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Außerparlamentarische Opposition und sexuelle Revolution– Das Private wird politisch

„Das sich spontan an Orten mit hohem Publikumsverkehr, wie auf dem Bahnhofsvorplatz oder auf der Einkaufsmeile Zeil, Diskussionsgruppen bilden, die von allen Seiten her Zulauf haben und bei der viele der im Kreis Versammelten sich erregt an der Diskussion beteiligen, kommt in deutschen Großstädten offenbar nur selten vor. In Frankfurt jedenfalls habe ich es in fünfundzwanzig Jahren – in einem Vierteljahrhundert – nur drei-, nein viermal erlebt. Die Voraussetzung hierfür ist, wie mir scheint, nicht bloß ein bedeutendes Ereignis oder auch eine Kette von Ereignissen, sondern wesentlich scheint eine Polarisierung der Bevölkerung in divergierende Meinungen aufgrund der Ereignisse zu sein; ein einzelner Spinner kann solche »Massenkerne«, wie Canetti in »Masse und Macht« dieses Phänomen nennt, nur kurz binden, es müssen Massenkristalle in Form meinungstragender und meinungsbildender Gruppen vorhanden sein, und die »Mehrheitsmeinung«, das damals oft beschworene sogenannte »gesunde Volksempfinden, muss zumindest ins Schwanken geraten sein.“

„Fuchstanz“, Heipe Weiss, dipa-Verlag, Frankfurt a. Main, 1996

Die westdeutsche Gesellschaft durchlief in den sechziger Jahren einen tiefgreifenden Wandel, der Einstellungen, Lebensgefühl und Wertesystem der Nachkriegsgeneration nachhaltig veränderte. Neben der APO, der politischen Opposition, die sich unter dem Eindruck der Nürnberger Prozesse von 1962 und der NS-Vergangenheit von Bundespräsident Kiesinger und der 1968 folgenden Notstandsgesetze zunehmend radikalisierte, wurde ein Teil der Protestbewegung von Subkulturen getragen, die der Vereinzelung der privaten Lebenssituation solidarischer Gruppenerfahrungen entgegensetzten. Während der theoretische Diskurs des studentischen Protestes stark von sozialistischen und kommunistischen Ideologien beeinflusst war, war die Lebensform des Protestes und die sich entwickelnde Alltagskultur durch sinnliche Qualitäten bestimmt und fand ihren Ausdruck in neuen musikalischen Formen, freier Sexualität, Drogenkonsum und Experimenten mit alternativen Lebens- und Arbeitsformen.

„Ein Volk von sexuell Verklemmten, Gehemmten, Frustrierten, lässt sich leichter einschüchtern und unterdrücken als Menschen, die in  freier Selbstentfaltung Lusterfüllung erfahren“

hieß es in der Zeitschrift „konkret“, die 1968 die Aktion „Pille für jedes Mädchen“ startete – zu einer Zeit als es noch verboten war für Verhütungsmittel zu werben, es keine Kondomautomaten gab und die Pille nur an Verheiratete abgegeben werden durfte. Das Private, Sexualität, Musik und Mode wurden in dieser Zeit zum politischen Programm, so dass individuelle Emanzipationsversuche in einem Kontext der antiautoritären Bewegung, der sexuellen Revolution und der Studentenrevolte getragen und begleitet wurden. Andererseits wurden individuelle Erfahrungsansätze auf das Verständnis und die Vorstellung des gesamtgesellschaftlichen Körpers übertragen und somit ein dynamischer Emanzipations- und Erkenntnisprozess in Gang gesetzt.

„Wie kann man Politik von Sex trennen? Es ist ein und dasselbe: Körperpolitik. Politisch-sexuelle Wirklichkeit: für das Christentum ist der nackte menschliche Körper unmoralisch, nach dem amerikanischen Gesetz ist er illegal. Nacktheit wird als „obszöne Entblößung“ bezeichnet. (…)  Puritanismus führt zu Vietnam. Sexuelle Unsicherheit führt zu jenem Supermännlichkeitswahn, den man Imperialismus nennt. Die amerikanische Außenpolitik, insbesondere die Vietnam-Politik, wird nur dann verständlich, wenn man sie unter sexuellem Aspekt betrachtet. Amerika hat einen frustrierten Penis und versucht, ihn in den winzigen Schlitz Vietnams zu stoßen, um seine Männlichkeit zu beweisen.“

Zitat: Jerry Rubin, „Do It – Szeneario für die Revolution, München 1977 (Erstausgabe in den USA 1970)

Verschiedene sexualwissenschaftlichen Publikationen wie der Kinsey-Report von 1954, „Studenten-Sexualität“ (1968) von Gieses und Schmidt und die „Die sexuelle Reaktion“ von Masters und Johnson (1967) tragen mit zu einer veränderten  Einstellung zum Thema Sexualität in der Öffentlichkeit bei. Das Bindeglied zwischen Theorie und Praxis für die Bewegung lieferten u.a Theoretiker wie der 1939 in die USA emigrierte Wilhelm Reich mit seinen Veröffentlichungen „Die Funktionen des Orgasmus“(1927), „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) und „Die sexuelle Revolution“ (1936). Wilhelm Reich kritisierte die bürgerliche Sexualmoral, die zwangsläufig Doppelmoral und Unterdrückung der vitalen sexuellen Triebe mit sich bringt und daher zu Aggression und Frustration führten, welche sich oft in Lust an Herrschaft und Hierarchie ein Ventil schaffen müssten. Nach Reichs Auffassung bringt eine Befreiung der Sexualität eine friedliche Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen mit sich, die autoritären Herrschaftsstrukturen entgegenwirken. Daher sah er die Notwendigkeit der Arbeit an sich Selbst, am Individuum, mit dem Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Ein weiterer  Theoretiker war Herbert Marcuse (1898-1979) der mit seinen Werken „Eros und Kultur“(1955) und „Triebstruktur und Gesellschaft“ die Utopie einer von repressiven Zwängen und Autoritäten befreiten Kultur entwickelte, die großen Einfluss auf die europäische Studentenbewegung hatte. 1972 formulierte er eine politische Strategie, die in der Studenten- und Alternativszene großen Nachhall fand.

„Die individuelle Befreiung (…) muß im besonderen Protest die allgemeine Befreiung vorwegnehmen, und die Bilder und Werte einer künftigen freien Gesellschaft müssen in den persönlichen Beziehungen innerhalb der unfreien Gesellschaft bereits auftreten. Die sexuelle Revolution zum Beispiel ist nur dann eine Revolution, wenn sexuelle Befreiung mit politischer Moral verknüpft ist“
(Marcuse 1973)

In den späten sechziger Jahren entstand in Verbindung mit der Studentenbewegung eine neue autonome Frauenbewegung. Ab Anfang der siebziger Jahre bildeten sich in fast allen größeren Städten der Bundesrepublik Frauenzentren, Frauenforen und Frauenhäuser, in denen die Isolation der Frauen in Familie und Beruf aufgebrochen und ein frauenspezifisches Selbstbewusstsein geschaffen wurde. 1971 verschaffte Alice Schwarzer mit der Selbstanklagekampagne „Ich habe abgetrieben“ die im Magazin „Stern“ publiziert wurde, den Frauengruppen die sich für die ersatzlose Streichung des §218 einsetzten, eine große Öffentlichkeit.1974 reformierte der Bundestag den §218 mit einer Fristenregelung, die den Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate nicht als „Tötungshandlung“ ansieht und Straffreiheit zusichert. 1975 lehnt der Bundesrat die Gesetzesvorlage allerdings ab, das Gesetz wurde in eine Indikationslösung umgewandelt. Erst seit 1995 wird Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Woche im Rahmen einer Beratungspflicht toleriert. Die Frauenbewegung der BRD war alles andere als homogen. So gab es im Zuge der 68er Gruppen die vom theoretischen sozialistischen Diskurs beeinflusst waren wie auch radikal-feministische Standpunkte von Frauen, die gegen die Unterdrückung der Frau durch die bestehenden Sexualnormen und patriarchalischen Verhaltensweisen vorgingen und diese thematisierten. Die Frauen konzentrierten sich nicht nur auf die Beseitigung der vielen rechtlichen und realen Benachteiligungen in Gesellschaft und Familie. Das geschlechtliche Rollenverständnis in der patriarchal bestimmten Gesellschaft wurde grundlegend analysiert und kritisiert und die Frauen begannen von den Männern deutliche Verhaltensänderungen im privaten Bereich einzufordern.

Nach dem es 1969 in New York zu mehrtägigen Straßenschlachten von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen die Polizeirepression in der Christopher Street in Greenwich Village gekommen war, erschien 1971 in Deutschland der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“(1970) von Rosa von Praunheim. Der Film spielte eine wichtige Vorreiterrolle für die aufbrechende Emanzipationsbewegung der Homosexuellen in der BRD. Er wurde in den 70er Jahren mehrmals im Fernsehen ausgestrahlt. Praunheim ließ sich für diesen Film von dem Soziologen Martin Dannecker beraten, der zusammen mit Reimut Reiche eine der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen über Homosexualität veröffentlicht hatte („Der gewöhnliche Homosexuelle“/Fischer Verlag). Der Film zeigt Ausschnitte der schwulen Subkultur, die damals im Verborgenen existieren musste. Der Film fordert die Schwulen zu einer kämpferischen und solidarischen Emanzipation auf. Zu dieser Zeit gründeten sich die ersten politischen Schwulengruppen der Nachkriegszeit und 1972 wurde in Münster die erste Schwulendemo in der Geschichte der Bundesrepublik durchgeführt.  Der Paragraph 175 wurde 1969 erstmals reformiert und 1973  kam es zu einer zweiten Reform. Seitdem waren nur noch homosexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar.

Der Paragraph 175 war seit 1871 Bestandteil des deutschen Strafgesetzes. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Bis 1969 bestrafte er auch die „widernatürliche Unzucht mit Tieren“ (ab 1935 unter §175b ausgelagert). 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragraphen 175, unter anderem durch Anhebung der Höchststrafe von sechs Monaten auf fünf Jahre Gefängnis. Darüber hinaus wurde der Tatbestand von beischlafähnlichen auf sämtliche „unzüchtigen“ Handlungen ausgeweitet. Der neu eingefügte Paragraph 175a bestimmte für „erschwerte Fälle“ zwischen einem und zehn Jahren Zuchthaus. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte die DDR 1950 zur alten Fassung des Paragraphen 175 zurück, beharrte aber gleichzeitig auf einer weiteren Anwendung des Paragraphen 175a.  Die Bundesrepublik hielt zwei Jahrzehnte lang an den Fassungen der Paragraphen 175 und 175a aus der Zeit des Nationalsozialismus fest, bis er dann 1969 und 1973 erstmals reformiert wurde. Nach einer gescheiterten Gesetzesinitiative der Grünen in den 80er Jahren wurde der Paragraph 175 im Zuge der Rechtsangleichung mit der ehemaligen DDR erst 1994 aufgehoben. Insgesamt wurden etwa 140.000 Männer nach den verschiedenen Fassungen des Paragraphen 175 verurteilt.

In den 80er Jahren wurden mehrere Dachverbände der  Lesben- und Schwulenbewegung gegründet und die Zahl der Selbsthilfegruppen stieg um ein Vielfaches auf über 400 an (1986) Die Christopher Street Day-Parade, als Andenken an den Stonewall-Aufstand in New York, erstmals 1983 in Berlin organisiert, entwickelte sich in vielen deutschen Städten  von einer politischen Demonstration hin zu einem beliebten Straßenumzug mit Volksfestcharakter und hunderttausenden von Teilnehmern

Eine maßgebliche Voraussetzung der sexuellen Revolution wurde mit der Anti-Babypille geschaffen. 1960 brachte der Chicagoer Pharmakonzern „C. D. Searle“ mit „Enovid 10“ weltweit die erste Pille auf den amerikanischen Markt. Ein Jahr später wurde die Antibabypille in der Bundesrepublik (in DDR 1965, mit „Ovosiston“) zugelassen. Die Berliner Schering AG bediente mit „Anovlar“  den deutschen und europäischen Markt. 1970 verkaufte dieser Pharmakonzern in der BRD 27,8 Mio. Packungen. Die Folge war der sogenannte „Pillenknick“, zwischen 1963 und 1978 sinkt die Zahl der Geburten um fast 50%. Bis heute ist das verschreibungspflichtige Medikament weltweit das erfolgreichste Verhütungsmittel: rund 35% aller Frauen nehmen es ein. Das Präservativ hatte sich als massenwirksames Verhütungsmittel nicht durchsetzen können, so dass mit der Pille erstmals sexueller Verkehr mit einem oder wechselnden Partnern für viele möglich wurde, ohne das die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft bestand. Ehe und Kleinfamilie, als sozialer Zweckverband waren somit nicht mehr zwingend notwendig.

„Diese »freie Liebe« oder uneingeschränkte Sexualität war nicht allein Konsequenz der »goldenen Pille«, sondern nach Jahrhunderten der Bedrohung durch die unheilbare Syphilis dank Penizillin erstmals relativ gefahrlos möglich. All die damit verbundenen Tabus (mach dich nicht unglücklich, Kind!) waren plötzlich obsolet, und so öffnete sich für 15 Jahre ein sexualhistorisches Fenster, das dann 1982 plötzlich durch AIDS wieder zugeschlagen wurde.“
„Fuchstanz“, Heipe Weiss, dipa-Verlag, Frankfurt a. Main, 1996

Ludwig Haberlandt(1885-1932), entdeckte bereits 1919 das Prinzip der Pille, das auf der Zuführung von Schwangerschaftshormonen beruhte, die zu einer Unterdrückung des Eisprunges bei der Frau führten. Er bewies experimentell seine Annahmen und 1927 waren seine Testserien an Kaninchen und Mäusen abgeschlossen. Er ließ daraufhin in Budapest Vorbereitungen zur Produktion des weltweit ersten hormonalen Verhütungsmittels treffen. Sein plötzlicher Tod unterbrach jedoch die laufenden Arbeiten

Der sexuelle Liberalisierungsprozess führte in den 70er Jahren zu einem veränderten Meinungsbild und Verhaltensweisen. Ehescheidungen wurden nicht mehr in dem Maße moralisch verurteilt und 1972 war in der BRD die Anzahl der Scheidungen erstmals höher als die der Eheschließungen. Gegenüber der Homosexualität und der Prostitution entwickelte sich eine größere Toleranz und voreheliche Sexualkontakte galten inzwischen als normal. Während 1967 in Westdeutschland noch 43% der jungen unverheirateten Männer und 65% der jungen unverheirateten Frauen eine nicht-eheliche Lebensgemeinschaft ablehnten, waren es 1973 nur noch 5% der Männer und 2% der Frauen Die Kommerzialisierung von Sexualität und ihre Überhöhung zum emanzipatorischen Faktor waren eng miteinander verbunden und oft von einem männlichen Blickwinkel bestimmt. In den 60er und 70er Jahren wurde das sexuelle Bild als eher subversives Element charakterisiert – ein Ausdruck des Protestes der Jugend gegen das Establishment. Es wurde allerdings nicht als obszönes Stilmittel gegen den politischen Gegner verwendet, wie dies bei pornographischen Pamphleten der französischen Revolution der Fall war, sondern eher als Lock- und Reizmittel. Linke Wochenmagazine wie Pardon und konkret warben beispielsweise zu dieser Zeit mit barbrüstigen bis nackten Frauen auf ihren Titelblättern. Im Zuge der Kommerzialisierung wurde der Impuls des sexuellen Bildes als eines der Kultur der Befreiung allerdings schnell überführt in eines der Ausbeutung, in der die bestehenden sexualmoralischen Paradigmen konserviert wurden. Spätestens Ende der 70er Jahre hatte das sexuelle Bild seine subversive Funktion verloren.

Faulstich Werner, 1994, „Die Kultur der Pornographie“, Wissenschaftler Verlag, Bardowick
Seeßlen, Georg/ Bernhard Roloff (Hg.)  1980, „Ästhetik des erotischen Kinos“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Kommunen, Kollektive und Wohngemeinschaften

Die wohl konsequenteste Weiterführung der 68-Bewegung fand dort statt, wo versucht wurde, an der Basis neue Lebensformen einzuüben: Wohngemeinschaften, Kommunen, Kinderläden, Kneipen- und andere Arbeitskollektive, Naturkostläden, freie Schulen, Jugendzentren, Frauenhäuser, pädagogische und sozialtherapeutische Projekte, etc. Das Experimentieren mit alternativen Lebensformen, der „abgeschnittene Faden“ zur Weimarer Reformbewegung, wurde zu dieser Zeit nach vierzigjähriger Unterbrechung wieder aufgenommen.

1966, nach einer Versammlung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS)  wurde von einer Gruppe von ca. 30 Menschen die Gründung von Kommunen angeregt. Die erste – und auch bekannteste – Kommune war die Ende 1966 in Westberlin gegründete K1 (aus der so bekannte Personen wie Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel hervorgingen) Eines der Ziele der Kommunegründung waren die eigene Psychoanalysierung und die Befreiung von der bürgerlichen Sexualnormen. Verschiedene politische Aktionen und die Beziehung eines Kommunarden mit dem Modell Uschi Obermayer verschafften der Kommune I eine ausgesprochen große Medienöffentlichkeit. Die K1 löste sich bereits im November 1969 endgültig auf. Ebenfalls 1967 wurde die SDS-Kommune K 2 gegründet. Hier stand die gemeinsame politische Arbeit im Vordergrund, später beschäftigten sie sich hauptsächlich mit den psychischen und neurotischen Problemen der Gruppenangehörigen, mit Beziehungen und Gruppendynamik. Diese Kommune hatte einen großen Anteil an dem theoretischen, wie praktischen Diskurs zur Entwicklung der antiautoritären Erziehung und dem Aufbau von Kinderläden. Die Kinderladen-Idee wurde neben der Kommune II, vom Aktionsrat zur Befreiung der Frau, von sich rasch bildenden Initiativgruppen unter den linken Studenten, unter Künstlern und Berufslosen Berlins verbreitet. Im Mai ’68 existierten drei Läden, im Februar ’69 arbeiteten 15 Gruppen, elf davon hatten schon einen Laden bezogen.  Eine weitere Kommune, die K3 hatte sich der Kulturrevolution verschrieben. Sie wurde 1970 in Wolfsburg gegründet und bereits 1971 von der Polizei aufgelöst. In den 1970ern setzten nach den politischen Stadtkommunen mehrere unterschiedliche Bewegungen ein. Die drei bedeutsamsten waren: Die neu gegründeten Kollektive, viele tausend kleine Betriebe, in denen versucht wurde selbstbestimmt und gleichberechtigt zu arbeiten. Die Gründung von Landkommunen, welche etwa um 1975 einsetzte und die in den ’70ern beginnende Hausbesetzer-Bewegung, in denen die politischen Ansprüche der 68er in Form einer anderen Alltagskultur mit Ansätzen einer gemeinsamen Ökonomie, basisdemokratischen Entscheidungsstrukturen und ökologischen und radikalpolitischen Leitgedanken weitergetragen wurden.

Heute ist die Wohngemeinschaft eine normale Wohnform, bei der die politischen Ansprüche der 60/70er Jahre allerdings keine nennenswerte Rolle mehr spielen. Viele Menschen leben inzwischen aus Gründen der Kostenersparnis zusammen und bevorzugen diese Art von Gemeinschaftsleben gegenüber dem familiären Haushalt. Allein ca. 22% der Studierenden , ungefähr 445.000 lebten im Jahr 2003 in der Bundesrepublik Deutschland in Wohngemeinschaften.

Otto Mühl (er wirkte, bzw. spielte an den Filmen „Schamlos“ (1968), „Wunderland der Liebe“(1970) und „Sweet Movie“(1973)  mit), ein Wiener Aktionskünstler der im Umfeld der Studentenbewegung wirkte, gründete 1973 mit seiner Wohngemeinschaft die AA-Kommune (AAO = Aktions-Analytische Organisation) auf dem Friedrichshof bei Wien. Auch hier ging es vor allem darum, den bürgerlichen „Kleinfamilienmenschen“ in sich zu überwinden. Sie propagierte und praktizierte „freie“ Sexualität und nutzten Wilhelm Reich für ihren theoretischen Überbau. Um die gruppeninternen Konflikte zu regeln, gab es ein ganzes Arsenal kommunikationspsychologischer Methoden: Gesprächanalyse, Aktionsanalyse (z.b. Malen und Tanz, Urschreitherapie), Selbstdarstellung und ein offenes (darstellerisch agressives) Ausleben des Konkurrenzprinzips. Diese an für sich erfolgsversprechenden Methoden wurden allerdings langfristig dogmatisch und reduktionistisch eingesetzt, so dass sich bald sektiererische Tendenzen bemerkbar machten. Wer in die AAO einsteigen wollte musste sich in der Anfangsphase die Haare scheren lassen, sein ganzes Privateigentum der Organisation als „Darlehen“ übertragen und sich den Entscheidungen des „Kollektiv“, bzw. der Autorität der „Kommunikationstrainer“ unterwerfen. Zweierbeziehung waren streng verboten, ständiger Partnerwechsel mit sexuellem Verkehr gehörten zum Dogma der AAO.  Es entstanden mehrere Ableger der AA-Kommune z.B. in der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Holland und Skandinavien. 1992 wurde Otto Mühl zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er angeblich Organisationsmitglieder, darunter auch Kinder und Jugendliche, sexuell missbraucht habe. Die Kommune löste sich auf.

Ein weiteres Projekt dieser Zeit, allerdings in den USA gelegen, war die Sandstone-Kommune, in der Umgebung von Los Angeles, mit den offiziellen Namen „Sandstone Foundation for Community Systems Research“. Sie wurde 1969 von John und Barbara Williamson und einer Reihe von Therapeuten und Financiers als ein radikales soziales Experiment gegründet. Dort wurde versucht die Auswirkungen einer repressiven Sexualerziehung zu überwinden indem man anstelle monogamer Beziehungen Partnertausch und offene Sexualbeziehungen thematisierte und praktizierte. Die Kerngruppe der Kommune setzte sich aus einer Handvoll von Paaren zusammen, hinzu kamen Gäste und zahlende Clubmitglieder, die in den Hochzeiten der Kommune bei 400 Personen gelegen haben soll. Sandstone entsprach aber weder dem Klischee einer Landkommune, noch dem eines der damals populären Swinger-Clubs. Es wurden über das Jahr verteilt spezielle Events, Workshops und Seminare angeboten und Publikationen herausgegeben. Ein Großteil der Clubmitglieder nutzte vor allem am Wochenende die Möglichkeiten eines sexuellen Experimentierfeldes. Die Finanzkräftigeren unter ihnen konnten einen Standard und ein Ambiente vergleichbar mit dem eines Hotels in Anspruch nehmen – mit Räumlichkeiten für Gruppen und Paare, Bars, Restauration und Swimming Pool – weitergehend standen verschiedene kommunale Schlafbereiche zur Verfügung. Nach vorheriger Absprache konnten Mitglieder Gäste mitbringen. Auf ein Mindestalter von 18 Jahren und ein ausgeglichenes Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen, nicht den Tag über, aber ab 18.00 Abends, wurde strikt geachtet. Die Kommune existierte zwischen 1969 und 1973, wurde 1974 unter dem neuen Besitzer Paul Paige wiedereröffnet und musste Ende 1976 aufgrund finanzieller Schwierigkeiten endgültig aufgeben. In den Büchern von Gay Talese, “Thy Neighbor’s Wife” und Dr. Alex Comfort, “More Joy”(1973) wird die Geschichte von Sandstone ausführlich dokumentiert. Das Ehepaar Jonathan und Bunny Dana, die ein Jahr in der Kommune lebten, realisierten 1974 den Dokumentarfilm „Sandstone“.

Eine weitere Kommune, die Ende der 70er populär wurde und Anfang der 80er in der Medienöffentlichkeit diskutiert wurde, war die Ashrams von  Bhagwan. Sie stand allerdings nicht mehr im Kontext einer politischen Zielsetzung, sondern in der der „Neuen Innerlichkeit“ und spirituellen Sinnsuche: Nicht wenige Einzelpersonen aus politischen Zusammenhängen, die von den aktuellen Entwicklungen frustriert waren, fühlten sich von dem Konzept der „inneren Befreiung“ durch  Körperarbeit, psychologischen Therapien und Meditation angezogen. Zwischen der linken Szene und den orange-gekleideten Baghwanis gab es so gut wie keine Anknüpfpunkte mehr. Bhagwan Rajneesh Chandra Mohan gründete 1969 in Bombay seinen ersten Ashram, den er 1974 nach Poona verlegte. Dort lehrte er von ihm entwickelte meditative Techniken, die vom Tantrismus, Buddhismus und westlichen Therapieformen beeinflusst waren, darunter die „Dynamische Meditation“ und die „Kundalini Meditation“. Im Zentrum seiner Lehren standen Themen wie Liebe, Sexualität und Meditation, auch die Überbetonung des rationalen Elementes beim modernen westlichen Menschen unterzog er immer wieder unter Rückgriff auf die Humanistische Psychologie (W. Reich, A. Janov, Fitz Perls) der Kritik. In therapeutischen Gruppen und Tanzmeditationen sollten blockierten Energien gelockert, aufgestaute Aggressionen und Sexualität freigesetzt werden, um so Selbsterfahrung und Bewusstheit zu ermöglichen. Ziel war ein ausgewogenen Verhältnis zwischen Denken und Fühlen, so dass nicht nur der Verstand den Menschen kontrolliert. Seine unkonventionellen Lehrmethoden und seine 93 Rolls-Royces führten in der Öffentlichkeit zu einer Polarisierung: während die einen ihn als Bhagwan verehrte, wurde er von andern als Sexguru bezeichnet. 1981 siedelte der Ashram nach Oregon (USA) über, wo es allerdings bald zu internen Zerwürfnissen und zu Konflikten mit den amerikanischen Behörden kam. 1985, nach der Verhaftung von Rajneesh, wurde der Ashram in Oregon aufgelöst. Vier Jahre nach der Verhaftung starb dieser mit 59 Jahren. Der Ashram in Indien/ Poona existiert weiterhin, wie auch einige der Meditationszentren, die oft über Betriebe wie Restaurants, Reisebüros und Discotheken wirtschaftlich autark sind. Viele der ehemaligen Mitglieder der Ashrams sind in der Körpertherapie tätig und in den Strukturen der New-Age-Bewegung eingebunden.


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