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Die Sexualwissenschaft im Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs

1907 schuf Ivan Bloch (1872-1922) den Begriff der „Sexualwissenschaft“, als deren namhafte deutsche Vertreter galten Magnus Hirschfeld(1868-1935), Albert Moll(1868-1939), Max Marcuse(1877-1963), Herrmann Rohleder (1866-?), Albert Eulenberg(1840-1917) und Max Hodann(1894-1946) Ab 1913 konstituierte sich eine „Gesellschaft für Sexualreform“(Gesex), deren Vertreter aus dem Ärztestand und dem jüdischen oder protestantischen Bildungsbürgertum kamen.  Sie wollten anstelle der Priester die gesellschaftliche wie individuelle Moral neu, d.h. naturwissenschaftlich definieren, oder wie Magnus Hirschfeld es 1928 formulierte: „„die bisherige theologische Grundlage der Sexualregelung durch eine biologisch-soziologische (…) ersetzen“  1905 wurde von dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung, mit ihrer namhaften Vertreterin Helene Stöcker (1869-1943), der Bund für Mutterschutz gegründet, der 1924 in „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ umbenannt wurde. Das propagierte Leitbild zeichnete eine ökonomisch und sexuell emanzipierte und geistig gebildete Frau. Allerdings waren sie nicht frei von rassehygienischen Untertönen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hodann
http://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld
http://de.wikipedia.org/wiki/Helene_St%C3%B6cker

Die Sexualreformbewegung bewegte sich zunächst auf einer theoretisch- wissenschaftlichen Ebene, ihre Bemühungen zielten nicht nur auf eine neue Gesetzesregelung, sondern auf eine Reform der Ehe und Familie als Kernzelle der bürgerlichen Gesellschaft. So wurde schon um die Jahrhundertwende unter den Schlagworten „Freie Liebe“ und „Freie Ehe“ über Formen nichtehelicher Lebensgemeinschaften geredet. Die sogenannte sexuelle Revolution war kein isoliert auftretendes Phänomen, sondern war mit vielen anderen Umwälzungen der Moderne, vor allem der industriellen Revolution, verbunden. Bereits während der Französischen Revolution von 1789 wurden viele Fragen der Sexualität angesprochen und mit dem Zusammenbruch der alten sozialen Ordnung nach dem 1. Weltkrieg erfolgte im Zuge der vielen Emanzipationsbestrebungen eine gesellschaftliche Neuorientierung.

In der russischen Oktoberrevolution 1917 wurden gleiche Rechte für Frauen und umfassende sexuelle Freiheit gefordert und die „sexuelle Revolution“ wurde erstmals Gegenstand einer offiziellen Regierungspolitik – auch wenn bereits wenige Jahre später erneut repressive Machtstrukturen dominierten. Wilhelm Reich folgerte aus dieser Entwicklung, dass die bloße Übertragung der Macht von einer sozialen Klasse auf die andere nicht ausreiche und wirklich tiefgreifendere Veränderungen nicht nur eine Frage von Reichtum oder Armut, Kapitalismus oder Kommunismus seien, sondern eine Frage der „selbst regulierten Charakterstruktur“ – der individueller Autonomie – auf die es, im Widerstand gegen bestehenden politischen Systeme, hinzuarbeiten gelte. Die Utopien der Sozialreformer wurden beflügelt, bzw. bezogen sich auf Kommunengründungen, wo die Menschen versuchten nach ihren Vorstellungen, ohne sexuelle Unterdrückung zu leben. Nennenswerte Personen die solche Kommunen  initiierten waren z.b. Charles Fouvrier (1772-1837) in Frankreich und Robert Owen (1771-1858) in England, der wie John Humphrey Noyes von Oneida eine Kommune in den Vereinigten Staaten von Amerika gründete.  (siehe Exkurs „Kommunebewegung“)

Als erste praktische Konsequenz der deutschen Sexualreformbewegung entwickelte sich der politische Kampf um die Abschaffung des Homosexualitätsparagraphen 175. Männliche Homosexuelle organisierten sich erstmalig öffentlich in Verbänden und wurden dabei von der Sexualwissenschaft unterstützt. Nach dem ersten Weltkrieg wurde massiv die Forderung nach der Streichung des Abtreibungsparagraphen 218 und für den freien Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln erhoben. Außerdem wurde der Ruf nach Beseitigung der Kunstzensur und für eine Einführung des Sexualkundeunterrichtes lauter. Der erste  Weltkrieg hat den Bruch mit den traditionellen geschlechtlichen Normen stark beschleunigt und den bereits vorhandenen sexualreformerischen Bestrebungen einen starken Aufschwung gegeben. Vor- und außereheliche Kontakte nahmen an der Front und in der Heimat zu. Aufgrund des Frauenüberschusses wollten zahlreiche Frauen, die nicht mehr mit einer Ehe rechnen konnten und durch ihre berufliche Tätigkeit Selbstversorgerinnen waren, nicht auf eine Befriedigung ihres Geschlechtstriebes verzichten. Obwohl die linken Parteien sexualreformerisch wenig Initiative zeigten, wurden sie beim Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen zum Sprachrohr einer breiten Bewegung. In Deutschland führten diese Kampagnen und die parlamentarischen Eingaben 1926/7 zum liberalsten Abtreibungsrechts Europas.

Die politischen Forderungen der Sexualreformbewegung wurden nach dem ersten Weltkrieg insbesonders durch das von Magnus Hirschfeld 1919 in Berlin gegründete Institut für Sexualwissenschaft in die Öffentlichkeit getragen. Alle wesentlichen Impulse für die Begründung und frühe Entwicklung der Sexualwissenschaft, wie auch die ersten wissenschaftlichen Standardwerke, kamen aus Deutschland, bzw. aus Berlin. Hierzu gehörten Albert Molls „Handbuch der Sexualwissenschaften“ (1911/1926), Max Marcuses „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft“ (1923/1926) und Magnus Hirschfelds „Geschlechtskunde“ (5 Bände, 1926-1930) die zum ersten Male das sexuelle Wissen ihrer Zeit allgemeinverständlich zusammenfassten.

1921 wurde in Berlin die erste „Internationale Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage „ abgehalten. 1928 folgte die Gründung der „Weltliga für Sexualreform“ mit internationalen Kongressen in Kopenhagen (1928), London(1929), Wien(1930) und Brünn(1932). Ihre sexualreformerischen Forderungen umfassten die politische, wirtschaftliche und sexuelle Gleichberechtigung der Frau, die Befreiung der Ehe von staatlicher und kirchlicher Bevormundung und das Recht auf Ehescheidung, Geburtenregelung und den Schutz unehelicher Mütter und Kinder, Verhütung der Prostitution und der Geschlechtskrankheiten. Ein weiterer Schwerpunkt war der Kampf um eine Reformation des Sexualstrafrechtes. Ein Sexualstrafrecht, das nicht in die Geschlechtshandlungen erwachsener Menschen eingreift, wenn diese auf freiem Willen beruhen, planmäßige Sexualerziehung und Aufklärung. Die Auffassung sexueller Triebstörungen als mehr oder weniger krankhafte Erscheinung und nicht als Verbrechen oder Sünde anzusehen, aber auch die eugenische Beeinflussung der Nachkommenschaft. Ein Gedanke der zu dieser Zeit in vielen bürgerlichen und wissenschaftlichen Kreisen präsent war und auf Akzeptanz stieß. Die traditionalistische Geschlechtmoral der christlichen Kirche mit ihren Sittlichkeitsvereinen und die sexualreformerische Aufklärung standen sich als Feinde gegenüber. Auch staatliche Institutionen mit ihrem konservativen Beamtenapparat standen den Sexualreformern oft ablehnend und restriktiv gegenüber. So sah der Sexologe und Erforscher der erotischen Volkskultur, Friedrich Salomon Krauss, Herausgeber der „Anthropophyteia“ und „Kryptadia“, sich wegen seiner sexologischen Studien heftigen Angriffen ausgesetzt und wurde von einem Berliner Gericht 1928/9 als „gefährlichster Pornograph der Welt“ bezeichnet.

Die deutsche mittelständische Lebensreformbewegung stand dem Sendbewusstsein der Sexualreformer positiv gegenüber und bauten deren Ergebnisse aus wissenschaftlichen und populären Publikationen in ihr eigenes reformerisches Weltbild mit ein. Sie propagierten u.a. eine bewusste Lebensführung im Einklang mit der Natur, gesunde Ernährung und natürliche Kleidung. Auch „sittliche Nacktbadeplätze“ waren bei den Lebensreformern sehr populär. Die Sexualität galt ihnen als legitim und als das Natürlichste auf der Welt. Spätestens seit der Veröffentlichung von „ Das Liebesleben in der Natur“ (1890) von Wilhelm Botschen (1861-1939) setzte sich diese Auffassung durch, so dass der Kampf gegen die falsche Scham und die Einführung der Sexualkunde an den Schulen ihre Zustimmung fand. Neben der theoretischen Sexualreform entstanden ab 1922 hunderte von stationären und mobilen Sexualberatungsstellen und Kliniken durch freie und öffentliche Träger. Bemerkenswert ist dabei die Vielzahl von Laienorganisationen der Arbeiterschaft für die Geburtenregelung. Die Zahl ihrer Mitglieder lag bei ca. 150 000. Ihre Aufgaben lagen im Bereich der Sexualaufklärung, Beratung über Empfängnisverhütung und ungewollter Schwangerschaft, die Ausgabe von Verhütungsmitteln und die Information über medizinische und psychologische Fragen des Geschlechtslebens. Sie hatten klar eine andere politische Zielsetzung als die ab 1926 entstandenen Eheberatungsstellen, die auf eine eugenische, (erb)gesundheitliche Beratung ausgerichtet waren.

Linse, Ulrich, 1998 : 211-226, „Sexualreform und Sexualberatung“  in: „Handbuch der deutschen Reformbewegung“
Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hg.) : 1998,  Peter Hammer Verlag, Wuppertal

Money John , 1985,  „Destroying Angels“,  Prometheus Books, Buffalo, New York

Pastötter Jakob, 2003,  „Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozess“, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden

E. J. Haeberle: The Sex Atlas. The Seabury Press, New York, 1978./ Die Sexualität des Menschen, Handbuch und Atlas , Deutsche Ausgabe, 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin, 1985.
http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/inhalt.html

Die FKK-Bewegung

Die Entstehung der Freikörperkultur ab der Jahrhundertwende stand im Zeichen der Lebensreformbewegung – Nacktheit sollte zum natürlichen Leben, zur Natur zurückführen und man stand ein für einen Kampf gegen Prüderie,  doppelte Moral uns falsche Scham. Vorläufer waren die Naturheilbewegung, in der die Nacktheit als Therapieform eingesetzt wurde, die Turnbewegung – Sport- und Körpertraining spielten bei den Nudisten von Anfang an eine große Rolle und dienten zur Legitimierung der Nacktheit – und die Jugendbewegung, insbesondere der Wandervogel, bei denen das Nacktbaden zur einfachen und natürlichen Fahrtenleben mit dazugehörte.
Die ersten FKK-Vereinsgründungen waren eng an die Zeitschriften „Kraft und Schönheit“(ab 1901) und „Schönheit“ (ab 1903) gebunden und charakterisierten die erotisch-ästhetische Tendenz zu den Anfangszeiten dieser Bewegung. Bei einem dieser Vereine, dem „Deutschen Verein für vernünftige Leibeszucht“ gehörten zum Ehrenausschuss u.a. die Tänzerin Isadora Duncan und der Jugendstilmaler ‚Hugo Höppener, der später unter seinem Künstlernamen „Fidus“, mit seinen Motiven von Religion, Erotik und Naturerleben, insbesondere mit seinem Bild „Lichtgebet“ zu einem der Emblematiker der Freikörperkultur wurde. Weiterhin gehörte der Journalist und Schriftsteller Vanselow zu diesem Ausschuss. Er war Herausgeber der Zeitschrift „Schönheit“ und gründete 1905 die „Vereinigung für Sexualreform“ mit den Publikationen „Sexualreform“ und „Geschlecht und Gesellschaft“. Später heiratete er die Tänzerin Olga Desmond, die u.a. durch ihre künstlerischen Nackttänze bekannt wurde.

Der psychoanalytisch geschulte Schweizer Lehrer Werner Zimmermann (1893-1982) war ein bekannter Vertreter der Freikörperkultur und der vegetarischen Rohkost. Er bejahte die zeugungsunabhängige sexuelle Lust und wurde im deutschen Sprachraum zum Apostel der von der aus Amerika stammenden „Oneida-Kommune“ propagierten „Karezza-Methode“, die sich aus dem indischen Tantrismus entlehnte.  „Karezza“ bedeutete, die durch bestimmte Körpertechniken und Willenskontrolle erreichte Vermeidung des Samenergusses während des Geschlechtsverkehrs. Auch der Lebensreformer und Jugendstilkünstler „Fidus“ (Hugo Höppner, 1868-1948) bejahte die freie Liebesgemeinschaft und die Karezza- Methode. Dies entsprach anscheinend am ehesten den lebensreformerischen Auffassungen von Sexualität, da man diese, solcherart, durch Selbstbeherrschung „veredeln“ konnte und Empfängnisverhütung betrieb ohne auf künstliche Hilfsmittel angewiesen zu sein. Daneben gab es, beeinflusst durch die Wiener Jugendkulturbewegung um Siegfried Bernfeld (1892-1953) eine kommunistische Richtung, die nicht nur die körperlich-sexuellen Impulse der Jugend zu ihrem Recht kommen lassen wollte, sondern auch die monogame Ehe in Frage stellte und kollektiv- kommunitäre Lösungen für die Versorgung unehelicher Kinder und Mütter propagierte.

Die Aspekte erotischen Interesses bei der „Schönheitsbewegung“ treten aber durch die zunehmende Ideologisierung der FKK-Kultur – durch eine Negierung der erotischen Bedeutung der Nacktheit und ihrer asketischen Reglementierung – zurück und machten sie später, trotz ihres breiten Spektrums von zum Teil gegensätzlichen politischen Gruppierungen, für nationalsozialistische Anschauungen empfänglich. In der Weimarer Republik gab es sozialistisch-proletarische Gruppen wie die „Körperkulturschule“ des Berliners Adolf Koch, denen völkisch-nationale Organisationen wie der „Neusonnlandbund“ von Hans Suren, mit seiner engen Verbindung von FKK und Sportbewegung, gegenüberstanden. Daneben gab es eine Vielzahl von bürgerlich-unpolitischen Gruppierungen und Jugendbewegte wie der Berliner „Birkenhaider Arbeitskreis“ von Charly Straesser. Mit dem Körperkulturfilm „Wege zur Kraft und Freude“(1924/5), der von der linken wie rechten Presse mit begeisterter Kritik bedacht wurde, zeichnete sich eine zunehmende Akzeptanz der Freikörperkultur ab.
In diesem Film wurde das griechisch-olympische Ideal der Körperzucht propagiert. Neben verschiedenen Sportdisziplinen und Gymnastiken, nahm der Tanz eine wichtige Stellung ein. Es wurden folkloristischen Tänzen aus Asien und Afrika vorgestellt und den Tanzschulen von Dalcroze, Laban und Wigmann wurde ausreichend Raum zur Selbstdarstellung gewährt.
Ab 1926 kam es zu keinen Verurteilungen mehr wegen „Nacktbadens mehrerer Personen“ und das unorganisierte Nacktbaden nahm zu. Anfang der 30er Jahre wird von ca. 100 000 organisierten FKKlern ausgegangen von denen ca. zwei Drittel auf sozialistisch-proletarische Gruppen entfielen.  Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die linken Koch-Schulen verboten und bald darauf betraf das Verbot die gesamte FKK-Bewegung. Dies brachte die FKK im Gegensatz zu vielen Aspekten der Weimarer Reformbewegung aber nicht zum Verschwinden, sondern führte zu einer Anpassung und Umstrukturierung an die neuen politischen Machtverhältnisse die dann in einer „völkischen FKK“ mündeten. 1938 wurde dann das allgemeine Verbot formal durch ein Urteil des Preußischen Oberverwaltungsgerichts außer Kraft gesetzt.

König Oliver, 1990, „Nacktheit – Soziale Normierung und Moral“, Westdeutscher Verlag, Opladen


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