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19
Jan
10

Prostitution heute – zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu

Statistisches Material zwischen Ökonomie und Gesundheitswesen

In vielen EG-Staaten zeigt sich die Tendenz, dass die Anzahl einheimischer Frauen an der Straßenprostitution rückläufig ist und diese inzwischen in öffentlich nicht mehr wahrnehmbaren Bereichen der Gesellschaft ihrer Tätigkeit nachgehen, während ein Großteil der Straßenprostitution inzwischen von Migrantinnen abgedeckt wird. In Griechenland z.b. sind in Athen offiziell 450, in Thessaloniki, 60 Prostituierte registriert. Die Anzahl der nicht-registrierten griechischen Prostituierten wird auf 4200, die der Migrantinnen auf 10500 geschätzt. Von den letztgenannten sollen 50% aus Osteuropa, inklusive Russland und 40% aus den Balkanstaaten kommen.  Durch die geopolitische Lage an der südöstlichen EU-Grenze hat sich Griechenland zu einem wichtigen Drehpunkt des internationalen Menschenhandels entwickelt. Allein im Jahr 2000 soll der geschätzte Profit aus dem Frauenhandel ca. 1,13 Mrd. Euro betragen haben. Inzwischen soll die Zwangsprostitution von Migrantinnen die häufigste Form der Sexarbeit in Griechenland darstellen.

Die gleiche Datenquelle gibt für Deutschland die Anzahl von 300 000 Prostituierten, davon 150 000 Migrantinnen an. In Italien wird die Gesamtzahl auf 50 000 Prostituierte geschätzt. Die Hälfte von ihnen soll über Wohnungen, Clubs, Bordellen, oder organisiert in Callgirlringen über Zeitungsannoncen ihrem Gewerbe nachgehen. Die andere Hälfte arbeitet auf der Straße. Von diesen geschätzten 25 000 Frauen sollen 90% Ausländerinnen sein, wobei die Nigerianerinnen mit nahezu 60% den größten Anteil stellen.  In Skandinavien, Italien  und Österreich zeichnet sich durch neue Gesetzesvorlagen, betreffend der Prostitution von Migrantinnen, eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der betroffenen Frauen ab, die darauf hinausläuft das sie zunehmend den Gewaltverhältnissen des kriminellen Milieus der Menschenhändler und Zuhälter ausgeliefert sind.   Die Victimisierung der Migrantinnen hat politische Auswirkungen für alle Prostituierten da sie eine Haltung gegenüber der Prostitution stärkt, wo nicht mehr differenziert wird zwischen den Bereichen Menschenhandel in die Zwangsprostitution, Arbeitsmigration in die Prostitution und Prostitution als legale sexuelle Dienstleistung. So wird eine politische Strategie bestärkt, die ganz bewusst die Position der Frauen, die sich freiwillig für den Beruf der Prostituierten entschieden haben, ausblendet und stattdessen eine Kriminalisierung und Stigmatisierung aller Prostituierten zum Ziel hat.

aktuellere Informationen und weitergehendes statistisches Material bietet die Webseite http://www.tampep.com/  („European Network for HIV/STD Prevention in Prostitution“)  aus deren Reports 2003-05 die oben genannten Informationen stammen

Das Thema Prostitution wurde überwiegend aus juristischer, kriminalistischer und soziologischer Sicht behandelt. Mit der Diskussion im Parlament und in der Öffentlichkeit um das neue deutsche Prostitutionsgesetz wurde, neben der Gesundheits- und Kriminalitätsproblematik, erstmals die ökonomische Bedeutung des Prostitutionsmarktes hinsichtlich eines potentiellen Steueraufkommens wahrgenommen. Prostitution wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht offiziell erfasst und es gibt kaum abgesicherte Daten und Statistiken, die eine wirtschaftliche Analyse möglich machen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit der Industrieländer(OECD)  rechnet die Prostitution zur sogenannten „Schattenwirtschaft“, die auch Aktivitäten wie Schmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche umfasst. Zur Erfassung der ökonomischen Aktivität ist man auf Schätzungen angewiesen. Wissenschaftliche, auf breiter Ebene angelegte Untersuchungen über Prostitution in der BRD gibt es erst seit dem Aufkommen von AIDS seit der Mitte der 80er Jahre.

Der intensiven Aids/HIV- Forschung, die primär dem Schutz der öffentlichen Gesundheit gilt, steht eine nicht vorhandene Forschung im Bereich der Arbeitsmedizin und der psychosomatischen Erkrankungen gegenüber. Obwohl die speziellen Arbeitssituationen (Nachtarbeit, Belastung der Unterleibsorgane, verschleppte Krankheiten wg. ökonomischen Druck oder mangelnder sozialer Absicherung, etc, etc.) und die psychosomatischen Auswirkungen des Doppellebens, die Prostitution als eine Berufsgruppe mit Mehrfachbelastung  ausweisen.

Ebenfalls in den 80er Jahren fand in den Sozialwissenschaften durch den Einfluss der Frauenbewegung, feministischer Forscherinnen und den in den Großstädten entstandenen Selbsthilfegruppen der Prostituierten, ein langsamer Paradigmenwechsel statt. Die Forschung beschäftigt sich seit dem zunehmend mit den Themen der Auswirkungen der gesellschaftlichen Doppelmoral, der Lebens- und Arbeitssituation der betroffenen Frauen und der Sexarbeit als Wirtschaftsfaktor. 1997 erschien die bereits anfangs der 90er von der Bundesregierung in Auftrag gegeben „Dokumentation zur rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten in der Bundesrepublik Deutschland“, die eine wesentliche Grundlage zur Meinungsbildung und schließlich zur Veränderung der Gesetzgebung im Parlament bildete.

Aufgrund der Schwierigkeiten in diesem Bereich statistisches Material zu erstellen, schwanken die Zahlen der potentiellen Schätzungen, je nach Untersuchung und der zu untersuchenden Fragestellung. Die Schätzungen wie viele weibliche Prostituierte es in Deutschland nach Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes 2002 gibt, schwanken zwischen 200 000 bis 400 000 Frauen. Von der letztgenannten Zahl ist auch der Bundesrechnungshof in einem Bericht für das Jahr 2003 ausgegangen. Das Berliner Familienministerium kam 1987 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass innerhalb eines Zeitraumes von 5 Jahren, rund 10% aller deutschen Männer mindestens einmal sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, während in einer Befragung der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, die 2000 Männer repräsentativ befragte, 25% der Männer angaben mindestens einmal eine Prostituierte besucht zu haben. Die Soziologen Kleiber und Velten kommen in ihrer Studie im Auftrag des Bonner Gesundheitsministeriums zu dem Ergebnis, dass rund 18% der geschlechtsaktiven Männer in Deutschland Prostituierte besuchen und eine Untersuchung der Freien Universität stellte fest, dass die „Durchschnitts-Prostituierte“ pro Woche 32 Freier bedient. Wenn bei einer angenommen Zahl von 200 000 Prostituierten mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 36 000 Euro und dem daraus sich ergebenden geschätzten Jahresumsatz von 14,5 Milliarden, die angenommenen Umsätze einkommenssteuerlich erfasst und mit durchschnittlich 20% besteuert würden, hätte der Staat Steuereinnahmen von mehr als 2,9 Mrd. Euro.

Die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten in Deutschland

Die alte Gesetzgebung bis 2002

Nach dem bis 2002 gültigen Gesetz war die Prostitution zwar nicht strafbar, aber sittenwidrig und die Prostituierte damit praktisch rechtlos. Ein Vertrag über die „geschlechtliche Hingabe gegen Entgelt“ war deshalb nach §138 Abs.1 BGB nichtig und schuf keine Verbindlichkeiten. Arbeitsverträge zwischen Bordellbesitzern und Prostituierten hatten ebenfalls keine rechtswirksame Gültigkeit. Es war nicht einmal möglich nach den Grundsätzen des sogenannten „faktischen Arbeitsverhältnisses“ für geleistete Dienste, Lohn – und Urlaubsansprüche geltend zu machen. Wenn Prostituierte durch Fremdverschulden verunglückten und dadurch einen Verdienstausfall erlitten, konnten sie keine ädaquaten Schadensersatzansprüche geltend machen, da es sich um eine sittenwidrige Tätigkeit handelte. Freier, die Prostituierten den vereinbarten Geldbetrag verweigerten, machten sich nach der Auffassung des Bundesgerichtshofes nicht wegen Betrugs (§263 StGB) strafbar, da der versprochene Lohn nicht zum strafrechtlich geschützten „Vermögen“ gehörte. Im Sozialrecht folgerte man aus der Sittenwidrigkeit, dass Prostituierte nicht sozialversicherungspflichtig sein können. Private Krankenversicherungen pflegten die Aufnahme von Prostituierten entweder abzulehnen oder erhebliche Risikozuschläge zu verlangen. Nichtsdestotrotz waren Prostituierte unter dieser Gesetzgebung einkommens- und umsatzsteuerpflichtig und ein Bordellbesitzer machte sich strafbar wenn er für die bei ihm beschäftigten Frauen keine Lohnsteuer abführte. Nach dem §38 BseuchG kann einem Infizierten die Ausübung bestimmter beruflicher Tätigkeiten untersagt werden. Im Regelfall erhalten die Betroffenen für den Verdienstausfall nach §49 Abs.1BseuchG eine Entschädigung, was bei Prostituierten nicht der Fall war.

Sogenannte „jugendgefährdende“ Prostitution in Häusern in denen Personen unter 18 Jahren wohnen und in der Nähe von Schulen und Kindergärten konnte nach §184b StGB mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafen bis zu 360 Tagessätzen geahndet werden. Die Behörden konnten „zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes“ Sperrgebiete festlegen, in denen die Ausübung der Prostitution verboten war. Zuwiderhandlungen konnten nach §120 Abs.1 Nr1 OwiG als Ordnungswidrigkeit mit Geldbuße ausgelegt werden oder bei „beharrlicher“ Zuwiderhandlung, nach §184a StGB als Straftat, die mit Freiheitsentzug bis zu 6 Monaten oder mit einer Geldbuße bis zu 180 Tagessätzen bestraft werden konnte. Die Sperrbezirksverordnung ließ den Frauen in den meisten Fällen nur die Möglichkeit in Gebieten der Stadt zu arbeiten, wo die notwendigen Räumlichkeiten, die Häuser, sich in den Händen von Immobilienbesitzern befanden die schon traditionell am Geschäft mit der kontrollierten Prostitution verdienten. Nach dieser Rechtssprechung war nur der Betrieb von herkömmlichen Bordellen und Eros-Centern in den „Rotlichtbezirken“ erlaubt wo die Frauen ihren Arbeitstag schon mit Blockschulden beginnen mussten. Unter Strafandrohung standen hingegen die Bars und Clubs die einen gehobenen Rahmen und günstige Arbeitsbedingungen für die Prostituierten boten, da dies nach §180a Abs.1 Nr2 StGB als Förderung der Prostitution ausgelegt wurde. Als eine erste Neuerung wurde 2001 das Infektionsschutzgesetz(IfSG) eingeführt, mit dem die Freiwilligkeit der Gesundheitsuntersuchung festgestellt wurde. Dieses Gesetz war die Konsequenz aus den Erkenntnissen der Aids-Prävention, dass die Hauptgefahr der Übertragung sexueller Erkrankungen nicht von den etablierten Prostituierten, sondern von Drogenabhängigen, gelegentlich in der Prostitution arbeitenden Frauen ausgeht und solchen mit illegalen Aufenthaltsstatus, die sich den staatlichen Kontrollversuchen weitgehend entziehen und am ehesten durch freiwillige Angebote zu erreichen sind.

ProstG – Das „neue“ Prostitutionsgesetz

Das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (ProstG) wurde dann zum 1. Januar 2002 rechtswirksam. Seitdem gilt Prostitution nicht mehr als sittenwidrige Tätigkeit, sondern als sexuelle Dienstleistung. „Sexuelle Handlungen, die gegen ein vorher vereinbartes Entgeld vorgenommen werden“, so der Gesetzestext, „begründen eine rechtswirksame Forderung“. Neben der Arbeit als Selbstständige besteht nun die Möglichkeit als Angestellte mit regulärem Arbeitsvertrag zu arbeiten – mit rechtlich abgesicherten Zugang zu Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung, Leistungen bei Arbeitslosigkeit, Mutterschutz und arbeitsamtfinanzierten Umschulungen. Weiterhin wurde der Paragraph 180a des Strafgesetzbuches geändert. Vorher stellte er die „Förderung der Prostitution“ unter Strafe, jetzt wird die „Ausbeutung von Prostituierten“ bestraft, außerdem wurde ein Teil des Paragraphen 181a, betreffend der Zuhälterei gestrichen. Damit können Arbeitgeber lediglich Ort und zeitliche Dauer der Arbeit bestimmen, dürfen aber nicht die Bedienung eines bestimmten Kunden oder die Erfüllung bestimmter Praktiken verlangen. Die Einschränkung der persönlichen und wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit gilt als Straftat. Die Schaffung von guten Arbeitsbedingungen in Bordellen und Clubs kann seitens der Behörden nicht mehr als „Förderung der Prostitution“ ausgelegt werden.

Auch wenn dieses Gesetz einen wichtigen Schritt in Richtung der Anerkennung von Sexarbeit als reguläre Dienstleistung darstellt, fehlt eine ordnungspolitische Gesamtregelung, die einer wirklichen Liberalisierung und Legalisierung des Prostitutionsmarktes den Weg bereiten könnte. So sind andere Gesetze, die die Ausübung der Prostitution betreffen, nicht der Intention des neuen Gesetzes angepasst worden. Dies betrifft die Sperrgebietsverordnungen, die Prostituierten oft Arbeitsplatzverhältnisse vorschreiben, die milieubedingte Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse fördern. Das Gewerbe- und Gaststättenrecht, in welchem die „Unsittlichkeit der Prostitution“ weiterhin festgeschrieben ist, das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, das ein Werbeverbot für sexuelle Dienstleistungen festlegt, was eine weitergehende Kundeninformation und Markttransparenz verhindert und zu einer Praxis überteuerter Anzeigen von „Modellen und Hostessen“ in den Tageszeitungen geführt hat, sowie das Ausländergesetz, das in anbetracht der Gewaltverhältnisse in denen sich viele Migrantinnen  innerhalb des Gewerbes befinden, dringend überarbeitet werden müsste.

Dieser Umstand – vor allem die Diskrepanz zwischen reformierten Vertragsrecht und belassenen Gewerberecht – schafft Rechtsunsicherheit und lässt den einzelnen Ländern einen weiten Spielraum bei der Auslegung des ProstG, so dass Unternehmer, die Betriebe anmelden und Arbeitsverträge abschließen oft scheitern. In den Bundesländern Bayern, Baden Württemberg, Thüringen, Bremen und Sachsen wird die Prostitution mit dem Verweis auf die bestehende gewerberechtliche Sittenwidrigkeit weiterhin als Gewerbe nicht anerkannt und in Bayern wurde mit dem „Beweis“ eines abgeschlossenen Arbeitsvertrages Anklage wegen Zuhälterei erhoben. Prostituierte, die sich steuerlich neu anmelden, müssen in einigen Bundesländern mit der rückwirkenden Überprüfung ihrer Angaben und einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rechnen, da es bei dem neuen Gesetz vergessen wurde Stichtagsregelungen bei der Sozialversicherung und den Finanzbehörden festzulegen.

Die Besteuerung der Prostituierten wird von den Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt. In Stuttgart beispielsweise wird von jeder Prostituierten in den Bordellen täglich ein Mindestbetrag von 15-25€ als „freiwillige Steuervorauszahlung“ erhoben, während in Hamburg, ein Jahr nach dem ProstG, nur einige Großbordelle besteuert wurden. Vor dem ProstG mussten die Einnahmen als „sonstige Einkünfte“ versteuert werden und selbstständig Gewerbetreibende sind weiterhin einkommens- und umsatzsteuerpflichtig. Viele Prostituierte zahlten allerdings bislang keine Steuern und werden dies aufgrund der unklaren Rechtslage wohl auch weiterhin nicht tun. So sind in den ersten Jahren nach Inkrafttreten der Gesetzesvorlage, außer auf Niedriglohnebene, kaum Arbeitsverträge im nennenswerten Umfang abgeschlossen worden. Oftmals zeigt sich in dem behördlichen Umgang mit dem Sexgewerbe, die Tendenz die Prostitution im traditionellen Wechselspiel zwischen milieubedingter und polizeilicher Kontrolle zu belassen, während unternehmerische Initiativen, die der liberalen Tendenz des Gesetzes zur Folge, Prostitution als normale Dienstleistung verstehen, erschwert und behindert werden.

Eine Studie die die Akzeptanz des neuen ProstG seitens der Prostituierten zum Thema hatte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Ein Großteil der befragten Frauen nahm die Besserstellung ihrer rechtlichen Situation durch die neue Gesetzesregelung überhaupt nicht in Anspruch, weil sie aus ihrem Selbstbild heraus Prostitution für keinen anständigen Beruf halten und lieber anonym bleiben wollen und nicht bereit sind Steuern, Sozial- und Rentenversicherungsbeiträge zu leisten.

Die an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg lehrende Expertin Emilija Mitrovi´c führte mit Studentinnen eine qualitative Studie durch. In sieben Großstädten befragte sie in 51 ausführlichen Interviews vor allem Prostituierte, außerdem Bordellbetreiberinnen

Der im Januar 2007 veröffentlichte Bericht der Bundesregierung über die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes von 2002 kam zu einer ähnlichen Einschätzung.  Nur ca. ein Prozent aller Prostituierten arbeitet mit einen Arbeitsvertrag und da das Bundesfinanzministerium keine Stichtagsregelung für Prostituierte eingeführt hat, bleiben die meisten Prostituierten lieber anonym und melden ihr Gewerbe nicht an. Außerdem haben viele Bundesländer die Regelungen nur zum Teil oder gar nicht umgesetzt, allen voran Bayern, wo man Prostitution weiterhin als sittenwidrig betrachtet und keine Gewerbescheine für Bordelle ausstellt. Über die Hälfte der Frauen, die in der Prostitution arbeiten, erreicht dieses Gesetz überhaupt nicht, da es versäumt wurde die Migrantinnen einzubeziehen und dementsprechende Änderung am Ausländergesetz vorzunehmen. Die damit einhergehende Zwangsprostitution versucht das Bundesjustizministerium mit einer neuen, fragwürdigen Gesetzesinitiative, welche die Freier dieser Frauen bestraft, einzudämmen

Es entsteht der Eindruck, das von den gutgemeinten Intentionen des rotgrünen Prostituiertengesetzes nur die verbesserten Möglichkeiten des Besteuerns der Einnahmen der Prostituierten Bestand hätten. So wurden in Berlin (2007) in den vergangenen 5 Jahren 21 Kleinbordelle geschlossen und gegen 20 weitere gingen die Bauämter der Stadt mit Schließungsverfügungen gegen sie vor. Die Begründung:  Wohnen und Prostitution passen nicht zusammen. Dies entspricht der momentan aktuellen Rechtssprechung. Ein Großteil der diesbezüglichen Gerichtsurteile verneinen die Möglichkeit der Ausübung von Prostitution in Misch- bzw. allgemeinen Wohngebieten. Auch der Abschlussbericht des Bundesfamilienministerium zur Evaluation des Prostitutionsgesetzes sieht für die Prostitution nach wie vor allein das Gewerbegebiet vor. Hier zeigt sich die anscheinend politisch gewollte Tendenz der Verdrängung von Kleinbordellen – die z.T. aus der unternehmerischen Initiative von Frauen entstanden sind, die ihr Berufsumfeld selbst organisiert haben – zugunsten von Laufhäusern und Großbordellen. Im unübersichtlichen Bereich des Straßenstrichs und der Modelprostitution haben Steuerfahnder Schwierigkeiten ihren Zehnten einzufordern. In Großbordellen werden hingegen komplikationslos die Mieteinnahmen des Betreibers besteuert und in einigen Fällen eine Pauschale für die dort arbeitenden Frauen festgelegt

Die Gruppe der Prostituierten ist nicht homogen und in Bezug auf das neue Prostitutionsgesetz ist es sinnvoll in  3 Gruppen differenzieren. Einerseits Prostituierte aus EU-Ländern und Deutschland mit legalem Status, die in der Lage sind die Vorteile der neuen Gesetzgebung zu nutzen. Dann die Migrantinnen mit illegalen Status und drittens das Feld der Beschaffungsprostitution – Frauen die anschaffen gehen um ihre Drogensucht zu finanzieren. Die Prostituiertenorganisation „Hydra“ hat zur Verbesserung der Situation bereits mehrfach die Initiative eines „Gütesiegels“, als Resultat einer staatlich anerkannten Anbieter- und Verbraucherorganisation für den gesamten Bereich sexueller Dienstleistungen, angeregt. Die Gewerkschaft ver.di versucht, mit einem Arbeitskreis Prostitution (Fachbereich 13, besondere Dienstleistungen), die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Dabei konzentriert sich die Gewerkschaft auf die arbeitsrechtliche Absicherung von Prostituierten, unter anderem mit einem Muster-Arbeitsvertrag. Der 2002 gegründete „Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V.“ mit Sitz in Berlin, versucht fachliche Angelegenheiten für Betreiber von bordellartigen Betrieben und selbständigen Prostituierten wahrzunehmen. Laut der Satzung des BSD setzt sich der Verband „für eine wirtschaftliche Verbesserung der jeweiligen Aktivitäten, für die Beseitigung jeglicher gesetzlicher Behinderungen dieses Gewerbes, für die Förderung des Ansehens von Prostitution und der Betriebe mit sexuellen Dienstleistungen in der Gesellschaft und die Vermittlung eines realistischen Bildes von Prostitution“ ein. Der Verein hatte 2004 fünfzig Mitglieder. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen hat seinen Sitz in Berlin und hat in dieser Stadt auch seinen Tätigkeitsschwerpunkt. Auf der Webseite des Vereins werden Broschüren zur rechtlichen Situation der Prostituierten und planungsrechtlichen Gutachten zu Bordellen in Wohngebieten kostenlos als PDF zum Download angeboten. Webseite: http://www.BuSD.de

Der in den letzten Jahren gegründete Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland e.V. bietet über seine Webseite für seine Mitglieder Rechtsberatung und Unterstützung beim Umgang mit Behörden an. Dieses Angebot ist allerdings nicht umsonst. Der Verein verlangt für seinen Service eine einmalige Anmeldungsgebühr von 50€ und einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 30€ – 100€ ( nach Betriebsgröße). Weitergehend wird eine Informationsbroschüre für Behörden und Politiker angeboten.

http://www.hydra-ev.org/master/start.html

Aufklärung und Kritik  2/2003,  Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie
Dr. Richard Reichel und Karin Topper  „Prostitution: der verkannte Wirtschaftsfaktor“
http://www.gkpn.de/reichel_topper.pdf

Projekt „Arbeitsplatz Prostitution“ des ver.di Bundesvorstandes /Emilija Mitrovi´c,  Besenbinderhof 60   20097 Hamburg

„Stricher-Leben“, Bader Birgit(Hg), 1991

Menschenhandel und Prostitution

Mit den Schlagwörtern „Menschenhandel“ und „Trafficking“ ist oft  der Handel mit der „Ware Frau“ zwecks sexueller Ausbeutung gemeint. Weiter gefasst versteht man unter Menschenhandel, Handlungen mit denen Menschen unter Verletzung ihrer Selbstbestimmung in ein Ausbeutungsverhältnis vermittelt werden. Dies betrifft jegliche Form der sexuellen Ausbeutung und oft auch den Heiratshandel, die Ausbeutung der Arbeitskraft, aber auch die Entnahme menschlicher Organe. Die Geschichte dieses modernen Menschenhandels lässt sich ab ca. 1880 nachvollziehen, nach dem der Handel mit Frauen als Deliktform in den polizeilichen Akten auftauchte. Zu dieser Zeit sollen Frauen aus West- und Osteuropa in Gebiete wie Südamerika, bestimmte Gebiete Afrikas und den vorderen Orient „exportiert“ worden sein, aber auch der Handel mit osteuropäischen und russischen Frauen nach Westeuropa ist belegt. Inzwischen sind die Gebiete Westeuropas keine Rekrutierungs-Territorien mehr, sondern Import- und Transitländer. Die Frauen stammen aus Ländern der „dritten Welt“ und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunehmend aus Osteuropa und Russland.

Die globale Vereinigung gegen den Frauenhandel „Global Alliance Against Trafficking in Women“ hat eine breitere Definition von Frauenhandel erarbeitet. Der Fokus dieser Definition liegt nicht auf der Betonung von Zwangsprostitution, sondern auf der Ausbeutung von Arbeitskraft, also um Arbeitssituationen, in denen Frauen ihrer Freiheit und fundamentaler Menschenrechte beraubt werden wie sexuelle Ausbeutung, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse und Freiheitsberaubung. Weltweit betroffen sind vor allem Thailand, die Philippinen, mittel- und osteuropäische Länder, davon hauptsächlich Polen, Russland und die Ukraine, lateinamerikanische Länder wie z.B. Brasilien und Kolumbien und afrikanische Länder wie Ghana und Kenia. Die Anwerbemethoden laufen über internationale, organisierte Schlepperbanden, Zuhälter, sogenannte Heiratsvermittlungsbüros, Arbeitsvermittlungsinstitute und private Vermittlung durch Bekannte und Verwandte, die bereits im Ausland leben.

Nach  Schätzungen der Vereinten Nationen sollen weltweit jährlich rund sieben Milliarden US-Dollar mit dem Handel von rund vier Millionen Menschen umgesetzt werden. Zahlen des Bundeskriminalamtes zufolge, waren von Menschenhandel und Zwangsprostitution bis 1980 vor allem südamerikanische Frauen betroffen, Anfang der achtziger Jahre Filipinas, ab Mitte der achtziger Jahre zunehmend afrikanische Frauen, bis 1989 Brasilianerinnen und junge Frauen aus Thailand. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union mit einer völlig neuen Dimension des Frauenhandels konfrontiert. Die Opfer in den westlichen Industrieländern sind zu 80 bis 90 % Frauen aus Mittel- und Osteuropa: aus Polen, aus Tschechien, aus Rumänien, aus dem Baltikum, aus Albanien, der Ukraine und Russland. Nach einem Jahresbericht von Tampep und Amnesty for women sollen bereits 1999 56% der Frauen aus Osteuropa gekommen sein, jeweils weitere 16% aus Lateinamerika und Afrika und  12% aus Südostasien.

Laut eines Lageberichtes des BKA zum Thema Menschenhandel (1999-2002) gelangen jährlich etwa 30.000 Frauen – etwa 60 Prozent von ihnen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren – durch Frauenhandel nach Deutschland, werden also illegal über die Grenzen gebracht. Laut dem Bericht sind ungefähr 25% der angeworbenen Frauen sind mit einer Beschäftigung als Prostituierte einverstanden. Ein ähnlich hohe Zahl von ca. 25 Prozent waren bereits in ihrem Herkunftsland als Prostituierte tätig. Sie werden aber oft über die Arbeits- und Lebensbedingungen im Unklaren gelassen und bei ca. 50 Prozent der Frauen soll zur Aufnahme oder Fortführung der Prostitution Gewalt angewandt worden sein. Alleine im Deliktsbereich „Zuhälterei und Schleusung“ sind, laut Angaben des Europarates, in den letzten zehn Jahren, die Profite um bis zu 400 Prozent gestiegen.(Spiegel, 2003, Nr. 26, S. 45)

Auch die Organisationen „Amnesty for Women“ und die „Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel (KOOFRA)“ bestätigen, dass viele der Frauen sich bewusst sind, dass sie in der Prostitution arbeiten sollen. Allerdings wissen sie nicht unter welchen Bedingungen sie zu arbeiten haben. Wenn man das Thema nicht moralisch bewertet und zwischen freiwilliger Prostitution und dem Zwang zur Prostitution unterscheidet,  ist es ein großer Unterschied, ob man drei Monate ins Ausland geht und Geld an den Zuhälter, Schleuser oder den Organisator abgibt und dann mit erwirtschafteten Kapital wieder zurückfährt, oder ob man weggesperrt, „eingeritten“ und mit einer konstruierten Schuldenlast zur ständigen Arbeit gezwungen wird, ohne etwas dabei zu verdienen. Zwangsprostitution verstößt gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und stellt eine Menschenrechtsverletzung dar.

Bis 2004 wurde im deutschen Strafrecht unter dem Tatbestand Menschenhandel in den §180b und §181 nur der Zwang zur Prostitution oder zu sexuellen Handlungen erfasst. Aufgrund der weiterführenden Definition des EU-Rahmenbeschlusses zur Bekämpfung des Menschenhandels von 2002, die neben der Zwangsprostitution auch Sklaverei, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und Organhandel erfasst, wurde 2005 in Deutschland mit den neuen §232 und §233 StGB eine Strafrechtsänderung vorgenommen, die sich dieser erweiterten Definition anschließt. Eine weitere mögliche Verbesserung der Situation vieler osteuropäischer Sexarbeiterinnen in Deutschland zeichnet sich seit der EU-Osterweiterung ab. Seit Mitte 2004 können sie sich – auch in der Prostitution – als selbstständige Erwerbstätige registrieren lassen.

19
Jan
10

Arbeitsbedingungen von Prostituierten

Einleitung

Durch die neuen Technologien hat sich die traditionelle Arbeitsweise – von Bordellen, Clubs und der Straße ausgehend – geändert. Viele Frauen nutzen das Handy als wichtiges Arbeitsgerät ihrer Branche und betreiben ihr Geschäft über Kleinanzeigen, bei ständiger Erreichbarkeit, weitaus flexibler und diskreter als dies früher möglich war. Nicht nur das Pornobusiness nutzt die Möglichkeiten des WorldWideWeb, sondern auch verstärkt das Prostitutionsgewerbe. Viele Prostituierte veröffentlichen im Internet Portefolios mit Photos, Verfügbarkeit, Preisen und angebotenen speziellen Dienstleistungen, so dass der Kunde sich vorab informieren kann. Es gibt Webseiten, die neben den Modell-Portefolios auch potentiellen und tatsächlichen Kunden die Möglichkeit geben sich über Boards auszutauschen und die Dienstleistungen der verschiedenen Frauen zu bewerten. Das Internet hat die Entstehung einer Klasse von gebildeten Sexarbeiterinnen begünstigt, die überwiegend aus der Mittelschicht kommen aus der sich auch ihr zahlungskräftiges Klientel rekrutiert. Das Internet schafft Möglichkeiten sich unabhängig von der Sexindustrie, bzw. dem dementsprechenden Milieu über Sexarbeit zu informieren und auszutauschen und bietet Frauen die Möglichkeit ohne eine Agentur oder ein Bordell zu kontaktieren, in diesem Bereich selbstständig zu arbeiten oder sich einen Nebenverdienst zu sichern.

Es gibt eine Vielzahl von Webseiten, die es Sexarbeiterinnen ermöglichen Werbung für ihre potentiellen Kunden zu schalten. In den USA sind die populärsten Seiten „Craigslist“ und „Eros Guide“, die beide bereits seit über einer Dekade online sind. Beides sind überregionale Meta-Seiten, die nach Städten, bzw. Regionen organisiert sind. Craigslist bietet ein kostenloses, öffentliches Board, welches vor allem bei Frauen beliebt ist, die Prostitution nur als einen Nebenverdienst sehen und über die Möglichkeit des kostenlosen Postings, eine überschaubare Werbung für sich betreiben. „Eros Guide“ hingegen bietet professionelle Werbemöglichkeiten in mehr als 30 us-amerikanischen Städten, sowie einigen kanadischen und englischen Metropolen. Die Kosten für die geschaltete Werbung, deren Standard 200 Wörter, 3 Photos, sowie Telefonnummer und Weblink beinhaltet, bewegt sich je nach Region zwischen 60$ – 175$. Neben diesen Advertising-Seiten gibt es spezielle Message-Boards wie „UtopiaGuide“, „Big Doggie“ und “The Erotic Review” die ihre Popularität Erfahrungsberichten von Freiern verdanken. Die Männer veröffentlichen dort ihre Erfahrungen mit Prostituierten und bieten so potentiellen Kunden die Möglichkeit sich vorab über die Frauen zu informieren.

Abgesehen davon bietet das Internet über Suchmaschinen die Möglichkeit sich über potentielle Kunden zu informieren und so, zumindestens teilweise, die Richtigkeit ihrer Angaben zu überprüfen. Weitergehend unterhalten verschiedene Netzwerke von Prostituierten, vor allem Callgirls, sogenannte „Bad Date“-Listen, wo sich die Frauen gegenseitig informieren für denn Fall das Kunden wegen ihrer schlechten Zahlungsmoral oder wegen Gewalttätigkeiten aufgefallen sind. Neben diesen internen Listen gibt es auch öffentliche, wie z.b. den Washingtoner Blacklist-Blog „Don´t fuck with us“ Auf der Grundlage eines Common sense, das Kunden, die einer Sexarbeiterin psychische oder physische Gewalt angetan haben, ihr Recht auf Anonymität und Diskretion verwirkt haben. Diese Blogs dienen einerseits der Information und schaffen in der Praxis einen vorbeugenden Schutz, da die betroffenen Männer sich in ihrem asozialen Verhalten eher zurücknehmen als in dem Zusammenhang entsprechender Vorwürfe öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Weitergehend gibt es professionelle Dienste wie „Room Service 2000“(RS2K) und „Date Check“, welche überwiegend von Escorts und selbstständig arbeitenden Dominas in Anspruch genommen werden. Sexarbeiterinnen wie Kunden müssen, um das System nutzen zu können, ein Kontaktformular ausfüllen, welches Informationen zur Privat- und Arbeitsadresse, Kreditkarteninformationen und dem vollen Namen beinhaltet. Diese dann verifizierten Daten schaffen die Grundlage für einen sicheren Umgang zwischen Sexarbeiterinnen und Kunden.

„Sex on the open Market: Sexworkers harness – The power of the Internet“, Audicia Ray; C`Lick me-Reader 2007

Im deutschsprachigen Internet existieren seit einigen Jahren ebensolche, gutbesuchte Freier-Foren wie „Bordellcommunity“ oder „Rheinforum“ von Freiern für Freier zum Informations- und Meinungsaustausch gegründet. Neben Preisvergleichen, Tipps und Erfahrungsberichten werden dort Themen wie Safer-Sex und Frauenhandel diskutiert. Aus einer Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die die Webmaster dieser Foren kontaktiert hatte, ist das Pilotprojekt „www.sexsicher.de“ hervorgegangen, das speziell auf die Bedürfnisse von Freiern ausgerichtete Fragen zum Thema sexuelle Gesundheit beantwortet.

Das beste deutschsprachige Forum für Sexarbeiter ist die werbefreie österreichische Webseite http://sexworker.at. Das Portal bietet umfangreiche Informationen und Foren für  Gewerbetreibende wie für interessierte Aussenstehende. Bestimmte Bereiche stehen ausschließlich Sexarbeiter/innen zur Verfügung, die ihren Status vorher von den Admins überprüfen lassen müssen.

Über die vielseitigen Arbeitsbedingungen von Prostituierten lassen sich schwer allgemeingültigen Aussagen treffen. So kann, je nach individuellen sozialen Kontext und der Geschichte der jeweiligen Frau der gleiche Arbeitsort trotzdem in einem unterschiedlichen Bedeutungszusammenhang stehen. Abgesehen davon sind lokale Begebenheiten und das betreffende Milieu ein entscheidender Faktor. Ein Bordell ist nicht gleich ein Bordell, ein Appartement nicht gleich ein Appartement und Straßenstrich ist nicht gleich Straßenstrich.

Zuhälter

„Die Nachfrage nach einem Zuhälter liegt auch in der Unvereinbarkeit einer Liebesbeziehung mit der Arbeit in der Prostitution begründet: kaum ein Mann verkraftet es über längere Zeit seine Geliebte in der Prostitution zu wissen. Auch Zuhälter bevorzugen eine Liebesbeziehung, die nichts mit dem Milieu zu tun hat.“

Zitat aus:„Wer macht was? Jobs im Sexgewerbe“, Uta Falck, Ausstellungskatalog Sexarbeit S. 49

Auch ein Zuhälter ist nicht gleich einem Zuhälter. Unter der Gesetzesregelung verschiedener europäischer Länder fallen der Lebenspartner oder reguläre Ehemann und sogar Verwandte unter diese Begriffsdefinition, auch wenn sie mit dem Prostitutionsgewerbe nicht im Kontakt stehen, sofern ihr Lebensunterhalt durch das Einkommen der Frau finanziert wird. Der Kriminalist Jürgen Kahmann liefert eine konservative, polizeiliche Sichtweise. Er definiert den Zuhälter als eine Person, die ganz oder teilweise von den Einnahmen einer Prostituierten lebt, wobei es sich auch um weibliche Zuhälter handeln kann. Als Gegenleistung für die Beteiligung am finanziellen Ertrag der Prostituierten wird die Frau durch ihren Zuhälter gegebenenfalls vor Übergriffen der Freier geschützt und – falls nötig bei der Geldeintreibung tatkräftig unterstützt. Zwischen Zuhälter und der sich prostituierenden Frau besteht in der Regel eine intime Beziehung, in welcher er die Rolle des „Geliebten“ einnimmt. Für den Fall das der Mann für mehrere Frauen die Rolle des Zuhälters einnimmt, kann dies ein promiskutives Sexualverhalten voraussetzen.

“ Natürlich gibt es Frauen, die von Zuhältern unter Anwendung körperlicher Gewalt und psychischen Zwang, zur Prostitution gezwungen werden. Das betrifft aber nur einen sehr geringen Teil der Frauen. Die meisten Sexarbeiterinnen haben ihren Beruf aus freien Stücken gewählt, da in der Sexindustrie und gerade in der Prostitution, sehr viel mehr Geld als Frau zu verdienen ist, als in den meisten anderen Berufen. Gerade angesichts der Existenz von Sperrgebieten für die Ausübung der Prostitution mischen aber viele Männer in der Sexindustrie mit, die keine kriminellen Zuhälter sind, sondern Organisatoren und Manager der Prostitution. Natürlich sind diese Männer ohne Zweifel Mehrwertbeschneider und leben vom Geld der Sexarbeiterinnen.“

Zitat aus: „Women at Work – Sexarbeit, Binnenmarkt und Emanzipation“, 1992, Schüren Presseverlag, Seite 139. Eine Dokumentation zum 1. europäischen Prostituiertenkongress 1991 in Frankfurt am Main

Bestenfalls ist der Zuhälter der tatsächliche Lebenspartner der Frau oder fungiert als regulärer Geschäftspartner was z.b. die Regelung der Verhältnisse im Milieu und Finanzdienstleistungen betrifft. Innerhalb des Milieus ist das Verhältnis allerdings häufig von Ausbeutungsverhältnissen geprägt, die noch aus der Tradition des kontrollierten Bordellwesens stammen. Dies betrifft z.b. die Forderung einer „Ablösesumme“, wenn die Frau sich von dem Zuhälter trennen will, entweder um ihren Arbeitsplatz innerhalb des Gewerbes zu wechseln oder um auszusteigen. Dieser Geldbetrag kann zwischen 5000-20.000 Euro liegen und wird der Frau, falls ein anderer Zuhälter diese Summe zahlt, als Schuldenlast in Rechnung gestellt.

„Wenn eine Frau arbeiten will, und sich so gar nicht auskennt, ist das Beste, was ihr passieren kann, ein guter Zuhälter.  Einer, der auf den ersten Blick sieht, wofür die Frau der Neunziger eine teure Typ-Beratung braucht: Welches Make-up, welche Frisur, welches Outfit. Wenn Bodybuilding angesagt ist, welche Übungen für welche Region des Körpers und in welchem Studio. Welcher Bereich in der Prostitution liegt ihr am ehesten, wo kann sie arbeiten, welche Hure lernt sie an, welches Bordell bietet welchen Service und, und, und… Ein Mann eben, der das gesamte „who`s who“ der Szene kennt und dort bekannt und akzeptiert ist. Der sich darum kümmert, dass die Frau gefeatured wird, dass sie krankenversichert ist. Der sie aufbaut, mit ihr trainiert, der die Entwicklung ihrer Karriere und ihres Geldes steuert, ihr Tipps gibt. Dafür braucht frau doch keinen Zuhälter? Eben doch! Wer sonst ist in der Lage, die beschriebenen Dinge zu leisten? Ein Manager? Genau darüber reden wir hier. Über Manager in einem hochpotenten Zweig unserer Wirtschaft, der mit Milliardenumsätzen jährlich zu Buche schlägt.   So erklären sich bei genaueren Hinsehen auch Zusammenhänge, die auf den ersten Blick unverständlich erscheinen,. Zum Beispiel nämlich, warum ein Zuhälter mehrere Frauen „hat“, die ihn bezahlen, woher genau das Geld kommt, warum Abstand gezahlt wird, und vieles mehr.“

Zitat, Seite 178, .„Prostitution : Ein Handbuch“,  Christine Drössler, Jasmin Kratz (Red.), 1994  Hg.: HWG e.V, Schüren Presseverlag, Marburg

Innerhalb des Milieus existieren Organisationszusammenhänge und Hierarchien zwischen den Zuhältern, die zu einer Arbeitsteilung führen können. So kann es Einzelpersonen geben, die für die Finanzen zuständig sind, andere, die Kontakte zu anderen Milieugruppierungen unterhalten oder sich mit der Instandhaltung der Etablissements und der Anmietung oder dem Ankauf neuer Wohnungen oder Häuser beschäftigen und welche, die sich hauptsächlich um die Frauen kümmern. So gibt es bestimmte Einzelpersonen – in Hamburger Milieu „Poussierer“ genannt – die für die Neurekrutierung von Frauen zuständig sind und z.b. in Diskotheken und Musikclubs Frauen ansprechen, eine intime Beziehung zu ihnen eingehen und sie dann auf die eine oder andere Art und Weise dazu bringen im Prostitutionsgewerbe „anzuschaffen“. Charakteristisch für den Typus des Zuhälters „des alten Schlags“ innerhalb des Milieus sind Personen, die über Durchsetzungsvermögen, insbesondere körperlicher Art verfügen und dementsprechend matriarchalisch auftreten. Bis in die 80er Jahre war es allgemein üblich und ist es teilweise immer noch, durch Zuschaustellen von Statussymbolen wie teure Uhren, Kleidung und Autos seine Position innerhalb des Milieus hervorzuheben. Schlimmstenfalls besteht zwischen dem Zuhälter und der Prostituierten ein Verhältnis, in welchem die Frau nur als „Ware“ gesehen wird und die Zuhälter Zwang auf die für sie tätigen Prostituierten ausüben, entweder damit sie sich überhaupt prostituieren oder damit sie den gewünschten Anteil an den Einnahmen abliefern. Ein besonderes Verhältnis besteht im Fall des Menschenhandels, wo oft unter Einsatz von Gewalt oder psychischen Manipulationen ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen wird und der Verdienst zum Großteil vom Zuhälter einbehalten wird.

Bordelle

Ein Bordell ist: „ein geschäftsmäßiger Betrieb, der auf regelmäßige Einnahmen ausgerichtet ist und wo mehrere Prostituierte tätig sind, denen der Inhaber Räume und die übrige zur Ausübung der Prostitution nötige Infrastruktur zur Verfügung stellt.“ Ein(e) Bordellbetreiber(in) muss sich wie jeder Firmenchef um die betriebliche Organisation kümmern. In vielen Läden ist zusätzlich ein Wirtschaftler, bzw. eine Wirtschaftlerin eingestellt. Überwiegend sind es Frauen die diese Position einnehmen. Ein Wirtschaftler  bildet die Schnittstelle zwischen Betreiber, Mitarbeiterinnen und Kunden. Er, bzw. sie sorgt für den alltäglichen Ablauf im Betrieb. Ein Bordell kann ein Etablissement sein, wo Prostituierte freiberuflich oder als Angestellte arbeiten und die Arbeitsbedingungen sich an den Bedürfnissen der dort arbeitenden Frauen orientieren, oder aber Läden, wo milieubedingte Abhängigkeiten bestehen, bis zu solchen, wo die Frauen sich unter Zwang prostituieren müssen. Um der Definition „Bordell“ gerecht zu werden, müssen also mindestens 2 Frauen in denselben Räumlichkeiten ihrem Job nachgehen. Die durchschnittliche Anzahl weiblicher Mitarbeiter dürfte bei kleineren bis mittleren Bordellen so zwischen 5-15 Frauen liegen. In Deutschland gibt es in fast allen Großstädten mit Sperrgebietsverordnung mindestens ein Großbordell. Ein Eros-Center bietet der Frau die Möglichkeit sich dort die ganze Zeit über aufzuhalten, oft befinden sich eine Kantine, Fitnesscenter und Solarium im selben Haus. Das gemietete Zimmer ist möbliert und hat in der Regel einen Fernseher und ein Bad mit Dusche. Die Frauen zahlen dort Tagesmieten zwischen ca. 70-150€, zusätzlich entstehen Kosten für Reinigung, Präservative und Abgaben für den Wirtschaftler. Diese Fixkosten, auch Blockkosten genannt, müssen tagtäglich gezahlt werden, unabhängig von dem erzielten, individuellen Umsatz. Eine Woche besteht aus 6 Arbeitstagen, der siebte Tag ist dann oft mietfrei. Einige dieser Etablissements haben einen zentralen Kontakthof wo die Frauen sich anbieten. In anderen Eros-Centern warten die Prostituierten in oder vor ihren Zimmern auf Kundschaft. Desweiteren gibt es die Schaufensterprostitution, wie z.b. in der Herbertstraße/St. Pauli oder „Walljettes“/Amsterdam, wo die Frauen hinter großen Fenstern sitzen und von dem potentiellen Kunden in Augenschein genommen werden. Zum Fensterplatz gehört ein weiterer Raum in den der Kunde nach Geschäftsvereinbarung dann eingelassen wird. Auch hier müssen neben der Tagesmiete Blockkosten gezahlt werden.

Straßenstrich

Einen Straßenstrich, ob legal, geduldet oder illegal, gibt es in fast jeder Großstadt. Diese auffälligste Form der Prostitutionsausübung wird durch die Polizei am stärksten kontrolliert und überwacht. In diesem Segment ist auch die Beschaffungsprostitution zur Finanzierung von Drogensucht (Heroin, Crack) am weitesten verbreitet. Auf dem Straßenstrich könnten die Frauen oft mehr Geld verdienen als ihre Kolleginnen im Bordell, da sie kaum Nebenkosten haben und es viel Laufkundschaft gibt. Die Kontaktaufnahme zwischen dem Kunden und der Prostituierten findet auf der offenen Strasse statt. Meistens kommen die Kunden mit dem Auto und die sexuelle Dienstleistung wird häufig im Auto des Freiers oder im Wagen oder Wohnmobil der Prostituierten erbracht. Auch die Fahrt zu nahe gelegen Absteigen, Hotels und Pensionen ist möglich. In einigen Regionen, wie z.b. in Hamburg/ St. Pauli, wo Fußgänger die Zielgruppe bilden, gehen die Prostituierten mit ihren Freiern grundsätzlich auf ein Zimmer. Sie zahlen dann für das Zimmer eine feste Tagesmiete oder einen Anteil pro Freier. Der Straßenstrich ist in Deutschland größtenteils fest in der Hand von Zuhälterorganisationen, die Kleidung und Arbeitszeiten vorschreiben und Standgelder pro Nacht kassieren.

Auf dem Straßenstrich sind die Frauen während der Wintermonate neben einfachen Erkältungen  oft gesundheitlichen Problemen wie Blasenentzündung, Gebärmutterentzündung und Nierenproblemen ausgesetzt. Viele Frauen ziehen sich beim Sex nur gegen Aufpreis aus. Ihre Strumpfhosen und Hosen sind in der Mitte geschlitzt, so dass auch im Winter mehrere Lagen übereinander getragen werden können, ohne das die Frau sich ständig an und ausziehen muss. Straßenprostituierte sind, sofern ihr Arbeitsplatz durch Sonderzonenregelung sich jenseits der Vergnügungsviertel in menschenleeren Gewerbegebieten und Vorstädten befindet, besonders gefährdet, was gewalttätige Übergriffe, Raub, Vergewaltigung und sogar Mord betrifft. Viele versuchen dem vorzubeugen indem sie die Umgebung ihres Arbeitsplatzes weitgehend kontrollieren. Dies schließt sichere Stehplätze in der Nähe zu anderen Menschen mit ein, die gut beleuchtet sind und die Zusammenarbeit mit den anderen Kolleginnen vor Ort, d.h. aufeinander zu achten, den übermäßigen Konsum von Drogen zu vermeiden und die Autonummern der Kunden vorbeugend aufzuschreiben und darauf zu achten das die Beifahrertür jederzeit geöffnet werden kann. Ein weiterer Punkt ist das Tragen von sicherer, fluchttauglicher Kleidung, die im Extremfall seitens des Kunden nicht gegen die Frau verwendet werden kann – oder im Ernstfall ihrerseits zur Selbstverteidigung gebraucht werden können – wie z.b. Schuhe mit metallenen Pfennigabsätzen. Zu den weiteren vorbeugenden Maßnahmen gehört die nötige Kontrolle im Haus und Hotel, wohin der Kunde nach der Kontaktaufnahme mitgenommen wird. Hierzu gehören Regeln gegen laute Musik, damit Hilfeschreie wahrgenommen werden, das Ersetzen von Glasobjekten durch solche aus Plastik und die Installation eines elektronischen Alarmsignals in der Nähe des Bettes. Bekannte Kunden werden Unbekannten vorgezogen und wenn ein Mann auf die Frau einen schlechten Eindruck macht, gibt es verschiedene Möglichkeiten sein Angebot abzulehnen – indem überhöhte Preise genannt werden oder entschuldigend ein bereits vereinbarter Termin vorgegeben wird. Als ein wichtiges Kriterium, Gewalttätigkeiten vorzubeugen, wird gesagt, dass man den Kunden „gut handhaben“ muss, freundlich und zuvorkommend auf ihn reagieren sollte, auch wenn es nicht der eigenen Gefühlslage entspricht, was voraussetzt das schwer Betrunkene und Männer mit denen man sich nicht verständigen kann, abgelehnt werden sollten. In Bordellen und Absteigen und z.T. auf der Straße sollten außerdem Zuhälter und Wirtschaftler den Schutz der Frauen garantieren. Bei Haus und Hotelbesuchen kann, sofern die Frau einen Zuhälter hat, dieser mitfahren und im Auto warten. Bei der Agenturvermittlung ist die Vereinbarung von Kontrollanrufen üblich, d.h. das die Frau einmal vor ihrem Dienstantritt beim Kunden ihre Ankunft telefonisch bestätigt und einen zweiten Anruf nach Beendigung des Kundenkontaktes bei der Agentur macht.

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“,  Routledge, New York, London

Sexclubs

In den hochpreisigen  Sexclubs wird dem Kunden oft ein aufwendiges Interieur und dementsprechender Service, bei Eintrittspreisen von 25-65€, geboten. Spezielle Saunaclubs und Massagesalons bieten neben der sexuellen Dienstleistung auch Sauna, Wellness, Massage und Unterhaltung an. Das Zeitbudget ist anders verteilt, anstatt der schnellen sexuellen Dienstleistung, wird mit dem Kunden vorher oft stundenlang geredet. Häufig haben die Frauen nur ein bis zwei Kunden pro Abend. In vielen Clubs wird der Sex über die Getränkerechnung gezahlt. In diesem Fall müssen die Frauen bereit sein größere Mengen an Alkohol zu trinken – ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Kokainkonsum in diesem Milieu – und sind in der Regel mit 30-50% am Getränkeumsatz beteiligt. Alkohol ist oft integraler Bestandteil der Arbeitskultur, bzw. gehört zur Ausstattung des Arbeitsbereiches, über dessen Konsum in vielen Nachtclubs und Bordellen ein Großteil des Verdienstes erzielt wird. In anderen Clubs wird das Geld im voraus an die Prostituierte gezahlt, die, je nach abzuführenden Abgaben, zwischen 30-70% vom Umsatz behalten kann. Die verdeckte Prostitution findet z.b. in Peepshows, Strip- und Nachtbars statt und unterscheidet sich von dem qualitativen Segment bestimmter Nachtclubs und Bars dadurch, dass sie fast ausschließlich auf Laufkundschaft eingestellt ist, also im innerstädtischen Rotlichtmilieu verortet ist. Die sexuelle Dienstleistung wird entweder in separaten Räumen oder in der Nähe befindlicher Stundenhotels geleistet und steht oft im Zusammenhang mit dem Konsum überteuerter Alkoholika an dem die Frauen prozentual beteiligt werden.

Modellprostitution

Die Prostitution in normalen Mietwohnungen hat seit den 70er Jahren stark zugenommen. Meistens bieten 2-3 Frauen in so einer Wohnung ihre Dienste an. Im Idealfall sind sie selbständig, mieten die Räume gemeinsam und arbeiten gleichberechtigt. In den Modell- oder Hostessenwohnungen arbeiten meist mehrere Frauen am Tage. In so einer Wohnung gibt es einen Aufenthaltsraum, ein oder mehrere Badezimmer und die Dienstleistungsräume, die oft nach individuellen Noten, bzw. nach verschiedenen Themen eingerichtet werden. Die Werbung erfolgt über geschaltete Anzeigen in der Tagespresse und über das Internet. Viele potentielle Kunden erkundigen sich vorher per Telefon nach Einzelheiten, so dass manche Läden extra eine Telefonistin eingestellt haben. In der Regel gibt es einen Chef oder Chefin die bis zu der Hälfte des Freierlohns kassiert. Hinzu kommen in so einem Fall die bereits erwähnten Blockkosten, zusätzlich entstehen Kosten für Zeitungsannoncen und Interneteinträge, da, anders als im Großbordell oder auf der Straße, gezielt Werbung betrieben werden muss. Ausländische Frauen, die in dazugehörigen Räumen übernachten, müssen dafür oft überhöhte Mieten zahlen, zusätzlich zu den „Schlepperkosten“, die sie abarbeiten müssen, so dass sie schnell in finanzielle Abhängigkeit geraten. Oft werden die Frauen in regelmäßigen Abständen ausgetauscht. Viele Appartements und Sexclubs sind untereinander vernetzt und die Frauen sind in ein Rotationsprinzip eingebunden. Häufig ist auch ein Zusammenspiel zwischen Sperrbezirksverordnung und Immobilienhandel zu bemerken. In allen deutschen Großstädten gibt es Hausverwaltungen die gezielt Wohnungen an Prostituierte oder Zuhälter zu überhöhten Preisen vermieten. Monatsmieten zwischen 2000-4000 € sind keine Seltenheit. Wenn die Vermieter, bzw. die Immobilienmakler nicht in das Geschäft involviert sind, wird die Wohnung über Mittelsmänner angemietet und einem Zuhälter oder den Prostituierten direkt zur Verfügung gestellt.

Eine persönliche Art der Prostitution wird über Haus- oder Hotelbesuche abgewickelt. Die Frauen inserieren in Boulevardzeitungen, Sexmagazinen und im Internet und geben als Kontaktmöglichkeit eine Telefonnummer an. Die Frau hat keine Möglichkeit der vorherigen In-Augenscheinnahme ihres Kunden, wie dies im Bordell, Club oder auf dem Straßenstrich der Fall ist. Zu dem vereinbarten Preis muss der Mann zusätzlich die Kosten für An- und Abfahrt zahlen. In kaum einen anderen Bereich können Prostituierte – zumindest theoretisch – so unabhängig und selbständig arbeiten. Es reicht regelmäßig ein Inserat aufzugeben oder sich über eine Agentur vermitteln zu lassen. Allerdings arbeiten viele ausländische Frauen in streng organisierten Callgirl-Ringen die die Anzeigen schalten, die Kontaktaufnahme regeln und auch die Unterkunft stellen. Wegen der Polizeikontrollen in Bordellen weichen viele Illegale, in Deutschland zunehmend Osteuropäerinnen, auf diese Art der Prostitution aus. Der Verdienst soll in diesen Fällen bei ca. 30% des Umsatzes liegen und oft befinden sich die Frauen in einem Abhängigkeitsverhältnis. Im Bereich von Haus-und Hotelbesuchen kann es öfters zu gewalttätigen Übergriffen seitens der Kunden kommen, da bei Hausbesuchen die Umgebung durch die tatsächliche Privatsphäre der Kunden bestimmt wird und die Männer, da sie sich unbeobachtet fühlen, sich eher zu unangemessenen Verhalten gegenüber den Frauen verleiten lassen. Auch sind diese Orte mit den möglichen Problemen der Kunden eng verbunden, so dass Frauen, die in diesem Bereich arbeiten über eine gute Menschenkenntnis und Wissen über deeskalierende Verhaltensweisen verfügen sollten.

Die anspruchsvollste Art der Prostitution ist der Escort-Service durch ein Callgirl. Neben der sexuellen Dienstleistung verkauft das Callgirl die Illusion von Intimität einer Partnerbeziehung und ein wichtiger Part ihrer Gefühlsarbeit ist es, bei wiederholtem Kundenkontakt diese Illusion lebendig zu halten. Die Preise für ein Callgirl liegen weitaus höher und ihre Kunden gehören zu den besser verdienenden Kreisen und beanspruchen innerhalb des Services einen längeren zeitlichen Aufwand, eine intime Atmosphäre, die Zärtlichkeiten und Küsse jenseits des reinen Geschlechtsaktes beinhaltet, gepflegte Konversation und Begleitung bei gesellschaftlichen Anlässen und Reisen. Das emotionale Rollenspiel nimmt in der Regel mehr Raum ein als die konkrete sexuelle Begegnung und wird von dem Soziologen Ronald Weitzer in seinem Definitionsrahmen von Sexarbeit als „emotional work“ bezeichnet. Eine vergleichende Studie zwischen Straßenprostituierten und Callgirls zeigt das die Sexualpraktiken zwischen Callgirl und Kunde ähnlich denen in einer privaten heterosexuellen Partnerschaft sind.

Die Daten der Untersuchung stammen von der „Los Angeles Women´s Health Risk Study“(1990-91) bei der 998 Straßenprostituierte und 83 Callgirls befragt wurden.

Zusätzlich: vergleichende Statistiken über heterosexuelle Sexualpraktiken bei Paaren zu der von Prostituierten und Kunden -Kleiber/Velten/1994

Eine Sonderform der Prostitution stellt die Sexualassistenz dar. Behinderte, die behinderungsbedingt keine andere Möglichkeit der sexuellen Befriedigung haben, nehmen die Dienste von männlichen oder weiblichen Sexualassistenten in Anspruch. Sexualassistenten sind auf die besonderen Bedürfnisse der Behindertensexualität spezialisierte Prostituierte. Inzwischen gibt es spezielle Ausbildungsgänge zu Sexualassistenten, z.b. bei der „Fachstelle für Behinderung und Sexualität“  Bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen können die Kosten einer Sexualassistenz vom Sozialamt übernommen werden. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist in Deutschland jedoch gesetzlich ausgeschlossen.

Fabs, Fachstelle für Behinderung und Sexualität – gegen sexualisierte Gewalt Postfach 1362 CH – 4001 Basel

Das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB, Nemitzer Str, 16, 29494 Trebel) bietet ebenfalls Workshops  zur Qualifikation zum Sexualbegleiter an.

19
Jan
10

Spotlights Prostitution

Spotlight Budapest/Ungarn

Ungarn, genauer Budapest, hat sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem Zentrum, bzw. Umschlagplatz der europäischen Sexindustrie entwickelt.  Bis 1950 bestand in Ungarn ein System staatlich kontrollierter Bordelle, dann wurde die Prostitution generell verboten und alle Bordelle geschlossen. Aber bereits ab 1955 wurde die Prostitution wieder weitgehend geduldet, wenn sie auch bis 1993 ein Tatbestand des Strafrechtes war. Ungarns (ca.10,5 Mill. Einwohner) Umwandlung von einer Volksrepublik in eine demokratische Republik erfolgte 1989. Das Parlament verabschiedete die heute noch und gültige Verfassung und 1990 fanden die ersten freien Wahlen statt. 100 -120 pornographische Filme werden jährlich in Ungarn produziert, in erster Linie für den westeuropäischen Markt. Dies wird seitens der Legislative mittels einer liberalen Auslegung der bestehenden Gesetze toleriert, da es für die heimische Filmindustrie eine notwendige Finanzspritze darstellt. Geldgeber und Produzenten sind hauptsächlich ausländische Interessengruppen, die in der lokalen ungarischen Sexindustrie eine Ressource an Darstellern und günstigen Produktionsbedingungen sehen. In den 90ern bildeten sich zunehmend Strukturen organisierter Kriminalität heraus und 1996/7 kam es in Budapest zu Verteilungskämpfen zwischen der ukrainischen und ungarischen Mafia. Die Ukrainer sollen die Prostitution in Bars, Diskotheken und Hotels kontrollieren, während den ungarischen Zuhältern die Kontrolle der Straßenprostitution obliegt. Seit der Internationalisierung der Sexindustrie in Ungarn und der Beteiligung von Gruppen der organisierten Kriminalität hat sich Budapest zu dem Umschlagplatz menschlicher Ware entwickelt – Frauen und Kinder, die über den Transit Budapest – Vienna, in Länder wie Österreich, Belgien, Holland und Deutschland gebracht werden.

Seit 1999 ist Ungarn Mitglied der Nato und seit 2004 EU-Vollmitglied. Im Rahmen eines gegen die Mafia gerichteten Gesetzespakets wollte das Parlament u.a. die Rechtmäßigkeit der sexuellen Dienstleistungen 1999 regeln. Die endgültige Lösung überließ es den örtlichen Verwaltungen, die bis zum 1. März 2001 Duldungszonen, in denen Prostituierte ihrer Tätigkeit legal nachgehen können, errichten sollten. Das Gesetz sah einen Abstand dieser Zonen von diplomatischen Einrichtungen, Kirchen, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen vor. Die Anordnungen wurden aber weitgehend nicht umgesetzt, bis dann 2004 der Oberste Gerichtshof den Beschluss revidierte. Neben Ungarns Hauptstadt Budapest, wo ca. 80% der  Prostituierten (die Gesamtzahl der Prostituierten in Ungarn wird auf 15. 000 – 30.000 geschätzt(2007)) auf der Straße arbeiten sollen (2002), ist das Reisegebiet um den Balaton, den Plattensee, mit dem Ort Siófok, ein Zentrum des Prostitutionsgewerbes und wird vor allem von Männern aus den westlichen Nachbarländern frequentiert. Außerdem ist die Straßenprostitution entlang der Fernstrassen auf den zahlreichen Rastplätzen weit verbreitet. Die juristische, gesundheitliche und Arbeitssituation der Prostituierten in Ungarn, von denen viele aus den Nachbarländern Ukraine und Rumänien kommen, ist im Vergleich zu westeuropäischen Ländern weitgehend desolat. Die Korruption ist im Polizeiapparat weit verbreitet und wenn die Frauen von der Polizei aufgegriffen werden, müssen sie mit Geld- und Haftstrafen rechnen, oder „Gefälligkeiten“ leisten. Nur wenige der Prostituierten haben ein gültiges Gesundheitszeugnis. Die Kosten der vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchung, die die Frauen zu tragen haben, liegen bei monatlich 35.000 Forint, etwa 145 Euro. Der Tarif für eine einfache Dienstleistung liegt bei ca.4000 Forint, knapp 16 Euro.

Financial Time of London  28.1.1997

Newsletter 2 tampep 7 (PDF)  http://www.tampep.com/documents.asp?section=news

Spotlight –  Nevada/ USA

Nach Einschätzung des US-Kriminologen Gary W. Potter (2002) kann man für die USA mindestens von einer Anzahl von 500.000 Vollzeit-Prostituierten ausgehen, die laut Statistik, jährlich insgesamt 750 millionenmal eine sexuelle Dienstleistung, die durchschnittlich 20$ kostet, erbringen, was einem Gesamtumsatz von ca. 15 Milliarden jährlich entsprechen würde, der fast vollständig – bis auf wenige Ausnahmen in Nevada – illegal erwirtschaftet wird. Nach dieser Untersuchung von G.W. Potter arbeiten 20% der Prostituierten auf der Strasse, 15% als Callgirls oder im Escort-Service und ein Großteil in festen Etablissements: 25% in Massagesalons, 15% in Bordellen, 15% in Bars und 10% in Hotels. Die Preise reichen von 10-20 Dollar für einen Lap-Dance, bis zu mehreren hundert Dollars für einen Escort-Service.

Der moderne Menschenhandel ist auch in den USA ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Es wird geschätzt, dass er inzwischen einen Umfang von 7 Milliarden $ erreicht hat. Viele Frauen aus unterentwickelten Ländern, vor allem aus Südamerika, China und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion werden mit Hilfe von Versprechungen von Arbeitsangeboten als Hausangestellte, Hostessen oder Tänzerinnen, oder mit fingierten Heiratsversprechungen in den „Goldenen Westen“ gebracht,  aus ihrem sozialen Netz geholt und zur Prostitution gezwungen. Das US State Department schätzt, dass jährlich zwischen 50-100 000 Frauen und Kinder auf diesem Wege in den USA zur Prostitution gezwungen werden. In diesem äußert gewinnintensiven Sektor sind auch die Interessengruppen zu suchen, die einer allgemeinen Legalisierung und Integrierung der Sex-Branche auf einem gesellschaftlich toleriertem Standard als normale Wirtschaftsbranche und Dienstleistungssektor entgegenstehen, da sie, vergleichbar mit der Situation der Legalisierung weicher Drogen, massive Umsatzeinbußen und Kontrollverlust befürchten.

Die Prostitution in den Vereinigten Staaten ist, mit Ausnahme von Nevada, wo 1971 die lizenzierte Bordellprostitution legalisiert wurde, illegal. Nachweisbare Zuhälterei gilt als ein Verbrechen und in einigen Staaten wird schon der Besuch eines Bordells als Straftat definiert. Nichtdestsotrotz ist die Prostitution in den USA weit verbreitet. Schätzungsweise 90 000 Festnahmen wurden jährlich(1999) in den USA aufgrund der Verletzung der bestehenden Prostitutionsgesetze vorgenommen. Die Gesamtheit dieser Festnahmen verursachte Kosten in Höhe von 180 Millionen Dollar, ohne das durch diese Maßnahmen die Prostitution, vor allem die auf der Straße, nennenswert eingedämmt wurde. In der Regel versuchen die Städte Sonderzonen einzurichten, wo die Frauen dann, je nach Stimmungslage der Öffentlichkeit, geduldet werden. Ein Großteil der us-amerikanischen Bevölkerung (70%) war laut einer Umfrage von Gallup(1996) der Meinung, dass die Prostitution illegal bleiben sollte und befürworteten schärfere Gesetze zur Schließung aller Massagesalons und Sex-Shops. Auf der lokalen Ebene ist es vor allem die Straßenprostitution die der größte Widerstand entgegengebracht wird. Nachbarschaftsinitiativen gegen diskrete Formen der Prostitution, die nicht sichtbar, in Clubs oder in Privatwohnungen stattfindet, sind hingegen selten.

Außerhalb Nevadas, in den anderen Staaten der USA, können sich SexarbeiterInnen gegen Kriminalisierung schützen, indem sie Agenturen als legale Geschäftspartner  und Vermittlungsinstanz zwischenschalten. Aufgrund der ausgeprägten Tagungsindustrie in den USA floriert das Geschäft mit Massagesalons und Vermittlungsagenturen. Prostitution wird in ihrer gehobenen Form der Callgirl-, Modell- oder Hostessagenturen, auch von seriösen Hotels geduldet. Die Hotels lassen die Prostituierten durch ihr Sicherheitspersonal durchleuchten. Sie müssen sich beim Empfang anmelden, ihre Absicht erkennen geben und ein Legitimationspapier, z.b. eine Massagegenehmigung vorweisen können. Frauen die sich nicht an diese Prozedur halten, werden von der Hotelsicherheit photographiert und in schwarzen Listen den anderen Hotelbetreibern bekannt gemacht.

Das in den USA Nevada als einziger Bundesstaat die Prostitution in lizenzierten Bordellen genehmigt hat, liegt in der Geschichte dieser Region begründet und wird gerne mit dem Mythos des „Wilden Westens“ und dem „lonesome Cowboy“ verknüpft. Ein wichtiger Teil der Ökonomie Nevadas baute auf die Minengesellschaften auf, deren enormer Arbeitskräftebedarf während der Hochzeiten des Gold- und Silberabbaus Männer aus den ganzen USA in die dortigen Workcamps zog. Es handelte sich fast ausschließlich um reine Männergesellschaften, wo sich kaum Familien niederließen und die Prostitution schnell zu einem integralen Bestandteil dieser Grenzsiedlungen wurde. Um 1871, während eines weiteren Goldrausches, wurde die Bordellprostitution in Nevada offiziell legalisiert, wobei man in den folgenden Jahrzehnten eine Politik verfolgte, die Bordelle in bestimmten Zonen einzurichten und sie von regulären, familienorientierten Siedlergemeinschaften fernzuhalten. Während des 1. und 2.Weltkrieges zwang die „Federal Security Agency“, eine übergeordnete Bundesbehörde, die lokalen Instanzen in Nevada dazu, sämtliche Bordelle zu schließen. Sie wurden allerdings jeweils nach dem Krieg gleich wiedereröffnet. Bis zur Legalisierung der Prostitution in lizenzierten Bordellen 1971 bewegten sich die Bordellbesitzer und Betreiber in einem Spannungsfeld zwischen Duldung und Kriminalisierung.

Im Jahr 2000 gab es in 10 Bundesländern von Nevada 35 lizenzierte Bordelle, die, nach Angaben der 1984 gegründeten „Nevada Brothel Association“, einen jährlichen Umsatz von 40 Millionen Dollar verzeichneten. Die Prostitution wird durch eine stringente Lizenzierungspraxis reguliert. Die meisten Bundesländer Nevadas lizenzieren nur zwei oder drei Bordelle in ihrem Verwaltungsdistrikt und geben keine neuen Lizenzen aus, so dass die einzige Möglichkeit ins legale Prostitutionsgeschäft einzusteigen über den Erwerb einer bereits vorhandenen Lizenz besteht.

Das Gesetz erlaubt (seit 2004) die Prostitution nur in Verwaltungsbezirken mit einer Einwohnerzahl unter 400.000. Dementsprechend ist Prostitution in Clark County/Las Vegas und Washoe County/Reno illegal. Insgesamt 11 Bezirke von Nevada erlauben Prostitution im Rahmen eines lizenzierten Bordellbetriebes.

Die Bordellbesitzer profitieren von dieser Regelung, die sie vor auswärtiger Konkurrenz schützt und sind die stärksten Gegner einer Lizenz-Freigabe. Die Prostituierten sind einem strengen Reglement unterworfen, welches darauf abzielt die Frauen fest an das Bordell zu binden und sie von dem regulären Gemeinwesen und der Stadt fernzuhalten. Sie müssen sich abmelden, wenn sie das Bordell verlassen und die Zeiten, wann sie weggehen bzw. im Hause bleiben müssen, werden ihnen vorgeschrieben. Die Autos der Frauen werden speziell registriert und der Besuch von Bars außerhalb der Bordellzone wird ihnen oftmals verboten. Jede Prostituierte muss einen speziellen Gesundheitspass haben, in dem die wöchentlichen Pflichtuntersuchungen auf alle STD´s, einschließlich Syphilis, Gonorrhöe und HIV, sowie die monatliche Blutuntersuchung als negativ verzeichnet sein müssen. Der Gebrauch von Kondomen ist verpflichtend vorgeschrieben. Das Bordellgewerbe in Nevada war, trotz des Booms anderer Segmente der legalen Sexindustrie und deutlichem Interesse seitens der Bordellbesitzer, bis in die 1990er nicht weitergehend in den us-amerikanischen Sexbusiness integriert. Dies hat seine Gründe in der unterschiedlichen Gesetzeslage. Viele „Gentlemenclubs“, spezielle Buch- und Videoshops oder Telefon- und Internetsexagenturen beziehen sich in ihrem legalen Status auf die Tatsache, dass sie keinen realen sexuellen Kontakt verkaufen, bzw. vermitteln. Wenn diese Firmen nun mit den in Nevada legalen Bordellen Geschäftsverbindungen eingehen, könnte ihr Image und ihr juristischer Status als legales Unternehmen beschädigt werden, da Prostitution und Bordelle in allen anderen Staaten der USA illegal sind.

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“, Routledge, New York, London

Spotlight – Amsterdam/Holland

Seit dem 1. Oktober 2000 ist Prostitution in den Niederlanden legal. Nach der Novelle des Strafgesetzbuchs darf in den Niederlanden jeder die Prostitution ausüben, wenn er älter ist als 17 Jahre. Mit diesem Gesetz wurde das seit 1912 bestehende Bordellverbot aufgehoben. Das Prostitutionsgeschäft war aber schon vorher auf der Ebene breiter gesellschaftlicher Akzeptanz und Toleranz behördlich geduldet, hatte aber keine legale gesetzliche Grundlage. So empfanden nach einer Umfrage von 1997  74% der Holländer Prostitution als eine akzeptable Arbeit und 75% waren für legalisierte Bordelle. Eine wichtige Neuerung ist die Ergänzung des Strafgesetzbuchs um den Artikel §250a, mit dem der Menschenhandel, die Zwangsprostitution, die Zuführung Minderjähriger zur Prostitution und die wirtschaftliche Ausnutzung dieser Formen der Prostitution unter Strafe gestellt wird. Die Zahl der in den Niederlanden im Sexgewerbe Tätigen wird auf 25.000 geschätzt.

Im traditionellen Rotlichtbezirk Amsterdams (seit dem 13.Jh.), dem „Walletjes“ arbeiten etwa 2.000 Prostituierte in ca. 420 Schaufensterräumen und 70 Bordellen. Es gibt unzählige Sexshops und ein halbes Dutzend Peepshows in diesem Viertel. 30% der holländischen Prostituierten arbeiten vor dem Fenster, 40% im Bordell und die restlichen 30% arbeiten bei Escortagenturen oder auf der Straße. Vor der Euroeinführung verlangten die Frauen ab 50 Gulden für „suck and fuck“ in 15 Minuten, Extras kosten mehr. Zwischen 50 und 1.500 Gulden betragen im Schnitt die Einnahmen pro Schicht. Die Prostituierten zahlen für einen Schaufensterraum zwischen 75 und 150 Gulden pro Schicht, die in der Regel zwischen acht und zwölf Stunden dauert. In den Sexclubs zahlen die Kunden im Schnitt 500, für den Begleitservice 800 Gulden für die Stunde. Die Prostituierten zahlen regulär Steuern und  die Finanzämter wenden weitgehend, im Rahmen einer eigenen Erhebungsgruppe, einheitliche Kriterien an. Es gibt spezielle Gassen in denen vor allem Afrikanerinnen ihre Dienste anbieten und zwei weitere, in denen Asiatinnen dominieren. Seit einigen Jahren hat der Anteil von Frauen aus Osteuropa erheblich zugenommen. Das Gesundheitsamt der Stadt betreibt im Rotlichtviertel eine spezielle Klinik wo sich Prostituierte und ihre Kunden anonym auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen können. Die Stiftung zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten hat Richtlinien aufgestellt für die medizinische Betreuung und die Gemeinden müssen den Prostituierten den freien Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen ermöglichen.

1985 wurde die sogenannte „Windows Owner Association“ gegründet in der rund 90% der Eigentümer der betreffenden Zimmer und Häuser Mitglieder sind. Diese weisen einen Zusammenhang zur Zuhälterei zurück und sehen sich als ganz normale Geschäftsleute, die im Vergnügungs- und Dienstleistungssektor tätig sind. Seit 1986 gibt es auch eine Organisation der Freier, die vor allem Öffentlichkeitsarbeit für die legale und moralische Emanzipation der Prostitution betreiben und sich anderweitig als eine Art Verbraucherschutzorganisation verstehen. Es gibt eine Reihe von Organisationen, die für die Rechte der Prostituierten eintreten. Die „A. de Graaf-Stiftung“ versucht, die Akzeptanz der Prostitution zu fördern und gibt Publikationen heraus. Es wurde eine Hurengewerkschaft gegründet, die Initiative „Roter Draht“ („De Rode Draad“) mit der Publikation „Black Light“, eine Stiftung gegen Frauenhandel, eine Plattform Straßenstrich und ein Informationszentrum (PIC) für Prostituierte und ihre Kunden. Das PIC gründete und betreibt die Ex-Prostituierte Mariska Majoor.

Aufgrund der zunehmenden Kontrolle des Rotlichtmilieus durch ethnische und einheimische Gruppierungen der organisierten Kriminalität, startete die Stadtverwaltung 1997 das so genannte „Wallenprojekt“. In diesem Zusammenhang wurde das gesetzliche Verbot des Informationsaustauschs zwischen Polizei und Finanzbehörden per Regierungsbeschluss ausgehebelt. Eine mit Sonderbefugnissen ausgestattete Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitarbeitern von Polizei, Staatsanwaltschaft und Finanzbehörde verschaffte sich in Folge detailliert Informationen über jedes einzelne Gebäude im Wallengebiet, über das dort vorhandene Gewerbe, die Mitarbeiter und Betreiber und die Besitzverhältnisse. Diese Informationen wurden mit der Datenlage der kommunalen Verwaltungen und Finanzämter abgeglichen. Mit Hilfe dieser Daten sah sich die Stadt in der Lage bei Vorliegen bestimmter „kriminogener Faktoren“ Genehmigungen zu verweigern oder Lizenzen zurückzuziehen. Das Finanzamt seinerseits, machte Steuernachzahlungen geltend und beschlagnahmte Vermögen. Der Stadterneuerungsfonds stellte Geld für den Kauf von Häusern im Rotlichtviertel zur Verfügung; die von der Arbeitsgruppe Wallenviertel unter dem Gesichtspunkt der Einschränkung krimineller Organisationen ausgesucht wurden. Fast 40 Gebäude kaufte die Stadt bis 2002. Die „Zeedijk“-Aktiengesellschaft mit der Gemeinde als Großaktionär erwirbt Gebäude, renoviert, verwaltet und vermietet sie. 80 Millionen Gulden investierte die Stadt in diese Umgestaltung, wobei neben der Bekämpfung organisierter Kriminalität, die allgemeine Zurückdrängung des Rotlichtmilieus einen weiteren wichtigen Faktor darstellt.“ Ziel sei es“, so eine Mitarbeiterin des Wallenprojektes „im Wallengebiet eine vertrauenswürdige Wirtschaftsstruktur aufzubauen. Der Rotlichtbezirk soll aber bleiben, er ist eine Touristenattraktion“. 2002 beschloss die Amsterdamer Stadtverwaltung, das Projekt bis 2003 weiterzuführen und auf andere Stadtteile auszudehnen.

Dezember 2008 präsentierte die Stadtverwaltung von Amsterdam das “Coalition project 1012”, ein Strategiepapier, welches die Durchsetzung stadtplanerischer Prämissen in der Innenstadt Amsterdams zum Ziel hat. Diese betreffen vor allem das Rotlichtviertel, das mit Hilfe von Sondergesetzen massiv reglementiert werden soll um Großinvestoren anzulocken und die Innenstadt anwohner- und touristenfreundlicher zu gestalten. Die ökonomische Struktur des Rotlichtviertels setzt sich aus den Häusern mit Schaufensterprostitution, den Coffee-Shops für den Verkauf von Cannabis, sogenannten Smart-Shops für den Verkauf von Psylocybinpilzen und 1-2 Sterne-Hotels zusammen. Desweiteren aus Geldwechselstuben, Spielhallen, Sexshops, Bars, Imbissen und Mini-Supermärkten. Laut Analyse der zuständigen Sicherheitsbehörden schafft diese Struktur die besten Vorraussetzungen für kriminelle Aktivitäten wie Geldwäsche, Drogenhandel und Frauenhandel. Kriminologische Untersuchungen haben ergeben, das verschiedene Gruppierungen der organisierten Kriminalität dazu übergegangen sind im größeren Umfang Immobilien in dem betreffenden Stadtteil zu erwerben. Auf der Grundlage dieser Einschätzung soll die Prostitution in den Walljeties erheblich eingeschränkt und auf wenige Strassen konzentriert werden, da die soziale und ökonomische Struktur der Rotlichtquartiere den wachsenden Einfluss krimineller Strukturen begünstigt.

BIBOB ist der Name eines neuen Gesetzes, welches der Stadtverwaltung die Möglichkeit gibt die Lizenzvergabe für Bars, Hotels und Bordelle zu verweigern, wenn die Besitzer nicht in der Lage sind ihre Seriosität und ihre legitime finanzielle Absicherung unter Beweis zu stellen oder wenn Verdachtsmomente bestehen, das im Rahmen des lizenzierten Geschäftsbetriebes kriminelle Aktivitäten geplant sind. Anders als bei der normalen Gesetzgebung liegt in diesem Fall die Beweislast bei den „Beschuldigten“, also den Lizenzinhabern, bzw. Antragstellern. Im Zuge dieser Vorgehensweise haben bereits einige der Bordellbesitzer ihre Lizenzen verloren und mussten ihre Häuser an eine stadteigene Verwaltungsgesellschaft verkaufen. Dies betrifft ca. 100 der insgesamt 482 Schaufensterbetriebe. Insgesamt will die Stadt die Anzahl der Schaufenster auf 240 reduzieren und diese auf den Kanal “Oudezijds Achterburgwal” und die abgehenden Strassen konzentrieren. Die Coffee-Shops sollen von 139 auf 76 reduziert werden. Ähnliches ist für sogenanntes „low quality business“, wie Imbisse, Kioske, etc. vorgesehen.

Diese Vorgehensweise wird von der momentanen Regierungskoalition aus Christdemokraten, Sozialisten und einer Partei christlicher Fundamentalisten getragen, die klare Vorbehalte gegen eine liberale Prostitutionspolitik erkennen lassen. Dies entspricht aber auch einen veränderten Stimmungsbild in Teilen der Bevölkerung. Während in den 90ern noch eine deutliche Sympathie für die politischen Initiativen der Prostituierten erkennbar war, die dann zur Legalisierung führten, macht sich inzwischen eine konservative Moral bemerkbar. Man hätte gern ein „sauberes“ Stadtbild, frei von dem öffentlichen Zuschaustellen des sexuellen Gewerbes, den daraus resultierenden „unmoralischen“ Verhaltensweisen und den betrunkenen und bekifften jugendlichen Touristen. Andererseits hat die Gesetzesinitiative von 2000, welche die Prostitution legalisierte bei weitem nicht die Erwartungen erfüllt. Auch nach 8 Jahren hat sich im Wesentlichen an den realen Verhältnissen wenig geändert. Es hat keine Integration des Rotlichtgewerbes in die regulären wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der Gesellschaft stattgefunden. Öffentlichkeitswirksame Kampagnen um der Stigmatisierung dieser Berufsgruppe entgegenzuwirken sind unterblieben und die diskriminierenden Regulierungen und Attitüden im Behördenapparat bestehen weiterhin. Andererseits ist die Bereitschaft des Rotlichtmilieus an einer Integration auch äußerst gering, da dort traditionell in der Grauzone zwischen Illegalität und Duldung dem Geschäft nachgegangen wird.

Die Anzahl der offiziellen Genehmigungen für das Gewerbe richtet sich in der Regel an der Anzahl der bereits bestehenden Bordelle aus, so dass Neueinsteiger so gut wie keine Möglichkeit haben Fuß zu fassen. Dies betrifft neue Formen des sexuellen Entertainments, wie sogenannte „Kinky Sex Parties“, Lap-Dance in Diskotheken, aber auch reguläre Swingerclubs, die somit gezwungenermaßen außerhalb des legalisierten Systems agieren. Eine Intention des Gesetzes war es die Rechte und Position der Prostituierten zu stärken, aber die Praxis der Lizenzvergabe macht es den Frauen oft unmöglich unabhängig von zu Hause aus zu arbeiten und lässt ihnen nur die Möglichkeit innerhalb der bestehenden Bordellbetriebe einen Arbeitsplatz zu wählen.

Inzwischen haben die Minister für Inneres und Justiz einen neuen Gesetzesvorschlag eingebracht, der vorgibt deutlicher gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel vorzugehen, in seiner Gesamtwirkung aber auf eine strikte Regulierung des gesamten Prostitutionsgewerbes abzielt. Nach diesem Gesetz soll jede Form der Prostitution verboten werden, die nicht über eine städtische, bzw. staatliche Lizenz verfügt. Dies betrifft auch Internet- und Escortagenturen, die eine private Adresse und Telefonnummer angeben müssen, die dann in einem nationalen Register verwaltet werden. Bordelle, die unlizenzierte Prostitution anbieten, sollen geschlossen werden. Das betrifft auch unabhängige Prostituierte, die ohne Registration arbeiten. Das Mindestalter von Frauen, die in diesem Gewerbe arbeiten wollen, soll von 18 auf 21 Jahre hochgesetzt werden. Freier, die denn Service von unlizenzierten und unregistrierten Prostituierten in Anspruch nehmen, können diesem Gesetz nach kriminalisiert werden und hätten mit Haftstrafen zu rechnen. Diese Maßnahmen haben zwar vor allem eine Bekämpfung der Zwangsprostitution zum Ziel, aber die Kriminalisierung der unregistrierten Prostitution wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu einem transparenteren und sicheren Umfeld dieses Gewerbes führen, sondern die betreffenden Frauen und Freier in die Illegalität treiben, wo Zwangs- und Gewaltverhältnisse sogar noch eher die Arbeitssituation bestimmen können.

Quelle: “Prostitution policy under construction” – December 2008, Jan Visser

Jan Visser war Mitautor der Reports “Prostitutie in Nederland in 1999” und “Trends in prostitutie en beleid” von der Mr. A. de Graaf Foundation/ Amsterdam. Der gesamte Text(engl.) ist auf dem Blog „ludersocke2“ bei WordPress einzusehen

http://www.rodedraad.nl/
http://en.wikipedia.org/wiki/Prostitution_in_the_Netherlands

verwendete Literatur (im Text nicht aufgeführt)

Bader Birgit/Ellinor Lang : 1991, „Stricher-Leben“, Galgenberg Verlag, Hamburg

Bilitewski Helga/(„Hydra“/Hg.), 1994, „Freier – Das heimliche Treiben der Männer“, Knaur Verlag, München

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Dofour Pierre, 1995,  „Die Weltgeschichte der Prostitution“, Reprint, Band 2, , Eichborn Verlag, Frankfurt am Main

Drößler Christine(Hg.), 1992, „Women at Work“, Schüren Presseverlag, Marburg, Berlin

Christine Drössler, Jasmin Kratz (Red.), 1994, „Prostitution : Ein Handbuch“, Herausgeber: HWG e.V.Schüren, Marburg

von Dücker  Elisabeth, 2005, „Sexarbeit : Prostitution – Lebenswelten und Mythen“, Edition Temmen, Bremen

French Dolores/Linda Lee, 1992, „Kurtisane“, Galgenberg Verlag, Hamburg

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Gehrke, Claudia/Petra Höhne (Hg.)  1993, „Schauplatz Liebe“,  Konkursbuchverlag   Tübingen

Kleiber, Dieter, 1994 , „Prostitutionskunden : eine Untersuchung über soziale und psychologische Charakteristika von Besuchern weiblicher Prostituierter in Zeiten von Aids“, Nomos-Verlags-Gesellschaft, Baden-Baden

Kohmann/Lanzerath, 1981, „Weibliche Prostitution in Hamburg“, Kriminalistik Verlag, Heidelberg

Konieczka, Vera, 1980, „Prostitution im 19. Jahrhundert“, R.G. Fischer,  Frankfurt/Main, Tübingen

Riecker Joachim, 1995, „Ware Lust“, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.Main

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg

14
Jan
10

Die Sexindustrie in Deutschland

Inhalt

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1. Ein kurzer Abriss kulturpolitischer Entwicklungen in Deutschland
1.1. Die 50er Jahre – die Rekonstruktion einer konservativen Sexualmoral
1.2. Einflüsse us-amerikanischer Subkulturen über die Kultur- und Medienindustrie
1.3. Außerparlamentarische Opposition und sexuelle Revolution – Das Private wird politisch
1.4. Kommunen, Kollektive und Wohngemeinschaften

2. Die Anfänge der Liberalisierung von Pornographie
2.1. Dänemark als Vorreiter
2.2. Der Pressemarkt – Veränderungen im Mainstream, Sexillustrierte und Pornomagazine
2.3. Von der Zensur in den 50ern zum Sexfilm der 60er Jahre
2.4. Der Pornofilm-Markt
2.5. Vom Staatsfernsehen zu privaten Anbietern – Satellitenfernsehen, Pay-TV und Kabelnetze

3. Geschichte und Entwicklung einzelner Unternehmen des Pornobusiness
3.1. Rodox Trading
3.2. ZBF-Vertriebs GmbH
3.3. Von Intex zur Scala GmbH
3.4. Verlag Theresa Orlowsky
3.5. Beate Uhse
3.6. Orion-Versand
3.7. condomi AG
3.8. Private Media Group
3.9. Unternehmen in Großbritannien

4. Der Online-Pornographiemarkt am Beispiel Deutschlands
4.1. Der deutsche Markt im Verhältnis zur us-amerikanischen Branche
4.2. Die internen Veranstaltungen des Online-Gewerbes
4.3. Einzelne Unternehmen der Branche
4.4. Der Bauer-Holding, fundorado und andere deutsche Majors
4.5. Dialer – Zwischen Missbrauch und regulärer Abrechnungsmethode
4.6. Gesetzgebung zwischen Zensur und Selbstregulation
4.7. Der wachsende Markt des e-commerce

Die 50er Jahre – die Rekonstruktion einer konservativen Sexualmoral

Mit der Zerschlagung der Weimarer Arbeiter- und Reformbewegung wurden auch die Ansätze der Sexualreform und die in den 20er Jahren entstandenen Subkulturen der Lesben, Transvestiten und Homosexuellen vernichtet. Die Sexualwissenschaft, die in Deutschland begründet und wesentliche Impulse erfahren hatte, wurde im Faschismus vollständig zerstört und es gelangte ihr nicht an die Zeiten der Weimarer Republik anzuknüpfen. Stattdessen entwickelte sich die Sexualwissenschaft in den USA zu einer anerkannten akademischen Disziplin, die später mit den Arbeiten von Kinsey, Masters und Johnson nicht nur akademisch, sondern auch kulturpolitisch Einfluss nahm. Der 1933 in Deutschland erfolgte politisch-kulturelle Einschnitt war auf der politischen Ebene zwar 1945 beendet, auf der kulturellen und sittengeschichtlichen Ebene wurde der „abgeschnittene Faden“ erst Anfang der 60er Jahre wieder aufgenommen.

Nach Kriegsende lebten 7,3 Millionen mehr Frauen als Männer in Deutschland. Vor allem bei den 20-40-jährigen war der Überschuss, bzw. der Männermangel am prägnantesten. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren durch eine Auflockerung der Sexualmoral, Gelegenheitsprostitution und zahlreichen Sexualkontakten mit den Besatzungssoldaten gekennzeichnet, die sich am Beginn der 50er Jahre in einer exorbitanten Zahl illegaler Abtreibungen niederschlug.  Erst Ende der 40er und in den 50ern entwickelte sich unter starker Einflussnahme der Kirchen – über die christlichen Parteien CDU/CSU auch auf die dementsprechende Gesetzgebung – eine zutiefst konservative Sexualkultur. Diese Vertreter einer rückwärtsgewandten, auf die Ehe und Familie ausgerichtete Sexualmoral, stammten aus den Kirchen, politischen Parteien, Medien und der Wissenschaft und propagierten Jungfräulichkeit bis zur Ehe und wandten sich vehement gegen Onanie und gegen die „Schmutz- und Schundliteratur“. Ehebruch war strafbar. Eltern die ihre jugendlichen Teenager mit einem Partner in der Wohnung schlafen ließen, konnten wegen schwerer Elternkuppelei mit bis zu 6 Jahren Haft bestraft werden. Bis zum Ende der 60er Jahre war aufgrund eines Erlasses von Heinrich Himmler von 1943 die Werbung für empfängnisverhütende Mittel verboten.

In so einem gesellschaftlichen Klima wurden dann, die von den Nazis verschärften, offiziell nie außer Kraft gesetzten Homosexuellen-Paragraphen §175 und §175a 1949 , wie auch der Abtreibungsparagraph §218 in das Strafgesetz der Bundesrepublik übernommen. Der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches besagte, dass „eine Frau, die ihre Leibesfrucht abtötet oder die Abtötung durch einen anderen zulässt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft.“ –  Wer abtreiben wollte, musste nach Holland oder England fahren oder im deutschen Rechtsraum in die Illegalität ausweichen.  Der §175 und §175a wurden mit der Begründung aufrecht erhalten, dass es sich dabei nicht um NS-Unrecht handele. Überlebende KZ-Opfer erhielten deshalb weder eine Entschädigung, noch wurden sie rehabilitiert. Noch im Jahr 1957 erklärte das Bundesverfassungsgericht den Paragraphen für verfassungskonform mit der Begründung: „Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt eindeutig gegen das Sittengesetz“. Im repressiven Klima der frühen BRD als Homosexueller öffentlich gemacht zu werden, bedeutete oft die Vernichtung der sozialen Existenz und die Verbüßung einer Gefängnisstrafe. Nichtsdestsotrotz kam es zu dieser Zeit zu einer Wiederbelebung der schwulen Subkultur in Form von Bars und anderen Lokalitäten, die allerdings quasi konspirativ und nach außen hin abgeschottet waren.

Ab 1953 wurde die Sexualberatung und dementsprechende Schriften streng zensiert, Verhütungsmittel wie Diaphragma und Kondome waren schwerer zu bekommen. Jenseits dieses propagierten Moraldiskurses offenbarten erste repräsentative Umfragen zum Geschlechtsleben der Deutschen im Jahr 1949 allerdings ein anderes Bild. So empfanden knapp 85% der 20-29 Jährigen den vorehelichen Geschlechtsverkehr für notwendig oder zulässig. Seitens der jüngeren Generation wurden auch Fragen der Verhütung und der Bewertung des Sexuellen für ein erfülltes Leben weitaus wichtiger eingeschätzt als von ihren Eltern. Eine Diskrepanz zwischen den Generationen, die erstmals in  den 50er Jahren mit dem Rock`n Roll und der um ihn geführten Diskussion deutlich zutage trat. Die Gleichstellung der Frau wurde nach dem 2. Weltkrieg in der BRD, wie in der DDR in der Verfassung verankert, wobei die praktische Umsetzung dieser Gesetzestexte nicht den realen Verhältnissen entsprach. Im Osten wie im Westen blieben die Frauen in den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsgremien stark unterrepräsentiert. Im Gegensatz zur DDR, wo eine proletarische Frauenbewegung mit Clara Zetkin als eine ihrer Leitfiguren proklamiert wurde, blieben in der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren die Frauenvereine der Tradition der bürgerlichen Frauenbewegung verpflichtet.

Anhaltende Vollbeschäftigung und steigende Löhne und Kaufkraft sorgten ab Ende der 50er Jahre erstmals in der deutschen Geschichte dafür, dass immer mehr Menschen an der allmählich entstehenden Konsum- und Freizeitgesellschaft teilhaben können. Im Zuge der amerikanischen Antikommunismus-Politik konnten sich nicht wenige der Funktionsträger des nationalsozialistischen Regimes in der Nachkriegsordnung der Bundesrepublik etablieren und Karriere machen. (Globke, Seebohm, Oberländer, Filbinger, Kiesinger). Ein Generationskonflikt zwischen der sogenannten Aufbaugeneration, die sich nach den Erfahrungen der NS-Zeit und der „Entnazifizierung“ eher unpolitisch verhielt, und den politisch stärker engagierten Jugendlichen, die die vorwiegend arbeits- und konsumorientierte Lebensweise ihrer Eltern kritisierten, zeichnete sich ab. Doch zunächst betrieb eine breite, katholisch-konservative Volksbewegung Kampagnen gegen „Schmutz und Schund“ in Film und Literatur und gegen die neu entstandenen FKK-Verbände. In Deutschland tat sich nach dem 2. Weltkrieg der sogenannte „Volkswartbund“ als oberster „Moralwächter der Volkseele“ hervor. Seit 1951 nannte er sich „Bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit“ und war von der Fuldaer Bischofskonferenz mit der Wahrnehmung des literarischen Jugendschutzes und der „Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit“ beauftragt worden und stellten eine Vielzahl von Indizierungsanträgen. Die Aktionen gegen die „Schundliteratur“ gingen soweit, dass 1957 der „Bund katholischer Jugend“ in Württemberg eine Aktion „Scheiterhaufen“ startete in deren Folge z.b. Comics wie „Falkenauge“ und „Sheriff Teddy“ hochoffiziell verbrannt wurden. Mitte der 50er Jahre setzte die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ FKK-Zeitschriften auf den Index. Noch 1963 wurde der Bikini an deutschen Badestränden, seitens offizieller moralischer Postulate als „unanständig“ abgelehnt,  aber bereits 5 Jahre später bieten große Reiseveranstalter wie Quelle, Hummel, Touropa, Scharnow und Neckermann erstmalig FKK-Reisen in ihren Katalogen an. 1955 mit der Verabschiedung des „Freiwilligengesetzes“ wurde der Grundstein für die Aufstellung eines deutschen Heeres, der Bundeswehr, im Rahmen der westeuropäischen Union und der Nato gelegt. Nachdem unter den Diktionen des kalten Krieges, die Stationierung von Atomwaffen auf westdeutschen Territorium beschlossen wurde, demonstrierten im April 1958 über 100.000 Menschen auf dem Hamburger Rathausmarkt gegen die atomare Rüstung der Bundeswehr. Aus den landes- und europaweiten Protesten entwickelte sich die Ostermarschbewegung, die mit der „Kampagne für Abrüstung“ später dann in die Außerparlamentarische Opposition (APO) aufging.
Eder Franz X. : 2002, Kultur der Begierde: eine Geschichte der Sexualität“, Verlag C. H. Beck, München
Knigge Andreas, 1985, „Sex im Comic“, Ullstein-Verlag, Frankfurt am Main/ Berlin
König Oliver, 1990, „Nacktheit – Soziale Normierung und Moral“, Westdeutscher Verlag, Opladen

14
Jan
10

Einflüsse us-amerikanischer Subkulturen über die Kultur- und Medienindustrie

Bereits in den 40er Jahren hatte sich in den USA eine Protestkultur entwickelt, die einen unkonventionellen mobilen Lebensstil, frei von der bürgerlicher Moral, zu ihrem Ideal erhob. Diese Bewegung identifizierte sich zunächst über die Beat-Literatur von Autoren wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Gregory Corso. Vielgehörte Musik war Anfang der 50er Jahre, der schwarze Bebop-Jazz, als die Protestbewegung sich weiter ausbreitete, wurde Rhythm & Blues, die Musik der afroamerikanischen Unterschicht, populär. Bald wurden die Musikrichtungen der 1950er und frühen 1960er Jahre und das damit verbundene Lebensgefühl der Jugend-Protestkultur von den Medien mit dem Begriff  Rock ’n‘ Roll klassifiziert und über die Kulturindustrie vermarktet und weitertransportiert

Zu dieser Zeit sind die USA Leitbild in der Filmproduktion und beherrschen den westdeutschen Filmmarkt. Schauspieler wie Marlon Brando(„Die Wilden“/1954) und James Dean („Jenseits von Eden“ (1955), „Denn sie wissen nicht was sie tun“ (1955) und „Giganten“ (1956)), die den Typus des harten Draufgängers mit rebellischen Attitüden darstellten, werden zu Idolen der Jugendlichen. Mit Bill Haley wird der Rock ’n‘ Roll populär und ein afroamerikanisches Rhythmus- und Körpergefühl  erhält wieder Einzug in die deutsche Kultur. Mit ihm wurde Rockn`Roll als Tanz populär. Ein Stil der ursprünglich aus dem Lindy Hop und dem Jitterbug, beides Tänze mit akrobatischen Einlagen, hervorgegangen war. 1954 wird der Song „Rock around the clock“ veröffentlicht, der 1955 die Titelmusik für den Film „Die Saat der Gewalt“ stellt. 1956 kommt dann der gleichnamige Film auf den Markt. Viele Jugendliche begreifen diese Musik als eine betonte Abgrenzung gegenüber der Elterngeneration.1957 kommt es während seiner Deutschlandtournee zu Krawallen in Essen und Berlin an denen sich vor allem Lehrlinge und junge Arbeiter beteiligen, die mit dazu beitragen das Bild des neuen Jugendtyps des „Halbstarken“, bzw. „Rockers“ zu prägen.

Durch die expandierende Musikindustrie, die bereits in den 50ern mit dem Rock´n Roll die Jugendlichen als Konsumenten und Zielgruppe erkannt hatten, gelangten dann in den 60ern Gruppen wie die Beatles und die Rolling Stones zu einer nie zuvor da gewesenen Popularität. Allein von den Beatles wurden bis heute weltweit über 500 Millionen LPs und Singles verkauft. Die technischen Innovationen der Vinyl – und Stereo-Langspielplatte und die Entwicklung des Kassettenrecorders und der Musikkassette, die zuerst 1964 von Philips auf den Markt gebracht wurden und es möglich machten Schallplatten zu überspielen und Musik aus dem Radio oder Fernsehen aufzunehmen, trugen mit zu der schnellen Verbreitung der neuen Musik bei. Der Beat, die englische Rockmusik vermittelte den Jugendlichen ein neues Lebensgefühl das mit dem Bruch von Konventionen gegen die starre Ordnung der Adenauerära einherging und war oft Anlass für den alltäglichen familiären Zweikampf um die Musik, Jeans, Rocklänge und Haarfrisur.

In den USA entwickelte sich gleichzeitig zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, mit der zunehmenden Kritik an den kosumorientierten Lebensstil, eine Gegenkultur, die an Ansätzen der Lebensreform des ausgehenden 19. Jahrhunderts angelehnt war und entsprechende Ansätze der Beat Generation weiterführte. Ein eigener Dress-Code, lange Haare, Drogenexperimente, spirituelle Sinnsuche in außereuropäischen Kontexten, ökologisches Bewusstsein, Kommunegründungen, sexuelle Libertinage und experimentelles Theater charakterisierten die Bewegung, die sich in allen westlichen Industriestaaten entwickelte. Der Slogan „Love, peace and happiness“ veränderte sich durch die zunehmende Politisierung im Gefolge des Vietnamkriegs zu „make love, not war“. Der Vietnamkrieg verhärtete die Fronten zwischen den Supermächten und aktivierte in politischer und ideologischer Hinsicht die Jugend. 1966 kam es in den USA und Europa erstmals zu größeren Antikriegsdemonstrationen, die ein Ende der militärischen Besetzung Vietnams fordern. 1968 wird in der Tschechoslovakei die Hoffnung auf einen freiheitlichen Sozialismus mit dem Experiment des „Prager Frühlings“, durch den Einmarsch sowjetischer Truppen zunichte gemacht und in den USA und Westeuropa kam es wegen der zunehmenden Repression gegen die außerparlamentarische Opposition zu schweren Unruhen. Die Radikalisierung der APO wurde in der BRD von der großen Koalition von CDU und SPD mit einer Notstandgesetzgebung und einem massiven Ausbau und Aufrüstung des Polizeiapparates beantwortet.

Die „human-be-ins“ 1967 in San Francisco waren die Vorläufer der Festivals unter freiem Himmel, die dann 1969 mit dem Woodstock-Festival ihren Durchbruch hatten. Die über 200 000 Besucher dieses Festivals feierten nicht nur einen gelungenen Event, bzw. zelebrierten einen Markenstein der Gegenkultur, sondern waren für die Unterhaltungsindustrie auch ein Indikator für einen neuen kommerziellen Massenmarkt. Nicht nur die Musik, auch die subkulturellen Kontexte von Mode und Sexualität wurden vom „freien Markt“ integriert. Die Jugend avancierte in den sechziger Jahren zum Leitbild der Mode. Im Jahre 1967 erwarben die 15- bis 19jährigen 60 % aller Modeartikel. Durch die Einrichtung von Beatshops, Twen-Boutiquen und Fashion-corners in den großen Kaufhäusern wurde der „neuen, jugendlichen Mode“ Rechnung getragen und die Bekleidungsbranche boomte mit diesem Trend bis in die 70er.

13
Jan
10

Außerparlamentarische Opposition und sexuelle Revolution– Das Private wird politisch

„Das sich spontan an Orten mit hohem Publikumsverkehr, wie auf dem Bahnhofsvorplatz oder auf der Einkaufsmeile Zeil, Diskussionsgruppen bilden, die von allen Seiten her Zulauf haben und bei der viele der im Kreis Versammelten sich erregt an der Diskussion beteiligen, kommt in deutschen Großstädten offenbar nur selten vor. In Frankfurt jedenfalls habe ich es in fünfundzwanzig Jahren – in einem Vierteljahrhundert – nur drei-, nein viermal erlebt. Die Voraussetzung hierfür ist, wie mir scheint, nicht bloß ein bedeutendes Ereignis oder auch eine Kette von Ereignissen, sondern wesentlich scheint eine Polarisierung der Bevölkerung in divergierende Meinungen aufgrund der Ereignisse zu sein; ein einzelner Spinner kann solche »Massenkerne«, wie Canetti in »Masse und Macht« dieses Phänomen nennt, nur kurz binden, es müssen Massenkristalle in Form meinungstragender und meinungsbildender Gruppen vorhanden sein, und die »Mehrheitsmeinung«, das damals oft beschworene sogenannte »gesunde Volksempfinden, muss zumindest ins Schwanken geraten sein.“

„Fuchstanz“, Heipe Weiss, dipa-Verlag, Frankfurt a. Main, 1996

Die westdeutsche Gesellschaft durchlief in den sechziger Jahren einen tiefgreifenden Wandel, der Einstellungen, Lebensgefühl und Wertesystem der Nachkriegsgeneration nachhaltig veränderte. Neben der APO, der politischen Opposition, die sich unter dem Eindruck der Nürnberger Prozesse von 1962 und der NS-Vergangenheit von Bundespräsident Kiesinger und der 1968 folgenden Notstandsgesetze zunehmend radikalisierte, wurde ein Teil der Protestbewegung von Subkulturen getragen, die der Vereinzelung der privaten Lebenssituation solidarischer Gruppenerfahrungen entgegensetzten. Während der theoretische Diskurs des studentischen Protestes stark von sozialistischen und kommunistischen Ideologien beeinflusst war, war die Lebensform des Protestes und die sich entwickelnde Alltagskultur durch sinnliche Qualitäten bestimmt und fand ihren Ausdruck in neuen musikalischen Formen, freier Sexualität, Drogenkonsum und Experimenten mit alternativen Lebens- und Arbeitsformen.

„Ein Volk von sexuell Verklemmten, Gehemmten, Frustrierten, lässt sich leichter einschüchtern und unterdrücken als Menschen, die in  freier Selbstentfaltung Lusterfüllung erfahren“

hieß es in der Zeitschrift „konkret“, die 1968 die Aktion „Pille für jedes Mädchen“ startete – zu einer Zeit als es noch verboten war für Verhütungsmittel zu werben, es keine Kondomautomaten gab und die Pille nur an Verheiratete abgegeben werden durfte. Das Private, Sexualität, Musik und Mode wurden in dieser Zeit zum politischen Programm, so dass individuelle Emanzipationsversuche in einem Kontext der antiautoritären Bewegung, der sexuellen Revolution und der Studentenrevolte getragen und begleitet wurden. Andererseits wurden individuelle Erfahrungsansätze auf das Verständnis und die Vorstellung des gesamtgesellschaftlichen Körpers übertragen und somit ein dynamischer Emanzipations- und Erkenntnisprozess in Gang gesetzt.

„Wie kann man Politik von Sex trennen? Es ist ein und dasselbe: Körperpolitik. Politisch-sexuelle Wirklichkeit: für das Christentum ist der nackte menschliche Körper unmoralisch, nach dem amerikanischen Gesetz ist er illegal. Nacktheit wird als „obszöne Entblößung“ bezeichnet. (…)  Puritanismus führt zu Vietnam. Sexuelle Unsicherheit führt zu jenem Supermännlichkeitswahn, den man Imperialismus nennt. Die amerikanische Außenpolitik, insbesondere die Vietnam-Politik, wird nur dann verständlich, wenn man sie unter sexuellem Aspekt betrachtet. Amerika hat einen frustrierten Penis und versucht, ihn in den winzigen Schlitz Vietnams zu stoßen, um seine Männlichkeit zu beweisen.“

Zitat: Jerry Rubin, „Do It – Szeneario für die Revolution, München 1977 (Erstausgabe in den USA 1970)

Verschiedene sexualwissenschaftlichen Publikationen wie der Kinsey-Report von 1954, „Studenten-Sexualität“ (1968) von Gieses und Schmidt und die „Die sexuelle Reaktion“ von Masters und Johnson (1967) tragen mit zu einer veränderten  Einstellung zum Thema Sexualität in der Öffentlichkeit bei. Das Bindeglied zwischen Theorie und Praxis für die Bewegung lieferten u.a Theoretiker wie der 1939 in die USA emigrierte Wilhelm Reich mit seinen Veröffentlichungen „Die Funktionen des Orgasmus“(1927), „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) und „Die sexuelle Revolution“ (1936). Wilhelm Reich kritisierte die bürgerliche Sexualmoral, die zwangsläufig Doppelmoral und Unterdrückung der vitalen sexuellen Triebe mit sich bringt und daher zu Aggression und Frustration führten, welche sich oft in Lust an Herrschaft und Hierarchie ein Ventil schaffen müssten. Nach Reichs Auffassung bringt eine Befreiung der Sexualität eine friedliche Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen mit sich, die autoritären Herrschaftsstrukturen entgegenwirken. Daher sah er die Notwendigkeit der Arbeit an sich Selbst, am Individuum, mit dem Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Ein weiterer  Theoretiker war Herbert Marcuse (1898-1979) der mit seinen Werken „Eros und Kultur“(1955) und „Triebstruktur und Gesellschaft“ die Utopie einer von repressiven Zwängen und Autoritäten befreiten Kultur entwickelte, die großen Einfluss auf die europäische Studentenbewegung hatte. 1972 formulierte er eine politische Strategie, die in der Studenten- und Alternativszene großen Nachhall fand.

„Die individuelle Befreiung (…) muß im besonderen Protest die allgemeine Befreiung vorwegnehmen, und die Bilder und Werte einer künftigen freien Gesellschaft müssen in den persönlichen Beziehungen innerhalb der unfreien Gesellschaft bereits auftreten. Die sexuelle Revolution zum Beispiel ist nur dann eine Revolution, wenn sexuelle Befreiung mit politischer Moral verknüpft ist“
(Marcuse 1973)

In den späten sechziger Jahren entstand in Verbindung mit der Studentenbewegung eine neue autonome Frauenbewegung. Ab Anfang der siebziger Jahre bildeten sich in fast allen größeren Städten der Bundesrepublik Frauenzentren, Frauenforen und Frauenhäuser, in denen die Isolation der Frauen in Familie und Beruf aufgebrochen und ein frauenspezifisches Selbstbewusstsein geschaffen wurde. 1971 verschaffte Alice Schwarzer mit der Selbstanklagekampagne „Ich habe abgetrieben“ die im Magazin „Stern“ publiziert wurde, den Frauengruppen die sich für die ersatzlose Streichung des §218 einsetzten, eine große Öffentlichkeit.1974 reformierte der Bundestag den §218 mit einer Fristenregelung, die den Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate nicht als „Tötungshandlung“ ansieht und Straffreiheit zusichert. 1975 lehnt der Bundesrat die Gesetzesvorlage allerdings ab, das Gesetz wurde in eine Indikationslösung umgewandelt. Erst seit 1995 wird Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Woche im Rahmen einer Beratungspflicht toleriert. Die Frauenbewegung der BRD war alles andere als homogen. So gab es im Zuge der 68er Gruppen die vom theoretischen sozialistischen Diskurs beeinflusst waren wie auch radikal-feministische Standpunkte von Frauen, die gegen die Unterdrückung der Frau durch die bestehenden Sexualnormen und patriarchalischen Verhaltensweisen vorgingen und diese thematisierten. Die Frauen konzentrierten sich nicht nur auf die Beseitigung der vielen rechtlichen und realen Benachteiligungen in Gesellschaft und Familie. Das geschlechtliche Rollenverständnis in der patriarchal bestimmten Gesellschaft wurde grundlegend analysiert und kritisiert und die Frauen begannen von den Männern deutliche Verhaltensänderungen im privaten Bereich einzufordern.

Nach dem es 1969 in New York zu mehrtägigen Straßenschlachten von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen die Polizeirepression in der Christopher Street in Greenwich Village gekommen war, erschien 1971 in Deutschland der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“(1970) von Rosa von Praunheim. Der Film spielte eine wichtige Vorreiterrolle für die aufbrechende Emanzipationsbewegung der Homosexuellen in der BRD. Er wurde in den 70er Jahren mehrmals im Fernsehen ausgestrahlt. Praunheim ließ sich für diesen Film von dem Soziologen Martin Dannecker beraten, der zusammen mit Reimut Reiche eine der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen über Homosexualität veröffentlicht hatte („Der gewöhnliche Homosexuelle“/Fischer Verlag). Der Film zeigt Ausschnitte der schwulen Subkultur, die damals im Verborgenen existieren musste. Der Film fordert die Schwulen zu einer kämpferischen und solidarischen Emanzipation auf. Zu dieser Zeit gründeten sich die ersten politischen Schwulengruppen der Nachkriegszeit und 1972 wurde in Münster die erste Schwulendemo in der Geschichte der Bundesrepublik durchgeführt.  Der Paragraph 175 wurde 1969 erstmals reformiert und 1973  kam es zu einer zweiten Reform. Seitdem waren nur noch homosexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar.

Der Paragraph 175 war seit 1871 Bestandteil des deutschen Strafgesetzes. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Bis 1969 bestrafte er auch die „widernatürliche Unzucht mit Tieren“ (ab 1935 unter §175b ausgelagert). 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragraphen 175, unter anderem durch Anhebung der Höchststrafe von sechs Monaten auf fünf Jahre Gefängnis. Darüber hinaus wurde der Tatbestand von beischlafähnlichen auf sämtliche „unzüchtigen“ Handlungen ausgeweitet. Der neu eingefügte Paragraph 175a bestimmte für „erschwerte Fälle“ zwischen einem und zehn Jahren Zuchthaus. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte die DDR 1950 zur alten Fassung des Paragraphen 175 zurück, beharrte aber gleichzeitig auf einer weiteren Anwendung des Paragraphen 175a.  Die Bundesrepublik hielt zwei Jahrzehnte lang an den Fassungen der Paragraphen 175 und 175a aus der Zeit des Nationalsozialismus fest, bis er dann 1969 und 1973 erstmals reformiert wurde. Nach einer gescheiterten Gesetzesinitiative der Grünen in den 80er Jahren wurde der Paragraph 175 im Zuge der Rechtsangleichung mit der ehemaligen DDR erst 1994 aufgehoben. Insgesamt wurden etwa 140.000 Männer nach den verschiedenen Fassungen des Paragraphen 175 verurteilt.

In den 80er Jahren wurden mehrere Dachverbände der  Lesben- und Schwulenbewegung gegründet und die Zahl der Selbsthilfegruppen stieg um ein Vielfaches auf über 400 an (1986) Die Christopher Street Day-Parade, als Andenken an den Stonewall-Aufstand in New York, erstmals 1983 in Berlin organisiert, entwickelte sich in vielen deutschen Städten  von einer politischen Demonstration hin zu einem beliebten Straßenumzug mit Volksfestcharakter und hunderttausenden von Teilnehmern

Eine maßgebliche Voraussetzung der sexuellen Revolution wurde mit der Anti-Babypille geschaffen. 1960 brachte der Chicagoer Pharmakonzern „C. D. Searle“ mit „Enovid 10“ weltweit die erste Pille auf den amerikanischen Markt. Ein Jahr später wurde die Antibabypille in der Bundesrepublik (in DDR 1965, mit „Ovosiston“) zugelassen. Die Berliner Schering AG bediente mit „Anovlar“  den deutschen und europäischen Markt. 1970 verkaufte dieser Pharmakonzern in der BRD 27,8 Mio. Packungen. Die Folge war der sogenannte „Pillenknick“, zwischen 1963 und 1978 sinkt die Zahl der Geburten um fast 50%. Bis heute ist das verschreibungspflichtige Medikament weltweit das erfolgreichste Verhütungsmittel: rund 35% aller Frauen nehmen es ein. Das Präservativ hatte sich als massenwirksames Verhütungsmittel nicht durchsetzen können, so dass mit der Pille erstmals sexueller Verkehr mit einem oder wechselnden Partnern für viele möglich wurde, ohne das die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft bestand. Ehe und Kleinfamilie, als sozialer Zweckverband waren somit nicht mehr zwingend notwendig.

„Diese »freie Liebe« oder uneingeschränkte Sexualität war nicht allein Konsequenz der »goldenen Pille«, sondern nach Jahrhunderten der Bedrohung durch die unheilbare Syphilis dank Penizillin erstmals relativ gefahrlos möglich. All die damit verbundenen Tabus (mach dich nicht unglücklich, Kind!) waren plötzlich obsolet, und so öffnete sich für 15 Jahre ein sexualhistorisches Fenster, das dann 1982 plötzlich durch AIDS wieder zugeschlagen wurde.“
„Fuchstanz“, Heipe Weiss, dipa-Verlag, Frankfurt a. Main, 1996

Ludwig Haberlandt(1885-1932), entdeckte bereits 1919 das Prinzip der Pille, das auf der Zuführung von Schwangerschaftshormonen beruhte, die zu einer Unterdrückung des Eisprunges bei der Frau führten. Er bewies experimentell seine Annahmen und 1927 waren seine Testserien an Kaninchen und Mäusen abgeschlossen. Er ließ daraufhin in Budapest Vorbereitungen zur Produktion des weltweit ersten hormonalen Verhütungsmittels treffen. Sein plötzlicher Tod unterbrach jedoch die laufenden Arbeiten

Der sexuelle Liberalisierungsprozess führte in den 70er Jahren zu einem veränderten Meinungsbild und Verhaltensweisen. Ehescheidungen wurden nicht mehr in dem Maße moralisch verurteilt und 1972 war in der BRD die Anzahl der Scheidungen erstmals höher als die der Eheschließungen. Gegenüber der Homosexualität und der Prostitution entwickelte sich eine größere Toleranz und voreheliche Sexualkontakte galten inzwischen als normal. Während 1967 in Westdeutschland noch 43% der jungen unverheirateten Männer und 65% der jungen unverheirateten Frauen eine nicht-eheliche Lebensgemeinschaft ablehnten, waren es 1973 nur noch 5% der Männer und 2% der Frauen Die Kommerzialisierung von Sexualität und ihre Überhöhung zum emanzipatorischen Faktor waren eng miteinander verbunden und oft von einem männlichen Blickwinkel bestimmt. In den 60er und 70er Jahren wurde das sexuelle Bild als eher subversives Element charakterisiert – ein Ausdruck des Protestes der Jugend gegen das Establishment. Es wurde allerdings nicht als obszönes Stilmittel gegen den politischen Gegner verwendet, wie dies bei pornographischen Pamphleten der französischen Revolution der Fall war, sondern eher als Lock- und Reizmittel. Linke Wochenmagazine wie Pardon und konkret warben beispielsweise zu dieser Zeit mit barbrüstigen bis nackten Frauen auf ihren Titelblättern. Im Zuge der Kommerzialisierung wurde der Impuls des sexuellen Bildes als eines der Kultur der Befreiung allerdings schnell überführt in eines der Ausbeutung, in der die bestehenden sexualmoralischen Paradigmen konserviert wurden. Spätestens Ende der 70er Jahre hatte das sexuelle Bild seine subversive Funktion verloren.

Faulstich Werner, 1994, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick
Seeßlen, Georg/ Bernhard Roloff (Hg.)  1980, „Ästhetik des erotischen Kinos“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Kommunen, Kollektive und Wohngemeinschaften

Die wohl konsequenteste Weiterführung der 68-Bewegung fand dort statt, wo versucht wurde, an der Basis neue Lebensformen einzuüben: Wohngemeinschaften, Kommunen, Kinderläden, Kneipen- und andere Arbeitskollektive, Naturkostläden, freie Schulen, Jugendzentren, Frauenhäuser, pädagogische und sozialtherapeutische Projekte, etc. Das Experimentieren mit alternativen Lebensformen, der „abgeschnittene Faden“ zur Weimarer Reformbewegung, wurde zu dieser Zeit nach vierzigjähriger Unterbrechung wieder aufgenommen.

1966, nach einer Versammlung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS)  wurde von einer Gruppe von ca. 30 Menschen die Gründung von Kommunen angeregt. Die erste – und auch bekannteste – Kommune war die Ende 1966 in Westberlin gegründete K1 (aus der so bekannte Personen wie Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel hervorgingen) Eines der Ziele der Kommunegründung waren die eigene Psychoanalysierung und die Befreiung von der bürgerlichen Sexualnormen. Verschiedene politische Aktionen und die Beziehung eines Kommunarden mit dem Modell Uschi Obermayer verschafften der Kommune I eine ausgesprochen große Medienöffentlichkeit. Die K1 löste sich bereits im November 1969 endgültig auf. Ebenfalls 1967 wurde die SDS-Kommune K 2 gegründet. Hier stand die gemeinsame politische Arbeit im Vordergrund, später beschäftigten sie sich hauptsächlich mit den psychischen und neurotischen Problemen der Gruppenangehörigen, mit Beziehungen und Gruppendynamik. Diese Kommune hatte einen großen Anteil an dem theoretischen, wie praktischen Diskurs zur Entwicklung der antiautoritären Erziehung und dem Aufbau von Kinderläden. Die Kinderladen-Idee wurde neben der Kommune II, vom Aktionsrat zur Befreiung der Frau, von sich rasch bildenden Initiativgruppen unter den linken Studenten, unter Künstlern und Berufslosen Berlins verbreitet. Im Mai ’68 existierten drei Läden, im Februar ’69 arbeiteten 15 Gruppen, elf davon hatten schon einen Laden bezogen.  Eine weitere Kommune, die K3 hatte sich der Kulturrevolution verschrieben. Sie wurde 1970 in Wolfsburg gegründet und bereits 1971 von der Polizei aufgelöst. In den 1970ern setzten nach den politischen Stadtkommunen mehrere unterschiedliche Bewegungen ein. Die drei bedeutsamsten waren: Die neu gegründeten Kollektive, viele tausend kleine Betriebe, in denen versucht wurde selbstbestimmt und gleichberechtigt zu arbeiten. Die Gründung von Landkommunen, welche etwa um 1975 einsetzte und die in den ’70ern beginnende Hausbesetzer-Bewegung, in denen die politischen Ansprüche der 68er in Form einer anderen Alltagskultur mit Ansätzen einer gemeinsamen Ökonomie, basisdemokratischen Entscheidungsstrukturen und ökologischen und radikalpolitischen Leitgedanken weitergetragen wurden.

Heute ist die Wohngemeinschaft eine normale Wohnform, bei der die politischen Ansprüche der 60/70er Jahre allerdings keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Viele Menschen leben inzwischen aus Gründen der Kostenersparnis zusammen und bevorzugen diese Art von Gemeinschaftsleben gegenüber dem familiären Haushalt. Allein ca. 22% der Studierenden , ungefähr 445.000 lebten im Jahr 2003 in der Bundesrepublik Deutschland in Wohngemeinschaften.

Otto Mühl (er wirkte, bzw. spielte an den Filmen „Schamlos“ (1968), „Wunderland der Liebe“(1970) und „Sweet Movie“(1973)  mit), ein Wiener Aktionskünstler der im Umfeld der Studentenbewegung wirkte, gründete 1973 mit seiner Wohngemeinschaft die AA-Kommune (AAO = Aktions-Analytische Organisation) auf dem Friedrichshof bei Wien. Auch hier ging es vor allem darum, den bürgerlichen „Kleinfamilienmenschen“ in sich zu überwinden. Sie propagierte und praktizierte „freie“ Sexualität und nutzten Wilhelm Reich für ihren theoretischen Überbau. Um die gruppeninternen Konflikte zu regeln, gab es ein ganzes Arsenal kommunikationspsychologischer Methoden: Gesprächanalyse, Aktionsanalyse (z.b. Malen und Tanz, Urschreitherapie), Selbstdarstellung und ein offenes (darstellerisch agressives) Ausleben des Konkurrenzprinzips. Diese an für sich erfolgsversprechenden Methoden wurden allerdings langfristig dogmatisch und reduktionistisch eingesetzt, so dass sich bald sektiererische Tendenzen bemerkbar machten. Wer in die AAO einsteigen wollte musste sich in der Anfangsphase die Haare scheren lassen, sein ganzes Privateigentum der Organisation als „Darlehen“ übertragen und sich den Entscheidungen des „Kollektiv“, bzw. der Autorität der „Kommunikationstrainer“ unterwerfen. Zweierbeziehung waren streng verboten, ständiger Partnerwechsel mit sexuellem Verkehr gehörten zum Dogma der AAO.  Es entstanden mehrere Ableger der AA-Kommune z.B. in der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Holland und Skandinavien. 1992 wurde Otto Mühl zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er angeblich Organisationsmitglieder, darunter auch Kinder und Jugendliche, sexuell missbraucht habe. Die Kommune löste sich auf.

Ein weiteres Projekt dieser Zeit, allerdings in den USA gelegen, war die Sandstone-Kommune, in der Umgebung von Los Angeles, mit den offiziellen Namen „Sandstone Foundation for Community Systems Research“. Sie wurde 1969 von John und Barbara Williamson und einer Reihe von Therapeuten und Financiers als ein radikales soziales Experiment gegründet. Dort wurde versucht die Auswirkungen einer repressiven Sexualerziehung zu überwinden indem man anstelle monogamer Beziehungen Partnertausch und offene Sexualbeziehungen thematisierte und praktizierte. Die Kerngruppe der Kommune setzte sich aus einer Handvoll von Paaren zusammen, hinzu kamen Gäste und zahlende Clubmitglieder, die in den Hochzeiten der Kommune bei 400 Personen gelegen haben soll. Sandstone entsprach aber weder dem Klischee einer Landkommune, noch dem eines der damals populären Swinger-Clubs. Es wurden über das Jahr verteilt spezielle Events, Workshops und Seminare angeboten und Publikationen herausgegeben. Ein Großteil der Clubmitglieder nutzte vor allem am Wochenende die Möglichkeiten eines sexuellen Experimentierfeldes. Die Finanzkräftigeren unter ihnen konnten einen Standard und ein Ambiente vergleichbar mit dem eines Hotels in Anspruch nehmen – mit Räumlichkeiten für Gruppen und Paare, Bars, Restauration und Swimming Pool – weitergehend standen verschiedene kommunale Schlafbereiche zur Verfügung. Nach vorheriger Absprache konnten Mitglieder Gäste mitbringen. Auf ein Mindestalter von 18 Jahren und ein ausgeglichenes Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen, nicht den Tag über, aber ab 18.00 Abends, wurde strikt geachtet. Die Kommune existierte zwischen 1969 und 1973, wurde 1974 unter dem neuen Besitzer Paul Paige wiedereröffnet und musste Ende 1976 aufgrund finanzieller Schwierigkeiten endgültig aufgeben. In den Büchern von Gay Talese, “Thy Neighbor’s Wife” und Dr. Alex Comfort, “More Joy”(1973) wird die Geschichte von Sandstone ausführlich dokumentiert. Das Ehepaar Jonathan und Bunny Dana, die ein Jahr in der Kommune lebten, realisierten 1974 den Dokumentarfilm „Sandstone“.

Eine weitere Kommune, die Ende der 70er populär wurde und Anfang der 80er in der Medienöffentlichkeit diskutiert wurde, war die Ashrams von  Bhagwan. Sie stand allerdings nicht mehr im Kontext einer politischen Zielsetzung, sondern in der der „Neuen Innerlichkeit“ und spirituellen Sinnsuche: Nicht wenige Einzelpersonen aus politischen Zusammenhängen, die von den aktuellen Entwicklungen frustriert waren, fühlten sich von dem Konzept der „inneren Befreiung“ durch  Körperarbeit, psychologischen Therapien und Meditation angezogen. Zwischen der linken Szene und den orange-gekleideten Baghwanis gab es so gut wie keine Anknüpfpunkte mehr. Bhagwan Rajneesh Chandra Mohan gründete 1969 in Bombay seinen ersten Ashram, den er 1974 nach Poona verlegte. Dort lehrte er von ihm entwickelte meditative Techniken, die vom Tantrismus, Buddhismus und westlichen Therapieformen beeinflusst waren, darunter die „Dynamische Meditation“ und die „Kundalini Meditation“. Im Zentrum seiner Lehren standen Themen wie Liebe, Sexualität und Meditation, auch die Überbetonung des rationalen Elementes beim modernen westlichen Menschen unterzog er immer wieder unter Rückgriff auf die Humanistische Psychologie (W. Reich, A. Janov, Fitz Perls) der Kritik. In therapeutischen Gruppen und Tanzmeditationen sollten blockierten Energien gelockert, aufgestaute Aggressionen und Sexualität freigesetzt werden, um so Selbsterfahrung und Bewusstheit zu ermöglichen. Ziel war ein ausgewogenen Verhältnis zwischen Denken und Fühlen, so dass nicht nur der Verstand den Menschen kontrolliert. Seine unkonventionellen Lehrmethoden und seine 93 Rolls-Royces führten in der Öffentlichkeit zu einer Polarisierung: während die einen ihn als Bhagwan verehrte, wurde er von andern als Sexguru bezeichnet. 1981 siedelte der Ashram nach Oregon (USA) über, wo es allerdings bald zu internen Zerwürfnissen und zu Konflikten mit den amerikanischen Behörden kam. 1985, nach der Verhaftung von Rajneesh, wurde der Ashram in Oregon aufgelöst. Vier Jahre nach der Verhaftung starb dieser mit 59 Jahren. Der Ashram in Indien/ Poona existiert weiterhin, wie auch einige der Meditationszentren, die oft über Betriebe wie Restaurants, Reisebüros und Discotheken wirtschaftlich autark sind. Viele der ehemaligen Mitglieder der Ashrams sind in der Körpertherapie tätig und in den Strukturen der New-Age-Bewegung eingebunden.

13
Jan
10

Der Online-Pornographiemarkt in Deutschland

(Die Funktionsweisen des Internetgeschäfts und einzelne Segmente der Branche werden ausführlich im Kapitel über die us-amerikanische Onlinepornographie abgehandelt)

Der deutsche Markt im Verhältnis zur us-amerikanischen Branche

Die Sexindustrie, insbesonders die Online-Pornographie in Deutschland, hat keine vergleichbare Markttransparenz erreicht, wie dies in den USA der Fall ist, wo neben den regelmäßigen Publikationen der Trader-Organisation AVN und verschiedenen Adult-Webmaster-Boards, wie die von YNOT, eine Vielzahl von Informationen über die Branche aus dem Internet zu beziehen sind. Weiterhin ist auffällig, dass das pornographische Angebot zwar das gesamte Nischensegment abdeckt, es im deutschen Raum aber keine Internetprojekte und Webcommunities gibt, die eigenständige AlternaPornseiten hervorgebracht haben – ein Segment, welches in den USA sehr populär und kommerziell erfolgreich ist. Bis vor kurzem gab es keine allgemein anerkannte Interessvertretung der Branche mit einer öffentlichkeitsorientierten Informationspolitik. Dies lag vielleicht daran, dass man gegenläufigen juristischen Strategien keine Informationen liefern wollte, oder das man aufgrund der Konkurrenzsituation auf dem Markt darauf verzichtete. Andererseits zeigt sich mit der zunehmenden Anzahl von Branchenveranstaltungen eine Bereitschaft zur Kooperation und zum Aufbau von Netzwerken – eine Tendenz, die Markttransparenz voraussetzt. In den letzten Jahren sind unter den aufgeführten Sponsoren und Medienpartnern der Messen us-amerikanische Unternehmen in steigender Anzahl präsent, was auf eine bevorstehende Konsolidierung des Internetmarktes unter globalen Vorzeichen hindeutet. Die US-Trader-Organisation AVN gibt seit 2008 das Magazin „AVN-Europe“ heraus. Erhältlich als Druckpublikation oder als Onlinepräsenz. Die Redaktionsadresse liegt in Budapest.

Als eine deutsche Branchenvertretung sah sich der „Interessenverband Neue Medien e.V (IVNM)“, dem fast ausschließlich Betreiber des Erotik-Business angehörten. In den Mitgliederlisten des IVNM waren 2004 204 Mitglieder aufgeführt, die meisten als „außerordentlich“ klassifiziert  Von den insgesamt 8 ordentlichen Mitgliedern waren drei über das Internet nicht mehr erreichbar. Zu den anderen gehörten die „Erodata GmbH“, die mit ihrem kostenlosen Jugendschutzsystem „ueber18.de“, mit 17.000 angeschlossenen Webseiten, zu dieser Zeit deutscher Marktführer auf diesem Gebiet war. Der Berliner „starweb-service.de“  und die schwedische Aktiengesellschaft „Artergo International“. Artego ist ein Internet Service Provider, der Domains, Webspace, Server und Partnerprogramme für Adult-Webmaster anbietet. Weitere tragende Mitglieder waren die deutschen Unternehmen „FIS- Fuerst Internet Solution“ und die „RST-Datentechnik“. In der Vergangenheit wurden eingetragenen Mitgliedern dieses Interessenverbandes unseriöse Geschäftspraktiken nachgewiesen, ohne das der Vorstand darauf angemessen reagierte. Es handelte sich um einen Fall von Dialermissbrauch, wo von der Firma ISAS (Jörg Dudzinski)  ahnungslosen Websurfern über Domains wie  hausaufgaben.de, malvorlagen.de, rauchen.de, etc. Dialer vorgeschaltet wurden, die mit 1,86 Euro pro Minute abgerechnet wurden. Die Webpräsenz des IVNM war eine einfach gestaltete Webseite, die außer der Auflistung ihrer Mitglieder keine weiteren Informationen zu bieten hatte. Weitere Zugänge waren nur für Mitglieder gedacht und verlangen die Eingabe eines Passwortes. Dies ist symptomatisch für viele deutschsprachige Onlinepräsenzen der Branche. Der Interessenverband Neue Medien e.V. wurde im  Oktober 2006 aufgelöst. Liquidatoren des IVNM waren u.a. der Hamburger Rechtsanwalt Marko Dörre.

Auch die Webseiten der verschiedenen Messen und Kongresse – bieten kaum weiterführende Informationen. Deutsche Adult-Webmaster-Boards, wo umfangreiche Ressourcen für einen Unternehmensstart ins Netz gestellt – und Geschäftsideen und Branchentrends diskutiert werden, sind in der Qualität, wie dies im englischsprachigen Raum der Fall ist, selten, obwohl sich dies zu ändern beginnt. Deutsche Boards, die eine nennenswerte Aktivität in ihren Foren zu verzeichnen haben, sind  pornhulk.net/, jaginforum.de/ und webroyals.net/. Das Board EU38 vertritt einen anderen Ansatz. EU38.COM ist ein 2008 gegründetes europaweites Adultwebmasterforum, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, Kooperationspartner aus den verschiedenen Sprachregionen zusammen zu führen. Für jede Sprachregion soll jeweils ein Forum in Landessprache und eines in Englisch angeboten werden. Realisiert sind bis jetzt die Foren für die Märkte Deutschland, Holland, Italien, Frankreich und Spanien. Initiiert wurde das Forum von den Firmen Translationsxxx (Moreno Aguiari), der holländischen Mediacast BV (Pascal Stegers/camchoice.com) und Momo-Net (Thommy Oliver). Weitergehend bieten Unternehmen wie „Sexmoney“ und“Pixelcut New Media”(awm-ressource) auf ihren Webseiten  Informationen und Adult-Webmaster-Akademien im Rahmen eines Geschäftsmodells an, wo die Wissensvermittlung die Weitergabe personenbezogener Daten oder sogar die persönliche Teilnahme voraussetzt.

Das seit 2001 existierende Online-Magazin mit dem Namen „German-Adult-News“, der auf Hintergrundinformationen und weiterführende Links hoffen lässt, zeigte bis 2006/7 zwar eine illustre Liste von deutschen und internationalen Filmstudios, bot aber hauptsächlich Kurzweiliges aus dem Pornobusiness als Bestandteil der Konsumentenwerbung. Filmvorstellungen und Informationen zu Pornofilmstars dominierten das Angebot. Inzwischen präsentiert sich German-Adult-News mit einem neuen Weblayout und einer informellen Gliederung, die vielversprechend ist, wenn es denn Autoren gäbe, die diese auch mit Inhalten füllen würden. Den Anspruch eines Kommunikationsmediums und einer informellen Ressource für die Branche werden die Betreiber dieser Seite auf jeden Fall nicht gerecht. Das Online-Zine BRAD ist in dieser Hinsicht deutlich informativer. BRAD – (Broadcasting Adult Directory) bietet seit Anfang 2008 branchenspezifische Fachinformationen für das Online, Mobile und DVD-Business an. Chefredakteur und Herausgeber ist Bernhard Bradatsch /München.  Betreiber der gleichnamigen Webseite ist die S.C.NEM International mit Sitz in Bukarest/Rumänien.

Andererseits werden Messen wie die „Venus Fair“ in Berlin und regelmäßig stattfindende Kongresse der Online-Pornographie, wie die „Eurowebtainment“, der „Adult Web Master-Event (AWM) in Hamburg, die „Adult-Online-Point“(AOP), die seit 2006 in Kooperation mit dem Hamburger „Bundesverband Erotik Handel e.V.“ organisiert wird, die „AdultOnlineEurope“ und die „World Telemedia“ zur Unternehmenspräsentation und zum Networking genutzt.

Die Organisatoren, die „VenusBerlin GmbH“, bei der – über PralineOnline auch der Bauer Verlag beteiligt ist – veranstalteten April 2006 die erste „VenusParis“ und schufen damit die Möglichkeit für Kooperationen mit französischen Branchenunternehmen, welche im Verhältnis zu dem deutsch- und englischsprachigen Raum weit weniger entwickelt ist