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Feb
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Stadtentwicklung und „soziale Fremdkörper“



Hamburgs Eingliederung in den preußischen Nationalstaat-Wahlrechtsunruhen und Gewerkschaftsorganisation

Die 90er Jahre des 1900 in Hamburg sind nicht nur gekennzeichnet durch die Choleraepidemie und die darauffolgende Reform der hygienischen Verhältnisse, die Stadtsanierung unter dem Vorzeichen der „Citybildung“, die Umstrukturierung des Hafens und der Bildung von Arbeitgeberorganisationen – und auf der anderen Seite – die Bildung einer starken Gewerkschaftsorganisation und der Etablierung der Sozialdemokratie, sondern auch durch einen Sieg des Preußentums, der staatlichen Intervention über den Laisser-faire des bürgerlichen Liberalismus.

Hamburg war im 19.Jh. größtenteils eine „Freie Stadt“, ein autonomer Staat im Deutschen Bund und nach 1871, wenn auch eingeschränkt, innerhalb des Deutschen Reiches. Das ganze 19.Jh hindurch und darüber hinaus bestand der Senat aus Mitgliedern eng verflochtener Patrizierfamilien, die über ein weitreichendes Netz von Verwandtschaftsbeziehungen den wohlhabensten Teil der Handels- und Finanzwelt Hamburgs stellten. Viele dieser Hamburger Familien, die die Senatoren stellten, waren nicht deutschen Ursprungs; so die Amsincks, die Chapeauxrouges, Godeffroys, Slomans und die O`Swalds. Die Amsincks stellten den Bürgermeister Wilhelm Amsinck (1752 – 1831) und heirateten in eine Vielzahl anderer Senatorenfamilien ein, wie die Gosslers, Sievekings, Burchhards, Westphals und Mercks – alles sehr vermögende Familien mit dementsprechenden politischen Einfluss. Als reichster Mann der Stadt galt Anfang des 20 Jh. der Reeder Henry Slomann, dessen Vermögen auf 60 Millionen Mark geschätzt wurde, auch er war über diese Heiratspolitik mit den Amsincks verwandt.

Als letzter der norddeutschen Staaten trat Hamburg 1871 dem Deutschen Reich bei. Als Konsequenz dieses Beitrittes wurde die alte Hamburger Währung – 12 Pfennige auf den Schilling, 16 Schilling auf die Mark Banco – durch die Dezimalwährung des Reiches ersetzt. Das Bürgermilitär wurde abgeschafft und das Hanseatische  Infanterieregiment unter preußischen Oberbefehl gestellt. Bereits Ende der 50er Jahre gewann die pro-preußische Partei im Hamburger Senat allmählich die Oberhand. Einer ihrer politischen Führer war Johannes Versmann, der lange Zeit Mitglied im oppositionellen St. Pauli–Bürgerverein war – und dann, ab 1861 einer der bedeutensten Senatoren seiner Zeit in Hamburg, bis zu seinem Tod im Jahr 1899.

Der St. Pauli-Bürgerverein wurde 1843 gegründet um eine Interessenvertretung für das außerhalb der Stadtwälle gelegene Hafenviertel zu schaffen. Er entwickelte sich, neben dem 1832 gegründeten Grundeigentümerverein, schnell zu einem Hauptzentrum der Opposition gegen die oligarchische Herrschaft des Senats. 1892 gab es insgesamt 32 Bürgervereine, die größtenteils in einem Zentralausschuss organisiert waren. Diese Vereine übten Druck auf den Senat aus was sanitäre Einrichtungen, die Wasserversorgung, die Elektrifizierung, die Pflasterung der Straßen und die Müllbeseitigung betraf. Später übernahmen sie die Ausrichtung der Wahlen zur Bürgerschaft. Ihre Mitglieder kamen in der Regel aus dem Besitz- und Kleinbürgertum.

Versmann machte im Senat seinen Einfluss geltend und versuchte zu überzeugen, dass man dem preußischen Druck in Fragen der Angliederung ans Reich nachgeben müsse. Seinen größten politischen Erfolg erzielte er in Fragen des Zollanschlusses, wo es ihm gelang einen Kompromiss auszuhandeln, zwischen den Hamburger Kaufleuten – klare Befürworter des Freihandels – und den Preußen unter Bismarck, die eine Einführung von Importzöllen verlangten. Als dessen Resultat entstand die Speicherstadt, ein zollfreies Gebiet, welches weiterhin von Hamburg verwaltet werden durfte. Die Eröffnung des Freihafens und der Beitritt zum Deutschen Zollverein 1888 markierten den Sieg der pro-preußischen Partei über die Alt-Hamburger Partikularisten.

1865 werden in Hamburg die Privilegien der Zünfte abgeschafft und die Freiheit des industriellen Unternehmertums eingeführt. Bereits 1879 soll es in Hamburg 500 Fabriken mit ca. 16 000 Arbeitern gegeben haben. Zahlen die sich bis 1890, vor allem durch die Eröffnung des Freihafens fast verdoppelten. Durch diese wirtschaftliche Expansion kam es zu zunehmenden Kapitalkonzentrationen – bei den Reedern, die 1884 den Verein Hamburger Reeder gründeten und im Schiffbau, wo sich 1888 über siebzig Werften und Schiffsausrüster im Verband der Eisenindustrie unter dem Vorsitz von Herrmann Blohm zusammenschlossen. Dieser Organisationsprozess war geprägt durch die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen die zwischen den Personen der Hamburger Wirtschaftselite bestanden. So saß Albert Ballin, der Generaldirektor der Hapag- Schiffartslinie auch im Vorstand der Woermann-Linie, der Kosmos-Linie und der Levante-Linie.

Mit dem Ende der Zunftprivilegien im Jahr 1865 kam es erstmals zu Streiks auf breiter Grundlage, so fanden allein in diesem Jahr dreißig Streiks statt. Ende der 80er Jahre kam es zu einer größeren Streikwelle mit mehr als 30 Ausständen und Aussperrungen zwischen den Jahren 1888 bis 1890. 1890 planten die Hamburger Gewerkschaften in Befolgung eines Aufrufes des Gründungskongresses der Zweiten Sozialistischen internationale, eine Mehrzahl von Streiks. Die Arbeitgeber reagierten ihrerseits durch die Organisierung in einem Arbeitgeberverband und gingen gegen die Arbeiter mit Aussperrungen und Entlassungen vor, von denen fast 20 000 Arbeiter betroffen waren. Diese große Streikwelle, das wachsende politische Bewusstsein und die Organisierung der Arbeiterschaft auf internationaler Ebene rief unter den Kaufleuten, Industriellen und dem Senat ernsthafte Besorgnis hervor. Der Handel hatte unter den Streiks erkennbare Einbußen hinnehmen müssen und in der bürgerlichen Öffentlichkeit entstand ein Bedrohungsszenerario in welchem die Unterschichten ernsthaft die Autorität und Vorherrschaft der Patrizierfamilien und der Besitzbürger gefährdeten.

Die ersten Ansätze einer organisierten Arbeiterbewegung sind bereits 1844 mit der Gründung des „Arbeiter-Bildungsvereins“ und durch die Gründung von Lassalles konkurrierenden „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ spürbar. 1869 wurde dann in Eisennach die sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Der ständige Sitz der Partei war, aufgrund der großen Anhängerschaft, von 1871 – 1878 die Hansestadt Hamburg. Allerdings spielten während des Aufstiegs der Arbeiterbewegung lokale Probleme kaum eine Rolle. Die Parteifunktionäre orientierten sich an Zielen, die auf Reichsebene zu verwirklichen waren. Erst ab den 90er Jahren begannen die Sozialdemokraten sich allmählich für Problematiken auf lokaler Ebene zu interessieren, blieben auf kommunalpolitischer Ebene allerdings weitgehend inaktiv.

Durch das eingeschränkte Wahlrecht blieb in allen deutschen Städten, wie auch in Hamburg, die Teilhabe am politischen Leben der Gemeinde einer kleinen Elite von Grundeigentümern und Besitzbürgern vorbehalten. Die Arbeiterklasse war so gut wie überall vom Wahlrecht ausgeschlossen. So wird vielleicht  verständlich warum den städtischen Sanierungsmaßnamen, die in ihren Umfang einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung in der Innenstadt betraf, kaum Widerstand in den politischen Institutionen entgegengesetzt wurde. Das allgemeine Wahlrecht für die Reichstagswahlen galt zwar nach dem Prinzip – ein Mann, eine Stimme – hatte für die Hamburger Verhältnisse zu dieser Zeit aber keine Bedeutung.

Das allgemeine Wahlrecht wurde von Bissmark zuerst für den Norddeutschen Bund und dann für das gesamte Reichsgebiet eingeführt – unter der Annahme, das das Gros der Landbevölkerung konservativ wählen würde. Doch die Wahlbeteiligung der Arbeiterschaft stieg stetig, von 28% im Jahr 1871, auf über 40% (1874) bis auf 69% (1877). 1887 erreichte sie schließlich 80%. Die wachsende Wahlbeteiligung und das sich entwickelte politische Bewusstsein wurde zum Großteil von der Sozialdemokratie aufgefangen.

Die neu entstehende Arbeiterklasse war die Basis für die zunehmende Bedeutung der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Seit 1890 hatte die Partei eine so breite Unterstützung in der Arbeiterschaft, dass sie ohne Unterbrechung die drei Sitze Hamburgs im Reichstag des deutschen Kaiserreiches besetzte. Diese Reichstagswahlen beruhten auf dem allgemeinen Wahlrecht für alle erwachsenen Männer. Die Kommunalwahlen zur Hamburger Bürgerschaft waren allerdings durch ein eingeschränktes Wahlrecht gekennzeichnet. Wahlberechtigt waren nur männliche Personen die die Bürgerschaft erworben hatten und deren Steuern über einen bestimmten Mindestsatz lagen. Als Vorraussetzung musste ein Bürgerschaftsgeld gezahlt werden, in einer Höhe, die für die meisten Arbeiter unerschwinglich war, so dass es im Jahr 1892 bei über 600 000 Einwohnern nur 23 645 Stimmberechtigte gab.

1896 wurde dieses Bürgergeld abgeschafft und stattdessen als Vorraussetzung für das Stimmrecht, ein jährliches Mindesteinkommen von 1200 Mark, welches über einen Zeitraum von 5 Jahren gewährleistet sein musste, festgesetzt. Diese Summe lag bei weitem über dem Durchschnitts-einkommen der meisten Handarbeiter dieser Zeit. Trotz dieser Einschränkung wurde 1901 der erste sozialdemokratische Abgeordnete in die Bürgerschaft gewählt. Im Jahr 1904 kamen noch 12 weitere Abgeordnete hinzu. Auch wenn die Hälfte der insgesamt 160 Sitze von vornerein den Honoratioren und Grundeigentümern vorbehalten war, stellten bereits diese 13 Abgeordneten für den Senat eine bedrohliche Entwicklung dar. Die verschiedenen Fraktionen dieser Körperschaft repräsentierten bis dahin ausschließlich die besitzende Elite der Hansestadt mit ihren unterschiedlichen Interessen. Ein weiterer Punkt war, dass, wäre es der SPD gelungen 40 Sitze in der Bürgerschaft zu erlangen, hätten sie die Möglichkeit gehabt jeden Beschluss dieses Gremiums für den eine 2-Drittel- Mehrheit erforderlich war, zu blockieren. Aus diesem Grund wurde seitens des Senats 1905 eine Revision des Wahlrechtes vorgeschlagen um den Zuwachs sozialdemokratischer Abgeordneter zu verhindern.

Die Sozialdemokratie reagierte mit einer breiten politischen Kampagne gegen diesen „Wahlrechtsraub“ und als im Januar 1906 eine Bürgerschaftsdebatte über das Wahlrechtsgesetz stattfinden sollte, organisierten sie zum gleichen Tag einen großen befristeten Streik und eine Vielzahl von Massen-versammlungen und Demonstrationen. Die Anzahl der teilnehmenden Arbeiter bewegte sich nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 30 000 (Polizei) bis 80 000 („Vorwärts“, die Berliner Zeitung der Sozialdemokratie). Im Zuge der abschließenden Demonstration zum Rathausmarkt kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die im Laufe des Abends eskalierten. Die Polizei ging in unverhältnismäßiger Härte vor, so dass es 2 Tote und eine Vielzahl von Verletzten durch Säbelhiebe und Stiche gab. Während dieser Auseinandersetzungen räumte die Polizei mit gezogenem Säbel und zum Teil zu Pferde den Rathausmarkt, die Rathausstraße und später die Schmiedestraße und den Hamburger Fischmarkt. Daraufhin kam es in den Strassen Schopenstehl und Brandstwiete zu Brandstiftungen und Plünderungen, wobei sich unter den geplünderten Geschäften auch mehrere Juweliere befanden.

Die konservative Hamburger Tagespresse stellten die Ereignisse in einen direkten Zusammenhang mit der russischen Revolution von 1905 und entfesselten eine massive Hetzkampagne gegen die SPD. Diese wiederum tat ihr möglichstes um sich von den Ereignissen zu distanzieren. Im sozialdemokratischen „Hamburger Echo“ wurde vermutet, dass die Polizei indirekt für die Plünderungen verantwortlich sei, da sie ihre Patroullien aus dem „Verbrecherviertel“ um den Schopenstehl zurückgezogen hatte und so dem „Janhagel“ ermöglichte unkontrolliert zu randalieren. Am nächsten Tag wurde ein vollkommenes Versammlungsverbot verhängt und alle Restaurants und Kneipen in den Strassen Schopenstehl, Niedernstraße, Kattrepel, Mohlenhofstraße, Springeltwiete, Altstädter Straße, Fischertwiete und Depenau mussten bis auf weiteres jeden Tag um 15 Uhr schließen. Außerdem wurden alle Personen, die sich wegen Säbelwunden in den Ambulanzen behandeln ließen, verhaftet, so dass schließlich gegen ca. 50 Verhaftete ein Verfahren eröffnet wurde. Viele der Verurteilten waren  Stammgäste der Kneipen um die Niedernstraße, bzw. wohnten in diesem Viertel, welches zu den Gängevierteln der Innenstadt zählte, die bei den Bürgerlichen als Slums und Brutstätten der Kleinkriminalität verschrien waren.

Evans Richard J, 1990, “Tod in Hamburg”, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg


Karte 1915, Sanierungsgebiet ohne Straßennamen


Das Konzept der Citybildung und die Zerstörung der Gängeviertel

„Da darf ich doch wohl fragen, ob andere Städte derartige Sanierungen in ihren Städten durchgemacht haben, wie wir das in Hamburg tun. Keineswegs! Es gibt keine Stadt in Deutschland, die derartige weite, städtische, eng bebaute Gebiete aufgekauft hat, die Häuser herunterreißt und dann neu aufbaut.“

Der Abgeordnete Riege auf einer Beratung über einen Bericht für die Verbesserung der Wohnverhältnisse in Hamburg, 1904 (Quelle: Schubert Dirk, 1993 : 68)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzte durch die prosperierende Dampfschiffahrt seit 1816 und die Unabhängigkeit Nordamerikas ein Handelsaufschwung ein – so wurde mit den USA 1827 ein Handelsabkommen abgeschlossen. Durch die Unabhängigkeit der mittel- und südamerikanischen Kolonien Portugals und Spaniens zwischen 1810 und 1880 ergaben sich auch für Hamburg eine Reihe neuer Handelsbeziehungen und Märkte. Mit einer Vielzahl dieser Länder schloss Hamburg Verträge die den Baumwoll-, Tabak-, Kautschuk-, Kakao-, und Kaffeehandel  betrafen. Exportiert wurden Maschinen, Keramik und Glas, Werkzeuge und Textilien, später dann Auswanderer, wobei sich die Verschiffung der Aussiedler zu  einem der bedeutendsten Geschäftszweige dieser Zeit entwickelte.

Im Verlauf des 19.Jh. emigrierten ca. 5,5 Millionen  Deutsche nach Amerika. Die Höhenpunkte lagen in den 50er und 80er Jahren, als jährlich bis zu einer Viertelmillion Menschen auswanderten. Ab der Jahrhundertwende dominierten die Emigranten aus Russland, Polen und den Balkanländern die den dortigen Wirtschaftskrisen und Progromen zu entkommen suchten. Hamburg war neben Bremen der größte deutsche Auswandererhafen. Von 1871 bis 1876 schifften sich in Hamburg jährlich ca. 40 000 Emigranten ein, darunter 32 000 deutscher Nationalität. Im Zeitraum 1901-1906 war der Strom der Auswanderer auf jährlich ca. 120 000 gestiegen, aus Deutschland kamen noch 17.000 während über 100 000 aus Russland und Österreich-Ungarn kamen. Ein Großteil dieser Massentransporte wurde über die 1847 gegründete „Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“, kurz „Hapag“ abgewickelt. Ein namentlicher Hamburger Konkurrent der Hapag in puncto Auswandererbeförderung war die Reederei Rob. M. Sloman, die sich allerdings Ende der 1870er aus diesem Geschäft zurückzog.  Bis 1892 kamen die Auswanderer hauptsächlich in privaten Logierhäusern unter. Viele Menschen aus Altona, Hamburg und St. Pauli verdienten an den Emigranten durch Vermietung, Verkauf von Lebensmitteln und Reiseutensilien, Geldwechsel und Warentausch. Es gab viele Agenten, sogenannte „Litzer“, die im Auftrag von Bahn- oder Schifffahrtslinien, Logishäusern, Banken etc. viele und oft überteuerte Waren und Dienstleistungen an den Mann brachten, so dass man beim Hamburger Senat vom sogenannten „Litzerunwesen“ sprach, das man auf dem Vorschriftenweg zu bekämpfen versuchte.

Nach dem Ausbruch der Cholera wurden (wahrscheinlich zu Unrecht) Osteuropäer und Russen für das Einschleppen der Seuche verantwortlich gemacht. Die preußischen Grenzen und das Hamburger Stadtgebiet wurden gegen osteuropäische Durchwanderer gesperrt. Nachdem sich das Auswanderergeschäft in den Folgejahren wieder erholt hatte, waren strikte Gesundheitskontrollen an den Grenzbahnhöfen zur deutschen Ostgrenze eingeführt worden. In Hamburg wurden die osteuropäischen Auswanderer in einem Barackenlager auf dem Amerikakai (welches für ca. 1400 Menschen Platz bot) bis zur Abreise zwangskaserniert, während Mitteleuropäer das Logieren in der Stadt freistand. Ab 1900 baute die Hapag auf einem 25 000 ha großem, abgelegenen Areal auf der Veddel eine regelrechte Kleinstadt für die Emigranten. Einerseits versuchte man so den Menschenmassen und der daraus erwachsenen Situation und den hygienischen Notwendigkeiten gerecht zu werden, andererseits monopolisierte die Hapag auf diese Weise ein Großteil des nicht unerheblichen Zusatzgeschäftes, welches den Verkauf von Waren, Lebensmitteln und Dienstleistungen und die Unterbringung betraf. Ab 1921 wurden die Veddeler Hallen für deutsche Auswanderer genutzt, während der nationalsozialistischen Herrschaft quartierte sich dort die SS ein. Durch die Bombardements im 2. Weltkrieg wurde ein Großteil des Areals zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Keller Ulrich, 1981, „Mein Feld ist die Welt“, Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln

Eine der Konsequenzen dieser Entwicklung war eine massiven Wohnungsnot im Bereich der inneren Stadt. Sie wurde nicht nur durch eine Bevölkerungszunahme von 85.000 Menschen im Jahre 1790 auf 130.000 Menschen im Jahre 1806 verursacht, aufgrund des allgemeinen Wohlstand wurden zahlreiche kleine Wohnungen zu wenigen großen vereinigt. Außerdem verwandelte man ganze Wohnhäuser in Zuckersiedereien und Speicher zur Aufnahme der ständig anwachsenden Menge der Handelsgüter. Die Mieten stiegen um das Mehrfache, so dass aus diesem Grunde zahlreiche Familien gezwungen waren mit anderen zusammenzuziehen. Die ständig zunehmende Zahl von Arbeitern und Gehilfen des Handels führte auch in Hamburg zur Herausbildung von Quartieren, sofern diese Gruppen nicht noch von den Kaufleuten und Arbeitgebern untergebracht werden, in denen diese Schichten unter ärmlichsten Verhältnissen wohnten. Die Bebauung der Straßen wurde deshalb immer dichter. Selbst die Twieten – schmale Verbindungswege zwischen zwei Straßen – und Höfe hinter Wohnhäusern wurden bebaut. Enge winklige Gassen und kleine, meist zweistöckige Häuser kennzeichneten die ärmlichen Wohnverhältnisse in diesen Stadtteilen.

Hamburger Brand

Der  Hamburger Brand  1848 bedeutete eine einschneidende Zäsur für die bis dahin mittelalterlich geprägten Struktur Hamburgs. Das Feuer brach in der Nacht vom 4. zum 5. Mai  in der Deichstraße am Nikolaifleet aus und breitete sich von dort nach dem Rödingsmarkt und Hopfenmarkt aus. Am Graskeller und Jungfernstieg gelang es, durch Sprengung ganzer Häuserblocks das Feuer aufzuhalten, so dass die Neustadt weitgehend verschont blieb. Während des Feuers kam es zu nicht unerheblichen Plünderungen und zu Übergriffen gegen sich in der Stadt aufhaltende Engländer, die den Bau der Eisenbahn betrieben und verdächtigt wurden, dass Feuer verursacht zu haben. Der Große Brand verwüstete mehr als ein Viertel des damaligen Stadtgebietes. 50 Menschen waren umgekommen, 120 schwer verletzt. Die Zahl der Obdachlosen wurde auf 20.000 geschätzt, die Zahl der zerstörten Häuser auf etwa 1700 in 41 Straßen, darunter drei Kirchen. Die Hamburger Feuerkasse, welche alle betroffenen Gebäudebesitzer entschädigte, gab an, dass 20% des Gebäudebestands zerstört waren. Der Hamburger Brand sorgt für eine Bevölkerungsexplosion auf dem Hamburger Berg und in Altona, dessen Gebiete das Feuer unbeschadet überstanden hatten.  Über Jahre hinweg war das Stadtbild von den zerstörten Flächen und den darauf errichteten Behelfswohnungen geprägt. Die großflächigen Zerstörungen in der Altstadt gaben Gelegenheit, das innere Stadtgebiet umfassend neu zu gestalten und die Infrastruktur zu modernisieren um den Ansprüchen des Industriezeitalters gerecht zu werden. Die Planungen dazu wurden noch im Mai 1842 unter der Federführung des englischen Ingenieurs William Lindley in Angriff genommen. Eine Voraussetzung des Wiederaufbauplans war die Enteignung der Bauflächen im Brandgebiet, weil die alte teils mittelalterliche Parzellierung der innerstädtischen Grundstücke einer modernen Neustrukturierung im Wege stand. Nach der Katastrophe wurde mit dem Aufbau einer zentrale Wasserversorgung und eines Sielsystems begonnen. 1846 wurde erstmals nachts eine Straße mit Gaslaternen beleuchtet. Maßgeblich beteiligt an der Erneuerung des Stadtbildes war der Architekt Alexis de Chateauneuf, außerdem flossen Vorschläge von Gottfried Semper mit ein. Bereits 1837, 5 Jahre vor dem Brand, waren im großen Stil Landkäufe in Hammerbrock, Uhlenhorst/Rothenbaum von Hamburger Großbürgerlichen, wie dem Senator August Abendroth getätigt worden und boten so beste Voraussetzungen diese Areale zu neuen Stadtentwicklungsgebieten auszuschreiben.

Die durch das Wachstum der Stadtbevölkerung bedingte gesteigerte Wohnungsnachfrage konzentrierte sich in der ersten Hälfte des 19. Jh. auf die Viertel der Innenstadt innerhalb der Stadtmauern. Zusätzlicher Wohnraum wurde geschaffen indem man Häuser aufstockte oder Keller in Wohnraum verwandelte. 1817 befanden sich in Hamburg nur 44% der Wohnungen in den oberen Geschossen von Häusern. 1865 war diese Zahl auf 65% gestiegen, außerdem gab es in der Stadt inzwischen ca. 9000 Etagenwohnungen, eine bis in die 40er Jahre unbekannte Art der Wohnung im Obergeschoss mit einem separaten Eingang im Parterre. Die Zahl der Kellerwohnungen nahm zwischen 1817 und 1866 um 60% zu.

Bereits ab Ende der 50er Jahre stiegen die Mieten erneut rasch an. Die Mieten für kleine Wohnungen in den billigen Gegenden der Altstadt und in den Gängevierteln erhöhten sich von 1855 bis 1870 um ca. 33%. Um die hohen Mieten aufbringen zu können, nahmen die Mieter sogenannte Schlafgänger zur Untermiete auf, in der Regel unverheiratete Männer, die im Hafen Arbeit suchten, so dass in den 90er Jahren fast ein Drittel der Haushalte in der Innenstadt und den umgebenden Vierteln ihren Wohnraum mit Schlafgängern teilten.

In Hamburg betrug die jährliche Wohnungsmiete in der Jahrhundertmitte für Keller, Buden und Sähle durchschnittlich 60-80 Mk., für Wohnungen im Haus 80-100 Mk.. Das Vermieten einer Schlafstelle brachte ca. 45 Mk., wodurch ungefähr die Hälfte der Wohnungsmiete abgedeckt werden konnte. Einen zusätzlichen Verdienst konnten sich die Vermieter verschaffen, indem sie gegen Aufpreis für den Schlafgänger kochten, Wäsche wuschen und Besorgungen erledigten.

Der ökonomische Aufschwung Hamburgs seit dem Zollanschluss (1888) bis zum 1. Weltkrieg, brachte neue Impulse für die städtische Entwicklung mit sich. Aufgrund der ökonomischen Triebkräfte wurde ein nicht unerheblicher Teil der Gesamtstadt neu und monofunktional definiert. So wurde das dichtbesiedelte Wohngebiet um den Brook und den Alten Wandrahm zum Bestandteil des Freihafengebietes der Stadt erklärt und in Folge wurde die alte Bebauung komplett abgerissen und bis 1888 die heute noch existierende Speicherstadt gebaut. Von den rund 24 000 Bewohnern der Brook-Insel, die ihren angestammten Wohnsitz verlassen mussten, siedelten sich 8000 in der Innenstadt an. Der größere Teil zog nach Billwerder-Ausschlag, St. Pauli und nach Hammerbrook.

Von 1842 an wurde nach Plänen des englischen Ingenieurs William Lindley ein Teil des Marschgebiets des Hammerbrooks entwässert und binnen kurzer Zeit entstand so eines der größten Arbeiterviertel Hamburgs: Ein rechtwinkliges System aus Straßen und Kanälen, gesäumt von großen Mietskasernen, deren Höfe nur wenige Meter breit waren. Hier fanden vor allem die Menschen, die nach 1881 der Hafenerweiterung und dem Bau der Speicherstadt weichen mussten, eine neue Unterkunft. Das Proletarierviertel, das zum Ruf des „roten Hamburgs“ beitrug, wurde durch die britischen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg (Operation Gomorrha, 1943) fast vollständig zerstört. An das alte Hammerbrook erinnern heute – angesichts der Entstehung der neuen „City-Süd“ – nur noch wenige Gebäude und die Bezeichnungen der meisten Straßenzüge.

Choleraepedemie

Die unhygienischen Wohnverhältnisse und vor allem das ungefilterte Hamburger Trinkwasser führten 1882 zum Ausbruch der asiatische Cholera.

Vor der  großflächige Brand-Katastrophe von 1842, bei der ein Drittel der Stadt abbrannte, gab es in Hamburg drei verschiedene, private und genossenschaftlich organisierte Versorgungssysteme, die ihr Wasser entweder aus der Alster oder der Elbe bezogen. Parallel zu diesen nebeneinander existierenden und konkurrierenden „Wasserkünsten“ gab es in der Stadt Schöpfbrunnen, Wasserträgerinnen und Wasserwagen. Nach dem Brand wurde nach den Plänen von William Lindley eine öffentliche, zentrale Wasserversorgung errichtet. 1848 nahm die „Stadtwasserkunst“ in Hamburg-Rothenburgsort den Betrieb auf. Geklärtes Elbwasser wurde in Behälter auf den Dachböden der Stadthäuser gepumpt. Erst durch den Bau einer Elbwasser-Filteranlage auf Kaltehofe war es ab 1893 möglich, hygienisch einwandfreies Trinkwasser abzugeben. Vom gleichem Ingenieur wurde 1855 die erste Wasch- und Badeanstalt auf dem europäischen Festland am Schweinemarkt( Steinstraße, Ecke Glockengießerwall) errichtet. Sie bot 32 Waschstände für Kleidung und 32 Badewannen für Männer und 16 für Frauen in jeweils separaten Kabinen. Fließend Wasser war in dieser Zeit eher die Ausnahme. In den alten Stadtvierteln, wie den Gängevierteln, musste das Wasser von einem, für alle Anlieger zur Verfügung stehendem Anschluss im Hof in die Wohnung geholt werden. Toiletten gab es nur als Gemeinschaftseinrichtungen. Früher wurde deren Shit von den Dungsammlern an die umliegenden Bauern verkauft. Mit dem Ausbau der Kanalisation und der Wasserleitungen setzte sich immer mehr das Spülklosett durch, aber noch 1898 waren mindesten 900 Gebäude mit mehr als 2000 Toiletten nicht an die Kanalisation angeschlossen und ließen ihre Abwässer direkt in die Fleete und die Elbe.

Auf dem Altonaer Stadtgebiet kamen nur sehr wenige Cholerafälle vor. In einer solchen Grenzstraße („Am Schulterblatt“) wurden nur die Häuser der Hamburger Seite befallen, während jene des Altonaer Bezirks, die nur durch den Straßendamm getrennt waren, verschont blieben. Dies lag daran das Altona eine gesonderte Wasserversorgung besaß. Während Hamburg Trinkwasser noch unfiltriertes Elbwasser bezog, besaß Altona bereits seit 1859 ein brauchbares Filterwasserwerk, das vor allem deshalb errichtet worden war, weil das Hamburger Stammsiel mit allen Abwässern und Fäkalien oberhalb von Altona in die Elbe mündete.

„Was man außerhalb Hamburgs nicht weiß, ist, daß die Wasser-versorgungsfrage schon seit Jahrzehnten den Gegenstand Jahr um Jahr wiederkehrender Anrufungen an unsere Behörden und Beamten (…)ist und daß, trotz der dringlichsten Mahnungen (…)die Angelegenheit praktisch nicht vom Flecke kommt, auf dem sie vor 20 Jahren stand, als das inzwischen verstorbene Bürgerschaftsmitglied J. F. Martens eine abscheuerregende Probe des von der Stadt gelieferten Trinkwassers in der Bürgerschaft mit den Worten auf den Tisch des Hauses setzte: ,Sehen Sie, meine Herren, das zu trinken mutet der Senat der Bevölkerung zu.‘ Was ist in diesen zwanzig Jahren in Hamburg für die Lieferung eines besseren Trinkwassers an die Consumenten geschehen? (…) Die Bevölkerung hat jetzt tausendfach diese schwere Unterlassungssünde mit dem Liebsten bezahlen müssen, mit dem Leben ihrer Angehörigen!“

„Korrespondenzblatt“, 5. 9. 1892

Das Gängeviertel  um die Niedernstraße war  besonders stark von der Cholera-Epidemie betroffen und wurde später in der Öffentlichkeit als Herd von Unmoral, Schmutz und Krankheit dargestellt. Während der Choleraepedemie, wurden örtlich Gesundheitskommissionen eingesetzt um eine Desinfizierung der Wohneinheiten zu organisieren. In der Altstadt Nord konnten diese Kommissionen hundert Haushalte desinfizieren, mussten bei weiteren 66 Wohnungen allerdings die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Im Gängeviertel, in der Niedernstraße, einem Zentrum des Prostitutionsgewerbes, konnten insgesamt nur 5 Wohnungen ohne die Unterstützung der Polizei desinfiziert werden.

1905 wurde den Teilnehmern eines internationalen Kriminologen-Kongresses, der in Hamburg tagte, die Gänge um die Niedernstraße als eines der sogenannten „Verbrecherviertel“ vorgeführt.  Bereits 1890 war es dort, infolge eines Streikes der Gasarbeiter, der einen großen Teil der Stadt in Dunkelheit legte, zu Krawallen gekommen die fast eine Woche andauerten.

Zehn Wochen wütete die Seuche in Hamburg. Hamburg wurde unter Quarantäne gestellt. Schifffahrt und Handel kamen völlig zum erliegen. Die Bilanz: 16.956 Erkrankungen und 8.605 Todesfälle, der wirtschaftliche Gesamtverlust  wurde mit 430,0 Mio Mk  beziffert. Ein Jahr nach der Epidemie, 1893 wurde das Filterwerk Kaltehofe, das bereits seit 1890 in Planung war, in Betrieb genommen und Hamburg bekam eine Müllverbrennungsanlage. Unter dem Eindruck der Choleraseuche und begleitet von Pressekampagnen, die die Gängeviertel als Seuchenherde bezeichneten, konnte der Senat 1898  gegen den Widerstand der Grundeigentümer das „Wohnungspflegegesetz“ verabschieden, das der Stadt die gesetzliche Handhabe für den Abbruch der Gänge und die Neubebauung gab.

http://www.collasius.org/WINKLE/04-HTML/hhcholera.htm

Hafenarbeiterstreik von 1896/7

Nicht die Erfahrungen der Choleraepidemie, sonder der Hafenarbeiterstreik 1896/7 und der Umstand, dass sich während der Unruhen  zeitweise ein Teil der Gängeviertel von Altstadt bis Neustadt dem Zugriff der Obrigkeit entzogen, führte dazu, dass der Hamburger Senat das Stadtplanungskonzept in Angriff nahm, welches die Sanierung ganzer Wohnviertel beinhaltete. Dieses Konzept sah vor Wohnen und Arbeiten zu trennen. Die Arbeiter sollten nicht mehr in der Innenstadt wohnen und diese sollte repräsentativ, als Geschäfts- und Einkaufsviertel aufgewertet werden. In diesem Areal lebten zu dieser Zeit 50 000 Menschen. Bis 1896 waren große Teile der Innenstadt von den Gängevierteln geprägt, bewohnt von der Arbeiterklasse und vielen Tagelöhnern, die darauf angewiesen waren in der Nähe ihres Arbeitsortes, den Hafen, zu wohnen, da die Arbeit (soweit sie das Be- und Entladen von Schiffen betraf) größtenteils auf der Basis von Gelegenheitsarbeit organisiert war. Die neuen Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen in den 90er Jahren veränderten den Arbeitsmarkt und die soziale Geographie des Hamburger Hafens. So hatte der lange Hafenarbeiterstreik von 1896/7, an dem sich mehr als 16 000 Hafenarbeiter und Seeleute beteiligten – und der eigentlich im Februar 1897 mit einer Niederlage der Streikenden endete, aber später als ein Sieg der Arbeiterbewegung gefeiert wurde – zwar für eine Minderheit der Arbeiter mehr feste Arbeitsplätze zur Folge aber die Arbeitsmöglichkeiten für die vielen Gelegenheitsarbeiter wurden weitgehend reduziert.

Dieser Streik gilt als einer der berühmtesten Konflikte in der Geschichte der Arbeitskämpfe in Deutschland im späten 19.Jh. Kennzeichnend für diesen Streik war, dass weder Sozialdemokraten noch Gewerkschaftler diesen Streik von oben herab organisierten, sondern die Masse der unorganisierten Gelegenheitsarbeiter, die von den Umstrukturierungen im Hafen direkt betroffen waren und überwiegend in den Gängevierteln wohnten. Der Konflikt eskalierte kurz nach dem Ende des Streiks, als Arbeiter im Hafengebiet und in der Neustadt-Süd Streikbrecher angriffen, woraufhin die Polizei im Stil militärischer Konfrontation mit gezogenem Säbel eingriff. Daraufhin lieferten sich mehrere tausend Menschen in den Gängevierteln zwei Tage lang eine erbitterte Straßenschlacht mit den Hamburger Ordnungskräften. In den großen Kämpfen der Hamburger Arbeiterbewegung wurden die Gängeviertel immer wieder zum Schauplatz gewaltsamer, oft tagelanger Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Anwohnern (Steinstraßenunruhen 1890, Schaarmarktkrawalle 1897, Wahlrechtsunruhen und Schopenstehlkrawalle 1906)

Die Reaktion der maßgeblichen politischen Kreise Hamburgs auf den Hafenarbeiterstreik ließ nicht lange auf sich warten. Die Gängeviertel, wurden im Rahmen der einsetzenden Sanierung allerdings nicht schonend saniert, indem man einzelne Häuser wegen dem ungenügenden Lichteinfall abriss und die anderen modernisierte – sondern vollständig abgerissen wobei eine seuchenhygienische Prävention das Hauptargument lieferte, in Wirklichkeit aber innenpolitische Gründe maßgeblich gewesen waren.  Die drei festgelegten Sanierungsgebiete waren die südliche Neustadt, die nördliche Neustadt und die Altstadt. Diese Gebiete umfassten mit ca. 37,9 ha ca. 18% der gesamten Fläche der Innenstadt. Begonnen wurde mit dem Bezirk Neustadt, der häufig überflutet war und während des Hafenarbeiterstreiks 1896 Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen gewesen war. 1906 war das alte Gängeviertel um den alten Fischmarkt und die Niedernstraße aufgrund der Baumaßnahmen bereits sozial und geographisch isoliert.

Ellermeyer Jürgen (Hg.) : 1986, „Stadt und Hafen“, Hans Christians Verlag, Hamburg

Evans Richard J, 1990, “Tod in Hamburg”, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Gröwer, Karin, 1999, , „Wilde Ehen im 19. Jahrhundert“, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Hamburg

Höhns Ulrich (Hg.), 1991, „Das ungebaute Hamburg“, Junius Verlag, Hamburg

Plagemann Volker (Hg), 1984, „Industriekultur im alten Hamburg“, C. H. Beck, München

Schubert Dirk, Hans Harms (Hg.), 1993, „Wohnen am Hafen“, VSA-Verlag, Hamburg

Das Gängeviertel

„Schaute man damals vom Burstah aus in die Richtung  Heiligengeistfeld, so hatte man einen ähnlichen Anblick, wie man ihn heute vor Blankenese hat. Das Land stieg terrassenförmig an und war wegen seiner günstigen Lage, an einem sonnigen Abhang, der aufgehenden Sonne zugekehrt, für Gartenzwecke vorzüglich geeignet. Und diese große Böschung war dann auch ein Gartenviertel der Alt-Hamburger Kaufleute. Vornehme Ziergärten und vor allem Gemüsegärten reihten sich aneinander.(…) War schon vor 1618 manches Gartenhäuschen in eine Notwohnung umgewandelt worden, so stieg die Nachfrage nach bebauungsfähigen Land in den nächsten Jahrzehnten immer gewaltiger. (…) Kein Wunder, dass da auf dem ehemaligen Gartengelände eine lebhafte Bautätigkeit Platz gegriffen hatte, und das die neu erbaute St. Michaeliskirche (1619) gar bald auf ein Meer von Häusern und Häuschen blicken konnte. Denn jedes Fleckchen Erde innerhalb der Festungswälle war begehrter Besitz geworden. Und so schossen an den bisherigen Gartenstraßen die hohen Etagenhäuser mit den dichtgelagerten vielen Fenstern in den Fachwerkwänden nur so aus dem Boden, aber auch die kleineren Etagenhäuser der Gewerbetreibenden reihten sich dicht an dicht, und an alle diese Vorderhäuser, gleichhin ob groß oder klein, schlossen sich überall Hinterhäuser an und machten den alten Gärten bald völlig den Garaus. Was wusste man damals von weitschauenden Bebauungsplänen, was von staatlicher Baupflegekommission! Und so blieben nicht nur die Straßen, wie sie organisch mit den einzelnen Geländeterrassen verwachsen waren und wie wir sie in diesem Stadtgebiet bis auf den heutigen Tag noch finden: schief, krumm  und herabholpernd, jeder Unebenheit des Bodens sich anpassend, es entstanden vielmehr damals überhaupt die „Gängeviertel“ Hamburgs, jene Labyrinthe menschlicher Behausungen bei St. Jacobi und St. Michaelis“

„Vom Gartengelände zum Gängeviertel“, Waldemar Schultz, Hamburger Correspondent Nr. 1, 01.01.1928

„Die Gebäude dieses Stadtviertels sind zum größten Teil Fachwerkgebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die teilweise mit massiven Frontwänden versehen worden sind, deren innerer Bau jedoch die typischen engen Verhältnisse des Hamburger Kleinbürgerhauses jener Perioden zeigt. Wohnhäuser mit reicherer Ausstattung als Zeugen vergangener besserer Zeiten sind kaum anzutreffen, da das Hamburger Patriziat seine alten Wohnsitze mehr in der Altstadt und am Hafen hatte. Die Höfe zeigen eine weitgehende Ueberbauung durch Hinterhäuser in Form der in Hamburg üblichen Buden und Sähle. Alle Gebäude des Gängeviertels leiden in besonderem Maß Mangel an Licht und Luft, da auch die Straßen, wie schon ihr Name Gang andeutet, besonders eng, zum Teil gar nicht befahrbar sind“

Quelle: Hamburger Correspondent Nr.1 1.1.1928,   „Das Hamburger Gängeviertel – Ein sozialer Fremdkörper in der Millionenstadt“  „Ein fragwürdiges Wohnquartier“ von Oberbaurat Peters

Schon 1865 stimmten Physikus Dr. Gernet und Dr. H. Asher die bürgerliche Öffentlichkeit mit ihren Schriften auf eine Sanierungspolitik auf den Grundlagen vermeintlicher sozialhygienischer Prämissen ein, die zuerst auf eine „Durchbrechung des Viertels“ mit großangelegten Straßen setzte.

„Fast ohne jede Ausnahme sind alle Zugänge zu den Quartier mit Bordellen in großer Anzahl besetzt, ja vom Ebräergang und Schulgang, durch Kugelsort, den Brettergang bis zum Ausgang des Rademachergangs, somit quer durch das ganze Gängeviertel zieht sich eine fast ununterbrochene Reihe von Bordellen.“

„Die Durchbrechung des Gängeviertels“ Ein Gutachten von Physikus Dr. Gernet, 1865, Hamburg, Verlag von Hermann Grüning, Seite 4

„ Zunächst hat das gedrängte Zusammenwohnen – es gibt Häuser in denen 25 Familien, Sähle, auf welchen 10 Familien, immer nur durch eine Bretterwand getrennt, beisammenwohnen, zur Folge, dass alles und jedes Schamgefühl schon von frühester Jugend an in den Menschen erstickt wird; Incest ist nichts unerhörtes und jedes Kind sieht es im Vorübergehen mit an, wie ehrlose Dirnen ihr Gewerbe am hellem Tage und auf offener Gasse betreiben. Wo der Mensch in dieser Weise von Jugend an jedes Schamerröthen verlernt, wo er an den täglichen Anblick viehischer Begierden und der widerlichsten Völlerei in den stets offenen Branntweinschenken gewöhnt wird, wo sind da noch die Tugenden zu erwarten, welche der Staat in seinen Bürgern zu erziehen suchen muß (…) Eine fernere Folge dieser unsittlichen Verhältnisse sind die zahllosen wilden Ehen, deren nachteiligen Folgen sich dann wieder nicht bloß im sittlichen, sondern auch im bürgerlichen Leben zeigen. Die Kinder aus solchen Ehen werden häufig nicht getauft, entziehen sich dann umso leichter aller späteren Aufsicht durch die Schule und endlich auch ihren Verpflichtungen gegen den Staat.“

„Das Gängeviertel und eine Möglichkeit dasselbe zu durchbrechen“ von Dr. H. Asher, 1865, Hamburg, Verlag von Hermann Grüning, Seite 6

Im gleichen Jahr in dem die Publikationen aus denen die Zitate stammen, veröffentlicht wurden – 1865 – wurden mit einer längst überfälligen Gesetzesreform die Eheschließung sowie das Betreiben eines selbstständigen Gewerbes von dem Erwerb des Bürgerrechts befreit. Vormals waren die Möglichkeiten der Eheschließungen für die einfache hamburgische Bevölkerung stark eingeschränkt. Seit 1813 mussten sie, anstatt einen Taler für die Schutzverwandtschaft zu zahlen, als Vorraussetzung das Kleinbürgerrecht erwerben, dem seit 1805 eine gründliche Untersuchung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse vorgeschaltet war. Der Antragsteller musste das 22 Lebensjahr vollendet haben, durfte der Polizei nicht negativ aufgefallen sein und musste Mitglied des hamburgerischen Bürgermilitärs sein oder vom denselbigen Dienst befreit, bzw. freigekauft sein. Dies bedeutete für den Betreffenden den Kauf einer Uniform und eines Gewehrs, sowie das Ableisten von Exerzierübungen, die sich mit Kosten in Höhe von mindestens 75 Mk. Crt. niederschlugen. Zusätzlich musste ein Bürgergeld in Höhe von 40 Mk. Crt gezahlt werden. Für den Erwerb des Kleinbürgerrechtes als Vorraussetzung für die Heirat waren also insgesamt über 100 Mk. Crt. zu entrichten. Diese Kosten waren für die ärmere Bevölkerung Hamburgs kaum aufzubringen. Die durchschnittlichen jährlichen Lebenserhaltungskosten für einen einfachen Arbeiter lagen zwischen 320-360 Mk. Crt.. Der Jahreslohn eines Maurer oder Zimmermannes lag zwischen 430-450 Mk. Crt., der eines Straßenbauarbeiters zwischen 230-280 Mk. Crt. Aufgrunddessen wichen viele Heiratswillige in die Vorstädte aus, wo sie weiterhin problemlos die Schutzbürgerschaft erwerben konnten um dann heiraten zu können. – oder sie lebten in sogenannten wilden Ehen zusammen. Die wilden Ehen waren in den städtischen Unterschichten der damaligen Zeiten weit verbreitet und akzeptiert. Die obrigkeitlichen Beschränkungen und die ökonomischen Zwänge wurden nicht einfach hingenommen, sondern führten in Hamburg über den Zeitraum mehrerer Generationen hinweg, trotz Strafandrohung und evtl. Strafverfolgung (Hebammen und Ärzte hatten beispielsweise eine Anzeigepflicht bei unehelichen Geburten), zu der Herausbildung dieser gemeinschaftlichen Lebenspraxis. So verlor für die einfache Bevölkerung der bürgerlich-kirchliche Akt der Eheschließung die absolute und konstituierende Bedeutung für das Familienleben, die Obrigkeit und Kirche auch in den unteren Schichten verankert wissen wollten.

Gröwer, Karin, 1999,  „Wilde Ehen im 19. Jahrhundert“, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Hamburg

Bereits vor 1900 wurde die Wexstraße(1866), benannt nach den Brüdern Wex, die durch einen großangelegten Immobilienaufkauf den Bau dieser Straße ermöglichten, durch das ursprüngliche Viertel getrieben. Der Aufteilung des Gängeviertels durch den Bau der Wexstraße folgte Ende der 80er Jahre der Durchbruch Admiralitätsstraße – Fuhlentwiete und bald darauf die Anlegung des Straßenzuges Stadthausbrücke – Kaiser-Wilhelm-Straße. (1888) Nach der Choleraepedemie von 1892 und dem fünf Jahre späteren großen Hafenarbeiterstreik beschloss der Hamburger Senat eine rigorose Abbruch-Sanierung. Zuerst wurden die Hafen-Gängeviertel der Neustadt Süd dem Erdboden gleichgemacht. Dies umfasste das Gebiet um die St. Michaelis-Kirche und den Niederhafen (Kraienkamp, Schaarmarkt, Eichholz, Hafentor) Die Altstadt-Ost mit der Lilienstraße, Messberg und dem Schweinemarkt, musste ab 1908 dem Bau der Mönckebergstraße und den Kontorhausbauten weichen. Für den Bau der Mönckebergstraße kaufte der Hamburger Senat 178 Grundstücke im Gesamtwert von 29 Millionen Mark auf. Insgesamt 7950 Bewohner der alten Gänge mussten umgesiedelt werden.

Quelle: Hamburger Fremdenblatt, Sonderbeilage, 318 AB, S.9,  15.11.1924

Da wo heute das Chilehaus den vorbeifahrenden Touristen als architektonische Meisterleistung präsentiert wird, war früher dichtbesiedeltes Wohngebiet. Viele der Bewohner wurden in die neu entstehenden Mietskasernenviertel umgesiedelt während sich ein Teil des spezifischen Milieus in die letzten Gängeviertel der nördlichen Neustadt zwischen Valentinskamp und Großneumarkt und nach St. Pauli verlagerte. Unter der Regie von Fritz Schuhmacher (seit 1909 Leiter des Hochbauwesens, seit 1923 Oberbaudirektor) entstanden in den Jahren 1924-1929 um das ältere Hamburg herum ein Gürtel funktionaler Großsiedlungen um Klinkerbaustil wie die Jarrestadt (1929) und die Dulsberg-Siedlung (1930). Die Wohneinheiten, größtenteils Zwei- und Dreizimmerwohnungen waren hell weil es keine engen Höfe mehr gab, hatten alle Küche und Bad, waren gut zu durchlüften und lagen allesamt in Grünanlagen.

Das Chilehaus wurde 1923/4 vom Architekten Fritz Höger erbaut.  Der Bauherr war der Hamburger Reeder Slohmann, der u.a. durch den Salpeterhandel mit Chile (zu militärischen Zwecken) zu Reichtum gekommen war.

Neben dem größtenteils passiven und manchmal gewalttätig aufflammenden Widerstand der betroffenen Bevölkerung gegen diese Sanierungspolitik, gab es auch im bürgerlichen Lager kritische Stimmen, dessen bekanntester Vertreter wohl Alfred Lichtwark(1852 – 1914) war,  der die Niederlegung der Gängeviertel als einen schweren Fehler anprangerte. Erbittert prägte er das Wort von der „Freien und Abrißstadt Hamburg“. Er schrieb 1912:

„Wohl keine Kulturstadt der Welt hat je eine solche Selbstzerstörungslust entwickelt wie Hamburg. Hamburg hätte die Stadt der Renaissance sein können, des Barocks und des Rokoko – doch all diese Schätze wurden stets begeistert dem Kommerz geopfert. An die Stelle barocker Wohnhäuser wurden neubarocke Kontorblocks getürmt und noch immer ist jeder Neubau ein Schlag ins Gesicht der Stadt.“

(Zitat aus: Eckart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg. Hamburg 1981, S. 52.)

Alfred Lichtwark,  langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle, war auch Namensgeber der 1920 eröffneten Lichtwarkschule, die 1924 in das von Fritz Schuhmacher erbaute Schulgebäude einzog. In der Weimarer Republik galt diese Schule als eine weit über die Stadtgrenze Hamburgs hinaus bekannte Reformschule und hat in jenen Jahren ganz wesentliche Impulse und Wirkungen für Schulreformen in Berlin und Umgebung erzeugt. Während die anderen Reform- und Versuchsschulen alle Volksschulen waren, war die Lichtwarkschule eine Schule des höheren Schulwesens. Das war eine Ausnahmeerscheinung. Insgesamt zählt die schulgeschichtliche Forschung für das gesamte Deutsche Reich in der Weimarer Zeit nur fünf solcher Institutionen. Die Einrichtung wurde 1937 von den Nationalsozialisten aufgelöst und nach Ende des Krieges nicht wiederbelebt. Das Gebäude wird seitdem von der Heinrich-Hertz -Schule genutzt.

1910 kam Paul Bröcker* zum Thema Gängeviertel in einer Artikelserie über die Städtebauaustellung in Berlin, in welcher er „ das in siedlungs-künstlerischer Hinsicht so interessante Gebiet zwischen Alster, Steinweg und Valentinskamp mit den modernen Mietskasernenvierteln in Barmbek, Uhlenhorst, Rothenburgsort, usw.“ vergleicht, zu einer ganz anderen Einschätzung als der Hamburger Senat und die Baudeputation. So stellt er, u.a. durch einen Rückgriff auf das vom Medizinalkollegium bei Leopold Voß in Hamburg erschienene Buch „Die Gesundheitsverhältnisse Hamburgs im 19. Jahrhundert“ fest, dass die Bevölkerung der Gängeviertel  in puncto Einkommensverhältnisse, Geburten- und Sterbezahlen und der Säuglingssterblichkeit, weitaus besser gestellt war als die der modernen Mietskasernen mit ihren breiten Straßen und übersichtlichen Hinterhöfen.

*Quelle: „Das Hamburger Gängeviertel in sozialhygienischer Beziehung“ Hamburger Fremdenblatt, Nr.193, Seite 7, 19.8.1910

Vom Cholerajahr 1892 (582.566; 1900=705.738) hatte sich die Einwohnerzahl Hamburgs innerhalb von 21 Jahren bis 1913 auf 1.030.933 fast verdoppelt. Die Abnahme der Wohnbevölkerung im Stadtzentrum und die  Zunahme „tertiärer Nutzungen“ wurde bereits damals in der zeitgenössischen Literatur vor dem 1. Weltkrieg als „Citybildung“ bezeichnet. Die Wohnbevölkerung innerhalb der City ging von 170.875 (1880) auf 139.221 (1900) und 91.084 (1913) zurück, das entspricht einem Rückgang um fast die Hälfte. Für die in den neuen Mietskasernen einquartierten Arbeiter betrugen die Entfernungen zum Arbeitsplatz im Hafen von Eimsbüttel 6 km, Barmbek 10 km und Hammerbrook 5 km. Entfernungen, die zwei Mal am Tag zurückgelegt werden mussten. In den drei Stadtteilen wohnten allein ca. 26.000 Hafenarbeiter. Für die Masse der unständigen Hafen- und Gelegenheitsarbeiter war es ein grundlegendes Bedürfnis in einem zum Hafen zentral gelegenen Wohnviertel Unterkunft zu finden. Hafenarbeit war im 19.Jh. noch weitgehend Gelegenheitsarbeit, längere Perioden der Arbeitslosigkeit gehörten wegen der kurzfristigen Arbeitsverhältnisse und der Überfüllung des Arbeitsmarktes zum Alltag der Beschäftigten. Sie waren deshalb darauf angewiesen die Arbeitsvermittlungsstellen so schnell und häufig wie möglich erreichen zu können, ohne dabei die teuren (seit 1866) öffentlichen Verkehrsmittel benutzen zu müssen.

Bis zum ersten Weltkrieg erfolgten im Sanierungsgebiet der nördlichen Altstadt keine Maßnahmen. Während des Zeitraumes der Weimarer Republik wurde das Sanierungsprojekt Gängeviertel/Neustadt nicht weiter verfolgt. Mit der Weltwirtschaftskrise wurde der Spielraum der öffentlichen Finanzen stark eingeschränkt und die Finanzdeputation sah sich außerstande, Grundstücksankäufe in größerem Umfange zu tätigen.

Nach 1933 erhielt die Diskussion um Stadtsanierung neben den bisherigen wohnungs-reformerischen Argumenten eine neue ideologische bevölkerungs- und sozialpolitische Bedeutung und Aktualität. Die rasche Inangriffnahme des Sanierungsprojekts Neustadt/Gängeviertel durch die Nationalsozialisten hatte vor allem auch politische Gründe. 1930 hatte der Chef der Hamburger Ordnungspolizei die damalige Situation im Viertel wie folgt dargestellt:

„Die wirkliche Beherrschung des Gängeviertels durch die Polizei verlangt einen so hohen Einsatz von Kräften, wie er auf die Dauer nicht gestellt werden kann. Es liegt auf der Hand, daß das Gängeviertel bei seiner heutigen Gestalt …zu einer außerordentlich ernsten Gefahr für die Sicherheit des Staates und der gesamten Bevölkerung wird, wenn es dort zu wirklichem, bewaffnetem Aufruhr kommt.“

(zitiert nach Grüttner M., „Soziale Hygiene und soziale Kontrolle. Die Sanierung des Hamburger Gängeviertels“ in Herzig A. „Arbeiter in Hamburg“ S. 359)

Bezeichnenderweise wurde als Kommissar für die Sanierung dieses Gebietes, welches einen hohen Anteile an kommunistischen Wählergruppen hatte, der Polizeisenator Hamburgs eingesetzt, der die Aufgabe mit großer Energie anfasste.  Bauträger der Sanierungsmaßnahme waren der Bauverein zu Hamburg, die Deutsche Schiffszimmerergenossenschaft, die Gemeinnützige Baugenossenschaft deutscher Arbeiter sowie die Baugenossenschaft Sorbenstraße.

„Schon seit Jahren hat man über die Sanierung des Gängeviertels beraten, ohne daß man praktisch diese für die Gesundheit und die öffentliche Sicherheit so wichtige Maßnahme in Angriff genommen hat.(…) Betroffen werden von dieser Sanierung etwa 12 000 Personen. (…) Wirtschaftliche Entwicklung im Zusammenhang mit politischen Einflüssen haben dann dieses Gängeviertel auch zur Hochburg des Kommunismus gemacht, der an sich ja bei uns erst eine Erscheinung der Nachkriegszeit ist. Wir wissen, daß in den mannigfachen Unruhe-Perioden des letzten Jahrzehnts gerade dieses Viertel zu beiden Seiten der Wexstraße das Operationsgebiet der aufruhrschürenden Moskauer Sendboten gewesen ist, die in großen Teilen der Bevölkerung auf ein williges Ohr trafen, da sich in dieses Wohnviertel im Laufe der Zeit mehr und mehr auch die sozial am schlechtesten gestellten Bevölkerungsschichten mit Rücksicht auf die Billigkeit der Wohnungen zurückgezogen hatten.“(…) Der Ausschnitt (des Stadtplans) zeigt deutlich das feinädrige Gewirr der ganz regellos angelegten Gänge und Höfe, in denen die Polizei ein ganz besonders schwieriges Gelände hatte. Bezeichnend für den eigenartigen Charakter ist, daß die Polizei bei ihrer Arbeit auf diesem Felde weniger von den Maschinengewehren Gebrauch machte, für die es an den Voraussetzungen des Schußfeldes fehlte, als von der unblutigsten Waffe des Polizeieinsatzes, dem Scheinwerfer, der mit seiner Blendwirkung jeden bewegungsunfähig macht, der in sein Lichtfeld tritt.“

Hamburger Fremdenblatt  „Das Hamburger Gängeviertel verschwindet“ 25.04.1933

Die räumliche Situation der dichten Bebauung und der engen Gassen ist heute nur noch bei den Krameramtsstuben, ein 1676/77 gebauter Witwenstift, zu erfahren. Ein vollkommen überlaufener Touristenanziehungspunkt in direkter Nähe zur Michaeliskirche und ansatzweise bei den letzten Häuserzeilen des Gängeviertels, die man nicht abgerissen hat, weil sich dort das Elternhaus und die Geburtsstätte des bekannten Komponisten Johannes Brahms befindet. Als Projekt der Stiftung Denkmalpflege wurden die dortigen Fachwerkhäuser im Bäckerbreitergang, von 1980 bis 1984 restauriert. Die Reste dieses Quartiers zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Bäckerbreitergang sollten, in Kombination mit mehreren Neubauten, für 35 Millionen Euro nach dem Vorbild der Hackeschen Höfe, der Touristenattraktionen Berlins, aufwendig saniert und restauriert werden. Durch die Wirtschaftskrise verzögerten sich diese Pläne und sind inzwischen auf Eis gelegt. Ende 2009 wurde das Areal von der Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“ besetzt, die dort seitdem Ausstellungen, Konzerte, etc. organisieren und die dort ein Mischkonzept von Wohnen, Ateliers und Veranstaltungsorten realisieren wollen. Die Stadt Hamburg duldet die Besetzung und scheint an einer Vertragslösung mit der Initiative interessiert zu sein.

Interessante Historische Kriminalromane in Bezug auf Hamburgs Bau- und Zeitgeschichte sind die des Kunst- und Bauhistorikers Boris Meyn (Der Tote im Fleet, Der eiserne Wal, die rote Stadt und Der blaue Tod /rororo – Taschenbuch), die im Zeitraum 1840 – 1884 spielen und fundiertes historisches Wissen in die Romanhandlung mit einfließen lassen. Sowie die historischen Romane von Ronald Gutberlet alias Virginia Doyle, bzw. alias Robert Brack. Eine St. Pauli-Trilogie (Die rote Katze,  Der gestreifte Affe und Die schwarze Schlange / Heyne), die in dem Zeitraum 1890 – 1940 angelegt ist.

„Wie in anderen deutschen Ländern hat auch in Hamburg die nationalistische Staatsführung für einen Teil der in Schutzhaft genommenen politischen Gegnern, deren Vorleben, Stellung oder Haltung nach dem Umschwung sie irgendwie als bedrohlich erscheinen ließ, ein sogenanntes Konzentrationslager eingerichtet. Man hat sie aus dem unmittelbaren Bereich der Gefangenenanstalten herausgenommen und in einem – der Name ist wohl richtiger und läßt keine solchen, aus den berüchtigten Konzentrationslagern unserer Gegner im Weltkrieg hergeleiteten Vorstellungen aufkommen – Arbeitslager untergebracht. Es befindet sich in Wittmoor, nur etwa drei Viertelstunden entfernt von der Hochbahn-Endstation Langenhorn und dem bekannten Ausflugsziel Ochsenzoll. (…) Der Besucher des Konzentrationslagers Wittmoor ist überrascht, wenn er plötzlich am Lagereingang steht, den er sich ganz anders vorgestellt hat.Ein einfacher Drahtzaun, wie er auch sonst Grundstücke abgrenzt, dahinter in einem weiten Hof eine alte „Brikettfabrik“. Das ganze im schimmernden Grün des ländlichen Frühlings, links und rechts davon saubere Wohnhäuser der Bevölkerung, dahinter weite Torfflächen, übersponnen mit Heide, durchzogen von grünen Knicks. Ein in der Frühlingssonne doppelt freundlicher Fleck Erde. (…) Anfang April dieses Jahres wurde das Konzentrationslager eingerichtet. Die ersten 20 Schutzhäftlinge räumten den Schutt beiseite, der in dem verfallenen Gebäude meterhoch lag, zogen Wände und Decken, tischlerten, mauerten und richteten die alte Fabrik für eine Belegschaft von 100 Häftlingen (später 250) und das Bewachungs-kommando her. Unter Führung von Zugwachtmeister Ziefemer wird zielbewußt gearbeitet. Ihm zur Seite stehen 5 Polizeibeamte und 36 SA-Männer als Hilfspolizisten. (…) Es handelt sich fast durchweg um Kommunisten, nur ein geringer Teil sind Sozialdemokraten; sie haben sich alle hochverräterischer Umtriebe, oft in Verbindung mit Schießereien und unbefugten Waffenbesitz schuldig gemacht.(…) es muß stramm gearbeitet werden 6 Uhr morgens wird geweckt, dann heißt es sich waschen und Betten und Zimmer in Ordnung bringen. Von 7 bis 8 Uhr ist Frühstückspause. Dann geht es hinaus ins Moor zum Torfstechen, und in dem Gefühl produktive Arbeit zu leisten, liegt der größte erzieherische Wert des Lagers, der zugleich auch ein gesundheitlicher ist.“

Hamburger Fremdenblatt „Im Konzentrationslager Wittmoor“ 26.05.1933

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11
Feb
10

Das Prostitutionsgewerbe in Hamburg

Mamsellenhäuser, Freudenhäuser und Bordelle – Alte Prostitutionsquartiere Hamburgs und St. Paulis

Bis zum 16 Jh. war die Prostitution seitens der Obrigkeit geduldet, vor allem in großen Handels-städten wie Hamburg mit seinem florierenden Hafen und Seehandel. Allerdings waren die Prostituierten stark stigmatisiert und wie aus dem  Hamburger Stadtrecht von 1292 hervorgeht, einem strengem Reglement von Strafen unterworfen.

„Nach dem alten Hamburger Stadtrecht von 1292 wurden die Verurteilten beim Kaak (der Richtplatz fürs Stäupen, Brandmarken und ähnliche Strafen) zwei Steine um den Hals gehängt, mit welchem belastet sie vom Frohn und seinen Knechten mit Hörnerblasen durch die Straßen und zur Stadt hinaus geführt wurden. Diese strenge Strafe wiederholt noch das Stadtrecht von 1497.  Ein solches in Lübeck aufbewahrtes Paar Schandsteine wiegt mit der eisernen Kette, an der sie hängen, zirka 25kg; es wurde so um den Hals gelegt, dass der eine Stein auf der Brust, der andere tief auf dem Rücken hing. In einigen Städten waren Stacheln daran befestigt. Oft waren die Steine noch besonders geformt oder trugen darauf eingehauene Figuren, z.B. mit Anspielung auf das veranlassende Vergehen: einen Weiberkopf mit ausgestreckter Zunge unter einem Maulkorb.“

(Zitat aus: Buhr Emmy, 1920, Seite 11)

1428 soll die Stadt acht offizielle Frauenhäuser besessen haben, u.a. auf dem Kattrepel und auf der Neustraße und für den Zeitraum 1461-1528 existieren Dokumente für amtlich verzeichnete Frauenwirte in Hamburg. Vor der Einführung der Reformation und auch später soll es in bestimmten Zeiten üblich gewesen sein die Frauen, die als Prostituierte arbeiteten mit Trommeln und Fahnen aus allen Gegenden der Stadt, wo sie sich aufhielten, zusammen zu treiben und ihnen bestimmte Gassen zuzuweisen. Dazu gehörte ebenda die Neustraße, welche von der Straße Kohlhöfen in die Neustädter Fuhlentwiete ging und mitten im Gängeviertel lag, da sie von den belebtesten Gassen und Kirchen zu dieser Zeit weit genug entfernt war. Außerdem war dort das Hochgericht mit dem Hinrichtungsplatz verortet. Auch die Bugenhagensche Kirchenordnung von 1529 erwähnt die Neustraße als Wohnort für Prostituierte. Das Gebiet der Neustadt wurde erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den neuen Wallring einbezogen und ab dann zu einem Stadtteil Hamburgs.

Im 17. Jh. wurde dann aber im Zuge der Reformation und der aufkommenden Syphilis die Prostitution in ganz Deutschland rigoros bekämpft. Im Jahr 1666 wurde in Hamburg am Alstertor gegenüber dem Zuchthaus ein Spinnhaus erbaut in welchen die Frauen, die der Prostitution beschuldigt wurden, anstelle der Stadt verwiesen zu werden, im Spinnhaus arbeiten mussten. 1725 wurde das Spinnhaus erweitert und ein Flügel angebaut. Im Jahr 1732 wurde seitens des Prätoren der Hamburger Sittenpolizei ein Mandat erlassen, das als Strafe für erstmals aufgegriffene Prostituierte vorsah, sie 8-14 Tage bei Wasser und Brot im alten Turm einzusperren. Bei wiederholtem Aufgreifen wurde die Strafzeit verlängert, zusätzlich wurden sie am Hamburger Pferdemarkt am sogenannten Schandpfahl an ein Hals-Eisen gekettet und mussten dort mit einem an die Brust befestigtem Namensschild eine Stunde stehen. Dann wurden sie für den Zeitraum von 10 Jahren aus der Stadt gewiesen.

Die Verfolgung der Prostituierten nach der Reformation und während der grassierenden Syphilis hatten bewirkt das sich die heimliche Prostitution in ganz Europa weiter ausbreitete und im 18.Jh. einen Höhepunkt erreichte. Mit den Dekreten der Pariser Polizeibehörden im Jahr 1765 begann sich eine Wende in der herrschenden Haltung gegenüber der Prostitution abzuzeichnen. Die Prostituierten mussten sich polizeilich registrieren und ärztlich untersuchen lassen, wurden aber in der Ausübung ihres Gewerbes wieder geduldet. Seit 1807, bedingt durch die französische Besatzungszeit, wurde auch in Hamburg die Prostitution wieder offiziell geduldet

Während der französischen Revolution bis zum Ende des 18.Jh., kamen viele französische Emigranten nach Hamburg und brachten neben nicht unbeträchtlichen Geldmitteln, ihre am Hof gebräuchliche libertinen Auffassungen mit ins Land. Daraus resultierte eine wahrnehmbare Zunahme der Anzahl und des Ansehens von „Freudenhäusern“ der gehobenen Klasse. Bereits im Jahr 1805 gibt es eine Vielzahl „tolerierter Freudenhäuser“, „Mamsellenhäuser“, im Volksmund genannt, die sich vom Millerntor (Altonaer Thor), An den Hütten, Dragonerstall, an dem Wall hin, über den Kamp, durch den Konzerthof über die Drehbahn, durch die Neue- und ABC-Straße hinziehen. Die Prostituierten warten an den Fenstern oder Türen auf Kundschaft. Die bessergestellten unter ihnen verfügen über ein Vorzimmer, in der Regel im 2. Stock des Hauses. Eine weniger privilegierte Klasse von „Mamsellen“ soll in den kleineren Häusern der bereits genannten Straßen und in anderen Gassen der Neu- und Altstadt gelebt haben. Sie waren häufig bei Handwerkern, Kleinhökern, Teekrämern und Wäscherinnen einquartiert. Viele Frauen die sich in den Schlafstätten der Säle, Buden und Keller der Gängeviertel einquartiert hatten, gingen der Prostitution in der Nähe der Speise- und Kaffeehäuser und auf der Straße nach. Außerdem gab es in der zwischen Hamburg und Altona liegenden Vorstadt eine Anzahl von Bordellen, wo die Frauen durch ihre selbstbewusste, aggressive Art der Werbung bekannt waren.

„Die Bewohner sind größtenteils Schiffer, Handwerker und eine Menge Schenk- und Bordellwirte. Hier in den letzteren der Venus cloacaria gewidmeten Häusern, findet besonders der rohe Matrose die höchsten Freuden des mühevollen Lebens im Branntwein, beim Tanz und in den Umarmungen feiler Nymphen der niedrigsten Klasse, welche ihn oftmals, wenn er in Gesellschaft seiner jauchzenden Brüder aus einem der vielen Brauhäuser Altonas taumelnd und lallend zurückkehrt, auf einmal um den Lohn vieler mühsam durchgearbeiteten Monate bringen. Diese Häuser, welche durch die, in den immer geöffneten Thüren fast halb entkleidet stehenden Damen mit ziegelroth geschminkten Gesichtern, und durch die abscheuliche Musik schon ganz zerfiedelter Geigen, die Vorübergehenden einladen, stehen besonders zur Herbstzeit in ihrem höchsten Glanze, alsdann der Matrose abgelohnt wird.“

(Meyer, Hamburg und Altona. Hamburg, 1836: S. 438 )

Laut dem Autor Pierre Dofour waren die Bordelle in der Schwiegerstraße die feinsten Etablissements der Stadt, gefolgt von denen in der kleinen und großen Drehbahn, dem Dammtorwall, der Ulricusstraße, den Hütten und dem Pilatuspool, während die „am tiefsten stehenden“ sich in den Gängevierteln, wie im Langen Gang, Specksgang, Kugelsort und neun weiteren Gassen befanden.

„Zunächst einige Worte über die Schwiegerstraße. (…) Beim Eintritt in dasselbe führt eine Haushälterin die Gäste aus dem Vorplatz in die parterreliegenden Versammlungssäle, in denen man gewöhnlich gegen 14 Mädchen beisammen findet, zum Teil mit Musizieren oder Lesen beschäftigt. Die der Prostitution geweihten Zimmer liegen in den Stockwerken. Man findet daselbst Mahagonimöbel von Rang und Größe, und feine Draperien. Alles zeigt Reinlichkeit und Eleganz. Die Toiletten der Mädchen sind elegant, teilweise selbst kostbar, der Schnitt der Kleidung ist verhältnismäßig anständig. Die Mehrzahl besteht aus früheren Putzmacherinnen, Ladenmädchen etc, doch findet man hier nicht selten auch gefallene Töchter anständiger Familien. (…) Wenn sie ausgehen wollen, so muß das bei Tage geschehen, da die Wirtin Abendpromenaden nicht gestattet. Abend wird gewöhnlich ein Teil der Mädchen unter Aufsicht der Wirtin, oder einer von derselben Angestellten, nach dem Apollosaal und den beiden Theatern geführt von wo sie den Bordellen neue Kunden zuführen. Mit dem Bordell ist eine Wirtschaft verknüpft. (…) Die Wirtin verlangt, dass die Mädchen lustig sind und beim Trinken tüchtig Bescheid thun. Sie sind gezwungen, ihre ganze Einnahme abzuliefern; jedoch erhalten sie bei gutem Verdienst ein Taschengeld. Ueber die Preise für Wohnung, Essen, Kleidung etc werden die Mädchen niemals klar, da sie nie eine detaillierte Rechnung erhalten. Demnach bleiben sie, ihr Verdienst sei, wie es wolle, stets der Wirtin verschuldet.“

Zitat aus: Dofour Pierre, 1995 : 84/85)

Auch die Frauen der anderen Etablissements in der Region um den Dammtorwall sollen regelmäßig die Theater, den Apollosaal und die Tanzsäle in St. Pauli, die „Neue Dröge“ und das „Joachimsthal“ besucht haben. Ein weiterer Chronist dieser Zeit erwähnt drei öffentliche Tanzsäle, die nicht nur von Bürgerlichen, sondern auch von Prostituierten frequentiert wurden: der Tanzsaal von Dorgerloh, das Lokal von Peter Ahrens und die „Bacchus-Halle“ von Hanssen.

„Wir besuchten an einem Sonntage den dorgerlohschen Saal. Hier fanden wir wohl an die tausend Personen, worunter wenigstens dreihundert Freuden-Mädchen waren. (…)Wir bemerkten verschiedene junge Burschen von 12 – 16 Jahren, wovon einige noch schüchtern und andere schon beherzter die Aufmunterungen der Mädchen erwiderten; mehrere sahen wir nach geendigten Tanze mit den Dirnen den Saal verlassen. Was uns aber am meisten empörte, war der Anblick mehrerer Mütter aus dem Mittelstande, die im Kreise ihrer zum Theil unerwachsenen, zum Theil schon mannbaren Töchter hier saßen, dem Tanze mit Vergnügen zusahen und es sogar zuweilen erlaubten, dass diese sich mit den Freudenmädchen in einer Colonne zum Walzen stellen durften!“

(Zitat aus: Pabel Reinhold, 1996 : 207/8)

Zwischen 1806-1814 führten die Franzosen, um die Gesundheit ihrer Truppen zu gewährleisten, eine mit Frankreich vergleichbare Reglementierung der Prostitution ein. Wegen der ansteigenden Zahl von geschlechtskranken französischen Soldaten, wurde die alle acht Tage stattfindende ärztliche Untersuchung eingeführt. Der mit der Prostituiertenuntersuchung beauftragte sogenannte „Ratschirurg“, war zu dieser Zeit kein akademisch ausgebildeter Mediziner, sondern gehörte der Zunft der Barbiere und Wundärzte an. Diese Verordnungen wurden nach dem Abzug der französischen Truppen beibehalten, aber legerer gehandhabt. 1833 gab es in Hamburg bereits 113 Bordelle mit 569 Freudenmädchen, was 1834 zu einem Senatserlass mit reglementierenden Vorschriften führte, in denen ab sofort von den Bordellwirten eine Konzession verlangt wurde und die Prostituierten in ihren persönlichen Freiheiten erheblich eingeschränkt wurden. (z.b. das Verbot des Zutritts des 1. und 2. Ranges des Stadttheaters) Außerdem wurden die Frauen in ihrer Tätigkeit in drei verschiedene Klassen eingeteilt, nach denen sich die Höhe der Abgaben richtete, die sie an die Stadt zu zahlen hatten.

In der Zeit in der die Prostitution förmlich nicht anerkannt war, hat es dementsprechend auch keine regelmäßige amtsärztliche Untersuchungen der Frauen gegeben. Allerdings beauftragten die Bordellwirte bis zum Beginn des19.Jh. Privatärzte mit der periodischen Untersuchung der Dirnen. An diese Art der Selbsthilfe knüpfte die Amtsverordnung von 1807 an, die die Bordellwirte verpflichtete die Frauen auf ihren Gesundheitszustand untersuchen zu lassen. Im Jahr 1850 gingen die polizeiärztlichen Funktionen des „Ratschirurgen“ auf einen Vollarzt über. Die ärztlichen Untersuchungen wurden damals erschwert durch den Lichtmangel vieler Prostituiertenwohnungen. Auch in den Bordellen soll kaum genügend Beleuchtung vorhanden gewesen sein und in vielen Lokalen mussten die Fenster verhängt werden, damit die Nachbarschaft nicht am Geschäft teilnahm. Außerdem waren die Wege zwischen der Vielzahl der Bordelle und den Wohnungen der Prostituierten in der Alt-und Neustadt für den Amtsarzt sehr zeitraubend. Von der Einrichtung zentraler Untersuchungslokale sah man aufgrund der hohen Zahl der zu untersuchenden Frauen und der daraus möglichen resultierenden Reaktion der Öffentlichkeit, ab. So der oberste Polizeiherr:

“ Welchen Anstoß für das Publicum würde es geben, ganze Schwärme von Mädchen zu solchem Zweck über die Gassen in dazu eigens acquirierte Locale ziehen zu sehen. Die Möglichkeit, daß es einzelnen Localen der Wirthe oder Mädchen an der zur Untersuchung nöthigen Helle mangeln möchte, kann eine solche Maßregel nicht rechtfertigen. „

(Zitat, Urban Alfred, 1927: 69)

Im Zeitraum 1846 bis 1876 waren die zahlreichen Bordelle in der Alt- und Neustadt nicht auf wenige Straßen zusammengedrängt, sondern über das ganze Stadtgebiet verteilt. Einige Straßen allerdings fielen durch die Konzentration von Bordellwirtschaften aus diesem Muster heraus. So der Dammthorwall (1846 mit 16 Bordellen in denen 40 Prostituierte lebten, zu 30 Bordelle mit 98 Frauen im Jahr 1871), der Dovenfleth (1846 mit 8 Bordellen und 25 Frauen, zu 12 Wirtschaften mit 45 Prostituierten im Jahr 1871), die Klefekerstraße (1846 – 5 Bordelle mit 15 Frauen, zu 15 Bordelle im Jahr 1871 mit 81 Frauen), die Schwiegerstraße (9 Bordelle mit 32 Prostituierten zu 14 Bordelle mit 35 Frauen in den gleichen Jahren) und die Gänge Rademachergang (5 Bordelle mit 14 Frauen zu 8 Bordelle mit 57 Frauen) und Specksgang (3 Bordelle mit 10 Frauen zu  17 Bordellen mit 81 Frauen).

Buhr Emmy, 1920, „1000 Jahre Hamburger Dirnentum“,  Elbe-Verlag Hamburg

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Dofour Pierre, 1995,  „Die Weltgeschichte der Prostitution“, Reprint, Band 2, , Eichborn Verlag, Frankfurt am Main

Kahmann Jürgen, Hubert Lanzerath, 1981 , „Weibliche Prostitution in Hamburg“, Kriminalistik Verlag, Heidelberg

Pabel Reinhold : 1996, „Hamburger Kulturkarussell“, Wachholtz Verlag, Neumünster

Plagemann Volker (Hg), 1984, „Industriekultur im alten Hamburg“, C. H. Beck, München

Schubert Dirk, Hans Harms (Hg.), 1993, „Wohnen am Hafen“, VSA-Verlag, Hamburg

Schuster Beate, 1995, „Die freien Frauen – Dirnen und Frauenhäuser im 15. und 16. Jh.“, Campus Verlag, Frankfurt, New York

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Bordellwirte und Verschickefrauen

Schon früh haben in Hamburg sogenannte „Verschickefrauen“ als Kupplerinnen und Wohnungsvermittlerinnen für Prostituierte eine Rolle gespielt. Sie hatten neben den Bordellwirten im Rahmen der behördlichen Kontrollmaßnahmen eine wichtige Funktion. Sie hatten die Aufsicht über den geregelten Austausch der „öffentlichen Mädchen“ zwischen den Hamburger Bordellen. Nach einer Verfügung des Hamburger Patronats hatte der Wechsel einer Frau in ein anderes Bordell ausschließlich über die Vermittlungsinstanz der Verschickefrauen stattzufinden. Diese Frauen waren sittenpolizeilich kontrolliert und zugelassen. 1859 setzte die Polizeibehörde eine bis 1876 gültige „Taxe der Verschickefrauen“ fest. Der direkte Austausch und das Abwerben von Prostituierten direkt zwischen den Bordellwirten war behördlicherseits unerwünscht.

„Die Besorgung von öffentlichen Mädchen für die einzelnen Bordelle wird durch vom Staate tolerierte Kupplerinnen vermittelt, an die sich die Wirthe deßhalb wenden. Conveniren ihnen die von der Kupplerin proponirten Dirnen, so werden sie erst ärztlich untersucht, und nach erlangten Gesundheitsschein auf der Polizei dem Wirthe zugeschrieben, der dann verpflichtet ist, etwaige Schulden des Mädchens zu tilgen.“

Zitat (Urban Alfred, 1927: 32)

Die Situation der registrierten Prostituierten war durch eine massive persönliche und materielle Abhängigkeit vom Bordellwirt gekennzeichnet und die Festschreibung des sozialen Stigmata durch die Sittenpolizei machte es den Frauen schwer ins „normale“ Leben zurückzukehren. Die Bordellwirte, zumindestens die erfolgreichen unter ihnen, waren ihres Berufes weit weniger stigmatisiert als die Prostituierten, denen sie ihr Einkommen verdankten. Sie sollen in weiten Kreisen gesellschaftlich akzeptiert gewesen sein, waren Mitglieder von Bürgervereinigungen und Casinos, zeigten sich im Theater und luden zu aufwendigen Feierlichkeiten in ihren eigenen Etablissements ein. Es gab unter den Bordellwirten nicht nur Männer, sondern auch Frauen. So wurden in einer Liste aus dem Jahr 1841 13 Wirte und 7 Wirtinnen aufgeführt. Die Bordellwirte konnten, behördlich genehmigt, für die Gewährung von Kost und Logis, die Hälfte der Einnahmen der Frauen berechnen. Die andere Hälfte der Einnahmen diente „zur Abtragung der Schuld und Behütung anderer Kosten“. So lieferte der Wirt den Frauen die Kleider ohne dafür eine detaillierte Rechnung aufzusetzen und notierte statt dessen die Totalsumme der monatlichen Gesamtschulden, wenn die Einnahmen der Prostituierten anstiegen, erhöhte man dementsprechend proportional die für sie aufgewendeten Ausgaben, indem teurere Stoffe, Kleider und Toilettenartikel angeschafft wurden, so dass es den Frauen selten gelang sich schuldenfrei zu arbeiten. Die gewöhnliche Schuldenlast einer registrierten Prostituierten, beispielsweise in einem Bordell in St. Pauli, belief, sich auf eine Summe von 2-300 Mark, die aber bis zu einer Höhe von 1000 Mark ansteigen konnte. Die Polizei hatte zu dieser Zeit ein klares Interesse an dem Bestand der sittenpolizeilich kontrollierten Bordelle und der dort betriebenen Schuldenwirtschaft, da sich so die Kontrollmöglichkeiten über die Frauen ausweiten ließen und sie so die heimliche Prostitution einzudämmen versuchte.

Zum Vergleich: 1848 ging der Hamburger Senat davon aus, dass die Lebenserhaltungskosten eines alleinstehenden Arbeiters „geringerer Classe“, etwa fünf bis sieben Mark in der Woche betrugen. In der Jahrhundertmitte sollen zwischen 2 Drittel und 3 Viertel der Erwerbstätigen in Hamburg weniger als 500 Mark im Jahr verdient haben.

Eine Möglichkeit sich den Zwängen der registrierten Prostitution zu entziehen, war die Flucht aus dem Bordell. So soll es allein im Jahr 1858   28 Frauen gelungen sein ihr Bordell  heimlich zu verlassen. Eine weitere Möglichkeit aus dem System auszusteigen stellte die Heirat dar. Der heiratswillige Mann musste mit 75 bis maximal 150 Mark die betreffende Frau aus dem Bordell auslösen um ihre Schuldenlast zu tilgen. Erst unter dieser Vorraussetzung gestatten die Hamburger Behörden die Heirat.

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg


Reglementierte und  heimliche Prostitution

Die sich heimlich prostituierenden Frauen besaßen gegenüber den Eingeschriebenen einen größeren individuellen Spielraum, wenn sich auch das mit dieser Form der Prostitution herausbildende Zuhälterwesen oft zu einer neuen Form der Unterdrückung entwickelte. Laut Polizeibehörde waren im Jahr 1875 fünf, im Jahr 1891 bereits 53 Männer wegen des Verdachts der Zuhälterei verhaftet worden. Im Jahr 1896 waren der Kriminalpolizei 404 Männer als Zuhälter aktenmäßig erfasst.

Für Frauen von außerhalb, die nach Hamburg zuzogen, gab es in der ersten Hälfte des 19.Jh. vor allem im Dienstleistungsbereich der Hausarbeit Anstellungsmöglichkeiten. 1867 arbeiteten im Durchschnitt von 100 beschäftigten Frauen 53 im häuslichen Dienst, aber bereits 33 im Gewerbe und in der Industrie. Frauen, die in Hamburg heimisch waren, fanden in der Regel bessere Arbeit als eine Anstellung als unterprivilegiertes und schlechtbezahltes Dienstmädchen, so dass die bürgerlichen Haushalte gemeinhin Frauen vom Land in ihren Dienst nahmen, da sie allgemein niedrigere Ansprüche hatten. Eine ähnliche Tendenz zeichnete sich bei den in Hamburg registrierten Prostituierten ab. Nur wenige Hamburger Frauen waren bereit sich den derartigen Zwangsverhältnissen der Reglementierung zu unterwerfen, so dass ein Großteil der kasernierten Frauen von außerhalb von Hamburg kamen. Sie sollen um 1840 vor allem aus dem Königreich Hannover, aus Preußen, Holstein, Mecklenburg und dem Herzogtum Braunschweig gekommen sein.

Bis zur Mitte des 19.Jh. nahm die Zahl der Prostituierten kontinuierlich zu: 1833 gab es in Hamburg 113 Bordelle mit 569 Freudenmädchen, 1863 waren es 180 mit insgesamt 1047 Prostituierten. Erschwert wurde die sittenpolizeiliche Kontrolle durch den häufigen Adresswechsel der Prostituierten. In Hamburg wurden jedes Jahr über tausend Adressänderungen registriert. Im Jahr 1863 waren dies 1646, drei Jahre später 1294. Also zog in diesem Zeitraum jede offiziell registrierte Prostituierte im Durchschnitt im Jahr zweimal um. Zudem meldeten sich viele Prostituierte ab, weil sie eine andere Arbeit aufnahmen. Im Jahr 1862 wurden in Hamburg 610 neue Prostituierte ins Register eingeschrieben und 573 Frauen wurden gestrichen.  Auch die heimliche Prostitution wuchs im gleichen Maße und stieg ab 1890 erheblich an. Nach einer Schätzung der Hamburger Polizei von 1895 betrug die Zahl der Frauen, die heimlich der Prostitution nachgingen ca. 3000- 4000. Zur gleichen Zeit waren ca. 1000 Frauen registriert.

Um die enorme Anzahl von Bordellen und Prostituierten in der Vergangenheit Hamburgs verstehen zu können, muss man sich vergegenwärtigen, dass infolge der Zuwanderung die Innenstadt Hamburgs mit den damals noch existierenden Gängevierteln und der Altstadt dicht bewohnt war. Die Bevölkerung Hamburgs, zusammen mit seinen Vorstädten, verdoppelte sich zwischen 1806 und 1860 von rund 100 000 auf fast 200 000 Einwohner. Eine Tendenz, die sich in der 2. Hälfte des 19. Jh. noch weitaus stärker fortsetzen sollte. Im Jahr 1867 wohnten noch 59,4% der hamburgischen Bevölkerung, 155734 Personen, in der Alt- und Neustadt. Der Hamburger Hafen mit seinem enormen Schiffs- und Transportaufkommen an Menschen und Waren war direkt in das Stadtgeschehen eingebunden und bot bis ins letzte Jahrhundert eine Vielzahl von Menschen Arbeitsmöglichkeiten, außerdem war Hamburg neben Bremen die Drehscheibe für die Ströme von Auswanderern nach Amerika.

Urban schätzte die Zahl der heimlichen Prostitution im Jahr 1868 auf 1690 Frauen, was 1,2% der damaligen weiblichen Stadtbevölkerung entsprochen haben soll. Ab ca. 1869 ging die Polizei zu Zwangseinschreibungen über, während früher die freiwillige Meldung der Frauen zur Registrierung über das System der Bordellwirtschaft als Kontrollmaßnahme genügte. Immer mehr Frauen, die der Prostitution nachgingen, scheinen sich als Näherinnen, Putzfrauen, Schneiderinnen, Friseusen, etc. bei den Behörden angemeldet zu haben, um ein freies Leben führen zu können, so dass die Polizei dazu überging Sittenzeugnisse aus dem Heimatort der Frauen anzufordern. Ab 1870 wurde die einmonatliche, ärztliche Zwangsuntersuchung auf ehemals registrierte Frauen, deren Eintrag als getilgt galt und Frauen, die andernorts unter sittenpolizeilicher Kontrolle gestanden hatten, ausgedehnt. Im Jahr 1871 waren konzessionierte Bordelle in über 66 Straßen der inneren Stadt verbreitet, die durchwegs von normalen Wohnhäusern umgeben waren. Den registrierten Prostituierten in den Bordellen war es verboten sich nach 23 Uhr abends ohne männliche Begleitung außerhalb ihrer Wohnung aufzuhalten. Außerdem war ihnen das Betreten bestimmter Straßen, insbesondere die in der Umgebung der Binnenalster liegenden, ganz oder zu bestimmten Zeiten verboten. Am häufigen Ausgehen wurden sie vom Bordellwirt gehindert, dessen Erlaubnis, so vorschriftsmäßig festgelegt, sie vor jedem Ausgang einzuholen hatten.

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Plagemann Volker (Hg), 1984, „Industriekultur im alten Hamburg“, C. H. Beck, München

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Das Hamburger Reglement über die „erleichterte“ sittenpolizeiliche Aufsicht aus dem Jahr 1909

„§2.  Die der erleichterten sittenpolizeilichen Aufsicht unterstellten Frauenzimmer haben sich sofort nach Stellung unter Polizeiaufsicht durch den Polizeioberarzt oder dessen Stellvertreter und demnächst nach näherer Anordnung durch die Polizeibehörde regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen zu unterwerfen.

§3.  Zu allen Untersuchungen haben sie nüchtern, in reinlichen Kleidern und mit reingewaschenem Körper zu erscheinen.

§4.  Falls der Arzt Krankenhausbehandlung verfügt, sind sie gehalten, sie der Überführung in das von der Behörde bestimmte Krankenhaus zu fügen (…) Während des Krankenhausaufenthaltes haben sie den Anordnungen der Ärzte und Beamten der Anstalt, sowie den Anordnungen des Pflegepersonals Folge zu leisten, sich ruhig und gesittet zu benehmen  und die Vorschriften der Hausordnung zu beachten. Das Mitbringen, die Annahme und der Gebrauch von Blumen, Büchern, Eßwaren, Getränken und von Tabak ist ohne Genehmigung des Arztes verboten.

§6.  Sie haben sich im Bureau der Sittenpolizei, wenn sie Hamburg dauernd oder vorübergehend verlassen wollen, vor 11 Uhr vormittags persönlich abzumelden. Die Rückkehr nach Hamburg ist binnen 24 Stunden persönlich auf dem Bureau der Sittenpolizei zu melden.

§7.  Dem zur Besichtigung ihrer Wohnung erscheinenden Polizeibeamten haben sie sofort Einlaß zu gewähren.

§10. Es ist ihnen verboten,
(1)in einem Hause zu wohnen, das die Polizeibehörde als für sie zur Wohnung ungeeignet bezeichnet, in einem anderen Hause als in ihrer Wohnung zu übernachten, mit Männern zu verkehren oder sich obdachlos herumzutreiben;
(4)in dem von ihnen bewohnten oder in einem anderen Hause sich am Fenster oder an der Haustür zu zeigen oder durch Anklopfen, Anrufen oder auf andere Weise zu versuchen, Männer anzulocken;
(7)sich von 11 Uhr abends bis 6 Uhr morgens an einem anderen Orte als in ihrer Wohnung aufzuhalten,
(8)die Straßen und Plätze: Alter Jungfernstieg, Neuer Jungfernstieg, Alsterdamm, Neuer Wall, Alter Wall, Reesendamm, Rathausmarkt, Burstah, Adolphsplatz, Große Johannisstr., Mönckebergstr., Steindamm, Reeperbahn, Spielbudenplatz, Dammthorstr., Harvestehuder Weg, an der schönen Aussicht, Schwanenwick, an der Alster und die Wallanlagen zu betreten;
(9)das Stadt-, Thaliatheater und das Deutsche Schauspielhaus, das Hansatheater, im Carl-Schultze-Theater und Hamburger Operettentheater die Fremdenlogen, Parkettlogen und Sperrsitze, im Neuen Operetten Theater die im ersten Rang befindlichen Plätze, die Museen, den Zoologischen und Botanischen Garten, das Velodrom, bei Rennen andere Plätze als zweite Tribüne und Fußgängerplatz, in den Zirkussen die logen, Balkons und Sperrsitze, die Veranstaltungen des allgemeinen Alsterclubs, insbesondere die Regatten, die öffentlichen Konzerte und Tanzlokale (außer dem Neustädterstr. 25 und Mohlenhofstr. 10 gelegenen) zu besuchen;
(11)in offenem Wagen zu fahren;
(12)in hiesigen Badeanstalten andere als für einzelne Badende eingerichtete Kabinette, namentlich die Schwimmbassins, zu benutzen;

§12.  Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschriften werden auf Grund §361 Z.6 und §362 StGB mit Haft bis zu 6 Wochen und Überweisung an die Landespolizeibehörde behufs Unterbringung in ein Arbeitshaus bis zu 2 Jahren bestraft.“


Mädchenhandel – Kampagnen und Wirklichkeit

Wenn man den Umstand berücksichtigt, das nur wenige heimische Frauen bereit waren sich der Reglementierungspraxis der Sittenpolizei zu unterwerfen, ist es anzunehmen, dass das Hamburger Bordellsystem den Frauenhandel begünstigte, der laut Polizei- und Presseberichten, ab der 2. Hälfte des 19. Jh. vor allem mit Frauen aus Polen und Österreich-Ungarn einen beträchtlichen Umfang annahm. Die Duldung des Frauenhandels war sozusagen für den Bestand der konzessionierten Bordelle notwendig, wenn man nicht der privatwirtschaftlichen und individuell- heimlichen Prostitution das Feld überlassen wollte. In den 90er Jahren des 19.Jh. stieg die Kuppelei und der damit verbundene Menschenhandel, vor allem mit Ausländerinnen aus Böhmen und Ungarn, an. Im Mai 1894 befanden sich 231 Frauen aus Österreich-Ungarn in Hamburger Bordellen und Hamburg soll darüber hinaus auch als Drehscheibe für den Mädchenhandel fungiert haben. Aufgrund dieser Verhältnisse wandte der österreich-ungarische Generalkonsul sich an die Polizeibehörde, die daraufhin viele seiner Landsfrauen, die in den Hamburger Bordellen arbeiteten, ausweisen lassen musste. 1876 waren 92 Bordellfrauen ausländischer Herkunft, 1992 bereits 357. 1896, dem Jahr der massenhaften Ausweisung, nur noch fünf.

Ein nicht unbedeutender Prozentsatz der Frauen, die auf fingierte Heiratsversprechen hereinfielen, stammte aus der jüdischen Population Osteuropas. Dies hatte neben der dortigen Massenarmut seine Gründe in den ostjüdischen Ehegesetzen, die nicht vorsahen eine religiöse Trauung standesamtlich bestätigen zu lassen. Eine Heirat galt als vollzogen, wenn das Paar vor mindestens 2 Zeugen die Ehe einging. Ein Heiratsschwindler konnte davon ausgehen, das ein so geschlossener Ehevertrag im Ausland nicht rechtskräftig war. In den heimatlichen Dorfgemeinden war die so geschlossene Ehe umso verbindlicher. Im Falle einer Trennung durfte die Frau nur dann ein weiteres Mal heiraten, wenn ihr vorheriger Mann einen Scheidungsbrief unterzeichnete oder wenn es eine verbürgte Bestätigung für seinen Tod gab. Viele Frauen, die sich in so einer Notlage befunden hatten, sollen gefälschte Scheidungsbriefe angeboten worden sein. Diese Umstände schufen ein ideales Rekrutierungsfeld von Frauen, die dann – einmal in Abhängigkeit gebracht – den Nachschub für die einschlägigen Etablissements in den westeuropäischen Großstädten lieferten.

„Die ungeheure Ausdehnung des Mädchenhandels ist erst erkannt worden, nachdem auf Anregung Englands in den meisten Kulturstaaten Komitees zur Bekämpfung desgleichen gegründet worden sind. Wie im Viehhandel spricht man beim Mädchenhandel von üblichen Preisnotierungen und Zutreibergebühren. Es gibt sogar besondere telegraphische Verständigungen, wie fünf Faß feurigen Ungarwein, oder vier Ballen französische Seide, womit jedes Mal lebendiges Menschenmaterial gemeint ist. Für Deutschland ist der Preis im Binnenverkehr für schon prostituiert Gewesene M20 bis M 25. Die Grenzkommission in Beuthen hat festgestellt, dass alljährlich Tausende von Mädchen aus Russland und Polen verschickt werden, für die bis zu 1000 Rubel bezahlt werden. (…) Besonders Gegenden in denen Not und Dummheit herrschen, werden von den Händlern, die meist ein sehr vornehmes Auftreten haben, heimgesucht. Sie werben entweder für einen Freund in Südamerika oder lassen sich sogar selbst mit den Mädchen treuen. (…).  Die Liste des internationalen Kommitees zählt jetzt 1500 Namen von Mädchenhändlern, unter denen eine sehr scharfe Konkurrenz besteht. Sogar Frauen sind an diesem Handel beteiligt. Die Summen die die Händler verdienen sind sehr bedeutend. So wurde in Chikago ein Ehepaar mit 20 Mädchen abgefasst, das auf eine Kaution von M 106 000 freigelassen wurde und diese Kaution ruhig im Stich ließ, weil es im Jahre 1907, wie die Bücher auswiesen M 410 8000 verdient hatte und im ersten Vierteljahr 1908 allein M164 000“

Hamburger Echo, Nr.283, 3.12.1911, „Die Sanierung der Altstadt und der Mädchenhandel“

Auch August Bebel, einer der damaligen Wortführer der Sozialdemokratie nutzte dieses Thema und die Umstände des Hamburger Bordellsystems, um im Reichstag gegen den politischen Gegner zu polemisieren.

„Deutschland genießt mit den traurigen Ruhm, Frauenmarkt für die halbe Welt zu sein.(…) Der Weg, den diese Mädchen nehmen, läßt sich ganz genau verfolgen. Von Hamburg werden dieselben nach Südamerika verschifft, Bahia, Rio de Janeiro erhält seine Quote, der größte Teil aber ist für Montevideo und Buenos Aires bestimmt, während ein kleiner Rest durch die Magellanstraße bis Valparaiso geht. Ein anderer Strom wird über England oder direkt nach Nordamerika dirigiert, kann aber hier nur schwer mit dem einheimischen Produkt konkurrieren, er verteilt sich daher den Mississippi hinab bis nach New Orleans und Texas oder gen Westen nach Kalifornien. Von dort wird die Küste bis Panama hinunter versorgt, während Kuba, Westindien und Mexiko ihren Bedarf von New Orleans beziehen.“

August Bebel – „Die Frau und der Sozialismus“ – 62. Auflage, Berlin/DDR, 1973, S. 207-242. Zwölftes Kapitel,  „Die Prostitution – eine notwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt“      http://www.mlwerke.de/beb/beaa/beaa_207.htm


Die Kampagnen gegen den internationalen Mädchenhandel – im englischsprachigen Raum mit dem Schlagwort „white slavery“ belegt – wurde von vielen Frauenverbänden und der Sittlichkeitsbewegung initiiert und getragen. Diese Protestbewegung war durchzogen von einem religiösen Fundamentalismus, der seine wesentliche Aufgabe in einem Kampf gegen die Lockerung der Sexualmoral und der prosperierenden Vergnügungsindustrie sah. Die neu entstandene Vergnügungskultur gehörte zu den Feindbildern der Sittlichkeitsbewegung, mit der zeittypischen Polemik gegen die Varietes, Kinos, Kneipen und Kabaretts ging die Botschaft einher, dass junge Frauen, die alleine in die Stadt zogen dem Risiko des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt waren, solange sie nicht mehr oder noch nicht unter dem Schutz des Vaters oder Ehemanns standen.

Auslösendes Element dieser Debatte waren Reportagen von englischen und amerikanischen Journalisten wie William Thomas Stead. Dieser veröffentlichte 1885 eine Reportagenserie mit dem Titel „The Maiden Tribute of Modern Babylon“ in der Londoner „Pall Mall Gazette“, nachdem er im Auftrag eines Sittlichkeitsvereins Hinweisen auf systematischen Kindesmissbrauch nachgehen sollte. Josephine Butler, eine bekannte englische Frauenrechtlerin, stellte für den Journalisten den Kontakt zu einer ehemaligen Prostituierten her, die ihrerseits Stead mit einer der Hauptprotagonistinnen der 1885 publizierten Skandalgeschichte bekannt machte – der 13-jährigen Eliza Armstrong. Als Freier getarnt machte er mehrere Bordelle ausfindig, die auf die kommerzielle Defloration spezialisiert waren, die ein weitverzweigtes ökonomisches Netzwerk – vom bestochenen Polizisten, bis hin zur zahlenden Kundschaft, die sich zum Teil aus adeligen und großbürgerlichen Kreisen zusammensetze – offenbarte. Infolge des Skandals, die diese im Stil von „true crime-stories“ verfassten Artikeln auslösten, kam es im Londoner Hyde Park zu einer riesigen Protestkundgebung an der sich ca. 250 000 Menschen beteiligt haben sollen. Sittlichkeitsverbände nutzten die Stimmung der aufgebrachten Öffentlichkeit um Music-Halls, Theater, Buchläden und die Kneipenkultur zu attackieren. Aufgrund dieses öffentlichen Druckes verabschiedete das englische Parlament noch im gleichen Jahr den „Criminal Law Amendent Act“ der die Mündigkeit für Mädchen von 13 auf 16 Jahren heraufsetzte. Außerdem wurden bei dieser Gelegenheit homosexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe gestellt.

William Steads Recherchen zu folge waren die meisten Londoner Mädchen damit einverstanden sich gegen Geld entjungfern zu lassen. Seine Reportagen stellen aber in erster Linie die Fälle in den Mittelpunkt, in denen Zwang angewendet wurde, es also zu Vergewaltigungen gekommen war. Sein Text beschäftigt sich detailliert mit der damit zusammenhängenden sadistischen Inszenierung und befriedigt so nicht nur die Sensationslust seiner Leserschaft, sondern weist zum Teil pornographische Züge auf. Das Thema „White Slavery“ war nicht nur Zielscheibe sittlicher Empörung, sondern auch Gegenstand der Massenunterhaltung und bediente das Interesse des Publikums an „Sex & Crime“ und verschaffte ihm sonst tabuisierte Einblicke in die Subkultur der Prostitution und einem ganzen Spektrum von Sexualpraktiken

Das Thema Mädchenhandel eignete sich aufgrund seiner Skandalisierung bestens als Kinostoff und entwickelte sich zu einem regelrechten Subgenre. Die Geschichte des unbescholtenen Landmädchens, welches in der Großstadt auf einen unmenschlichen Zuhälter hereinfällt und von diesem in die Prostitution gezwungen wird, wurde erstmals 1907 mit dem dänischen Film „Den hvide Slavinde“ des Regisseurs Viggo Larsen einem größeren Publikum unterbreitet. Der Film war außerordentlich erfolgreich und begründete (neben den Filmproduktionen mit Asta Nielsen) den Ruf Dänemarks als liberale Kulturnation. Bis 1914 sollen in Dänemark ca. 50 weitere Filme des gleichen Sujets produziert worden sein. Hauptabnehmer dieser Serienproduktion waren die Kinos in Deutschland. Für einen noch größeren kommerziellen Erfolg und dementsprechenden Folgeproduktionen sorgte der 1913 produzierte Film „A Traffic in Souls“ von David W. Griffith in den USA. In deutschen Studios wurde nach dem Ende des 1. Weltkrieges eine Reihe ähnlicher Filme produziert von denen die bekanntesten „Die weiße Sklavin“ und „Das Schweigen der Großstadt“ gewesen sein dürften.

Aus der englischen Sittlichkeitsbewegung heraus entwickelten sich Initiativen um gegen den Mädchenhandel und gegen die Prostitution im allgemeinen auf internationalen Ebene vorgehen zu können. Zu ihren Leitfiguren gehörten neben William Stead, die Frauenrechtlerin Josephine Butler und der Schriftführer der „National Vigilance Association“ William Cote, der später Steads Privatsekretär wurde. Coote unternahm 1899 eine europäische Rundreise um die „First International Conference against White Slavery“ vorzubereiten. Infolge dieser Initiative entstand in Deutschland eine Initiativgruppe aus der das „Deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels“ hervorging. Den Vorsitz übernahm der evangelische Pfarrer Johannes Burckhardt, der bereits 1894 die erste Bahnhofsmission in Berlin gegründet hatte, die im Zuge des Aktionismus der Sittlichkeitsbewegung bald in jeder größeren Stadt zu finden waren. (Neben den evangelischen und katholischen Bahnhofsmissionen gab es auch eine ähnlich orientierte jüdische Bahnhofshilfe, die 1909 in 20 deutschen Bahnhöfen und Häfen präsent war) Die Gremien und Vorstände dieser Vereine konstituierten sich zum großen Teil aus dem protestantischen Bildungsbürgertum und gewannen zunehmend an Einfluss.

1905 auf dem 4. Deutschlandkongress waren 32 Verbände vertreten, auf der nachfolgenden Konferenz, zwei Jahre später, waren es bereits 55 Verbände. 1903 wurde eine „Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels“ eingerichtet, die dem Berliner Polizeipräsidium angegliedert war. Zu ihr gehörten 15 Kriminalbeamte und 1 Wachtmeister. Auf die erste internationale Konferenz folgte die zweite 1902 in Paris, auf der bereits Regierungsvertreter aus 15 europäischen Ländern und Brasilien teilnahmen. Sie entwarfen ein Übereinkommen um gesetzgeberische und verwaltungstechnische Maßnahmen auf internationaler Ebene aufeinander abstimmen zu können. Das daraus resultierende Abkommen trat 1904 in Kraft.

Es gab zu dieser Zeit auch Vertreterinnen eines anderen Feminismus, wie den der militanten Suffragette Teresa Billington-Graig. Für sie stufte das in den Medien verbreitete White-Slavery-Script die Frauen zu geistig minderbemittelten Mitleidswesen herab. Billington-Graig machte es sich zur Aufgabe die Pressemeldungen über die Schicksale vermisster Mädchen, sowie die vielen Vermisstenanzeigen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Diese wurden u.a. von der „National Vigilance Asociation“ als Beweis für die Existenz internationaler Mädchenhändlerringe angeführt und lieferte genug Stoff um die Emotionalisierung der Debatte weiterbetreiben zu können. Im Rahmen ihrer Nachforschungen wurde deutlich, dass die maßgeblichen Organisationen dieser Kampagne, wie die „National Vigilance Asociation“ und die Heilsarmee keinen einzigen Fall nachweisen konnten, in dem eine Frau in ein ausländisches Bordell verschleppt worden war. Im deutschen Raum kamen kriminalistische Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen. Deutlich zeigt sich an dem Thema Mädchenhandel, das ab 1900 von etlichen Organisationen und den Massenmedien als ein großes soziales Problem behandelt wurde, das die Verunsicherung breiter Bevölkerungskreise auf die neuentstehende Lebensformen in den Industriemetropolen durch eine unverhältnismäßige Skandalisierung des Themas im Sinne von konservativ-christlichen Moralisten kanalisiert wurde.

„Gibt es einen Mädchenhandel? (…) Ja! Wenn man damit die Vermittlung, Werbung und Verbringung von Mädchen durch bezahlte Agenten für ausländische (und inländische) Bordelle meint mit Kenntnis und Einverständnis der verbrachten Person selbst. Nein! (oder nur als außerordentliche Seltenheit) wenn man darunter – wie das große Publikum – die Verschleppung ahnungsloser Mädchen mit Gewalt oder List versteht, um sie im Ausland der Prostitution zuzuführen.“

Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld aus seinem Werk „Geschlechtskunde“ (1930/ Seite 436)

Jazbinsek, Dietmar,  „Der internationale Mädchenhandel – Biographie eines sozialen Problems“, Schriftenreihe der Forschungsgruppe „Metropolenforschung am Wirtschaftszentrum  Berlin für Sozialforschung, 2002

20
Jan
10

Prostitution


Inhalt

Prostitution im Mittelalter

Offizielle Sexualethik und Wirklichkeit
Die Entwicklung städtischer Prostitution
Das Seelenheil der Dirnen – Ordensgründungen und Magdalenenkult
Die heimliche Prostitution – Kupplerinnen, Badestuben und Schänken
Das Frauenhauswesen
Die zunehmende Diskriminierung der Prostitution und die Schließung der Frauenhäuser
Exkurs: Hebammen
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Die Prostitution im Industriezeitalter bis zum Ende der Weimarer Republik

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Das 19. Jahrhundert  – Die Kasernierung der Prostitution
Der deutsche Reglementarismus
Das Spektrum der Prostitution am Beispiel Berlins
Die soziale Rekrutierung der Prostituierten
Die Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen in Deutschland
Die Gesetzgebung in der Weimarer Republik
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Prostitution heute:  Zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu

Statistisches Material zwischen Ökonomie und Gesundheitswesen
Die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten in Deutschland
Menschenhandel und Prostitution
Arbeitsbedingungen von Prostituierten
Die Dienstleistung – Zwischen Massenabfertigung und Spezialisierung
Sozialtechniken von Sexarbeiterinnen
Prostituiertenorganisationen
Spotlight Budapest/Ungarn
Spotlight –  Nevada/ USA
Spotlight – Amsterdam/Holland
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„Prostitution“ : „prostituere“ (lat.) – „öffentlich preisgeben“ in einem älteren Bedeutungszusammenhang: „vorn hinstellen“, aus „pro“- „vorn“ und „statuere“- „hinstellen“
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„Prostitution“ – Verkauf nicht-reproduktiver, sexueller Dienstleistungen

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Prostitution im Mittelalter – Offizielle Sexualethik und Wirklichkeit

Die moralische Zuweisung und die soziologische Definition wer oder was als obszön und unsittlich und wer als Prostituierte klassifiziert wird, kann von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein und verändert sich im Rahmen der sich wandelnden historischen Kontexte. Dementsprechend ist die Geschichte der Sexualmoral und Prostitution nicht als eine einheitliche Entwicklung zu verstehen, sondern als eine aneinander gereihte und oft zeitlich verschobene Folge von verschiedenen sozialen Koalitionen, auch wenn man in der Darstellung der Thematik zu einer vereinfachenden zeitlich linearen Darstellung neigt. Ein weiteres Problem ist, das verwendete historische Quellen und rezipierte Literatur sich größtenteils über obrigkeitliche Verordnungen definieren, bzw. diese als Grundlage ihrer Recherche verwenden. Diese Quellen geben einem eine Vorstellung wie man damals gedachte das  Alltagsleben zu reglementieren und welche Strafkataloge man bei Regelverstößen zur Anwendung brachte – sie geben aber keinen Aufschluss darüber, inwieweit die damit verbundene Sexualmoral tatsächlich allgemeingültig im Bewusstsein der Bevölkerung verankert war.

Die mittelalterliche Sexualethik trennte zwischen erlaubter und verbotener Sexualität. Sexueller Verkehr war, sofern er der Fortpflanzung diente, ausschließlich in der Ehe erlaubt. Andere Formen sexueller Aktivität waren verboten, wenn sie auch teilweise toleriert wurden. Neben dem weitverbreiteten Konkubinat, dem vorehelichen Geschlechtsverkehr und der Sodomie – zur Sodomie zählte man damals neben gleichgeschlechtlichen Verhalten und Verbindungen zwischen Christen und Nicht-Christen auch den Analverkehr mit Frauen, der zur Empfängnisverhütung oft praktiziert wurde – stellte die Prostitution nur eine, der von der Kirche bekämpften Formen der „Unzucht“ dar. Soweit sie von Frauen ausgeübt wurde, wurde sie geduldet und man versuchte sie weitgehend zu kontrollieren, männliche Prostitution hingegen galt nach der kirchlichen Moralvorstellung als Todsünde. Dabei gab es in vielen Städten Homosexuelle und im 14. und 15. Jh. entwickelte sich in den großen Städten wie Venedig, Florenz, Rom und Paris eine umfangreiche männliche Prostitution. Vor allem minderjährige Jungen verdienten sich auf diese Weise ihren Lebensunterhalt.

Aufgrund des strikten Postulats der Monogamie, dem Gebot der Jungfräulichkeit bis zur Heirat und die durch die Zunftordnungen bedingten späten Ehen, konnte man auf die Ventilfunktion der Prostitution nicht verzichten. So setzte sich die  pragmatische Auffassung des Kirchenlehrers Augustinus durch, der in der Prostitution ein unvermeidbares Übel sah, dass man in Kauf nehmen müsse um Schlimmeres zu vermeiden. Im realen Alltagsleben war die Ehe bis in das 16. Jh. allerdings nur eine Form von Gemeinschaft zwischen Männern und Frauen. Eine Beziehung konnte auch die eines Konkubinats annehmen, wie es für Verbindungen zwischen „Nicht-Standesgleichen“ üblich war. Für Kleriker und wohlhabende Bürgerliche war es bis in das 16. Jh. nicht ungewöhnlich eine Beziehung zu einer Frau zu unterhalten, die zwar die Versorgung der evtl. Kinder und der Frau, aber nicht die Verbindlichkeit einer Ehe beinhaltete. Gerade auch die Geistlichen kamen, im Gegensatz zu den öffentlichen Verlautbarungen und dem Gebot des Zölibats, ihren sexuellen Bedürfnissen oft nach.

„Vielfach suchten Bauern ihre Frauen und Töchter vor geistlicher Verführung dadurch zu sichern, daß sie keinen als Seelenhirten annahmen, der sich nicht verpflichtete, eine Konkubine zu nehmen. Ein Umstand, der einen Bischof von Konstanz veranlaßte, den Pfarrern seiner Diözese eine Konkubinensteuer aufzuerlegen. Aus solchen Zuständen erklärt sich die historisch beglaubigte Tatsache, daß in dem von unseren Romantikern als so fromm und sittsam dargestellten Mittelalter zum Beispiel 1414 auf dem Konzil zu Konstanz nicht weniger als 1500 fahrende Frauen anwesend waren.“

August Bebel – „Die Frau und der Sozialismus“ – 62. Auflage, Berlin/DDR, 1973, S. 207-242.Viertes Kapitel, „Die Frau im Mittelalter“      http://www.mlwerke.de/beb/beaa/beaa_207.htm

Das deutsche Reichsgebiet war bis in das 11. Jh. agrarwirtschaftlich geprägt. Neben den dörflichen Siedlungen und den adeligen und kirchlichen Grundherrschaften bildeten sich Zentren für Handel und Gewerbe heraus, die Vorformen der späteren Städte. Durch den zunehmenden Verkehr auf den Handelsstraßen entstanden entlang der Hauptverkehrswege eine steigende Anzahl von Gasthäusern die sich auch zum Anlaufpunkt für fahrende Frauen, die sich prostituierten, entwickelten. Sie boten ihre Dienste entlang der Landstraßen, an Wegkreuzungen, auf Märkten und Martyrfesten an. Wanderhuren begleiteten die Messkarawanen und folgten den Kaufleuten, Knechten, Fuhrleuten und Begleitmannschaften und nutzten die gute Konjunktur der Messezeiten mit ihren großen Menschenmengen. Das Maß an Teils freiwilliger, teils erzwungener Mobilität (z.B. durch die Strafe der Verbannung) war groß, die Grenzen zur Lebensweise der nichtsesshaften, fahrenden Frauen waren fließend. Besondere Anlässe wie Reichstage, Konzilien, Jahrmärkte, Wallfahrten und Kirchenfeste führten immer zu erheblichen Konzentrationen fahrender Dirnen. Im Hochmittelalter bildeten ritterliche Turniere und die Kreuzzüge eine weitere Gelegenheit um sich ein Auskommen zu sichern. So sollen während der ersten Kreuzzüge (1096-99) dem französischen Heer über 1000 Prostituierte gefolgt sein. Auch die seit dem 8. Jh. regelmäßig stattfindenden Wallfahrten boten dementsprechende Gelegenheiten, bzw. viele arme Pilgerinnen verdienten sich auf diese Weise ihr Reisegeld.

Die sogenannten „Landsknechthuren“ stellen eine Sonderform der mobilen Prostitution dar. In vielen Fällen handelte es sich, ähnlich wie bei den Verhältnissen zwischen Geistlichen und ihren Konkubinen, nicht immer um Prostituierte, auch wenn die Grenzen fließend waren, sondern um quasi eheliche, von Kirche und Gesellschaft nicht anerkannte Beziehungen auf Zeit. So gab es keine Entlohnung der Frau für sexuelle Dienstleistungen. Soweit sie nicht durch Betteln, Gelegenheitsarbeit, Felddiebstahl oder echte Prostitution zum Lebensunterhalt beitrug, wurde sie von ihrem Mann unterhalten. Dafür erfüllte sie die Verpflichtungen einer regulären Ehepartnerin. Weitergehend wurden diese Frauen  zu militärischen und Sanitätsleistungen im Landsknechttross herangezogen (z.b. Schanzen- und Fuhrdienste und Kundschaften) Im Heer Karls des Kühnen (1474/5), vor Neuss, sollen etwa 1500 Frauen mitgereist sein. Im 16. Jh. verstärkten dann die ausgemusterten Landsknechte das Potential der vagierenden Randgruppenbevölkerung.

Die Entwicklung städtischer Prostitution

Abgesehen von den Sonderformen der mobilen Prostitution und der Nutzung der sogenannten „Gynaeceen“ als grundherrschaftliche Bordelle – manufakturartige Webhäuser an den Adelshäusern und Pfalzen –  konzentrierte sich die Prostitution in den wachsenden städtischen Kommunen. Die Prostitution war seit eher tendenziell an die Stadt gebunden. Durch die regelmäßigen Lokal- und Fernmärkte stellten die Händler und Käufer ein wichtiges Potential zahlungskräftiger Kunden dar, die zudem, wenn sie aus einem anderen Ort kamen, für die Zeit des Marktes, aus dem Netz ihrer sozialen Bindungen und moralischen Verpflichtungen heraustraten. Als die Verpflichtung der gerichtliche Autorität zur friedlichen Konfliktbeilegung sich seit dem 13. Jh. zunehmend auf den Ort des Zusammenlebens, anstatt auf eine Gemeinschaft rechtskräftiger Männer, bezog, übernahm die städtische Obrigkeit die rechtliche Vertretung der Prostitutierten. Mit dieser rechtlichen Einbindung war zwar eine Duldung, aber keine weitere soziale Anerkennung verbunden, was in den Kleiderordnungen der Prostituierten betreffend und in den häufigen Verweisen aus der Stadt zum Ausdruck kam.

Seit dem 14. Jh. wurden seitens der Stadtoberen Kleiderordnungen erlassen, die sich an die gesamte Stadtbevölkerung richteten. Im Laufe des 14. Jh. wurden die Regelungen der Rangunterschiede zunehmend nach Vermögen normiert. Bereits in den frühen Kleiderordnungen gab es Bestimmungen die sich nur auf die Gruppen der Mägde, Knechte und Dirnen bezogen. Neben den Prostituierten waren die Juden und Leprakranken in der Stadt des 14. Jh. ähnlich auffällig gekennzeichnet. Im 15. Jh. waren derartig deutliche Markierungen in Deutschland eher die Ausnahme. Zu dieser Zeit wurden den Dirnen eine einfache Tracht vorgeschrieben die aus einer Haube und einem kurzen Mantel, wie ihn auch die Männer trugen, bestand. Für die öffentlichen Mädchen der Frauenhäuser war allerdings oft auch ein Abzeichen als weitere Kennzeichnung vorgeschrieben. Diese Vorschriften verboten den Prostituierte zu luxuriöse Kleidung z.b. Stoffe wie Samt oder welche, die mit teuren Färberstoffen durchwirkt waren, wie auch Accessoires aus Gold und Edelsteinen. In der Regel war ein generelles Merkmal der Prostituiertenkleidung das Auffällige. Das konnten farbige Bänder, Flicken oder spezielle Kopfbedeckungen sein. Oft war ein blasses Gelb in der mittelalterlichen Kleiderordnungen als eine negative Farbe zur Kennzeichnung sozialer Außenseiter konnotiert. Vor allem der jüdischen Bevölkerung war ein gelbes Zeichen an der Kleidung vorgeschrieben, das galt in vielen Regionen ebenso für Pfarrkonkubinen und Prostituierte, wenn sich auch die Kennzeichnungen von Stadt zu Stadt unterschieden.

Im frühen Mittelalter war es den Prostituierten in Frankreich verboten ihr Haar zu bedecken. Die damals übliche Haube, Kapuze oder der Schleier der „ehrbaren“ Frauen, war ihnen als Kleidungsstück versagt. In Arles, zum Ende des 12. Jh. war es noch Sitte bzw. Pflicht, dass, wenn eine ehrbare Frau einer verschleierten Prostituierten begegnete, sie diesen Schleier wegreißen durfte. Das Verbot für nicht ehrbare Frauen ihr Haar zu bedecken scheint im Mittelalter weit verbreitet gewesen zu sein und hat in den folgenden Jahrhunderten Spuren im allgemeinen Gebaren hinterlassen. So war es in Dijon des 15.Jh. noch üblich eine Frau öffentlich der Prostitution zu beschuldigen indem man ihr die Haube vom Kopf riss. Andererseits entwickelte sich daraus auch ein selbstbewusster und aggressiver Gestus der Frauen, die ihrerseits ihr Haar bloßlegten, entweder um einen anderen Mann bloßzustellen deren Lebenswandel sie für unmoralisch und heuchlerisch hielten, oder aber als Bestandteil einer eigenen Liebeswerbung.

Mit der  zunehmenden Institutionalisierung und Integration der Prostitution in die städtischen Unterschichten, wurden die Prostituierten nur noch zu den Zeiten von kirchlichen Hochfesten aus der Stadt gewiesen. In den Vorstädten war den Frauen in der Regel der Aufenthalt erlaubt. Später wurde es ihnen nur noch verboten zu diesen Zeiten Männer zu empfangen. Die Verweisungen zu der Fastenzeit und zu religiösen Festen leiteten sich von den christlichen Normen ab, nach denen Geschlechtsverkehr zur Fastenzeit und zu religiösen Festen verboten war. An den „öffentlichen Frauen“ wurden damit Verbotsregelungen vollzogen, die der Weisung nach für alle Einwohner galten. Diese Ausnahmezeit die ursprünglich die ganze Fastenzeit umfasste, war im 15. Jh. bereits auf wenige Tage im Jahr beschränkt. Bereits im 14. Jh. löste die räumliche Verweisung eine zeitliche Begrenzung des Aufenthaltsrechtes ab. Die Mehrzahl der größeren Städte versuchte nicht die Prostituierten von bestimmten Wohngebieten fernzuhalten, sondern schrieb ihnen Straßen zum Aufenthalt vor.

Das Seelenheil der Dirnen – Ordensgründungen und Magdalenenkult

Seit dem 13. Jh. gab es seitens kirchlicher Reformer verstärkte Bemühungen Prostituierte zu bekehren. Heirat stellte eine Möglichkeit der Rehabilitierung der Frauen nach den mittelalterlichen Sittlichkeitsvorstellungen dar. Eine weitere Form war das klösterliche Zusammenleben in Armut und Keuschheit. Vor allem in Südfrankreich gab es im 13. Jh. mehrere Gemeinschaftsgründungen bekehrter Prostituierter. Eine der bekanntesten Institutionen hatte allerdings 1224 in Deutschland ihren Ursprung. Der Kaplan Rudolf von Worms erreichte, dass die auf seine Initiative hin in mehreren Städten gegründeten Gemeinschaften 1227 vom Papst als sogenannte Magdaleneorden anerkannt wurden. Die weite Verbreitung dieses Ordens ist allerdings nicht auf die massenhafte Bekehrung von Dirnen zurückzuführen, sondern auf einen stetigen Zustrom unversorgter adeliger und bürgerlicher Mädchen und Frauen, die sich zum Teil von den Idealen der Franziskaner und Dominikaner angesprochen fühlten. Andererseits entwickelte sich der Orden zu einer Instanz für unverheiratete Frauen, die wegen unzureichender Mitgift nicht standesgemäß verheiratet werden konnten. Diese zunehmende soziale Exklusivität beendete die ursprünglichen Ansprüche dieser Frauengemeinschaften und Orden. Seit 1251 wurden im Magdalenenorden nur noch „unbescholtene“ Frauen aufgenommen, da sie im Gegensatz zu den Dirnen, in der Lage waren eine hohe Gebühr zu entrichteten, die die ökonomische Basis der Klöster mit sicherte.

Von den vielen Prostitutions-Heiligen wie die „Heilige Afra“, die Heilige Pelagia“ und die „Heilige Maria von Ägypten“, entwickelte sich Maria Magdalena seit dem Hochmittelalter zur populärsten Figur. Maria Magdalena – nach der christlichen Legende, einst eine Prostituierte – wurde von einer Rede Christus so berührt, dass sie in Tränen ausbrach, die sich über seine Füße ergossen. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar und salbte sie. Christus hob die Tatsache, dass sie seine Füße geküsst und gesalbt hatte als Zeichen ihrer Reue und Umkehr hervor. Ihr wurden ihre Sünden vergeben und später wurde sie heilig gesprochen.  Seit Anfang des 12. Jh. wurde sie mit der Maria von Ägypten gleichgesetzt, die sich nach ihrer Bekehrung als Asketin in die Wüste zurückgezogen hatte. Seit dem 13. Jh. verbreitete der Franziskanerorden ihr Bild als vorbildliche Reuerin. Ihre Popularität und Bedeutung bis zum Ende des Mittelalters fand auch ihren Ausdruck in der Unterstützung ihres Kultes durch Päpste wie Leo IX(1049-1054) und GregorIX(1227-1241). In den Ostern- Mysterien- und Passionsspielen war sie bis in das 16. Jh. eine beliebte Figur bei der Darstellung des Leidensweges Christi. In Holzschnitten, die seit dem 15. Jh. zu einem wichtigen Medium bildlicher Darstellung wurden, wurde Maria Magdalena oft in der Tradition mittelalterlicher Altarbilder dargestellt. Die Darstellungen zeigten sie oft in der Wüste, häufig mit so langen Haaren, die ihre Körperlichkeit bedeckten, als ihr zugehöriges Attribut galt der Salbkrug. In der Ikonographie ersetzte sie Aphrodite und die von ihr beschworene körperliche Liebe durch die vergeistigte Liebe zu Christi. Sie wird fast immer als anbetungswürdig dargestellt, doch trotz ihrer Rolle als Büßerin wurde sie in den Bildern ab Ende des 15. Jh. oft mit dem Repertoire ihrer früheren Verführungskünste ausgestattet.  Sie wurde zur Patronin des Parfüms, der Kosmetik, des Schmucks und der Mode und der Friseure. Vielen gläubigen Prostituierten galt sie als Schutzheilige. Seit dem 15. Jh. wurde sie in den Passionsspielen zunehmend in der Gestalt einer städtischen Dirne dargestellt.


Die heimliche Prostitution – Kupplerinnen, Badestuben und Schänken

Die Einstellung der mittelalterlichen Gesellschaft zur Prostitution lässt sich nur sehr schwer verallgemeinernd beschreiben. Sie variierte zeitlich, regional und von Stadt zu Stadt und sogar gegenüber den einzelnen Prostituierten, deren sozialer Status sich über ihren Kundenstamm definierte. Es gab gemeinhin 3 Gruppen von sesshaften Huren: die Frauenhäuslerin, die Straßenprostituierte und die sogenannte freie und heimliche Prostituierte, die ihre Kunden durch Kupplerinnen vermittelt bekamen oder von sich aus einen festen Kundenstamm aufgebaut hatten. Sie hatten individuell die größten Chancen das Milieu, z.b. durch Heirat oder wirtschaftlichen Erfolg in einem anderen Gewerbe zu verlassen, auch wenn sie in der Gefahr lebten aufzufallen oder denunziert zu werden und so als Prostituierte amtlich zu werden. Ganz unten in der sozialen Scala rangierten anscheinend die Prostituierten des Frauenhauses (siehe Irrsiegler Franz, 1984, Bsp. Köln), gefolgt von den Straßenprostituierten.

Für die heimliche Prostitution galten wiederum ähnliche soziale Hierarchien, von der privilegierten Frau eines nicht-öffentlichen Hauses mit gehobenen Kundenstamm bis zur Frau die in der Öffentlichkeit ihrem Gewerbe nachging ohne Abgaben zu zahlen. In fast jeder Stadt gab es, neben den städtischen Einrichtungen auch Privatbordelle, die ortsansässige Frauen vermittelten. Diese waren in der Regel auf äußerste Diskretion bedacht, um den möglichen Rückzug in eine normale Existenz nicht zu gefährden. In Dijon(1485) gab es 18 Privatbordelle von denen 13 von Handwerkerfrauen oder deren Witwen geführt wurden. So erwuchs den Prostituierten in den legalen Frauenhäusern eine ernsthafte Konkurrenz und auch ein Statusverlust, da die freien, heimlichen Prostituierten im Gegensatz zu den öffentlich Bekannten, nicht stigmatisiert waren und so auch von wohlhabenderen Kreisen vorgezogen wurden. Große Handels- und Hafenstädte wurden von vielen Fremden besucht unter denen sich zum Teil  wichtige Handelspartner dieser Städte befanden, die zum Teil den Kundenstamm der freien Prostituierten bildeten. Ein allzu scharfes Vorgehen gegen die nicht konzessionierte Prostitution barg also auch die Gefahr deren Kundschaft zu diskriminieren und führte zu finanziellen Einbußen im Stadtetat, da sich in solchen Städten die Prostitution zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt hatte.

Eine wichtige Rolle für die heimliche Prostitution hatte die Kupplerin inne. Diese mussten sich, ohne Verdacht zu erwecken, frei in der Stadt bewegen können. Ihr Stand, (oft waren diese Frauen verheiratet oder verwitwet) ihr Alter und das Gewerbe dem sie nachgingen, schufen die Voraussetzungen für ihre Vermittlungstätigkeit. Mit Brandweinhändlerinnen, Hausiererinnen und Wirtsfrauen konnten beispielsweise jeder Mann und jede Frau unauffällig Kontakt aufnehmen. Frauen die der heimlichen Prostitution auf der Strasse nachgingen, mussten unauffällige Orte für die Anbahnung ihrer Geschäftskontakte nutzen. So waren Kirchen und ihre Vorhöfe und die Marktplätze als Treffpunkte bei Frauen und Männern beliebt, da dort unauffällig Absprachen für ein Rendezvous getroffen werden konnten. Für Treffen boten sich weniger besiedelte Vorstädte an, die nicht der städtischen Gerichtsbarkeit unterstanden und wo man eher unbeobachtet in Kontakt treten konnte.

Weitere Orte der heimlichen Prostitution konnten Wirtshäuser und Badestuben sein. Wirtshäuser waren zunächst nur den Männergesellschaften vorbehalten und wurden von fahrenden Dirnen frequentiert. Öffentlichen Prostituierten war im 15. Jh. der Besuch von Gasthäusern verboten und teilweise waren Wirtshausmägde über die Kleiderordnung zu einer entsprechenden Kennzeichnung verpflichtet. In der Regel waren Schänken aber Orte, die auch von Prostituierten zur Anbahnung von Geschäftskontakten genutzt wurden. Frauen die im Wirtshaus oder im Badehaus arbeiteten, wurden im Wertesystem der Städter oft mit „offenen Dirnen“ gleichgesetzt. Neben den Schänken gaben auch die städtischen Badestuben Gelegenheit zur Prostitution, denn oft waren die Bademägde, die männlichen Gästen Güsse und Massagen verabreichten und das Ruhebett vorbereiteten auch zu weiterführenden Diensten bereit, wenn nicht sogar verpflichtet. So wiesen Bordell- und Badeordnung zum Teil interessante Übereinstimmungen auf: den Badern wurde zur Auflage gemacht keine geschlechtskranken Mädchen zu beschäftigen und eine englische Badeordnung verbot Nonnen und verheirateten Frauen den Eintritt, auch sollte kein Mann in das Badehaus hineingezogen oder gelockt werden. In einigen Städten waren die Badestuben auch als Frauenhäuser ausgewiesen. Frauenwirten, denen es nicht gelungen war ein Haus zu pachten, arbeiteten häufig als Bader oder Bartscherer – ein Indiz für die enge Verbindung zwischen Badestuben und Prostitution im Mittelalter. In der zweiten Hälfte des 15 Jh. nahm die Zahl der öffentlichen Bäder rapide ab. Mit den Bemühungen die städtische Prostitution in den Frauenhäusern zu konzentrieren, wurde die Prostitution in den Badestuben zunehmend untersagt. Die Verteuerung der Eintrittspreise durch gestiegene Holzpreise und die Angst vor der sich ausbreitenden Syphilis verstärkten diese Tendenz.

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Jan
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Das Frauenhauswesen

Im Mittelalter war die systematische Organisation und Förderung der Frauenhäuser mit dem Ausbau des Städtewesens parallel gegangen. Die Anfänge der Bordellprostitution gehen in Frankreich und Italien auf das 12. Jh. zurück, wo sich bereits zu dieser Zeit in urbanen Zentren wie Paris, Rom, Venedig und Florenz eine Stadtkultur entwickeln konnte, während in England und Deutschland dieser Prozess erst im 13/14. Jh. einsetzte. Im Spätmittelalter gab es dann in fast jeder Stadt ein Frauenhaus. Die topographische Lage war unterschiedlich, entweder lagen sie zentral in unmittelbarer Nähe des Marktes, wie es im 15. Jh. auf die französischen Städte zutraf, oder sie lagen an der Stadtmauer in direkter Nachbarschaft zu den Quartieren anderer stigmatisierter Randgruppen. Die Eigentumsverhältnisse, wie auch die Formen der Verwaltung waren, je nach Region, unterschiedlich geregelt. Oft war die Stadt, bzw. der Rat der Stadt, der Eigentümer, noch häufiger blieben die Häuser im Privatbesitz und wurden vom Rat nur verwaltet. Die Vermieter gehörten in der Regel den einflussreichen Familien der Stadt an und nicht selten bestanden lehnsrechtliche Ansprüche seitens weltlicher oder kirchlicher Personen. Diese Häuser warfen einen nicht unbeträchtlichen Gewinn ab, der, je nach Besitzverhältnissen, auch zur Finanzierung von Teilen des städtischen oder klösterlichen Gemeinwesens verwendet wurde. Bei der Kontrolle dieses städtischen Gewerbes wurde unterschieden zwischen der Oberaufsicht aller Häuser und der Verwaltung der einzelnen Häuser. In Leipzig zum Beispiel, führte der Scharfrichter die Oberaufsicht während die Bewirtschaftung der einzelnen Häuser an Frauen delegiert wurde, die auch Prostituierte waren. Die Kontrolle durch Angehörige der „unehrlichen“ Berufe, am häufigsten durch den Scharfrichter, kann als Beweis der Randständigkeit und Stigmatisierung der legalen städtischen Prostitution gesehen werden.

Seit dem Ende des 14 Jh. erwarben deutsche Städte zunehmend bereits bestehende Bordelle oder richteten städtische Frauenhäuser ein, die an Frauenwirte oder Wirtinnen verpachtet wurden. Die meisten Frauen zogen allerdings ein nicht-kontrolliertes Umfeld vor, entweder in der Gemeinschaft Gleichgesinnter oder als Untermieterinnen in Buden und Kellern der Stadt. Dort waren sie in eine Hausgemeinschaft oder eine Nachbarschaft eingebunden, hatten keine Zwangabgaben zu leisten und waren nicht in diesem Maße stigmatisiert, so dass die Heiratsaussichten – Heirat war eine der wenigen Möglichkeiten der Dirnen auszusteigen und zu einem moralisch akzeptierten Stand aufzusteigen – für sie in diesem sozialen Umfeld weitaus besser waren als in einem Frauenhaus. Die Errichtung der Frauenhäuser wurde neben dem pragmatischen Ansatz der Kontrolle der städtischen Prostitution, mit der christlichen Verpflichtung der Sorge für die Armen begründet, war aber dort, wo auf eine repräsentative Ausstattung des Hauses Wert gelegt wurde, verbunden mit dem kulturellen Ideal adelig-höfischer Geselligkeit, wo außereheliche Gefährtinnen ein Zeichen von Prestige und Reichtum darstellten. So sorgten im Spätmittelalter  Stadträte teilweise dafür, dass Adeligen die zu Besuch kamen, Prostituierte zur Verfügung standen. Die Existenz eines Frauenhauses wurde als eine allgemeine Institution des städtischen Lebens betrachtet, weswegen auch kleine Städte Frauenhäuser einrichteten, auch wenn diese bezuschusst werden mussten.

Die mittelalterliche Prostitution war in der Gesellschaft integriert, trotzdem geächtet, aber sie wurde nicht verleugnet, sie galt als akzeptiertes Moment des Alltagslebens in der Stadt. Man versuchte die Auswüchse, ähnlich wie beim Bettlerwesen, zu steuern, indem man kontrollierte und im Rahmen dieser Kontrollen ein bestimmtes Maß an Vergünstigungen und Privilegien gewährte. Damit bekam die Prostitution einen öffentlichen, fast legalen Charakter. Der Katalog der obrigkeitlichen Maßnahmen reichte von der Konzentration der Prostituierten auf bestimmte Straßen, oft am Rande der Stadt oder vor dem Stadttor, die Besteuerung dieses Gewerbes, die Gesundheitskontrolle, die Unterstellung unter eine gesonderte Gerichtsbarkeit, Kennzeichnung durch eine strenge Kleiderordnung, bis hin zur Einrichtung oder Förderung von kirchlichen Anstalten zur Aufnahme bekehrter Prostituierten. Neben einigen positiven Auswirkungen, wie der Schutz des Lebens- und Arbeitsbereiches, bzw. die Abwehr auswärtiger oder heimlicher Konkurrenz, hatten diese Maßnahmen  einen diskriminierenden Charakter.

Frauenwirte wurden in der Regel nur über kurzfristige Verträge gebunden um zu verhindern dass sie zu anderen städtischen Bediensteten und Einwohnern einen sozialen Rückhalt aufbauten. Die sich daraus ergebene Mobilität sollte eine Trennung zur sesshaften Bevölkerung herstellen und wurde den Wirten Ende des 15. Jh. oft institutionell aufgezwungen. Eine Mischung aus obrigkeitlich eingesetzter Hausherrschaft und Schuldknechtschaft charakterisierte die Beziehung zwischen Wirten und ihren Dirnen. Die Frauenwirte hatten das Recht ein Drittel der Einkünfte der Frauen einzuziehen. Da die Wirte auf die Einnahmen der Prostituierten angewiesen waren, banden sie die Frauen über Verschuldung an ihr Haus. Ein Prinzip, das auch in Handwerkerhaushalten mit lohnarbeitenden Gesellen praktiziert wurde.

Wie gewinnbringend die Position als Frauenwirt war, hing von den Möglichkeiten ab, die der Stadtrat ihm einräumte. Wichtige Kriterien waren, ob das Frauenhaus seitens der Stadt zu Repräsentationszwecken für zeitweiligen „hohen Besuch“ eingerichtet war und die Regelung des Schankrechtes, da der Ausschank eine wichtige Einkommensquelle der Wirte darstellte. Ein zentrales Kriterium war natürlich die Größe der Stadt und die Konkurrenzsituation innerhalb dieser. So tauchten die Berichte über reiche Frauenwirte überwiegend ab dem Ende des 15. Jh. auf, da zu dieser Zeit die Prostitution in den Städten weitgehend auf die Institution des Frauenhauses konzentriert war. (Biberach(1447), Nürnberg(1497), Regensburg(1532), Augsburg (1533) und Freiburg(1500)) Die Wirte in deutschen Mittelstädten hatten durch ihren direkteren Kontakt zum Stadtrat öfters die Möglichkeit aus dem Prostitutionsgeschäft ein gewinnbringendes Unternehmen zu gestalten und bekamen teilweise die Chance des sozialen Aufstiegs zu den städtischen  Mittel- und Oberschichten. In größeren Städten wie Hamburg, Köln oder Frankfurt konnte der Frauenwirt aufgrund der umfangreichen Hierarchie der Aufsichtspersonen über die Prostitution nicht zu einem derartigen sozialen Aufstieg gelangen und in Kleinstädten waren die Einkünfte zu gering, als das sie eine soziale Anerkennung nach sich gezogen hätten.

Der Frauenwirt hatte das vom Stadtrat entworfene Hausrecht durchzusetzen. Ein großer Teil der Vorschriften die der Stadtrat in Bezug auf die Frauenhäuser erließ, waren deckungsgleich mit den Wirtshausordnungen, die bereits Ende des 13. Jh. erlassen worden waren. Die städtischen Bordelle unterlagen denen in der Stadt üblichen Öffnungszeiten für Schenken. Sie mussten zwischen 20-22 Uhr mit dem Beginn der allgemeinen Nachtruhe schließen. Wer danach noch im Haus angetroffen wurde hatte mit Strafen zu rechnen, sofern er nicht bei einer der Frauen übernachtete. Der Frauenwirt war angewiesen Fluchen, Zutrinken und Glücksspiel zu unterbinden und die Einhaltung der Fastenzeit zu gewährleisten. Ehemännern und Klerikern  war der Besuch eines Frauenhauses verboten, dies war allein den unverheirateten Männern erlaubt. Hierzu gehörten die im Zwangszölibat lebenden Gesellen, Knechte und Studenten und zukünftige Heiratskandidaten, die aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen eine lange Junggesellenzeit hinter sich bringen mussten.

Allerdings wurde Ehebruch als Verstoß nicht systematisch verfolgt und tauchte als Vergehen in der Regel nur im Zusammenhang mit anderen Verstößen in den Amtschreiben auf. Ähnlich wurde das Verbot des Frauenhausbesuches von Geistlichen gehandhabt. Erst mit dem Ende des 15. Jh. wurde dem Verstoß des Ehebruchs verstärkt nachgegangen. So wurde in Köln der Ehebruch mit der Ehrenstrafe, dem öffentlichen Tragen von „Kerze und Stein“ bestraft, manchmal auch mit einer Geldbuße. Auch Auswärtige waren von diesem Reglement nicht ausgenommen, sofern ihr Familienstand in Köln bekannt war oder man sie denunzierte. Desöfteren nahmen die dortigen Prostituierten die Rolle des Sittenwächters ein, denn wenn es ihnen gelang einen Ehemann oder auch Geistlichen öffentlich der „Unzucht“ (mit ihnen) zu beschuldigen, hatten sie das Recht seine im Moment verfügbare Habe in Besitz zu nehmen. Das Verbot des Frauenhausbesuches durch „Ungläubige“(Juden, Türken, Mauren) wurde demgegenüber bereits seit dem Beginn der Institutionalisierung der Prostitution verschärft durchgesetzt. Seit dem Hochmittelalter waren ihnen im ganzen europäischen Einflussbereich sexuelle Kontakte zu Christen verboten.

Zum Ende des 15. Jh. wurde mit speziellen städtischen Frauenhausordnungen Versuche unternommen die ausufernde Praxis der Schuldknechtschaft zu beschränken und die Macht der Frauenwirte zu begrenzen. Seit der 2. Hälfte des 15. Jh. mussten die Frauenwirte ihre Häuser städtischen Kontrolleuren zugänglich machen. Diese Frauenhausordnungen verboten den Frauenwirten unbescholtene Frauen und solchen, die gegen ihren Willen in sein Haus verkauft oder verpfändet worden waren, weiterhin im Bordell zu halten. Die Auslösesumme mit der die Frau aus dem Arbeitsverhältnis freigekauft werden konnte, wurde  in der Regel auf die Höhe eines Guldens festgesetzt. So sollte der Frauenwirt für seine Ausgaben entschädigt und andererseits die Verschuldung der Frauen begrenzt werden. Viele Frauenhausordnungen legten die Preise und Leistungen des Wirtes im Detail fest. Von dem erwirtschaften Geld erhielt er pauschal ein Drittel. Neben dieser Gewinnbeteiligung zahlte die Frau einen festen Betrag für die Übernachtung, Verköstigung, Beleuchtung und Ausstattung. In manchen dieser Verordnungen wurden die Dirnen zum Spinnen verpflichtet. Vor allem in kleineren Städten, stellte dieses Zusatzeinkommen eine Möglichkeit dar Zeiten zu überbrücken wenn Gäste ausblieben.

In Köln, beispielsweise, musste jede Prostituierte pro Woche sechs Pfennige an den mit der Oberaufsicht beauftragten Scharfrichter zahlen. Kam eine Frau neu in die Stadt, war zuerst die Einstandsabgabe von 4 Schillingen (1 Schilling = 9 Pfennige) fällig und darauffolgend der normale Wochensatz. Die Straßenprostituierten auf dem Markt und vor dem Stadttor mussten den dritten Teil ihrer Einnahmen abgeben. Der Lohn einer Straßendirne lag zwischen einem und sechs Pfennigen für einen schnellen Akt. Für eine Nacht verlangten die Landsknecht- oder Straßenhuren 4-8 Albertus (1 Albertus = 24 Pfennige) bis hin zu der gehobenen Preisklasse der freien Prostituierten die zwischen 1-2 Goldgulden, bis hin zu mehreren Kronen von ihren wohlhabenden Kunden für eine ganze Nacht und besondere Leistungen erhielten. Um brutto den Tageslohn z.b. einer Wasch- und Putzfrau oder einer landwirtschaftliche Arbeiterin zu erreichen, die um 1600  ca. zwischen fünf bis acht Albertus verdiente, musste eine Straßenprostituierte im ungünstigen Fall mehr als zwei Kontakte haben. Bei den besser bezahlten Frauen reichte aber ein Kunde pro Nacht durchaus aus, um diese niedrigen Löhne zu übertreffen.

Die institutionelle Prostitution im Frauenhaus hatte ihren festen Platz in den Sittlichkeitsvorstellungen dieser Zeit. Es war eine weit verbreitete Ansicht, das die Frauenhäuser – als eine Möglichkeit des Auslebens männlicher Sexualität- Verführungen und Vergewaltigungen von ehrbaren Frauen verhinderten. Die städtische Prostitution war außerdem bis zu einem gewissen Grad Bestandteil der Festkultur. Dazu gehörte der Genuss von Alkohol, gutes Essen in einer ansprechenden Umgebung und die Anwesenheit von Frauen, Musik, Tanz und Sexualität. Der Umgang mit Huren war mit der Idee von Festlichkeit verbunden, aber auch auf die Phase des Junggesellentums fixiert. Der Kontakt mit ihnen war Bestandteil des Gesellen- und Studentenlebens, wie auch der Bürgersöhne. Der Besuch der Bordelle war oft ein Gruppenvergnügen, jugendliche Cliquen die auf Verwandtschaft oder auf die Zugehörigkeit zu einem Handwerk beruhten. In manchen Regionen verlangten die Prostituierten eine symbolische Auslösesumme von der Braut, den „Brutschilling“, weil diese nun ihre Stelle im Leben des Mannes einnahm. Der Abschied von der Welt der Junggesellen bedeutete einen Abschied von der Welt der Huren. Mit der Inszenierung eines solchen Lösebrauches betonten die Frauen ihre Rolle im Leben der unverheirateten Männer. In Wien war es Brauch, dass am Vorabend des Johannisfestes die Handwerksgesellen mit blumenbekränzten Prostituierten tanzten, wie sie auch öfters an offiziellen Empfängen höherer Gäste teilnahmen. In Frankfurt überbrachten die Bewohnerinnen des Frauenhauses Blumensträuße zum jährlichen Hirschessen des Rates und wurden dafür bewirtet. Ähnliches ist auch aus Zürich und Würzburg belegt. Im Württembergischen war es Brauch, dass Prostituierte auf Hochzeiten Blumensträuße überreichten und dem Brautpaar Glück wünschten. Seit der Mitte des 15. Jh. beginnt sich ein Paradigmenwechsel abzuzeichnen. Ein deutliches Indiz ist die Abschaffung der Bräuche bei denen Prostituierte bis dahin als Träger bürgerlicher Wertschätzung fungierten. Das Auftreten von Huren auf Hochzeiten, die Zusendung von Geschenken (wenn die Anwesenheit der Frauen seitens der Hochzeitgesellschaft nicht gewünscht war) und ihre Teilnahme an Festen der männlichen Jugend, wie der Johannistag, wurde zunehmend verboten.

Die zunehmende Diskriminierung der Prostitution und die Schließung der Frauenhäuser

Die Zünfte, die im städtischen Leben immer mehr an politischen und wirtschaftlichen Einfluss gewannen, definierten sich über das Privileg der Sesshaftigkeit, das in dem gemeinsamen Leben innerhalb eines Familienverbandes unter der Autorität des Handwerksmeisters und Familienvaters  ihren Ausdruck fand. Das Leben in einem Familienverband war eine der Grundvoraussetzungen um einen „ehrbaren Lebenswandel“ zugesprochen zu bekommen und gab auch mittellosen Zunftmitgliedern die Möglichkeit einer positiven Identifikation und der Abgrenzung zu den städtischen und fahrenden Unterschichten, die durch ihre wirtschaftliche und soziale Situation zu Mobilität und oft zu unsicheren Lebensgemeinschaften gezwungen waren. Da die Aufnahme in die Zunft seit dem 14. Jh. an formale und finanzielle Kriterien gebunden war, konnten zwischen dem Abschluss einer Handwerkslehre und dem Antritt einer Meisterstelle bis zu 10 Jahre vergehen. Der so entstehende Gesellenstatus und die Entwicklung dementsprechender eigenständiger Verbände, die sich in ihrer Mobilität der Kultur der Fahrenden annähern konnten, führten zu weiteren Zunftverordnungen, die auf einen Abstand der Gesellen zu den mobilen Unterschichten abzielten. Heiraten und Lebensgemeinschaften mit Frauen wurden den Gesellen oft untersagt, bis sie selbst den Meisterstatus erwerben und einen „ehrbaren“ Haushalt gründen konnten. Jungen Frauen aus der städtischen Unterschicht wurde auf diese Weise der soziale Aufstieg über eine Heirat ins Zunftbürgertum unmöglich gemacht. Der geforderte Verzicht auf voreheliche Bindungen bedeutete allerdings kein Verbot des Kontaktes zu Prostituierten, nur langandauernde Beziehungen waren untersagt. Die Bekenntnis zur Zunftmoral war eine unabdingbare Vorraussetzung für die Gesellen um später einen Platz in der „ehrbaren“ Gesellschaft zu erhalten. Mit der 2. Hälfte des 15. Jh. wurden seitens der Zünfte jede Geselligkeit zwischen Prostituierten und Gesellen, wie Tanzen und gemeinsames Trinken, untersagt. Der Kontakt mit Dirnen war nur noch in der Form einer von jeder Geselligkeit losgelösten, kurzfristigen sexuellen Beziehung erlaubt und das Leben der jungen Handwerker wurde zunehmend von der Autorität der Zünfte unterstelltem „Männerbund“ der Gesellenvereinigung bestimmt. In Folge löste die Gesellenherberge das Frauenhaus als Ort des Feierabendvergnügens ab.

Auf die Syphilis, die sich nach der Rückkehr der Söldner aus dem italienischen Kriegszug Maximilians 1495/6 in Deutschland verbreitete, reagierten die städtischen Obrigkeiten ähnlich wie bei den anderen schweren Infektionskrankheiten wie die Pest und die Lepra. Es wurde versucht die Erkrankten in speziell eingerichteten Häusern und Spitälern zu isolieren und zu behandeln und man hielt sie von der Gemeinschaft fern indem man ihnen z.b. den Besuch von Badestuben verbot oder sie unter Hausarrest stellte. Im Spätmittelalter wurden Quecksilberkuren gegen die Syphilis angewendet. Quecksilbersalben und Pillen wurden schon früher gegen Hautkrankheiten eingesetzt und da die Syphilis sich auch durch starken Hautausschlag bemerkbar machte, hielt man dies für das geeignete Mittel. Wahrscheinlich sind nicht wenige dieser Patienten an einer Quecksilbervergiftung und nicht an der Syphilis gestorben. Badestuben und Frauenhäuser wurden im Rahmen obrigkeitlicher Maßnahmen, vor allem wenn sie als Infektionsorte bekannt waren, zwar auch geschlossen, aber ansonsten begriff man die Institution des Frauenhauses als eine Möglichkeit die Ausbreitung der Krankheit durch die Prostitution eindämmen zu können, da man dort die Möglichkeit des kontrollierenden Eingriffes hatte. Erst nachdem die Syphilis in einem moralischen Kontext, als „Strafe Gottes gegen die herrschende Unmoral“ gestellt und somit im Rahmen der damaligen Diskussion um eine neue Sittlichkeit instrumentalisiert wurde, begann der Niedergang der Frauenhäuser und die massive Stigmatisierung aller Prostituierten, der im Zuge der Reformation und Gegenreformation vollendet wurde.

Im Gegensatz zu dem ursprünglichen christlichen Denken, das die göttlichen Gebote und weltliches Leben, Ideal und Realität bisher pragmatisch in einer nicht überbrückbaren Distanz gesehen hatte und die Etablierung einer idealen Ordnung auf den Tag des jüngsten Gerichts, mit der Wiederkunft Gottes aufschob – eine Einstellung die mit der Tradition christlicher Toleranz gegenüber SünderInnen einherging – vertraten spiritualistische Prediger der Reformation die Überzeugung der Traum einer Neuordnung der Gesellschaft könne Realität auf Erden werden.

Zum Auslöser der Reformation wurde Luthers Protest gegen den Ablasshandel, den er 1517 in 95 Thesen verbreitete, die durch den um 1450 erfundenen Buchdruck schnell Verbreitung fanden. Luther unterzog die Traditionen der Kirche einer strengen Überprüfung und berief sich dabei auf den Text der Bibel. Traditionen, die nach seiner Meinung der Schrift zuwider liefen, wurden abgeschafft. Martin Luther opponierte gegen das Prinzip, dass die göttliche Gnade mit irdischen Gütern erkauft werden konnte. Die reformatorischen Bestrebungen kamen in einer Zeit sozialer Umbrüche zum Tragen und erwiesen  sich u. a. deshalb als erfolgreich, weil sie das landesherrliche Kirchenregiment förderten und so den Unabhängigkeitsbestrebungen der Reichsfürsten von der kaiserlicher Herrschaft nützlich waren, sowie dem erstarkenden Handels- und Zunftbürgertum der Städte entgegenkamen. Spiritualistische, radikale Reformatoren wie Thomas Müntzer oder Jakob Hutter sahen ihre Aufgabe darin, dem in ihren Augen real hereinbrechenden „Reich Gottes“ der sozialen Gerechtigkeit zum Recht zu verhelfen und kehrten die sozialen und politischen Verhältnisse teilweise revolutionär um.

Dies war ein wichtiger Faktor bei der Ausweitung lokaler Bauernaufstände ab 1524 in weiten Teilen Süddeutschlands und der Schweiz bei denen die Bauern erstmals fest umrissene Forderungen formulierten. Die Argumentation Luthers in seiner 1520 erschienen Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen, sowie seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche(1522) machte es den einfachen Leuten möglich, die mit dem „Willen Gottes“ gerechtfertigten Ansprüche von Adel und Klerus zu hinterfragen und waren ein entscheidender Auslöser für das Aufbegehren der ländlichen Bevölkerung, die die Hauptlast der überkommenen Strukturen der Feudalgesellschaft trug. Obwohl die Standpunkte der Reformation eine wesentliche Rechtfertigung für die aufständischen Bauern waren, distanzierte sich Martin Luther deutlich vom Bauernkrieg  und rief schließlich zur gewaltsamen Beendigung der Unruhen auf. Ab diesem Zeitpunkt verlor der Protestantismus seinen revolutionären Geist und festigte die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Thomas Müntzer wurde 1525 gefangen genommen und hingerichtet, die letzten Aufstände 1526 niedergeschlagen. Schätzungen zufolge haben allein durch die Bekämpfung der Aufstände etwa 100.000 Bauern ihr Leben verloren. Die überlebenden Aufständischen fielen automatisch in Reichsacht und verloren damit alle ihre staatsbürgerlichen, privaten und Lehens-Rechte.

Die menschliche Natur konnte nach Luther als Teil der göttlichen Schöpfung nicht von Sündhaftigkeit geprägt sein. Die Geschlechtlichkeit des Menschen, die vorher als ein Zeichen der Sündhaftigkeit interpretiert wurde, wurde demnach ihren festen Platz in der keuschen Ehe zugewiesen. Während die katholische Kirche allein das Leben im Zölibat als sündenfrei betrachtete, erklärte Luther die Ehe sei die einzige legitime Lebensform, während das zölibatäre Leben nur wenigen Heilige vorbehalten sei – sie für die Mehrheit der Menschen aber gar keinen anderen Weg als die Sünde gelassen habe. Die reformatorischen Vorstellungen einer sittlichen Neuordnung sahen in dem sesshaften Familienverband die moralische und ökonomische Keimzelle, eine Vorstellung die dem Ideal der Zünfte nahekam. Dies war bei der Durchsetzung der Reformation in den Städten, in denen die Zünfte inzwischen zu einem wichtigen wirtschaftlichen und politischen Faktor geworden waren, ein entscheidender Punkt und barg in sich den nötigen Stoff für Polemiken gegen den katholischen Klerus, dem vorgeworfen wurde, er habe die Unsittlichkeit gefördert. In vielen reformatorischen Flugschriften wurden Mönche und Priester als obligatorische Hurer und Ehebrecher dargestellt. Die Katholiken beriefen sich ihrerseits genauso auf eine höhere Sittlichkeit und setzten den Vorwurf der Unsittlichkeit ein, um das von den reformatorischen Predigern propagierte geschlechtliche und doch sündfreie Leben unglaubwürdig erscheinen zu lassen.

Ab den 1530ern verwandelte sich die Diskussion um die Notwendigkeit von Frauenhäusern zunehmend zu einer konfessionellen Frage. Die Gegner der Abschaffung der Frauenhäuser waren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, in der Position gemeinsam, das an der Trennung von Ideal und Realität, vom weltlichen und göttlichen Regiment, festzuhalten sei. In Frankfurt verteidigte 1537 ein katholischer Prediger die städtischen Bordelle und ein Straßburger Ratsherr ist mit seiner prägnanten Äußerung „man solle doch die welt noch ein bisschen welt sein lassen“ überliefert. Mit der Verlagerung des Sittlichkeitsideals vom Zölibat zur Ehe konnte die Prostitution nicht länger als Hilfsmittel zur Ordnung und Kanalisierung der Sexualität verstanden werden.

Seit dem 16. Jh. begannen die Städte zunehmend rechtliche Schranken zwischen Frauenwirt und der ehrbaren Gesellschaft zu legen. So wurde ihm im Freiburger Stadtrecht (1520) das Zeugnisrecht abgesprochen. Auch das Bürgerrecht, dessen Erwerb allen Einwohnern zustand, wurde ihm zunehmend verwehrt. Mit der zunehmenden Stigmatisierung der Prostituierten entwickelten sich die Frauenhäuser von einer Institution städtischen Lebens mancherorts zu einem Refugium für Außenseiter, das man lieber geschlossen sah. An anderen Orten wurde eine Schließung der Häuser verfügt um Unruhen vorzubeugen, oft wurde diese Entscheidung als eine Bekenntnis zur reformatorischen Lehre verstanden. In der zweiten Hälfte des 16. Jh. hielten nur noch katholische Städte an der Einrichtung des Frauenhauses fest. Nach dem Konzil von Trient schwenkte die katholische Kirche in diesem Punkt ein und proklamierte ihrerseits ein reglementierendes Sittlichkeitsverständnis. 1566 wurden in Rom die Frauenhäuser geschlossen, in Würzburg 1569, andere katholische Städte wie Koblenz und Köln folgten.

Im Rahmen dieser Entwicklung wurden die kirchlichen Ehegerichte unter die Aufsicht der Stadträte gestellt und die Kompetenz der geistlichen Gerichte mit der Sittenzucht der Räte vereinigt und den Ehegerichten übertragen. Diese neuen Institutionen verstanden sich in ihrer Anfangszeit als verlängerter Arm der evangelischen Prediger und gingen mit Schärfe gegen alle Sittlichkeitsvergehen vor, deren Verurteilungen in Folge erheblich anstiegen. Kuppelei und Beherbergungsverbote für Dirnen wurden in diesem gesellschaftlichen Klima, aber unabhängig von der Konfession, in allen Städten erneuert. Ebenso schritten katholische Städte verstärkt gegen Sittlichkeitsvergehen, wie Ehebruch oder vorehelichen Geschlechtsverkehr ein. Dies ging einher mit einer zunehmenden Sanktionierung alleinstehender Frauen im Stadtleben und der Ausgrenzung vieler Fahrenden. Mit der zunehmenden Stigmatisierung und Ausgrenzung der Huren verschärften sich die Strafmaßnahmen gegen sie. Öffentliche Schmährituale des 15. Jh., von denen nur in seltenen Fällen  Gebrauch gemacht worden war, wurden zur alltäglichen Strafpraxis. Die verbreitete „Hurenstrafe“ war das Prügeln mit Ruten, das häufig mit einer Prozession zu den Stadttoren, mit lautstarkem Paukentrommeln verbunden war. Ein weiteres Strafritual war das öffentliche Ausstellen am Pranger, oft in Kombination mit dem Tragen von Schandsteinen. Oft wurden den Frauen die Haare abgeschnitten und ab der 2. Hälfte des 16. Jh. nahm die Zahl der Brandmarkungen als lebenslange Kennzeichnung, die den Frauen den Zutritt zu jeder Stadt unmöglich machte, deutlich zu.

1532 wurde am Reichstag zu Regensburg die „Constitutio Criminalis Carolina“ mit der „Peinlichen Gerichtsordnung“ des Heiligen Römischen Reiches beschlossen, bei der die Einflüsse des christlichen Sexualrechts deutlich sichtbar wurden. Nach dem Sexualstrafrecht der Carolina bedrohten Sexualdelikte vor allem den christlichen Ehebund, die Fortpflanzung und die männliche Autorität und Ehre in dieser „natürlichen sexuellen Ordnung“. Die in der Carolina genannten Delikte wurden häufig bis zu den strafrechtlichen Codics des 18. Jh. übernommen, dazu gehörten: „Unkeuschheit wider der Natur“, Blutschande, Abtreibung, Notzucht, Ehebruch, Vielweiberei, gewaltsame Entführung, Kuppelei und Formen der Zuhälterei im Familienverbund. Die Strafen, die die Carolina vorsah waren außerordentlich streng, so wurde Ehebruch als Kapitalverbrechen gehandelt und sollte mit dem Tode bestraft werden, obwohl in der Praxis dieses Strafmaß selten verhängt wurde. Erst im späten 18. und frühen 19. Jh. wurden die unverhältnismäßig hohen Kapital- und Todesstrafen abgeschafft. Diese nach und nach sich abzeichnende Reform des Sexualstrafrechtes wurde möglich durch eine Abkoppelung der juristischen Normen vom kirchlichen Kanon – anstelle der theokratischen Legitimation trat dann die gesellschaftliche Begründung der Sexualmoral.

Nach dem Ausbruch der Syphilis in Europa und dem Vordringen der reformatorischen Theologie folgte eine Phase der allgemeinen Unterdrückung der Prostitution mit verschärften Strafmaßnahmen und der zunehmenden Praxis der Einweisung in Zucht- und Arbeitshäuser. Obwohl man sicherlich von einer beträchtlichen Differenz zwischen dem Recht und der soziosexuellen Praxis ausgehen kann, so dass die Prostitution in einem Verhältnis von inoffizieller Duldung  bis zum heimlichen Gewerbe weiterhin fester Bestandteil der wachsenden städtischen Kommunen war. Im 19. Jahrhundert verschwand die alte agrarisch-feudalen Ordnung im Zuge von Aufklärung und Industrialisierung und die Prostitution entwickelte sich in den Großstädten zu einen Massenphänomen.