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Jan
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Die Dienstleistung – Zwischen Massenabfertigung und Spezialisierung

„Ich muss Ihnen auch von den Abfallen erzählen, die in der Kochnische unter der Spüle stehen, von den grünen Müllsäcken voller kleiner weißer Tüten mit schmierigen Papiertaschentüchern und Präservativen, laut Vorschrift müssen wir die Papierkörbe im Zimmer und im Badezimmer in die großen grünen Müllsäcke leeren, wenn sie voll sind, damit die Freier nicht abgeschreckt, nicht eingeschüchtert werden von der geballten Macht der Ejakulationen ihrer Vorgänger“

Zitat aus: „Hure“ von Nelly Arcan, S.130, Verlag CH.Beck, München 2002

Die meisten professionellen Prostituierten arbeiten in Deutschland als Selbstständige. Es werden zwar viele Frauen von Zuhältern kontrolliert und ausgebeutet, aber zwischen Prostituierten und Zuhältern besteht kein arbeitsrechtliches Verhältnis, sondern ein Privatverhältnis. Auch in den meisten Bordellen sind die Sexarbeiterinnen nicht angestellt, sondern haben einen Status als zahlende Mieterinnen oder freie Mitarbeiterinnen. Eine Prostituierte nimmt pro Tag im Schnitt 150 bis 300 Euro für sexuelle Dienstleistungen ein. Aber das durchschnittliche Monatseinkommen der Sexarbeiterinnen liegt in der Regel unter 1500 Euro. Der Löwenanteil des erwirtschafteten Geldes landet bei Zuhältern und Wirtschaftern. Außerdem profitieren insbesondere Immobilienbesitzer von der illegalen Prostitution. Sie berechnen für die Modellwohnungen, in denen hauptsächlich Migrantinnen ohne Arbeitserlaubnis anschaffen, Quadratmeterpreise von bis zu 50 Euro. Professioneller Sex kostet in Deutschland im Schnitt zwischen 50 – 100 Euro, wobei aufgrund zunehmender Konkurrenz die Tarife teilweise gefallen sind. Die Kondombenutzung war zwischen Kunden und professionellen Prostituierten bis vor wenigen Jahren Standard. Die Infektionsrate von Prostituierten lag unterhalb des Bevölkerungsdurchschnitts. Aber aufgrund der zunehmenden Konkurrenz können Kunden inzwischen den Verzicht auf Kondome vermehrt durchsetzen.

In Bordellen arbeiten die Frauen z.T. in Tagesschichten, um das Mittagsgeschäft mitzunehmen, von 10 Uhr morgens an, bis zu 12 Stunden lang oder in Nachtschichten. Die Situationen in den Wohnungen ist vergleichbar, je nach Situation werden die Räume in einer, oder in Wechselschichten genutzt. Bei den Arbeitszeiten beim Straßenstrich ist ein entscheidender Punkt, ob die Frau frei „anschafft“ oder von Zuhältern kontrolliert wird. Im ersteren Fall hat sie eine freie Zeiteinteilung und stellt sich bsp. für vier oder sechs Stunden hin, oder auch den ganzen Tag lang. In den Sexclubs verschiedenster Couleur müssen sich die Frauen in der Regel an feste Dienstpläne halten. Die Haus- und Hotelprostitution setzt eine ständige Erreichbarkeit der Frauen voraus. Die Arbeitszeiten werden mehr von der Nachfrage bestimmt, wobei die konkrete Arbeitszeitgestaltung davon abhängt, ob die Frau freiberuflich arbeitet oder innerhalb eines Organisationszusammenhanges verpflichtet ist.

Die sexuelle Dienstleistung wird entweder nach einem zeitlichen Tarif (z.b. eine Stunde und die darüber gehende Zeit in halben Stunden) oder nach einem vereinbarten Festpreis berechnet. Bei Straßenprostituierten und in Großbordellen wird in der Regel ein Festpreis vereinbart. Die Dienstleistung nimmt selten länger als 20 Minuten in Anspruch und gilt als erfüllt wenn der Mann ejakuliert hat. Ein Haus oder Hotelbesuch wird meistens nach dem Stundentarif berechnet. Die am häufigsten praktizierten Dienstleistungen sind die Handentspannung, der Fellatio und der Geschlechtsverkehr. Beim Oralverkehr gibt es nach den Befragungen von Kleiber/Velten die größten Unterschiede zwischen Sex mit und ohne Entgelt. Während in einer Beziehung meist der Mann mit dem Mund aktiv wird, ist es bei der Prostituierten genau umgekehrt. Über 55% der Männer praktizieren Cunnilingus mit ihrer Frau oder Freundin und von den Prostituierten wird von über 70% der Männer Fellatio als sexuelle Dienstleistung verlangt. In der Arbeitssphäre von Clubs und Appartements wird das Preis-Leistungsverhältnis eher klar definiert, während auf der Straße und in Großbordellen – Arbeitsplätze, die von der Laufkundschaft stark frequentiert werden – die Frauen über „Extraleistungen“ versuchen ihren Verdienst  zu erhöhen. So wird dem Kunden beispielsweise ein Fellatio für 30€ angeboten, wenn er dann mit auf das Zimmer geht, wird über mögliche Zusatzleistungen verhandelt. Solche Sonderleistungen können z.b. sein: das Ausziehen der Kleidung der Frau, die Erlaubnis die Brüste und die Vagina zu berühren, eine begleitende Massage und orale Stimulation der Peniswurzel und des Hodensacks, die Ejakulation auf den Körper der Frau und Oralverkehr ohne Kondom. Wenn der Kunde bestimmte Wünsche und Vorstellungen hat und auf das  Angebot einwilligt, kann der Tarif dann deutlich das Doppelte bis dreifache des zuerst genannten Preises betragen. Frauen die über ausreichende Menschenkenntnisse verfügen und es verstehen geschickt „nachzukobern“ können ihre Verdienstspanne so um ein erhebliches erweitern. Eine früher weit verbreitete Praxis war die Vortäuschung des Geschlechts- oder Oralverkehrs bei unangenehmen oder/und betrunkenen Kunden, indem die Frau „eine Falle schiebt“. Eine Methode, die oft im halbbekleideten Zustand praktiziert wurde, bei der mittels einer Handmassage der Verkehr simuliert wird, oder aber die Frau den Mann zwischen ihren Oberschenkeln befriedigt.

Was sich in den oft intellektuell geprägten Diskussion  um die reguläre Dienstleistung Sexarbeit, oft verbunden mit dem Mythos des „Happy Hooker“ abzeichnet und sicherlich  auch einer kleinen gebildeten Schicht von Frauen reale Vorteile in der dementsprechenden Arbeitsrealität verschafft, ist sehr deutlich  mit Mehrarbeit verbunden. Sex als Dienstleistung, psychologisches Einfühlungsvermögen, schauspielerische Qualitäten  – damit der Kunde sich als solcher bedient fühlt, wenn nicht sogar therapiert wird. Das sind alles Qualifikationen, Anforderungen, die an das hochpreisige Segment der Callgirls gestellt wurden und jetzt in der aktuellen Diskussionen völlig selbstverständlich der normalen Prostituierten als Mehrarbeit, als Rabatt an die Emanzipation ihres Berufes angerechnet werden soll. Was die aktuelle Diskussion völlig außen vor lässt, ist das im Rotlichtvierteln, die von sozialen milieuspezifischen örtlichen Verhältnissen geprägt waren, sehr oft ein Verständnis von Prostitution vorhanden war, das es als völlig legitim empfand den Freier über das Maß der sexuellen Dienstleistung zu kobern und abzuziehen – und das diese Praxis auch sehr viel mit dem Selbstverständnis und Selbstbewusstein der arbeitenden Frauen zu tun hatte.

Es gibt eine Vielzahl von Sexualpraktiken und besonderen Wünschen und Vorlieben und die Prostituierten auf der Straße, wie im Bordell oder Club eignen sich mit der Zeit ein eigenes Repertoire an oder spezialisieren sich, um Stammkundschaft zu gewinnen und höhere Tarife verlangen zu können. Die geläufigsten, die in den Anzeigen teils auch als Synonyme auftauchen sind: Spanisch, Französisch, Griechisch und Domina. „Spanisch“ – wird von großbrüstigen Frauen angeboten, die den Kunden zwischen ihren Brüsten zur Ejakulation bringen. „Französisch“ meint den Oralverkehr,  mit dem Kürzel 69 ist der beidseitige Oralverkehr gemeint und bei der Variante des „Face Sitting“ sitzt die Frau auf dem Gesicht des Kunden. Griechisch ist der Ausdruck für jeden Sex, wo der Penis in den After eingeführt wird, bezeichnet also den Analverkehr. Weitere Möglichkeiten sind das Angebot des Gebrauchs von Sextoys wie Vibratoren oder Penisringen, Intimrasuren des Freiers, spezielle Sexualtechniken wie sie in der Kamasutra oder im Tantrismus beschrieben werden, die Besamung und der spielerische Umgang mit dem Sperma, Ölmassagen, Doppelpenetration etc, etc.. Wenn die Arbeit im Teamwork und in einem festen Etablissement betrieben wird, erweitert sich das Spektrum: –  beispielsweise um das Angebot von Sex mit zwei, bzw. mehreren Personen, wobei zwei Frauen mit bisexuellen Neigungen (real oder geschauspielert) und ein männlicher Kunde, das geläufigste Trias darstellen. – Die Möglichkeit des Kunden seinen voyeuristischen Neigungen nachzugehen und anderen beim Sex zuzuschauen.  -Badewannen, Duschen, Whirl- oder Swimmingpools, die auch für sexuelle Handlungen genutzt werden können, -spezielle Massagen wie Thai-Massagen und Ganzkörper-Massagen mit abschließenden Oral- oder Geschlechtsverkehr.

Weitergehende Spezialisierungen

Weitergehende Spezialisierungen gehen auf ebenso weitergehende Wünsche ein und werden von einem geringeren Prozentsatz der Prostituierten angeboten, die die höhere Verdienstspanne als Anreiz sehen, sich als Sexualtherapeuten verstehen oder dementsprechende Vorlieben haben. Auf diesen Bereich haben sich eine Vielzahl von Studios spezialisiert. Da oft umfangreiche Vorinvestitionen nötig sind  – zb. für die Einrichtung von Spezialräumen, wie eine Nasszelle mit Kacheln und Abfluss, einen Gummiraum, mit Bettinterieur und Kleidung aus Gummi, einem Raum für das Cross-Dressing mit dementsprechenden Requisiten und Themenräume wie z.b. einen Kerker, einen viktorianischen Salon oder eine Gruft –  sind in diesem Bereich vor allem Großunternehmer und das mittelständische Segment des Gewerbes aktiv. In den größeren Etablissements stehen die Frauen meistens in einem Angestelltenverhältnis.

Diese erweiterten Angebote, die sich an den Vorlieben der Kunden orientieren, können beispielsweise sein:
.-Babyspiele – Rollenspiele, wo sich der Freier in das Kindesalter zurückversetzt fühlt, und sich die Prostituierte als seine Mutter vorstellt. Der Freier kann dabei Windeln tragen, sich pudern und das Fläschchen geben lassen und seine infantile Phase nacherleben. Diese Rollenspiele sind oft mit dem Gummifetischismus kombiniert.
.-Fetischismus – Der Fetisch ist ein Gegenstand oder Körperteil, der verehrt oder angebetet wird und beim Kunden Lust und Erregung auslöst. Dies kann die Fixation auf ein bestimmtes Körperteil sein, wie z.b. Haare, Beine und Po oder der weit verbreitete Fußfetischismus. Aber auch Objekte wie Lippenstifte, Peitschen, Handtaschen und  Materialien wie Leder, Gummi, Seide oder Spitze können Ziel der Begierde sein. Oft ist es eine Kombination von beiden. Kunden mit Fetischneigungen sollen gern getragene Slips oder Strümpfe von der Frau mitnehmen.

-Urinspiele („Golden Shower /Natursekt“) Urinieren in den Mund, das Gesicht oder auf den Körper zb. im Rahmen eines SM-Rollenspieles, als Finale des Geschlechtsverkehrs oder als Genussakt  Natursekt (NS) wird seitens der Kunden oft  verlangt, dabei uriniert die Sexarbeiterin dem Freier direkt in den Mund, was von der Frau ein beträchtliches Maß an Körperbeherrschung und Erfahrung verlangt. Beim „Golden Shower“ wird auf den gesamten Körper uriniert. Dies wird oft in gekachelten Räumen oder in der Badewanne  praktiziert.
.- Kaviarspiele, Koprophagie – das Essen von Kot(„Kaviar“) und Skatologie – das Spielen mit Kot. Nur wenige Sexarbeiterinnen bieten diesen Service an  und er wird auch nur selten verlangt, oft soll dem Freier schon das Gespräch darüber zufrieden stellen. Diese Spiele finden zweckmäßigerweise in der Nasszelle oder in der Badewanne statt und bewegen sich zwischen dem Hervorholen von Kot aus dem Darm und anschließendem Verschmieren auf dem Körper bis hin zur gepflegten Dinnertafel.
.-Fesselspiele/Bondage – Der Zustand der Nacktheit und Bewegungsunfähigkeit schafft eine Situation des Ausgeliefertseins und der passiven Hingabe, die von den Praktizierenden als ein intensives Lusterlebnis genossen werden kann.. Die Intensität des Fesselprogramms hängt davon ab, welche Körperhaltung fixiert wird, wie lange in dieser Fesselung verharrt wird und wie eng sie am Körper anliegt.
.-Cross Dressing – Kunden die Frauenkleider tragen,  von Strümpfen oder Dessous beim GV, bis zum kompletten Identitätswechsel  mit Kleidern, Schuhen, Perücke und Make-up. Oft auch in Rahmen eines Rollenspiels. Beliebt sind die Rollen der Zofe, Dienstmädchen, Toilettenfrau, Putzfrau oder Hure.
.-Flagellation (meint in christlicher Tradition die Selbstgeißelung oder Auspeitschung des menschlichen Körpers) Geschlagen wird z.b. mit Rohrstöcken, Peitschen, Reitgerten oder mit der Hand. Oft sind die Schläge Teil eines Rollenspiels oder sie dienen ausschließlich der Intensivierung des Körpergefühls. Auch hier ist eine Einarbeitung und ein spezielles Fachwissen notwendig. Schläge auf die inneren Organe und die Gelenke könne gesundheitsgefährdend sein und oft müssen Striemen, blaue Flecken sowie Platzwunden vermieden werden.

http://www.hydra-ev.org/master/start.html

Die zuletzt aufgezählten Spezialisierungen werden oft innerhalb des breiten Spektrum des „BDSM“ Bondage (Fesselspiele) und SadoMaso angeboten. Rollenspiele sind ein wichtiger Bestandteil des BDMS und eröffnen den Beteiligten die Möglichkeit mit sich selbst und ihren Gefühlen zu experimentieren. Diese theatralen Inszenierungen und Thematisierung von Partnerverhältnissen, von sexueller Dominanz und Unterwerfung, sind ein wichtiges Kriterium für die momentane Popularität von BDMS.
SM-Studios haben sich auf den Service sadomasochistischer sexueller Handlungen spezialisiert, wobei psychische Erniedrigungen mindestens eine ebenso wichtige Rolle spielen wie körperliche Gewalt. Viele Frauen über 30 spezialisieren sich auf Dominadienste, da auf dem Straßenstrich und in den Großbordellen nur bis zu dem Alter von ca. 25 Jahren hohe Umsätze zu erzielen sind, während eine Domina auch noch jenseits der 40 gutes Geld verdienen kann. Die meisten Studios ähneln den Klein- und  Wohnungsbordellen und die Preise liegen grundsätzlich über den Tarifen von normalen Bordellen. Allerdings ist die Grundinvestition auch wesentlich höher. Die Einrichtung eines einfachen SM-Studios kann leicht mehr als 10-15 000€ kosten, bzw. erfordert in einer professionellen Ausstattung eine Investition von  um die 80.000€ da spezielle Gerätschaften zur Grundausstattung gehören, wie z.B. ein Pranger, Andreaskreuz, einen Flaschenzug, Haken, Ketten und Fesselmanschetten, Folterbank, einen Käfig, Bock, Sattel und Zaumzeug etc. Sadomasochistische Praktiken werden im Bordell oder Club weitaus häufiger praktiziert als in der Privatsphäre der Männer. Nach der Studie von Kleiber/Velten sagten über 17% der Befragten, dass psychische oder physische Gewalt bei ihren sexuellen Begegnungen mit Prostituierten eine Rolle spielten, während bei den Partnerinnen im heimischen Schlafzimmer, dies nur bei 2,5% der Fall war. Sogenannte „weiße Studios“ oder Klinikräume stellen ein weiteres Segment der Spezialisierung. Es sind Räume, die wie ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis eingerichtet sind. Das Angebot kann von einfachen Rollenspielen einer „Untersuchung“ durch einen Arzt oder Krankenschwester, Anschnallen auf einem gynäkologischen Stuhl, bis hin zu Zwangsernährung und Operationen reichen. Klistier-Spiele -Darmspülungen, bei denen mittels verschiedener Geräte warmes Wasser in den Darm eingelassen wird – sind typisch für den Bereich der „weißen Studios“.

Sozialtechniken von Sexarbeiterinnen

„Wir reden oft darüber und müssen dann lachen, nicht über die Kunden, aber über das was wir denken, wenn wir mit den Kunden bumsen – so zum Beispiel rechne ich mir aus, wieviel Kalorien ich an dem Tag gegessen habe oder eben etwas ganz anderes. Jedenfalls denke ich nicht an Sex dabei, oder dann nur, daß Sex Geld ist. Oft denkst du:“ Das sind 20 Pfund, Wahnsinn.“ Das hört sich ziemlich kommerziell an, aber meistens denkst du:“Damit kann ich jetzt die und die Rechnung bezahlen. – Oft sind es diese naheliegenden Sachen, an die du meistens beim Bumsen denkst.“

Zitat aus „Seitenstraßen“, Seite 99  Cecilie Hoigard, Liv Finstadt, 1987

In kaum einer anderen Berufsgruppe gibt es eine derart ausgeprägte Trennung von Arbeits- und Privatleben. Die Stigmatisierung der Prostitution zwingt die Frauen oft zu einem Doppelleben, bei dem der Beruf im Alltagsleben und vor Freunden und der Familie verheimlicht wird. Wie alle anderen berufstätigen Frauen müssen sie Reproduktions-, Hausarbeit und Kindererziehung mit ihrer Berufstätigkeit in Einklang bringen, erhalten aber durch ihren Job in der Regel keine gesellschaftliche Anerkennung, wie dies in anderen Berufssparten der Fall ist. Bei Prostituierten sind ihr Körper und ihre Attraktivität ihr Kapital. In keinem anderen Beruf ist der soziale und physische Kundenkontakt so nah, wie zwischen einer Prostituierten und ihrem Freier. Um die Sexarbeit über längere Zeit hinweg ausüben zu können, müssen sich die Frauen ihre emotionale Unabhängigkeit gegenüber dem Kunden erhalten, indem Privat- und Berufsleben strikt getrennt werden und der Kundenkontakt klar als Geschäftsverhältnis definiert wird, dem deutliche Grenzen gesetzt sind. Gefühle sind für das Privatleben reserviert. Frauen, die nicht im Sexgeschäft tätig sind, empfinden den Geschlechtsverkehr als eine intime Begegnung, die ausschließlich  der Sphäre des Privaten zugerechnet wird. Für Prostituierte hingegen ist dieser Intimbereich während ihrer Arbeitszeit „öffentlich“, so dass es zu Umbewertungen der eigenen Intimzonen kommen kann. So ist es z.b. unüblich, dass Prostituierte sich auf den Mund küssen lassen, da dies von ihnen oft als ein privater, intimer Akt verstanden wird.

„Ich finde, ein Zungenkuß ist das Intimste, was es überhaupt gibt. Wenn ich heute einen Geschlechtsverkehr habe, dann mache ich da einen Präser drüber, das ist nicht so intim, als wenn ich mit einem Mann einen Zungenkuß austausche. Ich finde, ein Zungenkuß ist was ganz Intimes, das sollte man wirklich bloß mit seinem Partner machen und nicht mit irgendeinem, der ein Gebiß drin hat oder Knoblauch gegessen hat oder sonstiges.“

Zitat aus: Prostitution professionell – Über die Sozialtechniken von Sexarbeiterinnen von Martina Schuster    http://parapluie.de/archiv/haut/prostitution/

Gerade von Prostituierten, die sich im Rahmen eines emanzipatorischen Diskurses öffentlich zu ihrem Beruf bekennen, wird gesagt, dass ihnen ihr Job Spaß macht und sie den Geschlechtsverkehr mit den Kunden oft auch genießen können. Sicherlich haben viele Sexarbeiterinnen zum Geschlechtsverkehr, bzw. zur sexuellen Dienstleistung ein weitaus alltäglicheres und entspannteres Verhältnis, als sonst in dieser Gesellschaft üblich, wo die sexuelle Begegnung als Höhepunkt einer Liebesbeziehung zwischen zwei Partnern gewertet wird. Aber viele Frauen werden wohl weitgehend eine klare Trennung von Beruf und Privatsphäre praktizieren, die aufgrund der gesellschaftlichen Standards und der durch die Erziehung verinnerlichten moralischen Werte, auf einen Ausschluss der Gefühlswelt bei der Arbeit hinausläuft.

„Als Prostituierte zu arbeiten, hat recht wenig mit einfach hinlegen und Beine breit machen zu tun. Ich bin die Aktive, die arbeitet. Und bei der Arbeit kann ich mich eben nicht auf Erotik und Sexualität konzentrieren. Um einen Orgasmus zu bekommen, muß ich wenigstens eine entspannte Atmosphäre haben, und das habe ich bei der Arbeit nie. Ein Frauenarzt packt mir auch in die Scheide und bekommt davon keine Erektion — das ist genauso“

Zitat aus: Prostitution professionell – Über die Sozialtechniken von Sexarbeiterinnen von Martina Schuster    http://parapluie.de/archiv/haut/prostitution/

Es gibt Formen des sozialen Verkehrs außerhalb des Privaten in denen die Preisgabe der Intimsphäre bis zum gewissen Grade neutralisiert ist, z.b. in den Beziehungskontexten zwischen Künstler und Model oder Arzt und Patient. Der Arbeitsbereich der Sexarbeiterinnen bewegt sich in einem Grenzbereich zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, der anders konnotiert wird. Die Preisgabe der Intimsphäre ist die Grundlage der Erwartungshaltung des Kunden. Trotzdem findet bei der Prostituierten, wie auch bei anderen Sexarbeiterinnen eine Form der Neutralisation dieser Situation und eine Abgrenzung zum Privaten statt.

„ Ich sagte: „Und jetzt stell dir vor, wie du ihn zwischen sie schiebst, stell dir vor, wie ich dich mit meinen Brüsten wichse. Gefällt dir das?“ Normalerweise gefiel das. Ich wollte wie ein schelmisches kleines Mädchen klingen, aber es war nicht überzeugend, ich war mit den Gedanken überall, nur nicht da. Er ließ ein, zwei absolute Schwachsinnssprüche vom Stapel, primitive Sauereien: „Du bist mir ´ne ganz Vorlaute, was? Ich wichs mich zum Krüppel, wenn ich deine Titten seh.“ Er klang schwer erregt. Ich hatte mir den Hörer ans Ohr geklemmt und trieb weiß was mit meinen Brüsten. Schließlich unterbrach ich ihn: „willst du jetzt meine Freundin sehn? Das ist ein tolles Mädchen, wart´s nur ab!“ Wie Roberta, wie die meisten Mädels, hatte ich meine besondere Stimmlage für die Bühne und meinen ganz speziellen Wortschatz für die Kunden, das hatte mit dem Zivilleben nichts zu tun. Bei den ersten Laberjobs hatte ich mich noch gar nicht richtig getraut, die Kunden wie eine komplette Idiotin anzusprechen, weil ich dachte, daß sie mir das krummnehmen würden und meinen könnten, ich mach mich über sie lustig. Aber mit der Zeit merkte ich, daß sie wollten, daß man genauso mit ihnen sprach, mit einer Stimme „solcher“ Mädchen. Einer idiotischen, absolut nervtötenden Stimme. Wie ´ne richtige Superbiene.“

Zitat aus dem Roman „ Die Unberührte“ von Virginie Despentes (Hamburg 2001 : 48), der autobiographische Züge trägt. Die Autorin, 1969 geboren, arbeitete in verschiedenen Massagesalons und Peepshows, bevor sie zu Schreiben und Filmen begann.

siehe auch „Nightwork- Sexuality, Pleasure and Corporate Masculinity in a Tokoy Hostess Club“ von Anne Allison London 1994

Dieses Rollenverhalten vieler Sexarbeiterinnen wird seitens männlicher Kunden oft erwartet, da es eine Ausnahmesituation schafft, die es ihnen möglich macht ihr Rollenverständnis von Männlichkeit bestätigen zu lassen. Andererseits hilft es den Frauen zwischen Arbeit und normalen Alltagsleben eine klare Trennung vorzunehmen. Dieser gespielte Charakter kann als eine Art zweite Haut funktionieren, in die man zur Arbeitszeit hineinschlüpft und später wieder abstreift. Die Frauen arbeiten in der Regel mit einem Künstlernamen und benutzen oft eine fiktive Biographie um auf Fragen der Kunden antworten zu können, ohne Privates preisgeben zu müssen. In dieser Hinsicht kommt auch dem Tragen von Kunsthaar, spezieller Arbeitskleidung und visagistischen Techniken neben ihrer sexuellen Reizwirkung, eine eigene Bedeutung zu. Ob es mit der Dauer dieser Tätigkeit und zunehmenden Erfahrungen mit Kundenkontakten zu einer Professionalisierung kommt – nicht auf die sexuelle Dienstleistung bezogen, sondern in Bezug auf die Unverletzlichkeit der Privatsphäre und Gefühlswelt der Frau – oder aber sich eine Vermischung zwischen Arbeit und Privatem einstellt und das Verhältnis zu Männern generell negativ beeinflusst wird und sie nur noch als potentielle Kunden wahrgenommen werden, hängt nicht nur von der Persönlichkeit der einzelnen Frau ab, sondern auch von den Ausgangsbedingungen und Verhältnissen in welchen die Sexarbeit ausgeübt wird.


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