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Subgenres des Films, Stag- und Explotationfilme

Stag-Filme

„Stag“, als ein Adjektiv, meint „ausschließlich für Männer“. Stag-Filme waren Filme mit sexuell expliziten Inhalt, die sich ausschließlich an ein männliches Publikum richteten. Vor dem 2. Weltkrieg wurden pornographische Filme auf 16mm, in Längen von 10-12 Minuten gedreht, u.a. weil diese einzelnen 10 Minuten-Spulen besser versteckt transportiert werden konnten, als die sonst gebräuchlichen Filmboxen für Langfilme. Das Genre des Stag-Films ging von den 1920ern bis in die 50er und war gekennzeichnet durch eine amateurhafte Produktionsweise, die aber als authentisch galt. Wackelnde Kamerabilder, Hände, die sichtbar die Beleuchtung justierten und Schauspieler die direkten Augenkontakt zu dem Kameramann hielten oder ihm Fragen stellten, waren keine Seltenheit und wurden im Material gelassen um zu unterstreichen, dass hier realer Sex zwischen realen Menschen stattfand. Trotz fehlender Sprachbarrieren und dem Fehlen einer Copyright-Regelung der Stummfilm-Stags gelangten wenige dieser frühen Pornofilme in andere Länder, als die in denen sie produziert wurden, da die strengen Postgesetze und die damit verbundene Zensur ein zu großes Risiko bedeuteten. In Amerika wurden wahrscheinlich die meisten Stag-Filme produziert, gefolgt von Frankreich, wo dieses Genre ihren Ursprung hatte und bis zu der Zensurpraxis der gaullistischen Regierung florierte. In Amerika – durch die schnelle Entwicklung einer eigenen Filmindustrie, gefolgt von der staatlichen Zensurpraxis – blieb die Produktion von Stagmovies im Underground und damit in den Händen von Amateuren, während in Frankreich die Filme oft eine bessere Qualität hatten und z.T. über die internationalen Editionen von Magazinen wie „Paris Plaiser“ und „La Vie Parisiene“ vermarktet wurden. Französische Pornographen entwickelten viele der Plots dieser Stag-Filme und in den 20er Jahren wurden in Frankreich so viele „Stags“ produziert wie nirgendwo sonst. Zu dieser Zeit gehörten Stag-Filme zum Inventar der meisten europäischen und amerikanischen Bordelle der gehobenen Klasse.

Der Großteil aller produzierten Stag-Filme wiesen fünf verschiedene Handlungsschemen auf:

– eine Frau, allein Zuhause, erregt sich an einem Buch oder einem phallischen Objekt, gefolgt von einer Masturbationsszene. Ein Mann erscheint, wird ins Haus eingeladen und der Geschlechtsverkehr findet statt.
– Ein Bauernmädchen erregt sich bei der Beobachtung kopulierender Tiere und begegnet einem Farmer oder einen reisenden Vertreter und der Geschlechtsverkehr findet statt.
– Ein Doktor beginnt eine Frau zu untersuchen und der Geschlechtsverkehr findet statt.
-Ein Einbrecher findet im Haus ein Mädchen im Bett liegend und vergewaltigt sie. (oder umgekehrt)
-Ein „Sonnenanbeter“ ( gemeint ist eine Person die dem Typus der damaligen Reform- und Nudistenbewegung entsprach) wird gefangen und verführt.

Viele der weiblichen Darsteller  waren Prostituierte, die Männer oft alt und hässlich. In der Regel trugen die Schauspieler Masken oder versuchten mit anderen Mitteln und zum Teil bizarren Verkleidungen ihre Identität zu verbergen. Laut Playboy ist der, bis auf seine schwarzen Socken, nackte und maskierte Mann, ein Markenzeichen des US-Stags. Stagfilme wurden gezielt produziert, um ihre Zuschauer zu erregen, weswegen sie in vielen Bordellen dieser Zeit zur Animation gezeigt wurden.

Slade, Journal of Film and Video 45: S.2-3
Rotsler William, 1973  “Contemporary Erotic Cinema”, New York : Penthouse/Ballantine

Exploitation-Filme

Ein Genre welches bereits seit den Anfängen des Films existiert, aber vor allem in den 70ern populär wurde. Einige der frühen Explotation-Filme nahmen Drogen- oder Sexskandale der damaligen Zeit zum Thema oder erzählten das Leben realer Krimineller nach („The Smiling Mail Bandit“/1919). Viele dieser Filme wurden unabhängig von den großen Hollywood-Studios produziert um den Restriktionen der Zensurbehörden zu entgehen und stellten eine wichtige Einnahmequelle für die unabhängigen Filmtheater dar.

Das „Joe Breen’s Production Code Office“ sichtete zwischen 1930 bis 1968 ca.98% aller freigegebenen, in den USA produzierten Filme. Erstaufführungstheater konnten ohne ein Zertifikat dieser Kontrollinstanz keinen Film aufführen und die Studios ließen keine Mehrfachaufführungen ihrer Filmen mit ungeprüften Filmen zu. In den 1930er und 40ern befanden sich die meisten Filmtheater im Besitz der großen Hollywood-Studios. Diese vertikale Integration sicherte den Studios die landesweite Vermarktung ihrer Produkte und schloss gleichzeitig die Konkurrenz aus. Unabhängige Filmtheater hatten erst Monate nach den Erstaufführungen, der von den Studios betriebenen Theatern, die Möglichkeit Hollywoodfilme zu zeigen und wurden deshalb zu Hauptabnehmern der unabhängig produzierten Explotation-Filme.

Exploitation bedeutet soviel wie Ausbeutung und ist ein abfälliger Ausdruck für die Übervorteilung anderer. Im gleichen Sinne kann es auch soviel wie Ausschöpfung meinen und implizierte damit einen Film, der, weil es ihm an den großen Stars fehlte, auf eine Mischung von Gewalt, Sex und nackter Haut setzt. „Exploitation“ kann also auch die Intention des Filmemachers meinen, ein populäres Thema effektheischend und reißerisch in Szene zu setzen. Themen wie Krieg, Kriminalität, Kannibalismus, Inquisition, Sklaverei, Prostitution, Subkulturen, Gefängnisse und Gefangenenlager bieten sich an – alles Sujets, die Voraussetzungen für die explizite Darstellung von Gewalt- und Sexualakten mit sich bringen. Anstelle von hohen Produktionsstandards, psychologischer Realismus und einer überzeugenden narrative Entwicklung, bieten Exploitation-Filme oft schematische, bis auf ein Minimum reduzierte Handlungen, mit an Comic-Figuren erinnernde Stereotypen. Andererseits boten sie vielen jungen FilmemacherInnen die Möglichkeit des Einstiegs in die Filmproduktion außerhalb des Mainstreams. Die „Perlen des Trash“, die gerade in den letzten Jahren wieder in den Programmkinos gezeigt werden, illustrieren dies sehr deutlich. 1954 wurde die „American Releasing Company“, der Vorläufer der „American International Pictures (AIP)“ von James H. Nicholson und dem Rechtsanwalt Samuel Z. Arkoff gegründet. Die AIP wurde bekannt durch ihre Low-Budget Exploitation Filme. Der erste Film war „The Fast and the Furious“ (1954) von Roger Corman. Teenage-Horror-Filme wie „I was a Teenage Werewolf“ (1957),  die „Beach Party“- Filme von Annette Funicello und Frankie Avalon, frühe Filme von Jack Nicholson, Robert De Niro, Francis Ford Coppola und Peter Bogdanovich, wie auch viele Biker, Horror- und Drogenfilme der 60er Jahre waren AIP-Produktionen.

Als Subkategorien des Explotation-Films werden folgende unterschieden: Die Black-Explotation-Filme. Sie wurden mit afroamerikanischen Darstellern gedreht und lieferten Themen wie Drogen, Prostitution und das Leben im Gettho. Ein bekanntes Beispiel für den Blaxploitation ist der Film „Shaft“ und  für die Sexploitation Russ Meyer`s Film „Beyond the Valley of the Dolls“. Sexplotation-Filme waren in der Regel Softcore-Sexfilme mit möglichst vielen Szenen nackter, bzw. barbrüstiger Schauspielerinnen, gefolgt von Shock Exploitation-Filmen, die ihren Focus auf die Tabuthemen der Filmbranche hatten, wie extreme Gewaltdarstellungen, Vergewaltigungen, simulierter Sex mit Tieren und Inzest.

http://www.splatting-image.com/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=2&Itemid=8
http://www.imagesjournal.com/issue08/infocus.htm

Bis in die 50er wurde wegen der strengen Auflagen in Hollywood mit Sex im Film kaum Umsatz gemacht. Wer halboffiziell drehte und die Regeln wenigstens teilweise umgehen wollte, machte Pseudo-Dokumentationen. In denen wurden oft unter dem Deckmantel der Aufklärung Bilder nackter Frauen und Männer und deren Geschlechtsteile ohne strafrechtliche Konsequenzen gezeigt. Eine ganze Reihe von Filmemachern versorgte das Publikum mit legalen „Nudies“. Diese „erotic loops“  zeigten zuerst Frauen in Bikinis, dann barbrüstig und schließlich nackt, wobei die Abbildung des Schamhaares weiterhin verboten blieb. Diese Loops zeigten die Nacktaufnahmen in Rahmen von kleinen Geschichten, die keinen Sex zum Inhalt, sondern überwiegend einen voyeuristischen Charakter hatten. Vorraussetzungen für diese Entwicklung schuf die damalige Krise der Filmindustrie, die dazu führte, dass viele Kinos versuchten sich mit einer Spezialisierung auf erotische Filme zu sanieren. Die Produktionskosten dieser Filme waren in der Regel gering, so dass viele kleinere Studios sich auf diesem Markt behaupten und auf die divergierenden Rechtssprechungen der verschiedenen US-Bundesstaaten einstellen konnten.

Als einer der bekanntesten Beispiele dieses Genre gilt „The Immortal Mr. Teas“ von Russ Meyer, der sich dann zu einen der maßgeblichen Vertreter des Sexplotation entwickelte. Die Freigabe des Films „The Immoral Mr. Teas“ 1959, setzte neue Standards für die Narration von Sexfilmen. Dieser „nudie-cutie“ wurde wegen seiner Mischung aus Nacktszenen und Komik, die sich auf die Ungeschicklichkeit der dargestellten Charaktere in Sachen Sex und Liebe bezog, derart erfolgreich. Der Regisseur Russ Meyer hat knapp 3 Dekaden das amerikanische Genre des populären Softcore-Sexfilmes dominiert.  Mit seinem Filmdebüt, einem ironischen Porträt des sexuell aufgeladenen US-Kleinstbürgers Mr.Teas, machte Meyer bereits einen Gewinn von über einer Million Dollar. Aus diesen Erträgen konnten dann weitere Filmproduktionen entstehen, z.b.1964 und 1965  „Lorna“,  „Mudhoney“,  „Motor Psycho“, sowie „Faster Pussycat! Kill! Kill!“ Später ließ er sich von der 20th-Century Fox für Studioproduktionen unter Vertrag nehmen, in dieser Zeit entstand sein größter kommerzieller Erfolg „Beyond the Valley of the Dolls“ (1970/ D: „Blumen ohne Duft“) Weitere, sehr erfolgreiche Filme waren die Titel: „Vixen“, „Cherry, Harry & Racquel“ und „The Supervixens“. Russ Meyer ist im Herbst 2004 verstorben.

David Friedman, ein weiterer Filmemacher und Produzent, war einer der Ersten der Sexfilme mit Darstellungen extremer Gewalt kombinierte. Sein Film „Blood Feast” erschien 1963 , wurde zum Publikumserfolg und führte zu hunderten von Nachahmungen. Aber anders als die Filme von D. Friedmann und Russ Meyer, die zwar auch auf Sex und Gewalt setzten, aber auch einen gewissen künstlerischen Anspruch vertraten, konnten nur wenige dieser Filme durch Niveau überzeugen. Weitere Vertreter des Sexplotation-Genres waren Irving Klaw(1910-1966) und Doris Wishman (1912-2002). Irving Klaw war in erster Linie Photograph und betrieb von den 1940ern bis in die 1960er Jahre  über seinen Familienbetrieb „Movie Star News“ einen Postversand, über den er zuerst Photographien von Burleskestars wie Tempest Storm vertrieb und ging später dazu über Motive mit Fetisch- und Bondagemotiven zu vermarkten. Er verlegte und vertrieb außerdem Bondage-Comics von John Willie und Eric Stanton. Sein bevorzugtes Bondagemodell war Bettie Page, die auch in zwei seiner bekannteren Filme Varietease (1954) und Teaserama (1955) die Hauptrolle spielte.

Bettie Page war ein us-amerikanisches Aktmodell und gilt als eine der „Königin des Pin-Up“. 1951 erschienen Aufnahmen von ihr auf einer Reihe von Titelseiten von Magazinen wie „Black Nylons“, „Wink“, „Titter“ und „Beauty Parade“. Zur gleichen Zeit modelte sie für den Fotografen Irving Klaw und wurde so zum ersten bekannten Bondagemodel. Ihr Durchbruch begann als Playmate im Januar-Playboy 1955. Auf der Höhe ihres Erfolgs beendete sie 1958 ihre Karriere.

Doris Wishman war eine us-amerikanische Regisseurin und Filmproduzentin, die von den 60ern bis zu ihren Tod an die 30 Filmtitel realisierte. Sie war eine der wenigen Frauen, die im Bereich der Nudistenfilme und des Sexplotations-Genres wirkte. Im Zeitraum 1960-1964 realisierte sie insgesamt 6 „Nudies“, u.a. „Nude in the Moon“/USA 1961 und produzierte dann eine Reihe von Sexplotationfilme wie “Bad Girls go to Hell”/USA 1965 und “Too Much, too often”/USA 1968 (dt. Zauberstab zur Selbstmassage). Kommerziell erfolgreich waren ihre beiden Filme mit der Stripperin Zsa Zsa (Chesty Morgan) „Deadly Weapons“/USA 1973 (dt. Teuflische Brüste) und „Double Agent 73“/USA 1974.

Wichtig für die 70er Jahre waren auch die John Waters-Filme „Multiple Maniacs“ (1970), „Pink Flamingos“ (1972) und „Female Trouble“ (1974), mit der übergewichtigen Drag-Queen Divine als Star, die die zentrale Bedeutungsträgerin dieser Produktionen stellte. Diese Filme schufen eine Brücke zwischen Underground und Explotation und gelten inzwischen als Vorläufer des 20 Jahre später aufkommenden New Queer Film Wave. Klar dem Underground zuzurechnen war der Film „Fuses“ von Carolee Schneemann (1964-67/USA).Ein Experimentalfilm, wo die Künstlerin die Aufnahmen vom Sex mit ihrem Geliebten unterschiedlichen Prozeduren, wie Bemalen, Aufkratzen, Farb- und Säurebäder unterwarf und so eine sehr persönliche wenn auch unzusammenhängende pornographische Erzählung schuf, ähnlich wie der Film „Kodak Ghost Poems“ (1970/USA) von Andre Noren.

Eine weitere Regisseurin und Feministin des Explotationkino war die US-Amerikanerin Stephanie Rothmann. Sie begann nach dem Abschluss ihres Studiums gleich bei Americain International Pictures und später bei New World Production unter Roger Cormann zu arbeiten. Ihre Filme, bei denen sie Regie führte und teilweise auch das Drehbuch schrieb, erreichten in den 70er Jahren Kultstatus in us-amerikanischen Programmkinos und wurden auf vielen Frauenfilmfestivals gezeigt. Bekannte Filme von ihr waren „The Student Nurses“ (1970) in dem es um die Freundschaft zwischen 4 jungen Krankenschwestern und deren sexuellen, politischen und beruflichen Abenteuern geht. Rothmann nutzte den Film um einen Diskurs über die Sexualpolitik der 70er Jahre zu führen und parodierte die männlich konnotierten Prinzipien des Explotation-Genres. Ihre nächste Produktion „The Velvet Vampire“ (1971) spielt ebenso mit den filmischen Stereotypen und lässt die Frauen anstatt in der Opferrolle als aktive Blutsaugerinnen auftreten. Der Film „Terminal Island“ (1973) ist ein „Women in Prison“-Action-Film in dem den Frauen das gleiche Maß an Gewaltausübung zugestanden wurde und an deren Ende die Überlebenden beginnen – untypisch für dieses Genre – eine alternative Gemeinschaft aufzubauen.

Die frühen 70er Jahre waren die goldenen Jahre des Explotationkinos, weil sich die großen Studios auf  zugkräftige Großproduktionen konzentrierten und insgesamt weniger Filme produzierten. Das Explotation-Kino füllte diese Lücke aus – mit einem zunehmenden Qualitätsstandard und einer Reihe junger Regisseur/innen, die das Genre nutzten um ihre Ideen und ihr Talent unter Beweis zu stellen. Ende der 70er Jahre produzierten die großen Studios wieder mehr Filme und mit dem anstehenden Boom der VHS-Kassette ging die Zahl der Auto- und Programmkinos zurück. Mit den Möglichkeiten des preiswerteren Videoequipments und der Entstehung von Filmfestivals wie „Telluride“ und „Sundance“, die sich klar auf den unabhängigen Film ausgerichtet haben und den Zugang zu Verleihkanälen und Vermarktungsmöglichkeiten schufen, müssen sich Filmemacher nicht mehr auf die Konventionen des Explotationkinos einlassen.

Depineux, Carla; Mund, Verena, “Girls, Gangs, Guns – Zwischen Explotationkino und Underground”
Schüren Verlag, Marburg : 2000

„Erotik – Ästhetik des erotischen Films“, Georg Seesslen, 1996, Schüren-Verlag, Marburg

Vogel, Amos „Kino wider die Tabus“, Verlag C.J. Bucher; Luzern, Frankfurt a.M., 1979


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