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Sexuelles Entertainment auf St. Pauli im Detail

(z.T. Stand 2005)

Striptease

In St.Pauli, auf der Reeperbahn/Landseite gibt es noch ca. 10 Life-Shows. In der „Großen Freiheit“, dem Aushängeschild St. Paulis, sind die meisten Live-Cabaretts durch Diskotheken und Musikclubs verdrängt worden. Die  nennenswerten Etablissements lassen in ihren Shows selten eine Rückbesinnung auf die Kultur der Burleske erkennen. Daneben gibt es auf der ganzen Reeperbahn eine Mehrzahl von Peep-Shows, entweder als eigenständigen Laden oder als Bestandteil des Angebotes der vielen Sexshops.

In der Großen Freiheit bieten die Clubs “Dollhouse”, “Safari”und “Susies Stripbar” Live-Shows an, wobei dem Safari als einzigem Etablissement noch dem Begriff „Kabarett“ gerecht wird. Die durchgängige Bestuhlung mit kleinen Tischen auf zwei Ebenen für ein Publikum bis ca. 200 Zuschauern ist auf  die 1 Meter erhöhte Theaterbühne ausgerichtet. Der Eintritt liegt bei 20 €, in dem ein normales Getränk inbegriffen ist. Die Show dauert zwischen 1,5-2 Stunden und wird zumindestens an den Wochenenden durchgängig wiederholt. Sie setzt sich aus verschiedenen Acts zusammen: verschiedene Frauen treten einzeln mit ihrer Stripteasenummer auf, kombiniert mit Musik und Gesang, der allerdings ausschließlich als Playback läuft. Das Bühnenbild und die Kostüme sind teilweise sehr aufwendig. Höhepunkt und Abschluss bildet ein Bühnenkoitus. Susies Stripbar ist ein kleines Lokal mit einer runden Drehbühne im Zentrum, die auf gleicher Höhe wie die umfassenden Sitzgelegenheiten liegt. Es gibt mehrere im Halbdunkeln liegende separeeähnliche Sitzgelegenheiten, ein DJ-Pult mit Ansager und eine kleine Bar mit einem hochpreisigen Getränkesortiment. Pro Abend strippen im ständigen Wechsel 5-8 Frauen auf der Bühne, das tänzerische Repertoire aller Frauen ähnelt sich, bzw. gleicht sich nach der Zeit der Einarbeitung an. Über den normalen Striptease hinaus werden von einzelnen Frauen auch Dildo-Shows oder lesbische Nummern angeboten, desöfteren werden auch Gäste auf die Bühne geholt. Diese Bar hatte sich bis zum Um- und Ausbau 2005 noch etwas von dem alten Charme des St. Pauli-Milieus erhalten und die Atmosphäre war geprägt von der Nähe zu den Darstellerinnen, deren Hauptaufgabe neben den Tanznummern in der Getränkeanimation liegt.

Das Dollhouse, in den Räumen des ehemaligen „Salambo“, vertritt ein modernes, amerikanisches Konzept des Striptease. (keine Genitalshow, keine Berührungen) Auf der zentralen Hauptbühne findet ein Hauptprogramm statt und die Gäste können außerdem zwischen verschiedene Acts, von männlichen wie weiblichen Darstellern wählen, die dann separat auf ihrem Tisch tanzen. Dem Betreiber Andreas Schenktat ist es gelungen die Grenze zum Publikum der Diskotheken und Musikclubs zu durchbrechen, die neben ungewöhnlich vielen Frauen einen Großteil des Publikums stellen. Das Dollhouse hat zusätzlich das Restaurant „Dollhouse Dinner“ im ehemaligen Kabarett „Tabu“ und eine Bar in der Großen Freiheit eröffnet und betreibt inzwischen Filialen in Berlin und Köln. Im März 2005 fand mit knapp 200 Beamten eine Razzia in den verschiedenen Lokalitäten der Dollhaus-Kette statt. Dem Geschäftsführer, wie dem Dollhousegründer Andy Schenkat wurden umfangreiche Steuerhinterziehungen vorgeworfen. Seit dieser Razzia soll das Dollhouse den Brüdern Dreschaj gehören. Anfang 2010 wurde Schenkat wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 2,5€ Millionen zu 30 Monaten Haft verurteilt.

„10€ Eintritt und Garderobe. Hinter dem Eingang 2 halbvergitterte, röhrenförmige Käfige in denen jeweils ein Mann und eine Frau tanzen. Insgesamt habe ich 15 Tänzer und Tänzerinnen gezählt, von denen ca. zwei auf der Hauptbühne agieren, 2 weitere auf den kleinen Laufstegen und Käfigen und weitere, jeweils nach Bedarf, auf den Rundtischen, wo die Extrastripshow 20E kostet. Die Show der Tänzer auf der Hauptbühne und den Laufstege sind im Eintrittspreis mit inbegriffen. Der Strip auf den Einzeltischen endet mit der vollständigen Entkleidung (bis auf die Schuhe), wobei die Beine dann geschlossen bleiben und der/die TänzerIn mit einer Hand ihr Geschlecht bedecken. Ein Nebenverdienst und eine Möglichkeit der Interaktion zwischen Publikum und Akteur besteht darin, dass man die „Doll-Dollars“ – einen erhält man beim Eintritt, weitere kann man bei einer Frau kaufen, die mit einem kleinen Bauchladen, ihrer Wechselstube, von Tisch zu Tisch geht – entweder mit Spucke auf der nackten Haut, oder am Bikinioberteil, am Höschen oder am Strumpfband eingeschoben – der Tänzerin zukommen lässt. Einer der männlichen Striptänzer, beispielsweise, animierte an einem Tisch mit 5 Frauen hauptsächlich eine einzige Zuschauerin, steckte  ihr einen Schein zu und forderte sie auf es ihm gleichzutun. Dann entkleidete er sich tänzerisch expressiv (MTV-Stil), und bittet, noch mit einem Slip bekleidet, die Frau mit auf den Tisch zu steigen und tanzte mit ihr und forderte sie zum Schluss auf ihre Beine um ihn zu schlingen während er sich noch ein paar mal mit ihr drehte. Es werden keine Obszönitäten und anscheinend keine weiteren sexuellen Dienstleistungen geboten.. Das Angebot der Solostripnummern variierte: bei den Männern trat einer in sehr militärischer Kleidung auf, mit einer sehr expressiven, schnellen Tanznummer. Ein anderer schälte sich aus dem Anzug, ließ sich beim Entkleiden von dem weiblichen Gästen helfen und gewährte zum Schluss, beim Zustecken eines Doll-Dollars auch einen Blick unter dem Tuch auf sein Geschlecht. Die Frauen begannen meistens schon leichtbekleideter als die Männer und lieferten in der Regel einen konventionellen Strip, wobei sie sich zuerst, leicht tänzelnd von der Vorderseite präsentierten, dann (mit einem leichten Shimmy) ihren Popo, wobei sie zwischen die Beine auf die Zuschauer guckten. Öfters spreizten sie (noch mit einem Slip bekleidet) die Beine vor den Männern. Eine der Frauen trat, vor einem Frauentisch, als Polizistin auf und benutzte den Polizeiknüppel als ein wichtiges Requisit, wobei sie pantomimisch mit dem Stab masturbierte. Desweiteren gab es zwei Doppelnummern: eine lesbische, mädchenhafte Darstellung, bei der in der 69-Position Cunnigulus angedeutet wurde. Die andere Doppelnummer bestand aus einer Frau und einem jungen Mann, der mit einem Sträflingsanzug ausgestattet war. Er war für die Frau das Reittier, der Hund, oder auch derjenige der sie mit der Peitsche bearbeitete. Beide Doppeldarstellungen stellten keine tatsächlichen SM, oder lesbische Szene dar, sondern theatralisierten sie nur.“

Dollhouse, 2003, Beschreibende Beobachtung  Ethnologie,  Uni HH

Die Las Vegas Strip Bar ist, neben dem „Moulin Rouge“ und der „Roten Katze“ eine von den fünf  Stripbars alten Typs auf der Reeperbahn. Es gibt eine kleine Bühne am hinteren Rand des Raumes, der Tresen befindet sich meistens auf der anderen Seite, im Eingangsbereich, die Tische und Stühle sind in Sitzgruppen bzw. Nischen gruppiert. Eine Frau tanzt auf der Bühne, die anderen animieren die Männer zum Trinken, wobei sie Prozente am Getränkeverkauf bekommen. Die Preise für ein Bier liegen in diesen Läden in der Regel bei 6 Euro und klettern dann für Sekt bzw. Champagner auf Flaschenpreise von 120 bis 240 Euro. In der Woche sind diese Läden oftmals leer und die Betreiber haben zum Teil Schwierigkeiten  neue Tänzerinnen zu bekommen, da viele Frauen lieber gleich „anschaffen“ gehen würden, da sie dort mehr verdienen und bei Frauen außerhalb des Milieus in der Regel Berührungsängste bestehen.

Während  in diesen Läden die Zeit seit den 60ern stehengeblieben zu sein scheint und sie so als Relikte der „Golden Sixties and Seventhies“ überdauert haben, merkt man den moderner ausgestatteten Live-Bars einen deutlich höheren Kapitalfluss an, obwohl auch in diesen Läden wenig Kunden anzutreffen sind. Die Inneneinrichtung wird von vielen Spiegeln und Chrom bestimmt, in zwei dieser Bars setzt sich die Bühne über eine Art Laufsteg in Richtung Publikum fort und die Beleuchtungstechnik ist weitaus aufwendiger. Die Preise für die Grundgetränke liegen um einige Euro höher als in den „alten“ Läden. Bei allen diesen Bars, den modernen, wie den alten, fiel die Unlust der Tänzerinnen während ihrer Show auf, wie auch die Tatsache, dass fast alle Frauen einen deutlichen Mangel an tänzerischer Kompetenz hatten, diese Läden also eine deutliche Ausrichtung auf das Geschäft mit dem Alkohol und der verdeckten Prostitution erkennen lassen. Jeder dieser Nachtclubs hat einen Portier, auch „Koberer“ genannt, als Türsteher. Früher, bis Mitte der 80er Jahre, standen noch mehr als 80 Koberer von 19 bis 4 Uhr vor den „echten Clubs“ auf St. Pauli. Aber der Großteil der niveauvollen Erotic-Theater hat  inzwischen geschlossen und potenzielle neue Betreiber haben in der Regel Probleme eine neue Konzession zu erhalten. Heute stehen  noch ca. 15 „Portiers der alten Schule“ rund um die Reeperbahn und in der Großen Freiheit, bei denen sich ein klarer Generationsunterschied zu den jüngeren Türstehern der Musikclubs zeigt.

Es gibt in Hamburg keine prosperierende Pornofilmindustrie wie in den USA, wo sich ein gut funktionierendes und lukratives Zusammenspiel von Filmproduktionen und Auftritten der Filmstars in den Stripbars entwickelt hat. Die Krise des Striptease auf der Meile liegt einerseits an der seit den 60ern enorm ansteigenden Verbreitung von visueller Erotica in Printmedien, Filmen und im Internet bis hin zu den Video-Peep-Shows, die zu einer Übersättigung geführt haben, so dass die bloße Zurschaustellung des weiblichen Körpers ihren Reiz verloren hat. Eine weitere Ursache stellt das  milieubedingte Zusammenspiel zwischen Striptease, Animation und Prostitution dar, welches sich seit der Krise des Rotlichtmilieus in den 80ern im Niedergang befindet. Während ausnahmsweise alle befragten Frauen, die bereits länger oder früher als Tänzerinnen gearbeitet haben, sagen, dass man früher gut- und bis zur Einführung des Euro verhältnismäßig verdienen konnte, haben sich die Einkommensverhältnisse in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Inzwischen arbeiten viele Migrantinnen aus Osteuropa in diesen Bars. Viele dieser St- Pauli-Läden scheinen entweder ausschließlich vom Wochenendgeschäft oder als Abschreibungsobjekte und Geldwaschanlagen zu existieren. Mischkonzepte von Striptease, Peep-Shows, Live-Musik, experimenteller Kunst und Kurzfilmen, bis hin zur Wiederbelebung des niveauvollen Striptease, stellen durchaus eine Marktlücke dar, vor allem wenn es Frauen von außerhalb des Milieus möglich wäre auf diese Art ihr Geld zu verdienen, ohne dabei mit prostitutiven Verhältnissen in Berührung zu kommen. Aber solche Konzepte scheinen mit dem alten St. Pauli-Milieu nicht realisiert werden zu können. (genau diese Lücke versuchen die Betreiberinnen von „Queen Cavalera“ – einer 2008 eröffneten Schwesternkneipe des Punk´n roll-Clubs „King Cavalera“ am Hans-Albers-Platz – mit einem wechselnden Angebot von Neoburleskeshows zu schließen)

Weiterhin gibt es eine Reihe von Live-Peep-Shows, bei denen die „Nevada-Peep-Show(Reeperbahn, Nähe Große Freiheit) einer der größeren Läden darstellt. In der Peepshow wird eine Mischung aus Striptease und reiner Präsentation des nackten weiblichen Körpers geboten. Die Frauen beginnen ihre Show, die meistens in einem Zeitraum zwischen 2-5 (früher 5-10) Minuten liegt, schon leicht bekleidet auf einer kleinen Bühne, früher rund und heutzutage meistens in der Art eines kleinen Laufstegs in deren Mitte sich eine bis zur Decke reichende Chromstange befindet. Diese ist oft das Zentrum der Darbietung, da es z.b. mit ihrer Hilfe leichter ist gymnastische Figuren aus dem klassischen Striptease auszuführen ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die Zuschauer befinden sich in räumlich abgegrenzten Einzelkabinen die rund um die Bühne gruppiert sind. Durch den Einwurf eines Geldstückes öffnet sich die Kabinentür (früher der Sehschlitz in der Kabine) und damit der visuelle Zugang zur Show. Normalerweise gibt es keinen körperlichen Kontakt zwischen der darstellenden Frau und dem Zuschauer. In den Hochzeiten der Peepshows bekam die Frau in der Regel eine Zusage für ein Engagement eines Monats. Die Arbeitszeiten und die Pauschalen waren bei vielen Peepshows verschieden, z.b. Frühschicht von 10-19 Uhr (9Std.), Spätschicht von 19-3 Uhr (8Std.). Pro geleisteter Schicht gab es  100DM. Die Frauen kamen auf ungefähr 4-5 Schichten die Woche, so dass sie im Monat 1500-2000 DM verdienten, plus das zusätzliche Geld für die „Extras“ wie Solovorführungen etc.. In jeder Schicht arbeiteten mehrere Frauen, jede tanzte in der Regel 45 Minuten. Gehörten z.b.  vier Frauen zu einer Schicht gab es nach dem Tanzen eine Pause von 15 Minuten. Die Bühne bestand früher aus einem kreisrunden, oft sich drehenden Podest oder aus einem Laufsteg, jeweils mit einer bis zur Decke gehenden Chromstange im Zentrum. Viele der Frauen versuchten die Männer zum Besuch einer Solo-Box zu animieren, ließ ein Mann sich darauf ein, löste er an der Kasse einen Extra-Bon/Chip der teurer ist als die reguläre 5min Show. Der Kassierer, der gleichzeitig auch Aufpasser und Diskjockey ist, ruft dann über Mikro die betreffende Frau zur Solokabine auf. In der Kabine stehen sich nun Peeperin und Zuschauer gegenüber. Am Anfang werden, falls üblich „Extras“ und deren Bezahlung ausgehandelt, dass kann, je nach Etablissement, bis zur Prostitution gehen. Ansonsten wird  unter Berücksichtigung der Kundenwünsche getanzt (z.b. 2 Minuten für 5 Mark) die Soloauftritte stellen eine weitere Verdienstmöglichkeit dar, ein prozentualer Anteil an diesen Extrabons (z.b. 2DM von fünf) steht den Frauen zu und wird entweder allabendlich oder monatlich ausgezahlt.

„Da ich der einzige Besucher war, erschien die Frau auf ein Signal hin und begann mit ihrer Vorführung direkt vor mir. Ein erschwerender Umstand  der Beobachtung und was ich auch persönlich als unangenehm empfunden habe, war die Höhe meines Blickes aufgrund der räumlichen Begebenheiten. Der Laufsteg ist um einiges höher als die Kabine. Der untere Teil ist durch eine Plexiglasscheibe abgegrenzt, der obere Raum ist völlig frei. Der Blick geht genau auf die Höhe des Unterleibs der Tänzerin. Die Frau ist unter 25 Jahre, hat langes Haar, ist schlank und leicht bekleidet. Sie trägt ein weißes Spitzenunterhöschen und – BH  und ein weiteres, leichtes Oberteil, ihre Schuhe sind hochhackig, mit breiten Absätzen. Die Frau hat Erfahrungen in Jazz-Dance, bzw. vergleichbaren Tanzstilen.. Ihre Choreographie war leicht, nicht schweißtreibend und bestand in einer Gesamtfigur, die sich hauptsächlich um die Chromstange und am Platz des Laufsteges, direkt vor mir, bewegte. Mimik und Sprache spielten keine Rolle. Ihre Hände hingegen sind ein wichtiges Ausdrucksmittel. Indem sie ihren Körper streichelnd von Oberschenkeln bis Bauch entlangfährt. Oder, was bei ihr 4-5 mal vorkommt, die Präsentation ihres straffen Hinterns, bei kreisender oder hin- und herbewegender Beckenbewegung, auseinandergestellten Beinen in Schulterbreite, bei einem, leicht nach vorne gebeugten Oberkörper. Eine Stellung, die vollen Einblick auf – und in ihr Geschlecht geben würde, welches sie aber jedesmal mit ihrer Hand, an der sie einen Goldring trug, bedeckte. Der eigentliche Strip gestaltete sich folgendermaßen: zuerst zog sie ihren Slip aus und zeigte bei kreisenden Becken ihre frisch rasierte Vulva, dann eine Drehung um die Stange, wobei sie eher nebensächlich, ihr Oberteil auszog, In einer Figur hob sie, wie beim CanCan, ihr Bein zu einer halben „Gitarre“ und fuhr mit ihren Händen am Bein entlang. Beim akustischen Signal des Münzautomaten brach sie ihre Vorführung ab und sagte noch ihren Namen, für den Fall, dass man Interesse an einem Solo für 6 € hat.(…) Abschließend kann man sagen, dass die Innenarchitektur und Konzeption dieser Art von Peepshow nur eine bestimmte Art von sexuellen Entertainment zulässt. Ähnlich wie es die Kamera im standardisierten pornographischen Film vorgibt, wird der Blick der Zuschauer auf eine reine Genitalschau fixiert“

Nevada Peepshow,2003, Beschreibende Beobachtung,  Ethnologie,  Uni HH

Die Live-Peepshows, die Ende der 70 und Anfang der 80er boomten, wurden großteils durch Videoautomaten ersetzt. In diesen Einzelkabinen kann der Kunde nach Einwurf von Münzen zwischen einer Vielzahl von Pornofilmen wählen.1982 wurden in einem Präzedenzfall durch das Bundesverwaltungsgericht die Berliner Peep-Shows geschlossen, da, so die Urteilsbegründung, die Art und Weise der Zuschaustellung des weiblichen Körpers gegen die Prinzipien der Menschenwürde verstoße. Die Besitzer der Peep-Shows reagierten auf dieses Grundsatzurteil mit baulichen Maßnahmen, einer veränderten Innenarchitektur und einer verstärkten Technisierung und Rationalisierung. Anstatt des Sehschlitzes, der sich nach dem Münzeinwurf des Zuschauers öffnete und den Blick freigab auf ein drehendes, rundes Podest mit einer tanzenden und strippenden Frau, gab es nun eine Plexiglasscheibe, die die Zuschauerkabine von dem erhöhten Podest auf dem die Darstellerin ihren Körper präsentierte, trennte. Ein großer Anteil der Live-Shows wurde abgeschafft zugunsten von Videokabinen, wo man nach Münzeinwurf, eine Auswahl zwischen verschiedenen Pornofilmen treffen konnte. Aus vielen  Peep-Shows entwickelten sich kleine Warenhäuser für Erotica, wo von Magazinen, Puppen, Vibratoren und Videos bis spezieller Unterwäsche alles zu kaufen war. Die Peep-Show, wenn sie nicht durch Filmkabinen ersetzt wurde, lieferte nur noch das Begleitprogramm, wo sie vorher die Hauptattraktion war. Für die Frauen bedeutete dies einen enormen Einschnitt in ihre Verdienstmöglichkeiten während sich gleichzeitig die Konkurrenzsituation und die Arbeitsbedingungen verschärften. Für die männliche Kunden bedeutete diese Modernisierung einen Verzicht auf ihre onanistischen Neigungen, der viele bei dem alten Modell der Peepshow mit Sehschlitz, nachgegangen waren.

Herbertstraße

In der Herbertstraße, die in der Tradition der kasernierten Prostitution steht, befinden sich 19 Häuser für über 200 Prostituierte. In dieser, von den umliegenden Straßen durch Sichtblenden abgetrennten Straße, können die potentiellen Kunden die in den „Koberzimmern“ sitzenden Frauen, ähnlich wie in Amsterdam, durch große Fenster begutachten. Die Frauen versuchen durch Gesten, Klopfen an den Fenstern und direkter Ansprache auf sich aufmerksam zu machen. Bei Interesse wird bei geöffnetem Fenster über Vorlieben und Preise verhandelt und bei Einigung der Kunde dann in die hinteren Räume geführt. Die Preise in der Herbertstraße lagen 1992 bei 50DM Handarbeit, 100DM für eine Nummer im Bett, Extras mit jeweils 50.- Aufpreis. Es gibt zwei 10- Stunden-Schichten in denen das Personal wechselt, von 6 – 11 h sind nur wenige Frauen anzutreffen, danach füllen sich die Schaufenster. Die Immobilien werden durchgehend in einer Tagesschicht von 10-20 Uhr, einer Nachtschicht von 20-6 Uhr und einer Frühschicht, die um 6 Uhr beginnt, genutzt. Die Frauen, die hier arbeiten sind meist selbständige Unternehmerinnen und zahlen die Miete an den Wirtschafter, der für den Besitzer die Geschäfte führt.

Eine bekannte Persönlichkeit, die lange in der Herbertstr. gearbeitet hat, war Domenica, eine stadtbekannte Hure. Sie begann ihre Karriere in den 70er Jahren im Palais d´Amour und wechselte dann in die Herbertstraße. Sie befand sich jahrelang im Focus der Hamburger Boulevardblätter und wurde als Vorzeigefrau zu progressiven gesellschaftlichen Anlässen eingeladen. Ihre Arbeit  besang  sie in dem Lied „Alle meine Freier…hießen alle Maier“. Sie engagierte sich in der Selbsthilfeorganisation „Solidarität Hamburger Huren“ und organisierte das Sozialhilfeprojekt „Raggazza e.V.“

Viele der Frauen in der Herbertstrasse haben sich auf ein sadomasochistisches Angebot spezialisiert, zum Teil, weil der Altersdurchschnitt der Frauen erheblich höher liegt als der der Frauen auf der Davidsstraße oder in den Großbordellen auf der Reeperbahn, sie als Domina aber durchaus noch bis zum 50. Lebensjahr arbeiten können. Außerdem ist die Verdienstspanne bei einer geringeren Anzahl von Freiern weitaus höher. Das SM-Klientel wurde außerdem eine Seitenstrasse weiter, in der Erichstr., wo sich bis in die 60er der Straßenstrich gehalten hat, vom „Club de Sade“ und dem „Club Justine“ bedient. Beide Clubs haben dort seit über 30 Jahren ihren Sitz, Jahrzehnte bevor SM zu einer Modeerscheinung wurde, sind inzwischen (2009) allerdings abgewirtschaftet. Neben Offerten des individuellen Service wurden dort  Themen- und Einsteigerabende, bei günstigen bis freien Eintritt, veranstaltet. Die Getränkepreise bewegten sich im oberen Bereich. Eine professionelle Domina muss nicht nur mit den einschlägigen SM-Praktiken vertraut sein, sondern auch über Einfühlungsvermögen, wie medizinische und psychologische Grundkenntnisse verfügen. Zum Programm können Rollenspiele, Flagellationen, „Natursekt“ und „Kaviar“ gehören. Bei den vielzähligen Arten des Schmerzzufügens wird in der Regel vor Beginn der Session ein Codewort vereinbart, mit dem der Kunde zu verstehen geben kann, das seine Leidensfähigkeit erschöpft ist oder andere Unstimmigkeiten bestehen.

„Psychologische Kenntnisse sind sehr wichtig.(…) Ich muss eine Kommunikation mit dem Kunden aufbauen, die aus Augenkontakt, aus Körpersprache, auch aus verbaler Sprache besteht. Ich muss ein Gefühl für die Situation haben. Ein Beispiel: Ich kann eine Abstrafung, eine Auspeitschung, vornehmen und bei fünf verschiedenen Kunden kann sie in völlig verschiedenen Atmosphären stattfinden. Der eine ist ein Flagellant, der die Körperreize braucht; dabei agieren wir aber auf gleicher Augenhöhe, können in der Zwischenzeit miteinander reden und lachen. Er kann sogar einen Wunsch äußern – das ist alles möglich. Der andere dagegen braucht eine Abstrafung, weil er mir etwas erzählt hat, dass er etwas gemacht habe, was nicht in Ordnung sei, weswegen er jetzt bestraft werden müsse. Und der nächste, der kommt, ist grundsätzlich der ausgepeitschte Sklave, der innerlich vor der Herrin unten sein will. Obwohl ich handwerklich also immer das Gleiche tue, geschieht alles in verschiedenen Atmosphären, darauf muss ich mich einstellen.“

Lady Vera(58) – Domina, Berlin. Zitat aus: “Die Wa(h)re Lust”, Marcel Feige, 2004, Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag Berlin, Seite 127

Neben den Frauen, die wie in der Herbertstr. oder in Wohnungen ihre Dienste anbieten, gibt es auch richtige Domina-Studios. Die Ausstattung eines Studios kann sehr aufwendig sein, neben dem üblichen Kleidung und dem entsprechenden Handwerkszeug kann das Interieur von Streckbank, Körperaufhängungen, Käfigen, bis zu speziellen Themenzimmern, wie Klinik/Pathologie bis zum mittelalterlichen Folterkeller reichen. So eine Ausstattung bedingt größere Vorinvestitionen, die leicht von 10.000-50.000€ und weit darüber hinaus reichen können. In einem Studio liegt der Stundentarif bei ca. 200€. Dominas die außerhalb eines Studios ihre Dienste anbieten und über weniger Equipment verfügen sind in der Regel billiger, bei Tarifen zwischen 100-150€.  Neben dem Club de Sade haben sich in den letzten Jahren weitere Clubs und Bars von und für die SM-Szene gegründet. Die „UnSchlagBar“ (Nobistor 36), der „Club Touch“ (Erichstrasse 16) und das „Café SittsaM“ (Wexstraße 42), welches als einzigstes Lokal außerhalb St.Paulis liegt. Dort werden u.a. SM-Stammtische von „Schlagzeilen“ organisiert.  „Schlagzeilen“ ist aus dem Charon Verlag (Simon-von-Utrecht-Straße 4) heraus entstanden. Sie veranstalten in der Boutique Bizarre auf der Reeperbahn Workshops zu verschiedenen SM-Praktiken und bieten auf ihrer Webseite „schlagzeilen.com“, die neben „SklavenZentrale.com“ eine der wichtigsten deutschsprachigen Webplattformen für die SM-Gemeinde ist, eine umfangreiche Ressource zum Thema Seil- und Japanische Bondage (Shibari) an.

Die 2003 gegründete „BundesVereinigung SadoMasochismus“ nutzt neuerdings diese Webseiten ebenfalls als informelles Medium. Der BVSM engagiert sich u.a. für eine Verbesserung des Datenschutzes für Patienten, insbesondere für eine Streichung der „Kategorie F65“.  Seit 2004 werden ärztliche Diagnosen an die gesetzlichen Krankenkassen für die Abrechnung. nicht mehr fallbezogen, sondern personenbezogen weitergeben, damit ärztliche Leistungen und weitere Behandlungskosten der bei ihnen versicherten Personen direkt zugeordnet werden können. Mit Hilfe eines Diagnoseschlüssel werden spezielle sexuelle Interessen unter der Kategorie F65 erfasst.  – F65.5 Sadomasochismus, F65.0 Fetischismus und F65.1 fetischistischer Transvestitismus –  Damit wird die ärztliche Schweigepflicht unterlaufen und persönliche Daten des Patienten können in die Hände Dritter geraten, was für Betroffenen unangenehme Konsequenzen haben kann..

Feige Marcel, 2004, “Die Wa(h)re Lust” Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag Berlin

Sexshops

Bei dem Segment der Sexshops zeigt sich eine zunehmende wirtschaftliche Konzentration. Neben dem Erotikkaufhaus „WOS – World of Sex“ gibt es die Sex-Shop-Kette der Firma „Koch&Devil&Heaven“ zu der unter verschiedenen Namen die Boutiquen in der Reeperbahn 88, 90, 152 mit der „Darkside Boutique“(Hustlersortiment) und der Laden am Spielbudenplatz Nr.5 gehören. Alle diese Läden führen ein breitgefächertes Sortiment von Videofilmen, Magazinen, Toys und Wäsche und Video-Peep-Shows. Drei weitere Filialen dieses Unternehmens befinden sich auf  dem Steindamm/St. Georg. Daneben gibt es noch einige kleinere Läden wie die Condomerie (Reeperbahn, Ecke Taubenstraße), die bereits seit 1988, vor dem Boom der Sex Shops in den 90ern, besteht. Weitere Unternehmen haben sich erfolgreich auf den Bereich SM und Fetisch spezialisiert, dazu gehören die Boutique „Fashion and Tools“ (Reeperbahn 38) und „Absolute Danny“(Reeperbahn 40) dessen Betreiber  als einzige Hamburger auf dem „German Fetish Ball“ (Mai 2004) vertreten waren. Die Geschäftsführung befindet sich wahrscheinlich in Holland, zumindestens liegen die  Rechte  der Webseite in Amsterdam. Herausragend ist die „Boutique Bizarre“ (Reeperbahn 35), die es  seit 1991 auf  dem Kiez gibt und  die nach erfolgten Umbau und Erweiterung des Geschäftes auf 1400 qm Verkaufsfläche (2002), das größte Erotik-Kaufhaus St. Paulis mit dem Schwerpunkt auf SM und Fetisch ist. In den Räumen laufen ständig Kunstausstellungen der SM-, Fetisch-, und Gay-Community. Aber auch solide mittelständische Unternehmen sind, bzw. waren bis vor kurzem auf der Reeperbahn vertreten. Die Schuhgeschäfte „Schuh Messmer“ und  „Schuh-Blicker“ zählen beide die Frauen aus der Herbertstraße und Großen Freiheit, die Künstler des Travestie-Theaters „Pulverfaß“ und Theaterausstatter zu ihrem festen Kundenstamm. „Schuh Messmer“ eröffnete vor über 150 Jahren  unter dem Namen „Witt-Walden“ auf der Reeperbahn. Seit über 30 Jahren führt Paul Messmer neben Alltagsschuhen ein ausgefallenes Sortiment an farbenfrohen Plateausandalen, hochhackigen Lackstiefeln und Stilettos. Seit den 50er Jahren gibt es die Konkurrenz „Schuh-Blicker“ in der Nähe der S-Bahn Reeperbahn. Das Sortiment ist dem Messmers ähnlich, allerdings mit einer größeren Auswahl an High Heels. Die Krise des Rotlichtmilieus haben diese Schuhgeschäfte allerdings auch zu spüren bekommen; während früher Zuhälter mit ihren Frauen mal eben für 1000DM Schuhe aussuchten, lassen die Frauen heute schon mal ein Paar High Heels zurücklegen, weil das Geld nicht langt. In der Davidstraße Nr.5 befand sich bis 2004 „Leder-Puls“, bzw. die „Puls-Drugstore“. Dort wurden über 20 Jahren lang maßgefertigte  Hand- und Fußfesseln, Gerten und Peitschen, Kopfmasken und Keuschheitsgürteln in Handarbeit produziert. Inzwischen wird die Produktion und der Versand  von Ungarn aus betrieben.


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