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Spotlights Prostitution

Spotlight Budapest/Ungarn

Ungarn, genauer Budapest, hat sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem Zentrum, bzw. Umschlagplatz der europäischen Sexindustrie entwickelt.  Bis 1950 bestand in Ungarn ein System staatlich kontrollierter Bordelle, dann wurde die Prostitution generell verboten und alle Bordelle geschlossen. Aber bereits ab 1955 wurde die Prostitution wieder weitgehend geduldet, wenn sie auch bis 1993 ein Tatbestand des Strafrechtes war. Ungarns (ca.10,5 Mill. Einwohner) Umwandlung von einer Volksrepublik in eine demokratische Republik erfolgte 1989. Das Parlament verabschiedete die heute noch und gültige Verfassung und 1990 fanden die ersten freien Wahlen statt. 100 -120 pornographische Filme werden jährlich in Ungarn produziert, in erster Linie für den westeuropäischen Markt. Dies wird seitens der Legislative mittels einer liberalen Auslegung der bestehenden Gesetze toleriert, da es für die heimische Filmindustrie eine notwendige Finanzspritze darstellt. Geldgeber und Produzenten sind hauptsächlich ausländische Interessengruppen, die in der lokalen ungarischen Sexindustrie eine Ressource an Darstellern und günstigen Produktionsbedingungen sehen. In den 90ern bildeten sich zunehmend Strukturen organisierter Kriminalität heraus und 1996/7 kam es in Budapest zu Verteilungskämpfen zwischen der ukrainischen und ungarischen Mafia. Die Ukrainer sollen die Prostitution in Bars, Diskotheken und Hotels kontrollieren, während den ungarischen Zuhältern die Kontrolle der Straßenprostitution obliegt. Seit der Internationalisierung der Sexindustrie in Ungarn und der Beteiligung von Gruppen der organisierten Kriminalität hat sich Budapest zu dem Umschlagplatz menschlicher Ware entwickelt – Frauen und Kinder, die über den Transit Budapest – Vienna, in Länder wie Österreich, Belgien, Holland und Deutschland gebracht werden.

Seit 1999 ist Ungarn Mitglied der Nato und seit 2004 EU-Vollmitglied. Im Rahmen eines gegen die Mafia gerichteten Gesetzespakets wollte das Parlament u.a. die Rechtmäßigkeit der sexuellen Dienstleistungen 1999 regeln. Die endgültige Lösung überließ es den örtlichen Verwaltungen, die bis zum 1. März 2001 Duldungszonen, in denen Prostituierte ihrer Tätigkeit legal nachgehen können, errichten sollten. Das Gesetz sah einen Abstand dieser Zonen von diplomatischen Einrichtungen, Kirchen, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen vor. Die Anordnungen wurden aber weitgehend nicht umgesetzt, bis dann 2004 der Oberste Gerichtshof den Beschluss revidierte. Neben Ungarns Hauptstadt Budapest, wo ca. 80% der  Prostituierten (die Gesamtzahl der Prostituierten in Ungarn wird auf 15. 000 – 30.000 geschätzt(2007)) auf der Straße arbeiten sollen (2002), ist das Reisegebiet um den Balaton, den Plattensee, mit dem Ort Siófok, ein Zentrum des Prostitutionsgewerbes und wird vor allem von Männern aus den westlichen Nachbarländern frequentiert. Außerdem ist die Straßenprostitution entlang der Fernstrassen auf den zahlreichen Rastplätzen weit verbreitet. Die juristische, gesundheitliche und Arbeitssituation der Prostituierten in Ungarn, von denen viele aus den Nachbarländern Ukraine und Rumänien kommen, ist im Vergleich zu westeuropäischen Ländern weitgehend desolat. Die Korruption ist im Polizeiapparat weit verbreitet und wenn die Frauen von der Polizei aufgegriffen werden, müssen sie mit Geld- und Haftstrafen rechnen, oder „Gefälligkeiten“ leisten. Nur wenige der Prostituierten haben ein gültiges Gesundheitszeugnis. Die Kosten der vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchung, die die Frauen zu tragen haben, liegen bei monatlich 35.000 Forint, etwa 145 Euro. Der Tarif für eine einfache Dienstleistung liegt bei ca.4000 Forint, knapp 16 Euro.

Financial Time of London  28.1.1997

Newsletter 2 tampep 7 (PDF)  http://www.tampep.com/documents.asp?section=news

Spotlight –  Nevada/ USA

Nach Einschätzung des US-Kriminologen Gary W. Potter (2002) kann man für die USA mindestens von einer Anzahl von 500.000 Vollzeit-Prostituierten ausgehen, die laut Statistik, jährlich insgesamt 750 millionenmal eine sexuelle Dienstleistung, die durchschnittlich 20$ kostet, erbringen, was einem Gesamtumsatz von ca. 15 Milliarden jährlich entsprechen würde, der fast vollständig – bis auf wenige Ausnahmen in Nevada – illegal erwirtschaftet wird. Nach dieser Untersuchung von G.W. Potter arbeiten 20% der Prostituierten auf der Strasse, 15% als Callgirls oder im Escort-Service und ein Großteil in festen Etablissements: 25% in Massagesalons, 15% in Bordellen, 15% in Bars und 10% in Hotels. Die Preise reichen von 10-20 Dollar für einen Lap-Dance, bis zu mehreren hundert Dollars für einen Escort-Service.

Der moderne Menschenhandel ist auch in den USA ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Es wird geschätzt, dass er inzwischen einen Umfang von 7 Milliarden $ erreicht hat. Viele Frauen aus unterentwickelten Ländern, vor allem aus Südamerika, China und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion werden mit Hilfe von Versprechungen von Arbeitsangeboten als Hausangestellte, Hostessen oder Tänzerinnen, oder mit fingierten Heiratsversprechungen in den „Goldenen Westen“ gebracht,  aus ihrem sozialen Netz geholt und zur Prostitution gezwungen. Das US State Department schätzt, dass jährlich zwischen 50-100 000 Frauen und Kinder auf diesem Wege in den USA zur Prostitution gezwungen werden. In diesem äußert gewinnintensiven Sektor sind auch die Interessengruppen zu suchen, die einer allgemeinen Legalisierung und Integrierung der Sex-Branche auf einem gesellschaftlich toleriertem Standard als normale Wirtschaftsbranche und Dienstleistungssektor entgegenstehen, da sie, vergleichbar mit der Situation der Legalisierung weicher Drogen, massive Umsatzeinbußen und Kontrollverlust befürchten.

Die Prostitution in den Vereinigten Staaten ist, mit Ausnahme von Nevada, wo 1971 die lizenzierte Bordellprostitution legalisiert wurde, illegal. Nachweisbare Zuhälterei gilt als ein Verbrechen und in einigen Staaten wird schon der Besuch eines Bordells als Straftat definiert. Nichtdestsotrotz ist die Prostitution in den USA weit verbreitet. Schätzungsweise 90 000 Festnahmen wurden jährlich(1999) in den USA aufgrund der Verletzung der bestehenden Prostitutionsgesetze vorgenommen. Die Gesamtheit dieser Festnahmen verursachte Kosten in Höhe von 180 Millionen Dollar, ohne das durch diese Maßnahmen die Prostitution, vor allem die auf der Straße, nennenswert eingedämmt wurde. In der Regel versuchen die Städte Sonderzonen einzurichten, wo die Frauen dann, je nach Stimmungslage der Öffentlichkeit, geduldet werden. Ein Großteil der us-amerikanischen Bevölkerung (70%) war laut einer Umfrage von Gallup(1996) der Meinung, dass die Prostitution illegal bleiben sollte und befürworteten schärfere Gesetze zur Schließung aller Massagesalons und Sex-Shops. Auf der lokalen Ebene ist es vor allem die Straßenprostitution die der größte Widerstand entgegengebracht wird. Nachbarschaftsinitiativen gegen diskrete Formen der Prostitution, die nicht sichtbar, in Clubs oder in Privatwohnungen stattfindet, sind hingegen selten.

Außerhalb Nevadas, in den anderen Staaten der USA, können sich SexarbeiterInnen gegen Kriminalisierung schützen, indem sie Agenturen als legale Geschäftspartner  und Vermittlungsinstanz zwischenschalten. Aufgrund der ausgeprägten Tagungsindustrie in den USA floriert das Geschäft mit Massagesalons und Vermittlungsagenturen. Prostitution wird in ihrer gehobenen Form der Callgirl-, Modell- oder Hostessagenturen, auch von seriösen Hotels geduldet. Die Hotels lassen die Prostituierten durch ihr Sicherheitspersonal durchleuchten. Sie müssen sich beim Empfang anmelden, ihre Absicht erkennen geben und ein Legitimationspapier, z.b. eine Massagegenehmigung vorweisen können. Frauen die sich nicht an diese Prozedur halten, werden von der Hotelsicherheit photographiert und in schwarzen Listen den anderen Hotelbetreibern bekannt gemacht.

Das in den USA Nevada als einziger Bundesstaat die Prostitution in lizenzierten Bordellen genehmigt hat, liegt in der Geschichte dieser Region begründet und wird gerne mit dem Mythos des „Wilden Westens“ und dem „lonesome Cowboy“ verknüpft. Ein wichtiger Teil der Ökonomie Nevadas baute auf die Minengesellschaften auf, deren enormer Arbeitskräftebedarf während der Hochzeiten des Gold- und Silberabbaus Männer aus den ganzen USA in die dortigen Workcamps zog. Es handelte sich fast ausschließlich um reine Männergesellschaften, wo sich kaum Familien niederließen und die Prostitution schnell zu einem integralen Bestandteil dieser Grenzsiedlungen wurde. Um 1871, während eines weiteren Goldrausches, wurde die Bordellprostitution in Nevada offiziell legalisiert, wobei man in den folgenden Jahrzehnten eine Politik verfolgte, die Bordelle in bestimmten Zonen einzurichten und sie von regulären, familienorientierten Siedlergemeinschaften fernzuhalten. Während des 1. und 2.Weltkrieges zwang die „Federal Security Agency“, eine übergeordnete Bundesbehörde, die lokalen Instanzen in Nevada dazu, sämtliche Bordelle zu schließen. Sie wurden allerdings jeweils nach dem Krieg gleich wiedereröffnet. Bis zur Legalisierung der Prostitution in lizenzierten Bordellen 1971 bewegten sich die Bordellbesitzer und Betreiber in einem Spannungsfeld zwischen Duldung und Kriminalisierung.

Im Jahr 2000 gab es in 10 Bundesländern von Nevada 35 lizenzierte Bordelle, die, nach Angaben der 1984 gegründeten „Nevada Brothel Association“, einen jährlichen Umsatz von 40 Millionen Dollar verzeichneten. Die Prostitution wird durch eine stringente Lizenzierungspraxis reguliert. Die meisten Bundesländer Nevadas lizenzieren nur zwei oder drei Bordelle in ihrem Verwaltungsdistrikt und geben keine neuen Lizenzen aus, so dass die einzige Möglichkeit ins legale Prostitutionsgeschäft einzusteigen über den Erwerb einer bereits vorhandenen Lizenz besteht.

Das Gesetz erlaubt (seit 2004) die Prostitution nur in Verwaltungsbezirken mit einer Einwohnerzahl unter 400.000. Dementsprechend ist Prostitution in Clark County/Las Vegas und Washoe County/Reno illegal. Insgesamt 11 Bezirke von Nevada erlauben Prostitution im Rahmen eines lizenzierten Bordellbetriebes.

Die Bordellbesitzer profitieren von dieser Regelung, die sie vor auswärtiger Konkurrenz schützt und sind die stärksten Gegner einer Lizenz-Freigabe. Die Prostituierten sind einem strengen Reglement unterworfen, welches darauf abzielt die Frauen fest an das Bordell zu binden und sie von dem regulären Gemeinwesen und der Stadt fernzuhalten. Sie müssen sich abmelden, wenn sie das Bordell verlassen und die Zeiten, wann sie weggehen bzw. im Hause bleiben müssen, werden ihnen vorgeschrieben. Die Autos der Frauen werden speziell registriert und der Besuch von Bars außerhalb der Bordellzone wird ihnen oftmals verboten. Jede Prostituierte muss einen speziellen Gesundheitspass haben, in dem die wöchentlichen Pflichtuntersuchungen auf alle STD´s, einschließlich Syphilis, Gonorrhöe und HIV, sowie die monatliche Blutuntersuchung als negativ verzeichnet sein müssen. Der Gebrauch von Kondomen ist verpflichtend vorgeschrieben. Das Bordellgewerbe in Nevada war, trotz des Booms anderer Segmente der legalen Sexindustrie und deutlichem Interesse seitens der Bordellbesitzer, bis in die 1990er nicht weitergehend in den us-amerikanischen Sexbusiness integriert. Dies hat seine Gründe in der unterschiedlichen Gesetzeslage. Viele „Gentlemenclubs“, spezielle Buch- und Videoshops oder Telefon- und Internetsexagenturen beziehen sich in ihrem legalen Status auf die Tatsache, dass sie keinen realen sexuellen Kontakt verkaufen, bzw. vermitteln. Wenn diese Firmen nun mit den in Nevada legalen Bordellen Geschäftsverbindungen eingehen, könnte ihr Image und ihr juristischer Status als legales Unternehmen beschädigt werden, da Prostitution und Bordelle in allen anderen Staaten der USA illegal sind.

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“, Routledge, New York, London

Spotlight – Amsterdam/Holland

Seit dem 1. Oktober 2000 ist Prostitution in den Niederlanden legal. Nach der Novelle des Strafgesetzbuchs darf in den Niederlanden jeder die Prostitution ausüben, wenn er älter ist als 17 Jahre. Mit diesem Gesetz wurde das seit 1912 bestehende Bordellverbot aufgehoben. Das Prostitutionsgeschäft war aber schon vorher auf der Ebene breiter gesellschaftlicher Akzeptanz und Toleranz behördlich geduldet, hatte aber keine legale gesetzliche Grundlage. So empfanden nach einer Umfrage von 1997  74% der Holländer Prostitution als eine akzeptable Arbeit und 75% waren für legalisierte Bordelle. Eine wichtige Neuerung ist die Ergänzung des Strafgesetzbuchs um den Artikel §250a, mit dem der Menschenhandel, die Zwangsprostitution, die Zuführung Minderjähriger zur Prostitution und die wirtschaftliche Ausnutzung dieser Formen der Prostitution unter Strafe gestellt wird. Die Zahl der in den Niederlanden im Sexgewerbe Tätigen wird auf 25.000 geschätzt.

Im traditionellen Rotlichtbezirk Amsterdams (seit dem 13.Jh.), dem „Walletjes“ arbeiten etwa 2.000 Prostituierte in ca. 420 Schaufensterräumen und 70 Bordellen. Es gibt unzählige Sexshops und ein halbes Dutzend Peepshows in diesem Viertel. 30% der holländischen Prostituierten arbeiten vor dem Fenster, 40% im Bordell und die restlichen 30% arbeiten bei Escortagenturen oder auf der Straße. Vor der Euroeinführung verlangten die Frauen ab 50 Gulden für „suck and fuck“ in 15 Minuten, Extras kosten mehr. Zwischen 50 und 1.500 Gulden betragen im Schnitt die Einnahmen pro Schicht. Die Prostituierten zahlen für einen Schaufensterraum zwischen 75 und 150 Gulden pro Schicht, die in der Regel zwischen acht und zwölf Stunden dauert. In den Sexclubs zahlen die Kunden im Schnitt 500, für den Begleitservice 800 Gulden für die Stunde. Die Prostituierten zahlen regulär Steuern und  die Finanzämter wenden weitgehend, im Rahmen einer eigenen Erhebungsgruppe, einheitliche Kriterien an. Es gibt spezielle Gassen in denen vor allem Afrikanerinnen ihre Dienste anbieten und zwei weitere, in denen Asiatinnen dominieren. Seit einigen Jahren hat der Anteil von Frauen aus Osteuropa erheblich zugenommen. Das Gesundheitsamt der Stadt betreibt im Rotlichtviertel eine spezielle Klinik wo sich Prostituierte und ihre Kunden anonym auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen können. Die Stiftung zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten hat Richtlinien aufgestellt für die medizinische Betreuung und die Gemeinden müssen den Prostituierten den freien Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen ermöglichen.

1985 wurde die sogenannte „Windows Owner Association“ gegründet in der rund 90% der Eigentümer der betreffenden Zimmer und Häuser Mitglieder sind. Diese weisen einen Zusammenhang zur Zuhälterei zurück und sehen sich als ganz normale Geschäftsleute, die im Vergnügungs- und Dienstleistungssektor tätig sind. Seit 1986 gibt es auch eine Organisation der Freier, die vor allem Öffentlichkeitsarbeit für die legale und moralische Emanzipation der Prostitution betreiben und sich anderweitig als eine Art Verbraucherschutzorganisation verstehen. Es gibt eine Reihe von Organisationen, die für die Rechte der Prostituierten eintreten. Die „A. de Graaf-Stiftung“ versucht, die Akzeptanz der Prostitution zu fördern und gibt Publikationen heraus. Es wurde eine Hurengewerkschaft gegründet, die Initiative „Roter Draht“ („De Rode Draad“) mit der Publikation „Black Light“, eine Stiftung gegen Frauenhandel, eine Plattform Straßenstrich und ein Informationszentrum (PIC) für Prostituierte und ihre Kunden. Das PIC gründete und betreibt die Ex-Prostituierte Mariska Majoor.

Aufgrund der zunehmenden Kontrolle des Rotlichtmilieus durch ethnische und einheimische Gruppierungen der organisierten Kriminalität, startete die Stadtverwaltung 1997 das so genannte „Wallenprojekt“. In diesem Zusammenhang wurde das gesetzliche Verbot des Informationsaustauschs zwischen Polizei und Finanzbehörden per Regierungsbeschluss ausgehebelt. Eine mit Sonderbefugnissen ausgestattete Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitarbeitern von Polizei, Staatsanwaltschaft und Finanzbehörde verschaffte sich in Folge detailliert Informationen über jedes einzelne Gebäude im Wallengebiet, über das dort vorhandene Gewerbe, die Mitarbeiter und Betreiber und die Besitzverhältnisse. Diese Informationen wurden mit der Datenlage der kommunalen Verwaltungen und Finanzämter abgeglichen. Mit Hilfe dieser Daten sah sich die Stadt in der Lage bei Vorliegen bestimmter „kriminogener Faktoren“ Genehmigungen zu verweigern oder Lizenzen zurückzuziehen. Das Finanzamt seinerseits, machte Steuernachzahlungen geltend und beschlagnahmte Vermögen. Der Stadterneuerungsfonds stellte Geld für den Kauf von Häusern im Rotlichtviertel zur Verfügung; die von der Arbeitsgruppe Wallenviertel unter dem Gesichtspunkt der Einschränkung krimineller Organisationen ausgesucht wurden. Fast 40 Gebäude kaufte die Stadt bis 2002. Die „Zeedijk“-Aktiengesellschaft mit der Gemeinde als Großaktionär erwirbt Gebäude, renoviert, verwaltet und vermietet sie. 80 Millionen Gulden investierte die Stadt in diese Umgestaltung, wobei neben der Bekämpfung organisierter Kriminalität, die allgemeine Zurückdrängung des Rotlichtmilieus einen weiteren wichtigen Faktor darstellt.“ Ziel sei es“, so eine Mitarbeiterin des Wallenprojektes „im Wallengebiet eine vertrauenswürdige Wirtschaftsstruktur aufzubauen. Der Rotlichtbezirk soll aber bleiben, er ist eine Touristenattraktion“. 2002 beschloss die Amsterdamer Stadtverwaltung, das Projekt bis 2003 weiterzuführen und auf andere Stadtteile auszudehnen.

Dezember 2008 präsentierte die Stadtverwaltung von Amsterdam das “Coalition project 1012”, ein Strategiepapier, welches die Durchsetzung stadtplanerischer Prämissen in der Innenstadt Amsterdams zum Ziel hat. Diese betreffen vor allem das Rotlichtviertel, das mit Hilfe von Sondergesetzen massiv reglementiert werden soll um Großinvestoren anzulocken und die Innenstadt anwohner- und touristenfreundlicher zu gestalten. Die ökonomische Struktur des Rotlichtviertels setzt sich aus den Häusern mit Schaufensterprostitution, den Coffee-Shops für den Verkauf von Cannabis, sogenannten Smart-Shops für den Verkauf von Psylocybinpilzen und 1-2 Sterne-Hotels zusammen. Desweiteren aus Geldwechselstuben, Spielhallen, Sexshops, Bars, Imbissen und Mini-Supermärkten. Laut Analyse der zuständigen Sicherheitsbehörden schafft diese Struktur die besten Vorraussetzungen für kriminelle Aktivitäten wie Geldwäsche, Drogenhandel und Frauenhandel. Kriminologische Untersuchungen haben ergeben, das verschiedene Gruppierungen der organisierten Kriminalität dazu übergegangen sind im größeren Umfang Immobilien in dem betreffenden Stadtteil zu erwerben. Auf der Grundlage dieser Einschätzung soll die Prostitution in den Walljeties erheblich eingeschränkt und auf wenige Strassen konzentriert werden, da die soziale und ökonomische Struktur der Rotlichtquartiere den wachsenden Einfluss krimineller Strukturen begünstigt.

BIBOB ist der Name eines neuen Gesetzes, welches der Stadtverwaltung die Möglichkeit gibt die Lizenzvergabe für Bars, Hotels und Bordelle zu verweigern, wenn die Besitzer nicht in der Lage sind ihre Seriosität und ihre legitime finanzielle Absicherung unter Beweis zu stellen oder wenn Verdachtsmomente bestehen, das im Rahmen des lizenzierten Geschäftsbetriebes kriminelle Aktivitäten geplant sind. Anders als bei der normalen Gesetzgebung liegt in diesem Fall die Beweislast bei den „Beschuldigten“, also den Lizenzinhabern, bzw. Antragstellern. Im Zuge dieser Vorgehensweise haben bereits einige der Bordellbesitzer ihre Lizenzen verloren und mussten ihre Häuser an eine stadteigene Verwaltungsgesellschaft verkaufen. Dies betrifft ca. 100 der insgesamt 482 Schaufensterbetriebe. Insgesamt will die Stadt die Anzahl der Schaufenster auf 240 reduzieren und diese auf den Kanal “Oudezijds Achterburgwal” und die abgehenden Strassen konzentrieren. Die Coffee-Shops sollen von 139 auf 76 reduziert werden. Ähnliches ist für sogenanntes „low quality business“, wie Imbisse, Kioske, etc. vorgesehen.

Diese Vorgehensweise wird von der momentanen Regierungskoalition aus Christdemokraten, Sozialisten und einer Partei christlicher Fundamentalisten getragen, die klare Vorbehalte gegen eine liberale Prostitutionspolitik erkennen lassen. Dies entspricht aber auch einen veränderten Stimmungsbild in Teilen der Bevölkerung. Während in den 90ern noch eine deutliche Sympathie für die politischen Initiativen der Prostituierten erkennbar war, die dann zur Legalisierung führten, macht sich inzwischen eine konservative Moral bemerkbar. Man hätte gern ein „sauberes“ Stadtbild, frei von dem öffentlichen Zuschaustellen des sexuellen Gewerbes, den daraus resultierenden „unmoralischen“ Verhaltensweisen und den betrunkenen und bekifften jugendlichen Touristen. Andererseits hat die Gesetzesinitiative von 2000, welche die Prostitution legalisierte bei weitem nicht die Erwartungen erfüllt. Auch nach 8 Jahren hat sich im Wesentlichen an den realen Verhältnissen wenig geändert. Es hat keine Integration des Rotlichtgewerbes in die regulären wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der Gesellschaft stattgefunden. Öffentlichkeitswirksame Kampagnen um der Stigmatisierung dieser Berufsgruppe entgegenzuwirken sind unterblieben und die diskriminierenden Regulierungen und Attitüden im Behördenapparat bestehen weiterhin. Andererseits ist die Bereitschaft des Rotlichtmilieus an einer Integration auch äußerst gering, da dort traditionell in der Grauzone zwischen Illegalität und Duldung dem Geschäft nachgegangen wird.

Die Anzahl der offiziellen Genehmigungen für das Gewerbe richtet sich in der Regel an der Anzahl der bereits bestehenden Bordelle aus, so dass Neueinsteiger so gut wie keine Möglichkeit haben Fuß zu fassen. Dies betrifft neue Formen des sexuellen Entertainments, wie sogenannte „Kinky Sex Parties“, Lap-Dance in Diskotheken, aber auch reguläre Swingerclubs, die somit gezwungenermaßen außerhalb des legalisierten Systems agieren. Eine Intention des Gesetzes war es die Rechte und Position der Prostituierten zu stärken, aber die Praxis der Lizenzvergabe macht es den Frauen oft unmöglich unabhängig von zu Hause aus zu arbeiten und lässt ihnen nur die Möglichkeit innerhalb der bestehenden Bordellbetriebe einen Arbeitsplatz zu wählen.

Inzwischen haben die Minister für Inneres und Justiz einen neuen Gesetzesvorschlag eingebracht, der vorgibt deutlicher gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel vorzugehen, in seiner Gesamtwirkung aber auf eine strikte Regulierung des gesamten Prostitutionsgewerbes abzielt. Nach diesem Gesetz soll jede Form der Prostitution verboten werden, die nicht über eine städtische, bzw. staatliche Lizenz verfügt. Dies betrifft auch Internet- und Escortagenturen, die eine private Adresse und Telefonnummer angeben müssen, die dann in einem nationalen Register verwaltet werden. Bordelle, die unlizenzierte Prostitution anbieten, sollen geschlossen werden. Das betrifft auch unabhängige Prostituierte, die ohne Registration arbeiten. Das Mindestalter von Frauen, die in diesem Gewerbe arbeiten wollen, soll von 18 auf 21 Jahre hochgesetzt werden. Freier, die denn Service von unlizenzierten und unregistrierten Prostituierten in Anspruch nehmen, können diesem Gesetz nach kriminalisiert werden und hätten mit Haftstrafen zu rechnen. Diese Maßnahmen haben zwar vor allem eine Bekämpfung der Zwangsprostitution zum Ziel, aber die Kriminalisierung der unregistrierten Prostitution wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu einem transparenteren und sicheren Umfeld dieses Gewerbes führen, sondern die betreffenden Frauen und Freier in die Illegalität treiben, wo Zwangs- und Gewaltverhältnisse sogar noch eher die Arbeitssituation bestimmen können.

Quelle: “Prostitution policy under construction” – December 2008, Jan Visser

Jan Visser war Mitautor der Reports “Prostitutie in Nederland in 1999” und “Trends in prostitutie en beleid” von der Mr. A. de Graaf Foundation/ Amsterdam. Der gesamte Text(engl.) ist auf dem Blog „ludersocke2“ bei WordPress einzusehen

http://www.rodedraad.nl/
http://en.wikipedia.org/wiki/Prostitution_in_the_Netherlands

verwendete Literatur (im Text nicht aufgeführt)

Bader Birgit/Ellinor Lang : 1991, „Stricher-Leben“, Galgenberg Verlag, Hamburg

Bilitewski Helga/(„Hydra“/Hg.), 1994, „Freier – Das heimliche Treiben der Männer“, Knaur Verlag, München

Detlefs Gerald, 1997, „Frauen zwischen Bordell und Abschiebung“, Roderer Verlag, Regensburg

Dofour Pierre, 1995,  „Die Weltgeschichte der Prostitution“, Reprint, Band 2, , Eichborn Verlag, Frankfurt am Main

Drößler Christine(Hg.), 1992, „Women at Work“, Schüren Presseverlag, Marburg, Berlin

Christine Drössler, Jasmin Kratz (Red.), 1994, „Prostitution : Ein Handbuch“, Herausgeber: HWG e.V.Schüren, Marburg

von Dücker  Elisabeth, 2005, „Sexarbeit : Prostitution – Lebenswelten und Mythen“, Edition Temmen, Bremen

French Dolores/Linda Lee, 1992, „Kurtisane“, Galgenberg Verlag, Hamburg

Freund-Widder Michaela, 2003, „Prostitution und ihre staatliche Bekämpfung in der Freien und Hansestadt Hamburg vom Ende des Kaiserreichs bis zu den Anfängen der Bundesrepublik“, Lit-Verlag, Münster

Gehrke, Claudia/Petra Höhne (Hg.)  1993, „Schauplatz Liebe“,  Konkursbuchverlag   Tübingen

Kleiber, Dieter, 1994 , „Prostitutionskunden : eine Untersuchung über soziale und psychologische Charakteristika von Besuchern weiblicher Prostituierter in Zeiten von Aids“, Nomos-Verlags-Gesellschaft, Baden-Baden

Kohmann/Lanzerath, 1981, „Weibliche Prostitution in Hamburg“, Kriminalistik Verlag, Heidelberg

Konieczka, Vera, 1980, „Prostitution im 19. Jahrhundert“, R.G. Fischer,  Frankfurt/Main, Tübingen

Riecker Joachim, 1995, „Ware Lust“, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.Main

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg


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