20
Jan
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Prostitution


Inhalt

Prostitution im Mittelalter

Offizielle Sexualethik und Wirklichkeit
Die Entwicklung städtischer Prostitution
Das Seelenheil der Dirnen – Ordensgründungen und Magdalenenkult
Die heimliche Prostitution – Kupplerinnen, Badestuben und Schänken
Das Frauenhauswesen
Die zunehmende Diskriminierung der Prostitution und die Schließung der Frauenhäuser
Exkurs: Hebammen
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Die Prostitution im Industriezeitalter bis zum Ende der Weimarer Republik

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Das 19. Jahrhundert  – Die Kasernierung der Prostitution
Der deutsche Reglementarismus
Das Spektrum der Prostitution am Beispiel Berlins
Die soziale Rekrutierung der Prostituierten
Die Opposition gegen den Reglementarismus und das Bordellwesen in Deutschland
Die Gesetzgebung in der Weimarer Republik
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Prostitution heute:  Zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu

Statistisches Material zwischen Ökonomie und Gesundheitswesen
Die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten in Deutschland
Menschenhandel und Prostitution
Arbeitsbedingungen von Prostituierten
Die Dienstleistung – Zwischen Massenabfertigung und Spezialisierung
Sozialtechniken von Sexarbeiterinnen
Prostituiertenorganisationen
Spotlight Budapest/Ungarn
Spotlight –  Nevada/ USA
Spotlight – Amsterdam/Holland
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„Prostitution“ : „prostituere“ (lat.) – „öffentlich preisgeben“ in einem älteren Bedeutungszusammenhang: „vorn hinstellen“, aus „pro“- „vorn“ und „statuere“- „hinstellen“
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„Prostitution“ – Verkauf nicht-reproduktiver, sexueller Dienstleistungen

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Prostitution im Mittelalter – Offizielle Sexualethik und Wirklichkeit

Die moralische Zuweisung und die soziologische Definition wer oder was als obszön und unsittlich und wer als Prostituierte klassifiziert wird, kann von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein und verändert sich im Rahmen der sich wandelnden historischen Kontexte. Dementsprechend ist die Geschichte der Sexualmoral und Prostitution nicht als eine einheitliche Entwicklung zu verstehen, sondern als eine aneinander gereihte und oft zeitlich verschobene Folge von verschiedenen sozialen Koalitionen, auch wenn man in der Darstellung der Thematik zu einer vereinfachenden zeitlich linearen Darstellung neigt. Ein weiteres Problem ist, das verwendete historische Quellen und rezipierte Literatur sich größtenteils über obrigkeitliche Verordnungen definieren, bzw. diese als Grundlage ihrer Recherche verwenden. Diese Quellen geben einem eine Vorstellung wie man damals gedachte das  Alltagsleben zu reglementieren und welche Strafkataloge man bei Regelverstößen zur Anwendung brachte – sie geben aber keinen Aufschluss darüber, inwieweit die damit verbundene Sexualmoral tatsächlich allgemeingültig im Bewusstsein der Bevölkerung verankert war.

Die mittelalterliche Sexualethik trennte zwischen erlaubter und verbotener Sexualität. Sexueller Verkehr war, sofern er der Fortpflanzung diente, ausschließlich in der Ehe erlaubt. Andere Formen sexueller Aktivität waren verboten, wenn sie auch teilweise toleriert wurden. Neben dem weitverbreiteten Konkubinat, dem vorehelichen Geschlechtsverkehr und der Sodomie – zur Sodomie zählte man damals neben gleichgeschlechtlichen Verhalten und Verbindungen zwischen Christen und Nicht-Christen auch den Analverkehr mit Frauen, der zur Empfängnisverhütung oft praktiziert wurde – stellte die Prostitution nur eine, der von der Kirche bekämpften Formen der „Unzucht“ dar. Soweit sie von Frauen ausgeübt wurde, wurde sie geduldet und man versuchte sie weitgehend zu kontrollieren, männliche Prostitution hingegen galt nach der kirchlichen Moralvorstellung als Todsünde. Dabei gab es in vielen Städten Homosexuelle und im 14. und 15. Jh. entwickelte sich in den großen Städten wie Venedig, Florenz, Rom und Paris eine umfangreiche männliche Prostitution. Vor allem minderjährige Jungen verdienten sich auf diese Weise ihren Lebensunterhalt.

Aufgrund des strikten Postulats der Monogamie, dem Gebot der Jungfräulichkeit bis zur Heirat und die durch die Zunftordnungen bedingten späten Ehen, konnte man auf die Ventilfunktion der Prostitution nicht verzichten. So setzte sich die  pragmatische Auffassung des Kirchenlehrers Augustinus durch, der in der Prostitution ein unvermeidbares Übel sah, dass man in Kauf nehmen müsse um Schlimmeres zu vermeiden. Im realen Alltagsleben war die Ehe bis in das 16. Jh. allerdings nur eine Form von Gemeinschaft zwischen Männern und Frauen. Eine Beziehung konnte auch die eines Konkubinats annehmen, wie es für Verbindungen zwischen „Nicht-Standesgleichen“ üblich war. Für Kleriker und wohlhabende Bürgerliche war es bis in das 16. Jh. nicht ungewöhnlich eine Beziehung zu einer Frau zu unterhalten, die zwar die Versorgung der evtl. Kinder und der Frau, aber nicht die Verbindlichkeit einer Ehe beinhaltete. Gerade auch die Geistlichen kamen, im Gegensatz zu den öffentlichen Verlautbarungen und dem Gebot des Zölibats, ihren sexuellen Bedürfnissen oft nach.

„Vielfach suchten Bauern ihre Frauen und Töchter vor geistlicher Verführung dadurch zu sichern, daß sie keinen als Seelenhirten annahmen, der sich nicht verpflichtete, eine Konkubine zu nehmen. Ein Umstand, der einen Bischof von Konstanz veranlaßte, den Pfarrern seiner Diözese eine Konkubinensteuer aufzuerlegen. Aus solchen Zuständen erklärt sich die historisch beglaubigte Tatsache, daß in dem von unseren Romantikern als so fromm und sittsam dargestellten Mittelalter zum Beispiel 1414 auf dem Konzil zu Konstanz nicht weniger als 1500 fahrende Frauen anwesend waren.“

August Bebel – „Die Frau und der Sozialismus“ – 62. Auflage, Berlin/DDR, 1973, S. 207-242.Viertes Kapitel, „Die Frau im Mittelalter“      http://www.mlwerke.de/beb/beaa/beaa_207.htm

Das deutsche Reichsgebiet war bis in das 11. Jh. agrarwirtschaftlich geprägt. Neben den dörflichen Siedlungen und den adeligen und kirchlichen Grundherrschaften bildeten sich Zentren für Handel und Gewerbe heraus, die Vorformen der späteren Städte. Durch den zunehmenden Verkehr auf den Handelsstraßen entstanden entlang der Hauptverkehrswege eine steigende Anzahl von Gasthäusern die sich auch zum Anlaufpunkt für fahrende Frauen, die sich prostituierten, entwickelten. Sie boten ihre Dienste entlang der Landstraßen, an Wegkreuzungen, auf Märkten und Martyrfesten an. Wanderhuren begleiteten die Messkarawanen und folgten den Kaufleuten, Knechten, Fuhrleuten und Begleitmannschaften und nutzten die gute Konjunktur der Messezeiten mit ihren großen Menschenmengen. Das Maß an Teils freiwilliger, teils erzwungener Mobilität (z.B. durch die Strafe der Verbannung) war groß, die Grenzen zur Lebensweise der nichtsesshaften, fahrenden Frauen waren fließend. Besondere Anlässe wie Reichstage, Konzilien, Jahrmärkte, Wallfahrten und Kirchenfeste führten immer zu erheblichen Konzentrationen fahrender Dirnen. Im Hochmittelalter bildeten ritterliche Turniere und die Kreuzzüge eine weitere Gelegenheit um sich ein Auskommen zu sichern. So sollen während der ersten Kreuzzüge (1096-99) dem französischen Heer über 1000 Prostituierte gefolgt sein. Auch die seit dem 8. Jh. regelmäßig stattfindenden Wallfahrten boten dementsprechende Gelegenheiten, bzw. viele arme Pilgerinnen verdienten sich auf diese Weise ihr Reisegeld.

Die sogenannten „Landsknechthuren“ stellen eine Sonderform der mobilen Prostitution dar. In vielen Fällen handelte es sich, ähnlich wie bei den Verhältnissen zwischen Geistlichen und ihren Konkubinen, nicht immer um Prostituierte, auch wenn die Grenzen fließend waren, sondern um quasi eheliche, von Kirche und Gesellschaft nicht anerkannte Beziehungen auf Zeit. So gab es keine Entlohnung der Frau für sexuelle Dienstleistungen. Soweit sie nicht durch Betteln, Gelegenheitsarbeit, Felddiebstahl oder echte Prostitution zum Lebensunterhalt beitrug, wurde sie von ihrem Mann unterhalten. Dafür erfüllte sie die Verpflichtungen einer regulären Ehepartnerin. Weitergehend wurden diese Frauen  zu militärischen und Sanitätsleistungen im Landsknechttross herangezogen (z.b. Schanzen- und Fuhrdienste und Kundschaften) Im Heer Karls des Kühnen (1474/5), vor Neuss, sollen etwa 1500 Frauen mitgereist sein. Im 16. Jh. verstärkten dann die ausgemusterten Landsknechte das Potential der vagierenden Randgruppenbevölkerung.

Die Entwicklung städtischer Prostitution

Abgesehen von den Sonderformen der mobilen Prostitution und der Nutzung der sogenannten „Gynaeceen“ als grundherrschaftliche Bordelle – manufakturartige Webhäuser an den Adelshäusern und Pfalzen –  konzentrierte sich die Prostitution in den wachsenden städtischen Kommunen. Die Prostitution war seit eher tendenziell an die Stadt gebunden. Durch die regelmäßigen Lokal- und Fernmärkte stellten die Händler und Käufer ein wichtiges Potential zahlungskräftiger Kunden dar, die zudem, wenn sie aus einem anderen Ort kamen, für die Zeit des Marktes, aus dem Netz ihrer sozialen Bindungen und moralischen Verpflichtungen heraustraten. Als die Verpflichtung der gerichtliche Autorität zur friedlichen Konfliktbeilegung sich seit dem 13. Jh. zunehmend auf den Ort des Zusammenlebens, anstatt auf eine Gemeinschaft rechtskräftiger Männer, bezog, übernahm die städtische Obrigkeit die rechtliche Vertretung der Prostitutierten. Mit dieser rechtlichen Einbindung war zwar eine Duldung, aber keine weitere soziale Anerkennung verbunden, was in den Kleiderordnungen der Prostituierten betreffend und in den häufigen Verweisen aus der Stadt zum Ausdruck kam.

Seit dem 14. Jh. wurden seitens der Stadtoberen Kleiderordnungen erlassen, die sich an die gesamte Stadtbevölkerung richteten. Im Laufe des 14. Jh. wurden die Regelungen der Rangunterschiede zunehmend nach Vermögen normiert. Bereits in den frühen Kleiderordnungen gab es Bestimmungen die sich nur auf die Gruppen der Mägde, Knechte und Dirnen bezogen. Neben den Prostituierten waren die Juden und Leprakranken in der Stadt des 14. Jh. ähnlich auffällig gekennzeichnet. Im 15. Jh. waren derartig deutliche Markierungen in Deutschland eher die Ausnahme. Zu dieser Zeit wurden den Dirnen eine einfache Tracht vorgeschrieben die aus einer Haube und einem kurzen Mantel, wie ihn auch die Männer trugen, bestand. Für die öffentlichen Mädchen der Frauenhäuser war allerdings oft auch ein Abzeichen als weitere Kennzeichnung vorgeschrieben. Diese Vorschriften verboten den Prostituierte zu luxuriöse Kleidung z.b. Stoffe wie Samt oder welche, die mit teuren Färberstoffen durchwirkt waren, wie auch Accessoires aus Gold und Edelsteinen. In der Regel war ein generelles Merkmal der Prostituiertenkleidung das Auffällige. Das konnten farbige Bänder, Flicken oder spezielle Kopfbedeckungen sein. Oft war ein blasses Gelb in der mittelalterlichen Kleiderordnungen als eine negative Farbe zur Kennzeichnung sozialer Außenseiter konnotiert. Vor allem der jüdischen Bevölkerung war ein gelbes Zeichen an der Kleidung vorgeschrieben, das galt in vielen Regionen ebenso für Pfarrkonkubinen und Prostituierte, wenn sich auch die Kennzeichnungen von Stadt zu Stadt unterschieden.

Im frühen Mittelalter war es den Prostituierten in Frankreich verboten ihr Haar zu bedecken. Die damals übliche Haube, Kapuze oder der Schleier der „ehrbaren“ Frauen, war ihnen als Kleidungsstück versagt. In Arles, zum Ende des 12. Jh. war es noch Sitte bzw. Pflicht, dass, wenn eine ehrbare Frau einer verschleierten Prostituierten begegnete, sie diesen Schleier wegreißen durfte. Das Verbot für nicht ehrbare Frauen ihr Haar zu bedecken scheint im Mittelalter weit verbreitet gewesen zu sein und hat in den folgenden Jahrhunderten Spuren im allgemeinen Gebaren hinterlassen. So war es in Dijon des 15.Jh. noch üblich eine Frau öffentlich der Prostitution zu beschuldigen indem man ihr die Haube vom Kopf riss. Andererseits entwickelte sich daraus auch ein selbstbewusster und aggressiver Gestus der Frauen, die ihrerseits ihr Haar bloßlegten, entweder um einen anderen Mann bloßzustellen deren Lebenswandel sie für unmoralisch und heuchlerisch hielten, oder aber als Bestandteil einer eigenen Liebeswerbung.

Mit der  zunehmenden Institutionalisierung und Integration der Prostitution in die städtischen Unterschichten, wurden die Prostituierten nur noch zu den Zeiten von kirchlichen Hochfesten aus der Stadt gewiesen. In den Vorstädten war den Frauen in der Regel der Aufenthalt erlaubt. Später wurde es ihnen nur noch verboten zu diesen Zeiten Männer zu empfangen. Die Verweisungen zu der Fastenzeit und zu religiösen Festen leiteten sich von den christlichen Normen ab, nach denen Geschlechtsverkehr zur Fastenzeit und zu religiösen Festen verboten war. An den „öffentlichen Frauen“ wurden damit Verbotsregelungen vollzogen, die der Weisung nach für alle Einwohner galten. Diese Ausnahmezeit die ursprünglich die ganze Fastenzeit umfasste, war im 15. Jh. bereits auf wenige Tage im Jahr beschränkt. Bereits im 14. Jh. löste die räumliche Verweisung eine zeitliche Begrenzung des Aufenthaltsrechtes ab. Die Mehrzahl der größeren Städte versuchte nicht die Prostituierten von bestimmten Wohngebieten fernzuhalten, sondern schrieb ihnen Straßen zum Aufenthalt vor.

Das Seelenheil der Dirnen – Ordensgründungen und Magdalenenkult

Seit dem 13. Jh. gab es seitens kirchlicher Reformer verstärkte Bemühungen Prostituierte zu bekehren. Heirat stellte eine Möglichkeit der Rehabilitierung der Frauen nach den mittelalterlichen Sittlichkeitsvorstellungen dar. Eine weitere Form war das klösterliche Zusammenleben in Armut und Keuschheit. Vor allem in Südfrankreich gab es im 13. Jh. mehrere Gemeinschaftsgründungen bekehrter Prostituierter. Eine der bekanntesten Institutionen hatte allerdings 1224 in Deutschland ihren Ursprung. Der Kaplan Rudolf von Worms erreichte, dass die auf seine Initiative hin in mehreren Städten gegründeten Gemeinschaften 1227 vom Papst als sogenannte Magdaleneorden anerkannt wurden. Die weite Verbreitung dieses Ordens ist allerdings nicht auf die massenhafte Bekehrung von Dirnen zurückzuführen, sondern auf einen stetigen Zustrom unversorgter adeliger und bürgerlicher Mädchen und Frauen, die sich zum Teil von den Idealen der Franziskaner und Dominikaner angesprochen fühlten. Andererseits entwickelte sich der Orden zu einer Instanz für unverheiratete Frauen, die wegen unzureichender Mitgift nicht standesgemäß verheiratet werden konnten. Diese zunehmende soziale Exklusivität beendete die ursprünglichen Ansprüche dieser Frauengemeinschaften und Orden. Seit 1251 wurden im Magdalenenorden nur noch „unbescholtene“ Frauen aufgenommen, da sie im Gegensatz zu den Dirnen, in der Lage waren eine hohe Gebühr zu entrichteten, die die ökonomische Basis der Klöster mit sicherte.

Von den vielen Prostitutions-Heiligen wie die „Heilige Afra“, die Heilige Pelagia“ und die „Heilige Maria von Ägypten“, entwickelte sich Maria Magdalena seit dem Hochmittelalter zur populärsten Figur. Maria Magdalena – nach der christlichen Legende, einst eine Prostituierte – wurde von einer Rede Christus so berührt, dass sie in Tränen ausbrach, die sich über seine Füße ergossen. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar und salbte sie. Christus hob die Tatsache, dass sie seine Füße geküsst und gesalbt hatte als Zeichen ihrer Reue und Umkehr hervor. Ihr wurden ihre Sünden vergeben und später wurde sie heilig gesprochen.  Seit Anfang des 12. Jh. wurde sie mit der Maria von Ägypten gleichgesetzt, die sich nach ihrer Bekehrung als Asketin in die Wüste zurückgezogen hatte. Seit dem 13. Jh. verbreitete der Franziskanerorden ihr Bild als vorbildliche Reuerin. Ihre Popularität und Bedeutung bis zum Ende des Mittelalters fand auch ihren Ausdruck in der Unterstützung ihres Kultes durch Päpste wie Leo IX(1049-1054) und GregorIX(1227-1241). In den Ostern- Mysterien- und Passionsspielen war sie bis in das 16. Jh. eine beliebte Figur bei der Darstellung des Leidensweges Christi. In Holzschnitten, die seit dem 15. Jh. zu einem wichtigen Medium bildlicher Darstellung wurden, wurde Maria Magdalena oft in der Tradition mittelalterlicher Altarbilder dargestellt. Die Darstellungen zeigten sie oft in der Wüste, häufig mit so langen Haaren, die ihre Körperlichkeit bedeckten, als ihr zugehöriges Attribut galt der Salbkrug. In der Ikonographie ersetzte sie Aphrodite und die von ihr beschworene körperliche Liebe durch die vergeistigte Liebe zu Christi. Sie wird fast immer als anbetungswürdig dargestellt, doch trotz ihrer Rolle als Büßerin wurde sie in den Bildern ab Ende des 15. Jh. oft mit dem Repertoire ihrer früheren Verführungskünste ausgestattet.  Sie wurde zur Patronin des Parfüms, der Kosmetik, des Schmucks und der Mode und der Friseure. Vielen gläubigen Prostituierten galt sie als Schutzheilige. Seit dem 15. Jh. wurde sie in den Passionsspielen zunehmend in der Gestalt einer städtischen Dirne dargestellt.


Die heimliche Prostitution – Kupplerinnen, Badestuben und Schänken

Die Einstellung der mittelalterlichen Gesellschaft zur Prostitution lässt sich nur sehr schwer verallgemeinernd beschreiben. Sie variierte zeitlich, regional und von Stadt zu Stadt und sogar gegenüber den einzelnen Prostituierten, deren sozialer Status sich über ihren Kundenstamm definierte. Es gab gemeinhin 3 Gruppen von sesshaften Huren: die Frauenhäuslerin, die Straßenprostituierte und die sogenannte freie und heimliche Prostituierte, die ihre Kunden durch Kupplerinnen vermittelt bekamen oder von sich aus einen festen Kundenstamm aufgebaut hatten. Sie hatten individuell die größten Chancen das Milieu, z.b. durch Heirat oder wirtschaftlichen Erfolg in einem anderen Gewerbe zu verlassen, auch wenn sie in der Gefahr lebten aufzufallen oder denunziert zu werden und so als Prostituierte amtlich zu werden. Ganz unten in der sozialen Scala rangierten anscheinend die Prostituierten des Frauenhauses (siehe Irrsiegler Franz, 1984, Bsp. Köln), gefolgt von den Straßenprostituierten.

Für die heimliche Prostitution galten wiederum ähnliche soziale Hierarchien, von der privilegierten Frau eines nicht-öffentlichen Hauses mit gehobenen Kundenstamm bis zur Frau die in der Öffentlichkeit ihrem Gewerbe nachging ohne Abgaben zu zahlen. In fast jeder Stadt gab es, neben den städtischen Einrichtungen auch Privatbordelle, die ortsansässige Frauen vermittelten. Diese waren in der Regel auf äußerste Diskretion bedacht, um den möglichen Rückzug in eine normale Existenz nicht zu gefährden. In Dijon(1485) gab es 18 Privatbordelle von denen 13 von Handwerkerfrauen oder deren Witwen geführt wurden. So erwuchs den Prostituierten in den legalen Frauenhäusern eine ernsthafte Konkurrenz und auch ein Statusverlust, da die freien, heimlichen Prostituierten im Gegensatz zu den öffentlich Bekannten, nicht stigmatisiert waren und so auch von wohlhabenderen Kreisen vorgezogen wurden. Große Handels- und Hafenstädte wurden von vielen Fremden besucht unter denen sich zum Teil  wichtige Handelspartner dieser Städte befanden, die zum Teil den Kundenstamm der freien Prostituierten bildeten. Ein allzu scharfes Vorgehen gegen die nicht konzessionierte Prostitution barg also auch die Gefahr deren Kundschaft zu diskriminieren und führte zu finanziellen Einbußen im Stadtetat, da sich in solchen Städten die Prostitution zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt hatte.

Eine wichtige Rolle für die heimliche Prostitution hatte die Kupplerin inne. Diese mussten sich, ohne Verdacht zu erwecken, frei in der Stadt bewegen können. Ihr Stand, (oft waren diese Frauen verheiratet oder verwitwet) ihr Alter und das Gewerbe dem sie nachgingen, schufen die Voraussetzungen für ihre Vermittlungstätigkeit. Mit Brandweinhändlerinnen, Hausiererinnen und Wirtsfrauen konnten beispielsweise jeder Mann und jede Frau unauffällig Kontakt aufnehmen. Frauen die der heimlichen Prostitution auf der Strasse nachgingen, mussten unauffällige Orte für die Anbahnung ihrer Geschäftskontakte nutzen. So waren Kirchen und ihre Vorhöfe und die Marktplätze als Treffpunkte bei Frauen und Männern beliebt, da dort unauffällig Absprachen für ein Rendezvous getroffen werden konnten. Für Treffen boten sich weniger besiedelte Vorstädte an, die nicht der städtischen Gerichtsbarkeit unterstanden und wo man eher unbeobachtet in Kontakt treten konnte.

Weitere Orte der heimlichen Prostitution konnten Wirtshäuser und Badestuben sein. Wirtshäuser waren zunächst nur den Männergesellschaften vorbehalten und wurden von fahrenden Dirnen frequentiert. Öffentlichen Prostituierten war im 15. Jh. der Besuch von Gasthäusern verboten und teilweise waren Wirtshausmägde über die Kleiderordnung zu einer entsprechenden Kennzeichnung verpflichtet. In der Regel waren Schänken aber Orte, die auch von Prostituierten zur Anbahnung von Geschäftskontakten genutzt wurden. Frauen die im Wirtshaus oder im Badehaus arbeiteten, wurden im Wertesystem der Städter oft mit „offenen Dirnen“ gleichgesetzt. Neben den Schänken gaben auch die städtischen Badestuben Gelegenheit zur Prostitution, denn oft waren die Bademägde, die männlichen Gästen Güsse und Massagen verabreichten und das Ruhebett vorbereiteten auch zu weiterführenden Diensten bereit, wenn nicht sogar verpflichtet. So wiesen Bordell- und Badeordnung zum Teil interessante Übereinstimmungen auf: den Badern wurde zur Auflage gemacht keine geschlechtskranken Mädchen zu beschäftigen und eine englische Badeordnung verbot Nonnen und verheirateten Frauen den Eintritt, auch sollte kein Mann in das Badehaus hineingezogen oder gelockt werden. In einigen Städten waren die Badestuben auch als Frauenhäuser ausgewiesen. Frauenwirten, denen es nicht gelungen war ein Haus zu pachten, arbeiteten häufig als Bader oder Bartscherer – ein Indiz für die enge Verbindung zwischen Badestuben und Prostitution im Mittelalter. In der zweiten Hälfte des 15 Jh. nahm die Zahl der öffentlichen Bäder rapide ab. Mit den Bemühungen die städtische Prostitution in den Frauenhäusern zu konzentrieren, wurde die Prostitution in den Badestuben zunehmend untersagt. Die Verteuerung der Eintrittspreise durch gestiegene Holzpreise und die Angst vor der sich ausbreitenden Syphilis verstärkten diese Tendenz.


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