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19
Jan
10

Prostitution heute – zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu

Statistisches Material zwischen Ökonomie und Gesundheitswesen

In vielen EG-Staaten zeigt sich die Tendenz, dass die Anzahl einheimischer Frauen an der Straßenprostitution rückläufig ist und diese inzwischen in öffentlich nicht mehr wahrnehmbaren Bereichen der Gesellschaft ihrer Tätigkeit nachgehen, während ein Großteil der Straßenprostitution inzwischen von Migrantinnen abgedeckt wird. In Griechenland z.b. sind in Athen offiziell 450, in Thessaloniki, 60 Prostituierte registriert. Die Anzahl der nicht-registrierten griechischen Prostituierten wird auf 4200, die der Migrantinnen auf 10500 geschätzt. Von den letztgenannten sollen 50% aus Osteuropa, inklusive Russland und 40% aus den Balkanstaaten kommen.  Durch die geopolitische Lage an der südöstlichen EU-Grenze hat sich Griechenland zu einem wichtigen Drehpunkt des internationalen Menschenhandels entwickelt. Allein im Jahr 2000 soll der geschätzte Profit aus dem Frauenhandel ca. 1,13 Mrd. Euro betragen haben. Inzwischen soll die Zwangsprostitution von Migrantinnen die häufigste Form der Sexarbeit in Griechenland darstellen.

Die gleiche Datenquelle gibt für Deutschland die Anzahl von 300 000 Prostituierten, davon 150 000 Migrantinnen an. In Italien wird die Gesamtzahl auf 50 000 Prostituierte geschätzt. Die Hälfte von ihnen soll über Wohnungen, Clubs, Bordellen, oder organisiert in Callgirlringen über Zeitungsannoncen ihrem Gewerbe nachgehen. Die andere Hälfte arbeitet auf der Straße. Von diesen geschätzten 25 000 Frauen sollen 90% Ausländerinnen sein, wobei die Nigerianerinnen mit nahezu 60% den größten Anteil stellen.  In Skandinavien, Italien  und Österreich zeichnet sich durch neue Gesetzesvorlagen, betreffend der Prostitution von Migrantinnen, eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der betroffenen Frauen ab, die darauf hinausläuft das sie zunehmend den Gewaltverhältnissen des kriminellen Milieus der Menschenhändler und Zuhälter ausgeliefert sind.   Die Victimisierung der Migrantinnen hat politische Auswirkungen für alle Prostituierten da sie eine Haltung gegenüber der Prostitution stärkt, wo nicht mehr differenziert wird zwischen den Bereichen Menschenhandel in die Zwangsprostitution, Arbeitsmigration in die Prostitution und Prostitution als legale sexuelle Dienstleistung. So wird eine politische Strategie bestärkt, die ganz bewusst die Position der Frauen, die sich freiwillig für den Beruf der Prostituierten entschieden haben, ausblendet und stattdessen eine Kriminalisierung und Stigmatisierung aller Prostituierten zum Ziel hat.

aktuellere Informationen und weitergehendes statistisches Material bietet die Webseite http://www.tampep.com/  („European Network for HIV/STD Prevention in Prostitution“)  aus deren Reports 2003-05 die oben genannten Informationen stammen

Das Thema Prostitution wurde überwiegend aus juristischer, kriminalistischer und soziologischer Sicht behandelt. Mit der Diskussion im Parlament und in der Öffentlichkeit um das neue deutsche Prostitutionsgesetz wurde, neben der Gesundheits- und Kriminalitätsproblematik, erstmals die ökonomische Bedeutung des Prostitutionsmarktes hinsichtlich eines potentiellen Steueraufkommens wahrgenommen. Prostitution wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht offiziell erfasst und es gibt kaum abgesicherte Daten und Statistiken, die eine wirtschaftliche Analyse möglich machen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit der Industrieländer(OECD)  rechnet die Prostitution zur sogenannten „Schattenwirtschaft“, die auch Aktivitäten wie Schmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche umfasst. Zur Erfassung der ökonomischen Aktivität ist man auf Schätzungen angewiesen. Wissenschaftliche, auf breiter Ebene angelegte Untersuchungen über Prostitution in der BRD gibt es erst seit dem Aufkommen von AIDS seit der Mitte der 80er Jahre.

Der intensiven Aids/HIV- Forschung, die primär dem Schutz der öffentlichen Gesundheit gilt, steht eine nicht vorhandene Forschung im Bereich der Arbeitsmedizin und der psychosomatischen Erkrankungen gegenüber. Obwohl die speziellen Arbeitssituationen (Nachtarbeit, Belastung der Unterleibsorgane, verschleppte Krankheiten wg. ökonomischen Druck oder mangelnder sozialer Absicherung, etc, etc.) und die psychosomatischen Auswirkungen des Doppellebens, die Prostitution als eine Berufsgruppe mit Mehrfachbelastung  ausweisen.

Ebenfalls in den 80er Jahren fand in den Sozialwissenschaften durch den Einfluss der Frauenbewegung, feministischer Forscherinnen und den in den Großstädten entstandenen Selbsthilfegruppen der Prostituierten, ein langsamer Paradigmenwechsel statt. Die Forschung beschäftigt sich seit dem zunehmend mit den Themen der Auswirkungen der gesellschaftlichen Doppelmoral, der Lebens- und Arbeitssituation der betroffenen Frauen und der Sexarbeit als Wirtschaftsfaktor. 1997 erschien die bereits anfangs der 90er von der Bundesregierung in Auftrag gegeben „Dokumentation zur rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten in der Bundesrepublik Deutschland“, die eine wesentliche Grundlage zur Meinungsbildung und schließlich zur Veränderung der Gesetzgebung im Parlament bildete.

Aufgrund der Schwierigkeiten in diesem Bereich statistisches Material zu erstellen, schwanken die Zahlen der potentiellen Schätzungen, je nach Untersuchung und der zu untersuchenden Fragestellung. Die Schätzungen wie viele weibliche Prostituierte es in Deutschland nach Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes 2002 gibt, schwanken zwischen 200 000 bis 400 000 Frauen. Von der letztgenannten Zahl ist auch der Bundesrechnungshof in einem Bericht für das Jahr 2003 ausgegangen. Das Berliner Familienministerium kam 1987 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass innerhalb eines Zeitraumes von 5 Jahren, rund 10% aller deutschen Männer mindestens einmal sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, während in einer Befragung der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, die 2000 Männer repräsentativ befragte, 25% der Männer angaben mindestens einmal eine Prostituierte besucht zu haben. Die Soziologen Kleiber und Velten kommen in ihrer Studie im Auftrag des Bonner Gesundheitsministeriums zu dem Ergebnis, dass rund 18% der geschlechtsaktiven Männer in Deutschland Prostituierte besuchen und eine Untersuchung der Freien Universität stellte fest, dass die „Durchschnitts-Prostituierte“ pro Woche 32 Freier bedient. Wenn bei einer angenommen Zahl von 200 000 Prostituierten mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 36 000 Euro und dem daraus sich ergebenden geschätzten Jahresumsatz von 14,5 Milliarden, die angenommenen Umsätze einkommenssteuerlich erfasst und mit durchschnittlich 20% besteuert würden, hätte der Staat Steuereinnahmen von mehr als 2,9 Mrd. Euro.

Die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten in Deutschland

Die alte Gesetzgebung bis 2002

Nach dem bis 2002 gültigen Gesetz war die Prostitution zwar nicht strafbar, aber sittenwidrig und die Prostituierte damit praktisch rechtlos. Ein Vertrag über die „geschlechtliche Hingabe gegen Entgelt“ war deshalb nach §138 Abs.1 BGB nichtig und schuf keine Verbindlichkeiten. Arbeitsverträge zwischen Bordellbesitzern und Prostituierten hatten ebenfalls keine rechtswirksame Gültigkeit. Es war nicht einmal möglich nach den Grundsätzen des sogenannten „faktischen Arbeitsverhältnisses“ für geleistete Dienste, Lohn – und Urlaubsansprüche geltend zu machen. Wenn Prostituierte durch Fremdverschulden verunglückten und dadurch einen Verdienstausfall erlitten, konnten sie keine ädaquaten Schadensersatzansprüche geltend machen, da es sich um eine sittenwidrige Tätigkeit handelte. Freier, die Prostituierten den vereinbarten Geldbetrag verweigerten, machten sich nach der Auffassung des Bundesgerichtshofes nicht wegen Betrugs (§263 StGB) strafbar, da der versprochene Lohn nicht zum strafrechtlich geschützten „Vermögen“ gehörte. Im Sozialrecht folgerte man aus der Sittenwidrigkeit, dass Prostituierte nicht sozialversicherungspflichtig sein können. Private Krankenversicherungen pflegten die Aufnahme von Prostituierten entweder abzulehnen oder erhebliche Risikozuschläge zu verlangen. Nichtsdestotrotz waren Prostituierte unter dieser Gesetzgebung einkommens- und umsatzsteuerpflichtig und ein Bordellbesitzer machte sich strafbar wenn er für die bei ihm beschäftigten Frauen keine Lohnsteuer abführte. Nach dem §38 BseuchG kann einem Infizierten die Ausübung bestimmter beruflicher Tätigkeiten untersagt werden. Im Regelfall erhalten die Betroffenen für den Verdienstausfall nach §49 Abs.1BseuchG eine Entschädigung, was bei Prostituierten nicht der Fall war.

Sogenannte „jugendgefährdende“ Prostitution in Häusern in denen Personen unter 18 Jahren wohnen und in der Nähe von Schulen und Kindergärten konnte nach §184b StGB mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafen bis zu 360 Tagessätzen geahndet werden. Die Behörden konnten „zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes“ Sperrgebiete festlegen, in denen die Ausübung der Prostitution verboten war. Zuwiderhandlungen konnten nach §120 Abs.1 Nr1 OwiG als Ordnungswidrigkeit mit Geldbuße ausgelegt werden oder bei „beharrlicher“ Zuwiderhandlung, nach §184a StGB als Straftat, die mit Freiheitsentzug bis zu 6 Monaten oder mit einer Geldbuße bis zu 180 Tagessätzen bestraft werden konnte. Die Sperrbezirksverordnung ließ den Frauen in den meisten Fällen nur die Möglichkeit in Gebieten der Stadt zu arbeiten, wo die notwendigen Räumlichkeiten, die Häuser, sich in den Händen von Immobilienbesitzern befanden die schon traditionell am Geschäft mit der kontrollierten Prostitution verdienten. Nach dieser Rechtssprechung war nur der Betrieb von herkömmlichen Bordellen und Eros-Centern in den „Rotlichtbezirken“ erlaubt wo die Frauen ihren Arbeitstag schon mit Blockschulden beginnen mussten. Unter Strafandrohung standen hingegen die Bars und Clubs die einen gehobenen Rahmen und günstige Arbeitsbedingungen für die Prostituierten boten, da dies nach §180a Abs.1 Nr2 StGB als Förderung der Prostitution ausgelegt wurde. Als eine erste Neuerung wurde 2001 das Infektionsschutzgesetz(IfSG) eingeführt, mit dem die Freiwilligkeit der Gesundheitsuntersuchung festgestellt wurde. Dieses Gesetz war die Konsequenz aus den Erkenntnissen der Aids-Prävention, dass die Hauptgefahr der Übertragung sexueller Erkrankungen nicht von den etablierten Prostituierten, sondern von Drogenabhängigen, gelegentlich in der Prostitution arbeitenden Frauen ausgeht und solchen mit illegalen Aufenthaltsstatus, die sich den staatlichen Kontrollversuchen weitgehend entziehen und am ehesten durch freiwillige Angebote zu erreichen sind.

ProstG – Das „neue“ Prostitutionsgesetz

Das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (ProstG) wurde dann zum 1. Januar 2002 rechtswirksam. Seitdem gilt Prostitution nicht mehr als sittenwidrige Tätigkeit, sondern als sexuelle Dienstleistung. „Sexuelle Handlungen, die gegen ein vorher vereinbartes Entgeld vorgenommen werden“, so der Gesetzestext, „begründen eine rechtswirksame Forderung“. Neben der Arbeit als Selbstständige besteht nun die Möglichkeit als Angestellte mit regulärem Arbeitsvertrag zu arbeiten – mit rechtlich abgesicherten Zugang zu Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung, Leistungen bei Arbeitslosigkeit, Mutterschutz und arbeitsamtfinanzierten Umschulungen. Weiterhin wurde der Paragraph 180a des Strafgesetzbuches geändert. Vorher stellte er die „Förderung der Prostitution“ unter Strafe, jetzt wird die „Ausbeutung von Prostituierten“ bestraft, außerdem wurde ein Teil des Paragraphen 181a, betreffend der Zuhälterei gestrichen. Damit können Arbeitgeber lediglich Ort und zeitliche Dauer der Arbeit bestimmen, dürfen aber nicht die Bedienung eines bestimmten Kunden oder die Erfüllung bestimmter Praktiken verlangen. Die Einschränkung der persönlichen und wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit gilt als Straftat. Die Schaffung von guten Arbeitsbedingungen in Bordellen und Clubs kann seitens der Behörden nicht mehr als „Förderung der Prostitution“ ausgelegt werden.

Auch wenn dieses Gesetz einen wichtigen Schritt in Richtung der Anerkennung von Sexarbeit als reguläre Dienstleistung darstellt, fehlt eine ordnungspolitische Gesamtregelung, die einer wirklichen Liberalisierung und Legalisierung des Prostitutionsmarktes den Weg bereiten könnte. So sind andere Gesetze, die die Ausübung der Prostitution betreffen, nicht der Intention des neuen Gesetzes angepasst worden. Dies betrifft die Sperrgebietsverordnungen, die Prostituierten oft Arbeitsplatzverhältnisse vorschreiben, die milieubedingte Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse fördern. Das Gewerbe- und Gaststättenrecht, in welchem die „Unsittlichkeit der Prostitution“ weiterhin festgeschrieben ist, das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, das ein Werbeverbot für sexuelle Dienstleistungen festlegt, was eine weitergehende Kundeninformation und Markttransparenz verhindert und zu einer Praxis überteuerter Anzeigen von „Modellen und Hostessen“ in den Tageszeitungen geführt hat, sowie das Ausländergesetz, das in anbetracht der Gewaltverhältnisse in denen sich viele Migrantinnen  innerhalb des Gewerbes befinden, dringend überarbeitet werden müsste.

Dieser Umstand – vor allem die Diskrepanz zwischen reformierten Vertragsrecht und belassenen Gewerberecht – schafft Rechtsunsicherheit und lässt den einzelnen Ländern einen weiten Spielraum bei der Auslegung des ProstG, so dass Unternehmer, die Betriebe anmelden und Arbeitsverträge abschließen oft scheitern. In den Bundesländern Bayern, Baden Württemberg, Thüringen, Bremen und Sachsen wird die Prostitution mit dem Verweis auf die bestehende gewerberechtliche Sittenwidrigkeit weiterhin als Gewerbe nicht anerkannt und in Bayern wurde mit dem „Beweis“ eines abgeschlossenen Arbeitsvertrages Anklage wegen Zuhälterei erhoben. Prostituierte, die sich steuerlich neu anmelden, müssen in einigen Bundesländern mit der rückwirkenden Überprüfung ihrer Angaben und einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rechnen, da es bei dem neuen Gesetz vergessen wurde Stichtagsregelungen bei der Sozialversicherung und den Finanzbehörden festzulegen.

Die Besteuerung der Prostituierten wird von den Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt. In Stuttgart beispielsweise wird von jeder Prostituierten in den Bordellen täglich ein Mindestbetrag von 15-25€ als „freiwillige Steuervorauszahlung“ erhoben, während in Hamburg, ein Jahr nach dem ProstG, nur einige Großbordelle besteuert wurden. Vor dem ProstG mussten die Einnahmen als „sonstige Einkünfte“ versteuert werden und selbstständig Gewerbetreibende sind weiterhin einkommens- und umsatzsteuerpflichtig. Viele Prostituierte zahlten allerdings bislang keine Steuern und werden dies aufgrund der unklaren Rechtslage wohl auch weiterhin nicht tun. So sind in den ersten Jahren nach Inkrafttreten der Gesetzesvorlage, außer auf Niedriglohnebene, kaum Arbeitsverträge im nennenswerten Umfang abgeschlossen worden. Oftmals zeigt sich in dem behördlichen Umgang mit dem Sexgewerbe, die Tendenz die Prostitution im traditionellen Wechselspiel zwischen milieubedingter und polizeilicher Kontrolle zu belassen, während unternehmerische Initiativen, die der liberalen Tendenz des Gesetzes zur Folge, Prostitution als normale Dienstleistung verstehen, erschwert und behindert werden.

Eine Studie die die Akzeptanz des neuen ProstG seitens der Prostituierten zum Thema hatte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Ein Großteil der befragten Frauen nahm die Besserstellung ihrer rechtlichen Situation durch die neue Gesetzesregelung überhaupt nicht in Anspruch, weil sie aus ihrem Selbstbild heraus Prostitution für keinen anständigen Beruf halten und lieber anonym bleiben wollen und nicht bereit sind Steuern, Sozial- und Rentenversicherungsbeiträge zu leisten.

Die an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg lehrende Expertin Emilija Mitrovi´c führte mit Studentinnen eine qualitative Studie durch. In sieben Großstädten befragte sie in 51 ausführlichen Interviews vor allem Prostituierte, außerdem Bordellbetreiberinnen

Der im Januar 2007 veröffentlichte Bericht der Bundesregierung über die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes von 2002 kam zu einer ähnlichen Einschätzung.  Nur ca. ein Prozent aller Prostituierten arbeitet mit einen Arbeitsvertrag und da das Bundesfinanzministerium keine Stichtagsregelung für Prostituierte eingeführt hat, bleiben die meisten Prostituierten lieber anonym und melden ihr Gewerbe nicht an. Außerdem haben viele Bundesländer die Regelungen nur zum Teil oder gar nicht umgesetzt, allen voran Bayern, wo man Prostitution weiterhin als sittenwidrig betrachtet und keine Gewerbescheine für Bordelle ausstellt. Über die Hälfte der Frauen, die in der Prostitution arbeiten, erreicht dieses Gesetz überhaupt nicht, da es versäumt wurde die Migrantinnen einzubeziehen und dementsprechende Änderung am Ausländergesetz vorzunehmen. Die damit einhergehende Zwangsprostitution versucht das Bundesjustizministerium mit einer neuen, fragwürdigen Gesetzesinitiative, welche die Freier dieser Frauen bestraft, einzudämmen

Es entsteht der Eindruck, das von den gutgemeinten Intentionen des rotgrünen Prostituiertengesetzes nur die verbesserten Möglichkeiten des Besteuerns der Einnahmen der Prostituierten Bestand hätten. So wurden in Berlin (2007) in den vergangenen 5 Jahren 21 Kleinbordelle geschlossen und gegen 20 weitere gingen die Bauämter der Stadt mit Schließungsverfügungen gegen sie vor. Die Begründung:  Wohnen und Prostitution passen nicht zusammen. Dies entspricht der momentan aktuellen Rechtssprechung. Ein Großteil der diesbezüglichen Gerichtsurteile verneinen die Möglichkeit der Ausübung von Prostitution in Misch- bzw. allgemeinen Wohngebieten. Auch der Abschlussbericht des Bundesfamilienministerium zur Evaluation des Prostitutionsgesetzes sieht für die Prostitution nach wie vor allein das Gewerbegebiet vor. Hier zeigt sich die anscheinend politisch gewollte Tendenz der Verdrängung von Kleinbordellen – die z.T. aus der unternehmerischen Initiative von Frauen entstanden sind, die ihr Berufsumfeld selbst organisiert haben – zugunsten von Laufhäusern und Großbordellen. Im unübersichtlichen Bereich des Straßenstrichs und der Modelprostitution haben Steuerfahnder Schwierigkeiten ihren Zehnten einzufordern. In Großbordellen werden hingegen komplikationslos die Mieteinnahmen des Betreibers besteuert und in einigen Fällen eine Pauschale für die dort arbeitenden Frauen festgelegt

Die Gruppe der Prostituierten ist nicht homogen und in Bezug auf das neue Prostitutionsgesetz ist es sinnvoll in  3 Gruppen differenzieren. Einerseits Prostituierte aus EU-Ländern und Deutschland mit legalem Status, die in der Lage sind die Vorteile der neuen Gesetzgebung zu nutzen. Dann die Migrantinnen mit illegalen Status und drittens das Feld der Beschaffungsprostitution – Frauen die anschaffen gehen um ihre Drogensucht zu finanzieren. Die Prostituiertenorganisation „Hydra“ hat zur Verbesserung der Situation bereits mehrfach die Initiative eines „Gütesiegels“, als Resultat einer staatlich anerkannten Anbieter- und Verbraucherorganisation für den gesamten Bereich sexueller Dienstleistungen, angeregt. Die Gewerkschaft ver.di versucht, mit einem Arbeitskreis Prostitution (Fachbereich 13, besondere Dienstleistungen), die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Dabei konzentriert sich die Gewerkschaft auf die arbeitsrechtliche Absicherung von Prostituierten, unter anderem mit einem Muster-Arbeitsvertrag. Der 2002 gegründete „Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V.“ mit Sitz in Berlin, versucht fachliche Angelegenheiten für Betreiber von bordellartigen Betrieben und selbständigen Prostituierten wahrzunehmen. Laut der Satzung des BSD setzt sich der Verband „für eine wirtschaftliche Verbesserung der jeweiligen Aktivitäten, für die Beseitigung jeglicher gesetzlicher Behinderungen dieses Gewerbes, für die Förderung des Ansehens von Prostitution und der Betriebe mit sexuellen Dienstleistungen in der Gesellschaft und die Vermittlung eines realistischen Bildes von Prostitution“ ein. Der Verein hatte 2004 fünfzig Mitglieder. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen hat seinen Sitz in Berlin und hat in dieser Stadt auch seinen Tätigkeitsschwerpunkt. Auf der Webseite des Vereins werden Broschüren zur rechtlichen Situation der Prostituierten und planungsrechtlichen Gutachten zu Bordellen in Wohngebieten kostenlos als PDF zum Download angeboten. Webseite: http://www.BuSD.de

Der in den letzten Jahren gegründete Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland e.V. bietet über seine Webseite für seine Mitglieder Rechtsberatung und Unterstützung beim Umgang mit Behörden an. Dieses Angebot ist allerdings nicht umsonst. Der Verein verlangt für seinen Service eine einmalige Anmeldungsgebühr von 50€ und einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 30€ – 100€ ( nach Betriebsgröße). Weitergehend wird eine Informationsbroschüre für Behörden und Politiker angeboten.

http://www.hydra-ev.org/master/start.html

Aufklärung und Kritik  2/2003,  Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie
Dr. Richard Reichel und Karin Topper  „Prostitution: der verkannte Wirtschaftsfaktor“
http://www.gkpn.de/reichel_topper.pdf

Projekt „Arbeitsplatz Prostitution“ des ver.di Bundesvorstandes /Emilija Mitrovi´c,  Besenbinderhof 60   20097 Hamburg

„Stricher-Leben“, Bader Birgit(Hg), 1991

Menschenhandel und Prostitution

Mit den Schlagwörtern „Menschenhandel“ und „Trafficking“ ist oft  der Handel mit der „Ware Frau“ zwecks sexueller Ausbeutung gemeint. Weiter gefasst versteht man unter Menschenhandel, Handlungen mit denen Menschen unter Verletzung ihrer Selbstbestimmung in ein Ausbeutungsverhältnis vermittelt werden. Dies betrifft jegliche Form der sexuellen Ausbeutung und oft auch den Heiratshandel, die Ausbeutung der Arbeitskraft, aber auch die Entnahme menschlicher Organe. Die Geschichte dieses modernen Menschenhandels lässt sich ab ca. 1880 nachvollziehen, nach dem der Handel mit Frauen als Deliktform in den polizeilichen Akten auftauchte. Zu dieser Zeit sollen Frauen aus West- und Osteuropa in Gebiete wie Südamerika, bestimmte Gebiete Afrikas und den vorderen Orient „exportiert“ worden sein, aber auch der Handel mit osteuropäischen und russischen Frauen nach Westeuropa ist belegt. Inzwischen sind die Gebiete Westeuropas keine Rekrutierungs-Territorien mehr, sondern Import- und Transitländer. Die Frauen stammen aus Ländern der „dritten Welt“ und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunehmend aus Osteuropa und Russland.

Die globale Vereinigung gegen den Frauenhandel „Global Alliance Against Trafficking in Women“ hat eine breitere Definition von Frauenhandel erarbeitet. Der Fokus dieser Definition liegt nicht auf der Betonung von Zwangsprostitution, sondern auf der Ausbeutung von Arbeitskraft, also um Arbeitssituationen, in denen Frauen ihrer Freiheit und fundamentaler Menschenrechte beraubt werden wie sexuelle Ausbeutung, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse und Freiheitsberaubung. Weltweit betroffen sind vor allem Thailand, die Philippinen, mittel- und osteuropäische Länder, davon hauptsächlich Polen, Russland und die Ukraine, lateinamerikanische Länder wie z.B. Brasilien und Kolumbien und afrikanische Länder wie Ghana und Kenia. Die Anwerbemethoden laufen über internationale, organisierte Schlepperbanden, Zuhälter, sogenannte Heiratsvermittlungsbüros, Arbeitsvermittlungsinstitute und private Vermittlung durch Bekannte und Verwandte, die bereits im Ausland leben.

Nach  Schätzungen der Vereinten Nationen sollen weltweit jährlich rund sieben Milliarden US-Dollar mit dem Handel von rund vier Millionen Menschen umgesetzt werden. Zahlen des Bundeskriminalamtes zufolge, waren von Menschenhandel und Zwangsprostitution bis 1980 vor allem südamerikanische Frauen betroffen, Anfang der achtziger Jahre Filipinas, ab Mitte der achtziger Jahre zunehmend afrikanische Frauen, bis 1989 Brasilianerinnen und junge Frauen aus Thailand. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union mit einer völlig neuen Dimension des Frauenhandels konfrontiert. Die Opfer in den westlichen Industrieländern sind zu 80 bis 90 % Frauen aus Mittel- und Osteuropa: aus Polen, aus Tschechien, aus Rumänien, aus dem Baltikum, aus Albanien, der Ukraine und Russland. Nach einem Jahresbericht von Tampep und Amnesty for women sollen bereits 1999 56% der Frauen aus Osteuropa gekommen sein, jeweils weitere 16% aus Lateinamerika und Afrika und  12% aus Südostasien.

Laut eines Lageberichtes des BKA zum Thema Menschenhandel (1999-2002) gelangen jährlich etwa 30.000 Frauen – etwa 60 Prozent von ihnen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren – durch Frauenhandel nach Deutschland, werden also illegal über die Grenzen gebracht. Laut dem Bericht sind ungefähr 25% der angeworbenen Frauen sind mit einer Beschäftigung als Prostituierte einverstanden. Ein ähnlich hohe Zahl von ca. 25 Prozent waren bereits in ihrem Herkunftsland als Prostituierte tätig. Sie werden aber oft über die Arbeits- und Lebensbedingungen im Unklaren gelassen und bei ca. 50 Prozent der Frauen soll zur Aufnahme oder Fortführung der Prostitution Gewalt angewandt worden sein. Alleine im Deliktsbereich „Zuhälterei und Schleusung“ sind, laut Angaben des Europarates, in den letzten zehn Jahren, die Profite um bis zu 400 Prozent gestiegen.(Spiegel, 2003, Nr. 26, S. 45)

Auch die Organisationen „Amnesty for Women“ und die „Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel (KOOFRA)“ bestätigen, dass viele der Frauen sich bewusst sind, dass sie in der Prostitution arbeiten sollen. Allerdings wissen sie nicht unter welchen Bedingungen sie zu arbeiten haben. Wenn man das Thema nicht moralisch bewertet und zwischen freiwilliger Prostitution und dem Zwang zur Prostitution unterscheidet,  ist es ein großer Unterschied, ob man drei Monate ins Ausland geht und Geld an den Zuhälter, Schleuser oder den Organisator abgibt und dann mit erwirtschafteten Kapital wieder zurückfährt, oder ob man weggesperrt, „eingeritten“ und mit einer konstruierten Schuldenlast zur ständigen Arbeit gezwungen wird, ohne etwas dabei zu verdienen. Zwangsprostitution verstößt gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und stellt eine Menschenrechtsverletzung dar.

Bis 2004 wurde im deutschen Strafrecht unter dem Tatbestand Menschenhandel in den §180b und §181 nur der Zwang zur Prostitution oder zu sexuellen Handlungen erfasst. Aufgrund der weiterführenden Definition des EU-Rahmenbeschlusses zur Bekämpfung des Menschenhandels von 2002, die neben der Zwangsprostitution auch Sklaverei, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und Organhandel erfasst, wurde 2005 in Deutschland mit den neuen §232 und §233 StGB eine Strafrechtsänderung vorgenommen, die sich dieser erweiterten Definition anschließt. Eine weitere mögliche Verbesserung der Situation vieler osteuropäischer Sexarbeiterinnen in Deutschland zeichnet sich seit der EU-Osterweiterung ab. Seit Mitte 2004 können sie sich – auch in der Prostitution – als selbstständige Erwerbstätige registrieren lassen.

19
Jan
10

Arbeitsbedingungen von Prostituierten

Einleitung

Durch die neuen Technologien hat sich die traditionelle Arbeitsweise – von Bordellen, Clubs und der Straße ausgehend – geändert. Viele Frauen nutzen das Handy als wichtiges Arbeitsgerät ihrer Branche und betreiben ihr Geschäft über Kleinanzeigen, bei ständiger Erreichbarkeit, weitaus flexibler und diskreter als dies früher möglich war. Nicht nur das Pornobusiness nutzt die Möglichkeiten des WorldWideWeb, sondern auch verstärkt das Prostitutionsgewerbe. Viele Prostituierte veröffentlichen im Internet Portefolios mit Photos, Verfügbarkeit, Preisen und angebotenen speziellen Dienstleistungen, so dass der Kunde sich vorab informieren kann. Es gibt Webseiten, die neben den Modell-Portefolios auch potentiellen und tatsächlichen Kunden die Möglichkeit geben sich über Boards auszutauschen und die Dienstleistungen der verschiedenen Frauen zu bewerten. Das Internet hat die Entstehung einer Klasse von gebildeten Sexarbeiterinnen begünstigt, die überwiegend aus der Mittelschicht kommen aus der sich auch ihr zahlungskräftiges Klientel rekrutiert. Das Internet schafft Möglichkeiten sich unabhängig von der Sexindustrie, bzw. dem dementsprechenden Milieu über Sexarbeit zu informieren und auszutauschen und bietet Frauen die Möglichkeit ohne eine Agentur oder ein Bordell zu kontaktieren, in diesem Bereich selbstständig zu arbeiten oder sich einen Nebenverdienst zu sichern.

Es gibt eine Vielzahl von Webseiten, die es Sexarbeiterinnen ermöglichen Werbung für ihre potentiellen Kunden zu schalten. In den USA sind die populärsten Seiten „Craigslist“ und „Eros Guide“, die beide bereits seit über einer Dekade online sind. Beides sind überregionale Meta-Seiten, die nach Städten, bzw. Regionen organisiert sind. Craigslist bietet ein kostenloses, öffentliches Board, welches vor allem bei Frauen beliebt ist, die Prostitution nur als einen Nebenverdienst sehen und über die Möglichkeit des kostenlosen Postings, eine überschaubare Werbung für sich betreiben. „Eros Guide“ hingegen bietet professionelle Werbemöglichkeiten in mehr als 30 us-amerikanischen Städten, sowie einigen kanadischen und englischen Metropolen. Die Kosten für die geschaltete Werbung, deren Standard 200 Wörter, 3 Photos, sowie Telefonnummer und Weblink beinhaltet, bewegt sich je nach Region zwischen 60$ – 175$. Neben diesen Advertising-Seiten gibt es spezielle Message-Boards wie „UtopiaGuide“, „Big Doggie“ und “The Erotic Review” die ihre Popularität Erfahrungsberichten von Freiern verdanken. Die Männer veröffentlichen dort ihre Erfahrungen mit Prostituierten und bieten so potentiellen Kunden die Möglichkeit sich vorab über die Frauen zu informieren.

Abgesehen davon bietet das Internet über Suchmaschinen die Möglichkeit sich über potentielle Kunden zu informieren und so, zumindestens teilweise, die Richtigkeit ihrer Angaben zu überprüfen. Weitergehend unterhalten verschiedene Netzwerke von Prostituierten, vor allem Callgirls, sogenannte „Bad Date“-Listen, wo sich die Frauen gegenseitig informieren für denn Fall das Kunden wegen ihrer schlechten Zahlungsmoral oder wegen Gewalttätigkeiten aufgefallen sind. Neben diesen internen Listen gibt es auch öffentliche, wie z.b. den Washingtoner Blacklist-Blog „Don´t fuck with us“ Auf der Grundlage eines Common sense, das Kunden, die einer Sexarbeiterin psychische oder physische Gewalt angetan haben, ihr Recht auf Anonymität und Diskretion verwirkt haben. Diese Blogs dienen einerseits der Information und schaffen in der Praxis einen vorbeugenden Schutz, da die betroffenen Männer sich in ihrem asozialen Verhalten eher zurücknehmen als in dem Zusammenhang entsprechender Vorwürfe öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Weitergehend gibt es professionelle Dienste wie „Room Service 2000“(RS2K) und „Date Check“, welche überwiegend von Escorts und selbstständig arbeitenden Dominas in Anspruch genommen werden. Sexarbeiterinnen wie Kunden müssen, um das System nutzen zu können, ein Kontaktformular ausfüllen, welches Informationen zur Privat- und Arbeitsadresse, Kreditkarteninformationen und dem vollen Namen beinhaltet. Diese dann verifizierten Daten schaffen die Grundlage für einen sicheren Umgang zwischen Sexarbeiterinnen und Kunden.

„Sex on the open Market: Sexworkers harness – The power of the Internet“, Audicia Ray; C`Lick me-Reader 2007

Im deutschsprachigen Internet existieren seit einigen Jahren ebensolche, gutbesuchte Freier-Foren wie „Bordellcommunity“ oder „Rheinforum“ von Freiern für Freier zum Informations- und Meinungsaustausch gegründet. Neben Preisvergleichen, Tipps und Erfahrungsberichten werden dort Themen wie Safer-Sex und Frauenhandel diskutiert. Aus einer Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die die Webmaster dieser Foren kontaktiert hatte, ist das Pilotprojekt „www.sexsicher.de“ hervorgegangen, das speziell auf die Bedürfnisse von Freiern ausgerichtete Fragen zum Thema sexuelle Gesundheit beantwortet.

Das beste deutschsprachige Forum für Sexarbeiter ist die werbefreie österreichische Webseite http://sexworker.at. Das Portal bietet umfangreiche Informationen und Foren für  Gewerbetreibende wie für interessierte Aussenstehende. Bestimmte Bereiche stehen ausschließlich Sexarbeiter/innen zur Verfügung, die ihren Status vorher von den Admins überprüfen lassen müssen.

Über die vielseitigen Arbeitsbedingungen von Prostituierten lassen sich schwer allgemeingültigen Aussagen treffen. So kann, je nach individuellen sozialen Kontext und der Geschichte der jeweiligen Frau der gleiche Arbeitsort trotzdem in einem unterschiedlichen Bedeutungszusammenhang stehen. Abgesehen davon sind lokale Begebenheiten und das betreffende Milieu ein entscheidender Faktor. Ein Bordell ist nicht gleich ein Bordell, ein Appartement nicht gleich ein Appartement und Straßenstrich ist nicht gleich Straßenstrich.

Zuhälter

„Die Nachfrage nach einem Zuhälter liegt auch in der Unvereinbarkeit einer Liebesbeziehung mit der Arbeit in der Prostitution begründet: kaum ein Mann verkraftet es über längere Zeit seine Geliebte in der Prostitution zu wissen. Auch Zuhälter bevorzugen eine Liebesbeziehung, die nichts mit dem Milieu zu tun hat.“

Zitat aus:„Wer macht was? Jobs im Sexgewerbe“, Uta Falck, Ausstellungskatalog Sexarbeit S. 49

Auch ein Zuhälter ist nicht gleich einem Zuhälter. Unter der Gesetzesregelung verschiedener europäischer Länder fallen der Lebenspartner oder reguläre Ehemann und sogar Verwandte unter diese Begriffsdefinition, auch wenn sie mit dem Prostitutionsgewerbe nicht im Kontakt stehen, sofern ihr Lebensunterhalt durch das Einkommen der Frau finanziert wird. Der Kriminalist Jürgen Kahmann liefert eine konservative, polizeiliche Sichtweise. Er definiert den Zuhälter als eine Person, die ganz oder teilweise von den Einnahmen einer Prostituierten lebt, wobei es sich auch um weibliche Zuhälter handeln kann. Als Gegenleistung für die Beteiligung am finanziellen Ertrag der Prostituierten wird die Frau durch ihren Zuhälter gegebenenfalls vor Übergriffen der Freier geschützt und – falls nötig bei der Geldeintreibung tatkräftig unterstützt. Zwischen Zuhälter und der sich prostituierenden Frau besteht in der Regel eine intime Beziehung, in welcher er die Rolle des „Geliebten“ einnimmt. Für den Fall das der Mann für mehrere Frauen die Rolle des Zuhälters einnimmt, kann dies ein promiskutives Sexualverhalten voraussetzen.

“ Natürlich gibt es Frauen, die von Zuhältern unter Anwendung körperlicher Gewalt und psychischen Zwang, zur Prostitution gezwungen werden. Das betrifft aber nur einen sehr geringen Teil der Frauen. Die meisten Sexarbeiterinnen haben ihren Beruf aus freien Stücken gewählt, da in der Sexindustrie und gerade in der Prostitution, sehr viel mehr Geld als Frau zu verdienen ist, als in den meisten anderen Berufen. Gerade angesichts der Existenz von Sperrgebieten für die Ausübung der Prostitution mischen aber viele Männer in der Sexindustrie mit, die keine kriminellen Zuhälter sind, sondern Organisatoren und Manager der Prostitution. Natürlich sind diese Männer ohne Zweifel Mehrwertbeschneider und leben vom Geld der Sexarbeiterinnen.“

Zitat aus: „Women at Work – Sexarbeit, Binnenmarkt und Emanzipation“, 1992, Schüren Presseverlag, Seite 139. Eine Dokumentation zum 1. europäischen Prostituiertenkongress 1991 in Frankfurt am Main

Bestenfalls ist der Zuhälter der tatsächliche Lebenspartner der Frau oder fungiert als regulärer Geschäftspartner was z.b. die Regelung der Verhältnisse im Milieu und Finanzdienstleistungen betrifft. Innerhalb des Milieus ist das Verhältnis allerdings häufig von Ausbeutungsverhältnissen geprägt, die noch aus der Tradition des kontrollierten Bordellwesens stammen. Dies betrifft z.b. die Forderung einer „Ablösesumme“, wenn die Frau sich von dem Zuhälter trennen will, entweder um ihren Arbeitsplatz innerhalb des Gewerbes zu wechseln oder um auszusteigen. Dieser Geldbetrag kann zwischen 5000-20.000 Euro liegen und wird der Frau, falls ein anderer Zuhälter diese Summe zahlt, als Schuldenlast in Rechnung gestellt.

„Wenn eine Frau arbeiten will, und sich so gar nicht auskennt, ist das Beste, was ihr passieren kann, ein guter Zuhälter.  Einer, der auf den ersten Blick sieht, wofür die Frau der Neunziger eine teure Typ-Beratung braucht: Welches Make-up, welche Frisur, welches Outfit. Wenn Bodybuilding angesagt ist, welche Übungen für welche Region des Körpers und in welchem Studio. Welcher Bereich in der Prostitution liegt ihr am ehesten, wo kann sie arbeiten, welche Hure lernt sie an, welches Bordell bietet welchen Service und, und, und… Ein Mann eben, der das gesamte „who`s who“ der Szene kennt und dort bekannt und akzeptiert ist. Der sich darum kümmert, dass die Frau gefeatured wird, dass sie krankenversichert ist. Der sie aufbaut, mit ihr trainiert, der die Entwicklung ihrer Karriere und ihres Geldes steuert, ihr Tipps gibt. Dafür braucht frau doch keinen Zuhälter? Eben doch! Wer sonst ist in der Lage, die beschriebenen Dinge zu leisten? Ein Manager? Genau darüber reden wir hier. Über Manager in einem hochpotenten Zweig unserer Wirtschaft, der mit Milliardenumsätzen jährlich zu Buche schlägt.   So erklären sich bei genaueren Hinsehen auch Zusammenhänge, die auf den ersten Blick unverständlich erscheinen,. Zum Beispiel nämlich, warum ein Zuhälter mehrere Frauen „hat“, die ihn bezahlen, woher genau das Geld kommt, warum Abstand gezahlt wird, und vieles mehr.“

Zitat, Seite 178, .„Prostitution : Ein Handbuch“,  Christine Drössler, Jasmin Kratz (Red.), 1994  Hg.: HWG e.V, Schüren Presseverlag, Marburg

Innerhalb des Milieus existieren Organisationszusammenhänge und Hierarchien zwischen den Zuhältern, die zu einer Arbeitsteilung führen können. So kann es Einzelpersonen geben, die für die Finanzen zuständig sind, andere, die Kontakte zu anderen Milieugruppierungen unterhalten oder sich mit der Instandhaltung der Etablissements und der Anmietung oder dem Ankauf neuer Wohnungen oder Häuser beschäftigen und welche, die sich hauptsächlich um die Frauen kümmern. So gibt es bestimmte Einzelpersonen – in Hamburger Milieu „Poussierer“ genannt – die für die Neurekrutierung von Frauen zuständig sind und z.b. in Diskotheken und Musikclubs Frauen ansprechen, eine intime Beziehung zu ihnen eingehen und sie dann auf die eine oder andere Art und Weise dazu bringen im Prostitutionsgewerbe „anzuschaffen“. Charakteristisch für den Typus des Zuhälters „des alten Schlags“ innerhalb des Milieus sind Personen, die über Durchsetzungsvermögen, insbesondere körperlicher Art verfügen und dementsprechend matriarchalisch auftreten. Bis in die 80er Jahre war es allgemein üblich und ist es teilweise immer noch, durch Zuschaustellen von Statussymbolen wie teure Uhren, Kleidung und Autos seine Position innerhalb des Milieus hervorzuheben. Schlimmstenfalls besteht zwischen dem Zuhälter und der Prostituierten ein Verhältnis, in welchem die Frau nur als „Ware“ gesehen wird und die Zuhälter Zwang auf die für sie tätigen Prostituierten ausüben, entweder damit sie sich überhaupt prostituieren oder damit sie den gewünschten Anteil an den Einnahmen abliefern. Ein besonderes Verhältnis besteht im Fall des Menschenhandels, wo oft unter Einsatz von Gewalt oder psychischen Manipulationen ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen wird und der Verdienst zum Großteil vom Zuhälter einbehalten wird.

Bordelle

Ein Bordell ist: „ein geschäftsmäßiger Betrieb, der auf regelmäßige Einnahmen ausgerichtet ist und wo mehrere Prostituierte tätig sind, denen der Inhaber Räume und die übrige zur Ausübung der Prostitution nötige Infrastruktur zur Verfügung stellt.“ Ein(e) Bordellbetreiber(in) muss sich wie jeder Firmenchef um die betriebliche Organisation kümmern. In vielen Läden ist zusätzlich ein Wirtschaftler, bzw. eine Wirtschaftlerin eingestellt. Überwiegend sind es Frauen die diese Position einnehmen. Ein Wirtschaftler  bildet die Schnittstelle zwischen Betreiber, Mitarbeiterinnen und Kunden. Er, bzw. sie sorgt für den alltäglichen Ablauf im Betrieb. Ein Bordell kann ein Etablissement sein, wo Prostituierte freiberuflich oder als Angestellte arbeiten und die Arbeitsbedingungen sich an den Bedürfnissen der dort arbeitenden Frauen orientieren, oder aber Läden, wo milieubedingte Abhängigkeiten bestehen, bis zu solchen, wo die Frauen sich unter Zwang prostituieren müssen. Um der Definition „Bordell“ gerecht zu werden, müssen also mindestens 2 Frauen in denselben Räumlichkeiten ihrem Job nachgehen. Die durchschnittliche Anzahl weiblicher Mitarbeiter dürfte bei kleineren bis mittleren Bordellen so zwischen 5-15 Frauen liegen. In Deutschland gibt es in fast allen Großstädten mit Sperrgebietsverordnung mindestens ein Großbordell. Ein Eros-Center bietet der Frau die Möglichkeit sich dort die ganze Zeit über aufzuhalten, oft befinden sich eine Kantine, Fitnesscenter und Solarium im selben Haus. Das gemietete Zimmer ist möbliert und hat in der Regel einen Fernseher und ein Bad mit Dusche. Die Frauen zahlen dort Tagesmieten zwischen ca. 70-150€, zusätzlich entstehen Kosten für Reinigung, Präservative und Abgaben für den Wirtschaftler. Diese Fixkosten, auch Blockkosten genannt, müssen tagtäglich gezahlt werden, unabhängig von dem erzielten, individuellen Umsatz. Eine Woche besteht aus 6 Arbeitstagen, der siebte Tag ist dann oft mietfrei. Einige dieser Etablissements haben einen zentralen Kontakthof wo die Frauen sich anbieten. In anderen Eros-Centern warten die Prostituierten in oder vor ihren Zimmern auf Kundschaft. Desweiteren gibt es die Schaufensterprostitution, wie z.b. in der Herbertstraße/St. Pauli oder „Walljettes“/Amsterdam, wo die Frauen hinter großen Fenstern sitzen und von dem potentiellen Kunden in Augenschein genommen werden. Zum Fensterplatz gehört ein weiterer Raum in den der Kunde nach Geschäftsvereinbarung dann eingelassen wird. Auch hier müssen neben der Tagesmiete Blockkosten gezahlt werden.

Straßenstrich

Einen Straßenstrich, ob legal, geduldet oder illegal, gibt es in fast jeder Großstadt. Diese auffälligste Form der Prostitutionsausübung wird durch die Polizei am stärksten kontrolliert und überwacht. In diesem Segment ist auch die Beschaffungsprostitution zur Finanzierung von Drogensucht (Heroin, Crack) am weitesten verbreitet. Auf dem Straßenstrich könnten die Frauen oft mehr Geld verdienen als ihre Kolleginnen im Bordell, da sie kaum Nebenkosten haben und es viel Laufkundschaft gibt. Die Kontaktaufnahme zwischen dem Kunden und der Prostituierten findet auf der offenen Strasse statt. Meistens kommen die Kunden mit dem Auto und die sexuelle Dienstleistung wird häufig im Auto des Freiers oder im Wagen oder Wohnmobil der Prostituierten erbracht. Auch die Fahrt zu nahe gelegen Absteigen, Hotels und Pensionen ist möglich. In einigen Regionen, wie z.b. in Hamburg/ St. Pauli, wo Fußgänger die Zielgruppe bilden, gehen die Prostituierten mit ihren Freiern grundsätzlich auf ein Zimmer. Sie zahlen dann für das Zimmer eine feste Tagesmiete oder einen Anteil pro Freier. Der Straßenstrich ist in Deutschland größtenteils fest in der Hand von Zuhälterorganisationen, die Kleidung und Arbeitszeiten vorschreiben und Standgelder pro Nacht kassieren.

Auf dem Straßenstrich sind die Frauen während der Wintermonate neben einfachen Erkältungen  oft gesundheitlichen Problemen wie Blasenentzündung, Gebärmutterentzündung und Nierenproblemen ausgesetzt. Viele Frauen ziehen sich beim Sex nur gegen Aufpreis aus. Ihre Strumpfhosen und Hosen sind in der Mitte geschlitzt, so dass auch im Winter mehrere Lagen übereinander getragen werden können, ohne das die Frau sich ständig an und ausziehen muss. Straßenprostituierte sind, sofern ihr Arbeitsplatz durch Sonderzonenregelung sich jenseits der Vergnügungsviertel in menschenleeren Gewerbegebieten und Vorstädten befindet, besonders gefährdet, was gewalttätige Übergriffe, Raub, Vergewaltigung und sogar Mord betrifft. Viele versuchen dem vorzubeugen indem sie die Umgebung ihres Arbeitsplatzes weitgehend kontrollieren. Dies schließt sichere Stehplätze in der Nähe zu anderen Menschen mit ein, die gut beleuchtet sind und die Zusammenarbeit mit den anderen Kolleginnen vor Ort, d.h. aufeinander zu achten, den übermäßigen Konsum von Drogen zu vermeiden und die Autonummern der Kunden vorbeugend aufzuschreiben und darauf zu achten das die Beifahrertür jederzeit geöffnet werden kann. Ein weiterer Punkt ist das Tragen von sicherer, fluchttauglicher Kleidung, die im Extremfall seitens des Kunden nicht gegen die Frau verwendet werden kann – oder im Ernstfall ihrerseits zur Selbstverteidigung gebraucht werden können – wie z.b. Schuhe mit metallenen Pfennigabsätzen. Zu den weiteren vorbeugenden Maßnahmen gehört die nötige Kontrolle im Haus und Hotel, wohin der Kunde nach der Kontaktaufnahme mitgenommen wird. Hierzu gehören Regeln gegen laute Musik, damit Hilfeschreie wahrgenommen werden, das Ersetzen von Glasobjekten durch solche aus Plastik und die Installation eines elektronischen Alarmsignals in der Nähe des Bettes. Bekannte Kunden werden Unbekannten vorgezogen und wenn ein Mann auf die Frau einen schlechten Eindruck macht, gibt es verschiedene Möglichkeiten sein Angebot abzulehnen – indem überhöhte Preise genannt werden oder entschuldigend ein bereits vereinbarter Termin vorgegeben wird. Als ein wichtiges Kriterium, Gewalttätigkeiten vorzubeugen, wird gesagt, dass man den Kunden „gut handhaben“ muss, freundlich und zuvorkommend auf ihn reagieren sollte, auch wenn es nicht der eigenen Gefühlslage entspricht, was voraussetzt das schwer Betrunkene und Männer mit denen man sich nicht verständigen kann, abgelehnt werden sollten. In Bordellen und Absteigen und z.T. auf der Straße sollten außerdem Zuhälter und Wirtschaftler den Schutz der Frauen garantieren. Bei Haus und Hotelbesuchen kann, sofern die Frau einen Zuhälter hat, dieser mitfahren und im Auto warten. Bei der Agenturvermittlung ist die Vereinbarung von Kontrollanrufen üblich, d.h. das die Frau einmal vor ihrem Dienstantritt beim Kunden ihre Ankunft telefonisch bestätigt und einen zweiten Anruf nach Beendigung des Kundenkontaktes bei der Agentur macht.

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“,  Routledge, New York, London

Sexclubs

In den hochpreisigen  Sexclubs wird dem Kunden oft ein aufwendiges Interieur und dementsprechender Service, bei Eintrittspreisen von 25-65€, geboten. Spezielle Saunaclubs und Massagesalons bieten neben der sexuellen Dienstleistung auch Sauna, Wellness, Massage und Unterhaltung an. Das Zeitbudget ist anders verteilt, anstatt der schnellen sexuellen Dienstleistung, wird mit dem Kunden vorher oft stundenlang geredet. Häufig haben die Frauen nur ein bis zwei Kunden pro Abend. In vielen Clubs wird der Sex über die Getränkerechnung gezahlt. In diesem Fall müssen die Frauen bereit sein größere Mengen an Alkohol zu trinken – ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Kokainkonsum in diesem Milieu – und sind in der Regel mit 30-50% am Getränkeumsatz beteiligt. Alkohol ist oft integraler Bestandteil der Arbeitskultur, bzw. gehört zur Ausstattung des Arbeitsbereiches, über dessen Konsum in vielen Nachtclubs und Bordellen ein Großteil des Verdienstes erzielt wird. In anderen Clubs wird das Geld im voraus an die Prostituierte gezahlt, die, je nach abzuführenden Abgaben, zwischen 30-70% vom Umsatz behalten kann. Die verdeckte Prostitution findet z.b. in Peepshows, Strip- und Nachtbars statt und unterscheidet sich von dem qualitativen Segment bestimmter Nachtclubs und Bars dadurch, dass sie fast ausschließlich auf Laufkundschaft eingestellt ist, also im innerstädtischen Rotlichtmilieu verortet ist. Die sexuelle Dienstleistung wird entweder in separaten Räumen oder in der Nähe befindlicher Stundenhotels geleistet und steht oft im Zusammenhang mit dem Konsum überteuerter Alkoholika an dem die Frauen prozentual beteiligt werden.

Modellprostitution

Die Prostitution in normalen Mietwohnungen hat seit den 70er Jahren stark zugenommen. Meistens bieten 2-3 Frauen in so einer Wohnung ihre Dienste an. Im Idealfall sind sie selbständig, mieten die Räume gemeinsam und arbeiten gleichberechtigt. In den Modell- oder Hostessenwohnungen arbeiten meist mehrere Frauen am Tage. In so einer Wohnung gibt es einen Aufenthaltsraum, ein oder mehrere Badezimmer und die Dienstleistungsräume, die oft nach individuellen Noten, bzw. nach verschiedenen Themen eingerichtet werden. Die Werbung erfolgt über geschaltete Anzeigen in der Tagespresse und über das Internet. Viele potentielle Kunden erkundigen sich vorher per Telefon nach Einzelheiten, so dass manche Läden extra eine Telefonistin eingestellt haben. In der Regel gibt es einen Chef oder Chefin die bis zu der Hälfte des Freierlohns kassiert. Hinzu kommen in so einem Fall die bereits erwähnten Blockkosten, zusätzlich entstehen Kosten für Zeitungsannoncen und Interneteinträge, da, anders als im Großbordell oder auf der Straße, gezielt Werbung betrieben werden muss. Ausländische Frauen, die in dazugehörigen Räumen übernachten, müssen dafür oft überhöhte Mieten zahlen, zusätzlich zu den „Schlepperkosten“, die sie abarbeiten müssen, so dass sie schnell in finanzielle Abhängigkeit geraten. Oft werden die Frauen in regelmäßigen Abständen ausgetauscht. Viele Appartements und Sexclubs sind untereinander vernetzt und die Frauen sind in ein Rotationsprinzip eingebunden. Häufig ist auch ein Zusammenspiel zwischen Sperrbezirksverordnung und Immobilienhandel zu bemerken. In allen deutschen Großstädten gibt es Hausverwaltungen die gezielt Wohnungen an Prostituierte oder Zuhälter zu überhöhten Preisen vermieten. Monatsmieten zwischen 2000-4000 € sind keine Seltenheit. Wenn die Vermieter, bzw. die Immobilienmakler nicht in das Geschäft involviert sind, wird die Wohnung über Mittelsmänner angemietet und einem Zuhälter oder den Prostituierten direkt zur Verfügung gestellt.

Eine persönliche Art der Prostitution wird über Haus- oder Hotelbesuche abgewickelt. Die Frauen inserieren in Boulevardzeitungen, Sexmagazinen und im Internet und geben als Kontaktmöglichkeit eine Telefonnummer an. Die Frau hat keine Möglichkeit der vorherigen In-Augenscheinnahme ihres Kunden, wie dies im Bordell, Club oder auf dem Straßenstrich der Fall ist. Zu dem vereinbarten Preis muss der Mann zusätzlich die Kosten für An- und Abfahrt zahlen. In kaum einen anderen Bereich können Prostituierte – zumindest theoretisch – so unabhängig und selbständig arbeiten. Es reicht regelmäßig ein Inserat aufzugeben oder sich über eine Agentur vermitteln zu lassen. Allerdings arbeiten viele ausländische Frauen in streng organisierten Callgirl-Ringen die die Anzeigen schalten, die Kontaktaufnahme regeln und auch die Unterkunft stellen. Wegen der Polizeikontrollen in Bordellen weichen viele Illegale, in Deutschland zunehmend Osteuropäerinnen, auf diese Art der Prostitution aus. Der Verdienst soll in diesen Fällen bei ca. 30% des Umsatzes liegen und oft befinden sich die Frauen in einem Abhängigkeitsverhältnis. Im Bereich von Haus-und Hotelbesuchen kann es öfters zu gewalttätigen Übergriffen seitens der Kunden kommen, da bei Hausbesuchen die Umgebung durch die tatsächliche Privatsphäre der Kunden bestimmt wird und die Männer, da sie sich unbeobachtet fühlen, sich eher zu unangemessenen Verhalten gegenüber den Frauen verleiten lassen. Auch sind diese Orte mit den möglichen Problemen der Kunden eng verbunden, so dass Frauen, die in diesem Bereich arbeiten über eine gute Menschenkenntnis und Wissen über deeskalierende Verhaltensweisen verfügen sollten.

Die anspruchsvollste Art der Prostitution ist der Escort-Service durch ein Callgirl. Neben der sexuellen Dienstleistung verkauft das Callgirl die Illusion von Intimität einer Partnerbeziehung und ein wichtiger Part ihrer Gefühlsarbeit ist es, bei wiederholtem Kundenkontakt diese Illusion lebendig zu halten. Die Preise für ein Callgirl liegen weitaus höher und ihre Kunden gehören zu den besser verdienenden Kreisen und beanspruchen innerhalb des Services einen längeren zeitlichen Aufwand, eine intime Atmosphäre, die Zärtlichkeiten und Küsse jenseits des reinen Geschlechtsaktes beinhaltet, gepflegte Konversation und Begleitung bei gesellschaftlichen Anlässen und Reisen. Das emotionale Rollenspiel nimmt in der Regel mehr Raum ein als die konkrete sexuelle Begegnung und wird von dem Soziologen Ronald Weitzer in seinem Definitionsrahmen von Sexarbeit als „emotional work“ bezeichnet. Eine vergleichende Studie zwischen Straßenprostituierten und Callgirls zeigt das die Sexualpraktiken zwischen Callgirl und Kunde ähnlich denen in einer privaten heterosexuellen Partnerschaft sind.

Die Daten der Untersuchung stammen von der „Los Angeles Women´s Health Risk Study“(1990-91) bei der 998 Straßenprostituierte und 83 Callgirls befragt wurden.

Zusätzlich: vergleichende Statistiken über heterosexuelle Sexualpraktiken bei Paaren zu der von Prostituierten und Kunden -Kleiber/Velten/1994

Eine Sonderform der Prostitution stellt die Sexualassistenz dar. Behinderte, die behinderungsbedingt keine andere Möglichkeit der sexuellen Befriedigung haben, nehmen die Dienste von männlichen oder weiblichen Sexualassistenten in Anspruch. Sexualassistenten sind auf die besonderen Bedürfnisse der Behindertensexualität spezialisierte Prostituierte. Inzwischen gibt es spezielle Ausbildungsgänge zu Sexualassistenten, z.b. bei der „Fachstelle für Behinderung und Sexualität“  Bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen können die Kosten einer Sexualassistenz vom Sozialamt übernommen werden. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist in Deutschland jedoch gesetzlich ausgeschlossen.

Fabs, Fachstelle für Behinderung und Sexualität – gegen sexualisierte Gewalt Postfach 1362 CH – 4001 Basel

Das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB, Nemitzer Str, 16, 29494 Trebel) bietet ebenfalls Workshops  zur Qualifikation zum Sexualbegleiter an.

10
Jan
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Sextoys – Produzenten, Versandhäuser und Shops

Das Internet, das quasi anonyme Bestellungen ermöglicht, hat aus der Erotikindustrie ein Multi-Milliarden-Business gemacht. Eine Sexspielzeugindustrie mit den Zentren in Fernost und Kalifornien füllt weltweit die Regale von Sexshops mit Vibratoren, Dildos und Gummipuppen. Die Canadian Broadcasting Corp.“ schätzte den nordamerikanischen Umsatz im Jahr 2001 auf $500 Millionen und 2006 wurde der Umsatz der US-Adult-Novelty-Industrie von dem Miami Herald  bereits auf $ 1,5 Milliarden geschätzt. 2004 ist Amazon in den Sextoy-Markt eingestiegen und bietet über die „Health and Personal Care“-Sektion des US-Store mittlerweilen Verhütungsmittel, Stimulanzpillen und über 1500 verschiedene Toys an – insgesamt  rund 15 000 verschiedene Artikel. Der Einstieg des größten Onlineshops ins Erotikgeschäft verlief still und ohne Aufsehen.

In den USA sind in der Produktion von Sextoys die Unternehmen „California Exotic Novelties“, „Topco Sales“ und „Doc Johnson“ marktführend. Die US-Sextoy-Industrie hat zwei jährlich stattfindende Messen, die „Adult Novelty Manufacturers Expo“ (ANME) und die von AVN organisierte „Adult Novelty Expo“(ANE). Die erste ANME, auf der nur Vertreter dieser Industriebranche und Händler zugelassen sind, wurde 1996 in Los Angeles  abgehalten. Weitere von der AVN unabhängige Magazine sind das Adult Store Buyer Magazine (asbmagazine.com) und das Teeze Magazine, die zweimonatlich erscheinen und auf die Branchenvertreter ausgerichtet sind. In der „Topco“-Zentrale in San Fernando produzieren über 500 Mitarbeiter an die 1000 verschiedene Artikel, vom Vibrator zur Reizwäsche bis hin zur Kosmetik. Die Konkurrenz unter den verschiedenen Anbietern ist groß und äußert sich u.a. in dem ständigen Auswurf neuer Produkte. „Topco“ bringt jährlich um die 100 neue Produkte auf den Markt, „CEN“ sogar über 200. Auch der Beate Uhse Konzern ist, wenn auch im weitaus bescheideneren Rahmen, in diesem Sektor aktiv. So wurde 2001 die ungarische Firma „Trans-ExKft“ übernommen. Mit der deutschen Tochtergesellschaft „Lavetra“ des Holdings, deren Produktion nach Ungarn ausgelagert wurde, soll ein Teil der Versorgung mit Gummiprodukten gewährleistet werden, um eine größere Unabhängigkeit von den Marktführern in Asien und den USA zu erreichen. (FAZ,Nr.279)

Viele dieser Sexspielzeuge, vor allen die in Fernost produzierten, sollen allerdings toxischer Müll sein, da die Kunststoffprodukte wegen dem Anspruches auf „Gefühlsechtheit“ mit chemischen Weichmachern, Lösungsmitteln und anderen, zum Teil hochgiftigen Substanzen behandelt werden. So haben sich kleinere Unternehmen, die auf Qualität anstatt auf Quantität setzen, eine Nische erobern können und bedienen eine wachsende Nachfrage von Toys und Accecoires von hochpreisigen Luxusartikeln bis hin zum Markt für weibliche Konsumenten und BDSM-Anhängern, wo der Kauf, Konsum und Gebrauch dementsprechender Artikel inzwischen Bestandteil der Lifestyle-Attitüde geworden ist. Desweiteren gibt es inzwischen Produzenten von „Sexdolls“, die sich, abseits des Massenangebotes von aufblasbaren Puppen aus Fernost, auf die Luxusgüterproduktion spezialisiert haben.

Die neue Generation der Sexpuppen, sogenannte „RealDolls“ sind inzwischen echten Frauen bis ins kleinste Detail ähnlich, Vagina und After fühlen sich natürlich an. Man kann sie piercen, kosmetisch bemalen und heiß mit ihnen duschen. Das Material, Silikon, hält bis zu 250 Kg Lebendgewicht aus und ist langjährig. Diese vollkommen lebensechten, aus Silikon, mit Stahlskelett, Gelenken und Fingergliedern ausgestattete Puppen kosten rund 6000$. Der Hersteller Mark Maki aus Chatsworth bei Los Angeles, produziert und liefert wie auch der Bildhauer MattMcMullen von seiner Fabrik in San Marcos (San Diego) diese SuperDolls. Seit 1997 hat er über 800 Stück verkauft Die Kunden können ihren „Liebling“ aus einem umfangreichen Sortiment von Körpern, Gesichtern und speziellen Komponenten gestalten, bei einer Lieferzeit von 16 Wochen. Neben dem amerikanischen Marktführer „Real Dolls“ bietet die japanische Firma „Orient Industry“ und die Nürnberger Firma „First Androids“ ein ähnliches Angebot. Orient Industry Co. produziert in ihrer Tokioer Fabrik monatlich 80 dieser Dolls in neun verschiedenen Versionen in den Preisklassen von $850 bis $5500. Ihr teuerstes Modell ist vollkommen aus Silikon und an 35 verschiedenen Punkten beweglich.

David Levy, der Präsident der “International Computer Games Association”, entwirft in seinem Buch „Love and Sex with Robots“ eine nahe Zukunft in der der technische Fortschritt die Entwicklung von menschenähnlichen Androiden als vollwertige Sexualpartner möglich macht. Als Pendant zu diesen Mutmassungen stellte der japanische Robotikexperte Hiroshi Ishiguro 2003 seinen „Replice Q1“-Roboter vor. Eine der ersten „Roboterfrauen“, die mit Hilfe von 42 pressluftbetriebenen Aktuatoren in der Lage war menschenähnlich zu reagieren – auf Berührungen zu reagieren, Atmung zu simulieren, sich drehen und ihre Hände bewegen konnte.

Topco Sales” ist ein privat gehaltenes Unternehmen, 1973 von Martin Tucker gegründet. Tucker, mit einem akademischen Background aus den Ingenieurwissenschaften, schrieb ein erfolgreiches Buch über verschiedene Liebestechniken, welches zu einem kleinen Geschäft in Los Angeles führte. Später begann Topco  PVC-Produkte wie Vibratoren und Dolls zu produzieren. Inzwischen besteht das Unternehmen aus einem großen Produktions- und Versandhaus-Areal in Chatsworth, California, mit knapp 500 Mitarbeitern und einer weiteren Produktionsstätte in Shenzhen/China. Topco lizenziert, produziert und distributiert über 800 Produkte vom Vibrator bis zur Plastiknachbildung der Vaginas von Pornostars und einer breiten Produktpalette in dem Segment Kosmetika an Unternehmen auf der ganzen Welt. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Topco hat u.a. das Patent von „Cyberskin“ entwickelt, ein Material, welches bei Gebrauch eher dem Gefühl menschlicher Haut entspricht und der Erwartungshaltung vieler Kunden entgegenkommt. Topco hält Verträge und dementsprechende Produktlinien von bekannten Markennamen mit Unternehmen wie Hustler, Penthouse, Adam & Eve, Chi Chi Larue, Danni’s Hard Drive, Jill Kelly Production und Beate Uhse.

Die “Health Devices Corp.” (Los Angeles) (evtl. umbenannt), die unter den Namen „Doc Johnson Enterprises“ Sextoys produziert, wurde 1975/6 von Reuben Sturman und seinem Sohn gegründet. Im Zuge der Untersuchungen und Anklagen wegen Steuerhinterziehungen gegen Reuben Sturman in den Jahren 1985-88, wurde das Unternehmen auf den Präsidenten Ronald Braverman übertragen und entging so der Schließung und Beschlagnahme seiner Konten. 1996 wurde Braverman im Falle von Reuben Sturman der Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt und zur Zahlung von $1 Million Dollar und einer Haftstrafe verurteilt. Er blieb weiterhin in geschäftsführender Funktion des Unternehmens und heiratete 2001 Naomi Delgado, die Exfrau von Sturman. Das Unternehmen ist einer der Marktführer im Segment Sextoys und bietet in seinen Katalogen ca. 3500 verschiedene Produkte an. Der Umsatz steigerte sich von $8 Millionen im Jahr 1990 auf $45 Millionen im Jahr 2000. 2002 wurde mit Jenna Jameson ein Vertrag zur Entwicklung einer Produktlinie unter ihren Namen abgeschlossen. Ähnliche Kooperationsverträge bestehen inzwischen mit den Unternehmen Vivid Entertainment und Private Media. Das Unternehmen beschäftigt über 450 Mitarbeiter.

Susan Colvin, Besitzerin und in der Firmenleitung von „California Exotic Novelties“- einen Hersteller und Distributor von Sextoy – gründete das Unternehmen 1994, zu einer Zeit, als sich eine positive Einstellung zum Sex und zur weiblichen Sexualität als eine Lifestyle-Attitüde in der Berichterstattung der Mainstream-Medien abzuzeichnen begann. Sie sorgte für Innovationen in der Produktentwicklung und im Design und setzte den Fokus der Kundengewinnung auf Paare und Frauen, auf deren Bedürfnisse zu dieser Zeit wenige Artikel abgestimmt waren. Von ihren Anfängen mit 15 Mitarbeitern und einigen hundert Produkten entwickelte sich „Cal.Exotic“ bis 2001 zu einem Unternehmen mit 55 Mitarbeitern, zwei großen Warenhäuser und einen Katalog, der über 1200 Artikel anbietet. „Cal.Exotic“ bietet verschiedene Produktlinien unter den Namen von bekannten Pornofilmstars an wie Nicole Sheridan und Gina Lynn an, sowie eine Gay-Line unter dem Namen “Colt”. Mit „Wicked Pictures” und “Digital Playground” wurden Vereinbarungen getroffen um unter den jeweiligen Namen Artikel zu vermarkten

Unternehmen, die Sextoys dem Endverbraucher anboten, waren lange Zeit als Sexshops in den Rotlichtmilieus der Großstädte angesiedelt, bis sich anfangs der 90er eine liberalere Grundhaltung zur Sexualität und dementsprechenden kommerziellen Angeboten durchzusetzen begann. Zwei Unternehmen mit „traditionellen“ Background sind, bzw. waren „Goalie Entertainment“ und „Castle Superstores Corp. Höchstwahrscheinlich sind beide Unternehmen in dem Zeitraum 1999-2003 aufgekauft, bzw. umbenannt worden. Das Unternehmen „Goalie Entertainment“ vermarktet pornographische Filme und Magazine und Sextoys über eine Kette von 74 Läden in den gesamten USA. Außerdem installiert sie und betreibt den Service von Video-Peepshow-Kabinen. Laut Forbes lag der Umsatz des Unternehmens 1998 bei $60 Millionen. Der Präsident von “Goalie Entertainment”, Edward Wedelsted, der bereits in den 80ern seine Geschäfte betrieb und Kontakte zu Reuben Sturman unterhielt, geriet gemäß der damaligen restriktiven Gesetzeslage oft mit den Justiz- und Steuerbehörden in Konflikt. Ihm wird nachgesagt, dass es sich nach dem Zerfall des  Reuben Sturman-Imperiums einen Teil der Sexshopketten Sturmans angeeignet haben soll. Castle Superstores Corp., war  eines der größeren Sexshopketten in den USA um die Jahrtausendwende. Die Gründer des Unternehmens, das 1999/2000 einen Umsatz von ca. $20 Millionen machte, war Taylor Coleman. Zu dieser Zeit gab es bereits 11 Wal-Mart-ähnliche Sexshopkaufhäuser, mit 45.000 Artikeln im Angebot. Die letzte Internetpräsenz der 1998 gestarteten Webseite war Dezember 2003.

Mit dem Internet und der Möglichkeit der anonymen Bestellung über den Postweg, veränderte sich das Verbraucherverhalten und die Umsätze dieser Unternehmen stiegen rapide an. Laut dem Marketing-Direktor von „CalExotic“ soll es im Internet ca. 25.000 Webseiten geben, über die Online Sextoys verkauft werden. Alle großen Versandhäuser, die früher über den Postweg und über den Direktverkauf in Shops ihre Waren an den Endkunden gebracht haben, nutzen das Internet als eine weitere Vermarktungsmöglichkeit, daneben gibt es eine Reihe von Unternehmen, wie die Internet-Versandhäuser “Erotic Shopping”, “Adult DVD Empire”,„SexToyFun“ und vor allem “MALLcom”, die ausschließlich Online ihre Produkte anbieten. Gerade in diesem Bereich gibt es eine Reihe von Shopkonzepten und Internetpräsenzen, die von SexPro-Aktivisten und Feministen getragen werden, die diese Leitgedanken in ihrer Geschäftspraxis verwirklicht haben. Dazu gehören “Good Vibration”, “Come as you are”, “Libida” und “Babeland”, wo neben dem Produktverkauf  Workshops, Informationen und Sexualtherapeutisches angeboten werden.

Adam & Eve” und die Muttergesellschaft „Phil Harvey Enterprises (PHE)“ ist eines der größten Unternehmen in der Sextoybranche und im Versand für Erotica in den USA, mit einer Mailing-Liste von  einer Million Kunden. Zu der Firma gehört eine Sexshop-Ladenkette, aber der Hauptumsatz wird über das Versandgeschäft erzielt. Zu diesem Zwecke wird eine Reihe von Verkaufskatalogen produziert, die neben dem Massenpublikum auf die potentiellen Kunden der verschiedenen Nischenbereiche abzielen. Die „Phil Harvey Enterprises (PHE)“ wurde 1970 gegründet. Das Unternehmen erzielte 1998 bereits einen Gesamtumsatz von $90 Millionen. Phil Harvey begann sein Unternehmen 1969 mit der Gründung der „Population Services International Inc(PSI)“, die Kondome via Postversand verkaufte. Die Initiative entstand aus einem staatlichen Familienplanungsprogramm der Carolina School of Public Health, an dem Harvey als Student beteiligt war. Zu dieser Zeit galten Kondome und andere Verhütungsmittel nach dem Comstock Act immer noch als obszön und deren Postversand als illegal. Getragen von dem Leitgedanken der 68-Generation, beachteten die Firmengründer das überkommen Gesetz, das erst 1971 abgeschafft wurde, nicht, distributierten Kondome in die gesamte USA und schalteten Werbeanzeigen in Studentenzeitungen.1970 wurde die Phil Harvey Enterprises gegründet, die sich im Laufe der folgenden Jahre zu einem erfolgreichen Erotika-Versand entwickelte. Mit der Leitung der PSI hat Phil Harvey nichts mehr zu tun, aber er gründete 1989 in Washington die gemeinnützige „DKT International Inc“, die durch den Versand von Kondomen in 3.Weltländer dortige familien-, bzw. bevölkerungspolitische Initiativen unterstützt. Finanziert werden die  DKT, wie auch die PSI überwiegend durch Spendengelder von Adam&Eve.

1986 geriet Adam&Eve, wie viele andere Unternehmen der Sex-Branche zu dieser Zeit, in den Fokus staatlicher Ermittlungen und wurde unter dem Obszönitätsvorwurf angeklagt. Während viele kleinere Unternehmen durch die Kampagne der Reagan-Regierung zur Geschäftsaufgabe gezwungen wurden und größere Firmen wie Vivid und VCA Vergleiche aushandelten und Strafgelder und Haftstrafen in Kauf nahmen, prozessierte die PHP – letztendlich mit Erfolg. Der Prozess dauerte von 1986 bis 1994 und kostete dem Unternehmen $3 Millionen. Phil Harvey beschreibt die Umstände und die politischen Motivationen dieser Kampagne und des Prozessverlaufs in seinem Buch „The Government vs. Erotica“. 1991 wurde das Tochterunternehmen “ Sinclair Intimacy Institute Inc.“ gegründet, welches Sex-Lehrfilme produziert und vertreibt. Die Filme sind nicht pornographisch, sondern präsentieren ihre Ratschläge in einem ästhetischen Softcore, der als Zielgruppe vor allem Paare und Frauen ansprechen soll. Für die Produktlinie wurden in bekannten Pressepublikationen wie „Esquire“ und „New York Times Book Review“ Anzeigen geschaltet. 1998 soll das „Sinclair Intimacy Institute“ bereits einen Umsatz von $8 Millionen erzielt haben.

“Adam & Eve” produziert eigene pornographische Filme, u.a. über “Adam & Eve Productions” und  „Ultimate Pictures“ ein Studio aus Los Angeles, das 1991 übernommen wurde. Candida Royalle, Filmproduzentin und Gründerin von „Femme Productions” lässt ihre Filme und andere Produkte seit 1995 exklusiv durch  PHE vermarkten und distributieren. Später trat sie als offizielle Sprecherin für Adam&Eve auf, bzw. hatte eine dementsprechende Anstellung im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. 1997 ging das Internetportal, welches nach dem gleichem Prinzip wie beim Kataloggeschäft verschiedene Nischen abdeckt, online. In diesem Jahr betrug der Umsatz des Unternehmens $600.000. 2003 betrug der Gesamtumsatz von “Adam & Eve” bereits $30 Millionen. Lange Zeit stellten Sextoys das Hauptverkaufsprodukt, inzwischen wird die Hälfte des Umsatzes mit Videos und DVD`s erzielt. Auf ihren verschiedenen Vertriebswegen bedient das Unternehmen insgesamt ca. 6 Millionen Kunden, deren Großteil bis jetzt weiterhin über die Kataloge aquiriert werden, die auch den maßgeblichen Faktor für die Generierung des Traffics der Webseiten darstellen. “Adam & Eve” bietet online 12.000 verschiedene Produkte an und betreibt das Partnerprogramm „AdamEveCash“ mit über 6000 angeschlossenen Webmastern. Die größten Konkurrenten von „Adam&Eve“ sind MALLCom” und „PECash“. 2000 wurde mit “Temptations Parties” eine neue Marketingidee umgesetzt, die ähnlich wie die sogenannten Tupperware-Parties funktioniert. Einzelne Personen die als Mediatoren fungieren, laden Bekannte aus ihren Freundeskreis zu einer Party ein, bei der dann eine Produkt- und Verkaufsvorstellung  von Adam&Eve stattfindet. Die Verkaufsrechte der Produkte wurde dann über das Label „Temptations Parties“ an unabhängige Distributoren weitergegeben.

Zwei weitere Unternehmen, die sich auf diese Form der Party-Verkaufsveranstaltungen spezialisiert haben sind „Passion Parties“ und „Athena“. Die in Las Vegas beheimatete Firma „Passion Parties“(1994 gegründet) hat über 12.000 Konsultanten, die nach dem Multiplikatorenprinzip auf den Event- und Verkaufsveranstaltungen die Produkte anbieten, vorführen, informieren und verkaufen. Das Unternehmen hatte 2005 einen Umsatz von $47 Millionen zu verzeichnen. Nach dem gleichen Prinzip wie „Passion Parties“ ist „Athena`s Home Novelities“ strukturiert. Das Unternehmen wurde 1998 von Jennifer Jolicoeur in Woonsocket (USA) gegründet und legt besonderen Wert auf das persönliche Verhältnis der einzelnen Organisatorinnen und Distributorinnen (insgesamt über 650) zum Unternehmen als Bestandteil der Cooperate Identity. Dieses „Adult-Novelty-Party“-Konzept wird von der Firma inzwischen landesweit umgesetzt. Athena ist Mitglied der „Direct Sales Women`s Association“

Frederick’s of Hollywood Inc.( fredericks.com) betreibt ca. 150 Shops für Damenunterbekleidung, überwiegend in den großen Shopping Mails. Frederick’s war traditionell auf erotische  Unterbekleidung spezialisiert, hat es aber durch eine Ausweitung der Produktpalette auf Sport- und Schwimmbekleidung, Parfüm und Schmuck verstanden sich einen seriösen Ruf zu verschaffen. Die Firma betreibt einen Mail-Order-Katalog Versand für Kanada und die USA und außerdem eine Webseite mit Online-Shopping. Frederick’s of Hollywood galt als einer der Konkurrenten von Beate Uhse, die sich 2005 mit ihrem Shop-Konzept wegen zu hoher Verluste aus den USA wieder zurückziehen musste. Der Besitzer ist die Investment-Firma „Wilshire Partners“

MALLcom” ist eines der ersten Partnerprogramme für Adult-Produkte im Internet mit inzwischen über 10.000 angeschlossenen Affiliates. Hierzu gehören Webseiten wie „AdultFriendFinder.com”, “PeterNorth.com” und Seymore Butts “TeamTushy.com”, sowie ein Großteil der Webseiten von „BrainCash“. “MALLcom” bietet über 40.000 Produkte online an, überwiegend DVD`s und Sextoys, während die Bestellungen von VHS-Videos, die früher ein Hauptumsatzfaktor waren, nur noch 10% der Gesamtbestellungen ausmachen. Trotz seiner Marktkapazität im Online-Versand ist  “MALLcom” vielen kein Begriff. Dies liegt daran, dass das Unternehmen im Onlineangebot und bei der Abwicklung des e-commerce, was Webdesign und Namensgebung betrifft, hinter die Betreiber der jeweiligen Webseiten zurücktritt. “MALLcom” bietet Adultwebmastern, wie größeren Internetunternehmen die Möglichkeit eines individuellen Online-Sexshops. Das Webdesign dieses Angebotes entspricht dann dem Design der betreffenden Seite und in den Formular-Seiten erscheint ebenfalls der Name der Webseitenbetreiber. “MALLcom” bleibt in den meisten Fällen völlig im Hintergrund, erfüllt aber den gesamten Service des Onlinegeschäftes. Der beteiligte Affiliate hat keinen weiteren Arbeitsaufwand und wird prozentual an dem Verkaufsumsatz beteiligt.

Mit dem gleichen Konzept hat David Levine, Präsident der Firma „Convergence Inc.“ und Besitzer und Betreiber von „SexToyFun Erfolg gehabt. Die Seite hatte ihren Start-up 1994 und wurde 1995 von Yahoo gelistet, die zu dieser Zeit nur ca. 50 Unternehmen in ihrer Sex-Sektion führten. (2001 waren es bereits Tausende) 1996 wurde das erste Affiliate-Programm gestartet, welches einen virtuellen Shopservice darstellte. Die beteiligten Webmaster konnten ihr eigenes Verkaufsangebot an Sextoys auf ihrer Webseite entwerfen, während der gesamte e-commerce und der Versand und weitergehende Kundenservice dann über die Seite SexToyFun abgewickelt wurde. Der Prozess der Zahlungsabwicklung bis zum Produkterwerb war so gehalten, das die eigentliche Firma völlig im Hintergrund blieb und der Eindruck entstand, als wenn das Geschäft ausschließlich über die teilhabende Webseite abgewickelt wurde. Mit diesem Konzept entwickelte sich SexToyFun zu einem lukrativen Unternehmen und ist in den Jahren 1999 und 2000 überproportional gewachsen und hatte 2000 einen Gesamtumsatz von über $3 Millionen zu verzeichnen

Quelle: AVN-Online “Sextoyclub.com: … Can Get It for You Wholesale”    4-1-2001

The Xandria Collection” (xandria.com), ein Sextoy-Händler mit den Schwerpunkten auf Vibratoren, Dildos, Reizwäsche und Fetischkleidung, existiert schon seit über 30 Jahren und hat einen Kundenstamm von 2- 2,5 Millionen vorzuweisen. Das Unternehmen hat  sein Versandgeschäft erst relativ spät dem Medium Internet angepasst, welches aber inzwischen neben den Katalogen, ein Hauptstandbein der Firma darstellt. Die Internetsektion bietet neben dem Partnerprogramm „SexSells!”, Foren für literarische Erotica und die Historie von Sexspielzeugen, sowie themenspezifische Nachrichten, Artikel und Interviews an.

Good Vibrations”, eine Unternehmenskooperative, wurde bereits 1964 von Joanie Blank gegründet. Das Sortiment besteht in einer qualitativen Auswahl an Sextoys, Büchern, Videos und DVD`s. Die Kunden können über das Internet, per Katalog, Telefon oder direkt in dem Sexshop Bestellungen aufgeben, bzw. einkaufen und sich beraten lassen.  Ein professioneller Informations- und Beratungsservice ist ein wichtiger Faktor des Unternehmenkonzeptes und des damit verbundenen politischen Anspruches. Die Mitarbeiter von  “Good Vibrations” werden diesbezüglich ausgebildet und trainiert, bevor sie in einem der Läden oder auf der speziellen Serviceline mit den Kunden in Kontakt treten. Jedes Produkt wird getestet, bzw. gelesen oder angeschaut und dann entscheiden die Mitglieder der Kooperative demokratisch ob es in das Verkaufsangebot übernommen wird. Viele der angebotenen Bücher und Filme werden von seperaten Unternehmen der Kooperative produziert. Die “Open Enterprises Inc.”  betreibt u.a. “Down There Press”, “Passion Press” und  “Sexpositive Productions” und bildet das Dach unter dem „Good Vibrations“ operiert. 1996 ging das Unternehmen mit „GoodVibes.com“ online. Neben dem Verkaufsangebot bietet die Webseite ausführliche Produktinformationen und -Tests, eine Ausstellung antiker Vibratoren und das „Good Vibes Magazine“, eine themenspezifischen Informationsquelle und Ressource. Außerdem wird ein eigenes Workshop- und Ausbildungsprogramm angeboten. “Good Vibration” produziert jährlich 5 Kataloge, die an ca. 750.000 Kunden gehen. Das Unternehmen verzeichnet inzwischen einen Jahresumsatz von $15 Millionen, wo von 50% über den Online-Versand generiert werden. Bis 2008 will Good Vibration fünf weitere Shops in den USA eröffnen. Carol Leigh, eine Sex-Pro-Aktivistin und Mitarbeiterin von “Good Vibrations”, war 2006 bei der Organisation des ” San Francisco Sex Worker Film and Video Festival” und der „Sex Workers Art Show Tour“ beteiligt. Good Vibrations wurde im Zeitraum zwischen 1989 bis 1992 vom ursprünglichen Kollektivmodell zur Genossenschaft umgeformt. Eine weitere Umstrukturierung im Sinne eines herkömmlichen Geschäftsmodells erfolgte 2005/6.  2007 geriet Good Vibrations in finanzielle Schwierigkeiten, nachdem der Internetverkauf durch die Konkurrenz von Unternehmen wie Amazon.com und Drugstore.com sowie einem schlechten Google-Ranking einbrach. Der Großhändler GVA-TWN(Cleveland) kaufte das Unternehmen im September 2007 auf. GVA-TWN vertreibt Sexshop-Produkte bereits seit den 60er Jahren und besitzt im mittleren Westen eine eigene Shop-Kette. Good Vibrations ist heute eine Corporation nach kalifornischem Recht. Der offizielle Name ist Open Enterprise, Inc. Es besteht aus drei Good-Vibrations-Sexshops,  einem Versandhandel und den drei Verlagen Down There Press, Passion Press und Sexpositive Productions.

Come as you are” ist ein kanadischer Sex-Toy-, Video- und Buchversand, der im Kollektiv von Toronto aus, wo sie einen regulären Sexshop führen, betrieben wird.  Der Onlinekatalog bietet neben einem ausgesuchten und dennoch umfangreichen Angebot von Toys, Büchern und Filmen, Informationen zu vielen Themen rund um die Sexualität und eine spezielle Linkliste von Initiativen und Selbsthilfegruppen, die sich mit der Sexualität von Menschen mit bestimmten Krankheitsbildern (z.b. Multiple Sklerose, Körperbehinderungen, Taubstumme, etc.) beschäftigen. In den Räumen des Sexshops in Toronto finden regelmäßig Workshops statt, u.a. zu Themen wie: Einführung in SM, Japanese Bondage, Blow Jobs, Massage, weiblicher Orgasmus, Striptease und Lappdancing für den Hausgebrauch etc.

Zu den Produkten, die man Online bestellen kann gehört beispielsweise “ Sweet Action“, ein New Yorker Pornomagazin für Frauen, das im Stil von Suicide Girl mit tätowierten Musikern und „cute emo boys“ wirbt. Außerdem das Schwestermagazin von „Found“ – „Dirty Found“, welches 2004 gestartet wurde.

“I can tell you this for certain: it’s not like any other dirty magazine you’ve seen… It’s a cool thing, a fascinating glimpse into other people’s secret hearts and minds. In a way, it’s like a magazine of amateur porn: like letters written to dirty magazines, or photos published with adult personal ads. But unlike amateur porn, the stuff in Dirty Found wasn’t meant for public consumption. It’s not about what writers or artists or photographers think their audience will find hot. It’s about what ordinary people personally and privately think is hot.”

(Magazinbesprechung bei Adultfriendfinder.com, April 2005)

Ein weiteres erfolgreiches Sexshop-Unternehmen, das seinen Fokus auf ein weibliches Klientel hat, ist “Babeland”. Claire Cavanah und Rachel Venning eröffneten ihren ersten “ Toys in Babeland”-Shop 1993 in Seattle. 1995 erweiterte sich das Unternehmen mit einem Versandhandel und 1996 folgte der Start up der gleichnamigen Webseite. 1998 und 2003 wurden zwei weitere Shops in NewYork eröffnet. Seit 1999 hat sich das Unternehmen in seiner Corporate Identity verstärkt an Firmen wie „Good Vibrations“ und „Libida“ angepasst, die aus dem Umfeld von Sex-Pro-Initiativen hervorgegangen sind und bietet gleichermaßen Beratung, begleitende Informationen und Workshop-Programme an. Babeland ist der offizielle Sponsor des Webprojektes „Clean Sheets“, das  literarische Erotica anbietet.

“Libida” bietet über das Internet eine qualitative Auswahl an Sextoys, Büchern, Videos und DVD`s an. Neben ausführlichen Produktbeschreibungen und Tests, sind auf der Webseite Artikel, literarische Erotica und Galerien bekannter Künstler zu finden. Das Unternehmen versteht sich nicht nur als ein Online-Versandhaus für Erwachsene, sondern sieht sich in seinem Wirkungskreis eingebunden in die Aktivitäten vieler Sex-Pro- Aktivisten und Initiativen. „Libida“ waren einer der ersten, die Erotica und pornographische Artikel überwiegend für ein weibliches Klientel anboten. Das Unternehmen wurde 1999 in San Francisco/Kalifornien, u.a. von Petra Zebroff, einer Professorin der Sexologie mitbegründet. Viele der Mitarbeiter haben einen akademischen Hintergrund und kommen aus dem therapeutischen und medizinischen Bereich. Ein der bekannteren Mitarbeiterinnen ist Lisa Palac, Produzentin der Audio-Serie „Cyborgasm“ und Gründerin des „Future Sex Magazine“.

17
Okt
08

Die Sexindustrie und das Internet

Der us-amerikanische Markt der Online-Pornographie


Internet-Pornographie wird über Webseiten, peer-to-peer file sharing Software, ICR und über Usenet-Groups vermarktet und distributiert. Bereits in den 80ern wurde Pornographie im Internet gehandelt, allerdings überwiegend von Privatpersonen und Newsgroups. Mit der Öffnung des Internets für breite Bevölkerungsschichten und der Proklamierung des „World Wide Web“ in der ersten Hälfte der 90er Jahre, kam es zu einer explosionsartigen Ausbreitung von Pornographie über das Internet, die via einem Home- Computer komplikationslos und völlig anonym erhältlich war. Diese Industrie besteht aus einer Reihe weniger großer Unternehmen, die zwischen einigen hundert bis tausenden von Webseiten betreiben und einer großer Anzahl kleinerer Unternehmen. Sie umfasst Firmen, die direkt in der Produktion und Distribution von pornographischen Material involviert sind, aber auch Firmen, die Serviceleistungen wie Hosting, Inkasso und Programmierung anbieten. Kabel- und Satelliten-Netzwerkbetreiber sowie Telekommunikationsdienstleister sind im erheblichen Umfang an diesem Geschäft beteiligt. Global wird die Anzahl der maßgeblich beteiligten Unternehmen, die ihren Umsatz über Mitgliedereinschreibungen, Distribution über das Internet (Pay-per-View, Video-on-Demand, etc.) sowie Werbung und Lizenzierung von pornographischen Inhalten generieren, auf zwischen 150 bis 400 geschätzt.


Quelle: Caslon Analytics profile of the online ‚adult content‘ industrie/

http://www.caslon.com.au/xcontentprofile.htm

Der Markt der Online-Pornographie ist ähnlich wie der der gesamten Sexindustrie immer noch geprägt von einer mangelnden Transparenz und fehlendem verlässlichen statistischen Material. Es gibt zwar eine Vielzahl von Statistiken, die aber, je nach tatsächlicher Einsicht in die Marktstrukturen oder politischer Intention, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Eine Erkenntnis kann man bei dieser Zahlenjonglage, die nachfolgend teilweise dokumentiert wird, auf jeden Fall gewinnen: Das es sich bei diesem relativ jungen Markt um eine sehr dynamische, profitable und schnell wachsende Branche handelt. Nach einem Bericht von „Forrester Research“ aus dem Jahr 2001 sind 19% der nordamerikanischen User regelmäßige Besucher von pornographischen Webseiten. Von diesen 19% soll jeder vierte User bereits weiblich gewesen sein. Nach den Internetstatistiken und Analysen (2001) von US-Firmen wie “Jupiter Media Metrix”, “Nielsen/NetRatings” und der europäische „NetValue” besuchten ca. 30% aller Internet-User monatlich erotische und pornographische Webseiten bei einer aufgewendeten Gesamtzeit, die zwischen 40 und 85 Minuten lag. Die Firmen “Datamonitor” und “Forrester Research“ schätzten die Anzahl von pornographischen Webseiten für diesen Zeitraum auf 50.000-60.000, während AdultCheck, ein Alterbestätigungssystem für Adult-Seiten von ca. 80.000 Seiten ausging. Nach dem „Internet Filter Review“ der us-amerikanischen Firma „TopTenReview.Inc“ (2003 gegründet) gab es in den USA 2003 4,2 Millionen pornographischer Webseiten – was 12% der globalen Gesamtsumme entspricht – mit jährlich 72 Millionen Besuchern, davon 40 Millionen US-Amerikaner. ( Die auffällige Diskrepanz bei einigen Zahlenwerten ergibt sich aus dem Umstand, das zwischen den Begriffen „Domain“, die beliebig viele Webseiten enthalten kann und einer einzelnen „Webseite“ in einigen Artikeln nicht klar unterschieden wurde) “Websense, Inc.”, ein Provider von Filter-Software, verzeichnete einen enormen Zuwachs von Adult-Webseiten in ihrer URL-Datenbank – von 88.000 im Jahr 2000 zu annähernd 1.6 Millionen Seiten im Jahr 2004. Die Anzahl von Webmastern, bzw. Firmen, die mindestens eine Adult-Seite betreiben, wurden, nach einer Einschätzung von Jason Hendeles im Jahr 2000 auf zwischen 30.000 bis 45.000 geschätzt und man ging von einer Steigerung auf über 110.000 bis 2003 aus. Dies bezieht kleine, vom Privathaushalt aus betriebene Operationen, die in der Regel zwischen 9-18 Domains registriert haben genauso mit ein wie die Majors der Branche, die tausende von Domains betreiben. 2002 sollen nicht mehr als 25 Unternehmen die Branche dominiert haben, wobei der Großteil des Marktes von den 10 führenden Unternehmen kontrolliert wurde.


Jason Hendeles ist der Vizepräsident der Abteilung “Strategic Business Development” des Unternehmens „ICM Registry“. ICM, eine Firma aus Florida, hatte sich bei dem Internetverwalter “Internet Corporation for Assigned Names and Numbers” (ICANN) um ein virtuelles Rotlicht-Quartier beworben, in der alle pornographischen US-Webseiten zentral auf einer Top-Level Domain gebündelt werden sollten. Die ICANN hat diese Bewerbung nach einer unüblichen politische Einflussnahme der Regierung aufgrund des wachsenden Drucks konservativer, christlicher Familienorganisationen, abgelehnt.


2005 listete Google beim Suchbegriff „Porno“ 35 Millionen Seiten auf. Ein Viertel der täglichen Anfragen bei den Suchmaschinen (68 Mill.) soll sich auf pornographisches Material beziehen. Der Markt für Internetpornographie wird auf 2,5 Milliarden Dollar geschätzt, im Verhältnis zu dem angenommenen 57 Milliarden Dollar schweren weltweiten pornographischen Markt zwar noch ein geringer Anteil, der aber stetig im Wachsen begriffen ist. Vor allem da der Markt für Adult-Videos, der global auf 20 Milliarden Dollar geschätzt wird, sich zunehmend auf die Distributionsmöglichkeiten des Internets über Video-on-Demand und Pay-per-View auszurichten beginnt.

Neben der direkten Produktion von Pornographie sind in dem Online-Sektor die Bereiche Analyse, Navigation, Webdesign und Werbung wichtige Segmente des Business. Analyse meint vor allem eine Untersuchung und Aufschlüsselung des Traffics einer betreffenden Weboperation zum Zwecke des verbesserten Marketings. Es gibt Unternehmen deren Service auf einem klaren Preis-Leistungsverhältnis beruhen und andere, die von vor allem kleineren Webunternehmen die Platzierung von Werbebannern oder eine Umsatzbeteiligung als Gegenleistung einfordern. Dieser Service ist inzwischen fester Bestandteil aller großen Partnerprogramme. Navigations-Services bieten spezielle Directories für den User und leiten den Traffic zu einzelnen Seiten. Diese Webseiten bieten neben Hitlisten Linksammlungen von einigen tausend bis 80.000 Links und lassen sich die Platzierung von den Webseiten-Betreibern bezahlen. Ein weiterer wichtiger und lukrativer Geschäftsbereich, der von den beteiligten Firmen als Bestandteil des regulären IT Management Systems gesehen wird, ist die Entwicklung und Anwendung von Filter-Software, um den Zugang zu pornographische Inhalten einzuschränken.


Im Jahr 1997 schätzte Forrester Research den gesamten Online-Endkunden-Markt in den USA auf über $ 2,4 Milliarden. Für 2004 wurde dieser Markt auf über $ 140 Milliarden geschätzt, was einer Wachstumsrate von ca. 80% entspricht und für 2005 ging man von einen gesamten us-amerikanischen e-commerce-Umsatz von knapp $ 170 Milliarden aus. Umsätze des e-commerce in Europa sollen 2004 $ 90 Milliarden ausgemacht haben und wurden für 2005 auf $ 130 Milliarden geschätzt. Der Online-Content-Markt stellt natürlich nur einen Teil dieser Umsätze dar, der sich aufgrund besserer Anbindung der Konsumenten an High-Speed- und Flatrate-Verbindungen aber deutlich erhöhen wird. Nach “Jupiter Research” entwickelt sich der europäische Online-Content-Markt, der im Vergleich zu den USA noch unterentwickelt ist, sehr schnell. 2003 sollen 9% der europäischen Internetnutzer bereit gewesen sein Online-Content und Services zu kaufen, was in einem Umsatz von €693 Millionen resultierte. Das größte Segment stellten hierbei kostenpflichtige pornographische Inhalte, die 43% der Aufwendungen der User ausmachten. Weiterer nicht sexuell-expliziter Multimedia-Content (Musik, Spiele, Video) machten 23% dieses Umsatzes aus. Für 2007 wird davon ausgegangen, das inzwischen 23% aller europäischen User bereit sind Online-Käufe zu tätigen, wobei von einem statistischen Wert von 70€ ausgegangen wird, die jeder User investiert. Wegen der besseren Breitbandanbindungen und der höheren Akzeptanz wird erstmals die Online-Pornographie nicht den Hauptumsatzes dieser Branche generieren. Regulärer Multimedia-Content und Service sollen nach dieser Voraussage 50% des Gesamtumsatzes ausmachen, gefolgt von kostenpflichtigen Bild und Text-Downloads mit 25% und weiteren 25% die die Adult-Branche betreffen. Diese Prognose deckt sich mit dem Ergebnis einer US-Studie aus dem Jahr 2006,die verschiedene Suchmaschinen wie Excite und Alta Vista im Zeitraum 1997 bis 2005 auf die Frequenz pornographisch- und sexorientierter Suchanfragen untersuchte, aus der hervorgeht das diese im Verhältnis zu anderen Suchanfragen erheblich zurückgegangen sind – von 16,8% im Jahr 1997, zu 8,5% 2001, bis zu weniger als 4% im Jahr 2004. Allerdings bezieht die Studie die Marktführer Google, MSN, AOL und Yahoo! In ihre Untersuchung nicht mit ein. Ein Artikel von time.com vom November 2007 bestätigt diese Tendenz . Danach ist der Traffic von Pornowebseiten in den USA von 16,9% im Oktober 2005 auf 11,9% im November 2007 zurückgegangen. Für über 25-jährige User ist sexuelles Entertainment im Web nach wie vor populär und rangiert hinter den Suchmaschinen an zweiter Stelle. Bei den 18-24-jährigen zeigt sich laut dieser Untersuchung aber ein anderer Trend: an erster Stelle stehen Social-Networking-Seiten, gefolgt von Suchmaschinen und e-Mails. Der Besuch von pornographischen Webseiten steht hier nur noch an der vierten Stelle.


“Sexual and Pornographic Web-Searching – Trend Analysis”(2006) von Amanda Spink, Helen Partridge und Bernard J. Jansen / http://www.firstmonday.org/issues/issue11_9/spink/

http://www.thenewatlantis.com/archive/6/jrosen.htm

http://internet-filter-review.toptenreviews.com/internet-pornography-statistics.html


Für die Porno-Industrie hatte das Internet eine enorme Dezentralisierung zur Folge, die nicht nur die Konsumption, sondern auch die Produktion und den Versand betrifft und bot den Majors der Branche die Möglichkeit der Mehrfachverwertung ihres Materials. Schon Ende der 90er konnte ein Pornofilm, z.b. von Vivid oder Private produziert, der in Video- und Sexshops zum Verleih und Verkauf auslag, gleichzeitig über Mail-order vertrieben – im Pay-TV, im AT&T eigenen Sender „Hot Network“ oder im Hotelzimmer angeschaut – und auf den Porno-Webseiten zur Konsumption angeboten werden. Zu den bekanntesten Unternehmen der Sexindustrie gehören neben den Konzernen, die aus dem traditionellen pornographischen Druckgewerbe entstanden sind, wie die “Larry Flynt Publishing”(Hustler), “Playboy” und die “Private Media Group”, Unternehmen wie “Vivid Video”, ”New Frontier Media” und “Rick’s Cabaret”, die alle an der Börse notiert sind. Als die größten Unternehmen in dem Geschäft mit der Online-Pornographie galten um die Jahrtausendwende Voice Media (Cybererotica) und RJB Telcom, welche beide im Audiotext-Segment(Telefonsex) aktiv waren, bevor sie ihre Internetunternehmungen starteten. Außerdem Vivid Video, iGallery, WebPower, CyberEntertainmentNetwork(CEN), „Python Communications“ und BabeNet Ltd.. Im Bereich des “Premium Contents” sollen sie ungefähr die Hälfte des Marktes kontrolliert und zusammen einen Gesamtumsatz von mehr als einer Billion Dollar verzeichnet haben. Allein das Unternehmen „RJB Telcom“ kam auf einen jährlichen Umsatz von ca. 125 Millionen Dollar. Die Mehrzahl dieser Unternehmen befindet sich in privaten Händen, wobei eine zunehmende Tendenz zur Unternehmenskooperation und Networking festzustellen ist. So haben das „Cyber Entertainment Network” und “VS Media” Joint-Ventures mit der „Private Media Group” abgeschlossen, wie auch zwischen “Voice Media” und „Rick’s Cabaret International“ Geschäftskontrakte bestehen. „Private“, wie „Rick`s“ sind öffentlich gehandelte Aktienunternehmen, wie dies auch bei „iGallerie“, die inzwischen Bestandteil von „New Frontier Media“ sind, der Fall ist.


„How Big Is Porn?”, Dan Ackman, Forbes.com, (05.25.01)

Weissbuch der “Free Speech Coalition” (2005) / http://www.freespeechcoalition.com/whitepaper05.htm


Die Zusammenarbeit zwischen Technologie-, Softwarefirmen und Internetdienstleistern mit der Online-Sexindustrie schließt viele bekannte us-amerikanische Konzerne mit ein, u.a. Marriott, Exodus, Concentric, Verio, AboveNet, UUNet (im Besitz von MCI), Sun Microsystems, Yahoo!, AltaVista, Covad, Pacific Bell, Bell Atlantic, Real Networks, Microsoft, AOL und Earthlink. Die größten amerikanischen Kabelnetzwerkbetreiber und Satellitenfirmen, die an pornographischen Filmen über das Pay-per-View-Verfahren mitverdienen sind: Time-Warner, AT&T Cable, , News Corporation über Echostar und DirecTV und Comcast. Während der sogenannten Dot.Com-Krise in den Jahren 2000/2001 erwies sich das Segment der Online-Pornographie als relativ krisenfest und als stabilisierender Faktor der gesamten Internet-Ökonomie. In dieser Zeit, als viele Unternehmen des e-commerce bankrott gingen und ihren laufenden Zahlungen nicht mehr nachkommen konnten, war der Bedarf an Hardware, Hosting-Service und Bandbreite im Adult-Sektor ungebrochen nach wie vor hoch.


Inzwischen hat sich mit “AdultVest.com” die erste Investmentfirma gegründet, die über ihre Webseite mögliche Investoren und Unternehmen aus der Sexindustrie zusammenbringt. Mai 2006 hatten sich bereits 1000 Investoren über die Webseitenformulare des Unternehmens registrieren lassen.


Für Hosting-Firmen, die die Hardware des WorldWideWeb zu Verfügung stellen, stellte die Online-Pornographie ein wichtiger Einkommensfaktor dar, u.a. weil pornographische Webseiten eine weitaus größere Bandbreite und dementsprechend optimierte Hardware zur Darstellung der Photos und Filme benötigen, während viele der Non-Adult-Seiten sich früher überwiegend aus Html-Layout, textbasierten Inhalt und kleinen Graphiken zusammensetzten. Nach Informationen von „PCData Online“ und „NetCraft“ werden 14 der 20 us-amerikanischen Top-Adult-Sites von bekannten Firmen des regulären Internet-Kommerzes gehostet. “Akamai”, eine globale Caching-Company mit mehr als 8000 Servern, die an ca. 1200 Internet Service Providern stationiert und in über 55 Ländern an 700 verschiedene Netzwerke angeschlossen sind, ist ebenfalls an dem Business der Online-Pornographie beteiligt. Den Service den Akamai anbietet, besteht darin Webseiteninhalte(Content) von einem zentralen Server auf viele verschiedene zu platzieren, die sich näher am realen Ort der Konsumenten befinden. Dies sorgt führe schnellere Übertragungszeiten und vermindert die Gefahren von Netzwerküberlastungen. Akamai, zu deren Kunden u.a. CNN, Nasdaq, Apple, Microsoft, Yahoo, CBS und MSNBC gehören, bietet separat, über die Firma „Directrix” seinen Service auch für die Adult-Industrie an. Im März 2001 kam es zwischen der Firma und 15 führenden Unternehmen der Branche, wie Playboy, Vivid, iGallery und Babenet, zu weiterführenden Geschäftsgesprächen.


Zu den Firmen, die pornographische Webseiten hosten, gehören Unternehmen wie AboveNet (eine Tochterunternehmen von Metro Fiber Network(MCI)) , die beide zum MCI-Konzern gehörende Digex und UUNet, außerdem Exodus, Level3, und Verio (im Besitz des japanischen Telekomkonzerns NTT). AboveNet hostet die führende Adult-Webseite „Karasxxx.com“ von RJB Telcom mit monatlichen 6,9 Millionen Usern (2001). MCI hostet über seine Firmen Digex and UUNet, sowie Business Internet Inc die Megaseiten „Cybererotica“ mit einem monatlichen Traffic von über 4 Millionen monatlich (4,6 Mil./Februar 2001) und „adultrevenueservice.com“, außerdem die Webseiten „smutserver.com“, „sexspy.com” und “amateurfreehost.com”. Die Hostingfirma Exodus liefert ihren Service u.a. an „sexshare.com“, “adultfriendfinder.com”, wie auch “Danni’s Hard Drive“. “Level3” welche eines der größten Glasfaser-Netzwerke in den USA betreibt und 33% an dem Telekom-Unternehmen RCN besitzt, hostet die Webseiten „sleazydream.com“ und „lightningfree.com“.


Die großen Suchmaschinen-Betreiber, wie Yahoo, Alta Vista, AOL und Excite machten (2000) alle erhebliche Umsätze mit Onlinewerbung für pornographische Webseiten, vor allem mit der Bannerwerbung auf den Ergebnis-Seiten der dementsprechenden Such-Anfragen. Im Gegensatz zu den Firmen Compuserve und Prodigy, die in der Anfangszeit ihre Chatrooms und Messageboards kontrollierten und sexuell explizitite und obszöne Inhalte zensierten, vertrat AOL eine tolerante Geschäftspolitik gegenüber den Chat-Aktivitäten seiner Mitglieder und verschaffte sich so einen Wettbewerbsvorteil. Neben dieser toleranten Linie in den öffentlichen Chatrooms hatten AOL-Mitglieder die Möglichkeit eigene Chatrooms zu kreieren, einmal auf der Ebene von Interessengruppen und weitergehend als „private area“ wo die Öffentlichkeit ausgeschlossen war und der Zugang nur über persönliche Einladung erfolgte. 1996 sollen diese öffentlichen bis privaten Chat-Räume das profitabelste Geschäftsegment von AOL gewesen sein und 25% der gesamten Onlinezeit aller AOL-Mitglieder ausgemacht haben.


Yahoo hat in den ersten Jahren nach der Unternehmensgründung Sex als einen profitablen Geschäftsbereich wahrgenommen und dementsprechende Marketingstrategien entwickelt. Die zu sexuellen Themen bezug nehmenden Kategorien waren vielfältig und umfangreich. 1997 bot Yahoo dann den speziellen Service von „Adult-Only-Chatrooms“ an und betrieb dort eine intensive Vermarktung des dortigen Web-Space an pornographische Webseitenbetreiber. Yahoo hatte jahrelang auf den sex-orientierten Suchmaschinenseiten Bannerwerbung für pornographische Webseiten zugelassen und eine eigene Webseite, auf der Pornovideos und andere Produkte verkauft wurden, betrieben. 2001 kam es zu einer massiven E-Mail-, Presse- und Telefonkampagne von konservativen religiösen Gruppen, u.a. der einflussreichen „American Family Association“ Yahoo sah sein Image als Internet-Einstiegsseite für die ganze Familie bedroht und entschloss sich Werbung für pornographische Produkte nicht mehr zuzulassen. Dies betraf vor allem die Yahoo-Seiten für Shopping, Auktionen und bezahlte Anzeigen, sowie die Bannerwerbung. In dem folgenden dreimonatigen Zeitraum April bis Juni 2001 betrogen die Einnahmen von Yahoo 140,7 Millionen Dollar, im Gegensatz zu 232,9 Millionen Dollar für den gleichen Zeitraum im Jahr 2000. Ein defizitäres Ergebnis, welches sicherlich auf die damalige Dot.com-Krise verweist, aber auch auf die fehlenden Werbeeinnahmen, aufgrund des Beschlusses keine pornographische Werbung mehr zu schalten, zurückzuführen war.


Im August 2000 schloss AltaVista mit der Private Media Group einen bis dahin für reguläre Suchmaschinen ungewöhnlichen Geschäftskontrakt betreffend der Bannerwerbung ab. Anstelle eines normalen Werbevertrages wurde AltaVista ein Prozentsatz der Einnahmen, die aus den Mitgliedsbeiträgen von „Privates“ Webseiten resultierten, die über die Suchmaschine zustande kamen, zugesprochen. Über die Hälfte aller Suchanfragen bei AltaVista – zum damaligen Zeitpunkt 50 Millionen täglich – sollen sich auf sexuell relevante Themen bezogen haben. „Private“ erhoffte sich über dieses Arrangement weitere Einnahmen und einen höheren Traffic für seine Webseiten aus dem europäischen, pazifischen und asiatischen Raum, sowie aus dem mittleren Osten. Der nordamerikanische Markt – USA und Kanada – waren von diesem Kontrakt ausgeschlossen. In den Wirtschaftsanalysen und Statistiken großer Unternehmen ist das Segment „Online-Sex“ als Umsatzfaktor allerdings selten zu finden. Auch in den Reports von Wirtschaftsanalysten wird dieser Einkommensfaktor immer seltener aufgeführt. Die europäische Firma Datamonitor, die Ende der 1990er noch aufschlussreiche Statistiken erarbeitete und veröffentlichte, hat ihre Forschung eingestellt und sieht von einer Aktualisierung ihrer Statistiken ab. Dies mag aus „Rücksicht“ auf die betreffenden Großkonzerne, die gleichzeitig auch die wichtigsten Großkunden der Analysten sind, geschehen. Diese Unternehmen müssen, vor allem in den USA, Rücksicht auf die öffentliche Meinung nehmen, die oftmals durch Kampagnen einflussreicher konservativer christlicher Organisationen bewusst lanciert wird. Beste Beispiele sind die veränderte Geschäftspolitik von Yahoo nach einer inszenierten Mail- und Telefonkampagne im Jahr 2001 und der teilweise Rückzug von AT&T aus dem Geschäft mit der Online-Pornographie nach Auktionärsprotesten gleichen Jahres.


Usenet Newsgroups und das Bulletin Board System (BBS)


1979 entwickelten die Studenten Tom Truscott und Jim Ellis von der Duke University das sogenannte Usenet. Sie erdachten ein Dateien-Übertragungssystem in welchem die Beteiligten Nachrichten empfangen und lesen sowie abschicken konnten, die in einer Reihe von Kategorien, den „newsgroups“, unterteilt waren. Diese Nachrichten, Artikel, Textbotschaften, etc. wurden dann gespeichert und an eine große Gruppe von Servern weitergeleitet, die es möglich machten jede Textnachricht von einer Person zu Vielen zu transferieren. Das Usenet war zu seiner Zeit eine sehr innovative Technologie, galt aber mit der Einführung des Internets und des E-mail-Systems zunehmend als antiquiert. Die in den newsgroups geführten Diskussionen werden über Google Groups indiziert, aber keine der großen Suchmaschinen erfasst den Multimedia-Content, vor allem Videos und Photos, der weiterhin über das Usenet transferiert wird. Obwohl Yahoo und Google, sowie verschiedene P2P-Netzwerke ähnliche Möglichkeiten des Datentausches anbieten, werden laut Wikipedia täglich mehr als 2 Terrabytes an Content in das Usennet eingegeben. Die Usenet Newsgroups, ursprünglich eine rein textbasierte Möglichkeit des Meinungs- und Informationsaustausches, waren einer der ersten Internetservices die zur Distribution von Pornographie verwendet wurden.


Ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre, als digitale Kameras und dementsprechende Software für den Computer für einen Massenmarkt verfügbar wurden und über das Usenet und später über Yahoo- und MSN-Groups freier Webspace angeboten wurde, bildeten sich eine Vielzahl von Gruppen, die sich mit speziellen sexuellen Interessen beschäftigten und dort ihre eigen Photos veröffentlichten. Viele Menschen aus der BDSM-Szene nutzten mit als erste diese Möglichkeiten des Internets. Aufgrund ihrer ausgefallenen sexuellen Praktiken und des möglichen Potentials einer Stigmatisierung war dort das Bedürfnis nach Informationsaustausch, Kommunikation und Partnersuche größer als bei anderen Gruppen. Innerhalb des Baums des Usenets unter hyerarchy alt. binaries.pictures.erotica mit den Untergruppen interracial, .transvestites und .wives, sowie unter alt.personal.bondage, bekommt man einen Einblick in die Bilderwelten dieser BDSM und Amateur-Interessengruppen. Viele dieser Seiten sind allerdings spam-verseucht und es besteht die Gefahr mit Bildmaterial konfrontiert zu werden, welches Szenen extremer Gewalttätigkeit oder Kinderpornographie enthält. Um dies zu vermeiden kann man einen der vielen Usenet-Services, wie pictureview.com in Anspruch nehmen, die beispielsweise jegliche Form von Kinderpornographie herausfiltern.


Zu jedem pornographischen Genre und jeder Nische gibt es dementsprechende Newsgroups. Das dargebotene Material besteht überwiegend aus Files von Bildern und Filmen, die von Magazinen gescannt, von kommerziellen Pornoseiten heruntergeladen wurden oder aus privat aufgenommenen Material. Außerdem stellen viele Unternehmen der Online-Pornographie Bildmaterial, das mit Wasserzeichen versehen ist, in das Usenet und nutzen es so als eine freie Werbemöglichkeit.


Über die unmoderierte Newsgroup Alt.sex.prostitution , die 1995 alt.sex.services und alt.sex.brothels ersetzte, fanden Diskussionen und ein Informationsaustausch über alle Aspekte der Prostitution statt. Aus der Perspektive der in diesem Bereich arbeitenden Frauen, wie auch aus der Sicht der Freier wurden die Situationen in den verschiedenen Ländern erläutert, Preise verglichen und Bordelle, Clubs, Bars, Callgirl-Ringe und Straßenprostituierte vorgestellt.


Obwohl bei diesem Material oft gegen das Urheberrecht verstoßen wird, ist es bis jetzt kaum zu juristischen Vorstößen der betroffenen Unternehmen und Content-Vermarktern gekommen. Newsgroup-Pornographie ist kostenfrei erhältlich und wird, wenn überhaupt, auf Tauschbasis gehandelt. Es stellt nach wie vor eine populäre Möglichkeit für Einzelpersonen dar, Pornographie anzubieten und zu erhalten und bietet ein größeres Maß an Anonymität da keine Übermittlung von Kontaktdaten, wie dies beim kostenpflichtigen Einloggen auf kommerziellen Seiten der Fall ist, verlangt werden. März 2005 waren beispielsweise innerhalb der alt.sex—Hierarchie noch über 1600 Gruppen verzeichnet, wobei ein Großteil der Gruppen keine nennenswerten Aktivitäten verzeichneten. Die Möglichkeit eines nicht-kommerziellen Video- und Bildertausches hat das Usenet, eigentlich ein Relikt aus den Anfangszeiten des Internets, lebendig gehalten. Eine weitere Methode nichtkommerzieller Distrubution von Pornographie bietet das ICR (Internet Relay Chat), ursprünglich ebenfalls ein textbasiertes Chat-System, dessen Popularität aber im Laufe der letzten Jahre zugunsten anderer file-sharing-Netzwerke, wie z.b. „Instant messaging“ von AOL nachgelassen hat.


GUBA“, eine Suchmaschine und Archivierungssystem, wurde 1998 von zwei Studenten der Arizona State University entwickelt um die enorme Datenmengen des Usennets zu erfassen. Die Möglichkeiten die „GUBA“ bietet haben erheblich mit dazu beigetragen das das Usenet gegenüber der Konkurrenz von ähnlichen Anbietern wie Google Video, Kazaa und Bit Torrent, etc., überlebt hat. Das Potential von “GUBA” liegt in der Suchmaschine und in der Implementation von Technologien, die die Wiedergabe der gewünschten Medien in fast allen gängigen Dateiformaten ermöglicht. Der flash-basierende Videoplayer spielt beispielsweise alle Typen von Videodateien ohne größere Wartezeiten ab. Der über „GUBA“ abgerufene Content ist mit den neuen Medien wie Apple’s Video iPod, Sony’s PlayStation Portable (PSP) und Microsoft’s Xbox 360 kompartibel und macht so die Multimediadaten des Usenets für jede Internetplattform zugänglich. Das Unternehmen sieht sein Ziel aber nicht nur in einer Vermarktung des Usenets, sondern weitergehend in einer Bereitstellung des Contents für den zukunftsträchtigen Mobile-Content-Markt. Gerade auch in Hinblich auf die Adaption der Technologien von dem Video iPod und PSP, stellt Pornographie ein nicht unbeträchtliches Marktsegment dar. Der überwiegende Teil der Multimediadaten des Usenets sind nicht erotischen oder pornographischen Kategorien zuzurechnen, bei den Usern von „GUBA“ stellt dies aber ein populäres Thema dar. Die Unternehmen mit denen „GUBA“ Geschäftspartnerschaften eingegangen ist, stammten zunächst alle aus dem Adult-Bereich: Video Box, AEBN, WantedList und Xobile. Aufgrund der konsumentenfreundlichen Such- und Navigationsfunktionen und vor allem der Komparibilität zu vielen Dateiformaten geht man davon aus sich weiterhin erfolgsversprechend auf dem Internetmarkt platzieren zu können und strebt strategische Partnerschaften in regulären Geschäftsbereichen an. Neben dem Hauptgeschäftsbereiches des Mediendownloads – für einen monatlichen Betrag von $14.95 können User Unmengen von Daten herunterladen – bietet „GUBA“ Partnerprogramme und Möglichkeiten für Content-Provider an. Inzwischen hat sich „Guba“ neu ausgerichtet. Die Adult-Sparte wurde ausgegliedert und ein kostenloses Videohosting-Angebot geschaffen. Weitergehend bietet „Guba“, nachdem dementsprechende Vereinbarungen mit Sony und Warner Bros. abgeschlossen wurden, den kostenpflichtigen Downloads von Hollywoodfilmen an. Seit März 2003 wird der lukrative Geschäftsbereich der Onlinepornographie von Guba über die Plattform skinvideo.com abgewickelt.


Quelle: AVN-Online, “Guba – Sexing up Usenet” 3-1-2006


Eine weitere Form des Informationsaustausches stellten die frühen Internetforen dar, die inzwischen allgemeiner Standard für die Kommunikation der verschiedenen Webcommunities geworden sind. Im Gegensatz zum offenen Usenet setzen die meisten Webforen eine Registrierung voraus. Viele Foren bieten registrierten Benutzern die Möglichkeit, sich per E-Mail benachrichtigen zu lassen, wenn neue Beiträge verfasst wurden. Ein Bulletin Board, als eine spezielle Form des Webforums, vereint alle Postings eines Themas auf einer Seite Nach einer einstellbaren Anzahl von Beiträgen wird das Thema auf eine Folgeseite umbrochen. Der Vorteil dieser „flachen“ Struktur ist eine niedrigere Abrufzeit, kann aber bei umfangreichen Themen zur Unübersichtlichkeit führen. Bereits vor der Geburt des World WideWeb anfangs der 1990er, wurden im größeren Umfang Informationen über solche Bulletin Board Systems (BBS) Sysops (Systems Operators) ausgetauscht. BBS startete Ende der 70er und hatte seine größte Popularität Ende der 80er Jahre erreicht. Während ein Großteil des Datentransfers der über das Bulletin Board System abgewickelt wurde nichtkommerziell war und dem Austausch von Informationen und Software diente, nutzten andere BBS-Operateure das System zum Versand von Pornographie. Die Bezahlung wurde derzeit über verschiedene Methoden abgewickelt. Entweder mussten Kunden eine Telefonnummer anrufen und einem realen Ansprechpartner die notwendigen Kreditkarteninformationen übermitteln. Die eigentliche Transaktion wurde dann manuell oder mit Hilfe von ICVerify, einem Softwarepaket, das die Überprüfung der Kundeninformation und den Überweisungsvorgang abwickelte, vorgenommen.


Andere Operateure nutzten die Zahlungssysteme die in der Telefonsexindustrie gebräuchlich waren und erhoben anfangs von jedem, der eine dementsprechend angewiesene 900-Nummer gewählt hatte, Gebühren. Da mit dieser Methode aber keine Kontrolle, inwieweit sich Minderjährige und andere unautorisierte Personen Zugang verschafften, möglich war, ging man bald dazu über den User seine Kreditkarteninformationen per Telefon über ein Interactive Voice Response (IVR) System übermitteln zu lassen, das dann den Prozess des Geldabhebens an das bestehende Visa/Mastercard-Netzwerk weiterleitete. 1993/4 wurde bereits im erheblichen Umfang Pornographie per Kreditkartenüberweisungen über das Internet gehandelt, während Server-Firmen wie Netscape zu diesem Zeitpunkt Schwierigkeiten hatten den erhöhten Sicherheitsanforderungen gerecht zu werden. SSL Security und Methoden der Datenverschlüsslung wurden gerade in das System implantiert, hatten aber oft Kompatibilitätsprobleme und die Serversoftware war teuer und kompliziert zu handhaben. In Konsequenz entwickelte sich das Apache Server Projekt, ursprünglich ein Open Source Projekt, welches freie Server-Software produzierte, zum Marktführer. 2001 wurden bereits über 60% aller Server weltweit über Apache betrieben, im Segment der Online-Pornographie soll dieser Prozentsatz sogar bei über 80% gelegen haben..