnach machte sich strafbar, wer: „objektiv günstigere Bedingungen als die sonst vorhandenen herbeiführt und zwar durch Vermittlung oder Gewährung der Verschaffung von Gelegenheit zur Unzucht“ Die Zimmervermietung an Prostituierte wie auch die Einrichtung von Bordellen war somit strafbar.

Die Gesetzesauslegung differierte zwischen den einzelnen Länder und Gemeinden, die zusätzliche Polizeivorschriften zur praktischen Ausführung erließen. Der wesentliche Unterschied bestand in dem Umgang mit der Institution des Bordells, die eigentlich im Widerspruch zum Kuppeleiparagraphen stand. In München und später auch in Berlin wurde die Reglementierung mit einem gleichzeitigen Bordellverbot vollzogen, Städte wie Bremen, Stuttgart und Kiel setzten auf eine Kasernierung der Prostitution und führten die gesamte Überwachung und Organisation des Gewerbes über städtische Institutionen durch. In Hamburg führte die im Rahmen der Kasernierung weitergehende Duldung von Bordellen und die Praxis der Sittenpolizei zu wiederholten Konflikten mit übergeordneten Reichsinstanzen. Die polizeilichen Vorschriften umfassten Freiheitsbeschränkungen örtlicher und zeitlicher Art. Prostituierte war das Betreten vieler Hauptverkehrs- und Geschäftsstraßen untersagt, ebenso der Besuch der bürgerlichen Freizeitinstitutionen wie Theatern, Cafe- und Ballhäusern, manchmal sogar der von öffentlichen Badeanstalten. Es war ihnen verboten in der Nähe von Schulen, Kirchen und Kasernen eine Wohnung zu nehmen, mit anderen Prostituierten zusammen, und im Parterre zu wohnen. Jeder Wechsel in eine andere Stadt musste bei der Polizei persönlich angemeldet werden. Nachts bestand für die Prostituierten ein generelles Ausgehverbot. Mancherorts bestanden weitergehende Verhaltensregelungen wie das Verbot auf der Straße stehen zu bleiben oder nicht in offenen Wagen zu fahren. Diese freiheitsbeschränkenden Maßnahmen überwogen deutlich die gesundheitlichen, die die zwangsweise Verpflichtung zu einer ein- bis zweimal wöchentlichen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten vorschrieben. Mit Beginn der Registrierung wurde eine Polizeiakte für jede Prostituierte angelegt, in der, angefangen von der Familiengeschichte und Ortswechsel, bis hin zu den Gesetzesverstößen und Krankenhausbehandlungen, alles festgeschrieben wurde.

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg (spez.: Berliner Polizeivorschriften von 1902)

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Bereits ab dem Ende des 19.Jh. gerät die Prostituierte zunehmend in das Interessengebiet der sich formierenden Kriminalpsychatrie, -psychologie, und – anthropologie. Deren Forschungsergebnisse und Gutachten zielten nicht nur auf eine Be- und Verurteilung einer Gesetzesübertretung, sondern haben die Individualität, den Charakter, den sozialen Werdegang, die „gute“ und „verdorbene“ Seele dieser Frauen zum Thema. Gleichzeitig wurde an einer neuen, informellen Kleiderordnung gestrickt, den sogenannten „objektiven“ Lebenslauf der Prostituierten. Dieser beginnt mit dem Moment der ersten Verhaftung, die die heimliche Prostitution in eine offizielle, registrierte verwandelte. Dieser polizeiliche Lebenslauf umfasste die Registratur ihrer Strafen, ihre psychische Normalität oder Abnormalität, ihre Familiengeschichte unter dem Aspekt dieser Fragestellung, ihre Aufenthalte im Gefängnis, Arbeits- oder Krankenhaus und anderen Einrichtungen. Ein wesentlicher Bestandteil setzte sich aus den Materialien der Krankengeschichte zusammen, vor allen Dingen ihrer Geschlechtskrankheiten und die Ergebnisse der regelmäßigen Zwangsuntersuchungen. Diese Datensammlung objektivierte ihre Existenz als deliquente Prostituierte, die unter diesem Vorzeichen immer als eine Kriminelle eingestuft wurde.

Der einmal registrierten Frau wurde es fast unmöglich gemacht sich eine Existenz außerhalb der Prostitution zu suchen. Der Versuch eine Arbeit zu finden scheiterte meistens daran, dass die Sittenpolizei ihre regelmäßigen Kontrollen auch am Arbeitsplatz durchführte, was dann in der Regel zu einer sofortigen Kündigung führte. Die Bedingung aus den regelmäßigen Kontrollen entlassen zu werden war der Arbeitsnachweis – und um von der Polizei unbehelligt einer Arbeit nachgehen zu können, war es notwendig von der Kontrolle befreit zu sein. Diese sittenpolizeiliche Praxis illustriert sehr deutlich warum sich der Grossteil der Frauen nicht registrieren ließ und stattdessen polizeiliche und justizielle Verfolgung in Kauf nahm. Außerdem standen die Frauen die in den Bordellen arbeiteten in der Regel in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis zum Bordellwirt, dass dem Prinzip der Schuldknechtschaft im mittelalterlichen Frauenhaus ähnlich war. Oft wurden sie über systematische Verstrickung in Schulden an das Haus gefesselt. Dies geschah über Wucherpreise für Miete und Kost und über die Besorgung von Kleidern, Schmuck und Ähnlichem, die nur als geliehen galten und abbezahlt werden mussten. In vielen Etablissements bestand der Zwang zum Alkoholkonsum zu Animierzwecken und der Wirt fungierte oft als Kontrollinstanz was die Durchsetzung der sittenpolizeilichen Vorschriften betraf.

Im Zuge der Industrialisierung stieg die Prostitution seit der Mitte des 19. Jahrhunderts enorm an. Verschiedenen Schätzungen für Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert  gehen von 100.000 bis 200.000 Prostituierten, kurz vor dem 1. Weltkrieg sogar bis zu 330.000, aus. In den Städten entstand mit der elektrischen Straßenbeleuchtung, der Errichtung der großen Kaufhäuser seit 1871, der beginnenden Massenproduktion von Konsum- und Gebrauchsgütern und der damals noch neuen Repräsentation der Waren mittels großer Schaufenster, die Atmosphäre eines ständigen, zeitlich ungebundenen und immer präsenten Marktes. Dieser Umstand, wie die zunehmende Anzahl von Vergnügungsstätten – vom aufwendigen Variete oder Operettenhaus bis zum kleinen Tingeltangel in der mit einer Bühne ausgestatteten Trinkhalle – führte zu einer Belebung des Straßenbildes, in der die heimliche Prostituierte auf der Straße nicht mehr für Jeden als solche erkennbar war. Diese Schwierigkeit zwischen den „anständigen“ Frauen und den Prostituierten zu unterscheiden, wurde dann auch zu einem zentralen Argument für eine schärfere Vorgehensweise gegen die Prostitution. (belegt für Hamburg, Köln und Dortmund). Vor allem in den großen Städten kam es zu einem bedeutenden Zuwachs an Prostituierten.

In Berlin, zwischen den Jahren 1859 und 1871, soll sich die Zahl der Prostituierten verdoppelt haben während die Bevölkerung nur etwa um die Hälfte zunahm. Im Jahr 1871 gab es in Berlin ca.15000 Prostituierte bei etwa 800 000 Einwohnern. Am Anfang des 20. Jh. wurden in Berlin bis zu 50000 Prostituierte geschätzt. Die Zahl der polizeilich registrierten und kontrollierten Frauen war wesentlich geringer: im Jahr 1869 waren 1709 Prostituierte bekannt, im Jahre 1903 waren es 3709. Für Hamburg stellten sich die Verhältnisse von kontrollierter und heimlicher Prostitution ähnlich dar wie in Berlin, obwohl hier offiziell noch Bordelle bestanden, die Prostitution also nicht wie in Berlin, eine rein Vagierende war. In Hamburg war nach Polizeiberichten die Straßenprostitution:

„…in wahrhaft exorbitanter Weise entwickelt. Kaum ist der Abend angebrochen, so wimmeln der Jungfernstieg und die Hauptstraßen der Stadt von prostituierten Dirnen … Unter 10 Mädchen, die am Abend mit einem Körbchen am Arm in den Gassen einhergehen, kann fast wohl die Hälfte als öffentlich und für Geld zu erkaufen angenommen werden. Vor allem findet man in der Nähe der Absteigerquartiere zahlreiche derartige Patrouillen. Die Wanderungen der feineren unter ihnen nehmen gewöhnlich von der Gegend des Valentinskamps ihren Ausgangspunkt und verbreiten sich von da über den Gänsemarkt, Jungfernstieg, die Königinstraße, Großen Bleichen, Poststraße, Neuen Wall, die Alsterarkaden und so zurück; die niedere Sorte derselben wählen die ärmeren, entlegeneren und dunkler beleuchteten Gegenden der Stadt als Standquartier, den Sägerplatz, Kraienkamp, die Kirchhöfe, die Fuhlentwiete, die Neustraße- und vor allem die Wälle. An einzelnen Punkten der Stadt, so ganz besonders am Sägerplatz ist es oft kaum möglich, sich des Abends vor den Zudringlichkeiten dieser Mädchen zu retten, die einem in ganzen Scharen entgegenströmen.“


(Zitat aus „Speerbezirke“, Seite: 23, Regina Schulte, 1994)

Das Spektrum der Prostitution am Beispiel Berlins

Der Berliner Schriftsteller Hans Ostwald veröffentlichte zwischen 1905 und dem ersten Weltkrieg eine Vielzahl von Büchern zum Thema Prostitution und „Unterwelt“ in seiner Schriftenreihe „Großstadtdokumente“. Einer der Autoren in dieser Schriftenreihe war Magnus Hirschfeld, der über männliche Prostitution und die homosexuelle Subkultur Berlins schrieb. In der Weimarer Republik fungierte er als Herausgeber der Werke des Zeichners Heinrich Zilles. Nach Oswalds Milieubeschreibungen spiegelte die „Halbwelt der Prostitution“ die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse wider und für jede soziale Lage und Klasse gab es ein differenziertes Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Oben auf der sozialen Stufenleiter standen in Berlin die Frauen, die als Blumenhändlerinnen der vornehmen Restaurants und die Tänzerinnen und Sängerinnen einiger Theater und vieler Varietes, die abends auf dem Boulevard „Unter den Linden“ flanierten. Dort wo die Prostitution die Reichen und Aristokraten bediente, ging sie ins Konkubinat über. „Demoiselles de plaisir, Cocottes“ waren einige der Bezeichnungen für diese Kurtisanen, elitäre Prostituierte, die ihre Liebhaber in adel- und großbürgerlichen Kreisen hatten. Die Ballhäuser, Opern, Theater und Varietés waren bevorzugte Orte der Präsentation und Selbstdarstellung dieser Frauen, wobei die Grenzen zu den Stars der Varieté- und Theaterwelt und später des Films, fließend waren. Affären mit Aristokraten und Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik sorgten für Gesprächsstoff. Diese, wie auch die wertvollen Toiletten und der Schmuck, die Bühnenkostüme und die neuesten Abendkleider gaben immer wieder Anlass für Berichte in den Zeitungen. Sie bestimmten die Modetrends ihrer Zeit maßgeblich mit.

Auf der nächsten Stufe der sozialen Gegenwelt standen die Frauen, die die Männer aus dem Geld- und Bildungsbürgertum bedienten. Sie waren in der Umgebung der Friedrichstraße mit ihren vielen Hotels, Bars und Vergnügungsetablissements lokalisiert. Sie trugen traditionsgemäß einen Hut und einen Schal, oft auch einen Regenmantel und pfiffen, wenn Männer vorbeigingen, als obszön erkennbare Melodien, überließen aber in der Regel dem Mann die Initiative zur Kontaktaufnahme. (Im 19. Jh. trug eine Prostituierte dieser Klasse in der Regel einen Schlüssel in der Hand, um anzuzeigen, dass sie ihr eigenes Zimmer hatte.) Die Preise sollen bei ca. 20 Mark gelegen haben.

Eine Begegnung durfte für den Mann nicht kompromittierend sein, dies machte vereinfachte Formen der Kontaktaufnahme nötig. Ein Blick, eine Geste oder Obszönität hatten auszureichen, um denjenigen auf sich aufmerksam zu machen, der ihren Diensten nicht abgeneigt war. Ein weiteres wichtiges Mittel zur professionellen Stilisierung war die Schminke. Kaum andere Frauen schminkten sich vor der Jahrhundertwende, für den Tag, bzw. für den Gang auf die Straße, mit Ausnahme der Theater- und Variete-Künstlerinnen, wo die Prostitution traditionell verbreitet war.

In der Region um die Leipziger Straße kostete der Geschlechtsverkehr mit einer Frau 10 Mark. Die Frauen waren nicht so gut gekleidet und weitaus offensiver in ihrer Werbung, viele waren Gelegenheitsprostituierte, die oft in der Begleitung einer älteren Kupplerin waren. Diese Abstufungen gingen weiter, bis hin zu den „bescheideneren Vergnügungsviertel“, wo die Preise zwischen 5 bis 1 Mark lagen und die Kundschaft überwiegend aus Arbeitern und Soldaten bestand.  Das Angebot der Prostitution verlief parallel zum gesamten gesellschaftlichen Spektrum. Manche Frauen verdienten bei einer einzigen Begegnung bis zu zwanzigmal mehr als andere. Das Angebot war so vielfältig; von den elementarsten  Diensten, bis hin zu den kostspieligsten, weil es eben eine breite Nachfrage von Männern aus dem gesamten sozialen Spektrum gab. Auch Schuljungen und Studenten besuchten zum Teil regelmäßig Bordelle um sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

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Jan
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Die soziale Rekrutierung der Prostituierten

Ein Großteil der Prostituierten rekrutierte sich aus berufstätigen Frauen der Unterschicht und sozial absteigenden Kreisen der Mittelschicht. Vor allem aus Frauen, die aufgrund des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs des traditionellen Handwerks im Zeichen der Industrialisierung vom Land oder aus dem kleinstädtischen Milieu in die Stadt abwanderten. Laut der Akten der Sittenpolizei aus den Jahren 1873/4 stammten 55% aller Prostituierten in Berlin vom Land und 22% der Frauen aus familiären Verhältnissen von Fabrikarbeitern, wiederum fast die Hälfte der Prostituierten kamen aus Handwerkerfamilien. Ähnliche Verhältnisse bestanden auch in anderen deutschen Städten, wie München und Stuttgart. Die registrierten Prostituierten in den großen Städten waren zum Großteil zugewandert. Im Jahr 1907 waren z.b. in Hamburg nur 10,8% der 408 kontrollierten Prostituierten in Hamburg geboren  Die Berufszweige aus denen sich die Prostituierten überwiegend rekrutierten, waren die der Dienstmädchen, Kellnerinnen, Verkäuferinnen, Fabrikarbeiterinnen, Näherinnen, Wäscherinnen und Plätterinnen, Kirmesangestellte, Schauspielerinnen, sowie Chor- und Ballettmädchen. Oft langte der geringe Lohn dieser Erwerbstätigkeit nicht aus um den Lebensunterhalt zu sichern, schon gar nicht wenn die Frau mehrere Personen zu versorgen hatte. So verdiente z.b. eine Näherin um 1890 in Berlin im Durchschnitt 6 Mark in der Woche, wobei sie bei geringen Ansprüchen ca. 9-10 Mark wöchentlich benötigte, um die Lebenserhaltungskosten zu decken. Viele dieser Frauen gingen neben ihrer normalen Erwerbstätigkeit der Gelegenheitsprostitution nach, um ihre Existenz zu sichern.

Die Verbreitung der Prostitution im 19.Jh. hing eng mit der Entwicklung und dem Charakter der Frauenarbeit zusammen. Für die bürgerlichen Frauen, die durch Heirat meistens finanziell abgesichert waren, folgte aus der Mechanisierung der Produktion sowie der daraus resultierenden Trennung von Arbeits- und Wohnbereich der Verlust vieler produktiver Tätigkeiten, die sie vormals im Haus und für die Familie leisteten. Die bürgerliche Familie wandelte sich von einer Produktions- in eine überwiegende Konsumtionsgemeinschaft. Die Frauen aus der Arbeiterklasse hatten im Gegensatz zu den bürgerlichen Frauen kaum freie Zeit zur Verfügung. Ihr Alltag war bestimmt durch 10-12-stündige Arbeit und zusätzliche Hausarbeit. Mit fortschreitender Industrialisierung verschärfte sich die wirtschaftliche Situation der proletarischen Frauen zunehmend, so dass viele von ihnen der Prostitution nachgingen. Für die Frauen vom Land machte die Vergütung der Arbeitskraft mit Geld für viele die Arbeit in der Stadt attraktiv, da die Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft meistens unbezahlt geleistet wurde. Töchter und Ehefrauen zählten als mithelfende Familienangehörige und die Mägde arbeiteten in der Regel gegen Naturalien und freie Logis. Die Landflucht während der Industrialisierung war eine der größten Massenbewegungen der deutschen Geschichte und erfasste im Zeitraum 1860 bis 1925 bis zu 25 Millionen Menschen. Sozial stammten die meisten Abwanderinnen aus der Unterschichten, Töchter die nicht mehr mit einer entsprechenden Mitgift ausgestattet und verheiratet werden konnten. In vielen Fällen geschah die Abwanderung auf Betreiben der Eltern. Die Töchter wurden zum außerhäuslichen Gelderwerb weggeschickt da die Söhne im elterlichen Betrieb, im Handwerk oder in der Landwirtschaft benötigt wurden.

Im Zeitraum 1855-1898 nahm der Anteil der Arbeiterinnen an den Prostituierten um die Hälfte ab, während sich der der Dienstbotinnen versiebenfachte. Den höchsten Prozentsatz an Prostituierten hatten Mitte des Jahrhunderts noch die Industriearbeiterinnen gestellt, gegen Ende des Jahrhunderts waren es die Frauen aus den dienenden Berufen. Unter den Arbeiterinnen entwickelte sich ein Klassenbewusstsein. Aus diesem neuen, gemeinsamen Bewusstsein heraus wurde Fabrikarbeit als Möglichkeit empfunden sich frei von der Hörigkeit der häuslichen Dienste zu machen. Die damit einhergehende Moral führte oft zu einer Verurteilung von den Frauen, die der Prostitution nachgingen, „sich verkauften“, obwohl in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und dadurch bedingter niedriger Löhne und Arbeitslosigkeit auch viele Arbeiterinnen in die Gelegenheitsprostitution getrieben wurden.

Zum Ende des 19.Jh. bestand ein zunehmender Dienstbotenmangel. Während die Zahl der Arbeiterinnen und Verkäuferinnen stetig zunahm, sank die Anzahl derer, die bereit waren als Dienstboten zu arbeiten, so dass sie aus ländlichen Gebieten rekrutiert wurden. In Berlin kamen jährlich 40 000 Dienstmädchen vom Land und  in Hamburg kamen vierfünftel aller Dienstmädchen aus den ländlichen Gebieten der Umgebung. Von den in Berlin geborenen Dienstmädchen waren viele Waisen und unehelich geborene Mädchen aus Heimen. Die Frauen vom Land  kamen meistens aus Gebieten mit niedrigen Lebensstandard. Der durchschnittliche Monatslohn betrug zwischen 15 und 30 Mark während die tägliche Arbeitszeit bis zu 16 Stunden betragen konnte.

Freizeit mit der Möglichkeit des Ausganges wurde den meisten Dienstmädchen in der Regel nur alle zwei Wochen am Sonntag gewährt, im Schnitt  vier Stunden. So hatten sie kaum eine Gelegenheit außerhalb des eingegrenzten Bereiches des Haushaltes Erfahrungen in der ihnen fremden großstädtischen Umgebung zu sammeln. Man beließ sie in der Verfügbarkeit ihres Arbeitsbereiches. Diese Unerfahrenheit war auch ein wesentlicher Aspekt für den möglichen Gang in die Prostitution. Bei vielen bildete eine Zufallsbekanntschaft auf der Straße, in einem Ballsaal oder Café den Einstieg, da der Herr sich später häufig als Kuppler oder Zuhälter entpuppte oder schließlich die Freundin mit einem Kind alleine ließ. Außerdem vermittelten sogenannte „Stellenvermittlungsbüros“ diese als „Dienstmädchen“ an Kabaretts und Bars weiter, wo sie dann in Wirklichkeit als Animiermädchen und Prostituierte arbeiten mussten. Diese Frauen wurden von der Sittenpolizei ebenfalls als ehemalige Dienstmädchen geführt. Die Dienstmädchen bildeten den höchsten Prozentsatz unter den unehelichen Müttern. Eine Schwangerschaft bedeutete meistens die fristlose Entlassung. So bildeten um 1900 die Dienstbotinnen in Berlin ca. ein Viertel der weiblichen Bevölkerung der Stadt, brachten aber fast  ein Drittel der unehelichen Kinder zur Welt. Von den 1531 Frauen, die sich zwischen 1908 und 1910 in Berlin als Prostituierte registrieren ließen, hatten 636 Kinder. Eine Arbeiterin hingegen, konnte im Falle einer unehelichen Mutterschaft ihre Arbeitsstelle bis kurz vor der Niederkunft behalten und hatte Ansprüche auf gesetzliche Wöchnerinnenunterstützung. Nicht nur Schwangerschaft führte zu Entlassungen. Zur Reisezeit im Sommer, wie auch vor Weihnachten, kam es aus Einsparungsgründen zu massenhaften Kündigungen. So standen zwei mal im Jahr eine große Anzahl von Dienstmädchen stellen- und mittellos auf der Straße und für viele war der einzige Ausweg aus der Obdachlosigkeit die Prostitution.

Mit der Einrichtung der großen Warenhäuser eröffnete sich den Frauen ein neues Feld der Lohnarbeit. Auf dem Gebiet, welches die Statistik unter dem Namen „Handel und Verkehr“ zusammenfasste, hatte die Frauenarbeit von 1882-1895 am stärksten zugenommen, nämlich um 94%. Das Berufsbild der modernen Verkäuferin war bei jungen Frauen, trotz niedriger Löhne und langer Arbeitszeiten, beliebt, da ihm ein weitaus höheres Sozialprestige zukam als der Fabrikarbeit. Die Versprechungen der Warenwelt und ihrer Werbung übten eine starke Anziehungskraft auf die jungen Frauen aus. Das Durchschnittseinkommen einer Berliner Verkäuferin wurde Ende des Jahrhunderts vom „kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte“ auf 58 Mark, in anderen großen Städten Deutschlands, auf nur 27-47 Mark monatlich geschätzt. Die Frauen mussten einen nicht unwesentlichen Teil ihres Gehaltes für ihr Aussehen und ihre Kleidung verwenden, da sie als Angestellte der Kaufhäusern diese repräsentativ zu vertreten hatten. Außerdem stiegen ihre eigenen Ansprüche durch den fortgesetzten Verkehr mit den wohlhabenderen Kreisen, die zur ständigen Kundschaft gehörten, so dass der Lohn bei vielen nicht ausreichte. Für einen Teil von ihnen bot die Prostitution, die sich in der Anfangszeit häufig aus einem Kontakt während ihrer Arbeitszeit als Verkäuferin ergeben hatte, eine Möglichkeit, ihre Ansprüche auf einen höheren Lebensstandard zu verwirklichen.

Der große Anteil von Kellnerinnen an der Prostitution erklärt sich aus der traditionellen Nähe von Animierlokalen zur Prostitution. Im Süden Deutschlands war die Kellnerin als ausgebildeter Frauenberuf anerkannt, aber in Berlin und Hamburg wurden sie fast nur zu Animierzwecken eingestellt. Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895 gab es 37.121 Kellnerinnen, von denen knapp 80% ein Bargehalt erhielten, das durch Kost und Logis im Haus des Wirtes ergänzt wurde. Die Hälfte der Frauen die Lohn erhielten, mussten mit einem Einkommen von 10-30 Mark auskommen. Die Kellnerinnen waren im deutschen Kaiserreich aufgrund der niedrigen Löhne überwiegend von Trinkgeldern abhängig und in den Cafes, Varietes und Tingel-Tangel wurde von den Bühnenkünstlerinnen und dem weiblichen Personal geradezu erwartet, dass sie sich den Großteil ihres Einkommens durch Prostitution verdienten.

Bereits vor der Jahrhundertwende waren in den großen Städten eine Vielzahl von Varietés, Kabaretts und Theaterbühnen entstanden und ein Teil der gehobenen Prostituierten rekrutierte sich aus dem Bereich der dort tätigen Künstlerinnen. Die Schauspielerin gehörte im abendländischen Spätmittelalter zu den Geächteten und die Kirche verweigerte ihr ebenso wie der Prostituierten die Sakramente und den Friedhof.  Erst im Laufe des 19.Jh., mit dem veränderten  Selbstverständnis der dramatischen Kunst, gelang es den Beruf der Schauspielerin zu verbürgerlichen und den Schauspielerstand zu emanzipieren. Die Gagen von denen selbst Schauspielerinnen an besseren Bühnen lebten, waren niedrig, außerdem stellten sie meistens nur das Saisoneinkommen dar, von denen die Frauen das ganze Jahr über zu leben hatten. An fast allen Bühnen Deutschlands hatten sie ihre Ausstattung und die Kostüme aus eigener Tasche zahlen – und das zu einer Zeit (ab 1870) wo in den Theatern und Opernhäusern ein extremer Luxus in der Ausstattung auf den Bühnen herrschte. Allerdings hatte die sogenannte Prostitution der Schauspielerinnen einen anderen Charakter als die der Arbeiterinnen und Dienstmädchen. Viele begannen ihre Karriere in den Betten von Theaterdirektoren, Regisseuren und Kritikern und sie hatten oft länger andauernde Verhältnisse die sich nicht nur auf sexuelle Beziehungen beschränkten und ihnen den Status einer Mätresse gaben. Sie waren in der Gesellschaft nicht eindeutig der Verachtung preisgegeben wie die einfache Prostituierte. Die Theaterwelt galt als anrüchig, faszinierte das Bürgertum aber auch, das in weiten Kreisen die Berührung mit der Bühnenwelt suchte. – Frauen die nicht an einer großen Bühne engagiert wurden blieb oft nichts anderes übrig, als ihren Unterhalt bei einem der vielen Varietes, Kabaretts und Tanzbühnen zu verdienen, wo – je nach Etablissement – die Grenzen zur weitergehenden Animation und Prostitution fließender waren. Unter dem Banner des Tanzes wurde für jedes Publikum entsprechende Vergnügungen angeboten. Da gab es „Witwenbälle“, “Bälle für die „reifere Jugend“ und “Strandfeste“, welche Orte des Tanzvergnügens und der Prostitution waren.

Die Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen in Deutschland

Die Sittlichkeitsvereine, die überwiegend mittelständische Protestanten (insbesondere viele Volksschullehrer) angehörten, bildeten eine rechtsgerichtete außerparlamentarische Interessengruppe, die am Ende des 19. Jh. an Bedeutung gewann. Sie waren entschiedene Gegner des staatlichen Bordellwesens. Ihr Anführer,  Pastor Ludwig Weber, sah in der Prostitution die Gefahr der sozialen Unordnung. Die damit einhergehende Unmoral, die Zerstörung der Familie, der Wachstum des städtischen Proletariats, wie auch die sexuelle Emanzipation stellten aus dieser Weltsicht heraus, wichtige Punkte der allgemeinen Bedrohung der Gesellschaft dar. Im gleichem Jahr wie der „Allgemeine Kongress der Deutschen Sittlichkeitsvereine“ – 1888, wurde auch der „Verein Jugendschutz“ in Berlin gegründet. Die Vorsitzende war eine Frau – und dieser Verein bildete sozusagen das weibliche Gegenstück zu den patriarchalen Sittlichkeitsvereinen, wo Frauen in der Regel ausgeschlossen waren. Sie forderten die Abschaffung der staatlich regulierten Bordelle und die Einsperrung aller Prostituierte bei einer Haft von 1- 3 Jahren. Außerdem setzten sie sich für präventive Maßnamen wie die Gründung von Heimen und Vereinen für weibliche Hausangestellte ein. Dieser Verein war in seiner Haltung zwar erzreaktionär, zeigte aber auch eine feministische Tendenz, da er auf dem Recht bestand, dass bürgerliche Frauen in der Öffentlichkeit auftreten und über sexuelle Themen diskutieren konnten. In Opposition zu dieser Haltung standen die sogenannten „neuen Frauenrechtlerinnen“, die gegen Ende der 90er Jahre in Erscheinung traten. Sie waren teilweise Anhängerinnen der Britin Josephine Butler, die in den 90er Jahren eine erfolgreiche Kampagne gegen die Reglementierung in England geführt hatte.

Josephine Butler war eine der namhaften Wortführerinnen der englischen Protestbewegung, die sich u.a. aus Frauenverbänden zusammensetzte, die gegen den 1864 erlassenen „Contagious Diseases Act“ protestierten. Dieser war verabschiedet worden um mit dem Mittel der Zwangsuntersuchung und Zwangsbehandlung von Prostituierten der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten entgegen zuwirken. In diesem Gesetz trat deutlich die viktorianische Doppelmoral zutage, die den Männern das Recht auf Promiskuität gegen Bezahlung einräumte, die Frauen aber den entwürdigenden Kontrollen der Sittenpolizei auslieferte. Josephine Butler, die Prostitution mit weiblicher Sklaverei gleichsetzte, nun aber als eine frühe Verfechterin eines Feminismus, der sich für die Rechte der Prostituierten einsetzte, zu sehen, ist ein Trugschluss. Diese Protestbewegung war durchzogen von einem religiösen Fundamentalismus, der seine wesentliche Aufgabe in einem Kampf gegen die Lockerung der Sexualmoral und der prosperierenden Vergnügungsindustrie sah.

Die neu entstandene Vergnügungskultur gehörte zu den Feindbildern der Sittlichkeitsbewegung, mit der zeittypischen Polemik gegen die Varietes, Kinos, Kneipen und Kabaretts ging die Botschaft einher, dass junge Frauen, die alleine in die Stadt zogen dem Risiko des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt waren, solange sie nicht mehr oder noch nicht unter dem Schutz des Vaters oder Ehemanns standen. Josephine Butler war u.a. auch an der Medienkampagne gegen die „White Slavery“ beteiligt. Sie stellte für den Journalisten William Stead den Kontakt zu einer ehemaligen Prostituierten her, die ihrerseits Stead mit einer der Hauptprotagonistinnen der 1885 publizierten Skandalgeschichte bekannt machte – der 13-jährigen Eliza Armstrong. Die durch den Skandal entstandene öffentliche Aufmerksamkeit um den vermeintlichen „internationalen Mädchenhandel“ verschaffte den Frauenverbänden um Josephine Butler eine große, wenn nicht sogar entscheidende Anerkennung.

Jazbinsek, Dietmar,  „Der internationale Mädchenhandel – Biographie eines sozialen Problems“, Schriftenreihe der Forschungsgruppe Metropolenforschung am Wirtschaftszentrum  Berlin für Sozialforschung, 2002

1898 als die Debatte über den „ Lex Heinze“ ihren Höhepunkt hatte, wurde die deutsche Sektion der Abolitionistinnen gegründet. Sie betrachteten die Prostituierten als Opfer und gingen davon aus, dass mit der Abschaffung des Bordellsystems und einen entschiedenen Kampf gegen die Doppelmoral, Frauen nicht mehr länger gezwungen wären sich in der Prostitution zu verdingen. Außerdem setzten sie sich – als eine vorbeugende Maßnahme gegen Geschlechtskrankheiten – für einen allgemeingültigen Maßstab sexueller Enthaltsamkeit ein. Frauen die von Polizei als „der gewerblichen Unzucht nachgehend“ verdächtig aufgegriffen wurden, konnten auf Geschlechtskrankheiten zwangsuntersucht werden, so dass auch Frauen jenseits des Prostitutionsgewerbes Bekanntschaft mit dieser entwürdigenden  Behandlung machten. Die Abschaffung des Paragraphen § 361 StGB, der diese Vorgehensweise ermöglichte, wurde eine der zentralen Forderungen der Frauenbewegung hinsichtlich der „Prostitutionsfrage“. Die Gräfin Gertrud Guillaume-Schalk mit dem „Deutschen Kulturbund“ und die „Internationale Abolitionistische Föderation“ waren in dieser Hinsicht aktiv, sie hatten auf parlamentarischer Ebene allerdings keinen  Erfolg. Bereits im Jahr 1905, dem Erscheinungsjahr der „Tagebuch einer Verlorenen“, begann sich das politische Klima  über die öffentliche Debatte zum Thema Prostitution zu verändern.

Im Jahr 1905 wurde in Deutschland von der Schriftstellerin Magarethe Böhme das „Tagebuch einer Verlorenen“ veröffentlicht. Diese Tagebuchaufzeichnungen beschrieben scheinbar autographisch den Lebensweg einer Frau aus bürgerlichen Verhältnissen, die mit ihrer Familie bricht und in Hamburg eine Luxuskurtisane der Oberschicht wird, – bis sie dann als lebensmüde Hure an Tuberkulose stirbt. Dieses Tagebuch war in Wirklichkeit ein Roman der Autorin Böhme, die es in dieser Zeit als zu unsicher empfand es als ihr eigenes Werk auszugeben. Es  löste im sittenstrengen, wilhelminischen Deutschland öffentliche Debatten zu diesem Thema aus. In der Weimarer Republik wurde das „Tagebuch“ unter der Regie von G.W. Pabst mit Louise Brooks in der Hauptrolle verfilmt. Die Lizenz die der Film im August 1929 für den kommerziellen Verleih erhielt, wurde allerdings schon im Dezember gleichen Jahres von der Filmprüfstelle Berlin wiederrufen, da es zu massiven Protesten seitens kirchlicher Organisationen und Frauenvereinen gekommen war.

Die feministische Bewegung, bzw. deren radikaler Flügel um die Person der Sexualreformerin Helene Stöcker nahmen immer mehr eine liberale Haltung zum Thema Sexualität ein. 1908 initiierten sie eine Kampagne für die Abschaffung des Paragraphen 218 und für die Legalisierung der Abtreibung, sowie zur Anerkennung gleicher Rechte für unverheirateter Mütter – und das Frauen ebenso wie Männer ein Recht auf sexuelle Erfüllung haben. Vielen damaligen Frauenrechtlerinnen gingen diese Positionen allerdings zu weit – so wurde bei der Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine (1908) der Versuch, die Kampagne gegen den 218§ zur allgemeinen Forderung aller Frauenvereine zu erheben, abgewiesen- und die radikalen Feministinnen wurden im Laufe der nächsten Jahre innerhalb der Bewegung immer mehr an den Rand gedrängt.

Unter dem wachsenden Einfluss des wissenschaftlichen Diskurses über Fragen der Eugenik und des Sozialdarwinismus auf die politische Kultur, kam es auch bei den Abolitionistinnen zu einer Umorientierung. Sie begannen sich ab 1910 für eine Art „Neo-Reglementarismus“ einzusetzen, der dem Standpunkt der Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten (gegründet 1902) nahe kam. Sie kämpften nicht mehr für die Abschaffung der Polizeiregulation im Namen der sexuellen Gleichheit, sondern für die Einführung von Gefängnisstrafen für jeden, der wissentlich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit infiziert war und trotzdem Geschlechtsverkehr hatte. Dies implizierte eine stärkere Polizeikontrolle der Prostitution. Mit diesen Forderungen entfernten sich die deutschen Abolitionistinnen immer mehr von Geschlechtsgenossinnen in den anderen europäischen Ländern.

Eine tragende Kraft der Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen stellte die Sozialdemokratie dar, in der ein Großteil der Arbeiterschaft organisiert war und die sich auch zunehmend für frauenrechtlerische Positionen öffnete. Die Sozialdemokraten definierte die Prostitution vereinfacht, wie auch im kommunistischen Manifest, als eine besondere Form gesellschaftlicher Ausbeutung bei der das Proletariat das Angebot stellte und die Nachfrage von der Bourgeoisie bestimmt wurde. Das Bordellwesen wurde oft zum Anlass genommen um im Reichstag die Ursachen der Prostitution und die damit verbundene Politik der Ausbeutung und die herrschende Doppelmoral zu thematisieren.

Die Gesetzgebung in der Weimarer Republik

Nach dem 1. Weltkrieg und den stattgefundenen politischen Umwälzungen erlangte die SPD großen Einfluss in  Landesparlamenten und Regierung. Zum ersten Mal wurden Frauen als offizielle politische Vertreter ins Parlament und in die Bürgerschaften gewählt. Damit gewannen diejenigen politischen Kreise an Einfluss, die jahrelang das Bordellsystem entschieden bekämpft hatten. Mit der Etablierung der Weimarer Republik forderte 1921 der Reichstag alle im Deutschen Reich noch bestehenden Bordelle zu schließen und die Kasernierung zu beenden. In Städten wie Hamburg, in denen Bordelle in großer Anzahl existierten, kam es mit der Schließung zu einer weitgehenden Verschlechterung des Straßenbildes, da die vormals bordellierten Frauen ihr Gewerbe nun von der Straße ausgehend betrieben.

Im Oktober 1927 trat das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Kraft, mit dem die gewerbsmäßige Prostitution straffrei wurde. Ausgenommen waren Orte in der Nähe von Schulen und Kirchen, sowie Wohnungen in denen Kinder zwischen 3-18 Jahren lebten. Mit diesem Gesetz hatte sich der Schwerpunkt der Bekämpfung der Prostitution von der sittenpolizeilichen auf eine gesundheitliche Kontrolle  mit sozial-fürsorgerischer Betreuung verlagert. Die Kuppeleiparagraphen §180 und §181 StGB blieben im Inhalt gleich, demnach war der Unterhalt eines Bordells oder bordellartigen Betriebes strafbar. Mit diesem Gesetz waren alle Männer, wie Frauen verpflichtet sich beim Vorliegen einer Geschlechtskrankheit behandeln zu lassen. Prostituierte mussten sich weiterhin einer regelmäßigen Gesundheitskontrolle unterziehen, die nicht mehr unter der Aufsicht der Sittenpolizei, sondern unter der Gesundheitsbehörde stand. Die Gesundheitsbehörde konnte nach der neuen Gesetzeslage von allen Personen, die verdächtigt wurden geschlechtskrank zu sein und diese weiterzuverbreiten, die Vorlage eines Gesundheitszeugnisses verlangen.

Während in den Akten der Sittenpolizei nur die Frauen auftauchten, die der gewerbsmäßigen Prostitution nachgingen oder dessen verdächtigt wurden, führte die Gesundheitsbehörde weitergehend Listen über sämtliche bekannten Personen mit „häufig wechselnden Geschlechtsverkehr (hwG)“. Diese Datenerhebungen standen bereits in der Weimarer Republik teilweise unter dem Einfluss der eugenischen und sozialdarwinistischen Diskussionen um Fragen der Kriminalität zu denen die Prostitution als Teilgebiet zugerechnet wurde. Während Mitte des 19. Jh. von Ave`-Lallement die kriminelle Unterwelt als ein Produkt rassischer  Einflüsse dargestellt wurde, werden später diese Einflüsse nicht nur bei Juden und Zigeunern, sondern unter dem Postulat der „Rassenhygiene“ verallgemeinernd bei „schädlichen Erbfaktoren“ gesucht. Die Sozialforscher und Kriminalanthropologen dieser Zeit machten sich daran, genau diese Faktoren bei Kriminellen, Prostituierten, bzw. bei der gesamten Unterschicht zu diagnostizieren und zu bestimmen. Das juristische Modell von Kriminalität machte immer stärker einem medizinischen und eugenischen Modell Platz.

(Das Thema Prostitution und Faschismus erscheint (wenn auch kurz) im Kapitel St. Pauli, welches sich ausführlich mit der Geschichte der Prostitution im Hamburger Raum beschäftigt.

. Bebel, August, 1919, „Die Frau und der Sozialismus“, Dietz , Stuttgart
. Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
. Flexner, Abraham, 1969, „Prostitution in Europe“,Repr. [d. Ausg.] 1914, Smith,  Montclair/New Jersey
. Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der .Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster
. Holter, Ute (Hg)   1994, „Bezahlt, geliebt , verstoßen- Prostitution und andere Sonderformen institutionalisierter Sexualität in verschiedenen Kulturen“, Holos Verlag , Bonn
. Konieczka, Vera, 1980, „Prostitution im 19. Jahrhundert“, R.G. Fischer,  Frankfurt/Main, Tübingen
. Ochain Brygida, 1998, „Varietetänzerinnen um 1900“, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/ Basel
. Pappritz, Anna (Hg.), 1919, „Einführung in das Studium der Prostitutionsfrage“, Barth , Leipzig
. Richebächer Sabine, 1982, „Uns fehlt nur eine Kleinigkeit. –  Deutsche proletarische Frauenbewegung 1890-1914“
Fischer-Taschenbuch-Verlag , Frankfurt/Main
. Schär Christian, 1991, „Der Schlager und seine Tänze in Deutschland der 20er Jahre“, Chronos Verlag, Zürich
. Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg
. Stursberg, Hermann, 1886 „Die Prostitution in Deutschland und ihre Bekämpfung“, Verl. d. Rheinisch-Westfälischen Gefängnis-Gesellschaft,  Düsseldorf
. Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg