11
Jan
10

Die Entwicklung der US-Filmindustrie und des Pornofilm-Genres

Von den Nickelodeons zur Hays Office

Um 1907/8 soll es in den USA ca. 8000 kleine Ladenkinos, sogenannte „Nickelodeons“ gegeben haben. Ein Nickel – entsprach fünf Cents, dem Eintrittspreis – und „Odeon“ ist das griechische Wort für einen Ort zur Aufführung von Musik und Schauspiel. In den Nickelodeons wurden so genannte Ein- oder Zwei-Akter mit einer Filmlänge von ca. zehn Minuten vorgeführt. Sie waren bei der Bevölkerung, auch bei Frauen und Kindern sehr beliebt und galten als das „Wohnzimmer der unteren Klassen“, da man bei einmaligen Eintritt solange den ständig laufenden Vorführungen zuschauen konnte – und anders als im Vaudeville, kommen und gehen konnte, wann und wie man wollte. Während in den Vaudeville-Theatern die Kinemathographen überwiegend zum Zeigen von „Aktualitäten“-Filmen, Dokumentationen und Reisebeschreibungen eingesetzt wurden, zeigten die Nickelodeons fiktionale Filme.

Das neue Medium Film schuf Möglichkeiten hoher Gewinnspannen bei niedrigen Produktionskosten über die anschließende Verbreitung auf die Nickelodeons, als dies bei den hoch- und niedrigpreisigen Theatern möglich war. Ein Filmproduzent realisierte eine Story, vervielfältigte den Film und verteilte ihn auf die vielen hundert Aufführungsstätten in der Stadt. Die Aufsteller einzelner Nickelodeons nahmen dann 5 oder 10 Cents Eintritt, was vergleichsweise günstig war im Verhältnis  zu 1.20 $ Eintritt für ein Broadway-Stück, oder sechzig Cents für ein einfaches Melodrama. Die Lizenzgebühren lagen bei 25 Dollar während bei Theatern 500 Dollar üblich waren. Die Kosten für Ausstattung, Szenerie und die Theatercrew entfielen ebenso. 1910 sollen in New York die wöchentlichen Kosten für den Betrieb eines Theaters bei 2500 Dollar gelegen haben während ein Nickelodeon nicht mehr als 500 Dollar kostete.

Sexfilme wurden zum ersten Mal  im größerem Umfang in den USA in den Nickelodeons gezeigt. Kleine, umgewandelte Läden oder Wohnungen die mit einem Projektor, einer Leinwand und ein paar Reihen von Stühlen bestückt wurden. Außerdem standen in den Vergnügungshallen fast aller amerikanischen Großstädte gleichnamige Filmautomaten in denen die Beschauer nach Einwurf von 5 oder 10 Cents zusehen konnten wie sich Frauen und sogar Hollywoodmodelle entkleideten. Diese Kurzfilmindustrie soll bei geringen Kosten und Produktionsaufwand fast genau soviel eingenommen haben wie die Filmfirma Paramount. 1908 als der Film bereits eine Massenattraktion geworden war, kamen über die Hälfte der aufgeführten Filme aus Frankreich, Deutschland oder Italien. Amerikanische Produzenten reflektierten mit ihrem Angebot das Spektrum der Unterhaltungsindustrie und zeigten Boxkämpfe, Autorennen, Vaudevilleacts, Slapsticks, Tänze und Gesang. Daneben gab es eine Reihe von Filmen die bewusst die viktorianische Moral verhöhnten, wie z.b. „Down with Women“(1907), „The Candidate“(1907) und „Too Polite“(1908). Weiterhin gab es viele Filme in denen Liebschaften zwischen verschiedenen Ethnien, Rassen und Klassen ein beliebtes Thema waren, auch wenn sie oft tragisch endeten. Eine Anzahl dieser Filme zeigten sexuelle Anspielungen, teils- oder ganz unbekleidete Frauen und wurden so, ähnlich wie die Saloons und Varietes zum Ziel von Kampagnen. Die Sozialreformer des Mittelstandes sahen darin einen Angriff auf die Grundwerte der viktorianischen Kultur und die Filme stimulierten ihrer Ansicht nach die schlimmsten Trends des urbanen, industriellen Lebens – die Freiheit junger Männer und Frauen von ihren Familien und der öffentlichen Meinung und Moral.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bot die Verfilmung eines Skandals in der New Yorker Upper Class den Vorwand für eine breit angelegte Zensurkampagne. Harry Thaw, ein reicher Industriemagnat tötete Stanford White, einen der bekanntesten Architekten New Yorks aus Eifersucht, da White eine Affäre mit Thaw`s Frau Evelyn Nesbit, einer ehemaligen Chorsängerin hatte. Die Tat fand in der Öffentlichkeit, in einem bekannten Cafe am Madison Square Garden statt und galt als einer der größten Skandale dieser Zeit. Moralisten und Sozialreformer nahmen dies zum Anlass um gegen den unmoralischen Lebenslauf der „mushroom aristocracy“ der sich ihrer Meinung nach in dem Nachtleben der Clubs und Kabaretts manifestierte und die große Masse des amerikanischen Bürgertums negativ beeinflusste, zu polemisieren.  Der Biograph-Film „The Great Thaw Trial“ zeichnete diesen Skandal um die tödliche Liebesaffäre dreier Personen aus der Upperclass in “graphic detail” nach. Diesen Film nahmen Sozialreformer, Geistliche und an oberster Stelle Anthony Comstock zum Anlass eine öffentliche Anhörung zum Thema Film und Kino zu fordern. Die Konsequenz war, das man 1908 allen 550 New Yorker Filmaufführungsstätten zeitweilig die Lizenz entzog. Die „Sozialreformer“ sahen die Filme und das Milieu vieler Ladenkinos (viele dieser Kinos glichen eher einem Concert-Saloon, nur das anstelle der Bühnenunterhaltung Filme gezeigt wurden) als eine Gefahr für die Moral und sittliche Erziehung von Kindern und Jugendlichen an. Zur gleichen Zeit kam es in anderen amerikanischen Großstädten zu ähnlichen Kampagnen und Vorgehensweisen. Nach der Schließung der Abspielstätten wurde der „National Board of Review“ in New York gegründet um den Inhalt der Filme auf ihren sittlichen und moralischen Gehalt zu prüfen und um im Medium Film, im erzieherischen Sinne, die Werte der „demokratischen Familie für Community, Klasse, Fabrik und Nation“  zu etablieren. Die Reformer arbeiteten mit der im gleichen Jahr gegründeten „Motion Picture Patents Company“ zusammen mit dem Ziel die protestantisch-bürgerliche Moral als eine allgemeingültige im Filmwesen zu verankern.

Die Filmindustrie organisierte sich erstmals 1915 in dem Verband “Motion Picture Board of Trade” und dann 1916 unter der “National Association of the Motion Picture Industrie (NAMPI)“. Die Leitung  hatte William Brady, ein in San Francisco beheimateten Vaudevillian, der mit dem Film-Mogul Adolph Zuckor verbunden war. Um 1912 kontrollierte die 1908 gegründete „Motion Picture Patents Company (MPPC)“ mehr als die Hälfte der Nickelodeons. Die MPPC wurde nach über 500  patentrechtlichen Prozessen von den damaligen größten Filmproduzenten mit dem Ziel der Monopolbildung gegründet – Edison, Biograph, Vitagraph, Essany, Selig, Kalem, Méliès und Pathé. Alle technischen Patente wurden in einen Pool  eingebracht, Vertriebe, die mit Filmen anderer Firmen handelten, durften keine Filme der MPPC verwerten und Kodak verpflichtete sich, nur Mitglieder der MPPC mit Filmmaterial zu versorgen. 1910 wurde die „General Film Company“ gegründet, mit dem Ziel sich unabhängige Produzenten und Verleiher einzuverleiben. William Fox, der neben Carl Laemmles „Independent Motion Picture Company (IMP)“ (später „Universal-Studios“), einer der unabhängig gebliebenen Filmproduzenten geblieben war, gewann 1915 einen Prozess gegen diesen Trust. Ein Gericht verurteilte die MPPC wegen illegaler Monopolbestrebungen zu einer Geldstrafe von 20 Millionen Dollar. Nach einer Reihe weiterer Anti-Trust-Prozesse wurde die Vereinigung der MPPC 1918 aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits von allen größeren Film-Firmen im Ausland selbständige Schauspieltruppen unterhalten.


1922 wurde die „Motion Picture Producers and Distributors of America (MPPDA)“ gegründet und später in  „Motion Picture Association of America (MPAA)“ umbenannt. Den Vorsitz hatte ihr Gründer Will H. Hays. Die „Hays Office“ fungierte vom Beginn an als Zensurbehörde, moralische Instanz und Pressebüro der amerikanischen Filmindustrie.1930 wurden nach öffentlichen Kampagnen, größtenteils durch die katholische Kirche initiiert, neue Zensurrichtlinien verabschiedet, die als „Production Code“ oder „Hays Code“ bekannt wurden. Als nicht akzeptabel für die Filmwirtschaft wurden die Themen vorehelicher Sex, Alkoholismus und unmoralische und kriminelle Aktivitäten benannt. Die Darstellung, bzw. Thematisierung nackter Körper und der Sexualität wurde strengstens reglementiert, sogar die Art und Weise, wie sich die Paare im Film zu küssen hatten, wurde vorgeschrieben. 1947 geriet die Filmwirtschaft Hollywoods in den Focus des „The House Un-American Activities Committee (HUAC)„.Eine Organisation, die 1938 gegründet worden war um gegen „subversive, unamerikanische und kommunistische Umtriebe“ vorzugehen.

Die HUAC schuf ein Klima der Inquisition in dem Filmemacher und vor allem Drehbuchschreiber kommunistischer Umtriebe beschuldigt wurden. Beschuldigungen, die für die Betroffenen z.T. mit Gefängnisstrafen und Berufsverboten endeten. Schwarze Listen und Bespitzelungen vermeintlicher Symphatisanten gehörten in dieser Zeit zum Alltag der amerikanischen Filmindustrie.

Nichtsdestsotrotz begann sich zu dieser Zeit der Filmmarkt zu liberalisieren. 1948 verlor Paramount Pictures einen Prozess wegen Verletzung der Anti-Trust-Gesetze und war aufgrund dessen gezwungen sich von einem Teil seiner Filmtheater zu trennen. Die Konsequenz war das die Filmstudios Hollywoods ihr Monopol bei den Filmaufführungsstätten nicht mehr aufrechterhalten konnten und so keine Möglichkeit mehr hatten ausländische Filme, für die der „Production Code“ keine Gültigkeit besaß, vom Markt fernzuhalten. So wurden in den 50ern eine Reihe von skandinavischen Filmen aufgeführt, die sich mit sonst von der Zensur ausgeblendeten Themen beschäftigten und erstmals Nacktszenen zeigten. Einen Startpunkt in der Entwicklung des Sexfilm-Genres in den westlichen Nachkriegsgesellschaften stellten die FKK-Filme aus Skandinavien dar, wie z.b. „Han dansode en Sommer“/Sie tanzte nur einen Sommer“ (1951, R.: Arne Mattson). Diese in der Regel harmlosen und unerotischen Filme gingen in erster Linie das Nacktheitstabu an und waren Ausdruck des damals stattfindenden Kulturkampfes um die Freikörperkultur.

Anfangs der 60er folgten eine Reihe von britischen Filmen, die sich kritisch mit den Geschlechterrollen und der Homophopie auseinandersetzten. In Folge dieser Entwicklung entstanden außerhalb des Studiosystems eine Reihe unabhängiger Kinos und Kunstinstitutionen, die mit zunehmenden Erfolg europäischen und amerikanischen Underground aufführten, so dass die Diktionen des Hays Code immer mehr an Gültigkeit verloren. 1966 wurde der Hays-Code aufgehoben und machte es den Majors der Filmbranche möglich, erotische Szenen in ihren Produktionen freizügiger zu gestalten. Infolge entstanden eine Vielzahl von erotischen Filmen, die sich an Aufwand und Skandalträchtigkeit einander überboten, aber über den regulären Filmmarkt vermarktet und vertrieben wurden. Diese Entwicklung setzte der Verbreitung der Sexfilme als Genre ein Ende, bzw. führte zu einer Ausrichtung des Marktes auf Hardcore-Produktionen.1968 wurde der Production Code durch ein Bewertungssystem ersetzt, welches die Filme je nach Eignung oder Nicht-Eignung für jugendliche Zuschauer klassifizierte. „G“ – unbedenklich, generell freigegeben, „M“ – für das „reifere“ Publikum, „R“- nicht unter 16 Jahren ohne erwachsene Begleitung und „X“- nicht unter 17 Jahre erlaubt. Die Bewertungskriterien schlossen Thema, Sprache, Darstellung von Gewalt und Nacktheit und expliziten sexuellen Inhalt mit ein.  Aus diesem Schema heraus erklärt sich der weitverbreitete Sprachgebrauch von „X“, „XX“, „XXX“ innerhalb der pornographischen Filmwirtschaft und ihrer Distributeure. „X“-Filme offerieren nackte Darsteller, simulierten Sex und lesbische Szenen. „XX“-Filme zeigen Geschlechtsverkehr und oralen Sex, teilweise in Naheinstellungen. Die „XXX“-Kategorie wartet zusätzlich noch mit Analsex und sichtbaren Ejakujationen auf.

Trumpbour John, 2002, „Selling Hollywood to the World“, Cambridge University Press

May  Lary : 1980. „Screening out the Past – The Birth of Mass Culture and the Motion Picture Industry“
Oxford University Press, New York, Oxford

Erenberg Lewis A., 1981, „Steppin`Out – New York’s Nightlife and the Transformation of American Culture 1890-1930”
Greenwood Press, Westport/USA, London/GB

http://en.wikipedia.org/wiki/Nickelodeon_movie_theater
http://www.uni-oldenburg.de/kunst/mediengeschichte/allg/altenloh/
http://www.cinemaweb.com/silentfilm/bookshelf/17_sep_2.htm
http://www.spiegel.de/spiegel/vor50/0,1518,79962,00.html
http://en.wikipedia.org/wiki/House_Un-American_Activities_Committee


0 Responses to “Die Entwicklung der US-Filmindustrie und des Pornofilm-Genres”



  1. Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: