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Vom Hinterzimmerkino zum Mainstream

Sexuell explizites Material  befand sich, ob in Produktion oder Konsumption, bis zu den 60ern außerhalb der Populärkultur, bis im Rahmen einer allgemeinen Liberalisierung eine Vielzahl von Sexshops, Adult-Kinos und dementsprechender Clubs und Bars die steigende Nachfrage der Konsumenten bedienten. Der Pornographie-Markt explodierte förmlich in den 1960ern. 1960 gab es ca. zwanzig Film-Theater im ganzen Land, die sich auf Sex- und pornographische Filme spezialisiert hatten. 1970 war die Zahl auf 750 angestiegen. Die „Pussycat”-Theaterkette war eine der bekanntesten  (es gab allein in Kalifornien 47 “Pussycat”-Theater). Mitte der 70er Jahre gab es ca. 1500 Kinos, die in erster Linie „X-Rated“-Filme zeigten.

Die Underground-Stagfilme wurden einem breiteren Publikum als “Loops” bekannt, die inzwischen größtenteils in Farbe produziert wurden. „Body Painting-Filme wurden zu dieser Zeit viele produziert und gaben vielen Sexfilmen einen „künstlerischen Anstrich“.  „Loops“ bedeutete in diesem Sinne „wall to wall sex“. Es gab keine Story, gezeigt wurden ausschließlich verschiedene Paare und Konstellationen in verschiedenen Stellungen beim Geschlechtsverkehr. Daraus hat sich das Formula der „Swedish Erotica“ entwickelt. Dieses beinhaltet 3 verschiedene Segmente eines 60-Minuten Films mit jeweils verschiedenen Darstellern, in denen auf gute Ausstattung, Beleuchtung, Make up etc. geachtet wurde. Eine richtige Handlung gab es auch hier nicht.

Dann kamen die sogenannten „Beaver“-Filme auf, Undergroundfilme die Großaufnahmen von masturbierenden Frauen und reiner Geschlechtsschau zeigten. Masturbation und Orgasmus waren häufig simuliert. Es wurden aber auch Themen wie SadoMaso, Fesselungen und Spanking auf den Markt gebracht. Die Industrie begann mit kurzen 8mm-Loops und ging dann dazu über 16mm und 35mm- Filme zu produzieren. Das alte Standardformula des klassischen Pornofilms beinhaltete sechs oder mehr Sexszenen pro Film: drei Mann-Frau-Szenen, eine Szene mit zwei Männern und einer Frau, eine Szene mit zwei Frauen und einem Mann und einer lesbischen Szene mit zwei Frauen. In welcher Reihenfolge diese verschiedenen Segmente arrangiert wurden, war egal, sie hatten aber im Film vorzukommen und mussten insgesamt eine Länge von 60-70 Filmminuten ergeben. Die erste dieser Szenen hatte innerhalb der ersten sieben Filmminuten zu beginnen, die letzte Szene musste einen „cum-shot“ eine Ejakulation des Mannes, in der Regel auf die Brüste oder in das Gesicht der Frau, zeigen.

Nach der Freigabe von Pornographie in Dänemark 1967 fand 1-2 Jahre später die erste Sexmesse in Kopenhagen statt. Der amerikanische Filmemacher Alex deRenzy, drehte dort den Dokumentarfilm  „Censorship in Denmark”, der u.a. auch den Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau zeigte. Alex de Renzy`s  Film zeigte Bilder der Messe, Vibratoren, Fetischkleidung und Aufnahmen von bekannten dänischen Exportfilmen. Der Regisseur filmte pornografische Inhalte 1:1 ab und berief sich bei der folgenden justiziellen Verfolgung auf das streng Dokumentarische seiner Arbeit. Mit der Aufführung dieses Dokumentarfilmes in San Francisco wurde 1969 die harte Linie der US-Zensur gegen Filme mit pornographischen Inhalten aufgeweicht und erreichten ein Massenpublikum. Es folgten eine ganze Reihe ähnlicher Filme, die alle an der Filmkontrolle vorbeikamen, wie: „Sexual Freedom in Denmark“(1970) von John Lamb, „ Sex USA“(1970) von Gerard Damiano, „101 Acts of Love” von Donn Greer. Etwas später arbeitete Alex deRenzy Szenen aus den klassischen Underground-Stagfilmen in die Dokumentation „A History of the Blue Movie“ ein, gefolgt von „Hollywood Blue“ von Bill Osco. 1970 wurde dann mit „Mona The Virgin Nymph“ der erste US-Pornofilm mit einer durchgehender Handlung und nationaler Verbreitung produziert.

1969 gründete sich in Kansas City die “Adult Film Association of America (AFAA)”, einer Interessengemeinschaft von 110 Produzenten, Händlern und Ausstellern von Sexfilmen, um sich besser gegen Strafverfolgungen und Obszönitätsvorwürfen schützen zu können. Der erste Präsident war Sam Chernoff von “Astro-Jemco Film” aus Dallas. Diese erste nationale Lobbyorganisation der us-amerikanischen Sexindustrie entstand zu einer Zeit als Pornographie fast ausschließlich in speziellen Buchläden, Sexshops und Filmtheatern erhältlich war. 1971 übernahm der Regisseur und Produzent David Friedmannn für mehrere Jahre den Vorsitz der AFAA. Sie kreierten einen eigenen Oscar, den „Erotic Film Award“ und hatten im Jahr 1980 bereits 260 Mitglieder Nachdem sich die preisgünstigen Homevideos auf dem pornographischen Markt durchgesetzt hatten, wurde aus der AFAA die „Adult Film and Video Association of America (AFVAA)“. Neben den jährlich stattfindenden Veranstaltungen der AFAA hatte die Videopornoindustrie auf den jährlich stattfindenden Industriemessen des Unterhaltungsmarktes ihren festen Platz. Dazu gehörten die „CES (Consumer Electronics Show)“ in Chicago, die „MIPCOM“ in Cannes wo zeitgleich zum Filmfestival das alternative Hot d’Or-Filmfestival der Pornoindustrie stattfindet und der „Videokongress“ in Deutschland. Die letzte AFAA-Show wurde 1986 veranstaltet, nachdem die AVN der Adult Film Association den Rang abgelaufen hatte.

Mit dem ungemeinen Erfolg von “Deep Throat” im Jahr 1972 gelang dem Porno endgültig der Durchbruch zur Populärkultur. Explizite Filme wurden seitdem immer öfters in regulären Filmtheatern gezeigt und die kleinen Ladenkinos, in denen vormals die pornographischen Loops gezeigt wurden, verschwanden größtenteils bis Mitte der 70er Jahre. „Deep Throat“ (Buch und Regie: Gerard Damiano),ein pornographischer Film mit der Darstellerin Linda Lovelace, wurde 1972 fertiggestellt. Er war nach „Behind the Green Door“ und „Mona The Virgin Nymph“ einer der ersten Hardcore-Pornofilme, die in den USA produziert wurden. Ab 1973 wurde er auf Video vermarktet.

Anfang der 70er gründeten Louis und Joseph Peraino die beiden Produktionsfirmen „Damiano Film Productions“ und „Bryanston“.Die erstere produzierte pornographische Filme, u.a. Kassenschlager wie„Deep Throat“ von Damiano während „Bryanston“ im justiziellen Sinne, legale Filme produzierte. Einer der ersten Filme, die „Bryanston“ finanzierte, war „The Last Porno Flick“, fertiggestellt im August 1974 als „The Mad, Mad Moviemakers“ Der Film erzählt die Geschichte von zwei taxifahrenden Freunden, die einen Pornofilm drehen und sich von ihren italienischen Familien und Freunden  22 000$ leihen, indem sie ihnen erzählen, das sie einen religiösen Film drehen. Komplikationen entstehen, als der Film ein durchschlagender Erfolg wird.  Der Film in welchem auch ein brandoesquer Mafiapate auftritt, ist eine humoreske Anspielung auf die realen Erfahrungen der Peraino-Brüder mit dem Film „Deep Throat“, der sie 22 000$ gekostet hat. 1974 produzierte „Bryanston“ mehrere Horrorfilme von Paul Morrissey, „Dark Star“ von John Carpenter und „The Texas Chainsaw Massacre “(Regie: Tom Hooper) Mit „The Texas Chainsaw Massacre“ und „Deep Throat“  haben die Perainos  Trendsetters des Sex- und Gewaltfilmes geschaffen, die gerade heutzutage wieder, als „Perlen des Trash- und Explotationsfilms“ wachsende Fangemeinden in die Kinos ziehen.  Der 2005 fertiggestellte Dokumentarfilm „Inside Deep Throat“ untersucht die Auswirkungen dieses Filmes auf die amerikanische Kultur.

Neben den bekannten US-Regisseuren wie Damiano und Spinelli machte sich in Europa der Italiener Alberto Ferro unter dem Pseudonym „Lasse Braun“ einen Namen. Er produzierte unter diesem Namen ab 1970 8mm-Loops für die Firma „Rodox“ – und über 50 Filme für den amerikanischen Markt, die dort, millionenfach kopiert, im ganzem Land über das Netzwerk von Reuben Sturmann gezeigt wurden. 1973 stellte er einen teilweise autobiographischen Film fertig mit dem Titel „„Lasse Braun´s Liebesgeflüster“ („French Blue“/USA) Es war die erste Hardcore-Produktion die 1974 auf dem Filmfestival in Cannes gezeigt wurde. 1975 folgte der Film „Sensations“ der bei den Filmfestspielen ein großer Erfolg wurde. Weitere Filme dieses Regisseurs waren „Body Love“ und „Love Inferno“.

„Behind the Green Door“ der erste  us-amerikanische Mainstream-Pornofilm wurde von den Mitchell-Brüdern produziert Die “Mitchell Brothers” begannen ihre Karriere im Pornographiegeschäft, indem sie Strip-Clubs eröffneten und Nacktphotos von Modellen schossen. Jim Mitchell studierte Film an der San Francisco State University und begann mit der Nacktphotographie und wechselte bald zu 16mm-Film. Ab 1968 begannen die Mitchells „Beaver“-Filme  in ihren eigenen Theatern zu zeigen. 1969 soll es  allein in San Francisco ca. 24 Theater gegeben haben, die sich auf „Beaver“-Filme spezialisiert hatten. Die Mitchell-Brothers bauten sich in den 70ern ein lukratives Pornobusiness in San Francisco auf, mit dem Flaggschiff des „O’Farrell Theater“, welches sie 1969 eröffneten und das lange als eines der besten Strip-Theater galt. 1975 waren sie im Besitz von zehn weiteren Theatern. Die Mitchell-Brüder, wie auch andere Pornographen begannen ab 1971 ihre Filme mit Handlungen und Filmcharakteren  zu versehen. Einerseits um dem Vorwurf und dem Verbot wegen Obszönität zu vermeiden, bzw. um die Filme so leichter vor Gericht verteidigen zu können, da sie nun, nach der Definition des U.S. Supreme Courts  von William J. Brennan, einen sozialen und künsterischen Wert innehatten.

Mit der Veröffentlichung von „Naked came the Stranger“ im Jahr 1969, hatten 25 Zeitungsmitarbeiter, überwiegend Journalisten, die die einzelnen Abschnitte des Romans geschrieben hatten, ungewöhnlichen Erfolg. Geschildert wurden in den verschiedenen Stories die sexuellen Abenteuer einer promiskutiven Hausfrau. „Naked Came the Stranger“ war  seitens der Autoren ursprünglich als ein ironischer Test konzipiert, um zu prüfen auf welchen Standard sich der Geschmack der amerikanischen Öffentlichkeit befand. In Hinblick auf den „Miller Test“ sollte das Kapitel keine Handlung, Charakterentwicklung und keine soziale Einblicke der Protagonisten aufweisen. Einzig zwei detailliert beschriebene Sexszenen waren Bedingung. Veröffentlicht wurde es von einem Verlag von Lyle Stuart, der auf Trash-Literatur spezialisiert war. Nach einer anfänglichen „Hilfe“ durch das „Screw Magazine“ wurde es in Zeitungen wie Time, Newsweek, New York Times, The Los Angeles Times und der Washington Post besprochen und  gelangte schnell auf die Bestellerlisten..

Die Mitchell`s produzierten bereits über dreihundert derartiger Filme, bevor sie mit ihrem Klassiker des pornographischen Genres internationalen Erfolg  bekamen. Diese Filme sprachen ein weitaus größeres und differenzierteres Publikum an, als das der pornographischen „Loops“, die sich mit ihrer reinen Geschlechtsschau hauptsächlich an die „dirty-old-men“ – und „Raincoat“- Fraktion gewandt hatten. 1972 wurde “Behind The Green Door” von den Mitchell Brothers realisiert, mit den Hauptdarstellern  John Holmes und Marilyn Briggs, die dort unter dem Künstlernamen  Marilyn Chambers auftrat. Der Film kostete ca. 60.000$ in der Produktion und soll in den folgenden Jahren ca. 50 Millionen Dollar eingespielt haben. Ein Jahr später folgte, in ähnlicher Spielfilmlänge, der Mitchell-Film „The Resurrection of Eve”.

Die Mitchell-Brothers standen oft in der öffentlichen Diskussion und wurden kontinuierlich seitens der lokalen Justizbehörden belangt (u.a. mittels unseriöser Rechtauslegung seitens der Kommune), die um eine Schließung ihrer Theater bemüht waren. Ihr 1976 produzierter Film „Autobiography of a Flea“, war der erste Porno bei dem eine Frau Regie führte. Nach langjähriger Produktionspause folgte  1985 von den Mitchell-Brothers der Film „The Grafenberg Spot“, in Anlehnung an das vieldiskutierte Buch „The G Spot“ von Alice Ladas and Beverly Whipple, in welchem die feministische und medizinische Diskussion um die weibliche Ejakulation pornographisch umgesetzt wurde. 1986 gaben sie als Reaktion auf die Aids-Diskussion, den ersten Safer-Sex-Pornofilm heraus. 1991 erschoss unter ungeklärten Umständen Jim Mitchell seinen Bruder Artie und wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Ihre Geschichte wurde in dem Film „Rated X “ (2000/ Regie: Emilio Estevez), nach dem Buch „X-Rated“ von David McCumber, aufgearbeitet. Das „O’Farrell Theater“, existiert weiterhin als Sex-Kabarett

Seitdem mit Filmen wie „Deep Throat“ sich das Pornobusiness die Mittelklasse als neue Publikumskoalition erschlossen hatte, wurde mehr Geld in die Qualität der Filme investiert. Viele Filme wurden in verschiedenen Versionen (Hardcore und Softcore)gedreht, um die gesamte Marktbreite gewinnbringend abschöpfen zu können. 1980 gab es noch an die 800 Kinos die sich auf pornographische Filme spezialisiert hatten, ungefähr 6% der in den USA vorhandenen Kinos. Diese Kinos wurden jährlich von ca. 3 Millionen zahlende Zuschauer frequentiert, denen an die 100 Neuaufführungen vorgeführt wurden. 1978 soll die Pornoindustrie in den USA einen Umsatz von 365 Millionen Dollars und 1980 schon von nahezu 500 Millionen Dollars erzielt haben. Dieses Kapital wurde großteils wiederum in neue Produktionen investiert. Mit dem Videobooms ging die Zahl der Adult-Kinos rapide zurück, bis sie Anfang der 90er bei ca. 300 lag.

Stoller Robert J., 1991, „Porn – Myths for the 20. Century”, Yale University Press, New Haven, London

http://mama.indstate.edu/users/nizrael/grafenberg.html


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