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Die Anfänge der Liberalisierung von Pornographie

Dänemark als Vorreiter

Im politisch liberalen Klima Dänemarks wurden bereits seit 1962 literarische Erotika gehandelt und 1964/5 wurde pornographisches Material in hoher Quantität, bis hin zum bekannten „Weekend-Magazin“ produziert. 1967 wird das gesetzliche Verbot für pornografische Schriften aufgehoben. Zwei Jahre später, 1969, werden auch erotische Abbildungen und Materialien legalisiert. Pornobücher, also reine Textpornographie, die vor der Legalisierung sehr populär waren und wöchentlich, mit 2-3 neuen Exemplaren in hohen Auflagen auf den Markt geworfen wurden, versanken danach in der Bedeutungslosigkeit. Zu diesem Zeitpunkt hat Dänemark die liberalste Pornografie-Gesetzgebung der Welt. Ein prosperierender Wirtschaftszweig entstand, der bereits 1969 etwa 50 bis 70 Millionen Dollar umsetzte. Das Geschäft mit der Pornografie boomte – auch wenn die Preise nach der Legalisierung vorübergehend fielen. Wichtige Exportländer dänischer Pornographie waren Deutschland, Schweden und die USA. Nach der Legalisierung gab es in Dänemark etwa 100 Sexläden, über die Hälfte davon in Kopenhagen, die zu ca. 25% von Ausländern frequentiert wurden, die ihren Bedarf nicht über den Versandhandel, sondern in persona abdeckten. Bereits 1969 fand in Kopenhagen, mit ca. 50.000 Besuchern, die erste Sexmesse der Welt statt – die „Sex 69“. Schweden hebt 1971 das Pornografieverbot auf. Den beiden skandinavischen Ländern kommt im rechtshistorischen Sinne eine Vorreiterrolle zu. 1973 wird dann auch in Deutschland die Herstellung und Abgabe von Pornografie an Erwachsene legalisiert. In den 60er Jahren waren eine große Vielfalt von Kleinstverlagen und Produktionen am Geschäft mit der Pornographie beteiligt. Ab Anfang der 70er Jahre findet in dieser Branche eine starke Marktkonzentration und Professionalisierung statt, an deren Ende nur eine kleine Zahl von Großunternehmen übrig bleibt.


http://archives.arte-tv.com/de/archive_271127.html

Der Pressemarkt –  Veränderungen im Mainstream, Sexillustrierte und Pornomagazine

Bereits im Gründungsjahr der Bundesrepublik 1949 regte F. J. Strauß ein „Bundesgesetz gegen Schmutz und Schund“ an, aus dem 1953 das „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften“ (GjS) hervorging. 1954 wurde dann die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPJS) gegründet. Neben Schriften können Comics, Filme, Videos und inzwischen auch  Computerspiele, CDs und DVDs indiziert werden. Ausgenommen sind lediglich Fernsehsendungen.In den fünfziger und sechziger Jahren gerieten vorwiegend harmlose Erotik -, Western- und Krimiromane, FKK-Zeitungen, sowie Abenteuercomics auf den Index. Indiziert wurden beispielsweise „Tarzan“-, „Akim“-, „Sigurd“- und andere Comic-Hefte. Henri Miltens Sittenroman „Quer durch die Betten Europas“ wurde 1954 indiziert. Es folgten Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ (1958) de Sades „Philosophie im Boudoir“ (1963) und Josefine Mutzenbacher (1968).

Ab Ende der 60er Jahre kam es zu einer Verschiebung der Zensurmaßnahmen in Deutschland. 1967 indizierte die Bundesprüfstelle insgesamt 705 Titel, davon allein 702 aufgrund ihres erotischen Inhalts. In den siebziger Jahren konzentrierte die BPJS sich dann auf die Produkte der Porno- und Sexwelle. In diesem Zusammenhang wurden in größeren Mengen Horrorhefte und Undergroundcomics indiziert. Ein Focus dieser Behörde lag auf den „Fumetti neri per adulti“, italienische Pornocomics, oft mit einem makaberem Horroreinschlag, die größtenteils verboten wurden. Herausgegeben wurden diese Hefte von dem Aachener „Freibeuter-Verlag“ der aufgrund von bis zur einjährigen Dauerindizierung gegen sieben seiner Comic-Serien, wie  „Messalina“ und „Oltretomba“, schwere finanzielle Verluste hinnehmen musste und bankrott ging.

In Italien entwickelte sich ab 1962 die Comic-Gattung der „fumetti neri“.  Herausragende Figur war „Diabolik“, ein Negativheld, der Nachts zu kriminellen Unternehmungen auszieht und das Gesetz bekämpft. Inspiriert wurde dieses Comic durch Marcel Alains Figur „Fantomas“. 1965 erschien mit „Satanik“ der erste weibliche Held der „fumetti neri“. Im Zuge der vielen Nachahmungen und Folgeerscheinungen flossen bald immer mehr Horrorelemente, dann sadistische Darstellungen und später verstärkt pornographische Inhalte mit ein, mit denen das das Genre „fumetti neri“ im Rückblick gleichgesetzt wurde. Beliebte Themen wurden unter diesem Gesichtspunkt die Verführung von Jugendlichen, Nekrophilie, Inzest, Masturbation und Sodomie

Die Verlage „Olympia Press“ aus Frankfurt und der Beate-Uhse-Verlag „Carl Stephenson“ standen ebenfalls unter besonderer Beobachtung der Bundesprüfstelle, aber auch Verlage aus der linken Alternativszene waren oft betroffen, wie z.b. der „Volksverlag“ in Linden, der im deutschen Raum Anfang der 80er eine Vorreiter-Rolle auf dem Comicmarkt innehatte. So wurde das ironisch-emanzipatorische Comic „Anne und Hans kriegen ihre Chance“ des Holländers Theo van de Boogards (1970/Brumm-Comic), welches sich für den Sexualkundeunterricht an den Schulen geeignet hätte, verboten. Trotz dieser aus heutiger Sicht oft unverständlichen Entscheidungen wies die Indizierungspraxis im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen liberalere Parameter auf als in den vorangegangenen Jahrzehnten. Die Folgen einer Indizierung bestehen vor allem in einem Abgabeverbot an Jugendliche und einem Verbot jeder öffentlichen Werbung. Es gilt bereits als Werbung, wenn in einem für Jugendliche zugänglichen Geschäft ein indiziertes Produkt offen ausgelegt oder in einem Katalog auch nur genannt wird.

Im Zusammenhang mit der außerparlamentarischer Opposition und der Studentenbewegung begann eine öffentliche, kritische Auseinandersetzung mit der überkommenen Sexualmoral. Durch die Strafrechtsreform von 1973 wurde dann auch die mediale Darstellung von Sexualität liberalisiert, Scham- und Tabugrenzen verschoben sich. Anfang der 60er Jahre sind in den Zeitungen der Regenbogenpresse nur kleine Anzeigen für Miederwaren und Kosmetikprodukte zu finden. Ab 1964 werden diese Anzeigen großformatiger und enthüllen nach und nach Brustansatz, Oberschenkel, Po und Bauch der Modelle.  Mit größerer Regelmäßigkeit werben nun weibliche Modelle auf den Titelseiten für den Kauf der Zeitschriften. Bei der Illustrierten „Quick“ beispielsweise, werden die Titelmodelle bis 1968 im Badeanzug oder Mieder abgebildet, während sich dann das Maß der Entblößung im Rahmen einer kalkulierten Redaktionspolitik  bis 1970 steigert: ein Titel von 68 zeigt ein Modell von hinten mit entblößtem Rücken, später folgt ein Frontalakt bis zur Hüfte und einige Ausgaben weiter ein Totalakt mit Schamhaar. Dieser Entwicklung schlossen sich spätestens ab Anfang der 70er die meisten großen Publikumszeitschriften an.

Zur gleichen Zeit  bildete sich das neue Segment der Sexillustrierten heraus. Erschlossen wurde dieser lukrative Markt von den 1968 in Hamburg gegründeten „St. Pauli-Nachrichten“. Inhaltlich war neben kleinen Artikeln zum Thema St. Pauli, dass Thema Sex, vor allem visuell, dominierend. Der umfangreiche Kontaktanzeigenmarkt mit sexuelle Such- und Kontaktanzeigen war einer der Hauptträger der Zeitung. Die enorme Auflagensteigerung trotz oder gerade wegen der Gefahr der Dauerindizierung durch die BPJS von anfänglichen 10.000 bei einer monatlichen Erscheinungsweise, zu 1,2 Millionen Exemplaren wöchentlich im Frühjahr 1970, führte in Kürze zu vielen Folgeproduktionen – so gab es im Zeitraum 1971 an den deutschen Großstadtkiosken bereits 15 verschiedene Sex-Illustrierte zu kaufen.

Im Bereich der europäischen Hardcore-Pornographie waren das schwedische Magazin „private“(1966) und die dänischen Magazine „Color Climax“(1969) und „Blue Climax“, mit für in diesem Segment sehr hohen Auflagen von 40.000 marktbestimmend. Der 1982 in Deutschland gegründete Verlag Theresa Orlowsky(VTO) gab qualitativ gleichwertige Magazine heraus und erreichte innerhalb kurzer Zeit die gleiche Auflagenstärke. In den 80er Jahren öffnete sich dann der deutsche Buchmarktes für die pornographische Literatur und schuf damit einen etablierten Vertriebsweg für diese Produkte, die in den 60er und 70er über Verlage wie den zum Orion-Versand gehörigen Stephenson-Verlag oder der deutschen Filiale der  Olympia Press in Darmstadt an den Leser gelangten. Die darauf folgende Indizierungswelle und daraus resultierenden Prozesse endeten alle mit Freisprüchen für die Buchhändler, so dass pornographische Literatur sich im Mainstreambereich etablieren konnte.

Im „Presseporträt“ wurden 1994  39 heterosexuelle und 7 Homosexuellen-Magazine aufgelistet. 14 Sex-Zeitschriften stammten aus dem Delta-Verlag in Goggenau, weitere 8 aus dem St.Pauli Nachrichten- Zeitschriftenverlag  aus Hamburg. Der Deutsche Pressekatalog führt Anfang 2006  67 Publikationen unter der Themensparte Sex, darunter 60 Sex-Illustrierte. Der Delta Verlag war  nur noch mit 3 Titeln vertreten und der SPN Zeitschriftenverlag  mit 11 Zeitschriften gelistet. Viele dieser Illustrierten mit Titeln wie „Das ist geil“, „Frech und Frivol“, oder „Heisse Höschen“ sind ohne Verlagsangaben oder mit einem gleichnamigen Einzelverlag gelistet, so dass die Aufzählung keine wirklichen Rückschlüsse über das Marktsegment möglich macht. Auffällig ist, das sich die verschiedenen Titelblätter im Layout, Farbgestaltung und sprachlichen Niveau alle sehr ähnlich sind.

Die in Hamburg ansässige Heinrich.Bauer-Verlagsgruppe, die 2004 36 Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von rund 17,1 Millionen Exemplaren in Deutschland herausgab, ist nicht nur Herausgeber von Europas größte Jugendzeitschrift  „Bravo“, sondern auch marktbestimmend im Segment der Sexillustrierten und der Online-Pornographie.  Zu dem Bauer Verlag gehören u.a die Hamburger Inter Publish GmbH  mit den Zeitschriften wie Praline, Sexwoche, Blitz Illu,  Coupe und Schlüsselloch und der österreichische Bazar Zeitschriften Verlag der u.a die Magazine von Private Media vertreibt. Die Inter Content KG, eine mittelbare Tochter des Bauer-Verlags hat ihren  Schwerpunkt zusammen mit dem Pabel-Moewig-Verlag, bei der Produktion und Betreuung einer Vielzahl von pornographischen Webseiten.

Desweiteren gibt es Vertriebsgesellschaften, die sich auf bestimmte Segmente von Illustrierten und pornographischen Druckerzeugnissen spezialisiert haben, z.b. die MZV Export Import GmbH mit dem Vertriebspartner Deutscher Pressevertrieb Worldwide (100%G&J), die u.a. die Produkte des SPN- und des österreichischen OEKM-Verlages im Programm führt und der BPV Medien Vertrieb, der u.a. die  Hustler DV-Book- Reihe und das Magazin Penthouse in seinem Programm führt. Außerdem gibt es Verlage wie der Berliner Bruno Gmuender Verlag, die ausschließlich ein homosexuelles Kundenklientel bedienen , sie geben verschiedene Magazine heraus, unterhalten Webseiten wie http://www.maenneraktuell  und  http://www.spartacus und bieten ein umfangreiches Angebot an belletristischer Literatur.

http://www.pressekatalog.de/
Eder Franz X. : 2002, Kultur der Begierde: eine Geschichte der Sexualität“, Verlag C. H. Beck, München
Knigge Andreas, 1985, „Sex im Comic“, Ullstein-Verlag, Frankfurt am Main/ Berlin
König Oliver, 1990, „Nacktheit – Soziale Normierung und Moral“, Westdeutscher Verlag, Opladen
Schnurrer Achim (Hg.), 1996, „Comic: zensiert“, Bd.1, Edition Kunst der Comics, Sonneberg, Deutschland


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