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Exkurs Kommunebewegung

Das erfolgreiche Kommune- Experiment „Oneida“ existierte 32 Jahre und hielt bis zuletzt an seiner kollektivistischen Ausgangsbasis fest. Wobei angemerkt werden muss, dass viele dieser Kommunen alle um die Person eines Patriarchen, eines Theoretikers, Finanziers und Führungspersönlichkeit herum gruppiert waren. Der Begründer John Humphrey Noyes wurde 1811 in Brattleboro, Vermont geboren, studierte Theologie und wurde später mit seinem Buch „Geschichte der amerikanischen Sozialismen“ zum ersten Geschichtsschreiber der amerikanischen Kommunen. Er war Anhänger der religiöse Lehre des Perfektionismus, die besagte, dass Erlösung von den Sünden bereits in dieser Welt – und zwar vollkommen und sofort – möglich sei. Seine Prinzipien für eine funktionierende Kommune beinhalteten ein generelles Alkoholverbot und den Verzicht auf Privateigentum. In Fragen des Sexuellen stellte er die Liebe auf eine neue, allgemeine Grundlage: der Gedanke an geschlechtlichen Genuss wurde vom Gedanken an Sünde und Hölle gelöst, und stellte statt dessen einen irdischen Erlösungszustand dar. Er propagierte die Abschaffung der Einehe und setzte an deren Stelle das Prinzip der freien Partnerwahl (bevorzugt jung mit alt) und hielt Techniken zur Verhütung für unerlässlich.

1848 gründete er Oneida in Conneticut. Noyes übernahm die volle Verantwortung für sein Gemeinwesen, und entwickelte industrielle Betriebe für Stahlfallen, Taschen, Früchte, Seide, etc., die nach einigen Jahren Gewinn erwirtschafteten.1874 zählte Oneida 300 Personen; hauptsächlich Bauern, Handwerker und Gelehrte. Organisiert waren die Kommunarden über eine demokratische Verfassung, Ausschüsse und Verbände. Für die Aufrechterhaltung der sozialen Sphäre institutionalisierte Noye das Prinzip der gegenseitigen Kritik: auf Wunsch der betroffenen Person, oder anderer, wurde ein Komitee aus guten Bekannten dieser Person gebildet und jedes Mitglied sollte deutlich seine Meinung äußern. So sollten unterschwellige Konflikte und Konkurrenzien bewusst ausgetragen und entschärft werden.
Nach Noyes Überzeugung, dessen Schriften und Äußerungen eine klare religiöse Prägung erkennen ließen, bedarf es einer Mischung aus Sozialismus, Religion und Inspiration, um die alten Familieneinheiten zu zersetzen und die Mitglieder im Organismus des neuen Gemeinwesens zusammenzuführen. Er bezeichnete dies auch als „göttlichen Odem“. In der späten Phase der Kommune (1869-79) zeigten sich Tendenzen, die die öffentliche Diskussion in Wissenschaft und Politik um „Reinhaltung des Gemeinwesens, bzw. der Volksgruppe und Euthanasie, wie sie zu dieser Zeit weit verbreitet waren, widerspiegelte. Noyes entwickelte ein Zeugungssystem für „bessere“ Kinder, dass er „Stammkultur“ nannte. In diesem System  wurde die Auswahl von Partnern und die Verhinderung von Verbindungen durch ein Aufseherausschuss geregelt. In späteren Jahren verlor sich die ursprüngliche Idee der Kommune. Das zusammengesetzte Ehesystem, die Mehrehe, wurde nach Anfeindungen seitens der Kirche und Nachbarn aufgegeben. Noyes musste nach Meinungsverschiedenheiten die Gemeinde verlassen  und ging nach Kanada, wo er 1886 starb.

Robert Owen (1771-1858) war wie  Fourier ein weiterer Theoretiker der damaligen Kommunebewegung. Beide waren von Rousseau beeinflusst, von dessen Doktrin, die besagte, das der Mensch von Natur gut ist und dass nur die Institutionen ihn verdorben haben. Um zu demonstrieren, dass das Interesse eines jeden mit dem Interesse aller vereinbar sei, schlugen Fourier und Owen vor, engumgrenzte, sich selbst erhaltende Gemeinschaften innerhalb der größeren Gesellschaft aufzubauen. Während es Fourier mangels der Beteiligung von Financiers nicht gelang seine Projekte zu realisieren, konnte Owen aufgrund seines eigenen Kapitalvermögens seine Vorstellung vom idealen Gemeinwesen verwirklichen. Als Besitzer von Baumwollspinnereien in New Lanark, Schottland, konnte er erstmals seine Ideen umsetzen. Aus diesen Betrieben, dessen Arbeiter zu den untersten sozialen Schichten gehörten ( die Tätigkeit des Baumwollspinnens war zu dieser Zeit stigmatisiert), schuf er in einem Vierteljahrhundert ein Gemeinwesen mit einem hohen Lebensstandard und einem beachtlichen Erziehungsgrad – ein Gemeinwesen, dessen Mitglieder Owen selbst mit Verehrung begegneten. Er zahlte ihnen höhere Löhne und ließ sie kürzer arbeiten als irgendeiner seiner Konkurrenten und dabei brachte er sie durch Krisenperioden hindurch. Einen festen Betrag setzte er für die Erträge fest, die an seine Partner zu zahlen waren und den Rest führte er in Form von Verbesserungen aller Art dem Gemeinwesen wieder zu. In seinen  Kommunen wollte Robert Owens die absolute Gleichheit verwirklichen. Die einzige hier vorhandene Hierarchie sollte sich auf das Alter gründen : Die Älteren, aber noch nicht Betagten, sollten den Rat der Regierung bilden. Die Kinder sollten ihren Eltern vom dritten Lebensjahr an fortgenommen werden und durch besondere Erzieher und Fürsorgerinnen aufgezogen werden. Der Wert einer Arbeitsstunde sollte als Grundeinheit des Warentauschs dienen. Dieses Prinzip der Kinderziehung setzte er bereits in seinen Gemeinwesen in Schottland in die Realität um. Außerdem schuf  er ausgesprochen moderne Kontrollsysteme zur Beaufsichtigung und Leistungssteigerung

Robert Owen spielte in seiner Fabrik die Rolle eines wohlwollenden, aber mächtigen Patriarchen. Sobald er entdeckte, dass sein Drängen nicht ausreichte, um seine Arbeitnehmer zum Fleiß und zur Ehrlichkeit anzuhalten, fand er Mittel und Wege, sie zu beaufsichtigen und zu disziplinieren. Er ließ über seinen Arbeitern bei deren Arbeit kleine vierkantige Holzstücke aufhängen, die auf jeder Fläche eine andere Farbe trugen, wobei jede Farbe eine bestimmte Einstufung des Betragens anzeigte. Jedesmal, wenn er besichtigen kam, konnte er aus der Farbe, die der Vorarbeiter hervorgekehrt hatte, ersehen, wie der Beschäftigte sich am Tage zuvor verhalten hatte. Wann immer er auf eine jener Farben traf, die ein »schlechtes oder gemeines Benehmen« bedeuteten, pflegte er einfach seine Augen auf dem schuldigen Arbeiter ruhen zu lassen. Unter diesem System, so konnte er mit Genugtuung beobachten, wechselten die Farben allmählich von Schwarz auf Blau, von Blau zu Gelb und schließlich zu Weiß. Diese Zensuren wurden alle in ein Register eingetragen, so dass er nach einer längeren Abwesenheit jedesmal feststellen konnte, wie sich die Arbeiter geführt hatten, während er fortgewesen war. Ferner entwickelte er eine Methode zur Entdeckung und Feststellung von Diebstählen.


Owen hatte an öffentlicher Stelle erklärt, dass der Hauptfeind der Wahrheit die Religion sei, er hatte nicht nur die Religion, sondern auch das Eigentum und die Familie angegriffen und ging damit viel weiter als Fourier, der propagiert hatte, in seinem geplanten Gemeinwesen gemäßigte Formen des Eigentums aufrechtzuerhalten. Infolge dessen begannen sich die Behörden und Kirchen gegen ihn zu stellen und schufen ein gesellschaftliches Klima, in welchem Owen aus den privilegierten Kreisen aus denen er entstammte, zunehmend ausgegrenzt wurde. Daraufhin ging er in die Vereinigten Staaten nach Indiana und übernahm von einer deutschen religiösen Sekte, den Rappiten, die Stadt „New Harmony“, mit mehr als 12 000 Hektar Land. Er veröffentlichte am 4. Juli 1826 eine ‚Erklärung der geistigen Unabhängigkeit‘ von den drei großen Unterdrückern der Menschheit: »Privateigentum, irrationale Religion und Ehe«, und er lud »die Fleißigen und Fähigen aller Nationen« ein, sich seinem Gemeinwesen anzuschließen. New Harmony überdauerte allerdings kaum drei Jahre. Owen verkaufte das Land schließlich an einzelne Eigentümer. Er machte ähnliche Versuche wie diesen in England und Irland und steckte einen Großteil seines Kapitals in diese Kommunen bis er sich soweit verlustierte, das er seinen Status als Fabrikbesitzer verlor und von seinen Söhnen finanziell unterstützt werden musste. Nach der Aufgabe des Gemeinwesens in New Lanark engagierte er sich in der Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegung ohne das dies zu nachhaltigen Erfolgen führte. Robert Owen, ein patriarchaler Sozialidealist religiöser Prägung, starb 1858 verarmt in einem Haus nahe der Sattlerwerkstatt seines Vaters, wo er geboren worden war.

Charles Fourier (1772 – 1837 )wird dem sogenannten Frühsozialismus zugeschrieben – auch utopischer Sozialismus genannt – der als Vorläufer des Marxismus verstanden werden kann. Im Grunde genommen ist jedoch das libertäre Denken Fouriers in vieler Hinsicht dem anarchistischen Gedankengut näher als den sozialistischen Ideen. Vielen galt er auch als der „Meisterdenker der Freien Liebe“ Die wichtigste Leidenschaft war für Fourier die Liebe in all ihren Erscheinungsformen. Jeder Fortschritt – der ökonomische, politische, soziale und religiöse usw. hat nach seinen Auslegungen nur dann einen Sinn, wenn dabei die Liebe in Freiheit vorankommt. Eine freie Gesellschaft ist nach Fourier eine Gesellschaft der freien Liebe.

Fourier analysierte die damaligen Liebessitten und wagte sich für seine Zeit, weit in das Thema der „freien Liebe“ hinein. Die menschlichen Grundfragen der Liebe und Sexualität mit Ausschließlichkeit, Monogamie, Puritanismus, Keuschheitsgebärden und moralischen Geboten zu beantworten, war für Fourier der größte Irrtum menschlichen Zusammenlebens. Er kritisierte immer wieder die bürgerliche Familie und die unauflösliche Ehe, sprach sich für die Emanzipation der Frau als einer Grundvoraussetzung des gesellschaftlichen Fortschritts aus und brachte das Tabuthema der Sexualität im Alter zur Sprache.

„Unsere Gelehrten geben sich die größte Mühe, uns beizubringen, den Zauber der Liebe zu ersetzen, auf die man im Herbst des Lebens verzichten muss. Als Entschädigung bieten sie uns sentimentales Flickwerk, schrullige Zärtlichkeiten für die Familie, das Vaterland und die Moral usw., die nicht auf Gegenseitigkeit beruht und darum nur halbe Lust ist…“

Fourier unterschied grundsätzlich verschiedene Liebesformen: die „geistige Liebe“ – die „Herzensbindung“ und die „materielle (körperliche) Liebe“. In seiner Fiktion einer zukünftigen Gesellschaft können die Formen der Liebe gleichwertig in Freiheit ausgeübt werden, wobei er die „liberté amoureuse“ in Form der freien Sexualität besonders betonte. Obwohl Fourier einerseits gegen die Prostitution, als Produkt der bürgerlichen Sexualmoral polemisierte, wird in seinen Ausführungen zum „Kultus der Wollüstigen Leidenschaften“ deutlich, das er sexuelle Dienstleistungen für das Ausleben der „freien Liebe in vielfältigen Variationen“ für notwendig hielt. Er benannte sie, getreu des Zeitgeistes, der in der damaligen Kulturproduktion eine im Exotismus eingebundene freizügigere erotische Darstellung und Phantasie zuließ, mit „Odalisken, Fakiressen, Bacchantinnen und Bayaderen“. Weitergehend sprach er sich für das Recht der Allgemeinheit auf ein Minimum an sexueller Befriedigung aus, zu dessen Zwecke spezielle Liebesdienerinnen ausgebildet werden sollten.

Neben der heterosexuellen Liebe behandelte Fourier auch die gleichgeschlechtliche Liebe in all ihren Variationen. Er selbst bekannte sich öffentlich zu seinen homophilen Neigungen. Insgesamt wollte Fourier die erstarrten monosexuellen Verhaltensformen – ausschließliche Homo- oder Heterosexualität – überwinden. Wenn die Liebe befreit wird, so Fourier, bewirken die leidenschaftlichen Anziehungskräfte zwischen den Menschen eine Vielfalt und Verschiedenheit von Beziehungen, die Eindeutigkeiten ausschließen. Er akzeptierte auch die sadomasochistische Liebe, Voyeurismus, Exhibitionismus u.a. als ehrbare Leidenschaften, die nicht von vornherein kritisiert werden sollten und setzte sich für das sexuelle Selbstbestimmungsrecht ein.

Fourier war in seinen utopischen Ausführungen einer sexualitäts-bejahenden Gesellschaft, die er  „Harmonie“ nannte, klar von den Forschungen der Kulturen des Alten Orients, der griechischen Mythologie und verschiedener Naturvölker beeinflusst. Sein Postulat, das das Göttliche und Heilige unauflöslich mit dem Erotischen verbunden sein solle und religiöse Kulte „die Liebe zu Gott mit der Liebe zu den Vergnügungen verbinden“ sollten, lassen eine klare Bezugnahme zum damaligen Forschungsstand der „Hymnos gamos“ -Rituale frühagrarischer Gesellschaften und der griechischen Priapos-Kulte erkennen. In diesem Kontext favorisierte er die Orgie als eine „rite de passage“. Ein großes Liebesfest mit sozial-integrativer Wirkung. Von Kritikern bedrängt, betonte Fourier immer wieder, dass die „edle Orgie“ nichts mit den sozial bedenklichen Ausschweifungen in der durch Puritanismus geprägten Zivilisation zu tun habe. Erst wenn sich die gesellschaftlichen Organisationsprinzipien verändern und die Menschen ein anderes sittliches Niveau erreichen würden, kann seiner Meinung nach eine neue Liebeswelt entstehen

Als Robert Owen 1824 nach Amerika kam, rief er eine Owensche Bewegung ins Leben in dessen Folge ca. ein Dutzend Owensche Gemeinwesen entstanden und Albert Brisbane, der den Fourierismus von Paris zurückgebracht und durch Horace Greeley ein Sprachrohr in »The New York Tribüne« erhalten hatte, machte in den 1840er Jahren mit einem solchem Erfolg Propaganda, dass mehr als vierzig Gruppen hinausgingen, um fourieristische Wohnbezirke zu bauen. Diese Bewegung begann zur gleichen Zeit wie die große Welle der religiösen Wiedererweckung und war an verschiedenen Punkten mit dieser verquickt und dauerte bis in die 1850er hindurch an. Laut Berichten soll es mindestens 178  sozialistischer Gemeinwesen, einschließlich der religiösen, in den USA gegeben haben, mit einer Mitgliederzahl zwischen 15 bis 900. Morris Hillquit nimmt in seiner „Geschichte des amerikanischen Sozialismus“ an, dass es viel mehr davon gab und dass sie insgesamt »Hunderttausende von Mitgliedern« umfassten. Die owenistischen und fourieristischen Gemeinwesen allein sollen über etwa 20 000 Hektar Land verfügt haben. Es gab sektiererische Gemeinwesen, Kommunen, die auf völlige Enthaltsamkeit bestanden, und andere, die sich dem vegetarischen Leben verschrieben und versuchten die »freie Liebe«  zu praktizieren. Einige strebten nach dem reinen Kommunismus in Eigentum und Gewinn, andere – insbesondere die fourieristischen Kommunen – waren als Aktiengesellschaften organisiert.

http://swiki.hfbk-hamburg.de:8888/Lebensreform/53
http://www.timowendling.de/fl/fl1.htm


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