19
Jan
10

Prostitution heute – zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu

Statistisches Material zwischen Ökonomie und Gesundheitswesen

In vielen EG-Staaten zeigt sich die Tendenz, dass die Anzahl einheimischer Frauen an der Straßenprostitution rückläufig ist und diese inzwischen in öffentlich nicht mehr wahrnehmbaren Bereichen der Gesellschaft ihrer Tätigkeit nachgehen, während ein Großteil der Straßenprostitution inzwischen von Migrantinnen abgedeckt wird. In Griechenland z.b. sind in Athen offiziell 450, in Thessaloniki, 60 Prostituierte registriert. Die Anzahl der nicht-registrierten griechischen Prostituierten wird auf 4200, die der Migrantinnen auf 10500 geschätzt. Von den letztgenannten sollen 50% aus Osteuropa, inklusive Russland und 40% aus den Balkanstaaten kommen.  Durch die geopolitische Lage an der südöstlichen EU-Grenze hat sich Griechenland zu einem wichtigen Drehpunkt des internationalen Menschenhandels entwickelt. Allein im Jahr 2000 soll der geschätzte Profit aus dem Frauenhandel ca. 1,13 Mrd. Euro betragen haben. Inzwischen soll die Zwangsprostitution von Migrantinnen die häufigste Form der Sexarbeit in Griechenland darstellen.

Die gleiche Datenquelle gibt für Deutschland die Anzahl von 300 000 Prostituierten, davon 150 000 Migrantinnen an. In Italien wird die Gesamtzahl auf 50 000 Prostituierte geschätzt. Die Hälfte von ihnen soll über Wohnungen, Clubs, Bordellen, oder organisiert in Callgirlringen über Zeitungsannoncen ihrem Gewerbe nachgehen. Die andere Hälfte arbeitet auf der Straße. Von diesen geschätzten 25 000 Frauen sollen 90% Ausländerinnen sein, wobei die Nigerianerinnen mit nahezu 60% den größten Anteil stellen.  In Skandinavien, Italien  und Österreich zeichnet sich durch neue Gesetzesvorlagen, betreffend der Prostitution von Migrantinnen, eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der betroffenen Frauen ab, die darauf hinausläuft das sie zunehmend den Gewaltverhältnissen des kriminellen Milieus der Menschenhändler und Zuhälter ausgeliefert sind.   Die Victimisierung der Migrantinnen hat politische Auswirkungen für alle Prostituierten da sie eine Haltung gegenüber der Prostitution stärkt, wo nicht mehr differenziert wird zwischen den Bereichen Menschenhandel in die Zwangsprostitution, Arbeitsmigration in die Prostitution und Prostitution als legale sexuelle Dienstleistung. So wird eine politische Strategie bestärkt, die ganz bewusst die Position der Frauen, die sich freiwillig für den Beruf der Prostituierten entschieden haben, ausblendet und stattdessen eine Kriminalisierung und Stigmatisierung aller Prostituierten zum Ziel hat.

aktuellere Informationen und weitergehendes statistisches Material bietet die Webseite http://www.tampep.com/  („European Network for HIV/STD Prevention in Prostitution“)  aus deren Reports 2003-05 die oben genannten Informationen stammen

Das Thema Prostitution wurde überwiegend aus juristischer, kriminalistischer und soziologischer Sicht behandelt. Mit der Diskussion im Parlament und in der Öffentlichkeit um das neue deutsche Prostitutionsgesetz wurde, neben der Gesundheits- und Kriminalitätsproblematik, erstmals die ökonomische Bedeutung des Prostitutionsmarktes hinsichtlich eines potentiellen Steueraufkommens wahrgenommen. Prostitution wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht offiziell erfasst und es gibt kaum abgesicherte Daten und Statistiken, die eine wirtschaftliche Analyse möglich machen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit der Industrieländer(OECD)  rechnet die Prostitution zur sogenannten „Schattenwirtschaft“, die auch Aktivitäten wie Schmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche umfasst. Zur Erfassung der ökonomischen Aktivität ist man auf Schätzungen angewiesen. Wissenschaftliche, auf breiter Ebene angelegte Untersuchungen über Prostitution in der BRD gibt es erst seit dem Aufkommen von AIDS seit der Mitte der 80er Jahre.

Der intensiven Aids/HIV- Forschung, die primär dem Schutz der öffentlichen Gesundheit gilt, steht eine nicht vorhandene Forschung im Bereich der Arbeitsmedizin und der psychosomatischen Erkrankungen gegenüber. Obwohl die speziellen Arbeitssituationen (Nachtarbeit, Belastung der Unterleibsorgane, verschleppte Krankheiten wg. ökonomischen Druck oder mangelnder sozialer Absicherung, etc, etc.) und die psychosomatischen Auswirkungen des Doppellebens, die Prostitution als eine Berufsgruppe mit Mehrfachbelastung  ausweisen.

Ebenfalls in den 80er Jahren fand in den Sozialwissenschaften durch den Einfluss der Frauenbewegung, feministischer Forscherinnen und den in den Großstädten entstandenen Selbsthilfegruppen der Prostituierten, ein langsamer Paradigmenwechsel statt. Die Forschung beschäftigt sich seit dem zunehmend mit den Themen der Auswirkungen der gesellschaftlichen Doppelmoral, der Lebens- und Arbeitssituation der betroffenen Frauen und der Sexarbeit als Wirtschaftsfaktor. 1997 erschien die bereits anfangs der 90er von der Bundesregierung in Auftrag gegeben „Dokumentation zur rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten in der Bundesrepublik Deutschland“, die eine wesentliche Grundlage zur Meinungsbildung und schließlich zur Veränderung der Gesetzgebung im Parlament bildete.

Aufgrund der Schwierigkeiten in diesem Bereich statistisches Material zu erstellen, schwanken die Zahlen der potentiellen Schätzungen, je nach Untersuchung und der zu untersuchenden Fragestellung. Die Schätzungen wie viele weibliche Prostituierte es in Deutschland nach Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes 2002 gibt, schwanken zwischen 200 000 bis 400 000 Frauen. Von der letztgenannten Zahl ist auch der Bundesrechnungshof in einem Bericht für das Jahr 2003 ausgegangen. Das Berliner Familienministerium kam 1987 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass innerhalb eines Zeitraumes von 5 Jahren, rund 10% aller deutschen Männer mindestens einmal sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, während in einer Befragung der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, die 2000 Männer repräsentativ befragte, 25% der Männer angaben mindestens einmal eine Prostituierte besucht zu haben. Die Soziologen Kleiber und Velten kommen in ihrer Studie im Auftrag des Bonner Gesundheitsministeriums zu dem Ergebnis, dass rund 18% der geschlechtsaktiven Männer in Deutschland Prostituierte besuchen und eine Untersuchung der Freien Universität stellte fest, dass die „Durchschnitts-Prostituierte“ pro Woche 32 Freier bedient. Wenn bei einer angenommen Zahl von 200 000 Prostituierten mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 36 000 Euro und dem daraus sich ergebenden geschätzten Jahresumsatz von 14,5 Milliarden, die angenommenen Umsätze einkommenssteuerlich erfasst und mit durchschnittlich 20% besteuert würden, hätte der Staat Steuereinnahmen von mehr als 2,9 Mrd. Euro.

Die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten in Deutschland

Die alte Gesetzgebung bis 2002

Nach dem bis 2002 gültigen Gesetz war die Prostitution zwar nicht strafbar, aber sittenwidrig und die Prostituierte damit praktisch rechtlos. Ein Vertrag über die „geschlechtliche Hingabe gegen Entgelt“ war deshalb nach §138 Abs.1 BGB nichtig und schuf keine Verbindlichkeiten. Arbeitsverträge zwischen Bordellbesitzern und Prostituierten hatten ebenfalls keine rechtswirksame Gültigkeit. Es war nicht einmal möglich nach den Grundsätzen des sogenannten „faktischen Arbeitsverhältnisses“ für geleistete Dienste, Lohn – und Urlaubsansprüche geltend zu machen. Wenn Prostituierte durch Fremdverschulden verunglückten und dadurch einen Verdienstausfall erlitten, konnten sie keine ädaquaten Schadensersatzansprüche geltend machen, da es sich um eine sittenwidrige Tätigkeit handelte. Freier, die Prostituierten den vereinbarten Geldbetrag verweigerten, machten sich nach der Auffassung des Bundesgerichtshofes nicht wegen Betrugs (§263 StGB) strafbar, da der versprochene Lohn nicht zum strafrechtlich geschützten „Vermögen“ gehörte. Im Sozialrecht folgerte man aus der Sittenwidrigkeit, dass Prostituierte nicht sozialversicherungspflichtig sein können. Private Krankenversicherungen pflegten die Aufnahme von Prostituierten entweder abzulehnen oder erhebliche Risikozuschläge zu verlangen. Nichtsdestotrotz waren Prostituierte unter dieser Gesetzgebung einkommens- und umsatzsteuerpflichtig und ein Bordellbesitzer machte sich strafbar wenn er für die bei ihm beschäftigten Frauen keine Lohnsteuer abführte. Nach dem §38 BseuchG kann einem Infizierten die Ausübung bestimmter beruflicher Tätigkeiten untersagt werden. Im Regelfall erhalten die Betroffenen für den Verdienstausfall nach §49 Abs.1BseuchG eine Entschädigung, was bei Prostituierten nicht der Fall war.

Sogenannte „jugendgefährdende“ Prostitution in Häusern in denen Personen unter 18 Jahren wohnen und in der Nähe von Schulen und Kindergärten konnte nach §184b StGB mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafen bis zu 360 Tagessätzen geahndet werden. Die Behörden konnten „zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes“ Sperrgebiete festlegen, in denen die Ausübung der Prostitution verboten war. Zuwiderhandlungen konnten nach §120 Abs.1 Nr1 OwiG als Ordnungswidrigkeit mit Geldbuße ausgelegt werden oder bei „beharrlicher“ Zuwiderhandlung, nach §184a StGB als Straftat, die mit Freiheitsentzug bis zu 6 Monaten oder mit einer Geldbuße bis zu 180 Tagessätzen bestraft werden konnte. Die Sperrbezirksverordnung ließ den Frauen in den meisten Fällen nur die Möglichkeit in Gebieten der Stadt zu arbeiten, wo die notwendigen Räumlichkeiten, die Häuser, sich in den Händen von Immobilienbesitzern befanden die schon traditionell am Geschäft mit der kontrollierten Prostitution verdienten. Nach dieser Rechtssprechung war nur der Betrieb von herkömmlichen Bordellen und Eros-Centern in den „Rotlichtbezirken“ erlaubt wo die Frauen ihren Arbeitstag schon mit Blockschulden beginnen mussten. Unter Strafandrohung standen hingegen die Bars und Clubs die einen gehobenen Rahmen und günstige Arbeitsbedingungen für die Prostituierten boten, da dies nach §180a Abs.1 Nr2 StGB als Förderung der Prostitution ausgelegt wurde. Als eine erste Neuerung wurde 2001 das Infektionsschutzgesetz(IfSG) eingeführt, mit dem die Freiwilligkeit der Gesundheitsuntersuchung festgestellt wurde. Dieses Gesetz war die Konsequenz aus den Erkenntnissen der Aids-Prävention, dass die Hauptgefahr der Übertragung sexueller Erkrankungen nicht von den etablierten Prostituierten, sondern von Drogenabhängigen, gelegentlich in der Prostitution arbeitenden Frauen ausgeht und solchen mit illegalen Aufenthaltsstatus, die sich den staatlichen Kontrollversuchen weitgehend entziehen und am ehesten durch freiwillige Angebote zu erreichen sind.

ProstG – Das „neue“ Prostitutionsgesetz

Das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (ProstG) wurde dann zum 1. Januar 2002 rechtswirksam. Seitdem gilt Prostitution nicht mehr als sittenwidrige Tätigkeit, sondern als sexuelle Dienstleistung. „Sexuelle Handlungen, die gegen ein vorher vereinbartes Entgeld vorgenommen werden“, so der Gesetzestext, „begründen eine rechtswirksame Forderung“. Neben der Arbeit als Selbstständige besteht nun die Möglichkeit als Angestellte mit regulärem Arbeitsvertrag zu arbeiten – mit rechtlich abgesicherten Zugang zu Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung, Leistungen bei Arbeitslosigkeit, Mutterschutz und arbeitsamtfinanzierten Umschulungen. Weiterhin wurde der Paragraph 180a des Strafgesetzbuches geändert. Vorher stellte er die „Förderung der Prostitution“ unter Strafe, jetzt wird die „Ausbeutung von Prostituierten“ bestraft, außerdem wurde ein Teil des Paragraphen 181a, betreffend der Zuhälterei gestrichen. Damit können Arbeitgeber lediglich Ort und zeitliche Dauer der Arbeit bestimmen, dürfen aber nicht die Bedienung eines bestimmten Kunden oder die Erfüllung bestimmter Praktiken verlangen. Die Einschränkung der persönlichen und wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit gilt als Straftat. Die Schaffung von guten Arbeitsbedingungen in Bordellen und Clubs kann seitens der Behörden nicht mehr als „Förderung der Prostitution“ ausgelegt werden.

Auch wenn dieses Gesetz einen wichtigen Schritt in Richtung der Anerkennung von Sexarbeit als reguläre Dienstleistung darstellt, fehlt eine ordnungspolitische Gesamtregelung, die einer wirklichen Liberalisierung und Legalisierung des Prostitutionsmarktes den Weg bereiten könnte. So sind andere Gesetze, die die Ausübung der Prostitution betreffen, nicht der Intention des neuen Gesetzes angepasst worden. Dies betrifft die Sperrgebietsverordnungen, die Prostituierten oft Arbeitsplatzverhältnisse vorschreiben, die milieubedingte Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse fördern. Das Gewerbe- und Gaststättenrecht, in welchem die „Unsittlichkeit der Prostitution“ weiterhin festgeschrieben ist, das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, das ein Werbeverbot für sexuelle Dienstleistungen festlegt, was eine weitergehende Kundeninformation und Markttransparenz verhindert und zu einer Praxis überteuerter Anzeigen von „Modellen und Hostessen“ in den Tageszeitungen geführt hat, sowie das Ausländergesetz, das in anbetracht der Gewaltverhältnisse in denen sich viele Migrantinnen  innerhalb des Gewerbes befinden, dringend überarbeitet werden müsste.

Dieser Umstand – vor allem die Diskrepanz zwischen reformierten Vertragsrecht und belassenen Gewerberecht – schafft Rechtsunsicherheit und lässt den einzelnen Ländern einen weiten Spielraum bei der Auslegung des ProstG, so dass Unternehmer, die Betriebe anmelden und Arbeitsverträge abschließen oft scheitern. In den Bundesländern Bayern, Baden Württemberg, Thüringen, Bremen und Sachsen wird die Prostitution mit dem Verweis auf die bestehende gewerberechtliche Sittenwidrigkeit weiterhin als Gewerbe nicht anerkannt und in Bayern wurde mit dem „Beweis“ eines abgeschlossenen Arbeitsvertrages Anklage wegen Zuhälterei erhoben. Prostituierte, die sich steuerlich neu anmelden, müssen in einigen Bundesländern mit der rückwirkenden Überprüfung ihrer Angaben und einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rechnen, da es bei dem neuen Gesetz vergessen wurde Stichtagsregelungen bei der Sozialversicherung und den Finanzbehörden festzulegen.

Die Besteuerung der Prostituierten wird von den Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt. In Stuttgart beispielsweise wird von jeder Prostituierten in den Bordellen täglich ein Mindestbetrag von 15-25€ als „freiwillige Steuervorauszahlung“ erhoben, während in Hamburg, ein Jahr nach dem ProstG, nur einige Großbordelle besteuert wurden. Vor dem ProstG mussten die Einnahmen als „sonstige Einkünfte“ versteuert werden und selbstständig Gewerbetreibende sind weiterhin einkommens- und umsatzsteuerpflichtig. Viele Prostituierte zahlten allerdings bislang keine Steuern und werden dies aufgrund der unklaren Rechtslage wohl auch weiterhin nicht tun. So sind in den ersten Jahren nach Inkrafttreten der Gesetzesvorlage, außer auf Niedriglohnebene, kaum Arbeitsverträge im nennenswerten Umfang abgeschlossen worden. Oftmals zeigt sich in dem behördlichen Umgang mit dem Sexgewerbe, die Tendenz die Prostitution im traditionellen Wechselspiel zwischen milieubedingter und polizeilicher Kontrolle zu belassen, während unternehmerische Initiativen, die der liberalen Tendenz des Gesetzes zur Folge, Prostitution als normale Dienstleistung verstehen, erschwert und behindert werden.

Eine Studie die die Akzeptanz des neuen ProstG seitens der Prostituierten zum Thema hatte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Ein Großteil der befragten Frauen nahm die Besserstellung ihrer rechtlichen Situation durch die neue Gesetzesregelung überhaupt nicht in Anspruch, weil sie aus ihrem Selbstbild heraus Prostitution für keinen anständigen Beruf halten und lieber anonym bleiben wollen und nicht bereit sind Steuern, Sozial- und Rentenversicherungsbeiträge zu leisten.

Die an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg lehrende Expertin Emilija Mitrovi´c führte mit Studentinnen eine qualitative Studie durch. In sieben Großstädten befragte sie in 51 ausführlichen Interviews vor allem Prostituierte, außerdem Bordellbetreiberinnen

Der im Januar 2007 veröffentlichte Bericht der Bundesregierung über die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes von 2002 kam zu einer ähnlichen Einschätzung.  Nur ca. ein Prozent aller Prostituierten arbeitet mit einen Arbeitsvertrag und da das Bundesfinanzministerium keine Stichtagsregelung für Prostituierte eingeführt hat, bleiben die meisten Prostituierten lieber anonym und melden ihr Gewerbe nicht an. Außerdem haben viele Bundesländer die Regelungen nur zum Teil oder gar nicht umgesetzt, allen voran Bayern, wo man Prostitution weiterhin als sittenwidrig betrachtet und keine Gewerbescheine für Bordelle ausstellt. Über die Hälfte der Frauen, die in der Prostitution arbeiten, erreicht dieses Gesetz überhaupt nicht, da es versäumt wurde die Migrantinnen einzubeziehen und dementsprechende Änderung am Ausländergesetz vorzunehmen. Die damit einhergehende Zwangsprostitution versucht das Bundesjustizministerium mit einer neuen, fragwürdigen Gesetzesinitiative, welche die Freier dieser Frauen bestraft, einzudämmen

Es entsteht der Eindruck, das von den gutgemeinten Intentionen des rotgrünen Prostituiertengesetzes nur die verbesserten Möglichkeiten des Besteuerns der Einnahmen der Prostituierten Bestand hätten. So wurden in Berlin (2007) in den vergangenen 5 Jahren 21 Kleinbordelle geschlossen und gegen 20 weitere gingen die Bauämter der Stadt mit Schließungsverfügungen gegen sie vor. Die Begründung:  Wohnen und Prostitution passen nicht zusammen. Dies entspricht der momentan aktuellen Rechtssprechung. Ein Großteil der diesbezüglichen Gerichtsurteile verneinen die Möglichkeit der Ausübung von Prostitution in Misch- bzw. allgemeinen Wohngebieten. Auch der Abschlussbericht des Bundesfamilienministerium zur Evaluation des Prostitutionsgesetzes sieht für die Prostitution nach wie vor allein das Gewerbegebiet vor. Hier zeigt sich die anscheinend politisch gewollte Tendenz der Verdrängung von Kleinbordellen – die z.T. aus der unternehmerischen Initiative von Frauen entstanden sind, die ihr Berufsumfeld selbst organisiert haben – zugunsten von Laufhäusern und Großbordellen. Im unübersichtlichen Bereich des Straßenstrichs und der Modelprostitution haben Steuerfahnder Schwierigkeiten ihren Zehnten einzufordern. In Großbordellen werden hingegen komplikationslos die Mieteinnahmen des Betreibers besteuert und in einigen Fällen eine Pauschale für die dort arbeitenden Frauen festgelegt

Die Gruppe der Prostituierten ist nicht homogen und in Bezug auf das neue Prostitutionsgesetz ist es sinnvoll in  3 Gruppen differenzieren. Einerseits Prostituierte aus EU-Ländern und Deutschland mit legalem Status, die in der Lage sind die Vorteile der neuen Gesetzgebung zu nutzen. Dann die Migrantinnen mit illegalen Status und drittens das Feld der Beschaffungsprostitution – Frauen die anschaffen gehen um ihre Drogensucht zu finanzieren. Die Prostituiertenorganisation „Hydra“ hat zur Verbesserung der Situation bereits mehrfach die Initiative eines „Gütesiegels“, als Resultat einer staatlich anerkannten Anbieter- und Verbraucherorganisation für den gesamten Bereich sexueller Dienstleistungen, angeregt. Die Gewerkschaft ver.di versucht, mit einem Arbeitskreis Prostitution (Fachbereich 13, besondere Dienstleistungen), die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Dabei konzentriert sich die Gewerkschaft auf die arbeitsrechtliche Absicherung von Prostituierten, unter anderem mit einem Muster-Arbeitsvertrag. Der 2002 gegründete „Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V.“ mit Sitz in Berlin, versucht fachliche Angelegenheiten für Betreiber von bordellartigen Betrieben und selbständigen Prostituierten wahrzunehmen. Laut der Satzung des BSD setzt sich der Verband „für eine wirtschaftliche Verbesserung der jeweiligen Aktivitäten, für die Beseitigung jeglicher gesetzlicher Behinderungen dieses Gewerbes, für die Förderung des Ansehens von Prostitution und der Betriebe mit sexuellen Dienstleistungen in der Gesellschaft und die Vermittlung eines realistischen Bildes von Prostitution“ ein. Der Verein hatte 2004 fünfzig Mitglieder. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen hat seinen Sitz in Berlin und hat in dieser Stadt auch seinen Tätigkeitsschwerpunkt. Auf der Webseite des Vereins werden Broschüren zur rechtlichen Situation der Prostituierten und planungsrechtlichen Gutachten zu Bordellen in Wohngebieten kostenlos als PDF zum Download angeboten. Webseite: http://www.BuSD.de

Der in den letzten Jahren gegründete Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland e.V. bietet über seine Webseite für seine Mitglieder Rechtsberatung und Unterstützung beim Umgang mit Behörden an. Dieses Angebot ist allerdings nicht umsonst. Der Verein verlangt für seinen Service eine einmalige Anmeldungsgebühr von 50€ und einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 30€ – 100€ ( nach Betriebsgröße). Weitergehend wird eine Informationsbroschüre für Behörden und Politiker angeboten.

http://www.hydra-ev.org/master/start.html

Aufklärung und Kritik  2/2003,  Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie
Dr. Richard Reichel und Karin Topper  „Prostitution: der verkannte Wirtschaftsfaktor“
http://www.gkpn.de/reichel_topper.pdf

Projekt „Arbeitsplatz Prostitution“ des ver.di Bundesvorstandes /Emilija Mitrovi´c,  Besenbinderhof 60   20097 Hamburg

„Stricher-Leben“, Bader Birgit(Hg), 1991

Menschenhandel und Prostitution

Mit den Schlagwörtern „Menschenhandel“ und „Trafficking“ ist oft  der Handel mit der „Ware Frau“ zwecks sexueller Ausbeutung gemeint. Weiter gefasst versteht man unter Menschenhandel, Handlungen mit denen Menschen unter Verletzung ihrer Selbstbestimmung in ein Ausbeutungsverhältnis vermittelt werden. Dies betrifft jegliche Form der sexuellen Ausbeutung und oft auch den Heiratshandel, die Ausbeutung der Arbeitskraft, aber auch die Entnahme menschlicher Organe. Die Geschichte dieses modernen Menschenhandels lässt sich ab ca. 1880 nachvollziehen, nach dem der Handel mit Frauen als Deliktform in den polizeilichen Akten auftauchte. Zu dieser Zeit sollen Frauen aus West- und Osteuropa in Gebiete wie Südamerika, bestimmte Gebiete Afrikas und den vorderen Orient „exportiert“ worden sein, aber auch der Handel mit osteuropäischen und russischen Frauen nach Westeuropa ist belegt. Inzwischen sind die Gebiete Westeuropas keine Rekrutierungs-Territorien mehr, sondern Import- und Transitländer. Die Frauen stammen aus Ländern der „dritten Welt“ und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunehmend aus Osteuropa und Russland.

Die globale Vereinigung gegen den Frauenhandel „Global Alliance Against Trafficking in Women“ hat eine breitere Definition von Frauenhandel erarbeitet. Der Fokus dieser Definition liegt nicht auf der Betonung von Zwangsprostitution, sondern auf der Ausbeutung von Arbeitskraft, also um Arbeitssituationen, in denen Frauen ihrer Freiheit und fundamentaler Menschenrechte beraubt werden wie sexuelle Ausbeutung, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse und Freiheitsberaubung. Weltweit betroffen sind vor allem Thailand, die Philippinen, mittel- und osteuropäische Länder, davon hauptsächlich Polen, Russland und die Ukraine, lateinamerikanische Länder wie z.B. Brasilien und Kolumbien und afrikanische Länder wie Ghana und Kenia. Die Anwerbemethoden laufen über internationale, organisierte Schlepperbanden, Zuhälter, sogenannte Heiratsvermittlungsbüros, Arbeitsvermittlungsinstitute und private Vermittlung durch Bekannte und Verwandte, die bereits im Ausland leben.

Nach  Schätzungen der Vereinten Nationen sollen weltweit jährlich rund sieben Milliarden US-Dollar mit dem Handel von rund vier Millionen Menschen umgesetzt werden. Zahlen des Bundeskriminalamtes zufolge, waren von Menschenhandel und Zwangsprostitution bis 1980 vor allem südamerikanische Frauen betroffen, Anfang der achtziger Jahre Filipinas, ab Mitte der achtziger Jahre zunehmend afrikanische Frauen, bis 1989 Brasilianerinnen und junge Frauen aus Thailand. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union mit einer völlig neuen Dimension des Frauenhandels konfrontiert. Die Opfer in den westlichen Industrieländern sind zu 80 bis 90 % Frauen aus Mittel- und Osteuropa: aus Polen, aus Tschechien, aus Rumänien, aus dem Baltikum, aus Albanien, der Ukraine und Russland. Nach einem Jahresbericht von Tampep und Amnesty for women sollen bereits 1999 56% der Frauen aus Osteuropa gekommen sein, jeweils weitere 16% aus Lateinamerika und Afrika und  12% aus Südostasien.

Laut eines Lageberichtes des BKA zum Thema Menschenhandel (1999-2002) gelangen jährlich etwa 30.000 Frauen – etwa 60 Prozent von ihnen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren – durch Frauenhandel nach Deutschland, werden also illegal über die Grenzen gebracht. Laut dem Bericht sind ungefähr 25% der angeworbenen Frauen sind mit einer Beschäftigung als Prostituierte einverstanden. Ein ähnlich hohe Zahl von ca. 25 Prozent waren bereits in ihrem Herkunftsland als Prostituierte tätig. Sie werden aber oft über die Arbeits- und Lebensbedingungen im Unklaren gelassen und bei ca. 50 Prozent der Frauen soll zur Aufnahme oder Fortführung der Prostitution Gewalt angewandt worden sein. Alleine im Deliktsbereich „Zuhälterei und Schleusung“ sind, laut Angaben des Europarates, in den letzten zehn Jahren, die Profite um bis zu 400 Prozent gestiegen.(Spiegel, 2003, Nr. 26, S. 45)

Auch die Organisationen „Amnesty for Women“ und die „Koordinierungsstelle gegen Frauenhandel (KOOFRA)“ bestätigen, dass viele der Frauen sich bewusst sind, dass sie in der Prostitution arbeiten sollen. Allerdings wissen sie nicht unter welchen Bedingungen sie zu arbeiten haben. Wenn man das Thema nicht moralisch bewertet und zwischen freiwilliger Prostitution und dem Zwang zur Prostitution unterscheidet,  ist es ein großer Unterschied, ob man drei Monate ins Ausland geht und Geld an den Zuhälter, Schleuser oder den Organisator abgibt und dann mit erwirtschafteten Kapital wieder zurückfährt, oder ob man weggesperrt, „eingeritten“ und mit einer konstruierten Schuldenlast zur ständigen Arbeit gezwungen wird, ohne etwas dabei zu verdienen. Zwangsprostitution verstößt gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und stellt eine Menschenrechtsverletzung dar.

Bis 2004 wurde im deutschen Strafrecht unter dem Tatbestand Menschenhandel in den §180b und §181 nur der Zwang zur Prostitution oder zu sexuellen Handlungen erfasst. Aufgrund der weiterführenden Definition des EU-Rahmenbeschlusses zur Bekämpfung des Menschenhandels von 2002, die neben der Zwangsprostitution auch Sklaverei, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und Organhandel erfasst, wurde 2005 in Deutschland mit den neuen §232 und §233 StGB eine Strafrechtsänderung vorgenommen, die sich dieser erweiterten Definition anschließt. Eine weitere mögliche Verbesserung der Situation vieler osteuropäischer Sexarbeiterinnen in Deutschland zeichnet sich seit der EU-Osterweiterung ab. Seit Mitte 2004 können sie sich – auch in der Prostitution – als selbstständige Erwerbstätige registrieren lassen.


0 Responses to “Prostitution heute – zwischen legaler Dienstleistung und kriminellen Milieu”



  1. Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: