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Prostituiertenorganisationen

In den 70er und 80er Jahren entwickelten sich viele Basisorganisationen die sich selbstorganisiert für ihre Rechte als Prostituierte stark machten. Das ging von der Rechtsberatung, dem Aufbau sozialer Netzwerke und Ausstiegshilfe, bis hin zu politischen Aktionen, wie Kirchenbesetzungen (1975 in Frankreich und 1982 in London) und der Organisierung von Kongressen und Öffentlichkeitsarbeit. Viele dieser Basisinitiativen in England und den USA wurden in der Anfangszeit von schwarzen Frauen getragen, da deren prozentualer Anteil an der Straßenprostitution, entsprechend ihrer sozialen Benachteiligung, sehr hoch war. Diese Initiativen waren oftmals beeinflusst und vernetzt mit den afroamerikanischen Communities, so dass der Kampf um die Rechte der Prostituierten, dort nicht isoliert, sondern als Teilaspekt einer sozialen und politischen Emanzipationsbewegung gesehen wurde. Die verschiedenen Organisationen, die für die Rechte der Prostituierten eintraten, waren in sich nicht homogen und hatten, je nach Intention unterschiedliche Zielsetzungen.

In England tat sich 1975 das „English Collective of Prostitutes“ als eine eigenständige Organisation innerhalb der „International Wages for Housework Campaign“ (Kampagne zur Durchsetzung des Lohnes für Hausarbeit) zusammen. Sie führte eine Kampagne durch für die Abschaffung aller Gesetze gegen die Prostitution als eine Interessenvertretung der Frauen, die in Armut leben und denen die Prostitution oftmals die einzige Möglichkeit bietet um ihr Leben zu finanzieren und für die soziale Versorgung und Rechtshilfe von Frauen die im Rotlichtmilieu ihr Auskommen haben. In einer Erklärung von 1986 stellten sie statistisches Material der Vereinten Nationen (1980) in einem Zusammenhang dar, die die Ursachen der Prostitution deutlich machen sollte.

„(…)dass Frauen 2 Drittel der Arbeit auf der Welt verrichten und 10% des Einkommens auf der Welt erhalten und einen(!) Prozent der Güter auf der Welt besitzen, legt die grundsätzliche Wahrheit über die Prostitution dar, sowohl in der Dritten Welt, wie auch in Europa und anderen maßgebenden Ländern der Erde.“

In den USA ist das „United States Prostitutes Collective“(U.S.PROS) hervorgegangen aus einem New Yorker Kollektiv, das 1979 gegründet wurde. Daraus entwickelte sich ein nationales Netz von Frauen die in der Sex-Industrie arbeiten und anderen Frauen die deren Ziele vertreten. Sie sind eine Schwesternorganisation des „English Collective of Prostitutes“(ECP) und Teil des „International Prostitutes Collective“(ICP) dem neben Kanada, den Vereinigten Staaten auch Trinidad und Tobago angehören, außerdem sind sie vernetzt mit der „International Wages for Housework Campaign“. Das Ziel ihrer Kampagnen ist die Abschaffung der Gesetze gegen die Prostitution, nicht deren Legalisierung oder Entkriminalisierung, damit die Frauen als unabhängige Geschäftsfrauen arbeiten können. Anders als die Dekriminalisierung impliziert die Legalisierung der Prostitution, ihre Regulierung, Lizenzierung und Regristration. Prostituiertenorganisationen lehnen eine Legalisierung, also eine Institutionalisierung der Prostitution ab und favorisieren ihre Entkriminalisierung, da sie davon ausgehen, dass die mit einer Legalisierung einhergehenden Kontrollmaßnahmen für die Frauen keine wirkliche Verbesserung ihrer Situation bewirken und den Status der Stigmatisierung sogar noch deutlicher in den Lebenslauf der Frauen einschreiben.

Bereits 1973 wurde COYOTE (Call Off Your Old Tired Ethics) von den (Ex)-Prostituierten Margo St. James gegründet und war weltweit das erste autonome Prostituiertenprojekt nach dem 2. Weltkrieg. Coyotes Schwerpunkt liegt in der Destigmatisierung und Normalisierung von Prostitution, die als normale Arbeit, die dem Dienstleistungssektor zugehörig ist, verstanden wird. Diese Position, vor allem die Beispiele einzelner Aktivisten, die sich in der Öffentlichkeit zu ihrer Profession bekannt haben, haben Coyote eine große Medienöffentlichkeit verschafft. Im Jahr 1979 wurde die National Task Force on Prostitution“ gegründet mit der Absicht ein nationales Netz von Organisationen zu entwickeln, die sich als Fürsprecher für die Rechte der Prostituierten verstanden. 1984 wurde die erste nationale Konferenz in den USA abgehalten. Ein ähnliches Netzwerk existiert in Kanada. Auf dem ersten internationalen „Welthurenkongress“ in Europa in Amsterdam 1985, der von der neugegründeten Gruppe „De Rode Draad“ und mit Unterstützung von Gail Phetersen und Margo St. James, der Gründerin von Coyote, organisiert wurde, konstituierte sich das „Internationale Komitee für Prostituiertenrechte (ICPR)“ und wurde die Weltcharta für Prostituiertenrechte verabschiedet. Der zweite Welthurenkongress wurde vom ICPR organisiert und fand mit rund 150 Teilnehmerinnen im europäischen Parlament in Brüssel statt. Die darauf folgenden Kongresse fanden in San Francisco und in Italien statt. Der „Rode Draad“ bekommt seitdem Zuschüsse von der niederländischen Regierung. Bis zur Legalisierung der Prostitution im Jahr 2000 fungierte die Organisation als eine Lobbygruppe für die Rechte der Prostituierten. Nach 2000 verschob sich der Tätigkeitsschwerpunkt hin zu einem Informationszentrum und es existiert eine gewerkschaftliche Organisation für Prostituierte, das sogenannte „Vakwerk“.

2005 fand wiederum im europäischen Parlament die „Europäische Konferenz zu Sexarbeit, Menschenrechte, Arbeit und Migration“ statt, wo organisierte Sexarbeiterinnen mit Vertretern verschiedener NGO`s – überwiegend Arbeiter-, Migrantinnen-, und Menschenrechtsorganisationen, Lösungsansätze erarbeiteten bezüglich der Ausbeutungsverhältnisse in der Sexindustrie, z.b. bei der arbeitsbedingten Migration von Frauen. Vor allem ging es um eine Vernetzung der verschiedenen Problemfelder Prostitution, Migration, Menschenhandel, Gewerkschaftsarbeit und Aidsprävention.


In Deutschland wurde 1980 in Berlin „Hydra“ gegründet um die rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung von Prostituierten zu bekämpfen und die Autonomie der Frauen zu stärken. Vorbilder waren die amerikanische Prostituiertenorganisation „Coyote“ und französische Prostituierte, die 1975 mit Kirchenbesetzungen an die Öffentlichkeit gegangen waren. Im Oktober 1985 fand in Berlin der erste nationale Prostituiertenkongress statt, im gleichen Jahr auch der erste internationale Hurenkongress in Amsterdam, auf dem dann 1987 ein zweiter in Brüssel folgte. Durch das steigende Problembewusstsein um die HIV-Infizierten bekam Hydra 1987 öffentliche Gelder vom Berliner Senat zur Verfügung gestellt zur Planung und Organisierung eines Ausstiegprogramms für Prostituierte. Sehr viele Menschen vollziehen einmal in ihrem Leben einen Berufswechsel und belegen Umschulungsprogramme. Das ist Prostituierten mit der gleichen Interessenlage aufgrund der Stigmatisierung nur schwer möglich, so dass ihnen kaum eine andere Möglichkeit bleibt als ihren Lebenslauf „aufzubessern“ und aus einem anonymen Verhältnis heraus einen Neuanfang zu versuchen. Genau diese Arbeit leistet das Ausstiegsprogramm von „Hydra“, das bei den betroffenen Frauen auf sehr große Resonanz stieß.  In einer  Broschüre von 2002 favorisiert „Hydra“ die Idee eines Berufsverbandes, wo sich Prostituierte, Bordellinhaber und Fördermitglieder zusammenschließen, um ihre wirtschaftlichen und ideellen Interessen gemeinsam zu vertreten, um dann im Rahmen einer verbesserten Öffentlichkeitsarbeit, Qualitätsstandards für sexuelle Dienstleistungen zu erarbeiten, die dann mit einem offiziellen Gütesiegel kreiert werden und um als anerkannter Tarifpartner in den Lohnverhandlungen die Angestellten zu vertreten. Hydra bietet außerdem Informationen für Neueinsteigerinnen in die Prostitution und Workshops zum Thema Steuerrecht und Spezialisierung im SM-Bereich an.

http://www.hydra-ev.org/master/start.html

Priscilla Alexander/Frederique Delacoste, 1989, „Sexarbeit- Frauen in der Sexindustrie“, Heyne Verlag, München

Ein  Projekt, welches im europäischen Rahmen, mit klarem Bezug zu den Migrantinnen im Prostituiertenmilieu arbeitet, ist „Tampep“. Es wurde 1993 gestartet und umfasste zunächst die Länder Holland, Italien, Deutschland und Österreich. Der Schwerpunkt liegt in der HIV/STD-Prävention. Die Tätigkeitsfelder liegen in vielsprachigen Informations- und Aufklärungskampagnen und in der Ausbildung von Einzelpersonen die aus dem Bereich der jeweiligen Migrantinnenszene und aus der Sexbranche kommen, die dann als Mediatoren und Vertrauenspersonen für die Aufklärungsarbeit von Tampep wirken sollen. Daneben sieht Tampep weitere Schwerpunkte in einer antidiskriminatorischen Politik und in der konkreten Hilfe wie z.b. Rechtsbeistand, medizinische Hilfe und die Vertretung der Interessen der Frauen bei den Behörden.

In Deutschland wurde 1986 der bundesweite „Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt im Migrationsprozess e.V.(KOK)“ gegründet und 1999 als Verein eingetragen. Die Mitglieder sind kirchliche Vereine, Prostituiertenorganisationen, Migrantinnenprojekte und Fachberatungsstellen. Der KOK tritt für die Entkriminalisierung von betroffenen Frauen in der Sexindustrie ein und hilft bei einer Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation und versucht ein öffentliches Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen. Der KOK ist es gelungen die Verfahrensweisen von Behörden und der Polizei im konkreten Umgang mit dieser Problematik im Sinne der Frauen teilweise deutlich zu verbessern.

20 Jahre nach den vielen Organisationsgründungen hat deren Lobbyarbeit bemerkenswerte Erfolge vorzuweisen. In Holland und Deutschland haben verschiedene Organisationen bei der Entscheidungsfindung mitgewirkt, die zu einer gesetzlichen Anerkennung der Prostitution als normale Dienstleistung geführt hat. Das „International Network of Sexwork Projects“ überzeugte UNAIDS von der Notwendigkeit engagierte Sexarbeiterinnen als vollwertige Partner im Kampf gegen Aids miteinzubeziehen und in einigen Ländern Südostasiens haben sich Sexarbeiterinnen in Kollektiven mit tausenden von Mitgliedern organisiert.

„Die inneren Strukturen der verschiedenen Hurengruppen sind vielfältig. Nahezu alle haben die Rechtsform des Vereins gewählt, es gibt aber einige Initiativen, die rein ehrenamtlich tätige, lose Zusammenschlüsse von Kolleginnen gebildet haben. Manche Gruppen haben deutliche Entscheidungshierarchien über Vorstände, institutionelle Träger, Arbeitgeber oder Finanzeure aus dem sozialpolitischen Bereich. Andere Gruppen werden ausschließlich durch das autonome Hauptamtlichen-Team geleitet, in wieder anderen hat ein Plenum, also ein steig fluktuierendes Gremium Engagierter, Weisungsbefugnis. Die Finanzierung der Projekte reicht von einer gemeinsamen Kaffeekasse bis zu komplizierten Mischfinanzierungen aus  städtischen Haushaltstöpfen, projektbezogenen Ländermitteln, Stiftungsgeldern und bundesweiten Aktionsprogrammen. Auch EG, EU, WHO und UN-Mittel sind schon angezapft worden. Selbstverständlich haben diese unterschiedlichen Geldgeber Einfluss auf die inhaltlichen Schwerpunkte der geleisteten Arbeit. Besonders augenfällig ist dies in Projekten, die Geld aus AIDS- bzw. Drogentöpfen erhalten.“

Zitat, Seite 15 .„Prostitution : Ein Handbuch“,  Christine Drössler, Jasmin Kratz (Red.), 1994  Hg.: HWG e.V, Schüren Presseverlag, Marburg

Innerhalb der feministischen Bewegung, auf deren Definitionsrahmen – der Stellung der Frau in der Gesellschaft betreffend – sich viele Prostituiertenorganisationen bezogen haben, gibt es zwei grundsätzliche Standpunkte zur Prostitution. Der populärste besagt, dass Prostitution eine Form männlicher Unterdrückung darstellt und sexuelle, soziale und wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse bedingt. Der andere trägt den emanzipatorischen Diskurs dieser Thematik: die Anerkennung von Sexarbeit als gleichwertiges Lebens- und Arbeitsmodell in Hinblick auf die Erkenntnis das die Logik des Tausches auf der die Prostitution basiert, in versteckter Form, sich in den gesamten nicht-prostitutiven Liebes- und Arbeitsbeziehungen dieser Gesellschaft wiederfindet.

Hier wird der Standpunkt vertreten, dass Prostitution entkriminalisiert werden sollte und das jede Frau das Recht auf ihre eigene Sexualität hat, inklusive dem Recht sich zu prostituieren. Dieser Standpunkt wird inzwischen von vielen Medienpersönlichkeiten der Sexindustrie wie auch von Organisationen wie Cojote in der Öffentlichkeit vertreten. Diese Frauen stehen offensiv zu ihrem Beruf und gehen gegen die moralische Grenzziehung der Gesellschaft, die sie zu Außenseitern abstempelt gegen an und initiieren stattdessen einen positiven Identifikations- und Emanzipationsprozess. Vor allem sind dies Frauen mit einem höheren Bildungsgrad, die in einem beruflichen Werdegang in der Sexindustrie ihre größtmögliche Autonomie und überdurchschnittliche Verdienstmöglichkeiten sehen. Von Kritikern wird ihnen vorgeworfen, das sie den Mythos der sogenannten „Happy Hooker“ fördern – eine straßenerfahrene, schöne und sexy Frau, die aus eigenen Willen die Laufbahn der Prostituierten einschlägt und dies als eine Ausdrucksform sexueller Libertinage begreift – während die Gewaltverhältnisse die für einen Teil der Sexarbeiterinnen bestehen – wie Armut, finanzielle Abhängigkeiten, Suchtproblematiken, das Verhältnis zum Zuhälter, bis hin zur wirklichen Zwangsprostitution – ausgeblendet werden. Das die politische Interessenvertretung die Gefahr in sich birgt, eine Position der ausschließlichen Verteidigung und Glorifizierung der Prostitution einzunehmen, um der ständigen Stigmatisierung der Frauen zu begegnen, wurde auch seitens der Prostituiertenorganisationen erkannt und thematisiert.

z.b. im Vortrag von Maya Czajka, „Madonna e.V./Bochum auf dem 1. europäischen Prostituiertenkongress in Frankfurt a. Main (Quelle: „Women at Work“, Christine Drößler(Hg.)1992, Seite 141)

Die Prostituiertenorganisationen leisten wichtige Arbeit in Bezug auf  die gesellschaftliche Akzeptanz der Sexarbeit als eine normale Dienstleistung, sie wirken bei der Erarbeitung von Lösungsvorschlägen im Bereich von Gesetzesinitiativen und Verwaltungsrecht mit und bieten den direkt Betroffenen konkrete Unterstützung und Information an. Von einer regulären Arbeitnehmer, bzw. Gewerkschaftsvertretung oder einem Interessenverband auf Massenbasis sind sie allerdings noch weit entfernt. So steht z.b. das Echo des öffentlichen Interesses auf die medialen Selbstinzenierungen der Cojote-Gründerin Margo St. James in keinem Verhältnis zu der wirklichen Mitgliederzahl der Organisation und auch in Deutschland ist beispielsweise der Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V., der 2002 von acht Bordellbetreiberinnen gegründet wurde, weit entfernt von der Organisationsstärke anderer Bundesverbände im Dienstleistungssektor.

Die folgenden Webseiten bieten Links zu weiteren Organisationen und Ressourcen.

http://www.hookonline.org/resources/r_sg.htm
http://www.spreadmagazine.org/links.htm
http://www.bayswan.org/
http://www.hydra-ev.org/master/start.htmll


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