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Jan
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Die Sexindustrie in Deutschland

Inhalt

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1. Ein kurzer Abriss kulturpolitischer Entwicklungen in Deutschland
1.1. Die 50er Jahre – die Rekonstruktion einer konservativen Sexualmoral
1.2. Einflüsse us-amerikanischer Subkulturen über die Kultur- und Medienindustrie
1.3. Außerparlamentarische Opposition und sexuelle Revolution – Das Private wird politisch
1.4. Kommunen, Kollektive und Wohngemeinschaften

2. Die Anfänge der Liberalisierung von Pornographie
2.1. Dänemark als Vorreiter
2.2. Der Pressemarkt – Veränderungen im Mainstream, Sexillustrierte und Pornomagazine
2.3. Von der Zensur in den 50ern zum Sexfilm der 60er Jahre
2.4. Der Pornofilm-Markt
2.5. Vom Staatsfernsehen zu privaten Anbietern – Satellitenfernsehen, Pay-TV und Kabelnetze

3. Geschichte und Entwicklung einzelner Unternehmen des Pornobusiness
3.1. Rodox Trading
3.2. ZBF-Vertriebs GmbH
3.3. Von Intex zur Scala GmbH
3.4. Verlag Theresa Orlowsky
3.5. Beate Uhse
3.6. Orion-Versand
3.7. condomi AG
3.8. Private Media Group
3.9. Unternehmen in Großbritannien

4. Der Online-Pornographiemarkt am Beispiel Deutschlands
4.1. Der deutsche Markt im Verhältnis zur us-amerikanischen Branche
4.2. Die internen Veranstaltungen des Online-Gewerbes
4.3. Einzelne Unternehmen der Branche
4.4. Der Bauer-Holding, fundorado und andere deutsche Majors
4.5. Dialer – Zwischen Missbrauch und regulärer Abrechnungsmethode
4.6. Gesetzgebung zwischen Zensur und Selbstregulation
4.7. Der wachsende Markt des e-commerce

Die 50er Jahre – die Rekonstruktion einer konservativen Sexualmoral

Mit der Zerschlagung der Weimarer Arbeiter- und Reformbewegung wurden auch die Ansätze der Sexualreform und die in den 20er Jahren entstandenen Subkulturen der Lesben, Transvestiten und Homosexuellen vernichtet. Die Sexualwissenschaft, die in Deutschland begründet und wesentliche Impulse erfahren hatte, wurde im Faschismus vollständig zerstört und es gelangte ihr nicht an die Zeiten der Weimarer Republik anzuknüpfen. Stattdessen entwickelte sich die Sexualwissenschaft in den USA zu einer anerkannten akademischen Disziplin, die später mit den Arbeiten von Kinsey, Masters und Johnson nicht nur akademisch, sondern auch kulturpolitisch Einfluss nahm. Der 1933 in Deutschland erfolgte politisch-kulturelle Einschnitt war auf der politischen Ebene zwar 1945 beendet, auf der kulturellen und sittengeschichtlichen Ebene wurde der „abgeschnittene Faden“ erst Anfang der 60er Jahre wieder aufgenommen.

Nach Kriegsende lebten 7,3 Millionen mehr Frauen als Männer in Deutschland. Vor allem bei den 20-40-jährigen war der Überschuss, bzw. der Männermangel am prägnantesten. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren durch eine Auflockerung der Sexualmoral, Gelegenheitsprostitution und zahlreichen Sexualkontakten mit den Besatzungssoldaten gekennzeichnet, die sich am Beginn der 50er Jahre in einer exorbitanten Zahl illegaler Abtreibungen niederschlug.  Erst Ende der 40er und in den 50ern entwickelte sich unter starker Einflussnahme der Kirchen – über die christlichen Parteien CDU/CSU auch auf die dementsprechende Gesetzgebung – eine zutiefst konservative Sexualkultur. Diese Vertreter einer rückwärtsgewandten, auf die Ehe und Familie ausgerichtete Sexualmoral, stammten aus den Kirchen, politischen Parteien, Medien und der Wissenschaft und propagierten Jungfräulichkeit bis zur Ehe und wandten sich vehement gegen Onanie und gegen die „Schmutz- und Schundliteratur“. Ehebruch war strafbar. Eltern die ihre jugendlichen Teenager mit einem Partner in der Wohnung schlafen ließen, konnten wegen schwerer Elternkuppelei mit bis zu 6 Jahren Haft bestraft werden. Bis zum Ende der 60er Jahre war aufgrund eines Erlasses von Heinrich Himmler von 1943 die Werbung für empfängnisverhütende Mittel verboten.

In so einem gesellschaftlichen Klima wurden dann, die von den Nazis verschärften, offiziell nie außer Kraft gesetzten Homosexuellen-Paragraphen §175 und §175a 1949 , wie auch der Abtreibungsparagraph §218 in das Strafgesetz der Bundesrepublik übernommen. Der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches besagte, dass „eine Frau, die ihre Leibesfrucht abtötet oder die Abtötung durch einen anderen zulässt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft.“ –  Wer abtreiben wollte, musste nach Holland oder England fahren oder im deutschen Rechtsraum in die Illegalität ausweichen.  Der §175 und §175a wurden mit der Begründung aufrecht erhalten, dass es sich dabei nicht um NS-Unrecht handele. Überlebende KZ-Opfer erhielten deshalb weder eine Entschädigung, noch wurden sie rehabilitiert. Noch im Jahr 1957 erklärte das Bundesverfassungsgericht den Paragraphen für verfassungskonform mit der Begründung: „Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt eindeutig gegen das Sittengesetz“. Im repressiven Klima der frühen BRD als Homosexueller öffentlich gemacht zu werden, bedeutete oft die Vernichtung der sozialen Existenz und die Verbüßung einer Gefängnisstrafe. Nichtsdestsotrotz kam es zu dieser Zeit zu einer Wiederbelebung der schwulen Subkultur in Form von Bars und anderen Lokalitäten, die allerdings quasi konspirativ und nach außen hin abgeschottet waren.

Ab 1953 wurde die Sexualberatung und dementsprechende Schriften streng zensiert, Verhütungsmittel wie Diaphragma und Kondome waren schwerer zu bekommen. Jenseits dieses propagierten Moraldiskurses offenbarten erste repräsentative Umfragen zum Geschlechtsleben der Deutschen im Jahr 1949 allerdings ein anderes Bild. So empfanden knapp 85% der 20-29 Jährigen den vorehelichen Geschlechtsverkehr für notwendig oder zulässig. Seitens der jüngeren Generation wurden auch Fragen der Verhütung und der Bewertung des Sexuellen für ein erfülltes Leben weitaus wichtiger eingeschätzt als von ihren Eltern. Eine Diskrepanz zwischen den Generationen, die erstmals in  den 50er Jahren mit dem Rock`n Roll und der um ihn geführten Diskussion deutlich zutage trat. Die Gleichstellung der Frau wurde nach dem 2. Weltkrieg in der BRD, wie in der DDR in der Verfassung verankert, wobei die praktische Umsetzung dieser Gesetzestexte nicht den realen Verhältnissen entsprach. Im Osten wie im Westen blieben die Frauen in den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsgremien stark unterrepräsentiert. Im Gegensatz zur DDR, wo eine proletarische Frauenbewegung mit Clara Zetkin als eine ihrer Leitfiguren proklamiert wurde, blieben in der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren die Frauenvereine der Tradition der bürgerlichen Frauenbewegung verpflichtet.

Anhaltende Vollbeschäftigung und steigende Löhne und Kaufkraft sorgten ab Ende der 50er Jahre erstmals in der deutschen Geschichte dafür, dass immer mehr Menschen an der allmählich entstehenden Konsum- und Freizeitgesellschaft teilhaben können. Im Zuge der amerikanischen Antikommunismus-Politik konnten sich nicht wenige der Funktionsträger des nationalsozialistischen Regimes in der Nachkriegsordnung der Bundesrepublik etablieren und Karriere machen. (Globke, Seebohm, Oberländer, Filbinger, Kiesinger). Ein Generationskonflikt zwischen der sogenannten Aufbaugeneration, die sich nach den Erfahrungen der NS-Zeit und der „Entnazifizierung“ eher unpolitisch verhielt, und den politisch stärker engagierten Jugendlichen, die die vorwiegend arbeits- und konsumorientierte Lebensweise ihrer Eltern kritisierten, zeichnete sich ab. Doch zunächst betrieb eine breite, katholisch-konservative Volksbewegung Kampagnen gegen „Schmutz und Schund“ in Film und Literatur und gegen die neu entstandenen FKK-Verbände. In Deutschland tat sich nach dem 2. Weltkrieg der sogenannte „Volkswartbund“ als oberster „Moralwächter der Volkseele“ hervor. Seit 1951 nannte er sich „Bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit“ und war von der Fuldaer Bischofskonferenz mit der Wahrnehmung des literarischen Jugendschutzes und der „Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit“ beauftragt worden und stellten eine Vielzahl von Indizierungsanträgen. Die Aktionen gegen die „Schundliteratur“ gingen soweit, dass 1957 der „Bund katholischer Jugend“ in Württemberg eine Aktion „Scheiterhaufen“ startete in deren Folge z.b. Comics wie „Falkenauge“ und „Sheriff Teddy“ hochoffiziell verbrannt wurden. Mitte der 50er Jahre setzte die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ FKK-Zeitschriften auf den Index. Noch 1963 wurde der Bikini an deutschen Badestränden, seitens offizieller moralischer Postulate als „unanständig“ abgelehnt,  aber bereits 5 Jahre später bieten große Reiseveranstalter wie Quelle, Hummel, Touropa, Scharnow und Neckermann erstmalig FKK-Reisen in ihren Katalogen an. 1955 mit der Verabschiedung des „Freiwilligengesetzes“ wurde der Grundstein für die Aufstellung eines deutschen Heeres, der Bundeswehr, im Rahmen der westeuropäischen Union und der Nato gelegt. Nachdem unter den Diktionen des kalten Krieges, die Stationierung von Atomwaffen auf westdeutschen Territorium beschlossen wurde, demonstrierten im April 1958 über 100.000 Menschen auf dem Hamburger Rathausmarkt gegen die atomare Rüstung der Bundeswehr. Aus den landes- und europaweiten Protesten entwickelte sich die Ostermarschbewegung, die mit der „Kampagne für Abrüstung“ später dann in die Außerparlamentarische Opposition (APO) aufging.
Eder Franz X. : 2002, Kultur der Begierde: eine Geschichte der Sexualität“, Verlag C. H. Beck, München
Knigge Andreas, 1985, „Sex im Comic“, Ullstein-Verlag, Frankfurt am Main/ Berlin
König Oliver, 1990, „Nacktheit – Soziale Normierung und Moral“, Westdeutscher Verlag, Opladen


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