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San Francisco – Ein Zentrum der Subkultur und Pornoproduktion

In den 60ern war die Liberalisierung eng verknüpft mit dem Schwung und den Zielen der 68er-Bewegung. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wurde zunehmend als ein Grundrecht gesehen, das man sich gegebenenfalls erkämpfen musste. So entwickelten sich in den Vereinigten Staaten Emanzipationsbestrebungen und Kämpfe um Gleichberechtigung der Geschlechter, legalen Schwangerschaftsabbruch, die Aufhebung der Sodomie-, Prostitutions- und Pornographieverbote und um die Beendigung der Diskriminierung von Homosexuellen, die bis in die Gegenwart hineinreichen.
Das Private, einschließlich der Sexualität, wurde politisch. Eine Einstellung, die sich vor allem in San Francisco manifestierte. Ähnlich wie in Europa wurde aus der 68er-Bewegung heraus eine neue Lebenskultur propagiert, bei der dem Sexuellen eine Schlüsselfunktion zugewiesen wurde.

„The flourishing underground press in San Francisco all share the idea that porn, even at its sleaziest and most bizarre, is an important and healthily revolutionary ingredient of the new culture.“

New York Times Magazine, Jan. 1971, „The Porn Capital of America.“

„Pornography was anti-establishment, another way of changing things. (…)We were conscious of trying to break down barriers”

(Lowell Pickett, Regisseur und Initiator des „First International Erotic Film Festival“, welches er zusammen mit  Arlene Elster Ende 1970 organisierte. )

Die Beat-Generation, Vorläufer der Hippie-Bewegung orientierten sich auf ihrer Suche nach alternativen Lebensentwürfen an anderen Kulturen. Die Beatniks öffneten sich dem Modern-Jazz und später über ihre Hauptprotagonisten der buddhistischen Kultur. Die Hippies nahmen später Anleihen bei den indianischen Völkern auf und beschäftigten sich ebenfalls mit asiatischen Lehrmodellen – geistigen wie körperlichen. Es war nur eine logische Konsequenz, das man über die individuelle Emanzipation- und somit auch die Befreiung des eigenen Körpers- auf den gesellschaftlichen Körper kam, bzw. ihn in dieser Form in Frage stellte. In diesem Zusammenhang entstanden gesellschaftspolitische Konzepte, die individualistische wie politische Bestrebungen über eine subversive, sexualisierte Wahrnehmung der Welt und eine dementsprechenden Lebenspraxis vereinen konnten.

„Ausgangspunkt der Revolte in allen Phasen ist die Sexualität. Der erotische Impuls ist der Reiz, Zwischenwände einzureißen und die Einheiten in immer größeren Strukturen zusammenzufassen. Um Liebesstrukturen zu entwickeln, muß den alten Konzeptionen, Selbstbildnissen, Phormen  und Denk- und Verhaltensmustern abgeschworen  werden  oder sie müssen zerstört werden. (…) Die Revolte  ist das ständige Erneuern des Körper-Selbstbildes bis Identität mit dem Geist erreicht ist.“

Michael Mc Clure, geb. 1932, lebte in San Francisco, Erstveröffentlichung in „Meat Science Essays“ / „San Francisco City Lights, 1963  –  Nachdruck 1969 in „Acid“, „Revolte“ Seite 218, 220, Übersetzung aus dem 2001 Taschenbuch)

Herbert Marcuse und Reich waren die wesentlichen Theoretiker der „Sexuelle Revolution“ während die aufblühende Musikszene und die neu entstehenden „Human-Be-ins“ für die richtige Temperatur in den damaligen „melting pots“ der Szene sorgten. Die Antibabypille, die seit 1960 das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel darstellte, war ein wesentlicher Faktor für die sexuelle Emanzipation und die „freie Liebe“, der häufigen Partnertausch und soziale Experimente ermöglichte, ohne das eine Schwangerschaft die Betreffenden wieder in die Ökonomie der traditionellen Familienstruktur zwang. In den 1960ern gründete sich in Berkeley, Kalifornien die erste Swinger-Organisation, die „Sexual Freedom League“. Bald darauf folgte die Gründung des Dachverbandes „North American Swing Club Association“ (NASCA), der einen Informationsaustausch und Kontaktmöglichkeiten im ganzen Land ermöglichte.

Viele Publikationen der Undergroundpresse verwendeten  sexuelle Bilder im Sinne einer Kultur der Befreiung und trugen ihren Lifestyle offensiv an die Öffentlichkeit. Der damalige Slogan „make Love – not War“, der im Zeichen der zunehmenden Politisierung wegen des Vietnamkriegs, der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und des individuellen Protestes stand, traf mit der „Sexwelle“ – der Sexualisierung größerer Lebensbereiche und der Kommerzialisierung sexueller und körperlicher Bedürfnisse zusammen. Subkulturellen Kontexte von Musik, Mode und Sexualität wurden nach den Erfolgen der großen Open-Air-Festivals zunehmend vom kapitalistischen Markt integriert. 1965 startete „Jaybird Safari“ das erste Magazin welches Hippies als Modelle verpflichtete und um 1967 waren Hippies eines der Hauptthemen vieler amerikanischen Männermagazine, genauer gesagt erotische Photographien von Frauen, die mit dementsprechenden Lifestyle und Dresscodes in Szene gesetzt wurden. Die daraus sich entwickelnde populäre Welle des „Porno-Chic“ in den 70ern  – mit einer Vielzahl von künstlerischen und qualitativen Produktionen – wurde überwiegend von Kalifornien aus beeinflusst, bzw. von San Francisco, welche neben New York und Los Angeles eines der Hauptproduktionsstätten der damaligen Sexindustrie war.

Eines der Zentren der Subkultur der Sechzigerjahre entwickelte sich in der San Francisco Bay Area, vor allem in der kalifornischen Großstadt. Bereits in den 50er Jahren hatten sich in San Francisco zeitweise die Vertreter der damaligen literarische Avantgarde und Protagonisten der Beat Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William Burroughs angesiedelt. Die Beatniks entwickelten ebenfalls eine anti-bürgerliche Subkultur, mit klarem Drang zu einer ausgelebten Sexualität, Interesse an fernöstlicher Kultur, Modern Jazz und dem proklamierten „On the road“-Gefühl. Viele dieser Ansätze wurden in den 60er Jahren weiterentwickelt, bzw. beeinflussten das Lebensgefühl von Teilmilieus der entstehenden Bewegung.

San Francisco war zu dieser Zeit ein „melting pot“ verschiedener subkultureller Strömungen und politischer Bewegungen, die teilweise eng mit der Musikszene verzahnt waren und so schnell an Basis und Popularität gewannen. Der Stadteil Haight-Ashbury hatte sich bis 1965 zu einem Zentrum der Hippiebewegung und Musikszene entwickelt und im Vorort Oakland formierte sich 1966 eine militante Black-Power-Bewegung während die Castro Street eine der Keimzellen der Schwulenbewegung bildete. An der Universität Berkeley manifestierte sich aus den Studentenprotesten im Herbst 1964 das „Free Speech Movement“, das in vielen Fällen beispielgebend für spätere Studentenproteste in anderen Regionen und Ländern war. Ein paar Jahre später, begann mit der Besetzung der Insel Alcatraz vor den Toren San Franciscos 1969 die Indianerbewegung, die nach langer Pause wieder begannen Ansprüche auf ihr Land geltend zu machen.

Ein Höhepunkt der Hippiebewegung stellte das im Januar 1967  organisierte „Human Be-in“ im Golden Gate Park dar, zu dem mehr als 25.000 Menschen kamen. Dort traten u.a. Musikgruppen wie Jefferson Airplane und Grateful Dead auf,  Gruppen, die damals vorwiegend in und um San Francisco bekannt waren. Im südlich von San Francisco gelegenen Monterey fand im Sommer gleichen Jahres das erste Popfestival der Geschichte mit fünfzigtausend Besucher statt. Aus der Bay Area traten Gruppen wie Jefferson Airplane und Janis Joplin auf. Aus Los Angeles kamen die Mamas & Papas und Blood, Sweat & Tears, außerdem Jimi Hendrix, der Soulsängers Otis Redding und die Londoner Gruppe Who. Durch die verschiedenen Milieus der Studenten, der Schwarzen, der Hippies, der Indianer und der Homosexuellen, die sich zunehmend zu verschränken und zu radikalisieren begannen, entwickelte San Francisco ein Sendungsbewusstsein, das über die Musik und visuelle Medien neue kulturelle Codes transportierte.

Eine weitere Metropole, an der sich der damalige Zeitgeist ablesen lässt, ist New York in seiner Position als stilgebendes Zentrum des Bühnenmusicals. Mit dem internationalen Erfolg der Musicals “Hair” und “Oh Calcutta”, welche beide ansatzweise überkommene Moralvorstellungen und Fragen der sexuellen Liberalisierung thematisierten, wurden dem Publikum erstmalig Nacktszenen auf der Bühne geboten. Es entwickelte sich vor allem in New York eine innovative Musicalszene, deren Stücke die freie Liebe, sexuelle Minderheiten und die politischen Verhältnisse zum Inhalt hatten und die sich in den Liedertexten und dem Bühnenspiel intelligent und humorvoll mit den Themen auseinandersetzten und oftmals darauf angelegt waren die Trennung zwischen Darstellern und Publikum aufzuheben. Bereits 1969 erschienen eine Reihe weiterer Musicals auf den Spielplänen: Terence McNally’s „Sweet Eros“, „Geese“, ein Stück, welches Homosexualität thematisierte und wegen der frontal zur Schau gestellten Nacktheit der männlichen Darsteller zu dieser Zeit noch einen Skandal verursachte, „Dionysus in 69“ in welchem die nackten Darsteller Orgien simulierten, sowie „Che!“ – ein Einakter, der die letzten erhellenden Momente von Che Guevara darstellte und sie auf der Bühne mit simulierten heterosexuellen und homosexuellen Sexszenen kombinierte. Dem Regisseur wie der Musicaltruppe wurden bald darauf im Rahmen einer Öffentlichkeitskampagne Verstöße gegen das New Yorker Strafgesetz in puncto Konspirativität, Obszönität und Sodomie vorgeworfen.

1971, im Zuge der sich anbahnenden „porno-chic“-Welle, erschien „Stag Movie“ (Buch: David Newburge, Musik: Jacques Urbont). Das Stück handelte von einer Gruppe Showbizz-Profis, die sich entscheiden einen Musical-Pornofilm nach der Vorlage des klassischen Stagfilms „The Grocery Boy“ zu drehen. In  „Stag Movie“ treten homosexuelle und bisexuelle Charaktere als integraler Bestandteil der Spielhandlung in Erscheinung. Im gleichen Jahr kam „The Dirtiest Show In Town“ auf die Bühne, eher ein Performance-Stück als ein Musical (Buch: Tom Eyen, Musik: Henry Krieger). Es kritisierte den Vietnam-Krieg, beinhaltete lesbische und schwule Charaktere und setzte sexualisierte Darstellungen, wie die zum Ende des Stückes vollzogene simulierte Orgie, in einem subversiven Kontext ein.

1972 erschien “The Faggot” bei dem  Al Carmines Regie führte. Carmines erforscht schwule und lesbische Identitäten in Bezug zur heterosexuellen Welt. Das Stück kam ohne Nacktszenen aus und spielte stattdessen mit bekannten sexuellen Stereotypen und stellte Alltagsszenerien und Komplikationen innerhalb der lesbisch-schwulen Community vor und machte sie so vor einem breiteren Publikum verständlich. 1974 startete im Village Gate Theater „Let My People Come” (Regie: Oesterman, Musik: Wilson), welches sich freizügig und mit Humor der ganzen Bandbreite sexueller Thematiken – von (simulierten) oralen Sex, Orgien und Homo-, Bi-, und Heterosexualität widmete und sich innerhalb der New Yorker Underground-Szene zu einem großen Erfolg entwickelte. 1976 trat der damalige Pornostar Marilyn Chambers in dem Musical „Le Bellybutton“ auf, welches in den Kritiken der Mainstreampresse, wie schon Jahre zuvor das Stück „Stag Movie“ ignoriert wurde. 1977 erschien „I Love My Wife on Broadway“ von Cy Coleman, welches sehr erfolgreich war und zwei Tony-Awards gewann. Es handelt von mehreren verheirateten Paaren, die untereinander bekannt sind und sich im Partnertausch versuchen, was allerdings scheitert. Das Stück verzichtete vollkommen auf die Darstellung von Nacktheit auf der Bühne, gab dem Publikum mit Liedern wie „Sexually Free“ und dem Bühnenspiel aber einen emanzipatorischen Impuls mit auf den Weg, was das Ausleben der eigenen sexuellen Wünsche innerhalb einer Partnerschaft betraf. Danach erschienen keine Musicals mehr auf den Spielplänen, die sich die sexuelle Liberalisierung zum Thema nahmen und mit dem Publikum in einen Dialog traten.

„In the fifties we thought we were living in an age of rationale and reason. The sixties had liberation and freedom – little by little its gone the other way. There’s always backlashes.“

David Newburge, Autor von “Stag Movie”


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