18
Jan
10

Lebens- und Sexualreform im kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik

Aufklärung und Sexualpädagogik als notwendige Reaktion auf die Syphilis

Der Begriff „Sexualität“ entstand im 19.Jh. als man die sexuellen Komponenten vieler Verhaltensweisen zusammenfasste. Dieses Thema wurde als Schnittstelle zahlreicher Probleme der jungen Industrienationen wahrgenommen: der Geburtenrückgang, Fragen der Abtreibung und Empfängnisverhütung, bis hin zur politischen Aufforderung zum Gebärstreik im Zeichen des herannahenden ersten Weltkrieges, eine sich stark ausbreitende Prostitution, Geschlechtskrankheiten und die Möglichkeiten sich vor Ansteckung zu schützen. Eine Veränderung der Geschlechterrollen im Zeichen der zunehmenden Frauenarbeit, die Wahlrechtskampagne der Suffragetten, rauchende Frauen in der Zeitungswerbung und der beginnende Starkult des Kinozeitalters. Die Kleiderreform, Nacktheit, Scham- und Peinlichkeitsgrenzen, die Jugendbewegung und die neue Sportbegeisterung, wie auch die Entstehung einer neuen Körperlichkeit, die u.a. vom Tanz und von asiatischen Lehren und Bewegungssystemen beeinflusst wurde.

Im Oktober 1902 entstand in Berlin die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten“ in der überwiegend Ärzte vertreten waren. 1903 wurde in Frankfurt ein Kongress zu diesem Thema veranstaltet auf dem die meisten Ärzte den Standpunkt des rigiden Reglementarismus gegenüber der Prostitution vertraten. 1909 fand in Düsseldorf eine der ersten Gesundheitsausstellungen (mit 40 000 Besuchern) statt die sich neben den Geschlechtskrankheiten auch allgemeinen Fragen der Sexualpädagogik widmete. 1911 folgte die erste internationale Hygieneausstellung in Dresden. Dort konnte die Öffentlichkeit zum ersten Mal realistische Nachbildungen der menschlichen Geschlechtsorgane anschauen. In Form von Wachsmoulagen wurden dort die Krankheitssymptome und verschiedenen Stadien der Geschlechtskrankheiten dargestellt. Die Syphilis war zu dieser Zeit immer noch nicht heilbar und aufgrund der massenhaften heimlichen Prostitution zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Problem geworden.

Aufgrund der restriktiven Sexualmoral wurde die Problematik der Geschlechtskrankheiten lange Zeit totgeschwiegen. Erst zum Ende des 19.Jh kam es zu einer Veränderung dieser Haltung, die zu der Erkenntnis führte, dass die Aufklärung der Bevölkerung die beste Vorbeugung gegen das massenhafte Auftreten der Syphilis ist. In den folgenden Jahrzehnten würde die Bevölkerung über Informationsveranstaltungen und Ausstellungen, wie die Dresdner Hygieneausstellung, die neu entstehenden Sexualberatungsstellen, Schriften und eine Reihe von umstrittenen Filmen aufgeklärt. Eingeleitet wurde diese Entwicklung u.a. durch das Wirken bürgerlicher Kulturschaffender, die sich an dieses Thema heranwagten. 1881 veröffentlichte Ibsen “Ghost”, ein Theaterstück, welches sich mit der erblichen Syphilis befasste, welches bei der Erstaufführung 1891 in London das Publikum schockierte. Der französische Dramaturg Brieux schrieb 1905 „Les Avaries (Damaged Gods)“, vor allem um die Mauer des Schweigens die das Problem der Geschlechtskrankheiten umgab, zu attackieren und zu durchbrechen. Sein Werk wurde in mehreren Sprachen übersetzt und fand weite Verbreitung in Europa. Die englische Übersetzung wurde 1911 mit einem Vorwort und Laudatio von G. Bernhard Shaw veröffentlicht. Weitere Literatur die das Problem der Syphilis thematisierte, war die Novelle „The Beth Book“/1895 von Grand, des weiteren Emma Brooke`s „A superfluous woman“ und „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde und Emile Zola`s „Nana“. Schon allein das das Schweigen um die damals weitverbreitete Geschlechtskrankheit mit diesen Veröffentlichungen durchbrochen wurde, war ein emanzipatorischer Akt. Darüber hinaus benutzten die AutorInnen die Syphilis weitgehender als Metapher um Folgen der Sexualmoral und Geschlechtsnorm zu thematisieren.

Um die Jahrhundertwende gab es zwei Möglichkeiten des vorbeugenden Schutzes: Desinfektionsmittel die unter den Namen „Sanitas“ und „Viro“ angeboten wurden und Kondome. Kondome waren schon lange bekannt und wurden früher aus Tierdärmen und Fischblasen hergestellt. Ab Mitte des 19. Jh. Wurden dann in England die ersten vulkanisierten Kautschukkondome hergestellt. Sie waren allerdings nicht von der heute bekannten Qualität und außerdem sehr teuer. 1914 kosteten 12 Gummikondome in Deutschland sechs Mark während der Wochenlohn eines ungelernten Arbeiters um die 20 Mark betrug. Der Gebrauch von Kondomen wurde von puritanischen Kreisen stark angefeindet die darin eine Aufforderung zum „unsittlichen Lebenswandel“ sahen, so dass 1912 die Werbung für Kondome in Deutschland verboten wurde. Mit der Einführung der neuen Gesetzgebung in Bezug auf Prostitution und die Geschlechtskrankheiten 1927 liberalisierte sich die Haltung gegenüber Schutzmitteln und die Werbung wie auch das Aufstellen von Automaten wurde zugelassen.

Eine weitere Präventivmaßnahme waren sogenannte „Spritzstuben“ wo sich die Männer nach dem Sex kostenlos und anonym desinfizieren lassen konnten. Ende der 20er Jahre soll es in Berlin neunzehn solcher Einrichtungen gegeben haben, die pro Nacht von bis zu 100 Männern frequentiert wurden. Die im Spätmittelalter gebräuchlichen Quecksilberkuren wurden durch eine Behandlung mit dem ebenfalls giftigen Stoff Arsen ersetzt. Arsenpräparate im Rahmen einer Chemotherapie wurden erstmals 1910 am Menschen ausprobiert, die dann zu einer erfolgsversprechenden Heilung dieser Krankheit führten. Daraus wurde dann „Salvarasan“, ein Arsenpräparat, dass dem Patienten ein Mal pro Woche (in einem Zeitraum von 2,5 Monaten) gespritzt wurde. Dann folgte 1 Monat Pause und dann wiederholte sich dieses Behandlungsintervall noch mindestens zwei mal, so dass sich die Behandlung auf fast ein Jahr erstrecken konnte. Erst ab 1940 wurde das bereits 1929 entdeckte Penicillin massenwirksam für die Bekämpfung dieser Geschlechtskrankheit eingesetzt.

Adam Birgit, 2001, „Die Strafe der Venus“, Orbis Verlag, München

http://www.lesleyahall.net/grtscrge.htm
Hall, Lesley A. , „The great Scourge – Syphilis as a medical problem and moral metaphor. 1880 – 1916”


0 Responses to “Lebens- und Sexualreform im kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik”



  1. Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: