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Das Frauenhauswesen

Im Mittelalter war die systematische Organisation und Förderung der Frauenhäuser mit dem Ausbau des Städtewesens parallel gegangen. Die Anfänge der Bordellprostitution gehen in Frankreich und Italien auf das 12. Jh. zurück, wo sich bereits zu dieser Zeit in urbanen Zentren wie Paris, Rom, Venedig und Florenz eine Stadtkultur entwickeln konnte, während in England und Deutschland dieser Prozess erst im 13/14. Jh. einsetzte. Im Spätmittelalter gab es dann in fast jeder Stadt ein Frauenhaus. Die topographische Lage war unterschiedlich, entweder lagen sie zentral in unmittelbarer Nähe des Marktes, wie es im 15. Jh. auf die französischen Städte zutraf, oder sie lagen an der Stadtmauer in direkter Nachbarschaft zu den Quartieren anderer stigmatisierter Randgruppen. Die Eigentumsverhältnisse, wie auch die Formen der Verwaltung waren, je nach Region, unterschiedlich geregelt. Oft war die Stadt, bzw. der Rat der Stadt, der Eigentümer, noch häufiger blieben die Häuser im Privatbesitz und wurden vom Rat nur verwaltet. Die Vermieter gehörten in der Regel den einflussreichen Familien der Stadt an und nicht selten bestanden lehnsrechtliche Ansprüche seitens weltlicher oder kirchlicher Personen. Diese Häuser warfen einen nicht unbeträchtlichen Gewinn ab, der, je nach Besitzverhältnissen, auch zur Finanzierung von Teilen des städtischen oder klösterlichen Gemeinwesens verwendet wurde. Bei der Kontrolle dieses städtischen Gewerbes wurde unterschieden zwischen der Oberaufsicht aller Häuser und der Verwaltung der einzelnen Häuser. In Leipzig zum Beispiel, führte der Scharfrichter die Oberaufsicht während die Bewirtschaftung der einzelnen Häuser an Frauen delegiert wurde, die auch Prostituierte waren. Die Kontrolle durch Angehörige der „unehrlichen“ Berufe, am häufigsten durch den Scharfrichter, kann als Beweis der Randständigkeit und Stigmatisierung der legalen städtischen Prostitution gesehen werden.

Seit dem Ende des 14 Jh. erwarben deutsche Städte zunehmend bereits bestehende Bordelle oder richteten städtische Frauenhäuser ein, die an Frauenwirte oder Wirtinnen verpachtet wurden. Die meisten Frauen zogen allerdings ein nicht-kontrolliertes Umfeld vor, entweder in der Gemeinschaft Gleichgesinnter oder als Untermieterinnen in Buden und Kellern der Stadt. Dort waren sie in eine Hausgemeinschaft oder eine Nachbarschaft eingebunden, hatten keine Zwangabgaben zu leisten und waren nicht in diesem Maße stigmatisiert, so dass die Heiratsaussichten – Heirat war eine der wenigen Möglichkeiten der Dirnen auszusteigen und zu einem moralisch akzeptierten Stand aufzusteigen – für sie in diesem sozialen Umfeld weitaus besser waren als in einem Frauenhaus. Die Errichtung der Frauenhäuser wurde neben dem pragmatischen Ansatz der Kontrolle der städtischen Prostitution, mit der christlichen Verpflichtung der Sorge für die Armen begründet, war aber dort, wo auf eine repräsentative Ausstattung des Hauses Wert gelegt wurde, verbunden mit dem kulturellen Ideal adelig-höfischer Geselligkeit, wo außereheliche Gefährtinnen ein Zeichen von Prestige und Reichtum darstellten. So sorgten im Spätmittelalter  Stadträte teilweise dafür, dass Adeligen die zu Besuch kamen, Prostituierte zur Verfügung standen. Die Existenz eines Frauenhauses wurde als eine allgemeine Institution des städtischen Lebens betrachtet, weswegen auch kleine Städte Frauenhäuser einrichteten, auch wenn diese bezuschusst werden mussten.

Die mittelalterliche Prostitution war in der Gesellschaft integriert, trotzdem geächtet, aber sie wurde nicht verleugnet, sie galt als akzeptiertes Moment des Alltagslebens in der Stadt. Man versuchte die Auswüchse, ähnlich wie beim Bettlerwesen, zu steuern, indem man kontrollierte und im Rahmen dieser Kontrollen ein bestimmtes Maß an Vergünstigungen und Privilegien gewährte. Damit bekam die Prostitution einen öffentlichen, fast legalen Charakter. Der Katalog der obrigkeitlichen Maßnahmen reichte von der Konzentration der Prostituierten auf bestimmte Straßen, oft am Rande der Stadt oder vor dem Stadttor, die Besteuerung dieses Gewerbes, die Gesundheitskontrolle, die Unterstellung unter eine gesonderte Gerichtsbarkeit, Kennzeichnung durch eine strenge Kleiderordnung, bis hin zur Einrichtung oder Förderung von kirchlichen Anstalten zur Aufnahme bekehrter Prostituierten. Neben einigen positiven Auswirkungen, wie der Schutz des Lebens- und Arbeitsbereiches, bzw. die Abwehr auswärtiger oder heimlicher Konkurrenz, hatten diese Maßnahmen  einen diskriminierenden Charakter.

Frauenwirte wurden in der Regel nur über kurzfristige Verträge gebunden um zu verhindern dass sie zu anderen städtischen Bediensteten und Einwohnern einen sozialen Rückhalt aufbauten. Die sich daraus ergebene Mobilität sollte eine Trennung zur sesshaften Bevölkerung herstellen und wurde den Wirten Ende des 15. Jh. oft institutionell aufgezwungen. Eine Mischung aus obrigkeitlich eingesetzter Hausherrschaft und Schuldknechtschaft charakterisierte die Beziehung zwischen Wirten und ihren Dirnen. Die Frauenwirte hatten das Recht ein Drittel der Einkünfte der Frauen einzuziehen. Da die Wirte auf die Einnahmen der Prostituierten angewiesen waren, banden sie die Frauen über Verschuldung an ihr Haus. Ein Prinzip, das auch in Handwerkerhaushalten mit lohnarbeitenden Gesellen praktiziert wurde.

Wie gewinnbringend die Position als Frauenwirt war, hing von den Möglichkeiten ab, die der Stadtrat ihm einräumte. Wichtige Kriterien waren, ob das Frauenhaus seitens der Stadt zu Repräsentationszwecken für zeitweiligen „hohen Besuch“ eingerichtet war und die Regelung des Schankrechtes, da der Ausschank eine wichtige Einkommensquelle der Wirte darstellte. Ein zentrales Kriterium war natürlich die Größe der Stadt und die Konkurrenzsituation innerhalb dieser. So tauchten die Berichte über reiche Frauenwirte überwiegend ab dem Ende des 15. Jh. auf, da zu dieser Zeit die Prostitution in den Städten weitgehend auf die Institution des Frauenhauses konzentriert war. (Biberach(1447), Nürnberg(1497), Regensburg(1532), Augsburg (1533) und Freiburg(1500)) Die Wirte in deutschen Mittelstädten hatten durch ihren direkteren Kontakt zum Stadtrat öfters die Möglichkeit aus dem Prostitutionsgeschäft ein gewinnbringendes Unternehmen zu gestalten und bekamen teilweise die Chance des sozialen Aufstiegs zu den städtischen  Mittel- und Oberschichten. In größeren Städten wie Hamburg, Köln oder Frankfurt konnte der Frauenwirt aufgrund der umfangreichen Hierarchie der Aufsichtspersonen über die Prostitution nicht zu einem derartigen sozialen Aufstieg gelangen und in Kleinstädten waren die Einkünfte zu gering, als das sie eine soziale Anerkennung nach sich gezogen hätten.

Der Frauenwirt hatte das vom Stadtrat entworfene Hausrecht durchzusetzen. Ein großer Teil der Vorschriften die der Stadtrat in Bezug auf die Frauenhäuser erließ, waren deckungsgleich mit den Wirtshausordnungen, die bereits Ende des 13. Jh. erlassen worden waren. Die städtischen Bordelle unterlagen denen in der Stadt üblichen Öffnungszeiten für Schenken. Sie mussten zwischen 20-22 Uhr mit dem Beginn der allgemeinen Nachtruhe schließen. Wer danach noch im Haus angetroffen wurde hatte mit Strafen zu rechnen, sofern er nicht bei einer der Frauen übernachtete. Der Frauenwirt war angewiesen Fluchen, Zutrinken und Glücksspiel zu unterbinden und die Einhaltung der Fastenzeit zu gewährleisten. Ehemännern und Klerikern  war der Besuch eines Frauenhauses verboten, dies war allein den unverheirateten Männern erlaubt. Hierzu gehörten die im Zwangszölibat lebenden Gesellen, Knechte und Studenten und zukünftige Heiratskandidaten, die aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen eine lange Junggesellenzeit hinter sich bringen mussten.

Allerdings wurde Ehebruch als Verstoß nicht systematisch verfolgt und tauchte als Vergehen in der Regel nur im Zusammenhang mit anderen Verstößen in den Amtschreiben auf. Ähnlich wurde das Verbot des Frauenhausbesuches von Geistlichen gehandhabt. Erst mit dem Ende des 15. Jh. wurde dem Verstoß des Ehebruchs verstärkt nachgegangen. So wurde in Köln der Ehebruch mit der Ehrenstrafe, dem öffentlichen Tragen von „Kerze und Stein“ bestraft, manchmal auch mit einer Geldbuße. Auch Auswärtige waren von diesem Reglement nicht ausgenommen, sofern ihr Familienstand in Köln bekannt war oder man sie denunzierte. Desöfteren nahmen die dortigen Prostituierten die Rolle des Sittenwächters ein, denn wenn es ihnen gelang einen Ehemann oder auch Geistlichen öffentlich der „Unzucht“ (mit ihnen) zu beschuldigen, hatten sie das Recht seine im Moment verfügbare Habe in Besitz zu nehmen. Das Verbot des Frauenhausbesuches durch „Ungläubige“(Juden, Türken, Mauren) wurde demgegenüber bereits seit dem Beginn der Institutionalisierung der Prostitution verschärft durchgesetzt. Seit dem Hochmittelalter waren ihnen im ganzen europäischen Einflussbereich sexuelle Kontakte zu Christen verboten.

Zum Ende des 15. Jh. wurde mit speziellen städtischen Frauenhausordnungen Versuche unternommen die ausufernde Praxis der Schuldknechtschaft zu beschränken und die Macht der Frauenwirte zu begrenzen. Seit der 2. Hälfte des 15. Jh. mussten die Frauenwirte ihre Häuser städtischen Kontrolleuren zugänglich machen. Diese Frauenhausordnungen verboten den Frauenwirten unbescholtene Frauen und solchen, die gegen ihren Willen in sein Haus verkauft oder verpfändet worden waren, weiterhin im Bordell zu halten. Die Auslösesumme mit der die Frau aus dem Arbeitsverhältnis freigekauft werden konnte, wurde  in der Regel auf die Höhe eines Guldens festgesetzt. So sollte der Frauenwirt für seine Ausgaben entschädigt und andererseits die Verschuldung der Frauen begrenzt werden. Viele Frauenhausordnungen legten die Preise und Leistungen des Wirtes im Detail fest. Von dem erwirtschaften Geld erhielt er pauschal ein Drittel. Neben dieser Gewinnbeteiligung zahlte die Frau einen festen Betrag für die Übernachtung, Verköstigung, Beleuchtung und Ausstattung. In manchen dieser Verordnungen wurden die Dirnen zum Spinnen verpflichtet. Vor allem in kleineren Städten, stellte dieses Zusatzeinkommen eine Möglichkeit dar Zeiten zu überbrücken wenn Gäste ausblieben.

In Köln, beispielsweise, musste jede Prostituierte pro Woche sechs Pfennige an den mit der Oberaufsicht beauftragten Scharfrichter zahlen. Kam eine Frau neu in die Stadt, war zuerst die Einstandsabgabe von 4 Schillingen (1 Schilling = 9 Pfennige) fällig und darauffolgend der normale Wochensatz. Die Straßenprostituierten auf dem Markt und vor dem Stadttor mussten den dritten Teil ihrer Einnahmen abgeben. Der Lohn einer Straßendirne lag zwischen einem und sechs Pfennigen für einen schnellen Akt. Für eine Nacht verlangten die Landsknecht- oder Straßenhuren 4-8 Albertus (1 Albertus = 24 Pfennige) bis hin zu der gehobenen Preisklasse der freien Prostituierten die zwischen 1-2 Goldgulden, bis hin zu mehreren Kronen von ihren wohlhabenden Kunden für eine ganze Nacht und besondere Leistungen erhielten. Um brutto den Tageslohn z.b. einer Wasch- und Putzfrau oder einer landwirtschaftliche Arbeiterin zu erreichen, die um 1600  ca. zwischen fünf bis acht Albertus verdiente, musste eine Straßenprostituierte im ungünstigen Fall mehr als zwei Kontakte haben. Bei den besser bezahlten Frauen reichte aber ein Kunde pro Nacht durchaus aus, um diese niedrigen Löhne zu übertreffen.

Die institutionelle Prostitution im Frauenhaus hatte ihren festen Platz in den Sittlichkeitsvorstellungen dieser Zeit. Es war eine weit verbreitete Ansicht, das die Frauenhäuser – als eine Möglichkeit des Auslebens männlicher Sexualität- Verführungen und Vergewaltigungen von ehrbaren Frauen verhinderten. Die städtische Prostitution war außerdem bis zu einem gewissen Grad Bestandteil der Festkultur. Dazu gehörte der Genuss von Alkohol, gutes Essen in einer ansprechenden Umgebung und die Anwesenheit von Frauen, Musik, Tanz und Sexualität. Der Umgang mit Huren war mit der Idee von Festlichkeit verbunden, aber auch auf die Phase des Junggesellentums fixiert. Der Kontakt mit ihnen war Bestandteil des Gesellen- und Studentenlebens, wie auch der Bürgersöhne. Der Besuch der Bordelle war oft ein Gruppenvergnügen, jugendliche Cliquen die auf Verwandtschaft oder auf die Zugehörigkeit zu einem Handwerk beruhten. In manchen Regionen verlangten die Prostituierten eine symbolische Auslösesumme von der Braut, den „Brutschilling“, weil diese nun ihre Stelle im Leben des Mannes einnahm. Der Abschied von der Welt der Junggesellen bedeutete einen Abschied von der Welt der Huren. Mit der Inszenierung eines solchen Lösebrauches betonten die Frauen ihre Rolle im Leben der unverheirateten Männer. In Wien war es Brauch, dass am Vorabend des Johannisfestes die Handwerksgesellen mit blumenbekränzten Prostituierten tanzten, wie sie auch öfters an offiziellen Empfängen höherer Gäste teilnahmen. In Frankfurt überbrachten die Bewohnerinnen des Frauenhauses Blumensträuße zum jährlichen Hirschessen des Rates und wurden dafür bewirtet. Ähnliches ist auch aus Zürich und Würzburg belegt. Im Württembergischen war es Brauch, dass Prostituierte auf Hochzeiten Blumensträuße überreichten und dem Brautpaar Glück wünschten. Seit der Mitte des 15. Jh. beginnt sich ein Paradigmenwechsel abzuzeichnen. Ein deutliches Indiz ist die Abschaffung der Bräuche bei denen Prostituierte bis dahin als Träger bürgerlicher Wertschätzung fungierten. Das Auftreten von Huren auf Hochzeiten, die Zusendung von Geschenken (wenn die Anwesenheit der Frauen seitens der Hochzeitgesellschaft nicht gewünscht war) und ihre Teilnahme an Festen der männlichen Jugend, wie der Johannistag, wurde zunehmend verboten.

Die zunehmende Diskriminierung der Prostitution und die Schließung der Frauenhäuser

Die Zünfte, die im städtischen Leben immer mehr an politischen und wirtschaftlichen Einfluss gewannen, definierten sich über das Privileg der Sesshaftigkeit, das in dem gemeinsamen Leben innerhalb eines Familienverbandes unter der Autorität des Handwerksmeisters und Familienvaters  ihren Ausdruck fand. Das Leben in einem Familienverband war eine der Grundvoraussetzungen um einen „ehrbaren Lebenswandel“ zugesprochen zu bekommen und gab auch mittellosen Zunftmitgliedern die Möglichkeit einer positiven Identifikation und der Abgrenzung zu den städtischen und fahrenden Unterschichten, die durch ihre wirtschaftliche und soziale Situation zu Mobilität und oft zu unsicheren Lebensgemeinschaften gezwungen waren. Da die Aufnahme in die Zunft seit dem 14. Jh. an formale und finanzielle Kriterien gebunden war, konnten zwischen dem Abschluss einer Handwerkslehre und dem Antritt einer Meisterstelle bis zu 10 Jahre vergehen. Der so entstehende Gesellenstatus und die Entwicklung dementsprechender eigenständiger Verbände, die sich in ihrer Mobilität der Kultur der Fahrenden annähern konnten, führten zu weiteren Zunftverordnungen, die auf einen Abstand der Gesellen zu den mobilen Unterschichten abzielten. Heiraten und Lebensgemeinschaften mit Frauen wurden den Gesellen oft untersagt, bis sie selbst den Meisterstatus erwerben und einen „ehrbaren“ Haushalt gründen konnten. Jungen Frauen aus der städtischen Unterschicht wurde auf diese Weise der soziale Aufstieg über eine Heirat ins Zunftbürgertum unmöglich gemacht. Der geforderte Verzicht auf voreheliche Bindungen bedeutete allerdings kein Verbot des Kontaktes zu Prostituierten, nur langandauernde Beziehungen waren untersagt. Die Bekenntnis zur Zunftmoral war eine unabdingbare Vorraussetzung für die Gesellen um später einen Platz in der „ehrbaren“ Gesellschaft zu erhalten. Mit der 2. Hälfte des 15. Jh. wurden seitens der Zünfte jede Geselligkeit zwischen Prostituierten und Gesellen, wie Tanzen und gemeinsames Trinken, untersagt. Der Kontakt mit Dirnen war nur noch in der Form einer von jeder Geselligkeit losgelösten, kurzfristigen sexuellen Beziehung erlaubt und das Leben der jungen Handwerker wurde zunehmend von der Autorität der Zünfte unterstelltem „Männerbund“ der Gesellenvereinigung bestimmt. In Folge löste die Gesellenherberge das Frauenhaus als Ort des Feierabendvergnügens ab.

Auf die Syphilis, die sich nach der Rückkehr der Söldner aus dem italienischen Kriegszug Maximilians 1495/6 in Deutschland verbreitete, reagierten die städtischen Obrigkeiten ähnlich wie bei den anderen schweren Infektionskrankheiten wie die Pest und die Lepra. Es wurde versucht die Erkrankten in speziell eingerichteten Häusern und Spitälern zu isolieren und zu behandeln und man hielt sie von der Gemeinschaft fern indem man ihnen z.b. den Besuch von Badestuben verbot oder sie unter Hausarrest stellte. Im Spätmittelalter wurden Quecksilberkuren gegen die Syphilis angewendet. Quecksilbersalben und Pillen wurden schon früher gegen Hautkrankheiten eingesetzt und da die Syphilis sich auch durch starken Hautausschlag bemerkbar machte, hielt man dies für das geeignete Mittel. Wahrscheinlich sind nicht wenige dieser Patienten an einer Quecksilbervergiftung und nicht an der Syphilis gestorben. Badestuben und Frauenhäuser wurden im Rahmen obrigkeitlicher Maßnahmen, vor allem wenn sie als Infektionsorte bekannt waren, zwar auch geschlossen, aber ansonsten begriff man die Institution des Frauenhauses als eine Möglichkeit die Ausbreitung der Krankheit durch die Prostitution eindämmen zu können, da man dort die Möglichkeit des kontrollierenden Eingriffes hatte. Erst nachdem die Syphilis in einem moralischen Kontext, als „Strafe Gottes gegen die herrschende Unmoral“ gestellt und somit im Rahmen der damaligen Diskussion um eine neue Sittlichkeit instrumentalisiert wurde, begann der Niedergang der Frauenhäuser und die massive Stigmatisierung aller Prostituierten, der im Zuge der Reformation und Gegenreformation vollendet wurde.

Im Gegensatz zu dem ursprünglichen christlichen Denken, das die göttlichen Gebote und weltliches Leben, Ideal und Realität bisher pragmatisch in einer nicht überbrückbaren Distanz gesehen hatte und die Etablierung einer idealen Ordnung auf den Tag des jüngsten Gerichts, mit der Wiederkunft Gottes aufschob – eine Einstellung die mit der Tradition christlicher Toleranz gegenüber SünderInnen einherging – vertraten spiritualistische Prediger der Reformation die Überzeugung der Traum einer Neuordnung der Gesellschaft könne Realität auf Erden werden.

Zum Auslöser der Reformation wurde Luthers Protest gegen den Ablasshandel, den er 1517 in 95 Thesen verbreitete, die durch den um 1450 erfundenen Buchdruck schnell Verbreitung fanden. Luther unterzog die Traditionen der Kirche einer strengen Überprüfung und berief sich dabei auf den Text der Bibel. Traditionen, die nach seiner Meinung der Schrift zuwider liefen, wurden abgeschafft. Martin Luther opponierte gegen das Prinzip, dass die göttliche Gnade mit irdischen Gütern erkauft werden konnte. Die reformatorischen Bestrebungen kamen in einer Zeit sozialer Umbrüche zum Tragen und erwiesen  sich u. a. deshalb als erfolgreich, weil sie das landesherrliche Kirchenregiment förderten und so den Unabhängigkeitsbestrebungen der Reichsfürsten von der kaiserlicher Herrschaft nützlich waren, sowie dem erstarkenden Handels- und Zunftbürgertum der Städte entgegenkamen. Spiritualistische, radikale Reformatoren wie Thomas Müntzer oder Jakob Hutter sahen ihre Aufgabe darin, dem in ihren Augen real hereinbrechenden „Reich Gottes“ der sozialen Gerechtigkeit zum Recht zu verhelfen und kehrten die sozialen und politischen Verhältnisse teilweise revolutionär um.

Dies war ein wichtiger Faktor bei der Ausweitung lokaler Bauernaufstände ab 1524 in weiten Teilen Süddeutschlands und der Schweiz bei denen die Bauern erstmals fest umrissene Forderungen formulierten. Die Argumentation Luthers in seiner 1520 erschienen Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen, sowie seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche(1522) machte es den einfachen Leuten möglich, die mit dem „Willen Gottes“ gerechtfertigten Ansprüche von Adel und Klerus zu hinterfragen und waren ein entscheidender Auslöser für das Aufbegehren der ländlichen Bevölkerung, die die Hauptlast der überkommenen Strukturen der Feudalgesellschaft trug. Obwohl die Standpunkte der Reformation eine wesentliche Rechtfertigung für die aufständischen Bauern waren, distanzierte sich Martin Luther deutlich vom Bauernkrieg  und rief schließlich zur gewaltsamen Beendigung der Unruhen auf. Ab diesem Zeitpunkt verlor der Protestantismus seinen revolutionären Geist und festigte die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Thomas Müntzer wurde 1525 gefangen genommen und hingerichtet, die letzten Aufstände 1526 niedergeschlagen. Schätzungen zufolge haben allein durch die Bekämpfung der Aufstände etwa 100.000 Bauern ihr Leben verloren. Die überlebenden Aufständischen fielen automatisch in Reichsacht und verloren damit alle ihre staatsbürgerlichen, privaten und Lehens-Rechte.

Die menschliche Natur konnte nach Luther als Teil der göttlichen Schöpfung nicht von Sündhaftigkeit geprägt sein. Die Geschlechtlichkeit des Menschen, die vorher als ein Zeichen der Sündhaftigkeit interpretiert wurde, wurde demnach ihren festen Platz in der keuschen Ehe zugewiesen. Während die katholische Kirche allein das Leben im Zölibat als sündenfrei betrachtete, erklärte Luther die Ehe sei die einzige legitime Lebensform, während das zölibatäre Leben nur wenigen Heilige vorbehalten sei – sie für die Mehrheit der Menschen aber gar keinen anderen Weg als die Sünde gelassen habe. Die reformatorischen Vorstellungen einer sittlichen Neuordnung sahen in dem sesshaften Familienverband die moralische und ökonomische Keimzelle, eine Vorstellung die dem Ideal der Zünfte nahekam. Dies war bei der Durchsetzung der Reformation in den Städten, in denen die Zünfte inzwischen zu einem wichtigen wirtschaftlichen und politischen Faktor geworden waren, ein entscheidender Punkt und barg in sich den nötigen Stoff für Polemiken gegen den katholischen Klerus, dem vorgeworfen wurde, er habe die Unsittlichkeit gefördert. In vielen reformatorischen Flugschriften wurden Mönche und Priester als obligatorische Hurer und Ehebrecher dargestellt. Die Katholiken beriefen sich ihrerseits genauso auf eine höhere Sittlichkeit und setzten den Vorwurf der Unsittlichkeit ein, um das von den reformatorischen Predigern propagierte geschlechtliche und doch sündfreie Leben unglaubwürdig erscheinen zu lassen.

Ab den 1530ern verwandelte sich die Diskussion um die Notwendigkeit von Frauenhäusern zunehmend zu einer konfessionellen Frage. Die Gegner der Abschaffung der Frauenhäuser waren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, in der Position gemeinsam, das an der Trennung von Ideal und Realität, vom weltlichen und göttlichen Regiment, festzuhalten sei. In Frankfurt verteidigte 1537 ein katholischer Prediger die städtischen Bordelle und ein Straßburger Ratsherr ist mit seiner prägnanten Äußerung „man solle doch die welt noch ein bisschen welt sein lassen“ überliefert. Mit der Verlagerung des Sittlichkeitsideals vom Zölibat zur Ehe konnte die Prostitution nicht länger als Hilfsmittel zur Ordnung und Kanalisierung der Sexualität verstanden werden.

Seit dem 16. Jh. begannen die Städte zunehmend rechtliche Schranken zwischen Frauenwirt und der ehrbaren Gesellschaft zu legen. So wurde ihm im Freiburger Stadtrecht (1520) das Zeugnisrecht abgesprochen. Auch das Bürgerrecht, dessen Erwerb allen Einwohnern zustand, wurde ihm zunehmend verwehrt. Mit der zunehmenden Stigmatisierung der Prostituierten entwickelten sich die Frauenhäuser von einer Institution städtischen Lebens mancherorts zu einem Refugium für Außenseiter, das man lieber geschlossen sah. An anderen Orten wurde eine Schließung der Häuser verfügt um Unruhen vorzubeugen, oft wurde diese Entscheidung als eine Bekenntnis zur reformatorischen Lehre verstanden. In der zweiten Hälfte des 16. Jh. hielten nur noch katholische Städte an der Einrichtung des Frauenhauses fest. Nach dem Konzil von Trient schwenkte die katholische Kirche in diesem Punkt ein und proklamierte ihrerseits ein reglementierendes Sittlichkeitsverständnis. 1566 wurden in Rom die Frauenhäuser geschlossen, in Würzburg 1569, andere katholische Städte wie Koblenz und Köln folgten.

Im Rahmen dieser Entwicklung wurden die kirchlichen Ehegerichte unter die Aufsicht der Stadträte gestellt und die Kompetenz der geistlichen Gerichte mit der Sittenzucht der Räte vereinigt und den Ehegerichten übertragen. Diese neuen Institutionen verstanden sich in ihrer Anfangszeit als verlängerter Arm der evangelischen Prediger und gingen mit Schärfe gegen alle Sittlichkeitsvergehen vor, deren Verurteilungen in Folge erheblich anstiegen. Kuppelei und Beherbergungsverbote für Dirnen wurden in diesem gesellschaftlichen Klima, aber unabhängig von der Konfession, in allen Städten erneuert. Ebenso schritten katholische Städte verstärkt gegen Sittlichkeitsvergehen, wie Ehebruch oder vorehelichen Geschlechtsverkehr ein. Dies ging einher mit einer zunehmenden Sanktionierung alleinstehender Frauen im Stadtleben und der Ausgrenzung vieler Fahrenden. Mit der zunehmenden Stigmatisierung und Ausgrenzung der Huren verschärften sich die Strafmaßnahmen gegen sie. Öffentliche Schmährituale des 15. Jh., von denen nur in seltenen Fällen  Gebrauch gemacht worden war, wurden zur alltäglichen Strafpraxis. Die verbreitete „Hurenstrafe“ war das Prügeln mit Ruten, das häufig mit einer Prozession zu den Stadttoren, mit lautstarkem Paukentrommeln verbunden war. Ein weiteres Strafritual war das öffentliche Ausstellen am Pranger, oft in Kombination mit dem Tragen von Schandsteinen. Oft wurden den Frauen die Haare abgeschnitten und ab der 2. Hälfte des 16. Jh. nahm die Zahl der Brandmarkungen als lebenslange Kennzeichnung, die den Frauen den Zutritt zu jeder Stadt unmöglich machte, deutlich zu.

1532 wurde am Reichstag zu Regensburg die „Constitutio Criminalis Carolina“ mit der „Peinlichen Gerichtsordnung“ des Heiligen Römischen Reiches beschlossen, bei der die Einflüsse des christlichen Sexualrechts deutlich sichtbar wurden. Nach dem Sexualstrafrecht der Carolina bedrohten Sexualdelikte vor allem den christlichen Ehebund, die Fortpflanzung und die männliche Autorität und Ehre in dieser „natürlichen sexuellen Ordnung“. Die in der Carolina genannten Delikte wurden häufig bis zu den strafrechtlichen Codics des 18. Jh. übernommen, dazu gehörten: „Unkeuschheit wider der Natur“, Blutschande, Abtreibung, Notzucht, Ehebruch, Vielweiberei, gewaltsame Entführung, Kuppelei und Formen der Zuhälterei im Familienverbund. Die Strafen, die die Carolina vorsah waren außerordentlich streng, so wurde Ehebruch als Kapitalverbrechen gehandelt und sollte mit dem Tode bestraft werden, obwohl in der Praxis dieses Strafmaß selten verhängt wurde. Erst im späten 18. und frühen 19. Jh. wurden die unverhältnismäßig hohen Kapital- und Todesstrafen abgeschafft. Diese nach und nach sich abzeichnende Reform des Sexualstrafrechtes wurde möglich durch eine Abkoppelung der juristischen Normen vom kirchlichen Kanon – anstelle der theokratischen Legitimation trat dann die gesellschaftliche Begründung der Sexualmoral.

Nach dem Ausbruch der Syphilis in Europa und dem Vordringen der reformatorischen Theologie folgte eine Phase der allgemeinen Unterdrückung der Prostitution mit verschärften Strafmaßnahmen und der zunehmenden Praxis der Einweisung in Zucht- und Arbeitshäuser. Obwohl man sicherlich von einer beträchtlichen Differenz zwischen dem Recht und der soziosexuellen Praxis ausgehen kann, so dass die Prostitution in einem Verhältnis von inoffizieller Duldung  bis zum heimlichen Gewerbe weiterhin fester Bestandteil der wachsenden städtischen Kommunen war. Im 19. Jahrhundert verschwand die alte agrarisch-feudalen Ordnung im Zuge von Aufklärung und Industrialisierung und die Prostitution entwickelte sich in den Großstädten zu einen Massenphänomen.


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