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Jan
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Die Kleinfamilie als Keimzelle der bürgerlichen Tugenden

Die Sexualmoral des Bürgertums im 19. Jh. konstituiert sich aus dem Zusammenhang von innerweltlicher Askese mit der gesellschaftlichen Organisation des Arbeits- und Lebensprozesses des bürgerlichen Menschen. Anstelle des Prinzips der persönlichen Herrschaft in der feudalen Gesellschaftsordnung waren „Sachzwänge“ getreten, die auch große Teile des Berufslebens und des innerweltlichen Lebens durchzogen und bestimmten. In der protestantischen Ethik war dem Genuss materieller Güter und „weltlicher Lust“ der Kampf angesagt worden. Die Dynamik des Kapitalismus legte Entwicklungstendenzen fest, hin zu einer Logik des Wirtschaftens die auf ständigen Wachstum ausgelegt war. Nicht die Schaffung und Mehrung persönlichen Reichtums war das Ziel, sondern die Disziplinierung und Unterwerfung menschlicher Bedürfnisse unter der Zweckrationalität und ihrem Gewinnstreben, das auf ein ständiges Wachstum der nationalstaatlichen Ökonomien und den mit ihnen verbundenen, neuformierten, christlichen Körper abzielten. Wesentlich für die Entwicklung der Großstadt des bürgerlichen Zeitalters war die rigide Trennung zwischen Arbeitsplatz und Familie, zwischen dem Leben außerhalb der Familie, in Beruf und Öffentlichkeit und der Intimsphäre des einzelnen, die gegenüber dem gesellschaftlichen Leben einen abgeschlossenen Ort zugewiesen bekommt

Die Sexualmoral des 19. Jh. (wie auch die anderer Jahrhunderte) sollte man sich aber nicht als ein lineares, zeitliches Nacheinander vorstellen, sondern in der historischen Gleichzeitigkeit von noch fortdauernden archaischen Strukturen und einer Moral und Lebensweise des Bürgertums, die sich allgemein als verbindliches Gesetz verstanden wissen wollte, aber bereits durch Kritik und Emanzipationsbestrebungen in Frage gestellt wurde und der Moral und Lebensform die aus der sozialen Not und Klassenlage der Unterschichten und dem noch relativ jungem Proletariat erwuchs. Viele Haushalte waren aufgrund der ärmlichen Verhältnisse in denen sie lebten gezwungen „Schlafgänger“ aufzunehmen. Das enge Zusammenwohnen- und schlafen, der Kontakt zu Prostituierten, die oft auch als Schlafmädchen logierten, ließen einen anderen Schamstandard als den der Bürgerlichen entstehen.

Ob allerdings die Klassenzugehörigkeit das entscheidende Kriterium für das proletarische Sexualleben gewesen ist scheint fragwürdig.  Faktoren wie Konfession, soziale Herkunft, Bildung, Formen der Arbeitsorganisation und die materiellen Vorraussetzungen zur Familien- und Haushaltsbildung spielten mindestens eine ebenso wichtige Rolle. Die Arbeiter waren, wenn auch nicht in solch einer strikten Weise wie das Bürgertum, von der christlichen Sexualmoral geprägt, auch wenn die schlechten materiellen Verhältnisse diese Moral oft tradierten. Bei einer spürbaren Anhebung der materiellen Lebenssituation und des Bildungsstandards erfolgte seitens der Arbeiterschaft aber eine klare Orientierung an dem Vorbild der patriarchialen bürgerlichen Familie. Am Beispiel der Hamburger Tageszeitung „Hamburger Echo“, dem Kampfblatt der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, die die Mehrheit der organisierten Arbeiter stellte, lässt sich in einer Vielzahl von Artikeln die Propagierung einer Kulturpolitik feststellen, die sich an der vorherrschenden konservativen  Meinung des Bürgertums orientierte. Dies betraf Fragen der Prostitution, der Theater- und Filmkritik und „soziale Fragen“ wie den Abriss der Gängeviertel.

Während in agrarisch geprägten Regionen viele Nachkommen teilweise immer noch als eine Vergrößerung des Arbeitskräftepotentials und als mögliche Altersvorsorge gesehen wurden, stellten viele Kinder im Arbeiterhaushalt den Grund für eine zunehmende Verarmung, da das Einkommen zu ihrer Versorgung oftmals nicht ausreichte. Die Verhinderung von ungewollten Schwangerschaften war demnach ein zentrales Anliegen der Arbeiterinnen. Viele Frauen praktizierten nachträgliche Scheidenspülungen, die nicht sehr effektiv waren, während sichere Kondome bis in die 20er Jahre aus Kostengründen wenig Verbreitung fanden. Gebräuchliche Methoden waren der Coitus Interruptus und der Analverkehr zwischen den Geschlechtspartnern. Eine weitere Möglichkeit der Geburtenregelung bildete die, auch von Teilen der Weimarer Reformbewegung propagierte, (zeitweise) sexuelle Askese. Der Schwangerschaftsabbruch war zu dieser Zeit Bestandteil des weiblichen Alltags. Im Verhältnis zu anderen sozialen Gruppen war die Abtreibungsrate unter Arbeiterinnen in den ersten Jahrzehnten des 20 Jh. deutlich höher. Neben traditionellen Mitteln wie Mutterkorn und Sadebaum wurden auch neue Chemikalien und Instrumente eingesetzt. Während die durchschnittliche Kinderzahl bis zum Ende des 19.Jh. bei 3-6 Kindern lag, wurden mittels bewusster Geburtenregelung, Schwangerschaftsverhütung und Abtreibung diese Zahlen innerhalb der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jh. auf 2-3 Kinder pro Ehe reduziert.

Voreheliche Sexualkontakte waren in der Arbeiterschaft üblich und standen im Kontext der materiellen Situation, wo anders als im bürgerlichen Milieu, ein Aufschub der sexuellen Wünsche bis zu dem Zeitpunkt nach der Heirat, angesichts von Armutsverhältnissen und unsicherer Arbeitslage, oft nicht sinnvoll erschien. Der voreheliche Verkehr schuf eher, unter Bezugnahme auf eine mögliche Ehegemeinschaft, die notwendigen Bindungen um an der wirtschaftlichen Basis auf einen gemeinsamen Haushalte hinzuarbeiten. So wurden Frauen mit unehelichen Kindern nicht in dem Maße moralisch verurteilt und es war häufig der Fall, dass viele Frauen sich erst nach dem erstem Kind, zur Sicherung ihrer Lebensverhältnisse einen festen Lebenspartner suchten und heirateten Die Kinder der städtischen Unterschicht waren mit dem sexuellen Aktivitäten der Erwachsenen besser vertraut als im bürgerlichen Milieu, da das enge Zusammenleben in den überfüllten Arbeiterwohnungen der Großstädte es oft unmöglich machte den Geschlechtsverkehr der Eltern, bzw. zwischen anderen Mitbewohnern dem Gesichtskreis der Kinder zu entziehen.

In den besser situierten, den „sittlichen“ Kreisen wurde in „diesen Dingen“ peinliche Verschwiegenheit bewahrt. Die Verheimlichung und Verhüllung galt als ein Gebot der Sitte. Von bürgerlicher Seite wurden voreheliche Verhältnisse in der „Unterschicht“ häufig in einem Zug mit prostitutiven Verhältnissen genannt, bzw. als diejenigen die Prostitution hervorbringen. In Wirklichkeit wurde seitens der Arbeiterschaft ein rigider Trennungsstrich zwischen Prostitution und vorehelichen Geschlechtsverkehr gezogen. Viele der Arbeiterinnen empörten sich oder verachteten Frauen die ihren Körper als Ware anstatt ihre Arbeitskraft zu verkaufen, obwohl sich auch sehr viele Arbeiterinnen aus Gründen der materiellen Not in der Gelegenheitsprostitution verdingten.

Die Reglementierung menschlicher Bedürfnisse unter den neuen Anforderungen der Industriegesellschaft ging einher mit einer Fürsorgepolitik, die die Gründung von Arbeitshäusern, psychiatrischen Einrichtungen und vielen Armenstiftungen nach sich zog – für die Menschen, die nicht mehr im Sinne dieser Ökonomie und ihrer Begleitumstände funktionierten. Zum anderen vollzog er sich in der Trennung von Arbeitsplatz und Familie und in der Entwicklung der Familie zur Intimsphäre, herausgelagert aus dem gesellschaftlichen Produktionsbereich. Im Prozess der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft rückt das Kind immer mehr in den Mittelpunkt. Der institutionalisierte Ausschluss des Kindes aus der Erwachsenenwelt hatte auch die Institutionalisierung der Kindheit zur Folge. Indem die Familie zu dem einzigen Ort wurde, in welchem die Erwachsenen und vor allem das Kind nicht nur seine affektiven und libidinösen Bedürfnisse befriedigen konnte, sondern der Familie auch die Aufgabe der ersten Formung der gesellschaftlichen Triebgewohnheiten und der entsprechenden Peinlichkeits- und Schamgrenze zufiel, musste die, für die zivilisatorische Entwicklung einer stetigen Wachstumsökonomie, notwendige Triebunterdrückung bereits in der Familie gelebt werden, die damit verbundenen Sexualnormen bereits verinnerlicht sein.

Die Psychoanalyse entsteht in einer Zeit in der die spezifische Intensität der Triebunterdrückung ihr zunehmendes Scheitern in der Verkehrung offenbart, in der seelischen Krankheit ebenso wie in der Prostitution, die die Ausübung der aus dem offiziellen bürgerlichen Lebenszusammenhang ausgesperrten Sexualität ermöglichte. Die Erkenntnisse der Psychoanalyse waren historisch auf das Vorhandensein der bürgerlich-patriarchalen Kleinfamilie begründet, in der die Entwicklung des Kindes um den Ödipuskomplex eingeschrieben werden konnte. Die Auflösung größerer Sippenverbände hatte eine Zunahme der narzisstischen Bedeutung der Eltern zur Folge. Am Ende des ödipalen Konfliktes des Kindes, verinnerlicht es in der Bildung des „Über-Ichs“ die gesellschaftlichen Anforderungen an die Unterdrückung seiner inzestiösen Sexualität, indem es sich mit dem „draußen“, außerhalb der Familie arbeitenden, die gesellschaftliche Rationalität repräsentierenden Vater identifiziert.

Kulturgeschichtlich hatte sich der Prozess der immer weiteren Zurückdrängung des intimen Lebens der Menschen bis zu einer Stufe vollzogen, die jegliche Äußerungen körperlicher und sexueller Funktionen mit dem Gebot von Heimlichkeit und absoluter Scham, im Bürgertum um die Jahrhundertwende belegte. Um zum „zivilisierten“ Menschen zu werden, musste das einzelne Kind diesen Prozess in seiner Entwicklung nachvollziehen, was bedeutete, dass, je rigider die sexuelle Moral der Gesellschaft in der es hineinwuchs, war, desto härter war auch der am Kind vollzogene Erziehungsprozess. Am Ende des Jahrhunderts wurde in erzieherischen Schriften sehr viel über die Unschuld der Kinder gesprochen, gleichzeitig wurde die „frühe Lasterhaftigkeit“ der Kinder bekämpft.

„Man erziehe Mädchen und Knaben zu wahrer Züchtigkeit, indem man ihnen Berührungen der Geschlechtsteile als etwas Verbotenes und Häßliches darstellt und auf einen reinen Ton im Hause hält….. onanierende Kinder sind Verirrte, aber keine Verbrecher, oft leider schon sehr kranke Menschen.“

Zitat :in Schulte Regina, 1994 : 126

Die Eltern befassten sich auf diese Weise ohne Unterlass mit der kindlichen Sexualität. Sie beobachten das Kind, kontrollieren seine körperlichen Gesten, korrigieren jeglichen Ausdruck sinnlicher Bewegung. Gleichzeitig weisen sie damit das Kind ununterbrochen auf die Wichtigkeit seiner Sexualität hin, indem sie es anbinden, strafen oder predigen und so ein Geheimnis aufbauen, welches das Kind zur unablässigen Beschäftigung mit dem Rätsel antreibt, an welche sich Körper und Angst knüpfen. Allerdings war der Versuch die Kinder aufzuklären schon ein Problem der Sprache. Es gab keine Worte für diesen Bereich, außer „unschön, verabscheuungswürdig, unsauber“ und der zweideutigen Sprache, der sogenannten Zote.

Eder Franz X. : 2002, „Kultur der Begierde: eine Geschichte der Sexualität“, Verlag C. H. Beck, München

Schulte Regina, 1994, „Speerbezirke“,  Europäische Verlagsanstalt, Hamburg

Die „objektive“ Wissenschaft – Medizinische Paradigmen als Indikator der Sexualmoral

Die Moral des Verschweigens und Versteckens in puncto Sexualität war zunächst weniger von rationalen Einstellungen als von der Angst und Scham getragen, die die Erwachsenen verinnerlicht hatten. Am Ende des Jahrhunderts kamen dann immer mehr Forderungen nach Aufklärung der Kinder auf, allerdings nicht um den Bereich des Geschlechtlichen und der Sexualität aus seinen Fesseln zu befreien, sondern um ihn in der Versachlichung den Reiz des Verbotenen zu nehmen. Die Sprachlosigkeit der Eltern folgte die wissenschaftliche Sprache der Mediziner und Hygieniker. Es erschienen viele Schriften, sogenannte Sexualdiätiken, die vorgaben, dass über die Methode der Darmdressur, durch besondere Ernährungsprinzipien die sexuelle Energie zu bändigen, bzw. klein zu halten sei. Das gleiche galt auch für Kleidungs- und Verhaltensvorschriften, welche die bewusste Einübung sexueller Beschränkung ermöglichen sollte. Der Amerikaner Graham propagierte eine diätische Naturkost, fleischlos, ohne Drogen wie Alkohol und Nikotin, tägliche Gesundheitsgymnastik und sexuelle Enthaltsamkeit, die er als gesundheits-bewahrend einschätzte. James Caleb Jackson (1814-95) übernahm diese gesundheitsreformerischen Ideen Grahams und verband sie mit der Anwendung von Wasserkuren, Bädern, Duschen und feuchten Umschlägen, zusammen mit Massagen. Er ist der Autor von mehreren medizinischen Publikationen, wie: „Hints on the Reproductive Organs“(1853) und „The sexual Organs and its healthy managment“(1861)  1863 entwickelte er die ersten mehrfach gerösteten Weizenflocken und setzte damit eine Entwicklung in Gang, die die Geschichte der amerikanischen Lebensmittel nachhaltig beeinflussen sollte.

In diesem Zusammenhang ist die Person Ellen Harmon White (1827-1915) interessant. Sie war eine der Gründerin und Prophetin der „Sieben Tage Advent Kirche“ (diese Kirche wurde hauptsächlich durch die Prophezeiungen und Predigten von William Miller (1782-1849) begründet, in welchen es um das zweite Erscheinen Christus am Adventstage ging). Ohne Ellen White hätte es keine Geschichte über Granola und Corn Flake gegeben. Sie war stark beeinflusst von den Werken Sylvester Grahams und James Caleb Jackson. 1864 veröffentlichte sie ein eigenes Buch über die „Teufel der Masturbation“ unter dem Titel „An appeal to mothers: the great cause of the physical, mental and moral ruin of many of the children of our time“ in welchem sich ganze Passagen aus den Büchern Grahams und Jacksons wiederfanden.

Im Jahr 1866 gründeten die Adventisten ihr eigenes Gesundheitsinstitut, das „Western Health Reform Institute“, welches in den ersten 10 Jahren , nach ihrer Gründung, eine unangefochtene Führungsposition in Fragen der Gesunderhaltung des Körpers und der Sexualmoral innehatte. Einer der Institutsleiter war John Harvey Kellog . Kellog war in eine Adventistenfamilie hineingeboren und schon im Alter von 12 Jahren arbeitete er in einer Druckerei der Adventisten, wo er Kontakt zu der Gesundheitsreformliteratur bekam. Mit 20 Jahren wurde er zum Schullehrer und Missionar in Fragen der gesunden Ernährung ausgebildet, bis er dann mit 24 Jahren, 1876 von der Adventskirche zum Institutsleiter berufen wurde. In der Experimentalküche dieses Institutes wurden auch viele neue Rezepte und Produkte der propagierten Gesundheitskost entwickelt,  bis dann, 1898 die ersten „Sanitas Corn Flakes“ auf den Markt kamen. 1906 war dieses Produkt dann perfektioniert und wurde als „Kellog Corn Flakes“ auf den Markt gebracht. Die wirtschaftliche Leitung überließ John Harvey seinem Bruder Will Keith Kellog(1860-1951) der zuerst die „Battle Creek Toasted Cornflake Company“ gründete aus der dann später die „Kellog Company“ wurde, die die Frühstücksgewohnheiten vieler Millionen Menschen, zuerst in Amerika, später dann weltweit veränderte.  Viele der Apostel der Prüderie waren Mediziner, wie Kellog, die ihre moralischen Standpunkte unter dem Licht vermeintlicher medizinischer Erkenntnisse und Fakten stellten.

Eine anderer von ihnen war der Engländer William Acton (1813-75), der als eine Autorität in Fragen der venerischen Erkrankungen, der Prostitution und der Masturbation galt. Sein einflussreichstes Buch mit dem Titel „The functions and disorders of the reproductive organs in youth, in adult age and in advanced life“ erschien erstmalig 1857 und in insgesamt 6 Auflagen. Actons Fachgebiet als Arzt waren die Erkrankungen des urogenitalen Systems, bekannt wurde er aber als Autor, der Themen wie die uneheliche Geburt, Prostitution und Masturbation abhandelte. Er gehörte zu den Pionieren einer Bewegung und Debatte um die Prostitution die 1866 zur Verabschiedung eines Gesetzes führte, welches verfügte, dass sich Prostituierte in der Nähe von Militärstützpunkten regelmäßig medizinisch untersuchen lassen mussten. Desweiteren waren die „Gefahren der Masturbation“ ein weiteres dominierendes Thema bei Acton:

“Ihr fahler Teint, die ausgemergelte Gestalt, der gebückte Gang, die klamme Handfläche, das glasige oder bleierne Auge und der abgewandte Blick lassen den Wahnsinnigen als Opfer dieses Lasters erkennen. Apathie, Gedächtnisschwund, geschwächte Konzentrationskraft und Geistesgegenwart  (…) sind die hervorstechenden geistigen Phänomen von chronischer, durch Masturbation verursachter Dementia bei  jungen Männern.“

Zitat in : Marcus Steven, 1979 : 38

oder zum Thema der Sexualität der Frauen:

„Die besten Mütter, Ehefrauen und Leiterinnen von Haushalten wissen wenig oder nichts von sexuellen Befriedigungen. Liebe für ihr Heim, ihre Kinder und das Interesse an häuslichen Pflichten sind die einzigen Leidenschaften die sie kennen. In der Regel wünscht eine sittsame Frau keine sexuellen Freuden für sich selbst. Sie gibt sich ihrem Mann hin, doch nur um ihm gefällig zu sein“

Zitat in : Marcus Steven, 1979 : 48

Dies waren prägende Vorstellungen von Sexualität in der protestantischen Welt dieser Zeit. Sittsame Frauen brauchen keinen Sex und Männer müssen mit ihrer flüssigen Valuta, ihrem Samen, sparsam umgehen. Beim masturbierenden Jungen sind durch die Verausgabung des Samenergusses die Lebenskräfte erschöpft und es kommt infolge dessen zu Krankheit und Wahnsinn. Der Körper wurde als Produktionssystem begriffen dem nur eine begrenzte Menge von „Material“ zur Verfügung stand. Diese Phantasien, die sich als wissenschaftliche Fakten präsentieren, orientieren sich an dem damaligen Verständnis von Ökonomie. Der Samen symbolisiert das zirkulierende Geld – und die Pornographie liefert die komplementäre Vorstellung dazu. Dort sind alle Männer unendlich reich an „Substanz“, alle Männer unbegrenzt liquide in jener flüssigen Valuta die ausgegeben werden kann ohne ein Bankrott zu riskieren. Bis zum Ende des 19.Jh. lautete die zentrale Vokabel der englischen Umgangssprache für den Orgasmus „to spend“ (ausgeben). Es war noch nicht durch das moderne „to come“ ersetzt worden.  An diesem Punkt lassen sich mehrere Vorstellungen ausmachen: die individuelle und kulturelle Erfahrung von Armut, bzw. der Furcht davor – und die abstrakte Vorstellung des menschlichen Körpers als einen Wirtschaftskreislauf oder einer Maschine und die Sexualfunktionen somit als eine im Grunde mechanische.

Der Anti-Onanie Diskurs des 17. und 18. Jh. wurde überwiegend von protestantischen Autoren der sogenannten „zweiten Reformation“ getragen. Sie propagierten einen asketischen Protestantismus, der nicht nur ein auf das Jenseits ausgerichtetes Leben, sondern auch eine strenge und „reine“ Lebensführung im Diesseits forderte. Vor allem im Sexuellen sahen sie eine Gefährdung ihrer religiösen Zielsetzungen, da „fleischliche Begierden“, als vollzogene Handlung oder als Phantasie, die mentale Sphäre verunreinigten, von Menschen Besitz ergriffen und so ein christliches Leben unmöglich machten. Als einzige legitime Möglichkeit des Auslebens der Sexualität galt der „eheliche Beyschlaf“. Aus dieser Sicht heraus richtete sich die „kleine Sodomie“ vor allem gegen die christliche Ehe und ihrer zentralen Aufgabe der Reproduktion, die mit der biblischen „Onan“-Geschichte am besten illustriert werden konnte.

Onan „versündigte“ sich nicht allein durch Masturbation, sondern durch einen Verstoß gegen eine der zentralen Regeln des israelitischen Verwandtschafts- und Familiensystems. Weil er sich weigerte die Frau seines verstorbenen, erstgeborenen Bruders zu schwängern und stattdessen seinen Samen auf den Boden fallen ließ, unterbrach er die patrilineare Erbfolge, die davon ausging, das mit dem Familiennamen auch die Seele weitergegeben wurde. Weil er als Zweitgeborener mit der Witwe des Erstgeborenen keine Kinder zeugte, begann er einen „Mord“ an der Seele seines Bruders, weswegen er dann sein Leben lassen musste.

Erotische Phantasien als eine Ursache für soziale und moralische Verfallserscheinungen der Gesellschaft und Erkrankungen des Individuums darzustellen, haben eine lange Tradition.   Im Zeitalter der Inquisition bildete dies die Basis der Besessenheitstheorie. Viele Menschen wurden getötet nachdem sie unter Folter gestanden hatten, dass sie Nachts Träume gehabt haben, bei denen ihnen „Satan beigewohnt“ habe. Als nächstes bildete es, im Zeitalter des Viktorianismus, die Basis der Degenerationstheorie, die aus der Warte der Medizin, Masturbation als Krankheit darstellte und sexuelle Phantasien und feuchte Träume weiterhin verteufelte. Auch heutzutage gibt es eine starke puritanische Bewegung (die vor allem in den USA an die Öffentlichkeit tritt), die den Grund moralischen und geistigen Verfalls im Bereich der sexuellen Freizügigkeit sieht. Diese hat die Frauenbewegung in den USA und England, in Bezug auf ihre berechtigte Kritik an der Pornographie nicht unerheblich beeinflusst. Diese wurde in diesem Zusammenhang allerdings völlig undifferenziert als Ursache für Vergewaltigung, sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern und den moralischen Verfall der Nation angegriffen. Die gleichen Kräfte greifen den Sexualkundeunterricht an den Schulen an und sehen in ihm den Grund für Schwangerschaften im jugendlichem Alter, den Niedergang der Familie und Homosexualität. Auch die Kampagne gegen Schwangerschaftsabrüche wird von diesen ewig Gestrigen mit massiver Radikalität bis hin zur Gewalttätigkeit betrieben.

Zu den Vermittlern dieses moralischen Impetus, kombiniert mit konstruierten medizinischen Paradigmen, standen im kontinentaleuropäischen Raum der Schweizer Calvinist Johann Friedrich Osterwald mit seinem Werk „Traite´contre l`impurete´“ und der Kölner Georg Sarganeck mit dem ersten deutschsprachigen Werk zum Thema Onanie (1740) ein. Eine Besonderheit der englischen „Onania“ war die Veröffentlichung von Fallgeschichten von Betroffenen, die nicht nur eine Leserschaft interessierten, die sich zu medizinischen Fragen informieren wollten, sondern an den veröffentlichten Tatsachen des Geschlechtslebens.

Ähnlich wie bestimmte Beichttraktate der katholischen Kirche, bewegten sich viele dieser spezifischen Werke neben einer popularisierenden Aufarbeitung des medizinischen Wissenstands auf einen schmalen Grat zwischen „Geständniswissenschaft“, wissenschaftlicher Wahrheitsproduktion und erotisch-pornographischer Wirkung. Aus dem, wenn auch weitaus früher datierten Auszug aus den Dekretalien des Bischofs Burchard von Worms (1000-1025), an  der Detailgenauigkeit und der Form wie sexuelle Vergehen abgefragt werden,  wird deutlich, das vielen Beichtspiegeln und Moraltraktaten tatsächlich ein pornographischer Charakter zukam:

„Hast du dir, wie es manche Frauen zu tun pflegen, so eine Vorrichtung oder einen Apparat in Form eines männlichen Gliedes angefertigt nach Maßgabe deiner Wünsche, und ihn an der Stelle deiner Schamteile oder abwechselnd mit einigen Bändern hingebunden und mit anderen Weibern Unzucht getrieben, oder taten es andere mit dem gleichen Instrument oder mit einem andern mit dir? (…) Tatest du, wie es manche Frauen zu tun pflegen, wenn sie die quälende Geilheit löschen wollen, die sich vereinen und gleichsam den Beischlaf ausüben müssen und es können, indem sie miteinander ihre Genitalien vereinen und indem sie sich so aneinander reiben, ihr Jucken zu stillen trachten?“

zitiert aus „Die Kultur der Pornographie“, Werner Faulstich, Bardowick 1994, Wissenschaftler Verlag, Seite 57


Marcus Steven, 1979, „Umkehrung der Moral“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

Money John , 1985, „Destroying Angels“, Prometheus Books, Buffalo, New York


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