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Die Einschränkung des Hamburger Bordellwesens unter preußischer Einflußnahme

Bis zur Reichsgründung wurde der Umgang mit der Prostitution von jedem deutschen Land, bzw. Stadt selbstständig geregelt. 1871 vereinheitlichte das Reichsstrafgesetz mit dem Paragraphen §361 Nr.6 StGB sowie §180 und §181 StGB die Strafbestimmungen zur Prostitution. Danach war die registrierte Prostitution unter sittenpolizeilicher Aufsicht erlaubt, die Zimmervermietung an Prostituierte wie auch die Einrichtung von Bordellen war strafbar. Zum 1.September 1876 wurde nach vorangegangenen Rechtsstreit, dem Hamburg unterlag, durch eine Reichsintervention, dass polizeilich geduldete Hamburger Bordellwesen für nicht rechtmäßig erklärt. Die Polizeibehörde ordnete daraufhin die Aufhebung der Bordellwirtschaften an und nahm die erteilten Schankkonzessionen zurück. Die Häuser, in denen die Prostituierten nun wohnen und arbeiten durften waren allerdings keine anderen als die alten Bordelle, mit dem Unterschied, dass sich der Sprachgebrauch im Amtsdeutsch geändert hatte.

In Preußen war die Regulierung der Prostitution von 1794 bis Mitte des Jahrhunderts allgemeine Praxis. 1846 wurde die Regulierung aufgegeben und vom preußischen Strafgesetzbuch von 1851 außer Kraft gesetzt. Nach der Annexion Schleswig Holsteins durch Preußen nach dem Krieg von 1866 sollte dieses Strafrecht auch in Altona angewendet werden. Die Polizei in Altona hatte sich bis dahin an die Praxis des kontrollierten Bordellsystems des benachbarten Hamburgs gehalten und focht die preußische Praxis an und verlangte eine Fortführung der Regulierung, weil „die Ausweitung des Strafgesetzbuches auf Altona eigenthümliche Konflikte mit der örtlichen Polizei zur Folge hatte.“ (Evans J. Richard, 1997  : 286)

Aus den Bordellen wurden „Beherbergerhäuser“ und die Polizei unterließ es in Zukunft, sich in Streitigkeiten zwischen Wohnungsgebern und Prostituierten einzuschalten, sah die Verantwortung für die neuen Vorschriften teilweise bei den „Beherbergern“, also den Bordellwirten und überließ konkrete Rechtsstreitigkeiten der Kompetenz der Gerichte. An den bestehenden Arbeitsverhältnissen der Frauen veränderte sich nichts. Das Verbot des Getränkeausschankes wurde in den folgenden Jahren in Teilen immer mehr missachtet und schon um 1883 soll es die Regel gewesen sein, dass jedes „Beherbergerhaus“ einen Salon hatte in welchem die Prostituierten die Gäste zu reichlichen Alkoholgenuss zu animieren hatten und dabei auch viel mittrinken mussten. Vor allem nach der Polizeistunde, wenn normale Gaststätten schließen mussten, florierte das Geschäft mit dem Alkohol. Nichtsdestsotrotz ging in Konsequenz der neuen Gesetzeslage die Zahl der Bordelle zurück. In der Alt- und Neustadt gab es am 1. Januar 1876 noch 201 Bordelle, zwei Jahre später nur noch 167. Das Bordellgeschäft soll tatsächlich in erster Linie wegen dem Verbot des Ausschankes von Getränken zurückgegangen sein und sich zum Teil in die Tanz- und andere Vergnügungslokale verlagert haben. Die Gesamtzahl der kontrollierten Prostituierten nimmt im gleichen Maße ab, wobei in den Statistiken zwischen „streng- und leicht kontrollierten“ Frauen unterschieden wird.1876 waren es noch 1035, im Januar 1878,  816, davon 550 in Bordellen lebend und 227 in eigenen Wohnungen, die zusammen die Zahl der streng kontrollierten Frauen von 777 ausmachten, hinzukamen noch 39 „leicht“ kontrollierte Prostituierte. In St.Pauli existierten 1876 nur fünf Bordelle, ein Jahr später noch vier, mit 36 registrierten Prostituierten, während die Zahl der kontrollierten, alleinwohnenden Frauen im gleichen Zeitraum anstieg, wie sicherlich auch die Zahl der heimlichen Prostitution, da die Vorstadt St. Pauli mit seinen gut fluktuierenden Vergnügungsstätten die besten Voraussetzungen bot.


Bis ca. 1875 war das Bordellwesen in Hamburg sehr dezentralisiert, dann setzte allerdings im Zuge des preußischen Einflusses eine zunehmende Einschränkung und Zusammendrängung dieser Wirtschaften seitens offizieller Seite ein. In den Jahren 1876 bis 1879 verschwanden die Bordelle aus vielen Straßen der Innenstadt, so beim Alsterthor, Brauerknechtsgraben, Breiter Gang, Druvenhof, Ellernthorsbrücke, Hohler Weg, Niedernstraße, Paradieshof, Sägerplatz, Schauenburger Straße, Schlachterstraße und der Schmiedestraße. Eine einschneidende Veränderung im Hamburger Bordellwesen stellte das Abrechen der alten Bordellstraße Dammthorwall dar, die danach mit Amtsgebäuden bebaut wurde. Dort hatten ca. 30 Bordelle mit 120 Prostituierten existiert. Als Ersatz wurden in den folgenden Jahren die Straßen Ulricusstraße und Bei den Hütten mit einer Vielzahl von Bordellen belegt.

Im Jahr 1889 befanden sich die Hamburger Bordelle nur noch in 16 Straßen. In den folgenden Jahren, bis 1895 wurde das Gängeviertel der Neustadt von Bordellen geräumt (Amidammachergang, Ebräergang, Schulgang , Trampgang und Specksgang) Außerdem verschwanden die Wirtschaften in den Straßen Kleine Drehbahn, Valentinskamp, Pilatuspool und bei den Hütten. Einzig der Schaarhof wurde in dieser Zeit als Ersatz erstmals mit Bordellen belegt. Die Schützenstrasse wurde bei dieser Aufzählung erstmalig mit 2 Bordellen erwähnt. 1892 lagen bereits 9 Bordelle in dieser Straße, später deren 19.  Bei dieser Straße scheint es sich allerdings um einen Sonderfall gehandelt zu haben; in direkter Nachbarschaft und in der Nähe des Berliner Bahnhofes befand sich das St. Johanniskloster Jungfrauenstift, dessen Landgut der Hamburger Senat erwerben wollte und durch diesen Umstand das Kloster zum Verkauf zwingen und gleichzeitig zur Wertminderung des Grundstückes beitragen wollte. Dieser spezielle Fall wurde von August Bebel auf einem Parteitag, in der ein Antrag der Sozialdemokratie gegen das Bordellwesen besprochen wurde, zur Sprache gebracht. 1896 konzentrierten sich die Hamburger Bordelle nur noch auf wenige Straßen: den Großen Barkhof, 2. Brunnenstraße, Klefeckerstraße, Hinter der Markthalle, Schaarhof, Schützenstraße und die Schwieger- und Ulricusstraße. (die Heinrichstraße wird mit aufgezählt) Die Bordelle im Barkhof wurden 1907 wegen der Stadtsanierung in die Neue Springeltwiete verlegt und der Schaarhof 1908 abgebrochen. Ansonsten soll sich, laut Urban, bis zur offiziellen Aufhebung der Bordelle 1922  keine weitere Veränderung ergeben haben.

Im Zusammenhang mit den Ausführungen des sozialdemokratischen Abgeordneten August Bebel vor dem Reichstag, betreffend des Hamburger Bordellwesens und andererseits die Vorbereitungen für die sogenannte „Lex Heinze“, weswegen eine Untersuchung der Hamburger Prostitutionsverhältnisse durch Reichsinstanzen erwartet wurde, wurde die polizeiliche Überwachung der Bordellstraßen  ab der Mitte der 90er Jahre allgemein verschärft. Es wurde ein sittenpolizeilicher Patrouillendienst in der Zeit von 10.00 vormittags bis 12.00 nachts eingerichtet, mit dem Ziel das öffentliche Auftreten der Prostituierten vor den Häusern zum Zwecke der Kundenwerbung zu unterbinden.

Den Hintergrund für die Gesetzesveränderung, der sogenannte „Lex Heinze“, bildete ein Mordfall im Jahr 1891 in Berlin – vor allem der folgende Prozess fand ein enormes Echo in der Öffentlichkeit. Der Zuhälter Heinze und seine Frau, eine Prostituierte waren in eine Kirche eingebrochen und hatten dort den Nachtwächter ermordet. In dem späteren öffentlichen Prozess gaben beide freimütig zu, dass sie die Ehe nur aus reinen Geschäftsinteressen abgeschlossen hätten. Die Frau war bereits wegen 44 Verstößen gegen die Sittengesetze aktenkundig. Ihre Verteidigung im Gerichtssaal führten sie in einer milieubedingten Selbstsicherheit die die bürgerliche Öffentlichkeit schockierte. H. Heinze ließ sich ab und zu eine Flasche Champagner zur Stärkung kommen und seine Verteidigung wurde unter Beifall seiner Freunde und Bekannten geführt. Die Empörung war so groß, das der Kaiser im gleichen Jahr eine Proklamation herausgab in der er die Regierung aufforderte strengere Gesetze gegen Prostituierte und deren Anhang einzuführen. Gerade ein Jahr zuvor waren die Sozialistengesetze aufgehoben worden, worauf es dann zu vielen Demonstrationen und Massenversammlungen der Sozialdemokraten kam, die die Ängste des konservativen Bürgertums vor sozialer Unruhe schürten.  Der Berliner Autor Hans Ostwald bestritt seinerseits, dass die Zuhälter in Berlin zentrale Figuren der kriminellen Szene seien; – da, wenn sie ihre Kunden bestehlen würden, würden sie so ihre Kundschaft abschrecken und ihrem eigenen Geschäft schaden. Er beschreibt, dass viele Prostituierte sich einen Mann zum Schutz gegen die Sittenpolizei und zur Unterstützung ihres Geschäftes suchen würden und ihn sozusagen zu ihrem Zuhälter machen würden. Für viele dieser Männer war die Zuhälterei nicht ihr Hauptberuf, da sie nebenher oft in anderen, milieunahen Berufen ( z.b. in der Gastronomie und im Schaustellergewerbe) arbeiten würden.

Mit der Einschränkung und Konzentrierung des Hamburger Bordellwesens ging eine immer stringentere Reglementierung der erfassten Prostituierten einher. Seit dem Jahr 1876 war es ihnen verboten nach 23.00 Uhr auf den Straßen spazieren zu gehen und für die Umgebung der Börse und der Wall-, Alster- und Hafenpromenaden bestand ein vollständiges Straßenverbot, welches 1902 erheblich erweitert wurde. Außerdem bestand das Verbot andere Tanz- und Vergnügungslokale zu besuchen als die, in denen sie vom Bordellwirt mit Genehmigung der Polizei zugelassen waren. Dies waren das Ballhaus in der Neustädter Neustraße 25, das Geerz`sche Tanzlokal in der Altstädter Fuhlentwiete und in St. Pauli das Ballhaus Alcazar und die Elbhalle. Auch dieses Reglement wurde 1902 erheblich verschärft und ausgedehnt, bis dann 1907 den Prostituierten das Betreten aller Gastwirtschaften, Cafe`s, Konzert- und Gesangslokalen in der Stadt und in den Vororten komplett verboten wurde.  Ausnahmen bildeten weiterhin die Elbhalle, ein Lokal in der Neustädter Neustraße und ein Tanzlokal in der Molenhofstraße. Da viele der Frauen diese Reglementierungen nicht hinnahmen, kam es im Rahmen der strengeren Kontrollen zu einer Zunahme der verzeichneten Verwarnungen und Bestrafungen, die sich in den Statistiken niederschlugen.

Diese verschärften Reglementierungen führten dazu, dass sich immer mehr Frauen dem Modell der kasernierten Prostitution entzogen und sich heimlich prostituierten. Dies wird besonders am statistischen Material betreffend der Bordelle St. Pauli`s deutlich. So waren laut Amtszählung in St. Pauli seit 1870 durchschnittlich nie mehr als 100 Frauen kaserniert, 1907 dann 75 Frauen und 1919   72 Frauen, während in diesem Zeitraum der Hamburger Hafen, der Schiffs- und Fremdenverkehr, die ein bedeutendes Kundenpotential für die Prostitution stellten, einen enormen Wachstum verzeichneten. So stieg die Zahl der von See gekommenen Schiffe von 1880 mit deren 6024 auf 17 320 Schiffe im Jahr 1910 und die Zahl der bei der Fremdenpolizei angemeldeten Fremden wuchs von 134 868 im Jahr 1880 auf 480 872 im Jahr 1910. Bereits 1895 äußerte sich der damalige Chef der Hamburger Kriminalpolizei zu diesem Thema der Prostitutionsfrage:

„(…) dass in einer Stadt von der Größe und dem Fremdenzufluß Hamburgs die etwa 1000 eingetragenen Kontrollmädchen die Nachfrage auch nicht zum vierten Teile deckten und dass sich daher Privatunternehmen daneben ausgebildet haben.“

(Zitat aus: Urban Alfred, 1927 : 114)

Aufgrund der stadtplanerischen Maßnahmen und der restriktiven Vorgehensweise der Sittenpolizei  nutzten immer mehr Frauen die großen und eng beieinanderliegenden Tanz- und Vergnügungslokale St. Paulis um ihrem Gewerbe nachzugehen. In dem ersten Halbjahr 1898 wurden auf der Reeperbahn über 700 Frauen durch die Sittenpolizei verhaftet unter denen sich 300 Kontrollmädchen befunden haben, die aufgrund  Kontrollentziehung oder Umhertreibens bestraft worden sind. Genauso breitete sich in der Alt- und Neustadt Hamburgs zu dieser Zeit die freie Prostitution aus. So kam es 1898 zu einer öffentlichen Beschwerde von über 600 Anwohnern über die Verhältnisse in den Concerthallen in der Niedernstraße und Altstädter Fuhlentwiete, weswegen die Polizei die Überwachung dieser Gegend verschärfte. 1899 wurden dort über 750 Frauen wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Unzucht festgenommen. Zu dieser Beschwerde schrieb der Chef der Sittenpolizei:

„Es kann nicht außer Betracht bleiben, dass sich in der Altenstädter Fuhlentwiete früher Bordelle befanden und dass seit dem engen Zusammendrängen der Prostitution und seitdem die Behörde die strengste Abschließung der Kontrollmädchen durchführt, sittliche Uebelstände in anderer Form auftreten. Die vagierende Prostitution mehrt sich und sucht Männerbekanntschaften auf der Straße und in den Wirtschaften, während die kasernierte Prostitution zurückgeht.“

(Zitat aus: Urban Alfred, 1927 : 117)

In der Neustadt waren vor allem die Gängeviertel weiterhin für die Prostituierten anziehend. Es waren dort zwar alle der fast 100 Jahre existierenden Bordelle geschlossen worden, womit aber keineswegs die Prostitution aus den Gängen verdrängt wurde. Viele Prostituierte wohnten in den Vierteln und betrieben ihr Gewerbe von ihren Zimmern und den Gassen aus.

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Die Prostitution in St. Pauli – Tanzlokale und „stille Wirtschaften“

In der Vorstadt St. Pauli war das Prostitutionswesen von der Stadt völlig getrennt und stand unter der Oberaufsicht des Landesherrn der Vorstadt, einem Mitglied des Hamburger Senats. Im Jahr 1838 gab es in St. Pauli 21 und in der Stadt 109 Bordelle, 1853: 15 zu 145, 1862: 10 zu 156 und 1875: 7 zu 192.  In St. Pauli war bereits sehr früh eine starke Zusammendrängung der registrierten Prostitution in wenige Bordellstraßen erkennbar, während in der Stadt Hamburg im Zeitraum 1853 – 1873 durchschnittlich 4-5 Frauen in einem Bordell untergebracht waren, waren es in St. Pauli im gleichem Zeitraum 14-15 Frauen. Die St. Paulianer Bordelle wurden von den Amtsärzten der Sittenpolizei auch von vornherein als Untersuchungslokale genutzt, während sich die Zwangsuntersuchungen der Frauen durch die Kontrollärzte sich in der Innenstadt Hamburgs weitaus schwieriger gestalteten, da viele der eingeschriebenen Frauen oft einzeln und weit gestreut in verschiedenen Wirtschaften wohnten und viele Lokalitäten in den Gängevierteln schwer zugänglich waren und nicht über ausreichend Licht verfügten. Die Untersuchungen lagen bereits seit 1820 bei einem Vollarzt, so dass in St.Pauli alle Bordelle als Untersuchungslokale genutzt wurden.
Es gab in St. Pauli zwei Arten von Bordellen, die einen waren zugleich öffentliche Tanzlokale und die sogenannten stillen Wirtschaften ohne Tanz- und Musikerlaubnis. Die stillen Wirtschaften wiesen die gleiche Betriebsgröße auf wie die Bordelle in der Stadt, während diejenigen mit Tanzsalon eine weitaus größere Anzahl von Prostituierten aufwiesen. So wohnten von 186 Frauen, die 1846 in den 19 Bordellen von St. Pauli eingeschrieben waren, 131 in den sieben Wirtschaften mit angeschlossenem Tanzsaal.

Die lizenzierten Bordelle mit angeschlossenem Tanzsaal waren jahrzehntelang eine Spezialität St. Paulis und ein wesentlicher Faktor im Vergnügungsgewerbe der Vorstadt. Das bekannteste und größte dieser Lokale lag in der Davidstraße, der Tanzsaal „Zu den 4 Löwen“. Im Erdgeschoss der „4 Löwen“ befanden sich der Tanzsalon, die Küche und die Wohnung der Wirte. Das obere Stockwerk diente als Unterkunft für die Prostituierten, die in diesen Zimmern auch ihrem Gewerbe nachgingen. In diesen Tanzlokalen brauchte kein Eintritt gezahlt zu werden, aber für jeden längeren Tanz mit einer der Frauen mussten die Gäste um die 2 Schillinge als Lohn für die Musiker zahlen. Entsprechend der vielen Nationalitäten der Seeleute wurde ein breites Spektrum von Musiken und Tänzen gespielt. Aufgrund von politischen Druck und neuen Behördenauflagen zerbrach die traditionelle Symbiose von Prostitution und Gastwirtschaft mit Tanz und Alkoholkonsum. Die Wirte in der Davidstrasse hatten sich zu entscheiden ob sie Kneipiers bleiben wollten – dann mussten sie die Frauen außerhalb ihrer Räume ihr Geschäft nachgehen lassen oder sie verloren ihre Schanklizenz und wurden stattdessen zu Zimmervermietern.

Im Zeitraum 1850 – 1870 entstanden vor allem in St. Pauli sogenannte Cafe chantants mit weiblichen Gesangs- und Tanzkünstlerinnen, in denen häufig der heimlichen Prostitution nachgegangen wurde. Das Aufkommen dieser Gesangswirtschaften stellte die staatliche Bordellprostitution in St. Pauli in den Schatten, da die Männer die Atmosphäre mit Gesang und Tanz bei weitem bevorzugten. Ab 1890 breiteten sich die „Wiener Cafe`s“, Lokale größeren Stils, aus. 1899 gab es 33 dieser Lokale mit Nachtkonzession für alle Tage die Woche. Diese Cafe`s, wie auch die anderen Vergnügungslokale deren Anzahl und Größe stark angestiegen war, wurden von den Prostituierten zur Anbahnung von Geschäftskontakten gerne frequentiert. Manche dieser Läden entwickelten sich zu regelrechten Prostitutionsmärkten. 1898 hieß es, dass die „Großen Bierhallen“ am Spielbudenplatz zum „Rendezvous der Prostitution und des Louistums“ geworden seien. Aufgrund polizeilichen Drucks erteilte der Wirt den Prostituierten und ihren Zuhältern Hausverbot – mit der Konsequenz das seine Tageseinnahmen von bis zu 1000 Mark auf höchstens 250 Mark zurückgingen, da dort täglich 150 Prostituierte samt Anhang verkehrt hatten.

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“,  Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Schlaf- und Heuerbasen in der Heinrichstraße (Herbertstr.)

Für Seeleute, die auf das Beladen ihrer Schiffe warteten oder eine Heuer suchten gab es in Hamburg, Altona und St. Pauli zahlreiche Logishäuser. Oft konnten sie sich dort bestimmt zu regulären und fairen Konditionen einmieten. In der Heinrichstraße, der späteren Herbertstraße in St. Pauli, bestand eine direkte Nachbarschaft zwischen mehreren, von Schlaf- und Heuerbasen betriebenen Logierhäusern für Seemänner und den stillen Bordellwirtschaften. Diese Straße wurde im Jahr 1797 gemeinsam mit dem umgebenden Straßennetz als enge Vorstadtstraße angelegt und 1801 als Heinrichstraße benannt. Sie verband die Davidstraße, die bereits nach 1800 als Matrosenquartier und Bordellstraße bekannt war mit der Gerhardstraße. Um 1800 herum war das Prostitutionsgeschäft noch deutlicher auf die Schifffahrt ausgerichtet und dementsprechenden saisonalen Schwankungen unterworfen. In der Herbstzeit herrschte Hochkonjunktur, da zu dieser Zeit die Schifffahrt beendet war und den Seeleuten ihre Heuer ausgezahlt wurde. In den übrigen Jahreszeiten war der Umsatz geringer, so dass die Wirte oftmals auch einen Teil ihrer Mädchen entließen. 1883 gab es 6 Bordelle in der Heinrichstraße, 2 Jahre später deren zehn. 1887 wurden die in der Straße gelegenen Logierhäuser in Bordelle umgewandelt, so dass die Strasse dann mit 20 Bordellen belegt war. Um die Jahrhundertwende wurde der konzessionierte Bordellbetrieb in St. Pauli in der Herbertstraße von der Stadtverwaltung zentralisiert um ihn aus der stark frequentierten Durchgangszone Davidstraße in eine Nebenstraße zu verlagern. Die Herbertstr hat ihren Namen seit 1922, die Tore zu beiden Seiten, die als Absperrung und Sichtblende fungieren, wurden während der Nazi-Zeit eingerichtet. Der Herbertstraße optisch ähnliche Gassen waren die kleine Marienstraße, Nähe Nobistor, die Ulricusstraße, die Winkelstrasse und der Kalkhof.

Die Logiswirte wurden „Schlafbaase“ genannt, oft waren sie gleichzeitig auch die „Heuerbaase“ und vermittelten den Matrosen eine neue Heuer. Dort traf man allerdings auch auf Verhaltensweisen seitens der Wirte die denen der Bordellwirte durchaus ähnlich waren. Die Seemänner wurden dauernd aufgefordert zu trinken, z.b. wenn ein neuer Kamerad kam, musste er eine Lage geben und die anderen zogen mit einer weiteren nach. Mädchen wurden ihnen durch die Wirte gegen Bezahlung vermittelt. Es kam desöfteren zu einer bewussten Verzögerung der Vermittlung zu einem neuen Schiff bis der Mieter kein Geld mehr hatte und auf Kredit leben musste und so in Abhängigkeit geriet. Was der Wirt oft zu überteuerten Preisen ausgelegt hatte, mussten die Matrosen von ihrem Vorschuss auf die Heuer zurückzahlen. Der Ausdruck „Seelenverkoper“ hat nichts mit dem Verkauf von Seelen zu tun, sondern bedeutet in Wirklichkeit „Zettelverkäufer“. Der Seemann bekam bei seiner Anmusterung einen Zettel mit der Angabe des Vorschusses, den er oft dem Wirt geben musste, der ihn dann wieder, wie eine Obligation, zu einem bestimmten Kurs weiterverkaufen konnte. Viele der Arbeitsverhältnisse des Hamburger Hafens waren zu dieser Zeit von der Vermittlung von Hafenkneipen und korrupten Wirten abhängig.  Ordentliche Lohnbüros wurden erst im Jahr 1897 eingeführt.

Weitere Möglichkeiten für Logis oder zumindestens für eine warme Mahlzeit boten konfessionelle und freie Wohlfahrtseinrichtungen auf St. Pauli, wie die „Seemannsruhe“ in der Bernhardt-Nocht-Straße (1881), das Seemannsheim am Pinnasberg (1887), die Herberge zur „Heimat“ in der Talstraße (1889/90), die Volkskaffeehallen und das Logierhaus „Concordia“ auf der Reeperbahn (1891, bzw.1894), die neben verschiedenen Ansätzen des Stiftungs- und Wohnungsbaus, wie bsp. In der Wohlwillstraße (Jägerpassage/1866-1873) die verstärkten Bemühungen des Bürgertums und der Kirche  um die sittliche, kulturelle und soziale Bildung der Arbeiterschaft zeigten. Noch existierende Beispiele sind die Schwedische und Finnische Seefahrtskirche(Dietmar-Koel-Straße) mit angeschlossenen Wohnheimen und das heutige Hotel Hafen Hamburg. Es wurde 1860 von den Reedern errichtet. Die moderne und relativ komfortable Unterkunft war jedoch gepaart mit einer strengen Hausordnung(feste Essenszeiten, kein Alkohol, kein Damenbesuch) und Bildungsprogrammen(gemeinsame Gottesdienste, Alphabetisierungskurse, Ausflüge nach Hamburg). Das erschien vielen Seeleuten wenig attraktiv, so dass es bald anders genutzt wurde, zuerst als Navigationsschule, dann als weitere Zweigstelle des Tropeninstitutes, bis es dann 1982 von Willi Bartels aufgekauft und in ein Hotel umgewandelt wurde.

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Ellermeyer Jürgen (Hg.) : 1986, „Stadt und Hafen“, Hans Christians Verlag, Hamburg

Haspel Jörg, 1987 , „Hamburger Hinterhäuser. Terrassen – Passagen – Wohnhöfe“, Hans Christians Verlag, Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

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Zuhälter und Ringvereine

Mit dem anhaltenden Boom des Vergnügungssektors bildeten sich in ganz Deutschland die sogenannten Ringvereine. Seitens der Kriminalpolizei wurden sie als organisierte Berufsverbrecher eingestuft, mit den bevorzugten Delikten der Schutzgelderpressung, dem Glücksspiel, Diebstahl und Hehlerei, Waffenschmuggel und Zuhälterei.

Bereits 1902 gründeten Bordellinhaber in Halle/Saale den Verein „Zufriedenheit“, in anderen Städten folgten ähnliche Gründungen oft unter den Namen eines Sparvereins oder Kegelclubs. Da gab es bsp. den Hannoveraner Sparclub „Treue“, den Dresdner Sportverein “Deutsche Eiche“ und den „Spar- Gesellschafts-, und Kegelclub Fidelio“ auf St. Pauli. In der Regel waren nur Männer Mitglieder.  Der Berliner Unterweltverein „Immertreu“ beherrschte die ganze Gegend um den damaligen Schlesischen Bahnhof und verlangte von den Gewerbetreibenden des Rotlichtmilieus, wie auch von Anderen, Schutzgelder.  1926/7 bildeten sich als übergeordnete Zusammenschlüsse u.a. der „Mitteldeutsche Ring“ mit 21 Vereinen in 10 der größeren Städte Deutschlands, wobei Leipzig, Hannover und Chemnitz mit einer Vielzahl von Vereinen, wie  „Die Unken“, „Unter Uns“ und „Rotschwänzchen“ vertreten waren.

Ein gewisser Anteil aus den Einnahmen der Prostitution und anderen Geschäften floss in die gemeinsame Clubkasse, aus der in Not geratene Mitglieder unterstützt, Anwälte finanziert und geschlechtskranke Frauen versorgt wurden. Hauptaufgabe dieser Vereinigungen war es durch Selbstorganisation konkurrenzfähig zu bleiben und auf dem Markt zu expandieren und sich gegen staatliche Restriktionen, auf Behördenebene und seitens der Sittenpolizei zu schützen. In Hamburg St. Pauli in der Sophienburg an der Ecke Reeperbahn/Detlev-Bremer-Straße (früher Sophienstraße}traf sich ab 1926 der „Spar- Gesellschafts-und Kegelclub Fidelio“. Die Zunft der Einbrecher organisierte sich im „Boxclub H.i.H.“, der aber anders als in Berlin, mit dem Rotlichtmilieu vernetzt war, so wurden z.b. legale Arbeitsverhältnisse wie Portier und Kellner an Mitglieder weitervermittelt, während Personen des gleichen Berufsklientels, die als informelle Zuträger an die Polizei bekannt waren durch handgreiflichen Druck in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden.  Mitte der 20er Jahre lud der St.Pauli Verein „Fidelio“ zu einer überregionalen Feier zu der über 1500 Zuhälter aus ganz Deutschland erwartet wurden. Diese wurde allerdings durch die Polizei verhindert indem sie im Vorfeld 17 Mitglieder des Vereins verhaften ließ, denen 1927 der Prozess gemacht wurde. In die Öffentlichkeit traten diese Vereine in Hamburg verstärkt in den Jahren zwischen 1920-1925 auf. Ab 1925 begann die Polizei verstärkt gegen die halböffentlichen und halblegalen Vereinsstrukturen vorzugehen und 1927 soll es der Hamburger Polizei gelungen sein einen Teil der internen Organisationsstruktur der Vereine auf überregionaler Ebene aufzudecken.

„Während des Krieges war das Zuhältertum, wie in den meisten Großstädten, so auch in Hamburg, erheblich zurückgegangen. In der Nachkriegszeit nahm es aber wieder zu, um sich dann namentlich nach der bis Ende Juni 1922 durchgeführten Aufhebung der Bordelle und während der Inflationsjahre besonders stark auszudehnen. Die Zuhälter schlossen sich sogar in Clubs zusammen, deren Hauptzweck war, ihren in finanziellen Bedrängnis geratenen Mitgliedern Geldunterstützungen zu gewähren, ihnen in Strafsachen Anwälte zu stellen usw. War schon früher die Bekämpfung des Zuhältertums mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft, so steigerten sich diese ganz bedeutend, als mit der Aufhebung der Bordelle die Dirnen sich über einen großen Teil  der inneren Stadt und besonders auch über St. Pauli und St. Georg verbreiteten und dann auch den Zuhältern ihr Gewerbe außerordentlich erleichterten.“

Quelle: Hamburgischer Correspondent Nr.: 395Mo, 2 Beilage, Seite1 / 26.8.1926  „ Der Kampf gegen die Unzucht“

Die Hamburger Sittenpolizei nahm 1924 171 Personen wegen Zuhälterei fest, 1925 – 288 Personen und 1926 bereits 314. Vor allem ab der Zeit nach dem 1. Weltkrieg entstanden in den Städten eine Vielzahl von Gaststätten, Nachtlokalen, wo Betreiber und Publikum es mit den bestehenden Gesetzen nicht so genau nahmen. , so z.b. Nachtlokale, wo verbotene Nackttänze gezeigt wurden. Zu einem solchen Betrieb gehörte damals ein „Lotse“ der auf der Straße vermeintliche Kundschaft ansprach und sie bei Interesse zu einem Haus führte, wo der „ Spanner“ den Gast übernahm und ihn dann zur Wohnungstür brachte, wo der Besucher vom „Geschäftsführer“ eingelassen wurde. Für den Schlepper bezahlte der Kunde beispielsweise 8,50 RM und für den Eintritt 20RM und ein obligatorisches Glas Wein für weitere 10 RM, bis er dann in einem abgedunkelten Zimmer zu Grammophonklängen z.b. einer nackten Frau beim Tangotanz zuschauen durfte  Unter ähnlichen Verhältnissen werden wohl auch die frühen Pornofilmvorführungen stattgefunden haben. In den späten 20ern, in den Inflationsjahren, lohnte sich das Geschäft mit Nachtclubs, Nachtvorführungen etc. besonders. Vor allem Ausländer mit ihrer vergleichsweise harten Landeswährung nutzten das Preis- Leistungsgefälle im Bereich der nächtlichen Vergnügungen. In vielen dieser Nachtlokale die es mit der amtlich verordneten Speerstunde nicht so genau nahmen, hatten sogenannte „Ringvereine“ ihren Standort. In der Regel Zuhälterorganisationen, die ihre Einkünfte aus der Prostitution, dem Rauschgifthandel und dem Glücksspiel bezogen. In Sitte und Gebräuchen taten es diese Ringvereine der bürgerlichen Welt nach und zu denen von ihnen arrangierten Tanzfesten und Vergnügungen erschienen die Herren im Smoking und die Damen in dementsprechender Mode

Bis zur ersten Hälfte der 20er Jahre wurden solche Lokale oftmals geduldet und erst später ging man dann, beispielsweise in Berlin, mit Beamten der „Theaterpolizei“ und der „Zentralstelle zur Bekämpfung des Schmutzes in Wort und Bild“ gegen derartige Lokalitäten vor. Eine umfassende Kontrolle gelang der Polizei zu dieser Zeit allerdings nicht. So gab es z.b. Wohnungsinhaber, die ihre Wohnung kurzfristig, mittags oder abends vor dem Nachtbetrieb für eine Nacht an einen  „Unternehmer“ vermieteten. Dieser richtete die Räume dementsprechend ein und gegen ca. 1 Uhr Nachts fand er sich mit seinem Personal ein. Dazu gehörten Kellner, Schlepper, Spanner, Musiker und Tänzerinnen.

„In den Jahren zwischen 1925 und 1932 waren, wie vielen alten Kriminalisten noch bekannt ist, die Ringvereine so stark geworden, daß sie zu einer besonderen Bedrohung der öffentlichen Ruhe und Ordnung wurden. Sie scheuten sich nicht mehr, offen hervorzutreten, und es kam vor, daß bei der Beerdigung eines Vereinsmitgliedes sowohl die Vereinsmitglieder selbst wie auch die befreundeten Vereine in großer Aufmachung an der Beerdigung teilnahmen und die Vereinsfahnen entfalteten. Die Vereinsmitglieder fuhren in Kraftwagen vor, und es war sogar häufig der Fall, daß bei besonderen Gelegenheiten, wie Stiftungs- und sonstigen Vereinsfesten, angesehene Rechtsanwälte, Geschäftsleute u. a. teilnahmen, die in Ausübung ihres Berufes mit den Vereinen oder einzelnen ihrer Mitglieder in Verbindung standen. Auf der anderen Seite war die Rivalität unter den Vereinen so gestiegen, daß es zu gegenseitigen Überfällen auf einzelne Mitglieder wie auch auf Vereinslokale kam, also auf die Lokale, in denen sich die Mitglieder regelmäßig trafen.“

(Bartsch Georg, 1956 : S.80  „Prostitution, Kuppelei und Zuhälterei“, Verlag Deutsche Polizei GmbH, Hamburg)

Bis 1933 gab es in Deutschland etwa 100 Vereine mit ca. 5000 Mitgliedern. Bei einem Großteil dieser Vereine handelte es sich um reine Zuhälterclubs, während in Berlin die Konkurrenz zu anderen Unterweltvereinen weiterhin bestand. Während der Weimarer Republik gelang es der Polizei nicht die „Schweigesolidarität“ des Milieus zu durchbrechen. Durch eine Ausweitung der Kompetenzen der Kripo nach 1933 weit über den rechtsstaatlichen Rahmen hinaus (dies wurde als vorbeugende Verbrechensbekämpfung bezeichnet) wurden viele Ringvereine brutal zerschlagen und 1934 offiziell verboten. Nach einem Runderlass von 1938 wurden viele Zuhälter ins Konzentrationslager überführt. Inwieweit sich diese Ringvereine in der Weimarer Republik auch politisch positionierten ist aus den eingesehenen Quellen nicht zu ersehen.

Im Arbeiterstadtteil St. Pauli wurde traditionell links gewählt und es scheint zumindestens zum Ende der Weimarer Republik auf der unteren Ebene zwischen kriminellen und politischen Organisationsprinzipien gewisse Ähnlichkeiten gegeben zu haben. Anfang der 1930er  entwickelten sich innerhalb der kommunistischen Arbeiterschaft Tendenzen, die seitens der Kriminalpolizei dem Bereich der gewöhnlichen Kriminalität zugerechnet wurden. 1931 wurden eine Mehrzahl von Wettbüros, Banken und anderen Geschäften von kommunistischen Arbeitern aus dem Umfeld des seit 1929 verbotenen Rotfrontkämpferbundes überfallen. Teile der aktiven Basis hatten sich zu „Selbsthilfegruppen“ zusammengeschlossen um wegen der wirtschaftlichen Not und der sich zuspitzenden politischen Situation, Lebens- und Geldmittel zu organisieren.

„Bemerkenswert ist nun, dass es sich bei den inzwischen ergriffenen Tätern durchweg um Personen handelt, die nach eigener Bekundung der kommunistischen Partei angehören bzw. mit den Kommunisten sympathisieren. Etliche sind Mitglieder eines Sportclubs. Von ihnen ist bekannt, dass sie Mitglieder der Sektion „Rote Marine“ des verbotenen Rotfrontkämpferbundes sind. In einem kommunistischen Verkehrslokal, der Gastwirtschaft Gericke, wurden unter dem Fußboden versteckt größere, aus einem Raubüberfall stammende Gelder gefunden. Als festgestellt muß gelten, dass es sich bei den Tätern um gleichgesinnte Leute handelt. Nach eigenen Bekundungen festgenommener Personen waren geraubte Gelder „für das Proletariat“ bestimmt. Es sind auch Gelder zur Unterstützung in Haft befindlicher Kommunisten verwendet worden.“

Aus einer amtlichen Bekanntgebung der Hamburger Kriminalpolizei vom 14. Oktober 1932  Zitat aus:  Ebeling Helmut, 1980 „Schwarze Chronik einer Weltstadt – Hamburgs Kriminalgeschichte 1919-1945“, Ernst Kabel Verlag, Hamburg, Seite 317/318


Amelunxen Clemens, 1967, „Der Zuhälter – Wandlungen eines Tätertyps“, Kriminalistik – Verlag Hamburg

Barth Ariane, 1999,„Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Fock Jürgen, 1965, „Das Problem des Zuhältertums“, Inaugural-Dissertation, Universität Berlin

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

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Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung und das Prostitutionswesen

Bei der Reichstagswahl 1928 stimmten in St. Pauli 37% für die SPD, 30% für die KPD und 3% für die Nazis. Die Hamburger Bürgerschaftswahl von 1931 brachte der KPD ihr bestes Ergebnis in der Weimarer Republik: 169.000 Stimmen – 21,9%. Da der politische Kampf aufgrund der Erfahrungen nach dem 1. Weltkrieg und der Vorgaben der Komintern  weiterhin hauptsächlich gegen die SPD gerichtet blieb, war ein gemeinsames politisches Konzept aller antifaschistischen Kräfte so gut wie unmöglich. 1933 stimmten 24% für die SPD, 32% für die KPD und 35% für die Nazis.

1930 hatte die Polizei in Hamburg 209 Versammlungen und Demonstrationen zu überwachen. 1931 waren es bereits 1341 Versammlungen und 706 Demonstrationen. 1932 wurden 5920 politische Veranstaltungen überwacht, bzw. begleitet und im Zusammenhang mit Demonstrationen, Saalschlachten und Straßenunruhen waren 2936 Festnahmen wegen Körperverletzung erfolgt. 1931 wurde Ernst Henning, ein KPD-Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft von Mitgliedern der SA erschossen. 4 Tage später kam es zu Schlägereien auf der Bürgerschaftssitzung in dessen Folge mehrere Mitglieder der nationalsozialistischen Fraktion zusammengeschlagen wurden, woraufhin alle 10 KPD-Abgeordnete einen Monat von Parlamentssitzungen ausgeschlossen wurden. Am Tag der Beerdigung kam es in Barmbek zu schweren Unruhen bei denen die Polizei von der Schusswaffe Gebrauch machte. Die politischen Straßenkämpfe gipfelten am 17. Juni 1932 im sogenannten „Altonaer Blutsonntag“ An diesem Tag wollten die Nazis eine ca. 7000 Mann starke Demonstration durch die traditionell kommunistisch und sozialdemokratisch geprägten Stadtteile Altona und St. Pauli durchführen. Im Arbeiterrevier nahe der Grenze zu St.Pauli kam es zu schweren Auseinandersetzungen bei denen auch Schusswaffen eingesetzt wurden, woraufhin die Polizei ihrerseits unverhältnismäßig von der Schusswaffe Gebrauch machte. Resultat: 60 Verletzte, 18 Tote, darunter zwei SA-Männer, drei Kommunisten und 13 Passanten. Diese bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen lieferten dem Reichskanzler Franz von Papen den Vorwand, die von den Sozialdemokraten mitgebildete preußische Regierung aufzulösen, womit der NSDAP politisch der Weg frei gemacht wurde.


Die Sozialdemokratie in Deutschland des 19. Jh. und jungen 20. Jh. definierten die Prostitution, wie auch im kommunistischen Manifest, als eine besondere Form gesellschaftlicher Ausbeutung bei der das Proletariat das Angebot stellte und die Nachfrage von der Bourgeoisie bestimmt wurde. Diese vereinfachende Perspektive des Klassenkampfes wurde von dem französischen Historiker Alain Corbin (geb. 1936) und dem deutschen Schriftsteller Hans Ostwald (1873-1940) differenzierter dargestellt. Sie wiesen nach, dass die Nachfrage nach Prostituierten auch in der Arbeiterschaft bestand; bei ledigen männlichen Arbeitern, Wandergesellen, Seeleuten, Soldaten und jungen Leuten. Die beiden sozialistischen Theoretiker Marx und Engels nahmen die damalige Vorstellung von der kriminellen Unterwelt auf und fügten sie unter der Begriffsbildung „Lumpenproletariat“ in ihr theoretisches Bezugssystem ein.  Erst nach den Zeiten der Pariser Kommune von 1871 begannen anarchistische Theoretiker wie Michail Bakunin,- und auf der anderen  Seite die Polizei – die Kriminalität als Verbündete der Revolution zu betrachten.  In einer Schrift um die Jahrhundertwende, nach Abschaffung der Sozialistengesetze, wird das Schreckensgespenst eines gemeinsamen Umsturzes von Sozialisten, Zuhältern und Kommunisten entworfen:

„Prostitution und Zuhälterthum in der jetzigen Lebensweise, in der jetzigen Regelung ihrer Verhältnisse sind Vorstufe und Durchgangsstufe zum gemeinen Verbrechen. (…) Wie sehr aber Prostitution und Verbrecherthum in Berlin mit einander verquickt sind, das kann man daran beurteilen, dass beide dieselbe Sprache sprechen, dieselbe ursprünglich aus dem Hebräischen stammende, theils verdeutschte, theils mit deutschen Zusätzen versehene rühmlichst bekannte Berliner Verbrechersprache. Das ist die sociale Gefahr, von der wir sprachen. Daneben steht noch eine social-politische. Denn wenn einmal eine Zeit der schweren Noth hereinbrechen sollte, dann werden wir die ungezügelte Prostitution, diese tausende von vagabondierenden Zuhältern auf der Seite der Umstürzler finden, und sie werden fürchterliche Gegner sein, nicht wegen ihrer Tapferkeit, wohl aber wegen ihrer Blutgier und Verthierung, und noch weit mehr wegen der maßlosen Aufhetzung, mit der sie sich allen Kreisen aufdrängen werden, welche ihnen irgendwie zugänglich sind.“

Aus dem Pamphlet einer Gruppe „Hamburger Männer“ um die Jahrhundertwende,  Zitat aus: Evans Richard J., 1997 : 271

Im Hamburger Echo, dem Kampfblatt der Sozialdemokraten, die kulturpolitisch überwiegend auf das bürgerliche Lager ausgerichtet waren, findet sich zwei Jahrzehnte später ein kleiner Artikel aus dem hervorgeht, dass die Kommunisten und die linksradikale USP sich im Rotlichtmilieu engagierten. So wurde im Zuge der sexualreformerischen Bestrebungen dieser Jahre, 1920 eine Interessenvertretung der Prostituierten mit dem Publikationsorgan „Der Pranger“ gegründet.

„Wenn gestern, angeblich auf Anregung der Prostituierten eine von Ehrenfried Wagner (USP) und der Kommunistin Guttmann einberufene Versammlung ( es waren etwa 100 Vertreter von öffentlichen Häusern anwesend) der unter ärztlicher Sittenkontrolle stehenden weiblichen Personen stattfand. So geschah dies, um die wirtschaftliche und soziale Not der in diesem „Beruf“ stehenden Personen zu mildern gegen die Schikanen der Polizeiorgane und die Ausbeutung der Bordellwirte. Man stellte verschiedene Forderungen auf, wie Tarife für das Logis bei ganzer und halber Miete, Beseitigung des Bierzwanges und des Türanzeige, Aufhebung des Verbots zum Theaterbesuch und des Betretens gewisser Straßen, bessere Behandlung in Krankenhäusern, u.v.m.. Zur Durchsetzung dieser Forderungen will man sich in einer Organisation zusammenfinden, und letztere durch kleine monatliche Beiträge finanzieren. Jede Straße wählt eine Vertrauensperson, die die Beschwerden der Organisation unterbreitet, welche dann zunächst versuchen wird durch gütliche Verhandlungen mit der Polizeibehörde oder den Bordellwirten aus der Welt zu schaffen. Sofern jedoch dadurch keine Abhilfe erreicht wird, soll jeder einzelne Fall von Schikane oder Ausbeutung in einem besonderen Organ, „Der Pranger“ publiziert werden.“

Hamburger Echo/Nr.12 Ab/8.1.1920

Der „Pranger“ wurde bereits am 20.2.1920 verboten. Das „Hamburger Echo“ (HE/85Mo/20.2.20) schreibt hierzu: “…Dieses Blatt “Der Pranger” aber, hat in geradezu skandalöser Weise die betont schmutzigsten Dinge ins Volk getragen, hat bewusst auf die niedrigsten Triebe eingewirkt. (…)
Das Verbot ist ohne weiteres gerechtfertigt, mit menschlich erstrebenswerten Zielen, mit sozialistisch-kommunistischer Gesinnung hat, was in diesem Dreckfetzen stand, nichts gemein.“

 

Ehrenfried Wagner war der leitende Redakteur der USP-nahen Hamburger Volkszeitung und musste im Herbst 1919 wegen seiner kritischen Artikel zum Reichswehreinsatz im Juli 1919 für 6 Wochen ins Gefängnis. Danach gründete er mit Ketty Gutmann den „Pranger“ als Gewerkschaftsorgan der Hamburg-Altonaer Kontrollmädchen. In der Publikation wurde weitergehend die freie Liebe und die Sexualrevolution propagiert. Beide gehörten 1921 zu den 17 Mitgliedern der kommunistischen Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft. Jahre später wurde Ketty Gutmann wegen ihrer Broschüre „Los von Moskau!“ als „Antiautoritäre“ aus der KPD ausgeschlossen.

Im gleichem Jahr heißt es bei dem Artikel „Zum Kampfe gegen die Bordelle“:


„…Es handelt sich hier um eine große soziale Tat, für die unsere Partei des Dankes aller derjenigen Männer und Frauen gewiß sein kann, die den Kampf gegen  die gewerbsmäßige Unzucht im neuzeitlichen Geiste führen. Es ist kein Zufall, dass auch die russische Sowjetregierung nach dem Berichte von Goldschmidt in seinem Moskauer Tagebuch vom Mai dieses Jahres das Bordellunwesen in Russland rücksichtslos ausgerottet hat, und mögen wir auch sonst durchaus nicht mit allen Sowjetmethoden aus wohlberechtigten Gründen übereinstimmen, in diesem Punkte müssen wir das Vorgehen der Bolschewisten anerkennen und uns zum Vorbild nehmen“

Hamburger Echo, 429Ab, vom 14.9.1920

Wie aus den Texten und speziellen Formulierungen der letzten Artikelschreiber hervorgeht, gab es im Gegensatz zur Darstellung konservativer Kreise keineswegs eine Allianz zwischen Prostitution und linksgerichteter Politik, oft waren sie vielmehr erbitterte Gegner. Die Sozialdemokratie nahm das Hamburger Bordellwesen oft zum Anlass um gegen die Prostitution zu Felde zu ziehen und um im Reichstag gegen die Politik der Ausbeutung und die herrschende Doppelmoral zu polemisieren, wobei die Interessenlage der Prostituierten nicht berücksichtigt wurde. Obwohl davon ausgegangen werden kann, dass vor allem in den Gängevierteln die sozialen Milieus der Arbeiter, Gewerbetreibenden und der Prostituierten vernetzt waren.

Gegner des Hamburger Bordellsystems und auch oft der Sittenpolizei waren verschiedene Frauenvereine, vor allem der 1899 gegründete „ Hamburger-Altonaer-Zweigverein der Internationalen Abolitionistischen Föderation“, die seit 1911 bestehende, religiös geprägte Mitternachtsmission und die Sozialdemokratie. Der sozialdemokratische Abgeordnete für den Hamburger Wahlkreis August Bebel, brachte das Hamburgische Bordellwesen und den Frauenhandel wiederholt im Reichstag zur Sprache. 1895 hatte dies die Ausweisung zahlreicher Ausländerinnen aus den Bordellen zur Folge. Nach dem 1. Weltkrieg und den stattgefundenen politischen Umwälzungen erlangte die sozialdemokratische Partei großen Einfluss im Hamburger Parlament und Regierung. Zum ersten Mal zogen Frauen in die Hamburger Bürgerschaft ein. Damit gewannen diejenigen politischen Kreise an Einfluss, die jahrelang das Bordellsystem entschieden bekämpft hatten.

Ebeling Helmut, 1980, „Schwarze Chronik einer Weltstadt – Hamburgs Kriminalgeschichte 1919-1945“, Ernst Kabel Verlag,

Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Pelc Ortwin, 2002, „Hamburg, die Stadt im 20.Jh.“, Convent-Verlag, Museum f. Hamburgerische Geschichte

Sigmund Monika, Renate Kühne, Gunshild Ohl-Hinz, Ulrike Meyer, 1996, „ Man versuchte längs zu kommen und man lebt ja noch – Frauen-Alltag in St. Pauli in Kriegs- und Nachkriegszeit“, St. Pauli-Archiv, Druckerei in St.Pauli, Hamburg

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Die Schließung der Bordelle – Gesetzesnovelle und Datenerfassung

Mit der Etablierung der Weimarer Republik forderte 1921 der Reichstag alle im Deutschen Reich noch bestehenden Bordelle zu schließen und die Kasernierung zu beenden. Auch in Hamburg empfahl eine extra dazu eingesetzte Kommission die Schließung der Bordelle. In einem Bericht des Bürgerausschusses aus dem Jahr 1921 zum hamburgischen Prostitutionswesens wurde festgestellt, dass sich nur ein geringer Teil der gewerbsmäßigen Unzucht in den Bordellen vollziehe, der Polizei aber mehr als 1000 Kupplerquartiere bekannt seien, vor allem in den Straßen rund um den Hauptbahnhof und in St. Pauli. Im gleichen Jahr wurde dann in der Bürgerschaft ein Antrag angenommen, dass der Senat zu ersuchen sei keine Neueinschreibungen unter Kontrolle stehender Prostituierter mehr zu genehmigen und die Bordelle baldmöglichst polizeilich schließen zu lassen. Im Juni 1922 wurden dann die letzten Bordelle offiziell geschlossen. Die Bordellstraßen wurden umbenannt und die freigewordenen Bordelle zur normalen Vermietung freigegeben, einige hingegen wurden zu „Restaurants“ und „Pensionaten“ umbenannt.

Nach einer  Statistik der Hamburger Sittenpolizei aus dem Jahr 1920 gab es insgesamt 116 Häuser mit über 800 Zimmern in denen durchschnittlich 550 bis 600 “Insassen” zugegen waren. Der Wert der Hamburger Bordell-Häuser wurde vor dem ersten Weltkrieg auf 6 Millionen Reichsmark geschätzt. In Altona gab es die Bordellstraßen Peterstraße und Kleine Marienstraße mit insgesamt 26 Häusern und 260 Insassinnen. Nach einer Umfrage des Frankfurter Statistischen Amtes aus dem Jahr 1919 wurde die Zahl der geheimen Prostituierten in Altona auf 500 geschätzt.

Die unter strenger Kontrolle stehenden Prostituierten verteilten sich über folgende Bordelle:

Brunnenstraße                        2 Häuser   –     7 Zimmer
Heinrichstraße                       21 Häuser  –     117 Zimmer
Hinter der Markthalle         4 Häuser   –     20 Zimmer
Klefekerstraße                       16 Häuser   –     130 Zimmer
Neue Springeltwiete           11 Häuser  –     119 Zimmer
Schützenstraße                     14 Häuser   –     138 Zimmer
Schwiegerstraße                  17 Häuser  –      80 Zimmer
Ulricusstraße                        31 Häuser   –      210 Zimmer

Quelle: Knack U.B., 1921: 9

Der Senat schloss als erstes die Bordelle in den Straßen „Hinter der Markthalle“ und einen Teil der Häuser in der Klefekernstraße und in der zweiten Brunnenstraße. Bereits einen Monat später, im August `21, beschwerten sich die Geschäftsleute der Klefekernstr., der Wexstr., Brüderstr. und des Trampgangs über die Zustände im Inneren der Neustadt, da die vormals bordellierten Frauen ihr Geschäft nun auf der Straße betrieben und die Straßen das Bild „öffentlicher Bordellstraßen “ angenommen hätten. Frauen von Anwohnern wurden von der männlichen Klientel der Prostituierten belästigt und die Kundschaft der regulären Läden blieb zunehmend aus. Um die Schließung weiterer Bordelle zu verhindern organisierten die Geschäftsleute im September `21 eine öffentliche Versammlung zu der ca. 500 Ladenbesitzer, Handwerker, Zimmervermieter und Prostituierte erschienen. Während die Ladenbesitzer eine Verschlechterung des Straßenbildes und Umsatzeinbußen befürchteten, war der Protest der „Kontrollmädchen“ von anderen Sorgen getragen. Während der Nachkriegszeit herrschte eine extreme Wohnungsnot und viele Prostituierte mussten damit rechnen entweder kein neues Zimmer zu finden oder völlig überzogene Mieten zahlen zu müssen. 153 Frauen der Bordelle der Schwiegerstraße und der Ulrikusstraße, die zum Dezember 1921 geschlossen werden sollten, richteten Petitionen an den Senat um den Termin der Schließung zu verschieben, da sie sonst befürchteten zum Winter mittel- und obdachlos zu werden. Sie betonten ihrerseits, dass sie in den Bordellen weitaus preiswerter leben konnten als außerhalb in privaten Wohnungen, da die Vermieter sie entweder ablehnten oder extrem überhöhte Mietpreise verlangten. Die Häuser in der Schwieger- und Ulrikusstraße wurden trotzdem zum Dezember `21 geschlossen, während man bei den anderen Bordellen den Termin wegen der Wohnungsnot hinauszögerte. Im Juli 1922 wurden auf Beschluss der Bürgerschaft und des Senats und unter dem Druck der Öffentlichkeit – gegen den Willen der Polizeibehörde, des Gesundheitsamtes und des Wohnungskommissars – alle Bordelle in der Schützen, Heinrich und Klefekernstraße , sowie der Springeltwiete geschlossen.

Mit der Schließung wurden die ehemaligen Bordellstraßen gleichzeitig umbenannt. Aus der Schwiegerstraße wurde der Kalkhof, aus der Ulrikusstr. die Winkelstraße, die Schützenstr. wurde zum Johanniswall, die Klefekernstr. zur Mauerstraße und die Heinrichstraße zur Herbertstraße. Die Vorschriften der Sittenpolizei verloren mit der Schließung der Bordelle ihre Gültigkeit, da die Frauen somit keiner Wohnungsbeschränkung mehr unterlagen. Es war ihnen von da an erlaubt Cafes, Restaurants, Theater und den Zirkus zu besuchen, Während ihnen vorher fast alle Hauptverkehrsstraßen verboten waren, konnten sie jetzt die Straßen, mit Ausnahme des Jungfernstiegs und den Straßen in der Umgebung des Hauptbahnhofes, betreten. Außerdem wurden die medizinischen Untersuchungseinrichtungen erweitert, da die Untersuchungen nicht mehr in den Bordellen durchgeführt werden konnten. Im Juli 1921 hatten 1600 Frauen unter sittenpolizeilicher Kontrolle gestanden, davon hatten 560 Frauen in einem der 800 Zimmer in den 114 Bordellen in den 8 von der Polizei freigegebenen Bordellstraßen gewohnt. Die anderen 1040 Frauen hatten bereits in Privatwohnungen, verstreut im Stadtgebiet, gelebt. Nach der Auflösung der Bordelle mussten sich die 560 Frauen privat Zimmer suchen und gingen ihrem Geschäft in der Regel auf der Straße nach, wobei sich eine Konzentration in den Stadtteilen St. Georg, St. Pauli und dem Gängeviertel zeigte, was die Möglichkeiten der Zimmervermietung, vorhandene Absteigen und der Straßenprostitution betraf. 1925 kamen ca. 250 Prostituierte auf 1100 Familien im Gängeviertel.

Die Bevölkerung des Gängeviertels ist sehr gemischt. Zu einem geringen Teil ist noch eine bodenständige Arbeiterbevölkerung vorhanden, die, am Hafen beschäftigt, von alters her dort wohnt und infolgedessen mit den bescheidenen Wohnverhältnissen zufrieden ist, da sie die Vorteile des kurzen Weges zur Arbeitsstelle in Rechnung zieht. Diese Bevölkerungsschicht nimmt jedoch mehr und mehr ab, da sie von anderen, weniger soliden verdrängt wird und nach dem Ausbau der Verkehrsanlagen die Möglichkeit hat, bessere Wohnquartiere in den äußeren Stadtteilen zu beziehen. Was übrig bleibt, ist eine äußerst zahlungsschwache Mieterschicht, die sich in vielen Fällen durch Beherbergung der nach  Aufhebung der Bordelle heimlosen Prostitution einen Nebenerwerb mancherlei Art verschafft. Diese Entwicklung ist so stark geworden, dass ein Teil der Gänge ganz den äußeren Eindruck minderwertiger Bordellstraßen macht. (…) Eine weitere Schicht der Bewohnerschaft bilden die zugewanderten Familien, die die heute erforderliche Wartezeit bis zur Beschaffung einer Wohnung durch das Wohnungsamt noch nicht erfüllt haben und nun in diesen Wohnungen, die von den Hamburger Wohnungssuchenden verschmäht werden und zur freien Vermietung kommen, unterzukriechen. Hier spielt das Gängeviertel also die Rolle eines fragwürdigen Privataspiz für Obdachlose. Nehmen wir hierzu noch die Tatsache, dass das winkelige und dunkle Gängeviertel willkommener Unterschlupf für die Verbrecherwelt bietet, so haben wir das Nachtstück einer Großstadtentwicklung vor Augen, wie wir es uns trüber kaum denken können. Es wird eine Aufgabe der nächsten Zukunft sein, auch diesen letzten Teil des Sanierungsprogramms vom Jahre 1897 möglichst schnell zu erledigen. Die Lösung der Frage, wo die sozial äußerst schwierige Bewohnerschaft unterzubringen ist, wird den Staat vor soziale Aufgaben stellen, wie er sie in diesem Umfange noch nicht zu lösen hatte, da Gesetzgebung und allgemeine Anschauung heute anders sind als bei Inangriffnahme des Sanierungswerkes und es sich hier um Beseitigung der letzten Insel und Zufluchtstätte meist asozialer Elemente im Herzen der Großstadt handelt.“

Quelle: Hamburger Correspondent Nr.1 1.1.1928,   „Das Hamburger Gängeviertel – Ein sozialer Fremdkörper in der Millionenstadt“  „Ein fragwürdiges Wohnquartier“ von Oberbaurat Peters

Nachdem der Zwang in einem Bordell zu wohnen nicht mehr bestand, ließen sich immer mehr Frauen bei der Sittenpolizei registrieren. Im Juli 1921 waren 560 Frauen eingeschrieben, 1923 bereits 1300 und 1924 – 2000, bis sie mit 2400 registrierten Frauen anfangs 1926 ihren „offiziellen“ Höchststand erreichte. Die Zahl der männlichen Prostituierten wurde auf 1500 geschätzt. 1923 griff die Sittenpolizei 4.078 Männer auf,  von denen 1512 an einer Geschlechtskrankheit litten. 1924 wurden 3554 Männer aufgegriffen von denen 1593 erkrankt waren. Für männliche Prostituierte gab es keine gesetzlichen Bestimmungen. Sie wurden nicht in Listen registriert und mussten sich nicht regelmäßigen Gesundheitskontrollen unterziehen. Das sich innerhalb von 4 Jahren die Zahl der weiblichen Prostituierten um das vierfache erhöht hat erklärt sich aus den Umstand, dass viele der Frauen, die vorher der heimlichen Prostitution nachgegangen waren, sich nun registrieren ließen. Andererseits war Hamburg während der Inflationsjahre, als Messe- und Konferenzstadt und als Hafenstadt, mit vielen  Ausländern und Seeleuten, die mit harter, inflationsresistenter Währung zahlten, auch Anziehungspunkt für viele Frauen aus dem Umland und anderen deutschen Regionen. Insgesamt 70% der Kontrollmädchen sollen von auswärts zugezogen sein.

„Man wird diese Zahl sicher für viel zu niedrig halten, wenn man einmal mit aufmerksamen Auge die Verhältnisse geprüft hat. Doch bei dem jetzigen System des frei-herum-laufen-lassens ist eine Ueberwachung und statistische Erfassung sämtlicher Prostituierten kaum möglich. (…) Aber reine Bahn und moralische Gesundung kann man nur dann schaffen, wenn auch die Fäulniserreger beseitigt werden. Fürsorgerische Maßnahmen werden gegenüber dem Dirnenunwesen nur zu einem kleinen Teil helfen. Verschiedene Kreise wünschen Zusammenarbeit des Pflegeamts mit dem Gericht und dem Arbeitshaus, andere wieder fordern eine verstärkte Straßenpolizei die dem Dirnenunwesen steuern soll.“

(Hamburger Correspondent/Nr.232Ab, S.4, 20.5.1925) „Die Prostitution in Hamburg“

Aufgrund der  zunehmenden Verschlechterung des Straßenbildes kam es im März 1925, unter der Leitung des evangelischen Landesverbandes der Inneren Mission, in den Räumen von Saegebiel zu einer Veranstaltung zum Thema „Prostitution und das Wohnungselend“ mit mehreren tausend Teilnehmern. Im gleichen Jahr setzte der Senat eine Kommission zur Prüfung der Frage der Neuregelung des Prostitutionswesens in Hamburg ein  Auch in der Bürgerschaft wurde die Prostitutionsfrage erneut zum Thema. Die Mehrheit der Abgeordneten sprach sich, wie schon 1921, gegen das System der Kasernierung, polizeilichen Überwachung und Bordellierung aus und befürwortete stattdessen gesundheitliche und fürsorgerische Maßnahmen. Ein Maßnahmenkatalog der Senatskommission setzte vordringlich darauf die Durchmischung von Prostituierten und „normaler“ Bevölkerung entgegenzuwirken, vor allem dort wo Familien und Kinder betroffen waren. Dabei unterschied die Sozialbehörde 3 Kategorien von Straßen: Straßen aus denen normale Haushalte vollständig ausquartiert werden sollten, um sie Prostituierten und Zuhältern zu überlassen. Straßen aus denen Familien mit Kindern ausquartiert werden sollten, kinderlosen Ehepaaren aber weiterhin das Wohnen erlaubt blieb und Straßen aus denen die Prostitution vollständig verdrängt werden sollte. Das Ziel war es alle Familien mit Kindern aus dem „sittlichkeitsgefährdeten Milieu“ umzusiedeln. Viele der Familien waren allerdings zu einem Umzug nicht bereit. Die soziale und berufliche Bindung an den Stadtteil und die niedrigen Mieten waren einige der Gründe, außerdem hatte sich das traditionelle Schläfgängertum, welches sich inzwischen immer mehr zur Zimmervermietung an Prostituierte gewandelt hatte, zu einer wichtigen Einnahmequelle vieler Familien entwickelt.

Nach dem §361 Nr.6 StGB nahm die Sittenpolizei Razzien vor allem in den Vierteln St. Pauli, St. Georg und in der Gegend um die Steinstr. und in der Neustadt vor. Im Jahr 1924 nahm die Polizei insgesamt 15.232 Frauen fest, davon 7.960 registrierte Prostituierte und 7.272 Frauen, die der heimlichen Prostitution verdächtigt wurden. Die Frauen wurden zunächst zur nächstliegenden Polizeiwache gebracht, wo eine Vernehmung durch die Sittenpolizei erfolgte. Wenn sie sich nicht ausweisen konnten oder der Verdacht der Prostitution oder auf eine Geschlechtskrankheit bestand, blieben sie in Arrest und wurden am folgenden Tag im Stadthaus zwangsweise auf Geschlechtskrankheiten untersucht und der Fürsorge des Pflegeamtes übergeben. Statt eine Strafe im Gefängnis anzutreten, hatten die Frauen die Möglichkeit sich „freiwillig“ der Aufsicht des Pflegeamtes zu unterstellen, wo dann, nach dem sogenannten „Bielefelder System“, die Resozialisierung und nicht die Bestrafung im Vordergrund stand. Mit dem Bielefelder System wurde die sittenpolizeiliche Kontrolle durch eine „Aufsicht und Erziehung“ der Frauen durch das Pflegeamt abgelöst. Die Kontrollbücher der Sittenpolizei wurden abgeschafft und 1926 wurden die Frauen aus der sittenpolizeilichen Kontrolle entlassen. Bei Frauen, die keinen Willen zeigten zu einem „gesitteten Lebenswandel“ zurückzukehren oder sich der Aufsicht entzogen, wurde die Haftstrafe vollzogen. Mitte der 20er Jahre verbüßten ca. 2000-2500 Frauen eine Strafe nach §361 Nr.6 StGB in den Hamburger Haftanstalten.

Dem Pflegeamt, dem in den 20er Jahren jährlich ca. 1200 „Pfleglinge“ von der Sittenpolizei und den Krankenhausabteilungen für Geschlechtskranke überwiesen wurden, standen eine Reihe von Häusern zur Verfügung. Nachdem die Frauen unter Aufsicht gestellt waren, entschieden die Fürsorgerinnen ob sie zurück zu ihrer Familie geschickt wurden, eine Arbeit vermittelt bekamen oder im Arbeitshaus 6 Monate zu arbeiten hatten. Das 1921 gegründete Pflegeheim in der Martinistraße war eines der moderateren Einrichtungen. Es wurde neben der Unterbringung, Verpflegung und Arbeitsvermittlung auch für ein kulturelles Begleitprogramm gesorgt, welches von Kinobesuchen, Singabenden bis zu Ausflügen reichte. Eine weitere Einrichtung war der „Louisenhof“ im  sogenannten Versorgungsheim in Farmsen. Es bestand aus zwei Baracken für bis zu 20 Frauen. Das ganze Areal war mit Stacheldraht eingezäunt und die Frauen waren dort unter strenge Aufsicht gestellt, sie durften sich auf dem Gelände nicht frei bewegen, es gab kaum Besuchsmöglichkeiten und persönliche Briefe unterlagen der Zensur. Die Frauen hatten dort einen mindestens 6-monatigen Arbeitsdienst zu verrichten. Wenn Frauen keine Einsicht zeigten und außerdem als „schwachsinnig und psychopathisch“ klassifiziert wurden, wurde oft ein Entmündigungsverfahren eingeleitet, womit diese Frauen dann völlig rechtlos der Vormundschaft der Fürsorge ausgeliefert waren.

Im Februar 1927 wurde das „Reichsgesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ verabschiedet. Mit diesem Gesetz hatte die Prostitution ihren Deliktcharakter verloren und war quasi erlaubt, ausgenommen in der Nähe von Schulen, Kirchen und Kindern allgemein. Die polizeiliche Reglementierung wurde durch eine Gesundheitskontrolle abgelöst und die Kasernierung ausdrücklich verboten. Die Verpflichtung sich bei vorliegender Geschlechtskrankheit untersuchen zu lassen, galt nun für jeden. In Hamburg existierten 1928 ganze fünf Fürsorgestellen für Geschlechtskranke, deren größte sich in der Gesundheitsbehörde am Besenbinderhof und im Krankenhaus St. Georg befanden. Beratung und Behandlung waren kostenlos. Zu den bisherigen Klienten kamen nun auch die Prostituierten hinzu. Die Kuppeleiparagraphen §180 und §181 StGB blieben im Inhalt gleich, demnach war der Unterhalt eines Bordells oder bordellartigen Betriebes strafbar. Doch trotz der endgültigen Schließung aller Bordelle im Oktober 1927 existierten sogenannte „Massagesalons“ und „Heilinstitute“ weiterhin.

Die wirtschaftliche Notlage während der Weltwirtschaftskrise und der damit zusammenhängende Anstieg der Straßenprostitution, gaben der Sittenpolizei Möglichkeiten ihren durch die neue Gesetzeslage verlorenen Kompetenzbereich wiederzugewinnen. Mit Hilfe des Paragraphen 22, dem sogenannten Verhältnisgesetz, konnten Personen die „die öffentliche Ordnung störten“ bis zu 24 Stunden festgenommen werden. Dieser Paragraph wurde zu einem Instrumentarium der Sittenpolizei um gegen die Straßenprostitution vorgehen zu können. Weitergehend setzte die Polizei ihre Vorstellung der Bekämpfung und Kontrollierung der Prostitution durch, indem sie ab 1930, entgegen der eindeutigen Gesetzeslage, wieder begann bestehende Bordelle stillschweigend zu dulden. Hamburg war aufgrund der wirtschaftlichen Lage zum ökonomischen Notstandsgebiet erklärt worden. In Hamburg wirkte sich die Weltwirtschaftskrise wegen der Auslandsabhängigkeit der Hamburger Hafenwirtschaft besonders stark aus. Die Krise führte zu einem Rückgang des deutschen Außenhandels von 1928 bis 1932 auf 60% in Bezug auf die Menge und 38% in Bezug auf den Wert. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Hamburger Arbeitslosen von 50.000 auf fast 165.000. Die meisten Erwerbslosen erhielten in Hamburg durch die Versicherung ein halbes Jahr etwa 40%, 1932 nur noch 20-30% ihres früheren Einkommens. Im Anschluss danach konnten sie bei nachgewiesener Hilfsbedürftigkeit ein Existenzminimum durch die kommunale Wohlfahrt erhalten.

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Knack U.B., 1921, “Groß Hamburg im Kampfe gegen Geschlechtskrankheiten und Bordelle“, Verlagsanstalt Auer in Hamburg

Pelc Ortwin, 2002, „Hamburg, die Stadt im 20.Jh.“, Convent-Verlag, Museum f. Hamburgerische Geschichte

Urban Alfred, 1927, „Staat und Prostitution in Hamburg“, Verlag Conrad Behre, Hamburg

Zürn Gabriele, 1989, „Prostitution in Hamburg im „Dritten Reich“ 1933-1945“, Magisterarbeit, Universität Hamburg

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Hamburg und St. Pauli unter faschistischer Herrschaft

Durch das „Groß-Hamburg-Gesetz“ von 1937 verdoppelte sich die  Stadtfläche annährend und die Einwohnerzahl stieg um 40% auf ca. 1,7 Millionen. Altona und die Elbvororte, Wandsbek, Harburg und Wilhelmsburg wurden mit diesem Gesetz eingemeindet. Die enge Vernetzung der Gesundheitsbehörde, der Fürsorgeeinrichtungen und der Polizei lieferten einen umfangreichen Datenpool, der ab 1933 intensiv genutzt wurde. Schon vor 1933, aber spätestens mit der Machtübernahme der Nazis wurde die liberale Gesetzgebung demontiert und durch eine scharfe Reglementierung und Kasernierungspraxis ersetzt.

Es wurden verstärkt Razzien durchgeführt um das „Straßenbild zu reinigen“. Dabei erfolgten die Festnahmen oft nach der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ vom Februar 1933, die zur Verfolgung politischer Gegner des nationalsozialistischen Regimes vorgesehen war. Aufgrund dieser Verordnung war eine 90-tägige Haft möglich. Sie wurde auch gegen die Zuhältervereinigungen eingesetzt. Alleine im Zeitraum März`33 wurden 3.201 „unzuchttreibende Frauen“ verhaftet. Die Hamburger Polizei verwarnte die aufgegriffenen Frauen bei ihrer ersten Festnahme, beim zweiten Mal hatten sie mit 8 Tagen Haft zu rechnen und bei der dritten Festnahme innerhalb eines halben Jahres wurden sie mit 90 Tagen Haft bestraft. Trotz dieses gestaffelten Strafregisters hatte der Strafvollzug wegen Platzmangels bald keine Möglichkeit mehr die Frauen unterzubringen. Viele der inhaftierten Frauen wurden deswegen vorzeitig entlassen. 1934 vermeldete die Hamburger Kriminalpolizei eine Säuberung des Straßenbildes. Der Straßenstrich war verschwunden. Den durch die Gesetzesverschärfungen bedingten Anstieg von Polizeiaktivitäten führte dazu, dass die Frauen des Straßenstriches inzwischen in die schwerer zu kontrollierenden Lokale und Tanzcafes auswichen um dort ihrer Arbeit nachzugehen  Allerdings waren ab November 1939 auch Animiermädchen und Tanzdamen unter die laufende Kontrolle des Gesundheitsamtes gestellt. Das sexuelle Entertainment in den Varietes wurde wieder prüde verpackt. In einigen Varietes durften die Tänzerinnen zwar noch ihre Büstenhalter ablegen, durften dabei aber nicht mehr tanzen, sondern mussten, wie in der früh-wilhelminischen Ära, im Finale zum lebendigen Bild erstarren – ein Rückgriff zu der Tradition der „tableaux vivants“.

Im gleichem Jahr (1933) in dem das Gängeviertel zwischen der Kaiser-Wilhelm-Str., den Kohlhöfen und der Wexstraße, das als „Schlupfwinkel“ für Prostituierte galt, abgerissen wurde, hatte die Hamburger Polizei die kasernierte Prostitution wiedereingeführt. Drei Straßen, der Kalkhof und die Winkelstraße (17 der 25 dort stehenden Häuser gehörten der Hamburger Finanzbehörde) in der Innenstadt und die Herbertstraße in St. Pauli wurden zu reinen Bordellstraßen umfunktioniert. Diese Straßen wurden mit Toren, die gleichzeitig als Sichtblende und als Sperre für den Durchgangsverkehr funktionierten, versehen. Männer durften dort nicht arbeiten und Zuhältern war der Zutritt und der Kontakt mit den Frauen verboten. Die Stellen der vorgesehenen Reinigungskräfte, der Pächter und Wirtschafter wurden ausschließlich mit über 25-jährigen Frauen besetzt. Bei zwei weiteren Straßen, dem Grützmachergang in St. Georg und den östlichen Teil der Maurerstraße in der Innenstadt, wurden aufgrund der Widerstände von betroffenen Bewohner und des Hamburger Fürsorgewesen die Bordellstraßenplanung wieder rückgängig gemacht. Die dort lebenden Prostituierten mussten bis zum Sommer 1935 ausziehen. Im November 1934 waren bei der Gesundheitsbehörde 1200 Frauen wegen gewerblicher Unzucht registriert, 520 hatten von der Polizei ein Kontrollbuch erhalten. In den drei Bordellstraßen wohnten ca. 280 Prostituierte, während die Polizei von 400 Frauen für eine volle Auslastung ausging. Die Pächter klagten über schlechte Geschäfte und die Prostituierten konnten, mangels Kunden, nicht immer ihre Miete bezahlen. 1937 kam durch die Eingemeindung der Stadt Altona die Bordellstraße Lohestraße hinzu.  1941 zählte die Sittenpolizei rund 700 kasernierte Prostituierte mit einer Bedarfsmenge von 300.000 Präservativen im Monat, was einem Durchschnitt von 15 Präservativen pro Frau und Tag entsprach. Hauptsächlich waren es Frauen von außerhalb Hamburgs, die in die Bordellstraßen zogen, während die Hamburgerinnen das „freie“ Wohnen bevorzugten.

Kurz nach dem Kriegsbeginn 1939 wurde das Reichsgesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten vom Reichsinnenministerium außer Kraft gesetzt und der Polizei wieder die Aufgabe der Überwachung und Kontrolle der Prostitution übertragen. Eine Entwicklung, die die Hamburger Polizei bereits mit dem Machtantritt der Nazis 1933 vorweggenommen hatte. Die Polizei fertigte Listen von Lokalen an, in denen Prostituierte verkehren durften. Ab 1940 wurden die Inhaber dieser Lokale per Anordnung verpflichtet, alle Frauen, die in ihren Lokalen verkehrten und verdächtig waren der Prostitution nachzugehen, der Sittenpolizei zu melden. Zur gleichen Zeit führten die Gesundheitsämter und die Polizei verstärkt Razzien und Streifen durch. Kontrolliert wurden einschlägig bekannte Lokale und die Region um den Hansaplatz in St. Georg. Viele der Frauen, die bei diesen Polizeiaktionen verhaftet und der heimlichen Prostitution verdächtigt wurden, erhielten seit 1942 ein „Merkblatt für Prostituierte“, mit der Aufforderung in eines der kontrollierten Bordelle zu ziehen. Frauen die sich den Anordnungen widersetzten hatten mit einer Einweisung in ein Konzentrationslager zu rechnen.

Schon im Zeitraum Mai 1934 bis November 1935 wurde unter der Mithilfe der Hamburger Behörden und Polizisten, Fürsorgerinnen, Pastoren und Lehrern etc…  eine Untersuchung durchgeführt, die dann als Grundlage für eine soziale Kartographie und einer „soziale Sanierung“ verwendet werden sollte.. Die Stadtregionen Gängeviertel, Rothenburgsort, Hammerbrock, St Georg Nord, Hoheluft, Barmbek- Uhlenhorst, St. Pauli und Sternschanze, allesamt soziale wie politische Brennpunkte, wurden infolge der Untersuchung als „gemeinschädliche“ Viertel klassifiziert.

„St.Pauli zählt als Verfallsgebiet mit zu den linksradikalsten Hamburgs. Hier haben die minderwertigen Geistes- und Moralkrüppel von jeher festen Fuß gefasst. Zum anderen ist aber noch zu beachten, dass St. Pauli eine sehr große Anzahl jener Elemente wie Verbrecher, Zuhälter und Prostituierte enthält die grundsätzlich Feinde jeder staatlichen Ordnung sind.“

Aus einer Studie des „Soziologischen Universitätsinstitutes“ in Hamburg dieser Zeit (Barth Ariane, 1999 : 73/4)

Die Datenerhebung war äußerst genau und erfasste die sozialen Zusammenhänge in jedem Wohnhaus, in jeder Straße und war direkt mit dem Gesundheitspassarchiv der Gesundheitsbehörde vernetzt, wo sämtliche Krankheiten- und darüber hinaus gehende Daten gesammelt wurden. Neben der baulichen Sanierung der Viertel sollte mittels der Information ein Differenzierungsprozess zwischen den „gesunden“ Bewohnern und den „Minderwertigen“ und „Volksschädlingen“ betrieben werden, bei denen die Maßnahmen der Sterilisierung, der Sicherheitsverwahrung und der Anstaltseinweisung geprüft wurden. Bereits 2 Jahre nach Einrichtung des Archivs existierten sogenannte Leitkarteien für Sterilisierte und „sexuell Abartige“.  Mit Hilfe eines internen Erlasses des Innenministeriums konnten ab September 1940 Prostituierte zu einem Schwangerschaftsabbruch gezwungen werden (die Schwangerschaften Prostituierter waren in Hamburg meldepflichtig). Infolgedessen wurden die Gesundheitsämter aufgefordert die Genehmigungen für Abtreibungen und Sterilisationen an Prostituierten („insbesondere Bordellinsassinnen“) einzuholen. Die restriktiven Tendenzen die sich in der deutschen Sozialhygiene und Fürsorge bereits 1921 mit der Gesetzesinitiative des sogenannten Bewahrungsgesetzes zeigten und sich in den darauffolgenden Jahren verstärkten, kamen mit dem nationalsozialistischen Regime voll zur Entfaltung. Während das Gesetz von 1927 noch auf eine Resozialisierung der sich prostituierenden Frauen angelegt war, dominierten im Nationalsozialismus Kontroll- und Zwangsmaßnahmen, die oft mit einer völligen Entrechtung der Frauen einherging. Die Hamburger Frauenwirtschaftskammer mit ihren angeschlossenen Frauenvereinen, wie auch die Fürsorgerinnen des Pflegeamtes, waren gegen die Kasernierung der Prostituierten. Sie wollten eine komplette Unterdrückung der Prostitution erreichen. So sprach sich der Nordverband des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes, wie auch der Verband der weiblichen Angestellten Hamburgs, gegebenenfalls für die Einweisung der Prostituierten in Konzentrationslager aus. Die Frauen, die freiwillig in die Bordellstraßen zogen und sich an die polizeilichen und gesundheitsfürsorgerischen Vorschriften hielten, blieben oftmals von den Maßnahmen der Sozialfürsorge verschont. Frauen, die der heimlichen Prostitution verdächtigt wurden und sich den polizeilichen und gesundheitlichen  Kontrollen zu entziehen versuchten, wurden von der Fürsorge überwacht und kontrolliert. Diese „Fürsorge“ konnte seit der NS-Machtergreifung Entmündigung, Sterilisation oder die Einweisung in ein Konzentrationslager bedeuten. Insgesamt wurden in Hamburg ca. 20.000 Personen sterilisiert, im gesamten Deutschen Reich waren es ca. 360.000.

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Zürn Gabriele, 1989, „Prostitution in Hamburg im „Dritten Reich“ 1933-1945“, Magisterarbeit, Universität Hamburg

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Der Mythos St. Pauli – Erinnerung und Gegenwart

„Wo sind die Singspielhallen? Wo die Vergnügungspaläste, die lustigen Schießstände, die unverfälschten Kneipen in den Seitenstraßen, die lebensgefährlichen, dürftig beleuchteten Straßenecken, wo aus finsteren Hausfluren plötzlich ein Mensch mit vorgehaltenem Revolver auftauchte? Im Film mag es dergleichen noch geben, wie es für die Lichtbildindustrie noch immer die malerischen Montmatre-Keller, für den Feuilletonismus noch immer die großmütigen, hitzigen und überaus farbig bekleideten Pariser Apachen gibt. – Die Tatsachen sehen ein wenig anders aus. (…)  Das alte St. Pauli, das St. Pauli von vorgestern, stirbt völlig aus, das neue St. Pauli, das amerikanisierte, pariserisch durchblutete St. Pauli, St. Pauli von übermorgen, gewinnt von Tag zu Tag an Boden. Eine der seltsamen Kneipen nach der anderen, wie das eigenartige „Museum“ mit hängenden Fischen, dem Embryo eines Urmenschen in Spiritus und tausendfachen echten und imitierten Dingen aus allen Herren Ländern, die fabelhaft mit Stimmung geladenen Negerkneipen, die Treffpunkte der ansässigen „Ganoven“, wie der berüchtigte Fuchsbau, alle diese werden entweder von einer modernisierten Betriebsamkeit mit  Stumpf und Stiel verschlungen, oder für die Bädeckerreise auffrisiert. Die Straßenbeleuchtung wird besser, jagende Autos schießen über den Hamburger “Boulevard de Montparnasse“ , schlicht bürgerliche Bierrestaurants, gemütliche Kaffeehäuser, hie und da eine nette Winkneipe mit undenkbar niedrigen Preisen, Oberbayernrummel, Kinopaläste, stimmungsgeladene Ballhäuser, noch ein Hippodrom, aber auch schon modernisiert –  so sieht heute die Reeperbahn aus.“

Quelle: Hamburgischer Correspondent Nr. 445Mo, 3.Beilage, Seite 1 / 26.9.1926  „Das sterbende St. Pauli“

Hamburg und St. Pauli nach 45 bis in die 50er

Bei Kriegsende offenbarte sich die Bilanz des totalitären Naziregimes: Die Zahl der in Hamburg lebenden Juden sank von ca. 22.000 Mitte der Zwanziger Jahre auf etwa 700 bei der Befreiung 1945.  Man geht davon aus, dass ca.10.000 Hamburger Juden durch Auswanderung entkamen.

Ehemalige jüdische Unternehmen die „arisiert“ wurden:    Modehaus Hirschfeld (Neuer Wall, bis 1938, danach „Fahning“), Modehaus Robinsohn (Neuer Wall), Kaufhaus Tietz (Jungfernstieg, später Alsterhaus), Optikgeschäft Champbell (Jungfernstieg), Bankhaus Warburg, Bucky-Kaufhaus (Eimsbüttler Chaussee), Kaufhaus Schäfer (Bergedorf). – Die Aufzählung ist ganz gewiss nicht vollständig.

Im KZ Neuengamme fanden zwischen 1938-1945 etwa 55.000 Menschen den Tod. Bei Kriegsende war Hamburg eine der am stärksten zerstörten Städte Deutschlands, die Hälfte des Wohnraums war vernichtet, nur 20 % blieben unbeschädigt. Der Hafen, der Motor der Hamburger Wirtschaft,  war zu 80 % zerstört, es fand weder Import- noch Exporthandel statt, und den Werften war der Schiffbau bis 1951 untersagt.

Durch  Zuwanderung stieg Hamburgs Bevölkerungszahl von 1945 bis Ende 1947 um 500.000 auf 1,5 Millionen. 1948 lebten rund 200.000 Menschen in Notunterkünften, viele davon in Nissenhütten aus Wellblech. (In den 1950er Jahren galt Hamburg als „Hauptstadt der Vertriebenen“, noch 1954 lebten 275.000 Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten in Hamburg.) Wer nur auf die Lebensmittelkarten angewiesen war, existierte von den amtlichen Rationen. Das waren 1945 knapp 1200 Kalorien pro Tag. Im Winter 1945/6 standen Brennmaterialien zum Heizen nicht zur Verfügung. Die Strom- und Gasversorgung wurde stark rationiert. Die Menschen begannen  sich Brennmaterial auf Vorrat zu besorgen – durch Plündern von Kohlenzügen und Abholzen in den Wäldern und an den Straßen. Zentren des Schwarzhandels waren der Großneumarkt, der Goldbekplatz und der Hansaplatz in St. Georg. Insbesonders auf St. Pauli, auf der Reeperbahn, vor allem der Talstraße bis hin zum Pferdemarkt, entwickelte sich bereits 1944 einer der größten Straßenschwarzmärkte Hamburgs. Dort konnten alle Lebensmittel und andere Waren, die sonst nirgendwo zu bekommen waren, erworben werden. Zwischen den Bordellen und den Absteigen bestanden Verbindungen zum Schwarzmarkt, insofern, dass sich dieser teilweise in die Bordelle verlagerte und die Prostituierten ihrerseits auf dem Straßenmarkt tätig waren. So war es üblich, dass bis zur Währungsreform in den Bordellen zu Schwarzmarktpreisen abgerechnet wurde. Ein wesentlicher Teil der Geschäfte wurde im Tausch oder gegen Tabakwährung abgewickelt. Eine Zigarette, der sogenannte „Ami“ hatte  einen Gegenwert von 6 bis 20 RM. Der Bruttoverdienst eines männlichen Arbeiters betrug 1946  42 RM wöchentlich. Ein Kilo Butter konnte auf dem Schwarzmarkt bis zu 500 RM kosten, ein Dreipfundbrot 20 RM, ein Pfund weißer Zucker 80 RM und ein Pfund Fleisch 60RM. Immer wieder riegelten britische Militärpolizei und deutsche Schutzpolizei bei Razzien ganze Straßenzüge ab,(allein im März 1946 wurden 150 Razzien durchgeführt) ohne den schwarze Markt nennenswert eindämmen zu können. Erst die Währungsreform von 1948, mit der die D-Mark eingeführt wurde, leitete den Niedergang des Schwarzhandels ein. Über Nacht stand ein umfangreiches Angebot von Waren, die bis dahin gehortet worden waren, in den Regalen.

Die Militärregierung genehmigte bereits 1945 die Gründung von Gewerkschaften und die Bildung von vier politischen Parteien. Es entstanden die SPD, die FDP, die CDU und die KPD. 1946 finden in Hamburg die ersten freien Parlamentswahlen seit 1932 statt: Aus ihnen geht die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) als Sieger hervor; neuer Erster Bürgermeister wird Max Brauer. 1952 wird die bis heute gültige Verfassung Hamburgs beschlossen, das seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949) ein selbständiges deutsches Bundesland ist. 1952 wurde der 100.000. Wohnungs-Neubau eingeweiht und Hamburg entwickelte sich mit dem Wiederaufbau  neben der traditionellen Rolle als Hafen- und Handelsstadt, auch zu einem Medienstandort. Wichtige Verlagshäuser ließen sich in Hamburg nieder : der Alex-Springer-Verlag, und der Heinrich Bauer-Verlag. Das Magazin „Der Spiegel“ war seit 1952 in Hamburg ansässig, das Wochenmagazin „Die Zeit“ hatte seit 1946 eine Lizenz, ebenso die Illustrierte „Stern“. Außerdem wird Hamburg zum Hauptsitz des NDR und zu einer Dependance der Schallplattenindustrie und erhält mit dem Studio Hamburg eine wichtige Filmproduktionsstätte.

1965 entstand das Verlagshaus „Gruner&Jahr“ aus einem Zusammenschluss der Verleger John Jahr („Brigitte“, „Capital“) und Gerd Bucerius („Die Zeit“, „Stern“) mit dem Druck- und Verlagshaus von Richard Gruner. Seit 1976 hält die Bertelsmann AG über 70% der Anteile.

Für die damalige Stadtplanung stellten die Kriegszerstörungen der Operation „Gomorra“ von 1943 die entscheidende Zäsur dar.  Der Generalbebauungsplan von 1947, wie auch die Aufbaupläne von 1950 und 1960 sahen keine grundlegende Rekonstruierung der historischen Stadtstruktur vor, sondern richteten sich nach städtebaulichen Leitbildern, die im Funktionalismus und in der Moderne verhaftet waren und die großflächigen Abriss und  die Auflösung der vorhandenen Bau- und Raumstruktur bedeuteten. Die Stadtplanung nahm die Grundzüge der Bebauungspläne von 1941 und 1944 auf. Deren Zielvorgabe war eine aufgelockerte funktionale Stadt mit geringerer Wohndichte und vielen Grünanlagen. Zu Beginn der 50er Jahre hatten in der Innenstadt noch knapp 25.000 Einwohner gelebt. 1964 hatte sich diese Zahl annähernd halbiert. Wohnungen waren in Büroraum umgewandelt und Schulen geschlossen worden. Anfangs der 1950er Jahre wurde die seit 1940 geplante Ost-West-Straße durch die ehemalige Kernstruktur der Altstadt gelegt und beim Wohnungsbau in Hamburg  galt die Praxis, das alle Gebäude, die vor 1918 gebaut worden waren, prinzipiell zum Abriss freigegeben waren. Während Wohnanlagen aus der Weimarer Republik wiederaufgebaut wurden, riss man Gebäude aus dem 19. Jahrhundert massenhaft ab oder machte keine Anstalten sie zu erhalten.

Am Elbufer zwischen den Landungsbrücken und Altona sahen die nationalsozialistischen Pläne, entwickelt vom Architekten Konstanty Gutschow, den Abriss sämtlicher Altbauten vor um an dessen Stelle ein monumentales Gauzentrum mit einer 250m hohen Skyline und einer Versammlungshalle für 50.000 Menschen zu errichten. Diese Planungen wurden 1942 wegen der Kriegsereignisse abgebrochen. Im Zuge der Vorplanung zu Gutschows Elbufergestaltung wurde der Grund und Boden im entsprechenden Gebiet von der Stadt aufgekauft. Auch wenn das Projekt nicht realisiert wurde, waren die neuen Besitzverhältnisse prägend für die spätere Entwicklung. Der zugrundeliegenden Idee, soziale Brennpunkte durch Abriss und Neubebauung aufzulösen, bzw. zu entschärfen, wurde weiterhin nachgegangen, was sogar noch die Sanierungspolitik der 70er- und 80er Jahre deutlich dokumentiert. Um für die City-Bebauung freie Hand zu haben, erklärte die Stadt weite Flächen in der Stadt zu „Untersuchungsgebieten“, in denen zu prüfen sei wie sie in Zukunft genutzt werden sollen. Solange keine Ergebnisse zustande kamen, bestand „Planungsunsicherheit“. Ein Umstand der viele Hausbesitzer davon abhielt in die Häuser zu investieren um notwendige Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. So wurde der Abriss ganzer Quartiere vorbereitet, dessen Häuser dann für „unbewohnbar“ erklärt werden konnten. Fast ganz St. Pauli war eines dieser „Untersuchungsgebiete“.

St. Pauli und Teile von Altona Altstadt blieben von den Zerstörungen des 2. Weltkrieges weitgehend verschont, aber das dicht besiedelte Grenzgebiet zu Sankt Pauli zwischen Nobistor und Allee, Holsten- und Große Elbstraße und der angrenzenden Altonaer Altstadt war nach dem Krieg ein großflächiges Ruinenfeld. Das Quartier, das bereits der Obrigkeit in der Weimarer Zeit wegen seiner politisch wie sozial kaum kontrollierbaren Bevölkerungsmischung ein Dorn im Auge war, wurde nach Kriegsende nicht wieder aufgebaut. St. Pauli hat die Bombardements des 2. Weltkrieges relativ gut überstanden, hat aber weder an die Operetten- und Theaterkultur, die bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme bestand, noch an die Varietekultur der 20er Jahre, wieder anknüpfen können. Der Kultur von Tanz, Gesang und Striptease war unter den Sittenwächtern der 50er Jahre kein öffentlicher Raum gegeben und verschwand im Dunstkreis von überteuerten Preisen und  Nepp in den Hinterzimmern.

Die Staatsoper die trotz Kriegsschäden ihren Spielbetrieb bereits 1946 eröffnete, das Schauspielhaus, das Thaliatheater und die Konzerte in der Musikhalle dominierten die Hamburger Kulturlandschaft in den 50er Jahren. Daneben gab es die Kammerspiele (1945 von Ida Ehre eröffnet), das Junge Theater (1951) das seinen Sitz an der Neuen Rabenstraße hatte und 1957 nach Barmbek umzog (seit 1973 Ernst Deutsch Theater), das Theater im Zimmer (1948), das Altonaer Theater und das theater 53 das bis 1958 seinen Sitz in einem der Flakbunker auf dem Heiligengeistfeld hatte.

Viele Gebäude am Spielbudenplatz waren ein Opfer der Bomben, die Tanzbetriebe und Theater entlang der Reeperbahn vom Zirkusweg bis zur Großen Freiheit waren größtenteils zerstört. Einzig das St.Pauli Theater blieb praktisch unbeschadet, dort wurde im August `45 das Stück „Zitronenjette“ aufgeführt, über eine schlagfertige Zitronenverkäuferin in den Kneipen des Hafens, die bereits 1940, während des Nationalsozialismus, eine populäre Theaterprotagonistin war. Im Juli 1945 erhielten 10 Hamburger Kinos eine Betriebsgenehmigung und ab Dezember 1945 waren bereits 5 Tanzlokale und Kabaretts auf St. Pauli wieder geöffnet, darunter die „Jungmühle“ und das „Hippodrom“ in der Großen Freiheit. Der erste Dom fand 1946 auf dem Spielbudenplatz statt. Das Operettenhaus und der Trichter wurden in funktionaler Architektur wiederaufgebaut. Das Operettenhaus eröffnete 1953. Der Trichter wurde bis 1958 betrieben, dann entstand an dessen Stelle ein Bowlingcenter.

Ab Oktober `45 war der Film „Die Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers in der Hauptrolle in Hamburg zu sehen. Der Film war das Ereignis. Die Menschen standen in langen Schlangen vor den wenigen, geöffneten Kinos. Karten, die regulär 3 RM kosteten, wurden von Schwarzmarkthändlern für bis zu 300RM gehandelt. „Die Große Freiheit Nr. 7“ vom Regisseur Helmut Käutner, 1943 gedreht, war zu dieser Zeit einer der ersten deutschen Farbfilme und galt den Nationalsozialisten als offizielles Prestigeprojekt. Ein Großteil des Films wurde in nachgebauten Kulissen in Babelsberg und später, wegen der Bombardements, in Prag gedreht. Bei den Außenaufnahmen in Hamburg durften keine zerbombten Häuser gezeigt werden – und auf noch etwas achtete der Regisseur – bei allen Hafenaufnahmen ist auf den Schiffen keine einzige Hakenkreuzfahne zu sehen. Die Uraufführung erfolgte Ende 1944 im Ausland, in Schweden, Dänemark und in der Schweiz,. In Deutschland wurde der Film trotz wiederholter Umarbeitungen nicht aufgeführt. Erst im September 1945 wurde der Film von den Alliierten in West-Berlin freigegeben.


Eine mit Hans Albers vergleichbare Popularität erlangte Freddy Quinn in den 50er Jahren. Er trat ab 1951 als Liedersänger mit Gitarre in St. Pauli in der Washingtonbar (Bernhard-Nocht-Straße 75) auf und wurde dort 1954 von Talentsuchern der Firma “Polydor” entdeckt und unter Vertrag genommen. Er wurde, mit über 1000 Titelaufnahmen und über 60 Millionen verkauften Tonträger, einer der erfolgreichste Schlagersänger der Nachkriegszeit  und spielte auch in einigen Filmen mit. So in „Heimweh nach St.Pauli“(1951), wo Jayne Mansfield in einer Gastrolle zu sehen ist und in „Freddy, die Gitarre und das Meer“ von 1954, mit einem Dreh in der Kneipe Onkel Otto(Bernard-Nocht-Str./Balduintreppe)

Die filmische Tradition des russisches Produktionsbüro (Goskino) aus der Weimarer Zeit, wurde noch nach dem Krieg von „Realfilm“ (Vorgänger der Trebitsch-Filmproduktion, größtenteils sowjetisch finanziert)mit anspruchsvollen Literaturverfilmungen bis zur deutschen Teilung wiederbelebt. Die St. Pauli-Filme hatten sich ihrerseits zum eigenen Genre entwickelt. Etliche Hans-Albers-Filme, von „Der Draufgänger“ (1931, R. Richard Eichberg) und „Auf der Reeperbahn Nachts um halb eins“, bis zum „Herz von St. Pauli“ (1957, R. Wolfgang Liebereiner) spielten im Milieu. Ein sehenswerter Film ist der vom Regisseur Francesco Rossi in den 50ern gedrehte Film „Auf St. Pauli ist der Teufel los“, mit sehr vielen Drehs von Originalschauplätzen, die inzwischen dokumentarischen Wert besitzen. In den 60ern zog die erfolgreiche Fernsehserie „Polizeirevier Davidswache“ von Jürgen Roland eine ganze Reihe von Folgefilmen hinter sich her. Filme wie „Mädchenjagd in St. Pauli“, „Die Engel von St. Pauli“ oder „Zinksärge für die Goldjungs“ – allesamt triviale Gangsterfilme, die im St. Pauli Milieu spielten, sich aber oft einen pseudo- dokumentarischen Anstrich gaben und so den Mythos St. Pauli – als Zentrum von Lust und Laster weiterhin schürten. 1962 gab es noch 14 normale Filmtheater, die mit der Zeit geschlossen wurden,  u. a. das Aladin/ Reeperbahn 89; Oase/ Reeperbahn 147,  Radiant/ Reeperbahn 31; Knopf´s Lichtspiele/ Spielbudenplatz 19; Union/ Spielbudenplatz 24. Mit der Schließung des „Oasekino“(Reeperbahn,  Ecke Lincolnstraße) im Jahr 2001 verschwand das letzte Kino auf dem Kiez. Neuere, erwähnenswerte St.- Pauli-Filme sind  „St. Pauli Nacht“ und „Der König von St. Pauli“ Sönke Wortsmann produzierte 1999 „St. Pauli Nacht“. Der Regisseur  nähert sich mit seinen Milieubeschreibungen einem relativ zutreffenden Querschnitt durch den Kiez, wie er heute noch existiert und gewährt einen Einblick hinter die Kulissen. Der Film hat keine Hauptdarsteller im üblichen Sinne, da seine einzelnen Akteure in etwa gleicher Bedeutung nebeneinander agieren Er verzichtet weitgehend auf musikalische oder szenische Effekte, was dem Film einen dokumentarischen Touch gibt. „Der König von St. Pauli“, als sechsteilige Serie im Fernsehen ausgestrahlt, wurde 1997 vom Regisseur Dieter Wedel fertiggestellt. Der Film spielt in einem fiktiven St. Pauli-Milieu der 50/60er Jahre, um eine St.-Pauli-Größe mit seinem Striplokal und schildert Konkurrenzien, Mafiöses und dem Alltag auf dem Kiez.

Arndt Ute, Thomas Duffe, Bernd Gerstäcker, 1995, „St Pauli – Gesichter und Ansichten vom Kiez“, Historika Photoverlag, Hamburg

Bremer Dagmar, 1987, „Die räumlich-soziale Bedeutung von städtischen Umstrukturierungsprozessen am Beispiel von Altona-Altstadt/St. Pauli-Süd“, Verlag Sautter + Lackmann, Hamburg

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Gobecker Kurt(Hg.), 1998, „ Die Stadt im Umbruch“, Kabel Verlag, Hamburg

Sigmund Monika, Renate Kühne, Gunshild Ohl-Hinz, Ulrike Meyer, 1996, „ Man versuchte längs zu kommen und man lebt ja noch – Frauen-Alltag in St. Pauli in Kriegs- und Nachkriegszeit“, St. Pauli-Archiv, Druckerei in St.Pauli, Hamburg

Das Prostitutionsgewerbe und Rotlichtmilieu seit der Nachkriegszeit

Der Tauschhandel Geschlechtsverkehr gegen Lebensmittel und Zigaretten wurde zu einem quasi alltäglichen Phänomen der Nachkriegszeit. Viele Frauen prostituierten sich oder gingen Verhältnisse mit Besatzungssoldaten ein, um ihre Familie zu ernähren und zu schützen und um nicht selbst vergewaltigt zu werden. Um eine Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern wurde das System der Bordellprostitution übernommen und die Überwachung der eingeschriebenen Frauen weitergeführt. Gegen die massenhafte Gelegenheitsprostitution führten die britische Militärpolizei und die Hamburger Sittenpolizei verschärft Razzien durch. Ziel dieser Maßnahmen waren neben Lokalen im gesamten Stadtzentrum, die Wartehallen großer Bahnhöfe, die Parkanlagen der Alster zur Stadtmitte, der Jungfernstieg und der Gänsemarkt, dort wo die Briten ihre Quartiere bezogen hatten. Stundenhotels und Privatwohnungen die als Absteigequartiere von Prostituierten genutzt wurden, gab es vor allem in St. Pauli und St. Georg. Die Reeperbahn und der Steindamm waren die Straßen mit dem größten Durchgangsverkehr an Frauen, die der heimlichen Prostitution nachgingen. 1946 wurden von der Sittenpolizei 6.014 Frauen festgenommen, bei 763 wurde eine Geschlechtskrankheit festgestellt. In den gleichen Zeitraum verhaftete die britische Militärpolizei 10.601 Frauen, von denen 709 geschlechtskrank waren. 1947 zog sich die britische Militärregierung völlig von der Kontrolle der Geschlechtskrankheiten zurück und übergab diesen Bereich der Gesundheitsbehörde. Die Polizei hatte, obwohl sie, wie auch der Hamburger Senat gegen diesen Beschluss der Briten opponierte, nur noch eine unterstützende Funktion inne. Die Razzien bei denen massenhaft Frauen festgenommen worden waren und die zunehmend in die Kritik der Öffentlichkeit gerieten, wurden eingestellt.

Für die Mädchen und Frauen die im Zeitraum der nationalsozialistischen Herrschaft in Hamburg als „sittlich gefährdet“ entmündigt wurden und im Farmsener Heim verwahrt wurden, gab es nach Kriegsende keine Befreiung, wie sie die Überlebenden der Konzentrationslager erlebten. Die Kriterien der Entmündigung wurden seitens der britischen Besatzungsbehörden nicht hinterfragt. Um die 250-300 entmündigten Frauen wurden in der geschlossenen Anstalt Farmsen „verwahrt“. Die Praxis der Entmündigung wurde auch nach 1945 fortgesetzt. Ein Großteil der Hamburger Fürsorgerinnen, die direkt nach dem Krieg aus politischen Gründen entlassen worden waren, hatten 1947 bereits wieder ihre alten Positionen inne. Erst 1949 mit der Verabschiedung des Grundgesetzes wurde das Prozedere der Anstaltseinweisung und Entmündigung erschwert.

Vor den Bombenangriffen 1943 hatte es in Hamburg ca. 80 Bordelle mit 800 Prostituierten gegeben. Bei Kriegsende gab es noch 42 Bordelle mit 402 registrierten Frauen. Diese lebten und arbeiteten weiterhin in den Bordellen während die Anzahl der frei wohnenden Frauen kontinuierlich zunahm. Sie lag 1947 bei 250, 1948 bereits bei 350 und 1949 bei ca. 550. Die Prostituierten mussten sich 2x wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen. 1950 waren es 47 Bordelle. 25 Bordelle befanden sich in der Winkelstraße, 17 in der Herbertstraße und 5 in der Lohestraße. Die Zahl der eingeschriebenen Bordellprostituierten sank kontinuierlich von 1950 mit 384 Frauen auf 252 im Jahr 1972. Die Anzahl der freiwohnenden registrierten Frauen stieg hingegen proportional an: 1950 mit 639 Frauen, auf 1.025 Frauen im Jahr 1960, bis auf 2.019 Frauen im Jahr 1972. Der durchschnittliche Tagesverdienst einer Prostituierten 1948 wurde seitens zuständiger Beamter auf 50-60 Mark geschätzt. Zwischen 1945-49 war laut Anweisung eine Bestrafung von Zuhältern mit Zuchthausstrafen verboten. Dies änderte sich zum Oktober `49. Ab diesem Zeitpunkt war eine Haftstrafe bei rechtskräftiger Verurteilung sogar vorgeschrieben. Alle im Jahr 1950 verurteilten Zuhälter erhielten daraufhin mindestens ein Strafmaß von 9 Monaten.

Die Bordellstraße Lohestraße wurde durch die Bombenangriffe 1943 bis auf ein Haus zerstört. Bis 1949 wurden dort drei weitere Bordelle ausgebaut und die Straße erneut mit einem Tor versehen. Anfang der 50er Jahre wurden diese Etablissements geschlossen und die dort lebenden Frauen auf die Herbert- und Winkelstraße verteilt. Die Bordelle in der Winkelstraße und in St. Pauli, nahe bei der Großen Freiheit und des Nobistors, die „Kleine Marienstraße“ wurden ebenfalls bis Mitte der 50er geschlossen. Parallel zu der Schließung der Bordellstraßen entwickelte sich auf St. Pauli in der Kastanien- und Taubenstraße ein neuer Straßenstrich mit Absteigen, Bars und Bordellen. Die Winkelstraße, ehemals Ulrikusstraße, letzter Bestandteil eines Hamburger Prostitutionsquartiers, verschwand anfangs der 60er mit dem Neubau des prämierten und inzwischen denkmalgeschützen Uni Lever-Hochhauses(Ecke Valentinskamp/Caffamacherreihe/Dammtorwall) aus den Stadtplänen. An der Strasse Pepermölenbek, der ehemaligen Bachstraße, die vom Nobistor bis zum Altonaer Fischmarkt geht, direkt angrenzend an das Quartier „Hexenberg“, zog sich auf ganzer Länge ein Straßenstrich hin, der in den Fischmarkt mündete, dem traditionellen Revier der „Dockschwalben“, die inzwischen vermehrt LKW-Fahrer bedienten.

1953 wurde das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vom Bundestag verabschiedet. Es beruhte auf dem Reichsgesetz von 1927 und setzte neben der medizinischen Kontrolle auf die sozialfürsorgerische Betreuung und sollte die unter dem Besatzungsrecht verabschiedeten landesrechtlichen Vorschriften vereinheitlichen. Eine Beteiligung der Polizei war, wie in Hamburg bereits praktiziert, nur noch in Form einer unterstützenden Tätigkeit der Gesundheitsbehörden vorgesehen. Nach diesem Gesetz mussten sich die registrierten Prostituierten zweimal wöchentlich auf  Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen und zwar auf die Dauer von mindestens 6 Monaten. Mit einem nachgewiesenen Umzug in das Elternhaus, einer Heirat oder der Aufnahme eines normalen Arbeitsverhältnisses, konnten die Frauen aus dieser Untersuchungspflicht entlassen werden. Die Frauen hatten aber auch die Möglichkeit sich bei einem zugelassenen Arzt kostenfrei untersuchen zu lassen und dessen Attest bei der Hamburger „Zentralen Beratungsstelle“ einzureichen. Außerdem wurde der §361 StGB in modifizierter Form übernommen. Prostitution in der Nähe von Schulen und Kirchen und in Wohnungen mit Kindern zwischen 3-18 Jahren blieb damit weiterhin strafbar.

„Nach 45 waren zunächst endlose Reihen Wurstbuden St. Paulis Hauptattraktion; sie trugen der Reeperbahn die Bezeichnung „Knackwurstallee“ ein. Als die Fresswelle abebbte, glaubten die St. Pauli- Unternehmer zuerst, im Vorkriegsstil mit sittsam verhüllten Tänzerinnen das D-Mark-Geschäft ankurbeln zu können. Aber selbst an Sonntagen, die einst das Hauptgeschäft brachten, blieben die Etablissements leer. (…) Die Kneipiers stellten ihr Programm um: Damenringkämpfe im Schlamm und Revuen von „100 nur mit Bikinis bekleideten Badenixen“ waren die ersten Attraktionen, die wenigstens für einige Zeit wieder volle Kassen garantierten. Doch St. Paulis Vergnügungsmanager mussten bald stärkere Anreize ersinnen. In den Schaukästen der Lokalitäten wurden die Fotos der mit Bikinis bekleideten Damen durch Bilder von Schönheitstänzerinnen ersetzt, die meistens nicht mehr am Körper trugen als Halsketten und Ringe. Auf reißerischen Plakaten wurden „scharf gemixte Nackt-Revuen“ angepriesen. Doch im April 1956, drei Jahre nachdem das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften vom Bundestag beschlossen worden war, brach plötzlich und ohne erkennbaren Anlaß ein „Bildersturm“ los. Über Nacht wurden mehr als 400 Fotos von Unverhüllten beschlagnahmt und über eine Anzahl von Nachtclub-Besitzern harte Geldstrafen verhängt. Auf der Suche nach weniger anstößigen, jedoch ebenso wirksamen Werbemethoden kam den St. Pauli-Wirten schließlich die heute noch erfolgreich praktizierte Idee, als Ersatz für Nackedeis in den Schaukästen grellbunte Plakate aufzustellen, die in monumentalen Schriftzügen „erregende Sittenfilme“ und „intime Sittendramen in Technicolor“ anpreisen. Kellner avancierten zu Filmvorführern, Nachtlokalchefs zu Drehbuchschreibern und Regisseuren, die im Sachsenwald bei Hamburg oder in der Lüneburger Heide ihre „Original Pariser Streifen“ herunterkurbelten.“

Der Spiegel vom 6. August 1958

Bekannte Etablissements in der „Großen Freiheit“ in den 50ern waren die Kabaretts „Jungmühle“, das „Bikini“, in dem Damen-Schlamm-Ringkämpfe geboten wurden, und das Hippodrom“, dessen Besitzer Wilhelm Bartels war. In dem Kabarett „Indra“(Große Freiheit 64) traten  akrobatische Schönheitstänzerinnen, orientalische Degenartisten und Tanzkapellen auf. Weiterhin erwähnenswert das Kabarett „Tabu“ wo der Plakatmaler Erwin Ross 1955 seine Karriere als Maler und Innenausstatter begann.

Auf vielen Werbeflächen, vorzugsweise denen der alten Peep-, und Stripbars und Kneipen von St. Pauli prangten spärlich bekleidete vollbusige Frauen. Ihr Schöpfer ist der Plakatmaler Erwin Ross, der fast 40 Jahre lang für die Clubbesitzer von St. Pauli gemalt hat. Die gespreizten Frauenbeine an den Außentüren der „Ritze“ sind sein Werk, wie er auch die Frontseiten vieler nicht mehr existierender Cabarets in der großen Freiheit gestaltet hat. Begonnen hat er seine Karriere als Plakatmaler der Konsum-Genossenschaft Eberswalde in der ehemaligen DDR, wo er politische Losungen, Arbeiterhelden, sowie Marx, Engels und Lenin im laufenden Dutzend malte. Er zog vor dem Mauerbau mit seiner Frau nach Hamburg und wurde in St. Pauli heimisch.

Das Angebot der Kabaretts und Nachtclubs variierte zwischen „Entkleidungsrevuen“, CanCan, türkischen,  spanischen oder indischen „Schönheitstänzen“, Silhouettentheater und später zu sogenannten „Sittenfilmen“. Ende der 50er Jahre soll das Geschäftsgebaren vieler Lokale auf St. Pauli unseriös geworden sein, außerdem war in den 50er Jahren der sogenannte „Zechraub“ noch ein weit verbreitetes Phänomen. Darunter verstand man Gelegenheitsraub, der in unmittelbarer Nähe von Gastwirtschaften und „verrufenen“ Kneipen stattfand. Opfer waren in der Regel milieufremde Gäste, die beobachtet wurden und auf dem Nachhauseweg, unter Androhung oder vollzogener Körperverletzung, beraubt wurden. Da diese Entwicklung geschäftsschädigende Ausmaße angenommen hatte, initiierten 1958 der St. Pauli-Verein und  Mitglieder des Gaststättenverbandes eine Aktion „St. Pauli ist für alle da“, um etwas gegen die überteuerter Getränkepreise, Nepp und die Faustrechtsmentalität zu unternehmen. 1961 gründeten die Besitzer von 19 Striplokalen einen  Selbsthilfe-Verein, um in einer Art freiwilligen Selbstkontrolle gegen Nepp und allzu undurchsichtige Preisgestaltung vorzugehen.

1964 wurde wiederum (u.a. von dem Besitzer des Cafe Keese und Kurt Collien, der Direktor des Operettenhauses) eine ähnliche Initiative gegründet bei der die teilnehmenden Lokal- und Barbesitzer mit öffentlichkeits-wirksamen beleuchteten Glaskästen für ihre Etablissements warben. Diese Initiative war allerdings nur in Hinblick auf die Internationale Gartenbauausstellung und dem zu erwartenden Publikumsandrang initiiert worden. Ende Dezember 1964 war der Verein wieder aufgelöst und die Glaskästen verschwunden.

„Die Gäste merkten nie etwas. Im Separe holten sie sofort ihren Diddel raus, wollten sich da einen runterholen lassen, dabei wurden ihnen die Ketten abgenommen um` Hals, in die Taschen gegriffen; was die da drin hatten, das wurde alles rausgeholt. Nein, das hat er nicht gemerkt. Eine Frau rechts, eine andere links, und dann wurde er so richtig durchgecheckt, Brieftaschen durchstöbert und rausgegeben zum Nachgucken, ob da was drin war was man noch gebrauchen konnte, oder was für`n Typ der war. Dann wurde das wieder reingereicht und bei ihm reingepackt. Wenn er viel hatte, blieb auch mal n` Scheinchen da oder zwei. Je nachdem.(…) Und dann die Geschichte mit dieser Karte, mit den Preisen. Also wenn man die hinten im Separee gelesen hat, da war Rotlicht, da konntest du die rote Schrift nicht sehen. Du konntest nur die schwarzen Schriftzüge lesen. Wenn aber die Bullen kamen und die Freier sagten, hier das stand nicht auf der Karte, dann kam Archi – vorne am Büfett war ja richtig helles Licht – und sagte: „Hier, Herr Wachtmeister, da steht`s  doch!“ Denn nun konntest du das Rote ja wieder lesen. Die Bullen kriegten ja auch immer abgesteckt.(…) da kamen zwei, dreitausend Mark ja schnell ran.“

Zitat aus:  Eppendorfer Hans, 1982 „Szenen  aus St. Pauli“, Seite 63

Viele der kleinen Läden, Bars, Clubs, Restaurants, Theaterkeller, Live-Shows und Kabaretts, die nach der Währungsreform gegründet wurden, mussten im Zuge der allgemeinen Restauration einer konservativen Sexualmoral, wegen Restriktionen seitens des Ordnungsamtes wieder schließen, bzw. wurden zu Spielcasinos und Pizzerias umgewandelt. Die Vorgehensweise des Ordnungsamtes gegen die Kabaretts und Life-Lokale wegen zu freizügiger Entkleidungs- und Schönheitstänze führte dazu, dass viele der kleinen Läden Separees in den hinteren Räumen errichteten, wo die Nacktshows weiterhin gezeigt wurden, bei allerdings völlig überteuerten Getränkepreisen. Was wiederum zu weiteren Auflagen seitens des Ordnungsamtes führte: keine Separees mehr, keine Türen, nur noch ein leichter Vorhang war erlaubt. In Konsequenz bedeutete dies einen Konzessionsentzug für viele Läden. Um für die gleichen Läden eine neue Konzession zu beantragen holten sich die ehemaligen Konzessionsträger Strohmänner die ihrerseits wieder bezahlt werden mussten. Daraus entstand das Verhältnis von ineinander verschachtelten Mehrfach-Vermietungen und Verkonzessionierungen der verschiedenen Lokale, was zu einem völlig überzogenen Anstieg der Miet- und Unkosten führte. Diese Entwicklung führt dazu das viele der kleinen Lokale kaputtgingen und das es zu einer weitgehenden Konzentration von Immobilien und Kapital in die Hände weniger kam. Am Ende dieser Entwicklung befanden sich beispielsweise viele Kabaretts in der Großen Freiheit im Besitz von Willi Bartels, bzw. zeitweilig unter der Geschäftsführung des Betreibers von Club „Safari“.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Stark Jürgen, 1992, „Das Herz von St. Pauli“,  Verlag Kammerer&Unverzagt, Hamburg

Töteberg, Michael, 1990, „Filmstadt Hamburg : von Emil Jannings bis Wim Wenders“, VSA-Verlag, Hamburg

Die 60er Jahre – Musikclubs, Liberalisierung und die „St. Paul-Nachrichten“

Schon in den 50er Jahren entwickelte sich auf St. Pauli eine lebendige  Musikszene. Erste englische und amerikanische Jazz-Band kamen nach Hamburg, ehemalige Swing-Heinis und junge Jazzer gründeten Bands und es entwickelte sich eine größere Clubszene mit Tanzmusik und Lifeauftritten. Cafe Lausen und Mehrer mit ihren Tanzsälen entwickelten sich zu bekannten Jazz-Treffs. 1953 zog  Bernhard Keese mit seinem Café von der Fruchtallee auf die Reeperbahn 19/21. Cafe Keese, ein Tanzlokal mit Tischtelefon wurde schnell zu einem beliebten Treffpunkt  und Kontaktbörse – beim „Ball Paradox“ herrschte Damenwahl. Mitte der 50er Jahre löste der Traditional Jazz und der Skiffle, von England kommend, den Swing in der Publikumsgunst ab.

Ab Ende 1959 ließ Bruno Koschmider in seinen Etablissements „Kaiserkeller“ und „Indra“, beide Große Freiheit, britische Rockn`Roll-Bands wie die „Jets“ und später dann die Beatles auftreten. Hamburgs ersten Rock ’n‘ Roll-Club, der „Kaiserkeller“, Tür an Tür mit Striptease-Läden und Milieukneipen, wurde ein voller Erfolg, da es seit der Bill Haley-Tournee und den begleitenden Saal- und Straßenschlachten so gut wie keine Auftrittsmöglichkeiten für Rockmusiker gegeben hatte. Ein weiterer Musikclub dieser Zeit war der Top Ten-Club auf der Reeperbahn. Erst 1962 wurde der „Star Club“ in den Räumen der ehemaligen „Stern-Lichtspiele“ (1949-1962), Großen Freiheit 39 eröffnet. Die damalige Organisation von Konzerten unterschied sich ganz erheblich zu denen heutzutage. So wechselten sich in den ersten 6 Monaten des Star Clubs bis zu 8 Gruppen pro Nacht ab und gastierten dort meistens für die Zeit eines Monats als sogenannte Haus- oder Resident- Bands. Die „Dominos“ aus Liverpool traten bsp. zwischen `62 und `63   332x im Star Club auf, die deutsche Band „The Rattles“ kam auf 159 Auftritte, die „Beatles“ auf 79. Viele der Musiker, die im Starclub auftraten, trafen sich nach den Konzerten mit ihrem Anhang in den nahegelegenen Kneipen „Grete & Alfons“ und in der „Blockhütte“. Abgesehen von einigen deutschen Bands wie ‚The Rattles‘, ‚The German Bonds‘ und ‚The Rivets‘ traten vorwiegend Liverpooler Gruppen auf. Neben verschiedenen Stamm-Gruppen standen regelmäßig international bekannte Stars auf der Bühne, zunächst überwiegend US- Rock’n’Roll-Bands, dann immer mehr englische Künstler. Zu den Musikern die hier gastierten zählen u.a. The Searchers , Jerry Lee Lewis , Little Richard , Jimi Hendrix , Black Sabbath, die Beatles und Cream.

„Ich war ein halbes Jahr nach der Eröffnung zum erstenmal da, vorher war ich nur ein paarmal im Top Ten. In den Star-Club ging man nicht als Bürgersöhnchen, weil es hieß, da seien nur die Rocker. (…) Das hat sich aber geändert, als ich hörte, daß die Beatles dort wieder spielten, da hab ich mich dann mal getraut. Und ich war gleich unheimlich begeistert (…) daß da irgendwie so Typen auf der Bühne waren, mit denen man sich wesentlich eher identifizieren konnte und die die Musik live machten, die man nur von Platten her kannte, das hat den wesentlichen Kick ausgemacht. Ich bin dann auch vom erstenmal an mindestens zweimal die Woche im Star-Club gewesen. Das war in den Augen meiner Mutter und sonstiger Verwandter ganz schön gefährlich, so oft nach St. Pauli zu gehen. Aber in Wirklichkeit war das ganz cool, weil die Typen auf St. Pauli und die Portiers immergleich gesehen haben: Der will zum Star-Club, und da haben sie uns nie dumm angemacht. (…). Die Leute hatten alle Anzüge an, Krawatten und Nyltesthemden. Wer damals dazu noch Cowboystiefel besaß, war ganz besonders progressiv. Sie machten sich sorgfältig zurecht, wenn sie hingingen, das war richtig Ausgehen. In erster Linie ging man ja auch hin, um Musik zu hören und zu tanzen, nicht um rumzuhängen, dazu war der Star-Club zu faszinierend . Jeden Tag war es gerammelt voll. Der Star-Club war für die Jugend so was wie die Dame ohne Unterleib, die totale Sensation, deshalb kamen auch immer so viele.“

Frank Dostal, Sänger der „Rattles“    http://www.infopartisan.net/archive/1967/266709.html

1963 wurde der Starclub zur Zielscheibe des Ordnungsamtes, das eine amtliche Schließung des Musikclubs anstrebte.

Regierungsamtsmann Kurt Falck war der Chef  des Wirtschafts- und Ordnungsamtes. Er erwies sich nicht nur als Gegenspieler des Star-Clubs, sondern ging in erster Linie gegen eine Vielzahl von St. Pauli-Wirten und die sogenannte „Noludar-Gang“ vor, die mit K.O-Tropfen Gäste betäubte und dann ausraubte. Er entzog deren Schanklizenzen und kontrollierte erstmals im größerem Umfang, das die ehemaligen Betreiber nicht wieder über Strohmänner eine Neukonzessionierung beantragen konnten. So wurde 1963 das Striplokal „La Maitresse“ von Wilfried („Frieda“) Schulz geschlossen.

Alleine in diesem Jahr kam es zu 90 Polizeieinsätzen, u.a. zu Großeinsätzen bei denen 100 Polizisten beteiligt waren. Ein für die 60er Jahre ungewöhnliches Zahlenverhältnis. Infolge dieser Kampagne wurde dem Betreiber Manfred Weißleder im Sommer 1964 die Konzession entzogen. Auf den Betrieb des Musikclubs wirkte sich dies nicht aus, da Weißleder die Konzession auf seinen Geschäftsführer übertrug – eine für St. Paulianer Verhältnisse übliche Vorgehensweise. Der Konflikt Starclub – Ordnungsamt wurde in der deutschen Medienlandschaft, in allen großen Zeitungen und im Fernsehen, öffentlich ausgetragen, wobei dem Starclub auch in der bürgerlichen Presse, im nicht unbedeutendem Maße Sympathie zuteil wurde. Der StarClub entwickelte sich zum Mekka für jugendliche Musikfans mit Hunderttausenden von Besuchern pro Jahr und wurde über Deutschland hinaus bekannt. 1964  wurde mit den „Star-Club Records” ein Label entwickelt  über den Life-Mitschnitte und Musik-LP`s dementsprechender Musiker vermarktet und vertrieben wurden. Mit dem Boom der Musikclubs veränderte sich die Publikumsstruktur St. Paulis. Die Konzertbesucher frequentierten umliegende Kneipen und Bars, die sich auf das neue Klientel einzustellen begannen und mit der von der 68-Bewegung propagierten sexuellen Libertinage, durch die visuelle Erotica teilweise in einen antistaatlichen und emanzipatorischen Kontext gesetzt wurden, entwickelte St. Pauli im Vorfeld der staatlichen Liberalisierung von Pornographie ein neues Sendungsbewusstsein, welches sich bereits Ende der 60er Jahre mit der Aufführung des Musicals „Oh Calcutta“ (Sex, Nacktheit und Beischlaf waren Thema und wurden auf der Bühne vorgespielt) im Operettenhaus im Mainstream wiederspiegelte. 1967/8 eröffneten mit dem „Grünspan“ und dem „Birdland“ zwar zwei weitere Musikclubs in dieser Strasse, aber Ende der sechziger Jahre gehörten die Auftritte von Rockgruppen bereits zum normalen Alltag und Musikbusiness – aus der ehemaligen Subkultur war ein Milliardenmarkt geworden. Viele kleinerer Clubs mussten wegen  den extrem gestiegenen Gagenforderungen und der Auslandsteuer  -ausländische Bands müssen 28% und Solokünstler sogar 31% ihrer Einnahmen abführen –  ihr Life-Auftrittsangebot an Großveranstalter abgeben oder waren in Diskotheken umgewandelt worden. Die innovative Musikclubszene hatte sich jenseits von St. Pauli, in anderen Stadtteilen entwickelt.  Wegen dauernde Komplikationen mit dem Ordnungsamt und künstlerischem wie finanziellen Missmanagement musste der  Star Club 1969/70 schließen.

1968 hatten der Raritätenhändler Helmut Rosenberg* und der Photograph Günther Zint* die Idee für eine St. Pauli typische Kiez-Zeitung – den „St. Pauli Nachrichten(SPN)“. Gestartet wurde mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren, mit rasant steigender Tendenz: Juni `69- 30 000, einen Monat später ist die Zeitung mit einer Auflage von 105 000 in ganz Hamburg erhältlich, Oktober `69- Auflage 205 000, November gleichen Jahres- Auflage 420 000 mit dem Verbreitungsgebiet der gesamten Bundesrepublik. Januar 1970- Auflage 780 000, Erscheinungszeitraum alle 14 Tage. Im Februar 70 droht der Zeitung eine Dauerindizierung nach dem Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften. Nichtsdestotrotz erscheinen im April `70 die St. Pauli Nachrichten mit einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren wöchentlich. Inhaltlich war neben kleinen Artikeln zum Thema St. Pauli, dass Thema Sex, vor allem visuell, dominierend. Redaktionell waren die St.Pauli Nachrichten, zumindestens in den ersten 2 Jahren, beeinflusst von dem Geist der 68er-Bewegung und ihrer propagierten sexuellen Liberalisierung. Der umfangreiche Kontaktanzeigenmarkt der SPN war einer der Hauptträger der Zeitung. 1971 war es noch ungewöhnlich, sexuelle Such- und Kontaktanzeigen in einer derart offenen Form zu publizieren, was der SPN einen wachsenden Käuferkreis bescherte. Dieser ursprünglich private Annoncenteil fiel allerdings Anfang der 70er Jahre dem Trend zur Kommerzialisierung anheim, der bestimmt wurde von verdeckter Prostitution und  offensiver Produktwerbung. Bereits zu diesem Zeitpunkt existierten Adresshändler, die die Namen und Adressen zum Zweck der gezielten Direktwerbung auf den Markt feilboten. Nach einem Artikel des Spiegels (Nr.435/1971) wurden jährlich rund 125 Millionen Mark an den Kiosken für die St. Pauli-Blätter gezahlt. Ein lukrativer Markt, der der SPN viele Nachfolger bescherte – so gab es im Zeitraum 1971 an den Großstadtkiosken bereits 15 verschiedene Sex-Illustrierten zu kaufen. Die St. Pauli- Nachrichten wurden im Januar 1972 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften für die Dauer von 9 Monaten indiziert und entwickelten sich bald zu einer Sex-Postille unter vielen. Im Rückblick kann man sagen, dass die St. Pauli Nachrichten eine Vorreiterfunktion innehatten was die Kommerzialisierung nackter weiblicher Haut auf den Titelseiten der Illustrierten und der bald darauf folgenden Legalisierung von Pornographie in Deutschland betraf.

*Harry Rosenberg(1924 – 2000 ) ein St. Pauli-Orginal, Mitbegründer der St. Pauli Nachrichten, Bekannter von Willi Bartels und Besitzer von „Harry`s Hafenbasar“ den er 1954 nach dem Vorbild von „Käpt`n Haase`s Museumskneipe“ in der Erichstraße, die in den 30ern bis in die 50er bestand, gründete. Mit dem Nachlass dieser Kneipe und vielen Kuriositäten, die die Seeleute von ihren Fahrten mitbrachten, entwickelte sich der Basar zu einem regelrechten Museum zum Anfassen und Kaufen – mit Asien- und Afrikazimmern, ausgestopften Tieren, Münz- und Schmucksammlungen, und,  und, und.  Nach seinem Tod betreibt seine Tochter Karin den Hafenbasar, der in die Erichstraße umziehen musste.

*Günter Zint war zu Zeiten des Star Clubs Photoreporter für ein Musikmagazin des Bauer Verlags und hat in den 60er Jahren für Zeitschriften wie „Konkret“, „Spontan“ und „Das Da“ erotische Fotos geliefert. Er veröffentlichte Reportagen mit Günter Walllraff und begleitete die Außerparlamentarische Opposition in den 60ern, später die Anti-Atom-Bewegung, wie auch das St. Pauli-Milieu mit seiner Kamera. Er publizierte u.a. die St. Pauli-Bücher „Die weiße Taube flog für immer davon“ und „Große Freiheit 39“. 1989 gründete Günter Zint mit vielen anderen Förderern das St. Pauli Museum, welches nach mehreren Standortwechseln und finanziellen Krisen seit 2005 von der Kulturbehörde gefördert wird

Kroner Ingrid, 1974, „Genitale Lust im Kulturkonflikt – eine Untersuchung am Beispiel der St. Pauli Nachrichten“
Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen

Martens Rene, Günther Zint, 2000, „Kiez, Kult, Alltag“, Verlag der Hanse, Hamburg

Zint Günter ,1987,  „Große Freiheit 39,  Wilhelm Heyne Verlag, München

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Das Sexbusiness in St. Pauli 1968

Der geschätzter Jahresumsatz des Sex-Business soll in Hamburg 1968 ca. 120 Millionen Mark betragen haben. Rund 1300 Prostituierte waren zu dieser Zeit in Hamburg offiziell registriert. Die Straßenprostitution war weitaus ausgedehnter als heutzutage, vor allem in dem Quartier zur Wasserseite der Reeperbahn. In dem Quadrat zwischen den Straßen Pepermölenbek (ehemalige Bachstr.), St. Pauli Fischmarkt/ St. Pauli-Hafenstrasse und der Davidstrasse in den vielen kleinen Seiten und Nebenstrassen und in den Straßenzügen auf der anderen Seite der Davidstr., Richtung Millerntor. 1969 wurde es für die Prostituierten zur Vorschrift eine Kontrollkarte mit sich zuführen, auf der die regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen eingetragen wurden, den sogenannten „Bockschein“  (der Name kam von dem im Milieu so bezeichneten Gynäkologenstuhl). Konnte eine Frau diese Karte nicht vorweisen, fehlten Eintragungen oder entzogen sich Prostituierte ganz den Kontrollmaßnahmen, konnte die Polizei die Betreffenden zur Fahndung auszuschreiben oder zwangsweise eine Krankenhauseinweisung verfügen.

In der St. Pauli Hafenstraße, am Fischmarkt und beim Straßenzug Pepermölenweg, an die zu dieser Zeit noch Ruinengrundstücke aus dem Krieg angrenzten, befand sich ein reiner Autostrich. Die Frauen die dort arbeiteten hatten keine Zimmer und erledigten ihr Geschäft entweder im Auto des Kunden oder im Freien. An der Straße Pepermölenweg sollen bis an die 100 Frauen pro Nacht, bei einem Tarif von 10 Mark, gestanden haben. In der Bernard-Nocht-Straße waren die Grenzen zwischen Animiermädchen der zahlreichen Kellerbars und der reinen Straßenprostitution fließend. Dort waren mehr Gelegenheitsprostituierte anzutreffen. Die Preise sollen zwischen 15-30 Mark gelegen haben.  Desweiteren waren Prostituierte in den Straßen Lincolnstr., Herrenweidl und der Finkenstr., in Nähe des Pepermölenbeks anzutreffen.

„Bernhard-Nocht-Straße- zur „Scharfen Ecke“ mit den Spotlights, die auch tagsüber blinken. Das „Casablanca“, mit der kleinen grellgrünen Palme auf gelbem Grund. Die Türkenkneipen, in der jeden Samstag Sängerinnen auftreten, mit halbnackten Busen, aber die Augen hinter schwarzen Brillen versteckt. Schwarze, verwohnte Häuser mit kaputten Fensterscheiben. Und dahinter die Schiffe. „Washingtonbar“, “Die Kogge“, „Erosstübchen“, „Schmaal`s Hotel, „Onkel Max“, die Balduintreppe, „Lolobar“ und „Lili Marleen“. Hier spielt sich der Mittagsstrich ab. Die Freier kommen in der Mittagspause. Der Mittagsstrich ist polizeilich verboten. Deshalb kurven auch unentwegt die Polizeiautos durch die Bernhard-Nocht-Straße. Langsam, wie fette Haifische, die ihre Beute schon auf Nummer sicher haben. Wo sie auftauchen, huschen die Frauen in die Hauseingänge. Beim ersten Mal erwischt werden, kostet eine Geldstrafe. Beim zweiten Mal Knast. Die Polizei macht dabei ein gutes Geschäft. Manchmal verkleiden sie sich auch als Freier und sprechen die Frauen an. Das sind 180 DM bei jeder, die drauf reinfällt. Aber die Polizisten steigen in der Bernhard-Nocht-Straße ungern aus dem Wagen, vor allem nicht allein.“

Impressionen aus der Bernhard-Nochtstr. aus den 70er Jahren:„Schwarz war ihr Haar – Frauen auf St. Pauli“, Susanne Klippel, 1980, Frauenbuchverlag, München

Rund um die Herbertstrasse, wo zu der Zeit 220 Frauen arbeiteten bis zum Hans-Albers Platz und der Gerhartstr. war die Straßenprostitution natürlich auch stark vertreten. Diese Milieu aus Straßenprostituierten, Zuhältern und Absteigen war allerdings in Verruf geraten, da viele der dort arbeitenden Frauen ihre Gewinnspanne durch Nepp und Diebstahl erweiterten. In der Kastanienallee, der Tauben- und der Hopfenstrasse existieren bordellartige Betriebe und ein auf Absteigen angewiesener Straßenstrich nebeneinander, ca. 100 Frauen hatten die Kastanienallee als ihr Revier. Die Taubenstraße galt zu dieser Zeit als sogenannter „Babystrich“. Verhältnisse die auf einen Versuch Wiener Zuhälter zurückgingen 1965 in St. Pauli Fuß zu fassen. Diese waren aufgrund massiver Repressionen in ihrer Heimat, u.a. nach Hamburg ausgewichen. In Folge kam es zu Territorialkämpfen zwischen den Hamburger „Loddels“ und der neuen Konkurrenz, bei denen auch die hiesigen  Behörden und die Polizei auf ihre übliche Art die „Hamburger Interessen“ vertraten. Eine Folge dieser Situation war seitdem ein in die Höhe gegangener Preludinverbrauch unter den Prostituierten, das durch Beziehungen der Wiener in St. Pauli Einzug erhalten haben soll und die Konzentration von jungen Frauen (17-23 Jahre) in der Taubenstraße und z.T. in der Kastanienallee. Ungefähr 40 Frauen hatten in der Taubenstraße ihren Standplatz. Sie waren in ihrer Werbung zurückhaltender da diese Straße in erster Linie eine normale Wohn- und Geschäftsstraße war. Das Preisniveau lag höher, bis zu 50 Mark wurden verlangt.

Die Droge der 60er Jahre auf St. Pauli war das Preludin, ein Wachmacher und Appetithemmer. Wer Preludin nahm konnte Unmengen von Alkohol konsumieren, blieb wach und wurde zuweilen allerdings auch aggressiv. Nachdem die pharmazeutische Industrie Preludin durch hinzufügen eines Abführmittels entschärft hatte, stiegen viele Tablettenkonsumenten auf das damals noch rezeptfreie Captagon um. (Preludin und Captagon waren ursprünglich das Hungergefühl dämpfende Medikamente, sogenannte Schlankmacher auf Amphetaminbasis, die in Apotheken frei erhältlich waren.)

Ab Ende der 60er begannen stadtplanerische und behördliche Maßnahmen, die auf eine Zurückdrängung des Rotlichtmilieus abzielten, zu greifen. In den 60er Jahren erklärten sich viele Hamburger Stadtteile zu Sperrbezirken und nachdem zwei Großbordelle, 1967 das Eros- Center und ein Jahr später das Palais d`Amour eröffneten, wurde ein Großteil von St.Pauli ebenfalls zum Sperrbezirk erklärt. 1974 wurde der Straßenstrich am Pepermöhlenweg endgültig verdrängt, nachdem das Quartier Hexenberg oberhalb des Fischmarktes vollständig abgerissen und neubebaut wurde, obwohl ein Großteil der Häuser nur sanierungsbedürftig waren.

Das Eros-Center wurde 1967 an der Reeperbahn 170, u.a. an dem Standort des ehemaligen Hippodroms erbaut. Der Bauherr und Besitzer Wilhelm Bartel, einer der größten Immobilienbesitzer St. Paulis, investierte 4,7 Millionen Mark in dieses Projekt. Es galt zu dieser Zeit als eines der modernsten und aufwendigsten Bordelle und leitete die Ära der sogenannten Kontakthöfe und Großbordelle ein. Es wurde mit offizieller Unterstützung der Stadt Hamburg realisiert, da ein erklärtes Ziel dieses Unternehmens die Eindämmung der unkontrollierten Straßenprostitution in St. Pauli war. Der Komplex umfasste einen 400 qm großen Kontakthof in welchem sich während der Hauptgeschäftszeit bis zu 30 Frauen aufhielten. Begrenzt wurde der Hof allseitig von 3-4-geschossigen Einzelhäusern in denen sich insgesamt 136 Appartements befanden. Bartels bekam für ein Zimmer 360DM Miete pro Monat und verpachtete etagenweise. Die sechs Betreiber nahmen 3-5 x soviel Miete. Außerdem gehörten eine Automatenstraße mit erwerbbarer Erotica, ein Restaurant, eine Würstchenbude und eine Tiefgarage zu dem Komplex.. Die Frauen die dort arbeiteten begannen mit Blockschulden. Sie mussten 50 Mark Miete täglich und weitere Unkosten für jeweils 5 Tage im Voraus bezahlen. 1968 galt das Eros-Center in der Hamburger Pressöffentlichkeit teilweise als Renommierbetrieb, der einen Besuch wert war und wo die dort arbeitenden Frauen gut verdienen konnten, obwohl beide Großbordelle anfangs unterbesetzt blieben. Das Großbordell wurde 1987 geschlossen. Danach wurde es von Bartels zum Hotel „Interrast“ umgebaut, in dem über die Sozialbehörde hauptsächlich Immigranten einquartiert wurden. Später wurde ein Teil des Komplexes in das „Hotel Stern“ umgewandelt. Seit 1998 betreibt ein Kölner Unternehmer, Besitzer des Riesenbordells „Pascha“ in Köln, ein Remake des Eros-Centers, das sogenannte „Laufhaus“.

Fernsehbericht „Die letzten Tage des Eros“ ARD, 21.4.88

Wilhelm Bartel (1914 – 2008) Größter Immobilienbesitzer und „heimlicher König“ von St. Pauli.  Sein Vater war, wie auch der Vater von Hans Albers, Besitzer einer Großschlachterei. Dieser eröffnete 1928 das Ballhaus Jungmühle (Große Freiheit 21) und später das “Bikini“ . Mit 23 Jahren übernahm sein Sohn Wilhelm Bartels als Geschäftsführer das Kabarett „Jungmühle“, später kam das  Hippodrom (Große Freiheit 10-12) hinzu. Nach dem Tod des Vaters 1947, übernahm W. Bartels komplett die Geschäfte.1963 initiierte Bartels mit Bernhard Keese, Besitzer von Cafe Keese und Kurt Collien, Betreiber des Operettenhauses eine Aktion mit dem Label „Der gute Stern von St. Pauli“ in dessen Rahmen zu einer seriösen Preisgestaltung und zu dem Verzicht auf Selbstjustiz aufgerufen wurde.1984 wurde dann die „Interessengemeinschaft St.Pauli“ wiederum mit Bartels und mit Heinrich Umnus, Besitzer des Hotels „Monopol“, Bartels Pächter Hans Henning Schneidereit und dem Vorsitzenden des Gaststättenverbandes gegründet um St. Pauli touristen- und gastfreundlicher zu gestalten und gegen den „Nepp“ vorzugehen. Schneidereit (geb. 1930) war seit 1964 Besitzer des „Safari“ und zeitweise Pächter der Kabaretts Tabu, Alkazar, Indra, Colibri und der Jungmühle. Keiner dieser Life-Clubs, bis auf das Safari, existiert heute noch.  In den 80er Jahren soll Wilhelm Bartels zwischen 40-60 Gaststätten und Läden auf St. Pauli verpachtet haben. Ihm gehörten u.a. die Hotels „Hotel Hafen Hamburg“, das „Kronprinz“, „Fürst Bismark“, „Senator“ und das „Eden“, eine Handvoll „Kleinkunstbühnen“, unter anderem das „Schmidts Theater“ und das „Dollhouse“ und etliche Wohnhäuser auf St. Pauli und in ganz Norddeutschland. Sein bisher größtes Projekt war die Neugestaltung des Geländes der Astra-Brauerei (Davidstraße) mit Hotels, Wohn- und Gewerbeflächen, welches 2008 fertiggestellt wurde. Bartels verstarb gleichen Jahres.

1968 gab es in St. Pauli noch die Tanzcafes „Mehrer“ (Große Freiheit) und „Menke“ und „Lausen“ (beide auf der Reeperbahn) Das „Mehrer“ hatte eine Tischtelefonanlage zur Kontaktaufnahme. In allen drei Cafes fand eine umfangreiche Lokalprostitution statt. Das Preisniveau lag weitaus höher als bei den Straßenprostituierten. Auf diesem Gebiet sollen ca. 400 – 500 Frauen aktiv gewesen sein. Die Tarife lagen oft um die hundert Mark für einen mehrstündigen Service. Dafür wurden die Stundenhotels auf der Reeperbahn und der Großen Freiheit frequentiert. Die Zimmerkosten zwischen 20-30 Mark gingen ebenfalls zu Lasten des Freiers. Die beiden Cafés auf der Reeperbahn galten auch unter dem bürgerlichen Klientel als respektable Lokalitäten, wo gute Tanzmusik und Service geboten wurde. Dementsprechend wurde von den Frauen die dort arbeiteten, gegebenenfalls bürgerliche Umgangsformen und ein dementsprechendes seriöses Geschäftsgebaren erwartet. In den 70ern wurde aus dem Hotel Lausen ein richtiger Bordellbetrieb, bis nach der Krise des Rotlichtmilieus in den 80ern dort eine Mac-Donalds-Filiale einzog. Das Hotel,, welches inzwischen über albanische Mittelsmänner geführt werden soll, existiert weiterhin und bietet in einem Night-Club regelmäßige Stripteasevorführungen an. Das Cafe Keese bietet als einziges noch Kaffeehausatmosphäre, setzt inzwischen aber auch auf einen Mix von traditionellen Interieur und moderner Clublocation. Mencke existiert nicht mehr und vom Cafe Mehrer gibt es noch der Namenszug an der Außenfassade, ansonsten ist es zu einem Musik-Club umgebaut worden.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg


Die „Große Freiheit“ – Kabaretts und Transvestiten

Anfang 1970 zog das Sex-Variete „Salambo“ unter der Leitung Rene´ Durants in das Gebäude des ehemaligen Starclubs ein. Das „Salambo“ in der Großen Freiheit unter der Regie von Rene Durand galt als eines der freizügigsten Etablissements und als eines der Highlights in diesem Showgewerbe. Die 3x täglich stattfindenden Vorführungen in diesem Erotictheater waren zu dieser Zeit immer komplett ausverkauft. Die Bestuhlung zählte 150 Plätze, der Minimalverzehr lag bei 14 Mark, eine Flasche Champagner kostete damals 150 DM.  Nach dem großen Brand 1983, der das Gebäude restlos zerstörte, zog das Variete in die Große Freiheit Nr.11 um. Das Ordnungsamt entzog dem Salambo, das  als erstes Etablissement offiziell den unverhüllten Geschlechtsakt auf die Bühne geholt hatte, bzw. dem Betreiber Rene Durant, die Konzession wegen verdeckter/heimlicher Prostitution. Seine Tochter konnte, nachdem das Thema sogar in der Hamburger Bürgerschaft besprochen wurde und die ehemalige „Ruhezone“ geschlossen wurde, Anfang der 90er Jahre das Salambo wieder eröffnen. Sie konnte aber nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen und 1996, nach einer erneuten Polizeirazzia wurde das Salambo wegen heimlicher Prostitution und  Waffenbesitz endgültig geschlossen.

1968 gab es mit dem „Tabu“, „Regina“, „Les Premiers“,  dem „Safari“ und dem „Colibri“, das in den 60ern und später mit dem Salambo als führendes Striptease Kabarett in St. Pauli galt, eine Reihe namenhafter Kabaretts in der Großen Freiheit, die sich neben vielen kleineren Läden auf Live-Bühnenshows spezialisiert hatten.

Im „Les Premiers“ beispielsweise, gab es neben den einschlägigen Liveshows  eine  Sauna, ein Swimming Pool und Duschen für danach und es bestand die Möglichkeit für das zahlende Publikum mit den Damen in die Sauna zu gehen, was darauf hinweist das die Grenzen zwischen Kabarett und Prostitution wahrscheinlich fließend waren.

Desweiteren gab es in dieser Strasse die „Monica-Bar“, ein Transvestitenlokal und das „Barcelona“, ein homosexueller Treffpunkt – Ausdruck der in der Nähe befindlichen Transvestiten- und Schwulenszene in der Schmuck- und Talstrasse. Obwohl sich diese Szene Ende der 60er Jahre zum Teil auch  in der Kastanienallee in den Bars „Le Punch“,  „Bar `Celona“, „Flamingo“ und „Laubfrosch“  konzentriert  haben soll. Die  Talstraße soll sich schon seit den 20er Jahren zu einem Treffpunkt der Homosexuellenszene entwickelt haben. Heute gibt es dort noch 6 Gay-Kinos und Läden sowie in den umliegenden Straßen einige Szene-Bars und Musikclubs.

„Wir oder jedenfalls die Besseren von uns werden auch gern zum Animieren in den normalen Kabaretts genommen, weil wir `nen besseren Umsatz machen. Aber da gibt`s natürlich auch Kämpfe zwischen uns und den richtigen Frauen – aus so was entsteht Hass. Denn einige von uns sind ja richtig Spitze, mit unseren dunklen Stimmen gibt`s auch keine Probleme, die schieben die Gäste meist auf Alkohol oder auf`s Rauchen. Und das Gehänge wird halt geschickt nach hinten geklebt mit Leukoplast. Das ziept am Anfang, aber da gewöhnst du dich schnell dran, kannst du wieder ablösen mit Waschbenzin. Ist ganz einfach: den Hoden schiebst du in die Bauchhöhle, is wie ne` Tasche, und den Schwanz ziehst du nach hinten durch die Beine. Das Pflaster klebst du hoch bis zum Arsch, ist hautfarben, fällt also gar nicht auf. Den Sack klebst du ringsherum, da entsteht eine richtige Mulde, in der du sogar eine Kerze oder ein Seidentuch reinstecken kannst, wenn du Show machst. Fällt fast jeder drauf rein. Im Augenblick haben wir unheimlich viele Transis hier in Deutschland, die meisten aus Südamerika oder Spanien. Die gehen auf den Strich oder Tingeln. Die sind hier als Touristen eingereist und fahren nach 3 Monaten, sobald ihre Visa ablaufen, für ein paar Tage nach Holland oder Dänemark. Mit neuen Visa für 3 Monate sind sie bald wieder da.(…) Anschaffen, Nachtleben, Animieren oder Bühne. Zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent gibt`s auf die Drinks. Cola mit Rum, Pfläumchen oder Ponnys, in der „Taverne“, im „Flesh“, in den „Drei Weisheiten“ in der Schmuckstraße oder in der Großen Freiheit im „Musikladen“ oder in der „Monica Bar“. Die Besitzerinnen sind meistens Lesben“

Zitat aus:  Eppendorfer Hans, 1982 „Szenen  aus St. Pauli“, Seite 108

Nach 2000 gab es in der noch existierenden Straßenzeile der Schmuckstraße nur noch einen kleinen Transvestitenstrich wo, Transis abends vor den Häusern standen und auf Kundschaft warteten. In der Straße gab es noch 2 Kneipen: das „Steppenwolf“ und die  „Taverne Bar“ in denen vorwiegend Transvestiten in üblicher St- Pauli-Manier die Gäste zum Trinken und Geldausgeben animierten. Aufgrund des baulichen Zustandes der Häuser ist es absehbar, das die gesamte Straßenbebauung wahrscheinlich abgerissen oder totalsaniert werden wird. In der Großen Freiheit hat sich, ausgehend von dem ständigen Zufluss thailändischer Bühnenkünstlerinnen, seit den 80ern eine dementsprechende Szene herausgebildet. Es gibt dort mehrere Stripbars und ein Bordell (Thai Paradies), in denen ausschließlich Thailänderinnen arbeiten. Laut einem Informanten sollen alle diese Läden dem gleichen Besitzer gehören. Weitergehend gab es in der Straße einen thailändischer Imbiß und an der Ecke zur Schmuckstr. die „Thai Oase“, eine Karaoke Bar mit  gemischtes Publikum, wo viele echte Karaoke-Fans ans Mikro gehen.

Alexander, Rolf B., 1968, “Prostitution in St. Pauli“, Lichtenberg-Verlag, München

10
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St. Pauli im Umbruch

Die 80er  Jahre– ein Stadtteil im Umbruch

In den 80ern geriet im St.Pauli Milieu vieles in Umbruch. Durch die komplette Modernisierung des Hafens, die bereits Ende der 60er Jahre begann, brach eine tragende Säule des Sex- und Alkoholgeschäftes weg. Es kamen kaum noch Matrosen an Land, da die Containerschiffe inzwischen in 24 Stunden entladen wurden. Diese Modernisierung wie auch die Werftenkrise kostete einen Großteil der Hafenarbeiter ihren Job die sonst auch ihre Stammkneipen in St. Pauli hatten. In den beschäftigungsintensivsten Zeiten arbeiteten bis zu 50 000 Menschen im Hamburger Hafen, 1999 bereits weniger als 5000.  Früher lagen die Schiffe zum Be- und Entladen mindestens 1 Woche, manchmal bis zu 4 Wochen vor Anker und die Schiffsbesatzungen nutzten die Zeit für Landgänge und brachten ihre Heuer nach St. Pauli. Inzwischen haben die Matrosen nicht nur weniger Zeit, sondern auch weitere Wege. Die Schiffe liegen weiter weg vom Kiez, im Containerhafen auf der Südseite der Elbe. Außerdem verdienen viele der Matrosen auf den Billig-Flaggen-Schiffen oft nur einen Dollar pro Tag. Die Taxifahrt vom Containerhafen nach St. Pauli kostet 30 €, so dass Viele lieber bei der Seemannsmission „Duckdalben“ im Freihafen bleiben. Früher arbeiteten die als Dockschwalben bezeichneten Prostituierten direkt an den Kais und gingen mit den Seeleuten in nahe gelegene Steigen oder auf das Schiff. In den 60er und 70er Jahren standen die Frauen zum Teil in den Nebenstraßen Richtung Harburg und frequentierten Kneipen in der Nähe der Anlegestellen im Freihafen. 2004 wurde mit dem „International Ship and Port Facility Security Code“ der Freihafen für Unbefugte gesperrt. Von den Kneipen existiert heute noch eine einzige – die Karaokebar „Bituin“, die überwiegend von phillipinischen Seeleuten besucht wird.

Eine weitere Zäsur für den Stadtteil, stellten die fortgeführten Prämissen der Stadtteilplanung dar, in dessen Konsequenz die Prostitution aus ihrem traditionellen Quartier am Fischmarkt, am Hafenrand und in der Bernhard-Nocht-Str. verdrängt wurde und die historische Baustruktur des betreffenden Areals unwiederbringlich zerstört wurde. Den 2. Weltkrieg hatte der Fischmarkt mit der Fischauktionshalle, den Lagern, Speichern, Fabriken und angrenzenden Wohngebieten fast unbeschadet überstanden, nicht aber die Sanierungspolitik des Senats in den folgenden Jahrzehnten. Bereits 1974 wurde die Bebauung des Hexenbergs oberhalb des Fischmarktes vollständig abgerissen und neubebaut. Anfangs der 80er, im Rahmen der neuen Flutschutzsicherung wurden die ursprünglichen Kopfsteinpflasterstraßen durch eine vierspurige Hafenrandautobahn ersetzt, der Fischmarkt räumlich versetzt, von Wohnungsneubauten eingegrenzt und um mehr als die Hälfte seiner Fläche reduziert. Wegen der baulichen Maßnahmen ist der  Straßen- und Autostrich, der sich von der anliegenden Straße Pepermölenbek auf den Fischmarkt verlagert hatte, nach St. Georg und Hammerbrook ausgewichen.

Der Fischmarkt, seit 1711 auf seinem heutigen Platz, entwickelte zum Ende des 19. Jh, als Altona den bedeutendsten Fischereihafen des Deutschen Reiches stellte, zum größten Markt wo täglich Fischauktionen abgehalten wurden. 1934 erfolgte die Zusammenlegung mit dem Hamburger Fischmarkt auf das Areal des Altonaer Fischmarktes. Der Markt war eingebetet in einen typischen hafenstädtischen Lebensraum. Zehntausende von Menschen kamen täglich hierher, entweder um auf den Fischmarkt zu arbeiten, zu handeln und zu kaufen, oder um sich von einem der zahlreichen Schiffsanlegern auf die andere Elbseite zu den Werften und Hafenbetrieben übersetzen zu lassen.

Im gleichen Zeitraum, im Rahmen der Komplettsanierung ausgehend vom Hexenberg, plante die Stadt den kompletten Abriss der Altbauten am Hafenrand – an den Straßen Hafenstraße und Bernhard-Nochtstr.- um dort Bürokomplexe anzusiedeln. Zuerst der Kaffeekonzern Tschibo und dann das Verlagshaus Gruner und Jahr standen in Verhandlungen mit dem Senat, bis 1981, durch eine zunächst stille Besetzung der betreffenden Häuser, diese Pläne verhindert wurden. Die „Hafenstraße“ mit ihren ca. 100 Besetzern entwickelte sich zu einem Politikum mit häufigen Großeinsätzen der Polizei, bis ein breites Solidaritätsbündnis den Erhalt der Häuser durchsetzen konnte.1996 verkaufte die Stadt die Häuser, mit der Auflage der dauerhaften Sanierung und Bewirtschaftung, an die Genossenschaft St.Pauli Hafenstraße.

Auch die in den 90ern realisierten Bauvorhaben zeigen keine Abkehr, sondern die Vollendung der alten stadtplanerischen Prämissen. Beim Fischmarkt, an der Elbstrasse wurde zwar die alte Mälzerei aufwendig saniert und beherbergt inzwischen ein Zentrum für italienisches Möbeldesign und mehrere Gastronomien, aber die Wasserseite der Elbstrasse, wo früher an den Docks die Schiffe entladen wurden, ist trotz Bürgerprotesten ein großflächiger Büroneubaukomplex entstanden. Am Millerntor, ist anstelle des Mitte der 90er gesprengten Iduna-Hochhauses 1997 ein imposanter Neubau entstanden, in den 1999 der Internet-Betreiber AOL einzog und 6 der 10 Etagen belegte. Dieser Neubau dient als Keimzelle einer neuen Strukturplanung, die zu einer Neubebauung  der Straßen Seilerstraße, Simon von Utrechtstr. bis zur Detlev-Bremer-Strasse mit Hotels und Büros führte. Auf der anderen Seite der Reeperbahn bezieht der Plan die Strassen Zirkusweg und Beim Trichter mit ein, nur das dort anscheinend noch kein schlüssiges Finanzierungskonzept vorliegt. Dem dort jahrelang residierenden „Mojo-Club“ wurde auf jeden Fall schon 2003 gekündigt. Inzwischen ist dort das Prestigeobjekt des Star-Architekten Teherani geplant. Die sogenannten „Tanzenden Türme“, zwei über 80 Meter hohe Hochhausbauten. Die Künstlerinitiative, die das Gebäude übergangsweise für mehrere Jahre nutzte, musste Herbst 2009 ausziehen. Auf dem Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei, dem heutigen „Brauquartier“, entstanden mit einem Investitionsvolumen von 350 Mio. Euro fast 300 Wohnungen, das Hotel Empire Riverside und 55.000 Quadratmeter Büros, Einzelhandel und Gastronomie. Prägnant ist die nach außen hin abweisende Architektur der Neubauten. Sie sieht zwar eine kommerzielle und teilweise gastronomische Nutzung vor, ist aber auf ein „Innenraum-Konzept“ gegründet, während das Straßenleben, das für St. Pauli charakteristisch ist, im Einzugsbereich dieser Bauten verödet.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Heiligengeistfeldes, in direkter Nachbarschaft zum Karolinenviertel und St. Pauli-Stadion, soll in dem denkmalgeschützten ehemaligen Schlachthof, der seit Jahren verschiedene Großsupermärkte beherbergte, ein Veranstaltungszentrum entstehen, welches mehrere Zehntausend Besucher fasst. Ein weiterer Brennpunkt ist das „BNQ“.  Die Investoren Köhler&von Bargen wollen in St. Pauli, an der Bernhard-Nocht-Straße und umliegenden Straßen, das sogenannte “Bernhard-Nocht- Quartier (BNQ )” bauen. Geplant ist der Abriss historischer Substanz, an deren Stelle Eigentumswohnungen und Gewerbeflächen in inzwischen gewohnter Hochhausarchitektur entstehen sollen. Betroffen sind davon zahlreiche Kneipen und Altmieter, die sich in direkter Nachbarschaft der Hafenstraßenhäuser angesiedelt haben. Die haben sich zu der Initiative „No-BNQ“ zusammengeschlossen, welche sich zunehmend im Rahmen der „Recht auf Stadt“-Kampagne mit anderen Initiativen vernetzen. Sie haben einen alternativen Bebauungsplan entwickelt, der unter der Mitbestimmung der betroffenen Anwohner auf den Erhalt der Häuser und der gewachsenen Strukturen setzt. Es wird sich ab 2010 zeigen, ob es den vielen Stadteilinitiativen und den Besetzern des Gängeviertels gelingen wird der zunehmenden kommerziellen Verödung innerstädtischer Quartiere etwas entgegenzusetzen.

Empire St. Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen
Ein Dokumentarfilm von Irene Bude und Olaf Sobczak
Produktion Steffen Jörg, GWA St. Pauli | Mini-DV, 2009, 85 Min.
http://www.empire-stpauli.de/

http://www.rechtaufstadt.net/


Musikclubs und „Kulturmeile“

Die ersten Aids-Fälle traten in Deutschland, Frankreich und der Schweiz um 1981 auf. In der Bundesrepublik begannen 1985 die ersten staatlich organisierten  Präventionskampagnen. Die Diskussion der einzuschlagenden Präventionspolitik sprengte den Rahmen herkömmlicher gesundheitspolitischer Debatten, da die Hauptbetroffenengruppen zu besonders marginalisierten und stigmatisierten Bevölkerungsgruppen gehörten: Homosexuelle, Drogenabhängige und Prostituierte. Die Presseberichterstattung in den 80er Jahren, in der Aids als die Seuche des 20. Jh. dargestellt wurde und mit den Pest- und Syphilisepidemien  vorangegangener Jahrhunderte gleichgestellt wurde, führte zum Niedergang des Rotlichtmilieus und zu einem verstärkt monogamen Sexualverhalten in großen Teilen der Bevölkerung. Weltweit sind inzwischen mehr als 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, 560.000 davon in Europa, etwa 50.000 – 60.000 in Deutschland. AIDS ist längst keine Krankheit von Randgruppen mehr. In der Anfangszeit der Epidemie waren 90% aller Infizierten in Deutschland homosexuell oder drogenabhängig, heute sind es weniger als 50%. Die Zahl der Neuinfektionen wird pro Jahr auf ca. 2.000 – 2.500 geschätzt, wobei die Infektionsgefahr zu ca. 16% bei heterosexuellen Kontakte liegt. Inzwischen hat sich das emotionale Klima wieder normalisiert und bei der nachfolgenden Generation macht sich, wenn man den Presseberichten glauben kann, wieder eine gewisse Sorglosigkeit breit. Aber Mitte der 80er Jahre kam es zu massiven Geschäftseinbrüchen im Sexbusiness. Das Geschäft mit der Prostitution litt darunter das die potentiellen Freier Angst vor Aids hatten und das wirkte sich auf das gesamte Rotlichtbusiness aus, so dass bald billige Räume und Läden frei wurden, da das Geschäft der Zweit- und Drittvermietung der gleichen Räume nicht mehr funktionierte. In St. Pauli entwickelte sich eine neue Musik- und Clubszene und – im Gegensatz zu den 70er wo die Einwohnerzahl durch Wegzug stark abfiel, wurde Ende der 80er St. Pauli zu einem beliebten und günstigen Stadtteil für junge Menschen.

Martens Rene, Günther Zint, 2000, „Kiez, Kult, Alltag“, Verlag der Hanse, Hamburg

Nach dem Ende des Star-Clubs in den 70er Jahren war der St. Pauli-Kiez für viele Jugendliche weitgehend uninteressant, da es keine dementsprechenden Angebote gab. Die Reeperbahn war zu dieser Zeit nicht so eine überfüllte Ausgehmeile wie heute, viele Clubs und Diskotheken mit einer innovativen Musikszene lagen zu dieser Zeit in anderen Stadtteilen, bsp. wie das „Onkel Pö“, das „Logo“, Madhouse“, „Remter“, „Knust“ und das „After Eight“. Ab den 80er Jahren entstand mit der Krise des traditionellen Rotlichtmilieus eine neue Musikclub- und Kneipenszene mit den Zentren Hamburger Berg und Hans-Albers-Platz und Seitenstraßen. Auf dem Hans-Albers Platz wurde diese Entwicklung durch den Umstand begünstigt das der Immobilienmakler und Betreiber des „Erotik Art Museums“ Claus Becker dort nach und nach Häuser aufkaufte und das traditionelle Milieu dort zurückgedrängt wurde.

Am Hamburger Berg, wie um den Hans Albers Platz existieren Milieu- und traditionelle St. Pauli-Kneipen, neben den neuen Musikclubs- und –kneipen und den sogenannten „Spaßläden“ der Wochenend-Pistengänger. Am Hamburger Berg wurde diese Entwicklung durch die Gründung der Musikkneipe „Sparr“ und dem „Tempelhof“, Ende der 80er eingeleitet. Inzwischen gibt es in dieser Strasse an die zehn Läden für verschiedene Geschmäcker. Eine der dort noch vorhandenen typischen St. Pauli-Kneipen ist die „Zum Goldenen Handschuh“. Hinter dem Tresen bedient die Tochter des Wirts und Enkelin des Kneipengründers Herbert Nürnberg (geb. 1914), der die Kneipe beim Boxen gewonnen hatte und aus ihr ein Lokal machte, wo sich zu seinen Zeiten die Boxprominenz traf. Ähnlich wie die Kneipe „Ritze“(Reeperbahn) mit ihrem Trainingsraum, sich in den 80ern zu einem Treffpunkt bekannter Boxer entwickelte. Nach dem Tod von Nürnberg verlor sich der Glanz der Kneipe. Mit einem Interieur aus den 50er Jahren bietet sie einem in die Jahre gekommenen Publikum die Möglichkeit des billigen Alkoholkonsums. Desweiteren gibt es in der Strasse ein paar Kneipen des Milieus wo einige der Portiers der Strip-Lokale nach Feierabend noch einkehren, außerdem einen „Club“, einen Sexshop und die älteste Tattoo-Stube  Hamburgs.

In den besetzten Häusern der Hafenstraße entwickelte sich mit den ehemaligen Kiezkneipen „Onkel Otto“ und „Ahoi“ und dem Veranstaltungszentrum „Vokü“, später dem „Störtebeker-Zentrum“ eine musikalische Subkultur der durchaus ein Multiplikatoren-Effekt bei der späteren Vielzahl von Ladengründungen ab Ende der 80er zugesprochen werden kann. In der Nähe eröffneten später das “Soul Kitchen” (1989- ca. 1995) und der „Golden Pudel Club(1995)“. Neben weiteren kleinen Läden wie das „Mitternacht“ (Gerhartstr.16, 1985-90) das „Heinz Karmers Tanzcafe“(1994-97), der „Tanzhalle“(Silbersackstr./Elektro), dem „Better Days Projekt“ (Hopfenstr. 34) oder der Diskothek „Aftershave“, die bereits in den 80ern vom Besitzer des Grünspans am Zeughausmarkt und dann am Spielbudenplatz betrieben wurde, entstanden im Rahmen dieser Entwicklung auch größere Veranstaltungsorte.

Die Lizenzvergabe des Ordnungsamtes hatte entscheidend mit dazu beigetragen, dass es kaum noch Kabaretts gab. Die Musik- und Clubszene hingegen profitierte von dieser Entwicklung. Neben der Umwandlung vieler Live-Shows  in der Großen Freiheit in Diskotheken und Musikclubs, etablierten sich mehrere Veranstaltungszentren für Live-Musik. 1988 eröffnete die „Große Freiheit 36“, eine Live-Musik-Bühne und Diskothek. Am Spielbudenplatz in den Räumen der „Knopf`s Music Hall“ eröffnete das ähnlich ausgerichtete „Docks“ mit der dazugehörigen „Prinzenbar“, einem ehemaligen Luxusbordell. Am Millerntor, in dem ehemaligen Bowlingcenter entwickelte sich seit 1991 mit dem „Mojo Club“ eine Dancefloor Jazz- und elektronischer Tanzmusik-Szene, die neue Trends aus England in die Stadt brachte und  – ähnlich wie der Starclub früher – ein eigenes Plattenlabel betrieb. Dem Mojo-Club wurde allerdings 2003 seitens der Stadt gekündigt und musste schließen. (der zukünftige Großinvestor für dieses Gelände ist die „B&L Immobilien Ag“ mit dem Vorstandvorsitzenden Hans Hellberg) Ähnlich erging es dem seit einigen Jahren bestehenden Veranstaltungscenter im ehemaligen C&A-Kaufhaus am Nobistor, auf der anderen Seite der Reeperbahn. Das Gebäude bot im Rahmen einer Mehrfachnutzung mehreren Musikclubs und Konzertveranstaltern eine Betriebsmöglichkeit; zeitweilig dem „Phonodrom“, dem „KDW“, der „Weltbühne“ und „Echochambre“. 2006 musste das Gebäude einem Erweiterungsbau der benachbarten Endo-Klinik weichen.

Neben dieser kurz umrissenen Entwicklung der Musik- und Clubszene kam es zu einer Wiederbelebung der „Kulturmeile“ Reeperbahn, die lange Zeit nur von dem Operettenhaus und dem St. Pauli-Theater repräsentiert wurde. Das St. Pauli Theater wurde 1970 nach längerer Spielpause neu eröffnet. Kurt Collien übernahm das Theater in 13. Direktion. Namen wie Freddy Quinn („Der Junge von St. Pauli“), Willy Milowitsch oder Henry Vahl standen ab dann regelmäßig auf den Spielplänen. Es folgten ab Ende der 80er Musicals wie „Little Shop of Horrors“(1988) oder „Aretha – The Queen of Soul“ und regelmäßige Gastauftritte der „Natural Theatre Company“, einer ehemaligen englischen Straßentheatergruppe. 2003 erfolgte mit dem Schauspieler Ulrich Tukur und dem Regisseur Ulrich Weller, die 8 Jahre lang die Hamburger Kammerspiele geführt haben, eine Neuorientierung. Mit Thomas Collien, der in der dritten Generation das Haus leitet, geht das Theater auf die Suche nach einer deutschsprachigen Unterhaltungskultur, wie sie zwischen den Weltkriegen in Blüte stand.

1988 eröffnete das Schmidt-Theater am Spielbudenplatz, wo sich früher die „Union-Lichtspiele“ befanden. Der Betreiber ist Corny Littmann und sein damaliger Partner Ernie Reinhardt, besser bekannt als Lilo Wanders aus der Fernsehserie „Wa(h)re Liebe“. Das Theater war mit seiner Mischung aus Comedy, Kleinkunst und St. Pauli-Musicals, die zum Teil regelmäßig vom NDR-Fernsehen aufgezeichnet wurden, außerordentlich erfolgreich. Das Gebäude wurde 2004 abgerissen und das Theater 2005 in einem Neubau wiedereröffnet. Im ehemaligen Zillertal (1925-1990) wurde 1991 das „Schmidts Tivoli“ und der „Angie Nightclub“ eröffnet. In diesem Zusammenhang wurde von Corny Littmann und Prof. Norbert Aust das Unternehmen „Schmidt`s Tivoli“ gegründet. Norbert Aust ist ein ehemaliger Direktor (1980) der Hochschule für Wirtschaft und Politik und dort immer noch als Professor für Rechtswissenschaften tätig. Zur Schmidts Tivoli GmbH gehört das Schmidt Tivoli Theater mit ca. 600 Plätzen, der Angie`s Nightclub und seit 1997 das Schmidts Theater. Die dazugehörige Firma „SeeLive Tivoli“ wurde gegründet um auf 4 Schiffen der Reederei „Seetours“ für  professionelle Unterhaltung zu sorgen. Das beinhaltet allabendliche Musik- und Showprograme für die jeweils 800 Sitzplätze umfassenden Theater und weitergehend Animation, Kinderbetreuung, Workshops und Lernprogramme. 2004 eröffnete „SeeLive Tivoli“ in der Seilerstraße 41-43, eine „Hamburg School of Entertainment“. Jährlich sollen 25 Schüler spartenübergreifend für den Show- und Theaterbereich ausgebildet werden. „SeeLive Tivoli“ ist ein Tochterunternehmen von Schmidt`s Tivoli. Vor dem Umbau des Schmidts Theater hatte die „Schmidt`s Tivoli“  ca. 250.000 Besucher jährlich in ihren festen Häusern und ca. 14 Millionen Umsatz zu verzeichnen.

Es folgte 1994 die Gründung des „Imperial Theater“ auf der Reeperbahn, einem Musical- und Comedy-Theater,  in den Räumen eines ehemaligen Premieren- und späteren Pornokinos. Und seit 1999 hat  das Zelttheater der „Fliegenden Bauten“ an der Glacischaussee, direkt an dem Domplatz angrenzend, seinen festen Standort. Die Betreiber hatten bereits vorher mit Produktionen wie „Cirque O“ neue Maßstäbe im Bereich der circensischen Künste gesetzt. Vor einigen Jahren zog das „Pulverfaß“,  ein über Hamburg hinaus bekanntes Transvestiten-Kabarett, welches bereits 1973 am Pulverteich in St. Georg gegründet wurde, auf die Reeperbahn. In den Shows wechseln sich Conferencen und Live-Gesang, internationale Star-Parodien, Comedy, Men-Striptease und Revuen im raschen Tempo aneinander ab. Menstripshows für Frauen, als Ausdruck einer veränderten Konsumentenhaltung, werden neben dem Dollhouse auch einmonatlich im „Herzblut“(Reeperbahn 50), einem mit Formenelementen des Jugendstils und des Art Deko  gestylten Cafe, Restaurant und Tanzbar, veranstaltet. Außerdem finden dort Gay- und Karaoke-Parties statt. Der Geschäftsführer vom „Herzblut“  war jahrelang Cocktailmixer im „Angie`s Nightclub“ und betreibt auch noch die Cocktailbar „Christiansen“ am Pinnasberg 60 und die Bar im Schauspielhaus, St.Georg.

Das Erotic Art Museum des Hamburger Immobilienhändlers Claus Becker (zeitweiliger Teilhaber und Mitbegründer der „Hansa Trauhand Schiffsbeteiligung GmbH“), ein weiterer Anziehungspunkt für St. Pauli-Besucher, hatte seinen Standort in der ehemaligen Hutfabrik am westlichen Ende der Reeperbahn. Es zeigte 2000 Werke erotischer Kunst von  der Renaissance bis zum 20.Jh. Es wurde 1992 in der Bernhard Nocht Straße 69 eröffnet und zog 1997 dann zum Nobistor/Reeperbahn um. Neben der festen Ausstellung von erotischen Exponaten quer durch die Kulturen und Epochen, gab es bereits mehr als 60 Sonderausstellungen. Ende der 90er-Jahre geriet Becker in Zahlungsschwierigkeiten und die Immobilien kamen unter Zwangsverwaltung. Ende 2004 stand das Erotic-Art-Museum, das seit seiner Gründung mehr als 2 Millionen Besucher verzeichnet hatte, erstmals zur Zwangsversteigerung. Im Sommer 2005 ersteigerte der Kosovo-Albaner Burim Osmani über seine Firma GGS die Räumlichkeiten des Museum an der Bernhard-Nocht-Straße für 1,5 Millionen Euro. Die zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden Sammlungen von Erotica wurden von den Osmanis aufgelöst. Im Juni 2007 wurde die Immobilie für 4,4 Millionen Euro an drei Hamburger Immobilienkaufleute verkauft

Jährlich besuchen nach Schätzungen der Hamburger Touristenzentrale ca. 15,5 Millionen Menschen St. Pauli. Die wiederauferstandene Kulturmeile am Spielbudenplatz, vom Operettenhaus bis zum St. Pauli-Theater, Ecke Davidsstr. hat sich zu einem Attraktionspunkt für Hamburger, wie für Touristen entwickelt. Die weiterhin boomende Musik-Club-Szene ist rein auf jugendliche Pistengänger ausgerichtet. Diese beiden relativ neuen Entwicklungen haben ihrerseits kaum Kontakte zu dem traditionellen Rotlichtmilieu St. Paulis

Twickel Christoph (Hg.), 2003, „Läden, Schuppen, Kaschemmen“, Edition Nautilus, Hamburg