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Jan
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Sexualmoral und die Ursprünge der Pornographie

Inhaltsangabe

Sexualmoral und die Ursprünge der Pornographie

Bonobos und Genitalscham – ein anderer Blickwinkel auf biologistische Theorien
„Lust“ und „Liebe“ – Trennungslinien christlicher Moral
Die Kleinfamilie als Keimzelle der bürgerlichen Tugenden

Sexualmoral und medizinische Paradigmen

Die „objektive“ Wissenschaft – Medizinische Paradigmen als Indikator der Sexualmoral
„Hysteria“ und Vibratoren
Die Comstock-Laws – Zensur als Kategorie in der Gesetzgebung

Lebens- und Sexualreform im kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik

Aufklärung und Sexualpädagogik als notwendige Reaktion auf die Syphilis
Die Sexualwissenschaft im Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs
Die FKK-Bewegung
Der „pikante“ Film
Sittenfilme zwischen Aufklärung und „Pikanterie“
Sexuelle Subkulturen und die Boheme als Propagandisten der sexuellen Revolution
Die Reduktion der Sexualwissenschaft auf eine akademische Disziplin
Exkurs Kommunebewegung

Bonobos und Genitalscham – ein anderer Blickwinkel auf  biologistische Theorien

Was biologistische Theorien betrifft, für die bis jetzt nur männlich dominierende Schimpansenarten für Erklärungsmodelle der Entstehung menschlichen Sexualverhaltens herhalten mussten, lassen die Beobachtungen einer spät entdeckten Schimpansenart eine neue Lesart zu. Die “Bonobos“, anfänglich auch Zwergschimpansen genannt, wurden zum ersten Mal, um 1970, in den unzugänglichen Regenwäldern der Republik Kongo gesichtet. In vielerlei Hinsicht sind sie mit den gewöhnlichen Schimpansen vergleichbar. Sie leben in ähnlich großen Gemeinschaften,  allerdings wurde im Gegensatz zu Schimpansen oder Gorillas, das Töten von Jungen bei Bonobos nie beobachtet. Im Vergleich dauert die Empfängnisbereitschaft während der Fruchtbarkeitszyklen bei weiblichen Bonobos länger und auch die sexuelle Aktivität ist während der Schwangerschaft länger. Die sexuelle Aktivität der Weibchen beugt dem Töten der Jungen vor, weil die Anzahl männlichen Bonobos zur Verfügung stehenden Partnerinnen größer ist und die Konkurrenz zwischen den Männchen so abgeschwächt wird. Mit dem Erreichen der sexuellen Reife verlassen die Weibchen ihr Zuhause während die Männchen bleiben. Die Jungen bleiben jahrelang bei ihren Müttern, die ca. alle 4-5 Jahre neuen Nachwuchs bekommen. Söhne sind ihren Müttern ein Leben lang untergeordnet, können als junge erwachsene Männchen aber eine hohe Stellung mittels der Unterstützung der Mütter erreichen, was eine weibliche Ko-Dominanz bewirkt und die Stellung erfahrener männlicher Leittiere mindert. Während sich die gewöhnliche Schimpansengesellschaft durch eine besondere Aggressivität der Männchen auszeichnet, leben die Bonobos relativ friedlich und gleichberechtigt zusammen. Sex ist bei ihnen nicht an Reproduktionsmittel gebunden, sondern dient sozusagen als sozialer Balsam. Neben ihren heterosexuellen Beziehungen vergnügen sich die Bonobos auch mit ihren eigenen Geschlechtsgenossen/innen und mit Partnern aller Alterstufen. Sie teilen sexuelle Gefälligkeiten aus um den anderen zu beruhigen, Futter zu bekommen, um Zuneigung und Verbundenheit auszudrücken oder um Stress abzubauen. Begegnen sich verschiedene Gruppen, erfolgt häufig eine Paarung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Zugehörigkeit. Ein fremdes Bonobo-Weibchen, in einer neuen Gruppe, hält zunächst nach dem ranghöchsten Weibchen Ausschau, um sie dann zum „genital-genital-rub“ aufzufordern. Damit signalisieren sie freundschaftliche Absichten und diese positiven Reaktionen sind eine Voraussetzung für die Aufnahme in der Gruppe.

Eine weitere biologistische Theorie besagt, dass die Genitalscham besonders reizende Körperteile dem öffentlichen Blick entzieht und sie privatisiert. Also bedecken Mann und Frau ihre Genitalien um eine Kontrolle über die Sichtbarkeit ihrer Kopulationsbereitschaft auszuüben. Das Bedecken der Genitalien, eine bestimmte Art zu sitzen etc.. reduziert die sexuelle Reizung des Anderen innerhalb einer Gemeinschaft, da es sonst zu einer größeren Aggressionsbereitschaft und destruktiven Konflikten kommen könnte. Dies schafft auch bessere Voraussetzungen für Partnerbeziehungen, einer Grundlage für soziale Reglements, die die Lineage der Nachkommenschaft klar definieren helfen und vor allem auch ihr Überleben sichern. Da scheint also die Grundlage eines Zivilisationsprozesses zu liegen, der allerdings keinen europäischen Standard meint, sondern in allen menschlichen Gemeinschaften dieses Erdballs zu finden war und ist.

So wurde im alten Griechenland ein athletisches, oft auch homoerotisches bis pädophiles Körperbild des Mannes gepflegt. Allerdings galt das Entblößen der Eichel als äußerst schambesetzt. Entweder wurde die Vorhaut über die Eichel gezogen und vorne zugebunden oder man rollte den Penis nach hinten und band ihn hoch Bei den Menschen der Neu-Hebriden auf der Insel Malekula gab es vergleichbare Schamgrenzen. Alle Männer trugen nach der Beschneidung eine als „namba“ bezeichnete Penishülle In vielen verschiedenen geographischen Räumen, von Südamerika bis Afrika, in den Klimazonen die eine Körperbedeckung  zum Schutze des Körpers nicht zwingend notwendig machten, lässt sich das Tragen von PH`s, gemeint sind Peniswickel, Futterale oder Kalebassen, nachweisen. Die Männer der Bhaca in Transkei trugen noch unter den europäischen Hosen ein Penis-Futteral, da man sonst „ wie nackt“ sei und den Kavahem am Rio Madeira galten die weißen Männer als schamlos, weil sie unter ihren Hosen nackt waren. Für die Frauen lässt sich in fast allen Kulturen Vergleichbares für die Bedeckung ihres Geschlechts finden.

Duerr, Hans Peter  1990 u. 1993 „Intimität“ –  und „Obszönität und Gewalt –  Der Mythos vom Zivilisationsprozess“, Suhrkamp , Frankfurt a. Main



„Lust“ und „Liebe“ – Trennungslinien christlicher Moral

In den frühen Religionen wurde oftmals die Verbindung zwischen spiritueller Liebe und ihrer körperlichen Repräsentation, dem Geschlechtsverkehr, als ein spiritueller Akt, als eine „Hymnos gamos (Heilige Hochzeit)“ zelebriert, der in vielen frühen Agrargesellschaften durch den König und der Königin oder einer Tempelpriesterin durchgeführt wurde, wobei die Menschen stellvertretend für die jeweiligen Götter ihrer Kosmologie standen. Das  Ritual stand im Kontext der Sicherung des Fortbestandes der Fruchtbarkeit – der der menschlichen Gemeinschaft, sowie der des bearbeitenden Landes, also der Ernterträge. Auch bei den Griechen wurden die Vereinigungen zwischen den Göttern und Göttern und Sterblichen als Hieros gamos bezeichnet. Bis zu einem gewissen Grad waren Bestandteile der antiken phallischen Religion noch bei den Agape-Festen und Vigilien lebendig, sowie die frühchristliche Eucharistie als Überbleibsel der „Hyros gamos“ noch den heiligen Kuss kannte. Diese Praxis und dieses Wissen wurde aber durch Beschlüsse verschiedener Kirchenkonzile unterdrückt und geriet in Vergessenheit. Im Mittelalter wurde die „Hymnos gamos“ zum zentralen Begriff einer hermeneutischen Alchemie, die zwar „körperbezogen“ war, Sexualität aber nur als Metapher benutzte. Als Beispiel kann das zuerst 1550 publizierte „Rosarium philosophorum” gelten, welches u.a. von Carl Jung interpretiert wurde.

Agape  (griech.= Liebe) – Agape bezeichnet einerseits das geschwisterliche Liebesmahl der ersten Christengemeinden, bzw. die urchristliche Tischgemeinschaft zwischen arm und reich, die oft mit der Eucharistie(Abendmahl ) verbunden war. Nach der Trennung von Eucharistie und Agape diente die Agape meist karitativen Zwecken.  Heute wird in den katholischen Gemeinden ein Agape-Mahl meist nur noch am Gründonnerstag als schlichtes gemeinsames Mahl gefeiert.
Vigilien (lat. vigilia – das Wachen, die Nachtwache)- Die Nacht wurde im frühen Mittelalter in vier Vigilien (auch stationes) eingeteilt. Aber auch: Vigilia, pervigilium, nox, abend, Vorabend, bannfasten, auch profestum, vorfest, der voddere dagh – bedeutet den Tag vor einem Feste. Die Vigilien endeten ursprünglich bei Sonnenaufgang.  Seit dem 12. Jahrhundert verlegte man die Vigilien auf die frühen Morgenstunden oder rückte sie auf die Zeit vor Mitternacht hinauf.

Die Christen lösten die spirituelle Liebe endgültig aus diesem Kontext und machten aus ihr ein Symbol der Beziehung zwischen Mensch (Mann) und Gott. Die Kirche galt als die „Braut Christus“, allerdings ohne ein reales Bett oder Brautgemach. Die Beziehung zwischen Christus und der „Braut“ definierte sich aus dem Verhältnis von seinem Vater Joseph und der Jungfrau Maria, die mit Jesus schwanger ging ohne das sie Geschlechtsverkehr mit Joseph hatte. Das heißt aber nicht, dass sie sich mit einem anderen Vertreter des männlichen Geschlechts vergnügt hatte, sondern aufgrund eines göttlichen Eingriffs schwanger wurde. So wurde die Jungfrau Maria zu einem Symbol von Reinheit und vergeistigter Liebe, unberührt von zur Sünde erklärter fleischlicher Liebe und Lust. Dieses paradoxe Bild von der jungfräulichen Mutter Maria, das die Ideale der Keuschheit und der Fruchtbarkeit in sich vereinigt, gibt die Auffassung der mittelalterlichen katholischen Kirche zur Sexualität wohl am besten wieder. Daraus folgte auch die strikte Unterscheidung zwischen Liebe und Lust. Liebe ist lyrisch und romantisch. Die Troubadoure besangen sie, im Minnedienst wurde sie kultiviert. Sie kommt aus dem Herzen und lässt die Seele klingen. Sie wird in vielen Theaterstücken, Opern, Liedern, Büchern, Bildern und Filmen thematisiert und dargestellt. Lust hingegen lässt die Körpersäfte fließen und macht das Laken fleckig. Sie liefert den Stoff für Limericks, „schmutzige Witze“ und sogenannte obszöne Literatur, Bilder und Filme. Die öffentliche Darstellung von Lust steht gegen althergebrachte moralische Konventionen und der sogenannten Peinlichkeitsgrenzen, galt als obszön und wurde später dem Genre der Pornographie zugeordnet. Hier liegt sicherlich auch eine Erklärung für die Frage warum Pornographie so und nicht anders die dargestellte Sexualität und den Blick auf sie konstruiert. Lust muss nach diesen Konventionen, als Gegenpol einer rein vergeistigten, spirituellen Liebe primitiv, sündhaft und rein geschlechtlich sein.

Die ersten Führer der protestantische Reformation im 16. Jahrhundert, Luther und Calvin, lehnten die Autorität des Papstes und andere katholische Glaubensgrundsätze ab. Hinsichtlich der Sexualität behielten sie jedoch die meisten traditionellen Auffassungen bei. Die Einrichtung des Zölibats und die Glorifizierung sexueller Abstinenz, die seit Paulus und später u.a. von Augustinus propagiert wurde, griffen sie demgegenüber an. Beide heirateten und betrachteten Frauen als notwendige, aber untergeordnete Gefährtinnen des Mannes. Vor allem Calvin sah den Zweck der Ehe nicht nur in dem Hervorbringen und Erziehen von Nachkommen, sondern maß ihr einen eigenen Wert als soziale Institution zu.

Calvins Theologie übte einen großen Einfluss auf die englischen Puritaner aus, die im Laufe der Zeit in großer Zahl in die englischen Kolonien der amerikanischen Ostküste auswanderten. Aufgrund der harten Lebensbedingungen, die sich ihnen dort boten, maßen die Puritaner der Integrität der Familie einen hohen Stellenwert bei und standen jeder sexuellen Handlung außerhalb der Ehe ausgesprochen intolerant gegenüber. Vor- und außereheliche Sexualität wurde hart bestraft, ebenso Homosexualität und sexueller Kontakt mit Tieren. Weitergehend – um „Sittlichkeit, Zucht und Ordnung“ zu wahren – entwickelten sie strenge Vorschriften für Kleidung und öffentliches Verhalten. Die so entstehende Sexualmoral, die der des viktorianischen Englands entsprach, spiegelte sich in der Gesetzgebung vieler amerikanischer Bundesstaaten bis in das 20 Jh. wieder. Mit dieser Institutionalisierung der Familie ging  eine deutliche Ablehnung von Homosexualität einher, während es vor dem 17. Jh. für erwachsene Männer durchaus üblich gewesen sein soll, sexuelle Beziehungen zu Frauen als auch zu heranwachsenden Knaben zu unterhalten. Zwar galt lediglich der sexuelle Kontakt zu  Frauen im Rahmen der Ehe als legal und von der Kirche legitimiert. Nichtsdestotrotz waren andere sexuelle Beziehungen, z.b. mittels Ehebruch oder Prostitution, oder eben die sexuelle Penetration von heranwachsenden Knaben durchaus verbreitet und wurden im letzteren noch nicht mit einem unmännlichen Verhalten assoziiert, sofern in der vollzogenen sexuellen Praxis der erwachsene Mann seine Macht und Autorität demonstrierte, also penetrierte und sich nicht penetrieren ließ. Nach dem 17. Jh. wurde dieses traditionelle männliche homosexuelle Verhalten durch eine neue Sexualnorm abgelöst, die ausschließlich ein sexuelles Interesse an der Frau zuließ.

Die Epoche des Viktorianismus, die exemplarisch für die vorherrschende Moral im protestantischen Europa gesehen werden kann,  steht in dem Ruf rigider Reglementierung der Empfindungen, der Triebe und der Alltagsphantasie. Aufstieg und Entfaltung des britischen Bürgertums ab der Mitte des 19. Jh. waren eng verknüpft mit der Durchsetzung eines Sittlichkeits- und Realitätsprinzips, welches mit den Begriffen der vermeintlichen „Rationalität“ und der „systematischen Ordnung“ einherging.

In Frankreich hingegen war noch in der zweiten Hälfte des 18.Jh.die Freigabe sexueller Beziehungen in den höheren Gesellschaftsschichten weit fortgeschritten. Die Autoren des französischen erotischen Romans gehörten fast alle der Oberschicht, bzw. dem Adel an, der einen hochkomplexen Code für Liebesangelegenheiten in bezug auf außereheliche Beziehungen entwickelt hatte, der die Aufwertung der Sexualität und ihre gesellschaftliche Akzeptanz erleichterte. Allerdings begannen die Höfe anderer Länder und Kulturen ablehnend auf das französische Vorbild zu reagieren. Die libertine Lebensform, die für ungetrübten Sinngenuss und sexuelle Freizügigkeit einstand, überstand die französische Revolution und die folgende Herrschaft Napoleons nicht. Die  Tugendideale des Bürgertums gewannen allgemein an Bedeutung und die gesellschaftliche Öffentlichkeit war zunehmend charakterisiert durch Prüderie, die Tabuisierung von Sexualität und der Postulierung einer stringenten Ehemoral.

Gnüg Hiltrud, 2002, „Der erotische Roman“, Phillip Reclam jun., Stuttgart

Hunt Lynn (Hg.), 1994, „Die Erfindung der Pornographie“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main

Trumbach, Randolph , “The rise of the egalitarian family : aristocratic kinship and domestic relations in eighteenth-century England”,   New York,  Acadamic Press, 1978


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