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St. Pauli im Umbruch

Die 80er  Jahre– ein Stadtteil im Umbruch

In den 80ern geriet im St.Pauli Milieu vieles in Umbruch. Durch die komplette Modernisierung des Hafens, die bereits Ende der 60er Jahre begann, brach eine tragende Säule des Sex- und Alkoholgeschäftes weg. Es kamen kaum noch Matrosen an Land, da die Containerschiffe inzwischen in 24 Stunden entladen wurden. Diese Modernisierung wie auch die Werftenkrise kostete einen Großteil der Hafenarbeiter ihren Job die sonst auch ihre Stammkneipen in St. Pauli hatten. In den beschäftigungsintensivsten Zeiten arbeiteten bis zu 50 000 Menschen im Hamburger Hafen, 1999 bereits weniger als 5000.  Früher lagen die Schiffe zum Be- und Entladen mindestens 1 Woche, manchmal bis zu 4 Wochen vor Anker und die Schiffsbesatzungen nutzten die Zeit für Landgänge und brachten ihre Heuer nach St. Pauli. Inzwischen haben die Matrosen nicht nur weniger Zeit, sondern auch weitere Wege. Die Schiffe liegen weiter weg vom Kiez, im Containerhafen auf der Südseite der Elbe. Außerdem verdienen viele der Matrosen auf den Billig-Flaggen-Schiffen oft nur einen Dollar pro Tag. Die Taxifahrt vom Containerhafen nach St. Pauli kostet 30 €, so dass Viele lieber bei der Seemannsmission „Duckdalben“ im Freihafen bleiben. Früher arbeiteten die als Dockschwalben bezeichneten Prostituierten direkt an den Kais und gingen mit den Seeleuten in nahe gelegene Steigen oder auf das Schiff. In den 60er und 70er Jahren standen die Frauen zum Teil in den Nebenstraßen Richtung Harburg und frequentierten Kneipen in der Nähe der Anlegestellen im Freihafen. 2004 wurde mit dem „International Ship and Port Facility Security Code“ der Freihafen für Unbefugte gesperrt. Von den Kneipen existiert heute noch eine einzige – die Karaokebar „Bituin“, die überwiegend von phillipinischen Seeleuten besucht wird.

Eine weitere Zäsur für den Stadtteil, stellten die fortgeführten Prämissen der Stadtteilplanung dar, in dessen Konsequenz die Prostitution aus ihrem traditionellen Quartier am Fischmarkt, am Hafenrand und in der Bernhard-Nocht-Str. verdrängt wurde und die historische Baustruktur des betreffenden Areals unwiederbringlich zerstört wurde. Den 2. Weltkrieg hatte der Fischmarkt mit der Fischauktionshalle, den Lagern, Speichern, Fabriken und angrenzenden Wohngebieten fast unbeschadet überstanden, nicht aber die Sanierungspolitik des Senats in den folgenden Jahrzehnten. Bereits 1974 wurde die Bebauung des Hexenbergs oberhalb des Fischmarktes vollständig abgerissen und neubebaut. Anfangs der 80er, im Rahmen der neuen Flutschutzsicherung wurden die ursprünglichen Kopfsteinpflasterstraßen durch eine vierspurige Hafenrandautobahn ersetzt, der Fischmarkt räumlich versetzt, von Wohnungsneubauten eingegrenzt und um mehr als die Hälfte seiner Fläche reduziert. Wegen der baulichen Maßnahmen ist der  Straßen- und Autostrich, der sich von der anliegenden Straße Pepermölenbek auf den Fischmarkt verlagert hatte, nach St. Georg und Hammerbrook ausgewichen.

Der Fischmarkt, seit 1711 auf seinem heutigen Platz, entwickelte zum Ende des 19. Jh, als Altona den bedeutendsten Fischereihafen des Deutschen Reiches stellte, zum größten Markt wo täglich Fischauktionen abgehalten wurden. 1934 erfolgte die Zusammenlegung mit dem Hamburger Fischmarkt auf das Areal des Altonaer Fischmarktes. Der Markt war eingebetet in einen typischen hafenstädtischen Lebensraum. Zehntausende von Menschen kamen täglich hierher, entweder um auf den Fischmarkt zu arbeiten, zu handeln und zu kaufen, oder um sich von einem der zahlreichen Schiffsanlegern auf die andere Elbseite zu den Werften und Hafenbetrieben übersetzen zu lassen.

Im gleichen Zeitraum, im Rahmen der Komplettsanierung ausgehend vom Hexenberg, plante die Stadt den kompletten Abriss der Altbauten am Hafenrand – an den Straßen Hafenstraße und Bernhard-Nochtstr.- um dort Bürokomplexe anzusiedeln. Zuerst der Kaffeekonzern Tschibo und dann das Verlagshaus Gruner und Jahr standen in Verhandlungen mit dem Senat, bis 1981, durch eine zunächst stille Besetzung der betreffenden Häuser, diese Pläne verhindert wurden. Die „Hafenstraße“ mit ihren ca. 100 Besetzern entwickelte sich zu einem Politikum mit häufigen Großeinsätzen der Polizei, bis ein breites Solidaritätsbündnis den Erhalt der Häuser durchsetzen konnte.1996 verkaufte die Stadt die Häuser, mit der Auflage der dauerhaften Sanierung und Bewirtschaftung, an die Genossenschaft St.Pauli Hafenstraße.

Auch die in den 90ern realisierten Bauvorhaben zeigen keine Abkehr, sondern die Vollendung der alten stadtplanerischen Prämissen. Beim Fischmarkt, an der Elbstrasse wurde zwar die alte Mälzerei aufwendig saniert und beherbergt inzwischen ein Zentrum für italienisches Möbeldesign und mehrere Gastronomien, aber die Wasserseite der Elbstrasse, wo früher an den Docks die Schiffe entladen wurden, ist trotz Bürgerprotesten ein großflächiger Büroneubaukomplex entstanden. Am Millerntor, ist anstelle des Mitte der 90er gesprengten Iduna-Hochhauses 1997 ein imposanter Neubau entstanden, in den 1999 der Internet-Betreiber AOL einzog und 6 der 10 Etagen belegte. Dieser Neubau dient als Keimzelle einer neuen Strukturplanung, die zu einer Neubebauung  der Straßen Seilerstraße, Simon von Utrechtstr. bis zur Detlev-Bremer-Strasse mit Hotels und Büros führte. Auf der anderen Seite der Reeperbahn bezieht der Plan die Strassen Zirkusweg und Beim Trichter mit ein, nur das dort anscheinend noch kein schlüssiges Finanzierungskonzept vorliegt. Dem dort jahrelang residierenden „Mojo-Club“ wurde auf jeden Fall schon 2003 gekündigt. Inzwischen ist dort das Prestigeobjekt des Star-Architekten Teherani geplant. Die sogenannten „Tanzenden Türme“, zwei über 80 Meter hohe Hochhausbauten. Die Künstlerinitiative, die das Gebäude übergangsweise für mehrere Jahre nutzte, musste Herbst 2009 ausziehen. Auf dem Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei, dem heutigen „Brauquartier“, entstanden mit einem Investitionsvolumen von 350 Mio. Euro fast 300 Wohnungen, das Hotel Empire Riverside und 55.000 Quadratmeter Büros, Einzelhandel und Gastronomie. Prägnant ist die nach außen hin abweisende Architektur der Neubauten. Sie sieht zwar eine kommerzielle und teilweise gastronomische Nutzung vor, ist aber auf ein „Innenraum-Konzept“ gegründet, während das Straßenleben, das für St. Pauli charakteristisch ist, im Einzugsbereich dieser Bauten verödet.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Heiligengeistfeldes, in direkter Nachbarschaft zum Karolinenviertel und St. Pauli-Stadion, soll in dem denkmalgeschützten ehemaligen Schlachthof, der seit Jahren verschiedene Großsupermärkte beherbergte, ein Veranstaltungszentrum entstehen, welches mehrere Zehntausend Besucher fasst. Ein weiterer Brennpunkt ist das „BNQ“.  Die Investoren Köhler&von Bargen wollen in St. Pauli, an der Bernhard-Nocht-Straße und umliegenden Straßen, das sogenannte “Bernhard-Nocht- Quartier (BNQ )” bauen. Geplant ist der Abriss historischer Substanz, an deren Stelle Eigentumswohnungen und Gewerbeflächen in inzwischen gewohnter Hochhausarchitektur entstehen sollen. Betroffen sind davon zahlreiche Kneipen und Altmieter, die sich in direkter Nachbarschaft der Hafenstraßenhäuser angesiedelt haben. Die haben sich zu der Initiative „No-BNQ“ zusammengeschlossen, welche sich zunehmend im Rahmen der „Recht auf Stadt“-Kampagne mit anderen Initiativen vernetzen. Sie haben einen alternativen Bebauungsplan entwickelt, der unter der Mitbestimmung der betroffenen Anwohner auf den Erhalt der Häuser und der gewachsenen Strukturen setzt. Es wird sich ab 2010 zeigen, ob es den vielen Stadteilinitiativen und den Besetzern des Gängeviertels gelingen wird der zunehmenden kommerziellen Verödung innerstädtischer Quartiere etwas entgegenzusetzen.

Empire St. Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen
Ein Dokumentarfilm von Irene Bude und Olaf Sobczak
Produktion Steffen Jörg, GWA St. Pauli | Mini-DV, 2009, 85 Min.
http://www.empire-stpauli.de/

http://www.rechtaufstadt.net/


Musikclubs und „Kulturmeile“

Die ersten Aids-Fälle traten in Deutschland, Frankreich und der Schweiz um 1981 auf. In der Bundesrepublik begannen 1985 die ersten staatlich organisierten  Präventionskampagnen. Die Diskussion der einzuschlagenden Präventionspolitik sprengte den Rahmen herkömmlicher gesundheitspolitischer Debatten, da die Hauptbetroffenengruppen zu besonders marginalisierten und stigmatisierten Bevölkerungsgruppen gehörten: Homosexuelle, Drogenabhängige und Prostituierte. Die Presseberichterstattung in den 80er Jahren, in der Aids als die Seuche des 20. Jh. dargestellt wurde und mit den Pest- und Syphilisepidemien  vorangegangener Jahrhunderte gleichgestellt wurde, führte zum Niedergang des Rotlichtmilieus und zu einem verstärkt monogamen Sexualverhalten in großen Teilen der Bevölkerung. Weltweit sind inzwischen mehr als 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, 560.000 davon in Europa, etwa 50.000 – 60.000 in Deutschland. AIDS ist längst keine Krankheit von Randgruppen mehr. In der Anfangszeit der Epidemie waren 90% aller Infizierten in Deutschland homosexuell oder drogenabhängig, heute sind es weniger als 50%. Die Zahl der Neuinfektionen wird pro Jahr auf ca. 2.000 – 2.500 geschätzt, wobei die Infektionsgefahr zu ca. 16% bei heterosexuellen Kontakte liegt. Inzwischen hat sich das emotionale Klima wieder normalisiert und bei der nachfolgenden Generation macht sich, wenn man den Presseberichten glauben kann, wieder eine gewisse Sorglosigkeit breit. Aber Mitte der 80er Jahre kam es zu massiven Geschäftseinbrüchen im Sexbusiness. Das Geschäft mit der Prostitution litt darunter das die potentiellen Freier Angst vor Aids hatten und das wirkte sich auf das gesamte Rotlichtbusiness aus, so dass bald billige Räume und Läden frei wurden, da das Geschäft der Zweit- und Drittvermietung der gleichen Räume nicht mehr funktionierte. In St. Pauli entwickelte sich eine neue Musik- und Clubszene und – im Gegensatz zu den 70er wo die Einwohnerzahl durch Wegzug stark abfiel, wurde Ende der 80er St. Pauli zu einem beliebten und günstigen Stadtteil für junge Menschen.

Martens Rene, Günther Zint, 2000, „Kiez, Kult, Alltag“, Verlag der Hanse, Hamburg

Nach dem Ende des Star-Clubs in den 70er Jahren war der St. Pauli-Kiez für viele Jugendliche weitgehend uninteressant, da es keine dementsprechenden Angebote gab. Die Reeperbahn war zu dieser Zeit nicht so eine überfüllte Ausgehmeile wie heute, viele Clubs und Diskotheken mit einer innovativen Musikszene lagen zu dieser Zeit in anderen Stadtteilen, bsp. wie das „Onkel Pö“, das „Logo“, Madhouse“, „Remter“, „Knust“ und das „After Eight“. Ab den 80er Jahren entstand mit der Krise des traditionellen Rotlichtmilieus eine neue Musikclub- und Kneipenszene mit den Zentren Hamburger Berg und Hans-Albers-Platz und Seitenstraßen. Auf dem Hans-Albers Platz wurde diese Entwicklung durch den Umstand begünstigt das der Immobilienmakler und Betreiber des „Erotik Art Museums“ Claus Becker dort nach und nach Häuser aufkaufte und das traditionelle Milieu dort zurückgedrängt wurde.

Am Hamburger Berg, wie um den Hans Albers Platz existieren Milieu- und traditionelle St. Pauli-Kneipen, neben den neuen Musikclubs- und –kneipen und den sogenannten „Spaßläden“ der Wochenend-Pistengänger. Am Hamburger Berg wurde diese Entwicklung durch die Gründung der Musikkneipe „Sparr“ und dem „Tempelhof“, Ende der 80er eingeleitet. Inzwischen gibt es in dieser Strasse an die zehn Läden für verschiedene Geschmäcker. Eine der dort noch vorhandenen typischen St. Pauli-Kneipen ist die „Zum Goldenen Handschuh“. Hinter dem Tresen bedient die Tochter des Wirts und Enkelin des Kneipengründers Herbert Nürnberg (geb. 1914), der die Kneipe beim Boxen gewonnen hatte und aus ihr ein Lokal machte, wo sich zu seinen Zeiten die Boxprominenz traf. Ähnlich wie die Kneipe „Ritze“(Reeperbahn) mit ihrem Trainingsraum, sich in den 80ern zu einem Treffpunkt bekannter Boxer entwickelte. Nach dem Tod von Nürnberg verlor sich der Glanz der Kneipe. Mit einem Interieur aus den 50er Jahren bietet sie einem in die Jahre gekommenen Publikum die Möglichkeit des billigen Alkoholkonsums. Desweiteren gibt es in der Strasse ein paar Kneipen des Milieus wo einige der Portiers der Strip-Lokale nach Feierabend noch einkehren, außerdem einen „Club“, einen Sexshop und die älteste Tattoo-Stube  Hamburgs.

In den besetzten Häusern der Hafenstraße entwickelte sich mit den ehemaligen Kiezkneipen „Onkel Otto“ und „Ahoi“ und dem Veranstaltungszentrum „Vokü“, später dem „Störtebeker-Zentrum“ eine musikalische Subkultur der durchaus ein Multiplikatoren-Effekt bei der späteren Vielzahl von Ladengründungen ab Ende der 80er zugesprochen werden kann. In der Nähe eröffneten später das “Soul Kitchen” (1989- ca. 1995) und der „Golden Pudel Club(1995)“. Neben weiteren kleinen Läden wie das „Mitternacht“ (Gerhartstr.16, 1985-90) das „Heinz Karmers Tanzcafe“(1994-97), der „Tanzhalle“(Silbersackstr./Elektro), dem „Better Days Projekt“ (Hopfenstr. 34) oder der Diskothek „Aftershave“, die bereits in den 80ern vom Besitzer des Grünspans am Zeughausmarkt und dann am Spielbudenplatz betrieben wurde, entstanden im Rahmen dieser Entwicklung auch größere Veranstaltungsorte.

Die Lizenzvergabe des Ordnungsamtes hatte entscheidend mit dazu beigetragen, dass es kaum noch Kabaretts gab. Die Musik- und Clubszene hingegen profitierte von dieser Entwicklung. Neben der Umwandlung vieler Live-Shows  in der Großen Freiheit in Diskotheken und Musikclubs, etablierten sich mehrere Veranstaltungszentren für Live-Musik. 1988 eröffnete die „Große Freiheit 36“, eine Live-Musik-Bühne und Diskothek. Am Spielbudenplatz in den Räumen der „Knopf`s Music Hall“ eröffnete das ähnlich ausgerichtete „Docks“ mit der dazugehörigen „Prinzenbar“, einem ehemaligen Luxusbordell. Am Millerntor, in dem ehemaligen Bowlingcenter entwickelte sich seit 1991 mit dem „Mojo Club“ eine Dancefloor Jazz- und elektronischer Tanzmusik-Szene, die neue Trends aus England in die Stadt brachte und  – ähnlich wie der Starclub früher – ein eigenes Plattenlabel betrieb. Dem Mojo-Club wurde allerdings 2003 seitens der Stadt gekündigt und musste schließen. (der zukünftige Großinvestor für dieses Gelände ist die „B&L Immobilien Ag“ mit dem Vorstandvorsitzenden Hans Hellberg) Ähnlich erging es dem seit einigen Jahren bestehenden Veranstaltungscenter im ehemaligen C&A-Kaufhaus am Nobistor, auf der anderen Seite der Reeperbahn. Das Gebäude bot im Rahmen einer Mehrfachnutzung mehreren Musikclubs und Konzertveranstaltern eine Betriebsmöglichkeit; zeitweilig dem „Phonodrom“, dem „KDW“, der „Weltbühne“ und „Echochambre“. 2006 musste das Gebäude einem Erweiterungsbau der benachbarten Endo-Klinik weichen.

Neben dieser kurz umrissenen Entwicklung der Musik- und Clubszene kam es zu einer Wiederbelebung der „Kulturmeile“ Reeperbahn, die lange Zeit nur von dem Operettenhaus und dem St. Pauli-Theater repräsentiert wurde. Das St. Pauli Theater wurde 1970 nach längerer Spielpause neu eröffnet. Kurt Collien übernahm das Theater in 13. Direktion. Namen wie Freddy Quinn („Der Junge von St. Pauli“), Willy Milowitsch oder Henry Vahl standen ab dann regelmäßig auf den Spielplänen. Es folgten ab Ende der 80er Musicals wie „Little Shop of Horrors“(1988) oder „Aretha – The Queen of Soul“ und regelmäßige Gastauftritte der „Natural Theatre Company“, einer ehemaligen englischen Straßentheatergruppe. 2003 erfolgte mit dem Schauspieler Ulrich Tukur und dem Regisseur Ulrich Weller, die 8 Jahre lang die Hamburger Kammerspiele geführt haben, eine Neuorientierung. Mit Thomas Collien, der in der dritten Generation das Haus leitet, geht das Theater auf die Suche nach einer deutschsprachigen Unterhaltungskultur, wie sie zwischen den Weltkriegen in Blüte stand.

1988 eröffnete das Schmidt-Theater am Spielbudenplatz, wo sich früher die „Union-Lichtspiele“ befanden. Der Betreiber ist Corny Littmann und sein damaliger Partner Ernie Reinhardt, besser bekannt als Lilo Wanders aus der Fernsehserie „Wa(h)re Liebe“. Das Theater war mit seiner Mischung aus Comedy, Kleinkunst und St. Pauli-Musicals, die zum Teil regelmäßig vom NDR-Fernsehen aufgezeichnet wurden, außerordentlich erfolgreich. Das Gebäude wurde 2004 abgerissen und das Theater 2005 in einem Neubau wiedereröffnet. Im ehemaligen Zillertal (1925-1990) wurde 1991 das „Schmidts Tivoli“ und der „Angie Nightclub“ eröffnet. In diesem Zusammenhang wurde von Corny Littmann und Prof. Norbert Aust das Unternehmen „Schmidt`s Tivoli“ gegründet. Norbert Aust ist ein ehemaliger Direktor (1980) der Hochschule für Wirtschaft und Politik und dort immer noch als Professor für Rechtswissenschaften tätig. Zur Schmidts Tivoli GmbH gehört das Schmidt Tivoli Theater mit ca. 600 Plätzen, der Angie`s Nightclub und seit 1997 das Schmidts Theater. Die dazugehörige Firma „SeeLive Tivoli“ wurde gegründet um auf 4 Schiffen der Reederei „Seetours“ für  professionelle Unterhaltung zu sorgen. Das beinhaltet allabendliche Musik- und Showprograme für die jeweils 800 Sitzplätze umfassenden Theater und weitergehend Animation, Kinderbetreuung, Workshops und Lernprogramme. 2004 eröffnete „SeeLive Tivoli“ in der Seilerstraße 41-43, eine „Hamburg School of Entertainment“. Jährlich sollen 25 Schüler spartenübergreifend für den Show- und Theaterbereich ausgebildet werden. „SeeLive Tivoli“ ist ein Tochterunternehmen von Schmidt`s Tivoli. Vor dem Umbau des Schmidts Theater hatte die „Schmidt`s Tivoli“  ca. 250.000 Besucher jährlich in ihren festen Häusern und ca. 14 Millionen Umsatz zu verzeichnen.

Es folgte 1994 die Gründung des „Imperial Theater“ auf der Reeperbahn, einem Musical- und Comedy-Theater,  in den Räumen eines ehemaligen Premieren- und späteren Pornokinos. Und seit 1999 hat  das Zelttheater der „Fliegenden Bauten“ an der Glacischaussee, direkt an dem Domplatz angrenzend, seinen festen Standort. Die Betreiber hatten bereits vorher mit Produktionen wie „Cirque O“ neue Maßstäbe im Bereich der circensischen Künste gesetzt. Vor einigen Jahren zog das „Pulverfaß“,  ein über Hamburg hinaus bekanntes Transvestiten-Kabarett, welches bereits 1973 am Pulverteich in St. Georg gegründet wurde, auf die Reeperbahn. In den Shows wechseln sich Conferencen und Live-Gesang, internationale Star-Parodien, Comedy, Men-Striptease und Revuen im raschen Tempo aneinander ab. Menstripshows für Frauen, als Ausdruck einer veränderten Konsumentenhaltung, werden neben dem Dollhouse auch einmonatlich im „Herzblut“(Reeperbahn 50), einem mit Formenelementen des Jugendstils und des Art Deko  gestylten Cafe, Restaurant und Tanzbar, veranstaltet. Außerdem finden dort Gay- und Karaoke-Parties statt. Der Geschäftsführer vom „Herzblut“  war jahrelang Cocktailmixer im „Angie`s Nightclub“ und betreibt auch noch die Cocktailbar „Christiansen“ am Pinnasberg 60 und die Bar im Schauspielhaus, St.Georg.

Das Erotic Art Museum des Hamburger Immobilienhändlers Claus Becker (zeitweiliger Teilhaber und Mitbegründer der „Hansa Trauhand Schiffsbeteiligung GmbH“), ein weiterer Anziehungspunkt für St. Pauli-Besucher, hatte seinen Standort in der ehemaligen Hutfabrik am westlichen Ende der Reeperbahn. Es zeigte 2000 Werke erotischer Kunst von  der Renaissance bis zum 20.Jh. Es wurde 1992 in der Bernhard Nocht Straße 69 eröffnet und zog 1997 dann zum Nobistor/Reeperbahn um. Neben der festen Ausstellung von erotischen Exponaten quer durch die Kulturen und Epochen, gab es bereits mehr als 60 Sonderausstellungen. Ende der 90er-Jahre geriet Becker in Zahlungsschwierigkeiten und die Immobilien kamen unter Zwangsverwaltung. Ende 2004 stand das Erotic-Art-Museum, das seit seiner Gründung mehr als 2 Millionen Besucher verzeichnet hatte, erstmals zur Zwangsversteigerung. Im Sommer 2005 ersteigerte der Kosovo-Albaner Burim Osmani über seine Firma GGS die Räumlichkeiten des Museum an der Bernhard-Nocht-Straße für 1,5 Millionen Euro. Die zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden Sammlungen von Erotica wurden von den Osmanis aufgelöst. Im Juni 2007 wurde die Immobilie für 4,4 Millionen Euro an drei Hamburger Immobilienkaufleute verkauft

Jährlich besuchen nach Schätzungen der Hamburger Touristenzentrale ca. 15,5 Millionen Menschen St. Pauli. Die wiederauferstandene Kulturmeile am Spielbudenplatz, vom Operettenhaus bis zum St. Pauli-Theater, Ecke Davidsstr. hat sich zu einem Attraktionspunkt für Hamburger, wie für Touristen entwickelt. Die weiterhin boomende Musik-Club-Szene ist rein auf jugendliche Pistengänger ausgerichtet. Diese beiden relativ neuen Entwicklungen haben ihrerseits kaum Kontakte zu dem traditionellen Rotlichtmilieu St. Paulis

Twickel Christoph (Hg.), 2003, „Läden, Schuppen, Kaschemmen“, Edition Nautilus, Hamburg


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