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Der Videomarkt

„Nicht nur in Zahlen, auch in ihrem Erscheinungsbild ist die Pornoindustrie heute so etabliert und bürgerlich wie die Branchen der Hersteller klassischer Konsumprodukte. Große Pornofirmen wie Vivid, Odyssey, VCA und Digital Playground residieren in weitläufigen, unauffälligen Betonkomplexen, in denen man Computer- oder Sportswearfirmen vermuten würde. Sie verfügen über Kopierwerke, Internetanlagen und Schneidestudios. Die Büros sind im neutralen Stil von Anwaltskanzleien eingerichtet und nichts deutet darauf hin, dass hier Pornografie produziert wird. Vor noch 20 Jahren war das Geschäft mit der Pornografie noch fest in der Hand der Halbwelt. Goldbehangene Pimps und Hustler in Seidenanzügen und Krokodillederschuhen verdienten sich mit den so genannten Skin Flicks ihre Cadillacs. Drogendealer wuschen mit Sex ihr Geld. Heute haben die Pornomillionäre abgeschlossene Betriebswirtschaftsstudien, wie Vividchef Bill Asher. Oder sie sind aus weniger profitablen Geschäftszweigen übergewandert, wie Samantha Lewis von Digital Playground, die früher als Immobilienmaklerin arbeitete. Selbst die Produktpalette macht bei den etablierten Firmen einen seriösen Eindruck. Wären da nicht Titelzeilen wie „Blowjob Adventure“, „Cumback Pussy“ oder „Anal Intruder“, könnten sich hinter den bunten Verpackungen mit den ästhetisch retuschierten Frauenkörpern auch Aerobicvideos verbergen. Das muss so sein, denn sonst würden reguläre Videoverleihketten wie Tower Video die Kassetten nicht in ihr Programm aufnehmen.“
http://www.elektrolurch.com/spezial/planetporno/planetporno.htm

Die Videotechnologie löste den pornographischen Film aus dem Ghetto der Sexshops, die alle in den Rotlichtmilieus angesiedelt waren und schuf Möglichkeiten des Konsums in den Privathaushalten. In vielen, der die Allgemeinheit berührenden technologischen Innovationen wurde die Pornoindustrie zum kommerziellen Vorreiter, so auch auf dem neu entstehenden Videomarkt der USA. Zur Anfangszeit, als gerade 14 000 Titel auf dem Markt waren, wurde dieser mit 7000 Titeln zu mehr als 50% vom Pornomarkt dominiert Mit dem einsetzenden Video-Boom traten die Models der Sexmagazine auch in Videos auf, genauso wie die weiblichen Stars des Pornovideos auf den Photoseiten der Magazine weiter vermarktet wurden. Als indirekter Einstieg für eine Filmkarriere  in der Sexindustrie wurde es durchaus üblich, explizite Photos an dementsprechende Publikationen günstig oder umsonst anzubieten und dann auf Angebote zu warten. Magazine, wie Playboy, Penthouse und Scew bauten in den 80ern ihre eigenen Video-Editionen auf.1987 wurden schon 15 Millionen Hardcore-Videos wöchentlich ausgeliehen, was einem Jahresumsatz von über einer Billion Dollar entspricht. In der Vergangenheit waren im Adult-Bereich die Größen aus dem Printbereich marktführend. Nach der Etablierung der Videotechnik verschob sich die Gewichtung hin zu den Filmproduktionen, die sich auf den Videomarkt ausrichteten. Die Zahl der großen Filmproduzenten wie Private, Vivid, VCA und Metro, wurde auf insgesamt zwanzig geschätzt, gefolgt von ca. 80 kleineren Filmproduktionen.

Die Produktionskosten konnten durch den Einsatz professioneller Videotechnik bedeutend gesenkt werden. 1978 kamen knapp 100 Pornoproduktionen auf den Markt, mit einem Budget von 250 000-350 000 Dollar, da sie noch mit 35mm Kameras aufgenommen werden mussten. Seit Anfang der 80er Jahre ist es möglich einen pornographischen Videofilm für 5000 Dollar zu produzieren. Die ersten konkreten Zahlen für den Gesamtumsatz mit „Adult Video“, der sowohl den Verkauf wie den Verleih mit einbezieht, liegen seit 1992 vor. Die über Mail-Order bestellten Filme flossen allerdings nicht in diese Umsatzstatistik mitein. Demnach lag der Umsatz 1992 bei 1,6 Milliarden Dollar und steigerte sich bis 1996 auf  vier Milliarden und blieb die folgenden Jahre stabil. In den 80er Jahren lag die US-Produktion bei ca. 1300 Filmen pro Jahr und stagnierte eine zeitlang auf diesem Niveau, bis sie 1995 auf 5000 anstieg und 1999 bereits die 10 000er Marke deutlich überschritt. Laut dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“ sollen inzwischen jedes Jahr ca. 13.000 neue Videotitel auf den US-Markt kommen, die sich im Durchschnitt 1000 bis 2000 mal verkaufen lassen. Die Videos werden auf verschiedene Arten vermarktet: entweder über den Bereich des Verkaufes, über den Versand oder direkt in den Sexshops. Ein weiterer Gewinnanteil entsteht durch den Verleih in den Videotheken und den Einsatz in den Filmautomaten. Ein weiteres Geschäft stellt die Vergabe von Lizenzen, Verleih- und Verkaufsrechten in andere Kontinente dar. So mussten z.b. Konsumenten, die in Deutschland Produkte der amerikanischen Videofirma „Caballero“ sehen wollten, in einen Beate Uhse- Sexshop gehen, da Gerd Wasmund mit seiner Videoproduktion „Mike Hunter Video“ u.a. auch die Rechte an den Caballero-Produkten in Deutschland hielt.

Im Videoverleihgeschäft haben ca. 50% der Videotheken keine pornographischen Filme im Angebot, vor allem weil die Branchenführer „Blockbuster“ und „Hollywood Video“ wegen ihrer „familienfreundlichen“ Geschäftspolitik diese Filme nicht in ihr Programm nehmen. Bei den anderen 50% machen die Pornofilme bis zu 20% der Gesamteinkünfte aus.  Laut der Arthur Andersen Studie im Auftrag der „Video Software Dealers Association (VSDA)“ gibt es in den USA mehr als 81.000 Einzelhandelsgeschäfte, vom Großhändler, Discountern, bis zu unabhängigen Videoshops, die Homevideos anbieten. 25000 von diesen handeln mit pornographischen Videos. Das Geschäft mit Adult-Filmen hat sich in den USA zu einer Überlebensstrategie der kleinen Videogeschäfte entwickelt. Die Gewinnspannen sind bei Adultfilmen höher, während eine gängige Hollywoodproduktion ca. 60 Dollar im Einkauf kostet, ist ein durchschnittlicher Pornofilm  schon für 20 Dollar zu haben, beide erzielen im Verleih aber den gleichen Preis von ca. 4 Dollar. Nach der VSDA sollen die US-Amerikaner im Jahr 2000 mehr als 19 Milliarden Dollar für die Ausleihe und den Kauf von Video und DVD ausgegeben haben, ca. 16% dieses Umsatzes wurden mit Soft- und Hardcorefilmen erwirtschaftet. 2002 wurden aus dem Verleih und dem Verkauf von Adult-Videos und DVD`s  anteilig 29,1% des Gesamtumsatzes erwirtschaftet, der in diesem Jahr $3.95 Milliarden betrug. Der Umsatz per Mail Order und über das Internet ist bei dieser Bilanz nicht berücksichtigt worden.
2006 sank in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal nach vielen Wachstumsjahren der Umsatz aus dem Verkauf und Verleih von herkömmlichen Pornos (VHS/DVD) von 4,28 auf 3,62 Milliarden Dollar. Laut dem Direktor der Free Speech Coalition sind die Gewinne der amerikanischen Pornoindustrie 2009 im Verhältnis zum Jahr 2007 um 30%-50% eingebrochen. Im San Fernando Valley [Los Angeles], einem der Produktionszentren der Industrie werden anstelle der sonst üblichen 5-6000 Filme jährlich momentan nur noch 3-4000 Filme produziert. Auch die Darsteller sind von dieser Entwicklung spürbar betroffen. Bekam eine weibliche Darstellerin für eine „straight scene“ rund $1000, so sind es inzwischen nur noch $800 oder weniger. Ursache sind neben der allgemeinen Wirtschaftskrise, vor allem Copyrightverletzungen und der unlizensierte Handel über die File-sharing-Plattformen.

2007 trafen sich in San Fernando Valley ca. 60 Vertreter der Pornobranche um über eine gemeinsame Vorgehensweise gegen die Produktpiraterie zu beraten. Unter ihnen befanden sich namenhafte Unternehmen wie Vivid Entertainment, Digital Playground und Red Light District. Aus diesem Treffen resultierte die Gründung der Global Anti-Piracy Agency(GAPA), die sich als eine brancheninterne Organisation der Sexindustrie begreift. Laut Caryn Goldberg, einem der Vorstandsvorsitzenden der GAPA, liegt der Verlust der durch das illegale Kopieren und Weiterverbreiten ihrer Produkte entsteht, bei ca. 25% des Gesamtumsatzes. Mit einem ähnlichen hohen Prozentsatz kalkuliert die reguläre Musik- und Filmindustrie ihre Verluste durch Produktpiraterie. Für 2007 wurden die Verluste der US-Sexindustrie, laut der GAPA, auf $2 Milliarden geschätzt. Diese gemeinsame Initiative von Unternehmen aus der Sexindustrie, die größtenteils aus dem Filmbereich kommen, scheint aber kein großer Erfolg gewesen zu sein, oder die Aktivitäten haben sich auf andere Organisationen verlagert. Die Domain der Internetpräsenz der GAPA stand jedenfalls im November 2009 zum Verkauf.

Eine ähnliche Organisation, die sich im gleichen Jahr in Los Angeles konstituierte, ist die PAK Group. Sie zählte einem Monat nach ihrer Gründung 17 Unternehmen als Mitglieder (u.a. Falcon Foto, Shane’s World/Hush Hush Entertainment, Antigua Pictures, VCX, Cal Vista, Teravision, Kink und Grooby Productions) und unterhält Verbindungen zur australischen Adult Industry Copyright Organisation (AICO), der Free Speech Coalition, dem AVN Media Network und der Helmy Enterprises, die über Adnet Media das populäre Webmasterboard XBIZ betreibt. Die PAK Group unterstützt und berät Porno-Produzenten bei der Wahrnehmung ihrer Urheberrechte und dokumentiert und verfolgt Copy Right-Verletzungen u.a. mit eigens entwickelter Software, um dann mit Zahlungsaufforderungen und Gerichtsverfahren gegen die Produkt-Piraten vorzugehen. Vorstandsmitglied und Sprecher der PAK Group ist Jason Tucker von Falcon Foto, die bereits seit 2003 juristisch gegen Copy Right-Verstösse vorgehen.


Mail Order und Internet sollen laut Forrester, 2001 nicht mehr als 10% des Verkaufsumsatzes ausgemacht haben. Genau in diesem Bereich bannt sich aber eine Verschiebung des Marktes an. Durch verbesserte Streaming-Technologien, verbilligte Flatrates, Pay-per-View-Verfahren und neue Technologien, die das schnelle Herunterladen von Filmen ermöglichen – technische Innovationen, die vor allem zuerst von der Sexindustrie genutzt werden – geraten die Majors mit ihrem herkömmlichen Verleihsystem und der veralteten VHS-Kassette inzwischen in Zugzwang. 2000/1 kamen der Videoverleih-Marktführer Blockbuster und ein Zusammenschluss von fünf Hollywood-Filmstudios; MGM, Paramount, Sony, Warner Brothers und Universal jeweils mit einem eigenen Video-on-Demand-System auf dem Markt, scheiterten aber an der technischen Umsetzung.(zu lange Downloadzeiten, umständliche Plug-Ins, mangelnde Versorgung der Konsumenten mit High-Speed-Verbindungen) Zu diesem Zeitpunkt bot die pornographische Online-Industrie bereits seit sechs Jahren aufgezeichnete und Live-Videos über das Internet an, angefangen mit den ersten Echtzeitvideos von Sexshows über die holländische Webseite “Red Light District” im Jahr 1994. „Blockbuster“ fuhr Verluste in dreistelliger Millionenhöhe ein und der Blockbuster-Rivale „Movie Gallery“ büßte 2005 beinahe zehn Prozent seines Geschäftes ein. Von den 11,4 Milliarden Dollar, die insgesamt auf dem Heimvideo-Markt umgesetzt werden, kommen inzwischen nur noch 900 Millionen aus dem Umsatz mit Magnetbandkassetten. Die Zukunft des Videos im Segment Home-Entertainment, liegt im Vertrieb per Netz mittels „Pay-per-View(PpV)“ und „Video on Demand(VoD)“- Verfahren, sowie in der Vermarktung über PayTV durch Kabel- und Satellitennetzwerke und dem InternetPayTV(IPTV). Nach einem Report der “Multimedia Research Group, Inc“(MRG) wird global die Anzahl der IPTV-Kunden von 3,7 Millionen im Jahr 2005 auf 36,9 Millionen im Jahr 2009 anwachsen – eine Wachstumsrate von voraussichtlich 78%.

Bei der Einführung der neuen Disk-Technologie, die u.a. die Wahl verschiedener Kameraperspektiven zum Standard erheben wird, wird die Pornoindustrie mit ihren 11.000 Neuerscheinungen pro Jahr von von Online-Diensten wie  „BIZ-Report“  inzwischen schon als ein maßgebender Faktor gehandelt. Zwei Firmenkonsortien aus Technik und Filmkonzernen propagierten verschiedene Scheiben als Nachfolger der DVD. Die Blue Ray Disc mit 50 Gigabyte Speicherkapazität, die Investitionen in neue Maschinen verlangt, wurde von Sony, Philips und Disney favorisiert. Die billiger zu produzierende HD-DVD mit 30 Gigabyte Platz wurde von NEC, Toshiba und Warner Brothers vertreten. Die Produktionsfirmen Digital Playground und Vivid, die bereits seit 2004 hochauflösende Videos drehen, begannen ab 2007 ihre Produktionen auf  HD-DVD zu veröffentlichen, da Sony wegen der „öffentlichen Meinung“ in den USA versucht das Blu-ray-Format weitgehend pornofrei zu halten, u.a. um so die Vermarktung der PlayStation 3 problemlos realisieren zu können

Die Japanische Pornoindustrie hat im Sommer 2007 auf ihrer landesweit größten Erotikmesse ihre Entscheidung für das Blue-ray-Format bekanntgegeben. Sony hält zwar auch in Japan daran fest, in seinen eigenen Presswerken keine Pornos herstellen zu wollen, die Maßgaben dieser Firmenpolitik wurden aber umgangen, indem ein taiwanesisches Unternehmen eine Press-Maschine von Sony kaufen konnte und die Serienfertigung von pornographischen Discs im August 2007 aufnahm, die dann nach Japan importiert werden. Walt Disney, 20th Century Fox und Metro-Goldwyn-Mayer entschieden sich ebenfalls für das Blue-ray-Format und Anfang 2008 schloss sich Warner dieser Allianz an. Gemeinsam mit Universal ist Paramount nun das letzte große Studio, dessen Produkte auf HD DVDs auf den Markt kommen sollen. In Finanzkreisen wurde daraufhin spekuliert, dass Paramount eine Klausel im Vertrag mit der HD-DVD-Group geltend machen könne, die besagt, dass bei einem Ausstieg von Warner auch Paramount seine Bindung an die HD DVD als Medienträger lösen kann. Mit deren Ausstieg würde sich die Blu-ray Disc als de facto Standard für hochauflösende Videodatenträger etablieren.

“VCA Interactive” realisierte Ende 2000 eine der ersten Multi-Angle-DVDs die es dem Zuschauer ermöglichte aus einer Vielzahl von Kameraperspektiven auszuwählen. Die Kosten für eine derartige Produktion mit durchgehenden vier verschiedenen Perspektiven können sich ohne weiteres verdoppeln, da zusätzliches Personal, mehr Zeit und Ausrüstung benötigt wird. In diesem Zusammenhang ist auch die US-Firma „Perpetual Robotics“ aus Chicago interessant. Sie galt um 2000 als marktführend in der Anwendung sogenannter zuschauer-kontrollierter Webcams, die dem User eine Auswahl verschiedener Kamerapositionen und -Winkel ermöglichen. „Perpetual Robotics“ zählte große Sportorganisationen wie die „National Football League“, die „Major League Baseball“ und die „United States Tennis Open“, wie auch „Playboy.com“ zu ihren Kunden.


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