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Von der Zensur in den 50ern zum Sexfilm der 60er Jahre

1949 wurde die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) gegründet, mit der sich die Filmindustrie vor staatlicher Zensur schützen wollte. Kino- als auch Videofilme werden auf Antrag der Firmen kostenpflichtig geprüft. Oft ist die vom Verleih jeweils beantragte Freigabe nur durch Schnittauflagen der FSK zu erreichen. Besonders im kommerziellen Verkauf spielt die Jugendfreigabe eine große Rolle, eine Indizierung bedeutet bei Kaufkassetten das kommerzielle Aus, da diese hauptsächliche durch Kaufhäuser und Elektronikmärkte und nicht durch Erwachsenenvideotheken verkauft werden. Bestimmte Beschränkungen bei der Ausstrahlung von Spielfilmen im Fernsehen sind im Rundfunkstaatsvertrag vorgegeben. Filme die von der FSK ohne Altersbeschränkung, ab 6 oder ab 12 Jahren freigegeben werden, unterliegen keiner Sendezeitbeschränkung. Filme mit FSK 16 dürfen nur von 22.00 – 06.00 Uhr, solche mit FSK 18 erst ab 23.00 – 06.00 Uhr ausgestrahlt werden. Die Ausstrahlung indizierter Titel ist nur zulässig, wenn die Jugendgefährdung nicht als schwer anzusehen ist. Um nicht mit dieser Vorschrift in Konflikt zu geraten, werden viele dieser Indexfilme von den Sendern geschnitten.

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/gottberg_fsk_50/gottberg_fsk_50.html

Das einzige Filmgenre, in welchem die Darstellung von Nacktheit anfangs der 50er akzeptiert wurde, waren „Kulturfilme“ über die unschuldigen und primitiven Wilden aus der 3.Welt , wie „Abenteuer im Dschungel“, „Der dunkle Erdteil erwacht“ oder „HitoHito“– ganz in der wilhelminischen Tradition des faszinierenden Exotismus. Der Film „Die Sünderin“ hingegen löste 1951 einen  großen Skandal aus, weil die Hauptdarstellerin Hildegard Knef für einige Sekunden ohne BH auf der Leinwand zu sehen war. Der Film zeigt die Wandlung einer ehemaligen Prostituierten zu einer liebenden und opferbereiten Frau. Vor allem Kirchvertreter griffen den Film vehement an, da er u.a. die Prostitution als ein lukratives Gewerbe darstellte, dass nicht unbedingt zum ökonomischen Verfall einer Frau führen musste und zudem die sexuelle Unabhängigkeit einer Frau außerhalb der Institution  Ehe darstellte. Noch 1964 wurde  Ingmar Bergmanns Film „Das Schweigen“, der eine kurze, realistische Beischlafszene enthielt in einigen Ländern beschlagnahmt und löste europaweit Diskussionen aus.
Einen Startpunkt in der Entwicklung des Sexfilm-Genres in den westlichen Nachkriegsgesellschaften stellten die FKK-Filme aus Skandinavien, wie „Han dansode en Sommer“/Sie tanzte nur einen Sommer“ (1951, R.: Arne Mattson) dar. Diese in der Regel harmlosen und unerotischen Filme gingen in erster Linie das Nacktheitstabu an und waren Ausdruck des damals stattfindenden Kulturkampfes um die Freikörperkultur, die in Deutschland mit völlig überzogenen Attacken seitens christlicher Kulturvereine und Medienkritik geführt wurde. Stattdessen konnte Veit Harlan, ohne massivere Kritik oder gar moralische Empörung seitens dieser Interessenverbände hervorzurufen, 1957 den Film „Anders als du und ich“ realisieren. Der Regisseur Harlan, der im nationalsozialistischen Deutschland u.a. mit dem antisemitischen Propagandafilm „Jud Süß“ Karriere gemacht hatte, nahm sich mit dem Film „Anders als du und ich“ des Themas Homosexualität an. Der Film gab vor die Problematik des § 175 StGB zu behandeln, setzte aber in Wirklichkeit in einer ungebrochenen ideologischen Ausrichtung zur NS-Ideologie Homosexualität mit der modernen Kunst gleich und stellte in diesem Kontext diese als „entartet“ und „widernatürlich“ dar.

Trotz oder vielmehr gerade wegen diesem gesellschaftlichen Klimas feierte der Starkult um weibliche Filmschauspielerinnen neue Höhepunkte. Im us-amerikanischem Film der 50er Jahre wurde die Darstellung weiblicher Erotik durch Frauen wie Ava Gardener und Rita Hayworth dargestellt, die oft in den Rollen von unterkühlten Vamps auftraten. Pinup-Stars wie Betty Gable und Jane Russel erreichten ebenso wie Jayne Mansfield eine enorme Popularität, während Marilyn Monroe, als Überzeichnung dieses Trends, zur regelrechten Sex-Ikone stilisiert wurde. Die Grand Dames des italienischen Films in den 50er und 60er Jahren waren Gina Lollobrigida und später Sofia Loren. In Deutschland genossen Romy Schneider, zunächst bekannt als Sissi-Darstellerin, nach ihrem Imagewechsel  mit Viscontis Episodenfilm „Boccacio 70“(1961) und Schauspielerinnen wie Anita Eckberg einen dementsprechenden Starruhm. In Frankreich war es in den 50er Jahren vor allem Martini Carol, die- wenn sie auch nicht so bekannt wurde – als Wegbereiterin für Brigitte Bardot gelten kann. B.B. galt zunächst als Busenstar und etablierte sich als Protagonistin für Entkleidungsszenen. Später entstand ihr Typus einer sexuell aggressiven Kindfrau, wobei die Darstellung ihrer Sexualität einen Grad von Selbstverständlichkeit und Körperlichkeit erreichte, die sie zu einem Symbol des beginnenden gesellschaftlichen Wertewandels und der beginnenden sexuellen Revolution werden ließ.

In den 60er Jahren befindet sich das Kino aufgrund der zunehmenden Konkurrenz des Fernsehens in der Krise. Die Anzahl der Abspielstätten halbierte sich im Zeitraum von 1960 bis 1970 von ca. 7000 auf ca. 3500 Stück. Aufgrund dessen gingen immer mehr Filmproduzenten dazu über lukrative Sexfilme zu produzieren. Eingeläutet wurde diese Entwicklung mit dem von der staatlichen Bundeszentrale co-produzierten Aufklärungsfilm „Helga – Vom Werden des menschlichen Lebens“. Der Film, der  nichts anderes erzählt als die Geschichte einer Schwangerschaft, aber eben auch explizite Nacktheit zeigte, hatte Ende 1968 fast 5 Millionen Zuschauer in Deutschland zu verzeichnen und ca. 14 Millionen DM eingespielt. Weltweit lockte er 40 Millionen Besucher in die Kinos. Mit der Lockerung der Zensurregelung und aufgrund der erreichten Popularität dieses Filmes, setzte in den Folgejahren eine Massenproduktion an sogenannten „Aufklärungs“ – und Sexfilmen ein. Beispiele für diese Aufklärungsfilme sind: „Helga und Michael“/1968, R.: Erich F. Bender, „Oswald Kolle – Das Werden der Liebe“/1967, R.: Franz Josef Gottlieb, „Die Zwischenzeichen der Sexualität“/1968, R.: Gerhard Zenkel und „Freiheit für die Liebe“/1969, R.: Phyllis und Eberhard Kronhausen.

Oswald Kolle (geb. 1928) arbeitete in den 50er Jahren u.a. in den Kulturressorts der Zeitungen Bild und BZ und  Star-Revue. Bekannt wurde er ab 1960 mit seinen Aufklärungsserien „Dein Kind – Das unbekannte Wesen“, gefolgt von „Deine Frau“ – und „Dein Mann – Das unbekannte Wesen“, die in den Illustrierten „Quick“ und „Neue Revue“ publiziert wurden und später als Bücher erschienen. Sein 1967/8 produzierter Aufklärungsfilm „Oswald Kolle – Das Wunder der Liebe“ (R.: F.J. Gottlieb) wies bereits nach einem halben Jahr eine Bilanz von 8 Millionen Zuschauern im deutschsprachigen Raum auf. Die Aufklärungsfilme „Helga“ (1967, R.: Erich F. Benders)  und Oswald Kolles „Das Wunder der Liebe“ zeigen deutlich eine sexualitätsbejahende Tendenz im Rahmen des konstitutionellen Ehe- und Familienverbundes auf, betonen aber die Reproduktionsaufgabe der Ehe und sind als ein deutlicher Kontrapunkt zu der von den 68ern propagierten „freien Liebe“ zu verstehen. Diese Filme wurden dementsprechend, trotz ihrer zum Teil freizügigen Bilder, von den Zensurbehörden wie den kirchlichen Institutionen gleichermaßen gelobt.

Die Mitarbeit eines anerkannten Wissenschaftlers, Psychologen oder Fachjournalisten diente diesen Filmen als wissenschaftliche Legitimation. Eine Struktur die ansatzweise noch in den darauf folgenden „Report-Filmen, insbesondere den „Schulmädchenreport“ beibehalten wurde. Daneben gab es Report-Filme über Hausfrauen, Jungfrauen und Krankenschwestern. Parallel wurden zunehmend reine Sexfilme produziert, die auf eine aufklärerische, informative Alibifunktion verzichteten. Sie wurden wie die Reportfilme, Ende der 60er Jahre zu einem lukrativen Exportprodukt der deutschen Filmindustrie, da die Zensurrichtlinien liberaler waren als in den anderen Ländern. Im Gegensatz zu den amerikanischen „Nudies“ waren z.b. Szenen mit simuliertem Geschlechtsverkehr bereits häufig. 1967 hatte der Sexfilm bereits einen Anteil von 27 % an der deutschen Jahresproduktion. Im Jahr 1968 bereits 44 %, bis dann  1969 der Sexfilm 50 % der deutschen Filmproduktion ausmachte. Zu den bekanntesten und erfolgreichsten Produktionen gehörten die Report-Serien wie „Intim-Report“(1967) und „Der Schulmädchen-Report“(ab 1970)  und die Werke des ehemaligen Spediteurs Alois Brummer. Sein Film „Lass jucken, Kumpel“ lockte allein vier Millionen Zuschauer  in die Kinos. Die Schulmädchen-Reports wurden von Wolf C. Hartwig und seiner „Rapid-Film“ produziert. Mit dem Profit dieser Serie und ähnlicher Sexfilme realisierte er u.a. aufwendige Kriegsfilme wie „Steiner“ Neun dieser „Reports“ wurden von dem Regisseur Ernst Hofbauer inszeniert. Neben weiteren Filmen des Sex&Crime-Genres führte er für die Shaw Brothers (Hongkong) in dem Film „Virgins of the seven Seas“/“Karate, Küsse, blonde Katzen“ (1974) Regie.

Eine Ausnahme in der Vielzahl der zu dieser Zeit produzierten Filme stellt der Film „Das Wunderland der Liebe – Der große deutsche Sexreport“ (1970) dar. In diesem Film präsentierten der Autor und bekannte Filmjournalist Joe Hembus und der Regisseur Dieter Geissler eine Collage aus dokumentarischen bis ironisch-kritischen Eindrücken zum Thema, die von dem Gründer der „Deutschen Sex Partei“ und Herausgeber der „St. Pauli Nachrichten“ bis zu einer Performance des Wiener Aktionskünstlers Otto Muehl reichen. Filme dieser Art blieben in Deutschland zu dieser Zeit aber die Ausnahme, so dass sich viele Autorenfilmer, aufgrund der Dominanz  kommerzieller Billigproduktionen von Sexfilmen, von dieser Thematik zurückzogen.

http://www.deutsches-filminstitut.de/sozialgeschichte/dt069b.htm
Faulstich Werner, 1994, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick
Seeßlen, Georg/ Bernhard Roloff (Hg.)  1980, „Ästhetik des erotischen Kinos“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
Thissen, Rolf : 1995 , „Sex verklärt – Der deutsche Aufklärungsfilm“, Heyne-Verlag, München

Im europäischen Raum sah die Lage etwas anders aus, auch wenn einige Filmschaffende im Zuge der Liberalisierung und des beginnenden „Porno-Chics“ sich zu Produzenten erotischer Massenware entwickelten und an Qualität einbüßten. Neben bekannten Regisseuren wie dem Surrealisten Luis Bunuel und dem Italiener Pasolini, die sich in ihren Filmen oft intensiv mit der katholischen und bürgerlichen Moral auseinandersetzen und vielen Vertretern der französischen Nouvelle Vague, gab es eine Reihe von nennenswerten Regisseuren, die für ihre erotischen Produktionen bekannt waren:

Jose´ Benazeraf wurde in den 60er Jahren in Frankreich als B-Film-Regisseur von Sex&Crime-Filmen bekannt, der mit seinen freizügigen Sexfilmen oft mit der Filmzensur aneinander geriet. Sein erster Spielfilm war „Heißer Strand“ (1961), der seinen Erfolg u.a. den leichtbekleideten Hauptdarstellerinnen Monique Just und Sylvia Sorrente verdankte. Es folgten Filme wie „Paris Erotica“ (1963); „Cover Girls“ (1963) und „Joe Caligula“ (1966), ein Sex&Crime-Noir, der von der Zensur verboten wurde. Fast alle Filme von Benazeraf wurden in Frankreich produziert. Eine Ausnahme ist „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1966), der von der deutschen Urania produziert wurde. Der Film erzählt die Geschichte eines Interpol-Inspektors, der sich in eine Striptease-Tänzerin (Dunja Rajter) verliebt und sich vom Milieu korrumpieren lässt. Nach weiteren erotischen Filmproduktionen wie „French Love“ (1972); „Le sexe nu“ (1974) und „J.B. 1“ (1975) produzierte er einige Pornofilme, die wenig von den Ansprüchen und dem Stil seiner früheren Filme erkennen ließen.

“Das traditionelle Prinzip der Ehe ist von der Erotik her gesehen absurd. Die Erotik ist eine Verneinung aller Strukturen der Gesellschaft“

Jose´ Benazeraf

Der polnische Maler, Lithograph und Regisseur Walerian Borowczyk realisierte in den 50er Jahren zusammen mit Jan Lenica eine Reihe von Animationsfilmen wie „Strip-tease“(1957) und „Dom“ (1958). Mit Jan Lenica war er zu dieser Zeit auch Mitglied einer Gruppe von Graphikern deren Theater- und Filmplakate weltbekannt wurden. Sein Episodenfilm „Unmoralische Geschichten“(1973) wurde in Frankreich zunächst verboten, nach Protesten der Kunst- und Literaturszene aber freigegeben. Sein Film „La bete“ (1975) wurde in Deutschland 5 Jahre auf den Index gesetzt und kam dort erst Anfang der 80er Jahre in die Kinos.

Der spanische Regisseur Jess Franco, mit seinen speziellen Ausrichtungen auf Sadismus, Horror und Phantastik, gilt als einer der wichtigsten Vertreter des europäischen Sexplotation-Genres. Mit „99 Mujeres“/““Der heiße Tod“ (1968) legte er den Grundstein für eine ganze Reihe von Frauengefängnis-Filmen. Außerdem versuchte er sich in einer ganzen Reihe von de Sade-Adaptionen. In den frühen siebziger Jahren drehte Jess Franco unter verschiedenen Pseudonymen bis zu 15 Filme pro Jahr ab. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören u.a. „Necronomicon“/“Geträumte Sünden“ (1967) und „“El conde Dracula/“Nachts wenn Dracula erwacht“ (1969)

Die italienische Regisseurin Liliana Cavani drehte in der ersten Hälfte der 60er Jahre eine Reihe von Dokumentationen für den staatlichen Fernsehsender RAI: „Geschichte des 3. Reiches“(1963); „Die Frauen des Widerstandes“ (1963) und „Das Zeitalter Stalins“ (1964). Ab 1966 wechselte sie zum fiktiven Film. 1973 realisierte sie ihren Film „Der Nachtportier“, der die Geschichte einer sadomasochistischen Amour fou zwischen einer verheirateten Frau und einem Nachtportier, indem sie einen ehemaligen SS-Offizier wiedererkennt, dem sie früher im Konzentrationslager sexuell zu Diensten sein musste.

Der Film „Jag wär nyfiken-bla“ (Sie will´s wissen)/Schweden 1967) des Regisseurs Vilgot Sjönman zeigte Sexszenen, die sich durch ihren erotischen Realismus und durch die Durchlässigkeit der Grenzziehung zwischen Fiktion und Realität auszeichneten. Die gezeigten Szenen wirkten nicht mechanisch oder von „tiefer Bedeutung erfüllt“, sondern waren in ihrer Darstellung ungezwungen und frei.

Der Film „Wilhelm Reich – Mysterien des Organismus“ (1971) des jugoslawischen Regisseurs Dusan Makavejer beginnt als fundierte Dokumentation über das Leben, die Arbeit und Verfolgung des bekannten Sexologen Wilhelm Reich und entwickelt sich im 2. Teil zu einer Filmcollage aus Sexszenen, politischen Ansprachen zur freien Liebe an die jugoslawische Arbeiterschaft und Interviews – u.a. mit dem Transvestiten Jackie Curtis und Jim Buckley, dem Herausgeber des amerikanischen Pornomagazins „Screw“. 2 Jahre später folgte der Film „Sweet Movie“ in welchem der Aktionskünstler Otto Muehl und Mitglieder der Wiener Kommune mitspielten.

„Ich sehe das Kino als eine Guerilla-Operation gegen alles, was fixiert, definiert, etabliert, dogmatisch und ewig ist. Es ist nicht irrelevant, das sich das Kino im Krieg befinden sollte, denn letztlich hängt alles zusammen. Hollywood ist Wall Street und das Pentagon. (…)Ich glaube, das wir, indem wir im Kino mit unseren Filmen für einen freieren, authentischeren Ausdruck kämpfen mit Waffen, die Joie de Vivre (Lebensfreude) und Komödie mit einschließen, denselben Krieg führen wie jene, die auf den Barrikaden kämpfen.“

Dusan Makavejer

1973 kam aus Frankreich mit dem Film „Emanuelle“ des Regisseurs Just Jaeckins eine neuer Stil in das Genre des erotischen Films, der sich an die Ästhetik der Werbung anlehnte und zum ersten Mal Frauen im größeren Umfang als Publikum gewinnen konnte. Der Film war ein derartiger Erfolg, dass er eine ganze Reihe von Fortsetzungen und Folgefilmen nach sich zog, die bis in die 90er produziert wurden. Bis zum 5. Teil hatten allein die offiziellen Emanuelle-Filme in Europa 350 Millionen Zuschauer zu verzeichnen. Im Zuge der allgemeinen Liberalisierung und der Welle des Porno-Chics hat dann der deutsche Sexfilm um 1976 als eigenständiges Genre zu existieren aufgehört.

„Der Erfolg der Emanuelle-Filme rührte nicht zuletzt daher, dass aus ihm das Subversive, das soziale Unten herausgekürzt worden war und das sexuelle Bild nun nicht mehr der Auflösung von Machtstrukturen, sondern im Gegenteil – ihrer Bestätigung dienen konnte. Anders gesagt: der Preis dafür, dass das Kino zum ersten Mal Ikonen für Subjekte der weiblichen Lust schaffen konnte, war die Bindung an ein spezifisches, bürgerliches Milieu. Die ästhetische Entsprechung der Aneignung des sexuellen Bildes durch das bürgerliche Zentrum der Kultur war die – in der Praxis durchaus willkürliche Unterscheidung zwischen Erotik und Sex, wobei Erotik das bürgerliche Raffinement, Sex die proletarische Direktheit meinte“

Zitat: Georg Seesslen „Ästhetik des erotischen Films“ S. 148/9

1980 kam der Film „Deutschland privat“ in die Kinos, der sich aus Szenen von Super-8-Amateurfilmen zusammensetzt. Die Regisseure Robert von Ackeren und Erwin Kneibsl sichteten rund 200 Stunden Material aus ihrer zusammengetragenen Sammlung für diesen Film. Ein Hauptaugenmerk liegt auf dem erotischen Film, wo deutsche Amateurfilmer ihrem Hang zum Voyeurismus und Exhibitionismus nachgehen. In der Regel sind die abgebildeten Personen Frauen – Ehefrauen oder Freundinnen der Männer, die hinter der Kamera stehen. Filmende wie Abgefilmte spiegeln in vielen dieser Szenen ihre persönliche Rezeption von kommerziellen Pornofilmen wieder.

Der Film „Catch your Dreams“, (1983, Regie: Moritz Boerner, Verleih: Tantra-Film Produktion) war der Versuch der Gestaltung einer neuen Form des Sexfilms auf der Grundlage esoterischer, ganzheitlicher und psychodynamischer Erfahrungen. Daraus resultierte der zum Teil dokumentarische Film in dem 10 junge Leute auf einem Schloss in der Schweiz sieben Tage lang ihre erotischen Träume ausleben und am Ende ihres Settings in einer Gesprächsrunde ihre Erlebnisse reflektieren. Der Regisseur war vor der Entstehung der Filmidee mehrere Monate in Indien und eine seine Darstellerin und Bekannte war vorher an mehreren Selbsterfahrungsgruppen und Massageworkshops beteiligt. Der Film wurde mehrere Male beschlagnahmt und nur unter den üblichen Auflagen für Pornofilme freigegeben (ab 18 Jahre, Getränkeverzehr oder anderes, da der Eintrittspreis sich nur zum geringeren Teil auf den Film beziehen durfte). Innerhalb von 5 Jahren haben sich mehr als 500 000 Menschen den Film, der bis zu einem gewissen Grad die libertinen Einstellungen der frühen Baghwan-Kommunen widerspiegelt, angeschaut. Ein weiterer Film von Moritz Boerner „Abenteuer meiner Seele“, der die gleiche Thematik behandelte und unter der Leitung einer Tantra-Lehrerin entstand, wurde allerdings ein Misserfolg.

In den 80er und 90er Jahren hat das Sexfilm-Genre quasi keine nennenswerte Bedeutung mehr, während sich die Auswirkungen der Liberalisierung zunehmend in den Mainstreamproduktionen verschiedener Genre-Gattungen – vom Thriller bis zum Science-Fiction-Film zeigen. Diese beinhalten in den 80er Jahren bereits Szenen, die drei Jahrzehnte zuvor in den sogenannten Sexfilmen undenkbar waren. Dies entspricht der Tendenz der allgemeinen Sexualisierung der Mainstreamkultur wie er in der Werbung und Mode inzwischen allgegenwärtig ist. Cineastische Beispiele dieser Entwicklung sind u.a. „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ (1980/ mit Jack Nicholson und Jessica Lange, R.: Bob Rafelson); „Color of Nights“ (1994/ mit Bruce Willis und Jane March, R.: Richard Rush) und  “Showgirls” (1996/, R.: Paul Verhoeven). Der Sexfilm, wie er in den 70er Jahren in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit stand, verschwand mit dieser Entwicklung aus dem Zentrum der Kinokultur. Angebot und Nachfrage nach expliziten sexuellen Bildern werden seitdem zunehmend von Videotheken und später Pay-TV-Kanälen und dem Internet bestimmt. Medien, die auf einen Konsum innerhalb der Privatsphäre ausgerichtet sind, während in den 60er  und 70er Jahren die Rezeption dieser Produkte durch die Kinos in einem quasi öffentlichen gesellschaftlichen Raum stattfand.

Relix, Leo; Thissen Rolf, „Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms“, Goldmann-Verlag


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