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Die Prostitution im Hamburger Raum

Zuhälter und organisierte Kriminalität

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges und vor allem mit dem einsetzenden Boom des Rotlichtgewerbes kam es zu einer Wiederbelebung der Zuhältervereinigungen. Es entstanden eine Reihe der Ring-Vereine neu, so in Berlin der „Sparverein West“(1949), der „Vergnügungs- und Sparverein Louisenstadt“ (1952) und der „Lotto-Verein-Nord“ (1954) 1957 wurden 17 Mitglieder eines Berliner „Sparvereins“ wegen Gründung einer Untergrundvereinigung, Landfriedensbruch, Nötigung und Körperverletzung zu hohen Strafen verurteilt. Im gleichem Jahr wurden in Braunschweig 10 Mitglieder des Kegelclubs „Goldene Neun“ und des wiederauferstandenen  Sparvereins „Unter Uns“ zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Geschichte dieser offiziellen Zuhältervereine, die in ihrem jeweiligen Milieu verwachsen waren und in ihrer Erscheinungsform  Wert auf äußere Legalität legten und ihre Vereine und Statuten offiziell bei den Behörden anmeldeten und vorzeigten, ging in den 50er Jahren zuende. Die Zuhälterorganisationen neueren Typs unterschieden sich von diesen Ringvereinen durch eine größere Affinität zu anderen kriminellen Deliktformen und Schwer-kriminalität, durch eine starke Kommerzialisierung und betriebs-wirtschaftliche Organisation und eine erweiterte Internationalisierung von „Geschäftskontakten“

In den 60er Jahren trat die Person von Wilfried Schulz, genannt „Frieda“ im St. Pauli-Milieu erstmals in die Öffentlichkeit. Er  war in St. Pauli geboren und aufgewachsen und trat zuerst als Besitzer des Stundenhotels „Austria“ in der Talstraße in Erscheinung, bis er dann durch vielfältige Beteiligungen und Geschäftsübernahmen zu einer der einflussreichsten Personen im Milieu wurde. Er galt als der Inbegriff des „ehrenwerten Gauners“, der in seinem Revier seinen Codex durchsetzte – mit dem Faustrecht, aber ohne Waffen. Mit Freunden und Bekannten übernahm er die Gerichtsbarkeit bei Streitigkeiten im Milieu. Maßregelungen konnten von einer „Abreibung“, bis zur Zerstörung einer Ladeneinrichtung oder der Verbannung durch ein St. Pauli-Verbot gehen. 1977 veranstaltete Wilfried Schulz im Hamburger Kongresszentrum eine exklusive Boxgala, u.a. mit den Pop-Stars Roberto Blanco und Katja Epstein, die als eine der größten „Ganovenbälle“ der Nachkriegszeit galt.

Ende der 70er Jahre gerieten zwei konkurrierende Zuhältergruppen in die Schlagzeilen. Die einen firmierten unter dem Namen „GMBH“ in den Boulevardblättern, mit einem Clublokal in der Silbersackstrasse. Die andere Gruppierung unter den Namen „Nutella“. Sie hatten Anteile im Eros-Center und in der Herbertstraße und den ehemaligen „German Club“ am Spielbudenplatz als Treffpunkt. Bei der „Nutella“ stieg Anfang der 80er Jahre die deutsche Sektion der „Hell Angels“ mit ein. Symptomatisch für das Auftreten vieler Zuhälter war ein ausgeprägter Mannbarkeitsritus wie er sich auch in vielen Filmen Ende der 60er und den 70er Jahren widerspiegelte: die Fähigkeit sich mittels Faustrecht durchzusetzen, das unter Beweis stellen ihrer Potenz und das überzogene Zuschaustellen von Statussymbolen, z.b. teure Uhren, die Kleidung der Frauen (wie auch die Frauen selbst) und vor allem auffällige Autos und Motorräder.

Der Prostitutionsmarkt begann sich zu verändern. Den Bordellbetrieben und Hotels auf St. Pauli entstand eine Konkurrenz durch die ca. 300-500 Kleinanzeigen in den großen Tageszeitungen  „Bild“ und „Mopo“ mit einer klar veränderten Konsumentenhaltung des Freiers, weg von den Großbordellen, hin zu den oft serviceorientierteren kleinen Bordellen und Privatwohnungen, die über den gesamten Hamburger Raum verteilt waren. Außerdem gelangten anfangs der 80er  härtere Drogen im größeren Umfang auf den Markt, zuerst Kokain, später dann auch Heroin. Die Konkurrenzsituation verschärfte sich und interne Revierkämpfe, bzw. neue Geschäftsinteressen unter den verschiedenen Gruppierungen in St. Pauli wurden ab 1981 auch mit Waffengewalt (und Todesfolgen) ausgetragen, so dass der Codex „ohne Waffen“ auf dem Kiez keine Gültigkeit mehr hatte. 1982 beendete eine der größten Polizeirazzien der Nachkriegsgeschichte die Karriere von Wilfried Schulz. An die hundert Nachtlokale, Spielsalons und Wohnungen wurden durchsucht und „Frieda“ infolge der zusammen getragenen Beweise 1984 wegen Steuerhinterziehung und Förderung der Prostitution verurteilt. 1983 riegelten ca. 500 Beamte das Gebiet um die Club-Kneipe „Angels Palace“ im Schanzenviertel, dem Lokal der Hell´s Angel, ab und verhafteten sämtliche Anwesenden. Der Bundesinnenminister verbot den „Hell´s Angels Motor-Club e.V.“ als kriminelle Vereinigung und infolge dieses Polizeieinsatzes wurde auch die Zuhälterorganisation GMBH empfindlich getroffen – entweder unter dem juristischen Konstrukt „der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“ oder durch die Steuerfahndung. 1984 konnte durch verdeckte Ermittlungen die Nutella-Gruppe belangt werden, ihre Geschäftskonten wurden gesperrt und Verfahren wegen Steuerhinterziehung, räuberischer Erpressung und Körperverletzung erhoben. 1986 wurde mit einer weiteren Großrazzia auf dem Hans Albers Platz die Kneipe „Chikago“ durchsucht und die dortigen kriminellen Strukturen ausgehebelt. Mit diesem Großeinsatz und aufgrund des Umstandes das Claus Becker, ein Immobilienhändler und Besitzer des „Erotic Art Museums“,  ab Mitte `85 etliche Immobilien rund um den Hans Albers Platz aufkaufte, hat sich das kriminelle Milieu dort weiter zurückgezogen. Danach sollte das einheimische Milieu von St. Pauli keine weiteren populären Führungspersonen hervorbringen. Wegen der sich inzwischen allgemein abzeichnenden Krise des Rotlichtmilieus bedingt durch Aids und des zunehmenden Verfolgungsdrucks staatlicher Behörden zogen sich ehemals führende Profiteure der Prostitution ins Privatleben zurück bzw. verlagerten ihre Geschäftsbereiche.

Während in den 70ger und 80ger Jahren das Geschäft mit Prostitution und später der Drogenhandel in deutscher Hand lag, drängten in den späten 80ern und den 90ern türkische Zuhältercliquen auf den Kiez. Richtig etablieren konnten sie sich  nur zur Landseite der Reeperbahn, in der Paul-Roosen-Str. und umliegenden Straßen wie der Talstraße. Hier betrieben sie , eingebettet in einem Milieu von vielen türkische Läden und Imbissen, illegale Bordelle und Spielclubs in den Hinterhöfen, die hauptsächlich von Landsleuten frequentiert wurden und waren im Drogenhandel engagiert Nach polizeilichen Erkenntnissen soll jeder zweite türkische Betrieb in St. Pauli unter krimineller Kuratel gestanden haben. Die Polizei hob zu dieser Zeit im türkischen Rotlichtmilieu neun illegale Bordelle aus. In den 16 übrig gebliebenen sollen ca. 260 Frauen gearbeitet haben. In den sogenannten Türkenclubs arbeiteten überwiegend Frauen aus Osteuropa, oft mit illegalen Aufenthaltsstatus, allerdings nie welche aus Deutschland oder der Türkei. Die Arbeitsbedingungen dort waren schlecht, die Preise niedrig und ungeschützter Verkehr ohne Kondome wurde in diesen Clubs angeboten. Zwischen 1995-97 gab es in der Paul-Rosen-Straße und Umgebung ca. 25 dieser Clubs, die dann unter Mitwirkung einer Bürgerinitiative, der Stadtentwicklungsgesellschaft(STEG) von dem Bezirksamt und der Polizei geschlossen wurden. In den 90ern kam es zeitweise zu Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden afrikanischen und kurdischen Gruppierungen wegen des Straßenverkaufes von Drogen, die das Alltagsleben auf dem Kiez belasteten. Durch die daraufhin einsetzenden verdeckten Ermittlungen einer Sonderkommission von 50 Ermittlern konnte ein Teil der kurdischen Drogenmafia, die ihre Heimat in der Region Elazig, Bingöl und Palu hatten, verhaftet werden. Insgesamt wurden 76 Angeklagte- von den Straßenverkäufern bis zu den Residenten – zu teilweise hohen Haftstrafen verurteilt.

Weitere schwerwiegende Veränderungen im Milieu zeichneten sich durch den deutsch-deutschen Mauerfall und den politischen Umbrüchen in Europa ab. Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens und Albaniens kamen viele Kosovo-Albaner in den norddeutschen Raum, speziell nach Hamburg-St. Pauli. Die Albaner fielen durch ihren hohen Organisationsgrad und teilweise durch ihre Gewaltbereitschaft auf . Direkt auf der Reeperbahn sollen mehrere der Striplokale von albanischen Mittelsmännern übernommen worden sein und eine 300 Mann starke Gruppe hatte in Norddeutschland eine regelrechte „Einbruchsfirma“ betrieben. Zwischen 1994-1997 wurden 224 Kosovo-Albaner festgenommen wg. Einbrüchen, Scheckbetrug, Urkundenfälschung, Autodiebstahl und Hehlerei.

Ein Beispiel für die Einflussnahme von albanischen Interessengruppen oder auch „Ölaugen“, wie sie im Volksmund von St. Pauli genannt werden, sind die Osmani-Brüder. Burim Osmani studierte Ökonomie und kam Ende der 1970er Jahre mit seiner Familie, zu der auch seine Brüder Bashkim, Bekim und Quazim gehören, aus dem Kosovo nach Hamburg. Das später auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzte Vermögen wurde nach ihren Angaben in der Gastronomie und mit Immobilieninvestitionen erwirtschaftet. Bekannte Immobilien auf St. Pauli, die sich in ihrem Besitz befanden, waren u.a. die „Heiße Ecke“, das „Café Keese“ und das „Pupasch“ an den Landungsbrücken. Zudem war  Burim Osmani Gesellschafter von drei Immobilienfirmen, die ca. 20 Immobilienobjekte im Wert von über 40 Millionen Euro in ihrem Portefeuille hatten. Das Landeskriminalamt ermittelte gegen den Familienclan spätestens seit Ende der 80er Jahre wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die Deliktformen betrafen u.a.: illegales Glücksspiel, Geldwäsche, Betrug, Drogenhandel, Erpressung, gefährliche Körperverletzung und Waffenbesitz. Nachgewiesen konnte lange Zeit kein einziger dieser Vorwürfe. Allein 1999 wurde Burim Osmani wegen dem Verkauf gestohlener TÜV- und ASU-Plaketten zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen wegen Hehlerei verurteilt. 2004 wurde er vom Landgericht Lübeck zu 14 Monaten Haft auf Bewährung wegen Steuerhinterziehung verurteilt und 2006 wurde Burim Osmani durch das Landgericht Würzburg der Beihilfe zum Betrug beschuldigt, weswegen er kurzzeitig in Nürnberg in Untersuchungshaft einsaß. Osmani betrieb seit Januar 2004 ein Asylbewerberheim, für das die Stadt Hamburg jeden Monat 39.000 € zahlte. In einigen Artikeln der Hamburger Boulevardpresse wurde vermutet, das Hamburger Politiker den wirtschaftlichen Aufstieg des Osmani-Clans begünstigt haben sollen.

Der Rechtspopulist Ronald Schill, der sich inzwischen nach Brasilien abgesetzt hat, holte 2001 mit seiner Partei bei der Hamburg-Wahl 19 Prozent und beendete in Koalition mit der CDU die 40- jährige SPD-Herrschaft. Wolfgang Barth-Völkel ein enger Vertrauter des ehemaligen Innensenators Roland Schill und zu dieser Zeit Vorsitzender des Gesundheitsausschusses in der Hamburger Bürgerschaft, arbeitete vor seiner politischen Karriere im „Corner 57“ einem bekannten Milieu-Treffpunkt, der unter der Kuratel der Osmani-Brüder gestanden haben soll. Barth-Völkel wie Schill wurden enge Kontakte zu den Osmanis nachgesagt. Im Mai 2008 nahm das Mobile Einsatzkommando die 36 und 39 Jahre alten Brüder Burim und Bashkim Osmani in Hamburg fest.  Beide wurden im Oktober 2008 für erschlichene Millionenkredite in Höhe von dreißig Millionen Euro bei der früheren Volksbank Lauenburg, in einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Nachkriegszeit vor dem Landgericht Hamburg zu langen Haftstrafen verurteilt. Am gleichen Tag setzte das Landgericht Hamburg die Haftbefehle gegen eine hohe Kaution von rund einer Million Euro sowie strenge Meldeauflagen außer Vollzug.

Bis 2005 war ein naher Verwandter des Brüdertrios, Sefer Osmani, als Betriebsleiter des Bordells Atmos eingesetzt. Ein 2500 Quadratmeter großer FKK-Saunaclub am Großmoorring im Gewerbegebiet in Hamburg-Harburg, . Diese Immobilie wurde über fragwürdige Kredite aus Lauenburg finanziert. 3,5 Millionen Euro sollen nach einer Anklageschrift gegen Osmani in das Bordell geflossen sein. Juni 2009 wurde beim „Atmos“  auf einen stadtbekannten Zuhälter geschossen. Ein Schwager von Burim Osmani, Sadri Lipai, von der Boulevardpresse unter dem Namen „Albaner-Toni“ gehandelt, war offiziell Besitzer eines Bordells am Süderstraßen-Strich und soll diesen faktisch kontrolliert haben. März 2008 eskalierten Territorialstreitigkeiten verschiedener Gruppierungen um den Straßenstrich und die Steigen in Hammerbrook in einer Schießerei, bei der eine Person mit einem Knieschuss niedergestreckt wurde.

Ab 1991 kommt es zu  mehreren Mordanschlägen als Folge von Auseinandersetzungen zwischen jugoslawischen, türkischen, deutschen, später dann albanischen Zuhältergruppen, bei denen es u.a. um den  Straßenstrich Süderstraße ging und wobei mehrere Unbeteiligte ums Leben kamen. Diese neue Gewaltbereitschaft  hatte auch Auswirkungen auf die Club- und Diskothekenszene. 1994/5 kam es nach Auseinandersetzungen vor verschiedenen Diskotheken zu mehreren Toten und Verletzten, in dessen Konsequenz  die Türsteher aufrüsteten. Ein klares Zeichen dass die Gewalt sinnlos eskaliert war.

Das Einschleusen von Mädchen und Frauen, ein Bereich wo die Grenzen zum Menschenhandel oft fließend sind, verlagerte sich von den thailändischen Frauen in den 70er und 80er Jahren auf den osteuropäischen Sektor – viele Polinnen, aber auch Bulgarinnen, Rumäninnen und russische Frauen arbeiten inzwischen, oftmals unter Tarif, in den Bordellen und Animierlokalen. In den Rotlichtkneipen St. Georgs, dem Straßenstrich Hammerbrocks und den Großbordellen der Reeperbahn sind viele osteuropäische und russische Frauen anzutreffen und es ist anzunehmen, dass inzwischen dementsprechende russische Organisationen im Milieu vertreten sind. Von Mitte der 90er-Jahre bis 2005 blieb es vergleichsweise ruhig in St. Pauli, bzw. im Hamburger Rotlichtmilieu. Die Geschäftsleute dieses Metiers hatten ihre einzelnen Reviere abgesteckt und waren bemüht geschäftsschädigende Schießereien und Messerstechereien durch vorbeugende Gesprächsrunden zu ersetzen.

An der Herbertstraße und auf dem Straßenstrich in der Davidstraße arbeiten hauptsächlich deutsche Prostituierte, die von deutschen Zuhältern kontrolliert werden. 1997 sollen dies insgesamt 7 verschiedenen Gruppen gewesen sein, die sich aus 200 Zuhältern mit ca. 400 Prostituierten zusammensetzten. 2005 ist nach langer Zeit erstmals wieder eine Hamburger Zuhältergruppe in das Licht polizeilicher Ermittlungen und der Öffentlichkeit geraten. Ausgelöst durch Revierstreitigkeiten um die Herbertstraße mit einer Schießerei, kam es in Folge zu zwei großen Polizeieinsätzen mit jeweils über 400 Beamten. Eine Vielzahl von Privatwohnungen, Bordellen, das Lokal „Rotlicht“ am Hans Albers Platz und die Spielhalle „Vegas World“ auf der Reeperbahn wurden durchsucht und insgesamt 20 Haftbefehle vollstreckt. Laut Angaben der Polizei handelte es sich bei der „Hamburger Gruppe“ bzw. „Marek-Gruppe“  um eine ca. 85 Mann starken Gruppierung, die 140 Frauen in 14 Bordellen und Absteigen kontrolliert haben soll. Der Gesamtumsatz im Zeitraum 2001 – 2005  wurde auf 27 Millionen Euro geschätzt. Das erreichbare Vermögen, inklusive Sachwerten wie Automobile, wurden von der Finanzermittlungsdienststelle eingezogen. Im April 2007 wurden die Angeklagten der „Marek-Gruppe“ u.a. wegen gewerbsmäßigen Menschenhandels, Zuhälterei und Körperverletzung zu Bewährungsstrafen zwischen 14 und 28 Monaten verurteilt. Der Vorstandsvorsitzende Carsten Marek wurde zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nur ein Einziger der Beklagten musste für 2,5 Jahre in Haft.

Seit 2005 werden Konkurrenzien  im Milieu wieder verstärkt mit Waffengewalt ausgetragen. Ende Dezember 2005 kam es in der Maxstraße zu Auseinandersetzungen zwischen Russen und Afghanen, sowie Angestellten des betreffenden Bordells, bei der Schusswaffen und Messer eingesetzt wurden. Tage darauf wurde  ein Hamburger Zuhälter in seinem Bordell im Hamburger Stadtteil Eilbek verhaftet. Er hatte acht Wohnungen an osteuropäische Frauen vermietet. Dem Mann wurde „Schleusung“, also Verstöße gegen das Ausländergesetz vorgeworfen. Zusammen mit ihm wurden elf osteuropäische Prostituierte aus dem Etablissement in der Maxstrasse abgeführt. Bereits 1998 gab es in diesem Milieu Auseinandersetzungen: eine Ukrainerin, die zuletzt als Prostituierte in einem Appartement an der Maxstraße arbeitete, wurde tot im nahe gelegenen Eilbektal-Park gefunden. Im gleichen Jahr entging der besagte Zuhälter, der angeblich gute Geschäftskontakte zu Albanern unterhält, knapp einem Anschlag mit einer Autobombe. Februar 07 schoss ein Zuhälter im Großbordell Laufhaus ein Mitglied der Hells Angels nieder. Ein halbes Jahr später kam es zur Schießerei in dem Wandsbeker Bordell „Tropicana“. Im Dezember 07 lieferten sich zwei rivalisierende Gruppierungen einen Schusswechsel in Jenfeld. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung war im März 2008 eine bewaffnete Auseinandersetzung in Hammerbrook, wo es um Territorialstreitigkeiten um den dortigen Straßenstrich ging. Die Polizei nahm mehrere Personen fest und stellte u.a. eine Maschinenpistole sicher. Aufgrund der folgenden Presseberichterstattung und der beunruhigten Öffentlichkeit wurde noch im gleichen Monat eine neue Sonderkommission der Polizei ins Leben gerufen.

Spiegel Nr. 50/ 8.12.1997, „Kampf um die Reeperbahn“,  Seite 86-107

Hamburger Abendblatt 9/10. Juli 2005, S.1,  „Razzia in der Herbertstraße“

Amelunxen Clemens, 1967, „Der Zuhälter – Wandlungen eines Tätertyps“, Kriminalistik – Verlag Hamburg

Arndt Ute, Thomas Duffe, Bernd Gerstäcker, 1995, „St Pauli – Gesichter und Ansichten vom Kiez“, Historika Photoverlag, Hamburg

Barth Ariane, 1999, „Die Reeperbahn“, Spiegel- Buchverlag, Hamburg

Straßenstrich, Modellwohnungen und Bordelle

1978 wurden die zur Verfügung stehenden Zwangsmaßnahmen zugunsten liberalerer Verfahrensweisen eingestellt. Der bloße Verdacht auf Prostitutionsausübung reichte nicht mehr aus um Frauen zur Zwangsuntersuchung zu verpflichten. In Folge wurden die Maßnahmen der „Zuführung terminsäumiger Frauen“, damit zusammenhängende Fahndungen und zwangsweise Krankenhauseinweisungen stark eingeschränkt. Weitergehend wurde die 1969 eingeführte Kontrollkarte, der sogenannte „Bockschein“ wieder abgeschafft und Frauen, die ihren Wohnsitz außerhalb Hamburgs verlegten, wurden aufgrund eines Schweigepflichtgebotes nicht mehr an die dortigen Gesundheitsämter weitergemeldet. Durch diese Liberalisierung nahm die Anzahl der registrierten Frauen im Zeitraum 1978 bis 1983 um ca. 40% ab. 1978 hatte die Zahl der registrierten Frauen noch bei über 2000 gelegen. 1987, unter der Diktion einer wirksamen Bekämpfung von Aids, ist die Untersuchungspflicht ganz weggefallen. Die Untersuchungen werden seitdem freiwillig und anonym durchgeführt. Das Angebot der Beratungsstellen wurde im medizinischen und im sozialfürsorgerischen Bereich erweitert und auf männliche Prostituierte ausgeweitet. Bundesweit erfolgte die generelle Abschaffung erst 2001.

In der ersten Hälfte der 90er sind in Hamburg rund 4000 Prostituierte der Polizei bekannt, der damalige Dienststellenleiter des Milieudezernates schätzte aber, dass ca. 8000 Frauen in Hamburg als Prostituierte arbeiteten. Prostitution findet nicht nur in St. Pauli und St. Georg statt. In jedem Stadtteil gibt es Bordelle, kleinere Etablissements und Modellwohnungen, die einen großen Teil der Prostitution in Hamburg ausmachen. Seitens des Hamburger Milieudezernates wurde in sechs Kategorien unterschieden: Prostitution auf dem Autostrich, in Sexclubs, Absteigen, Appartements, auf der Straße und in Türkenclubs. Zu dieser Zeit sind in St. Pauli 300 Frauen auf dem Straßenstrich registriert, in St. Georg sogar 700. In ca. 75 Sexclubs boten 1200 Prostituierte ihre Dienste an und ca. 1500 Frauen arbeiteten in Absteigen und 600  schafften in Appartements an. Nach einer Erhebung der Hamburger Kriminalpolizei aus dem Jahr 1998 soll aufgrund des polizeilichen Drucks die Zahl der Prostituierten von 6000 auf 4300 zurückgegangen sein und der monatliche Umsatz der Prostituierten sich von 25 Millionen Mark auf 15 Millionen reduziert haben. Die Beratungsstellen für Prostituierte schätzten die Zahl mit weiterhin 6000 allerdings weitaus höher ein als die offizielle Statistik. Nach Angaben des Landeskriminalamtes für organisierte Kriminalität vom Juni 2001 arbeiteten 3.700 Frauen als Prostituierte, wobei der Anteil der Ausländerinnen 52% betrug. In St. Georg, wo die Beschaffungsprostitution weit verbreitet ist, arbeiteten 660 Frauen.  In Clubs und Modellwohnungen arbeiteten 2.300 Frauen , davon 1500 mit illegalen Status und in St. Pauli ca. 500 Frauen, überwiegend mit legalem Status. Der täglicher Umsatz wurde auf 375.000 bis 500.000 Euro geschätzt, der monatlicher Umsatz auf 12,5 Mio Euro.

1997 zählte das Magazin der „Spiegel“  in St. Pauli  32.000 Einwohner,  450 Lokale, von denen 100 dem kriminellen Milieu zugerechnet wurden. 32 Diskotheken und Live Musikclubs, 6 Theater, 4 Museen. 22 Spielhallen, 2 Leihhäuser, 17 Sexläden, 5 Sadomaso-Treffs, 5 Stripbühnen, 4 Kopulationstheater und 52 Bordelle.

Laut der Zeitschrift „Szene Hamburg“ waren 1999/2000 in Hamburg 4500-5000 Prostituierte fest im Gewerbe, davon ca. die Hälfte Migrantinnen, überwiegend aus osteuropäischen Ländern.

2005 waren in Hamburg ca. 2325 Frauen bekannt, die in der Prostitution arbeiten, davon mehr als die Hälfte Ausländerinnen, ca. 300 mit illegalen Aufenthaltsstatus. Es gab zu diesem Zeitpunkt rund 290 bekannte Häuser mit ca. 350 Modellwohnungen, 40 Clubs, darunter 6 Edelbordelle, 7 SM-Clubs, 8 Swinger-Clubs und 2 Billigclubs. 59 Absteigen, überwiegend in St. Pauli und außerdem in St. Georg und der Süderstraße, 4 Laufhäuser und 53 andere Objekte wie Sexshops, Sexkinos und Animierlokale.

Viele Frauen wurden in Bordelle oder Großhäuser wie das „Laufhaus“ gedrängt, so dass der Zugriff für Zuhälterorganisationen und Bordellpächter erleichtert wurde. Eine durchschnittliche Zimmermiete betrug vor der Euroeinführung im Großbordell auf der Reeperbahn 110DM täglich. Dazu 20DM Trinkgeld(Tip) für den Wirtschaftler, 30 DM pro Tag für Präservative, frische Handtücher, Bettwäsche etc. und 10 DM fürs Essen. Tagesfixkosten in Höhe von 170 DM. Außerdem besteht in vielen Bordellen ein Getränkezwang zu überhöhten Preisen, der abhängig ist von der Höhe der Bezahlung durch den Freier (z.b. bei 50 DM Freierentgelt müssen zwei Getränke a´12DM abgenommen werden) Diese Getränke muss die Frau bezahlen, unabhängig davon ob der Kunde Getränke haben will oder nicht.

In den Clubs sind die Frauen prozentual am Getränkeumsatz beteiligt. Die Preise liegen bei einem Bier zwischen 6 bis 12 €, bis hin zu einer Flasche Champagner für 300€. Die sexuellen Angebote werden oft indirekt, über den Kauf der teuren Alkoholika abgewickelt, müssen dann aber in der Regel extra bezahlt werden. Als Kupplergeschäft und Förderung der Prostitution war diese Form des getarnten Sex-Angebotes zwar strafbar, wurde aber kaum unterbunden.

Für Straßenprostituierte gilt nach wie vor die Sperrgebietsverordnung von 1982, nach der das Anschaffen auf der westlichen Seite der Davidstraße, auf dem Hans-Albers-Platz und in der Friedrichstraße zwischen 20.00 abends und 4.00 morgens erlaubt ist. Auf dem Autostrich an der Süderstraße liegen die Zeiten zwischen 20.00 und 6.00 morgens. Außerhalb dieser festumrissenen Gebiete und Zeiten begehen Prostituierte, wenn sie ihrem Geschäft in der Öffentlichkeit nachgehen, formell eine Ordnungswidrigkeit, der aber oft nicht nachgegangen wird – zumindestens wird die Straßenprostitution in St. Georg am Steindamm und in den Seitenstraßen(Elmenreichstr., Bremer Reihe, Steintorweg, bis hin zur Brennerstr.) hinter dem Schauspielhaus weitgehend geduldet, obwohl das Quartier schon 1961 zum Sperrgebiet erklärt wurde. Prostituierte sind dort bereits vereinzelt ab 8 Uhr morgens auf dem Straßenstrich anzutreffen, verstärkt dann um die Mittagszeit, bis in den späten Abend. Ein Teil der Frauen haben  ihren festen Stammplatz  und Stammkunden, Andere wiederum arbeiten nur sporadisch auf dem Strich. In der Regel werden die vielen Stundenhotels frequentiert. Einige Frauen sind erheblich älter als ihre Kolleginnen in der Davidstr. oder in Hammerbrook, es gibt aber auch viele junge Frauen. Zur Zeit als der Hansaplatz Treffpunkt der Drogenszene war, soll laut Einschätzung des Hilfsprojektes „Cafe Sperrgebiet“(1992) die Anzahl von drogenabhängigen und minderjährigen Frauen, die anschaffen gingen, bei 200-300 gelegen haben. Inzwischen ist sie zurückgegangen. Neben dem Straßenstrich existieren vor allem in der Bremer Reihe eine Anzahl von Nachtbars mit Animierdamen, einem hochpreisigen Getränkesortiment und verdeckter Prostitution. Am Steindamm, der ehemaligen Einkaufs- und Amüsiermeile St. Georgs vor dem 2. Weltkrieg, dominieren Sex-Shops, Videoshows und türkische Imbisse und Gemüseläden

Der ursprüngliche Straßenstrich am Fischmarkt wurde anfangs der 80er Jahre im Zuge der Hafenrandsanierung in das Gewerbegebiet an der großen Elbstraße verlegt und ist inzwischen wegen der stadtplanerischen Maßnahmen so gut wie nicht mehr existent und hat sich weitgehend nach Hammerbrook verlagert Der Straßenstrich Süderstraße, der deutlichen Abstand zum Wohngebiet hält, beschränkt sich auf den Straßenabschnitt im Gewerbegebiet zwischen Ausschläger Weg, Hammer Deich (Shell-Tankstelle) bis zum Borstelmannsweg, das Nachts vollkommen menschenleer ist. Viele der Frauen schaffen dort mit eigenen Wagen oder Wohnwagen an, erledigen ihren Job im Wagen des Kunden, oder nutzen nahe gelegene Absteigen. Viele Osteuropäerinnen und Russinnen arbeiten auf diesem Strich

Nach Angaben des Hamburger Landeskriminalamt 242 soll der monatliche Durchschnittsverdienst einer Frau zwischen 5000 – 30 000 Mark gelegen haben, je nachdem ob sie auf dem Straßenstrich, im Sexclub, Appartement oder im Edelbordell arbeitet. Den Frauen die allerdings nicht selbstständig arbeiten, sollen davon höchstens 20% bekommen, der weitaus größere Teil geht in die Hände der Vermieter, Clubbesitzer und Zuhälter. Nach polizeilichen Erkenntnissen arbeiten in Hamburg ca. 80% der Frauen für Zuhälter, ein weitaus höherer Prozentsatz als in vielen anderen deutschen Großstädten, wie z.b. Frankfurt oder München. 1600 Zuhälter sind der Polizei bekannt. Mit der Euro-Einführung und der zunehmenden osteuropäischen Konkurrenz haben sich die Tarife weiter verschlechtert. Die billigste „Nummer“ gibt es nach den Erfahrungen von Szene-Kennern schon für 25 bis 30 Euro. Nur noch wenige Frauen kommen heute abzüglich der Zimmermiete auf 300 Euro pro Tag, früher waren bis zu 1000 Mark üblich.

Emilija Mitrovic „Prostitution in Hamburg – ein lukratives Geschäft für wen?“

von Dücker  Elisabeth, 2005, „Sexarbeit : Prostitution – Lebenswelten und Mythen“, Edition Temmen, Bremen

Migrantinnen im Prostitutionsgewerbe

Hamburg hat sich nach der EU-Osterweiterung in einem noch größeren Stil zum Umschlag- und Einfuhrplatz sexueller Dienstleistungen und des internationalen Frauenhandels entwickelt. Laut Angaben des LKA Hamburgs handelte es sich bei den Schleusern vor dem deutsch-deutschen Grenzfall, „um Einzelpersonen aus dem Milieu, die sich untereinander alle kennen“. Die Frauen wurden in ihren Heimatländern kontaktiert, man stellt ihnen gute Verdienstmöglichkeiten in Aussicht und besorgt ihnen ein Touristen-, oder Künstlervisum (seitdem 1989 die vorherige Visumspflicht aufgehoben wurde und ein auf drei Monate beschränktes Visum zur Einreise genügte) und vermittelt sie danach an interessierte Club- oder Bordellbesitzer. Die Vermittlungsgebühren betrugen ca. 10 000 Mark; 5000 Mark für die Vermittlung, 5000 für die entstandenen Unkosten wie Flugticket, Transfer und Unterbringung. Diese Summe war von den Frauen in monatlichen Raten abzuarbeiten. Viele der männlichen „Schleuser“ waren mit ausländischen Frauen verheiratet. Rund 1000 ausländische Frauen waren zu der Zeit bei der Hamburger Kripo als Prostituierte registriert. Thailändische Frauen bildeten mit einem Drittel die größte Gruppe. In St. Pauli sind sie, jenseits der Großbordelle und Appartement in der Großen Freiheit, in den dortigen thailändischen Sexclubs, dem Bordell  und der Karaoke-Bar anzutreffen.

Als zweitgrößte Gruppe galten die Südamerikanerinnen, und dann die Osteuropäerinnen, die inzwischen allerdings, im Zuge der Entwicklung der letzten Jahre, die größte Gruppe stellen. Für Frauen aus Drittweltstaaten gibt es drei Möglichkeiten legal nach Deutschland einzureisen; als Ehefrau, Touristin oder Künstlerin. Das Künstler- oder Tänzervisum wird von den deutschen Auslandsvertretungen im Herkunftsland ausgestellt und führt, im Gegensatz zum Touristenvisum, in der Regel zur Bewilligung einer Arbeitserlaubnis und damit zur Aufenthaltsgenehmigung. Die Ehe mit einem deutschen Mann wird aufgrund der vielen Scheinehen behördlicherseits stark kontrolliert. Die eheliche Lebensgemeinschaft muss mindestens 4 Jahre halten, für das Zusammenleben in einer Wohnung und den ehelichen Vollzug müssen Beweise erbracht werden. Kündigt der Mann die Ehe auf, verliert die Frau ihr Aufenthaltsrecht und wird, wenn sie nicht vorher untertaucht, abgeschoben. Ohne gültige Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung sind die Frauen ihrem Arbeitgeber dann oftmals so gut wie ausgeliefert.

Schleuser- und Zuhälterringe organisierten die Prostitution zunächst in den sogenannten Billigclubs. Viele osteuropäische Frauen arbeiteten unter schlechten Bedingungen in solchen Clubs in den Nebenstraßen von St. Pauli, die bis 1997 Laden für Laden vom Ordnungsamt und der Polizei geschlossen wurden. Gleichzeitig wuchs die Modellwohnungsprostitution, die für die Strafverfolgungsbehörden schwerer zugänglich war, überproportional an. Die Anzahl der polizeilich bekannten Wohnungen stieg von ca.50 (1990) auf ca. 900 (Ende 1997) an. Auf den zunehmenden organisierten Menschenhandel mit Zwangsprostitution reagierte die Polizei 1997 mit dem „Bekämpfungskonzept Modellprostitution“, das zu einem Schwerpunkt der Ermittlungstätigkeit des Landeskriminalamtes (LKA) 731 wurde. In der Apartmentprostitution waren hauptsächlich osteuropäische und lateinamerikanische Frauen involviert.  In den folgenden Jahren ging die Polizei verstärkt gegen die illegale Prostitution und denen mit ihr zusammenhängenden Strukturen der organisierten Kriminalität vor. Im Jahr 2003 wurde das „Bekämpfungskonzept Menschenhandel“ erarbeitet. Wesentliche Ziele dieses Konzeptes ist die Bekämpfung des Menschenhandels, die Verbesserung der Situation der Prostituierten und vor allem die Abschöpfung der kriminellen Organisationen durch Beschlagnahmung und Einziehung der Vermögenswerte. Bis Anfang 2005 wurde im Rahmen dieses Konzeptes die Zusammenarbeit mit „Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel (KOOFRA)“  intensiviert und in rund 60 Groß- und mehreren Einzelverfahren wurden über 200 Täter verurteilt.

-In einem Großverfahren zur Bekämpfung der Prostitution in der Modellwohnungsszene wurde 1998 gegen 9 Beschuldigte wegen des Verdachts der Mitgliedschaft bzw. Unterstützung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Die Beschuldigten unterhielten insgesamt 86 Modellwohnungen, in denen zeitweise 100 – 130 osteuropäische und südamerikanische Frauen arbeiteten.
-1999 wurde die sogenannte „Trinitas“-Bande zerschlagen, die mehrere Wohnblocks in verschiedenen Hamburger Stadtteilen komplett in Modellwohnungen umgewandelt und dort 175 Prostituierte untergebracht hatte
-Im gleichen Jahr wurde in einer Großaktion gegen eine Gruppierung die den Straßenstrich um die Süderstr. kontrollierte, insgesamt 19 Wohnungen und 8 Bordelle durchsucht, mehrere Bordelle geschlossen und 4 Personen verhaftet. Der Hauptangeklagte, der Mazedonier Musa A zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Der Mazedonier hatte im Zeitraum 1994 –1997 fast alle Bordelle, bzw. Absteigen im Bereich der Süderstr. „übernommen“ und soll die Arbeitsmodalitäten von rund 300 Prostituierten bestimmt haben.
– Im Jahr 2000  wurde eine Sektion der „Hells Angels“ verhaftet und angeklagt, da sie die Übernahme mehrerer Großbordelle auf Hamburgs Reeperbahn planten. Im gleichen Zeitraum wurde ein Großverfahren gegen eine Gruppe russischer Menschenhändler und Zuhältern abgeschlossen.
-2002 kam es zu einer Razzia im „Club 77“ an der Holstenstraße (Altona) und im Rotlichtmilieu St. Georgs zu einer größeren Durchsuchung, an der über 140 Beamte und die Ausländerbehörde beteiligt waren. Infolgedessen wurden drei Polen wegen Schleusung und „dirigistischer Zuhälterei“ angeklagt. Drei der vier Nacht-Bars(Preise für ein Bier 8€ und für eine Flasche Sekt 130€), die in den Straßen um den Hansaplatz lagen, wurden geschlossen und 10 von 35 festgenommenen Prostituierten nach Polen zwangsausgewiesen
-Januar 2009 kam es zu einer konzertierten, zeitgleichen Aktion von MEK und SEK in Hamburg und Bremen, sowie von vergleichbaren Spezialeinheiten (SIC) im rumänischen Braila, bei der neun Rumänen verhaftet wurden. Ihnen wird Menschenhandel, Zuhälterei, Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger, Körperverletzung und Vergewaltigung vorgeworfen. Diese rumänische Zuhältergruppe soll seit mindestens 2005 Frauen, überwiegend aus dem rumänischen Constanta nach Deutschland gebracht haben, wo sie, zum Teil unter Zwang, als Prostituierte arbeiten mussten. In Hamburg geschah dies in Modellwohnungen in Harburg, Wilhelmsburg, Eilbek und Tonndorf, sowie auf dem Straßenstrich im Stadtteil St. Georg. Dort wurden den Frauen feste Standorte in der Bremer Reihe und am Hansaplatz sowie ein Stundenhotel zugewiesen. Bei der Arbeit wurden sie aus einem angrenzenden Lokal und einem Internetcafé heraus überwacht.

Inzwischen ist die Anzahl der Modellwohnungen auf ca.  400  reduziert worden. Viele Frauen wichen zunächst auf den Straßenstrich in St. Georg und dann an den der Süderstraße in Hammerbrook aus, oder arbeiteten in einen der rund 40 Hamburger Sex-Clubs. Durch das verschärfte Vorgehen der Hamburger Polizei mit massiven Kontrollen und Razzien seit Ende der 90er gegen die Drogenszene und dann gegen den Strich und die Clubszene von St. Georg, schafften die Frauen verstärkt verdeckt an und viele Prostituierte sind von dort in die Süderstraße abgewandert. 2005 wurden in der Hamburger Presse Pläne diskutiert, wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation traditionelle Prostitutionseinrichtungen wie die Herbertstraße teilweise in Musikclubs und Gastronomie umzuwandeln, weil die Erträge aus der Prostitution für alle Beteiligten real sinken. Tagsüber sind nur noch sehr wenige Kunden in der Herbertstr., andererseits beginnt sich der Straßenstrich langsam  wieder an der Silbersackstraße und  Erichstraße auszubreiten. Der Autostrich an der Süderstr. hingegen wird stark frequentiert. Für ein Großteil der Frauen existieren  allerdings schlechte Arbeitsbedingungen: reine Nachtarbeit, sexuelle Dienstleistung im Auto/LKW und auf sogenannten „Stichplätzen“, wenig sanitären Anlagen und Kondomzugänge und niedrige Tarife für die sexuelle Dienstleistung aufgrund des Konkurrenzdrucks.

Im Frühjahr 2009 eröffnete in Hamm-Süd ein Groß-Bordell für 130 Prostituierte, dem weitere folgen sollten. In direkter Nähe bestehen bereits fünf Bordelle und Beherbergungsbetriebe. Dies stieß bei den Bewohnern des Osterbrookviertels auf großen Widerstand, worauf der Hamburger Bezirk Mitte einen neuen Bebauungsplan für den Stadtteil Hamm-Süd aufstellte, der die Ansiedlung neuer Bordelle verhindern soll. Gleichzeitig lässt der Bezirk Wohnmobile von Prostituierten entfernen. Nach neuesten Plänen soll der Straßenstrich von der Süderstraße ins Industriegebiet Buller Deich in Hammerbrook verlegt werden. Auch in Wandsbek protestierten rund 1000 Menschen mit ihren Unterschriften gegen die Planung eine neuen Großbordells, sowie einem bereits genehmigten Etablissement an der Angerburger Straße. Antragsteller für dieses Bordell mit 20 Zimmern ist der Betreiber der Bordellkette „Geizhaus„.

„taz“, Bd.14, 1992, Nr. 3679 vom 10.4., Seite 23,  Redakteurin Sannah Kirch

Hamburger Rundschau Nr.6, 2.2.1995, Seite 4-7,   Redakteurin Petra Bäuerle

Szene Hamburg, 26 Jahr, Nr.11, November 1999 „Beruf Hure – Anschaffen auf Lohnsteuerkarte“, Seite 27-34

http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=11042
http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/Hauptseite

Hamburger Initiativen und Organisationen

Die Zentrale Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten (Max-Brauer-Alle 152) bietet Informationen zu – sowie Untersuchungen und Behandlungen von sexuell übertragbaren Erkrankungen an. Über 90% der Klientel der Zentralen Beratungsstelle sind Frauen aus Osteuropa, Lateinamerika, Afrika und Asien, weswegen Informationen und soweit es geht Beratungen in den Sprachen: englisch, russisch, polnisch, bulgarisch, spanisch und  rumänisch angeboten werden. Es besteht die Möglichkeit einer kostenlosen Untersuchung bei Tripper(Gonorrhoe)  und Syphilis,  anonymen und kostenlosen HIV-(AIDS) Antikörpertests , Hepatitis-Antikörpertest mit anschließender Möglichkeit zur Impfung,  Schwangerschaftstests und Krebsvorsorgeuntersuchungen. Sowie weitere kostenfreie Untersuchung und Behandlung mittels Privatrezept bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Zentrale Beratungsstelle für sexuell übertragbare Erkrankungen und die AIDS Beratung am Bernhard-Nocht-Institut wurden April 2008 zum neuen Beratungszentrum „CASA blanca“ zusammengeführt.

Die Kaffeeklappe, (Mitternachtsmission St. Pauli/ Diakonisches Werk Hamburg) in der Seilerstraße 34, St. Pauli bietet seit 1973 Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution, Hilfe beim beruflichen Neustart, Beratung und Begleitung bei Behördenangelegenheiten, Gesundheitsaufklärung und ist über die Teestube Sarah in der Straßensozialarbeit engagiert.

Die Teestube Sarah ist eine christliche Initiative, die bereits vor 25 Jahren von einem Werftarbeiter gegründet wurde, dessen frühere Privatwohnung am Hans-Albers-Platz den Sitz dieser Teestube stellt. Die ca. 15 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen gehen ein- bis zweimal wöchentlich die verschiedenen Hamburger Straßenstrichs ab und verteilen kostenlos Getränke, Süßigkeiten und Kondome und suchen das Gespräch und den Kontakt mit den Prostituierten.

Die Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel(KOOFRA
) gibt es seit 1999. Ein eingetragener, gemeinnützig anerkannter Verein, der überwiegend durch die Freie und Hansestadt Hamburg finanziert wird. Die Zielsetzung des Vereins ist es vom Frauenhandel betroffene Frauen und Mädchen über ihre Rechte zu informieren, sie weitergehend psychosozial zu betreuen und ihnen den Ausstieg zu ermöglichen. Hierzu kann u. .a  die Unterbringung an einem sicheren Ort, eine Prozessbegleitung und Hilfe bei der Rückkehr ins Heimatland gehören. Im Rahmen der Zeuginnengewinnung als notwendiger Bestandteil der Beweisführung hat die Zusammenarbeit mit der Polizei an Bedeutung gewonnen. KOOFRA betreut die betroffenen Frauen und bietet denen, die sich entschieden haben in einem Gerichtsverfahren auszusagen, weitergehende Hilfestellungen.        http://www.koofra.de/de/kontakt.html

Amnesty for Women (Grosse Bergstr. 231, Altona) besteht seit 1986. Es ist keine Organisation dessen Arbeit speziell auf Sexarbeiterinnen ausgerichtet ist, sondern hat als Ziel die soziale und rechtlich Situation von emigrierten Frauen zu verbessern. Aber ca. 40% der Frauen, die Kontakt zu Amnesty for Women aufgenommen haben, hatten bereits Erfahrungen in der Sexindustrie gemacht. Zu den Angeboten dieser Organisation gehört eine rechtliche und gesundheitliche Beratung, der Aufbau von Multiplikatoren und kontinuierliches Streetworking. Sie bieten unter dem Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe ein umfangreiches Beratungs-, Begleitungs-, Betreuungs- und Weiterbildungsangebot.

Raggazza e.V.( Brennerstraße 81 / 12 Mitarbeiterinnen)  wurde 1991 als gemeinnütziger Verein gegründet um Beschaffungsprostituierte zu unterstützen. Der Verein arbeitet im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg und bietet drogenabhängigen und sich prostituierenden Frauen Beratung und Überlebenshilfen an. Dazu gehören Strassensozialarbeit, Spritzentauschprogramme, die Möglichkeit medizinischer und hygienischer Versorgung, gesundes Essen und das Angebot von Schlafmöglichkeiten. Ein ähnliches Angebot bietet das Café Sperrgebiet in St. Georg an, eine Einrichtung des Diakonischen Werkes, welche seit 1985 existiert.

Der Trägerverein BASIS e.V. kümmert sich um männliche Jugendliche und junge Erwachsene, die „auf der Straße leben“ und sich häufig im Bereich des Hamburger Hauptbahnhofes aufhalten, wo Drogen und Prosititution zum Alltag gehören. Der Verein bietet medizinische Hilfe, Übernachtungsmöglichkeiten und ein auswärtiges Ferienhaus als Kriseninterventions- und Freizeitprojekt.

Tampep ist ein aktives Interventions- und Forschungsprojekt für Präventionsarbeit im Gesundheitsbereich für migrierte Sexarbeiterinnen mit 19 Partnerorganisationen in west/-mittel- und osteuropäischen Ländern. In Hamburg ist Tampep im speziellen im Bereich der Appartmentsprostitution aktiv, der Träger ist „Amnesty for Women“, finanziert wird dieser Projektzusammenhang  über eine Regelung mit dem Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz


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