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Sexworking in der Filmbranche

Die heterosexuelle Pornoproduktion in den USA kann grob gesagt in drei Kategorien eingeteilt werden. Professionell, Pro-Amateur und Amateur. Die professionellen Companies beschäftigen in der Regel zwischen 50 bis 100 Mitarbeiter für den Verkauf, Marketing, Versand, Promotion und Produktion. Jede diese Firmen produziert monatlich mehr als 20 neue Videotapes mit den aktuellen populären Talenten und Stars. Das Budget pro Videoproduktion liegt zwischen 50 000 bis 150 000 Dollar. (Nach Stoller kann eine Videoproduktion in der Preislage zwischen 12 000 bis 50 000 Dollar realisiert werden und eine 35mm-Kinoversion kostete zwischen 80 – 150 000 Dollar). Die Möglichkeit der Vermarktung über das Kabelfernsehen hat dazu geführt, dass die Filmproduzenten dazu übergegangen sind, neben der Hardcore-Produktionen, sogenannte Softcore-Produktionen zurechtzuschneiden, da die Softcore-Version von den lokalen Gesetzesgebern in der Regel toleriert wird, während Hardcore in vielen Fällen verboten wurde. Bereits bei der Produktion der pornographischen Filme arbeiten die Regisseure mit alternativen Kameraeinstellungen um zu verschiedenen Versionen des gleichen Produktes zu kommen: die pornographische XXX-Version für den Video-und DVD-Markt, die XX-Version – und die Softcoreversion, bei der weder Erektionen noch Penetrationen zu sehen sind, für den Kabelfernsehmarkt.

Im Gegensatz dazu bestehen die Firmen der Amateurproduktionen nur aus wenigen Personen, welche die Scala der verschiedenen Tätigkeitsbereiche von Schauspieler bis Marketing abdecken können. Das Budget bewegt sich von einigen hundert bis zu mehreren tausend Dollar. In der Regel produzieren diese Firmen nicht selber, sondern bearbeiten und vermarkten sogenanntes „homemade“-Material, welches ihnen zugeschickt wird. Der Begriff „Pro-Amateur“ oder „Gonzo“-Companies beinhaltet kleine Firmen mit relativ großem Budget bis hin zu mittlere Firmen mit einem kleinen Budget. Der Finanzierungsspielraum pro Filmproduktion soll sich zwischen $15 000 – $25 000 bewegen. Dieses Segment der „Pro-Amateur-Produktionen bildet eine Brücke zwischen den Professionellen und den „homemade-Produktionen, indem sie neue Trends und Talente aus dem Amateurbereich aufnehmen und in Filmproduktionen von professioneller Qualität, mit bekannten Darstellern und relativ geringen Kosten, umsetzen.

Viele Menschen suchen sich ihren Job nach Gesichtspunkten der Karriereplanung aus. Dabei spielen materieller Gewinn, sozialer Status und soziale Kontakte eine wichtigste Rolle. Andere bevorzugen Arbeitsverhältnisse, wo sie ihr größtmögliches Quantum an individueller Freiheit und Unabhängigkeit erhalten können. Die Karrieren in der Pornographieindustrie bieten, wie viele andere Arbeitsbereiche, inzwischen einige dieser Möglichkeiten und Vorteile. Aber trotz dieser vergleichbaren Verhältnisse wurden Jobs in der Pornobranche von Außenstehenden lange Zeit selten als Arbeit angesehen. Die populäre Vorstellung geht vom „einfachen, schnell verdienten Geld“ aus, welches auch von den einschlägigen Fan-Magazinen und vergleichbaren Publikationen suggeriert wird, während die Arbeit in Wirklichkeit oft langweilig, ermüdend und physisch sehr anstrengend ist. Dem Starsystem entsprechend, verdienen einige wenige sehr viel Geld, während die Mehrzahl mit einem Verdienst, vergleichbar mit einem Mittelklasseeinkommen, auskommen muss. Aufgrund der immer noch existierenden Stigmatisierung dieses Arbeitsbereiches sind die Möglichkeiten in anderen, vergleichsweise ähnlichen Bereichen der Unterhaltungsindustrie eine Stellung zu bekommen begrenzt, obwohl diese strikte Grenzziehung in den letzten Jahren Tendenzen einer Liberalisierung zeigt.

„The days and days and days of eighteen-hour shooting schedules, of physically abusive practices, of heavy drug use on the set in order to keep people up and motivated for long periods of time: it´s like working in a coal mine. A tough goddamn job. These people get into it thinking it´s going to be easy money. It doesn´t turn out to be easy money. It turns out to be very hard money, and after you´ve done this, you´re poisoned for anything else. Most people who get into this business out here originally intended to enter the entertainment business in some other capacity. But after you´ve done porn films, you can´t do anything else. You can´t even do commercials. It´s even very hard to get work as an extra. If the word gets around that you´ve shot X, that´s it!”

(Zitat: B. Margold in Stoller Robert J., 1991 : 209)

Eine typische Sexszene, die im fertigen Film zehn bis fünfzehn Minuten lang ist, beansprucht ca. 2 Stunden Drehzeit. Auf dem professionellen Level verdienen die Darstellerinnen für eine individuelle Szene zwischen 300- 1000 Dollar. Die Summe ergibt sich aus der Popularität der Darstellerin, den Umständen der Filmproduktion und dem, was die Szene beinhaltet. Für Masturbation und lesbische Szenen („girl/girl“) wird am wenigsten gezahlt, für anale und doppelte Penetration am meisten. Gerade die bestbezahltesten Sexualpraktiken wie „Double Penetration“ oder „Gang Bang“ können aber auch zu einem schnellen Abrutschen der Darstellerin in die B-Liste führen. Die üblichsten Szenen beinhalten analen Sex und normalen Geschlechtsverkehr und werden mit ca. 500 Dollar bezahlt. Das ist zwar ein sehr hoher Stundensatz, aber das Einkommen ist begrenzt durch die Anzahl von Filmangeboten die die Darsteller erhalten. Sie müssen mit dem Geld oft vergleichsweise lange Perioden der Nichtbeschäftigung überbrücken. Afroamerikanische Darsteller/innen in heterosexuellen wie homosexuellen Pornofilmen verdienen weitaus weniger Geld als ihre weißen Kolleginnen. In der Regel müssen sie sich mit der Hälfte bis zu dreiviertel des Betrages zufrieden geben, welcher weißen Akteuren für die gleiche Sexszene gezahlt wird. Außerdem werden sie weniger für die teuren, qualitativ hochwertigen Filmproduktionen verlangt und treten stattdessen häufiger in Gonzo- und Small Budget-Produktionen auf, deren Qualität, wie auch die Bezahlung, geringer sind.

Wenn sich die Darsteller über einen Agenten ins Business vermitteln lassen, ist es üblich, dass sie einen Fragebogen, eine detaillierte Liste verschiedener Sexualpraktiken, zu denen sie bereit sind, ausfüllen, z.b. Masturbation, Penetration, oral, anal, lesbische Szenen und Gruppensex, etc… Viele Anfängerinnen wollen am Anfang Szenen mit Geschlechtsverkehr mit ihrem private Freund oder Ehemann vor der Kamera praktizieren.  Diese Profile werden dann – je nach weitergehender Professionalisierung der Darstellerinnen, aktualisiert.

Im Gegensatz zum Professionellen und Gonzo-Bereich, wo Geld durchaus ein entscheidender Motivationsfaktor sein kann, verdienten Darsteller im Amateurbereich so gut wie gar nichts. Einzelpersonen, die so ein „homemade“-Video an einen Verleiher verkaufen, erhalten in der Regel eine Summe von 150 Dollar. Amateurproduktionen stehen für realen, authentischen Sex. Die Motivationen in so einem Film mitzuwirken, liegen nicht beim geringen Verdienst, sondern eher bei den individuellen Neigungen und bei der Möglichkeit auf diese Weise Interesse zu wecken und sich so einen späteren Zugang zu semiprofessionellen Produktionen zu schaffen. Allerdings sind über das Internet inzwischen Geschäftsmodelle entstanden, die auch Amateuren die Möglichkeit der professionellen Vermarktung ihrer Produktionen anbieten.

“I should also point out that porn actors often experience no sexual pleasure while filming. I don’t deny that it can happen, but it’s not an objective. As in any film genre, the action is not reality but spectacle – and hence false. Acting out a sex scene is still acting.”

Zitat aus einem Interview mit Ovidie (Pornofilmdarstellerin u. Regisseurin) im Guardian, 12.04.2002

Die Lebensspanne einer Pornofilmdarstellerin betrug anfangs der 90er 3-4 Jahre. Inzwischen liegt die reguläre Lebensdauer einer Darstellerin zwischen 9 – 22 Monaten. Danach verlangt das Publikum meistens nach „frischem Fleisch“ und neuen Gesichtern. Frauen, jenseits der Star-Kategorie, die langfristig in diesem Bereich arbeiten wollen sind, sofern dies ihre einzige Verdienstmöglichkeit darstellt, einerseits zwar gezwungen regelmäßig in neuen Produktionen aufzutreten, müssen aber andererseits darauf achten das das Publikum ihrer nicht überdrüssig wird. Richtige „Sexstars“ sind selten. Nach den Aussagen von Bill Margold, einem Veteranen der Pornofilmindustrie, der jahrelang Darstellerinnen gecastet hat,  mögen viele Frauen ihre Arbeit nicht, aber das zu erwartende hohe Einkommen bietet ausreichend Anreize und Motivation um in diesem Bereich zu arbeiten. Auf dem professionellen Level müssen die Darstellerinnen zusätzlich einen beträchtlichen Teil ihres Verdienstes in ihren Körper und ihr Erscheinungsbild investieren. „schönheits“-chirugische Eingriffe wie die Vergrößerung der Lippen und der Brüste durch Silikoneinspritzungen sind die Norm in diesem Geschäft und müssen von den Frauen selbst bezahlt werden. Auch der alle 30 Tage erforderliche HIV-Test bei der AIM muss aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Für die Frauen, von denen verlangt wird, dass sie auf Messeveranstaltungen, Promotionspartys etc. erscheinen oder zusätzlich in Stripteaseclubs auftreten, entstehen weitere Kosten für die Garderobe und die speziellen Kostüme.

Die „AIM (Adult Industrie Medical Healthcare Foundation)“ ist eine Klinik in Südkalifornien, gegründet von dem ehemaligen Pornodarsteller Sharon Mitchell. „AIM“ stellt zum herkömmlichen Krankenhaus eine Alternative für Pornodarsteller mit ihren speziellen Anforderungen in diesem Bereich dar. Die AIM führt die Datenbank über die HIV-Tests der Beschäftigten in der Pornobranche. Ein Schauspieler bekommt keinen Job in der Branche ohne eine Bestätigung der AIM ,die besagt dass der HIV-Test in den letzten 28 Tagen negativ ausgefallen ist.

Ein weiterer Motivationsgrund für eine Laufbahn als Pornofilmdarsteller ist es bekannt, bzw. berühmt zu werden, was bei den semi- und professionellen Produktionen durchaus möglich ist. Diese Produktionen werden oft im Rahmen sogenannter „Black-tie-partys“, wo die Stars live auftreten, uraufgeführt. Die Eintrittspreise liegen bei um die 100 Dollar und die Produzenten, Verleiher, Fan-Magazine und Clubs inszenieren dort eine Atmosphäre von Glamour, Starkult und kommerzieller Vermarktung. Höhepunkte sind die Verleihung der Porno-Oscars an die besten Darsteller und Produzenten. 2000 gab es zwei verschiedene Award-Veranstaltungen dieser Art in jedem Jahr. Im heterosexuellen Porno gilt der Starkult fast ausschließlich den Frauen während die Männer eher im Hintergrund bleiben. Für weibliche Darsteller bedeutet eine Karriere im Pornofilm die ständige Verfügbarkeit für die Öffentlichkeit. Dies schließt Stripteasevorführungen, Modelling, sich photographieren lassen, Interviews geben, mit Fan-Gruppen in Kontakt treten, Autogrammstunden und das erscheinen auf Award- und Trade-Shows mit ein. Die Computertechnologie bietet weiterführende Vermarktungs- und Interaktionsmöglichkeiten, wie interaktive Software, CD-Rooms, Live-Cam-Shows und Online-Chatsessions. Für die Frauen bedeutet eine Karriere im Pornobusiness weitaus mehr als nur vor der Kamera zu agieren. Eine weitere Verdienstmöglichkeiten bieten Escortagenturen. Verschiedene Escortagenturen, wie „bodymiracle.com“ bieten einen speziellen Porno-Star-Service an, wo die einzelnen Frauen ab $1,500 die Stunde gebucht werden können.

Männer verdienen weniger – bis zu 50% weniger als ihre weiblichen Kollegen. Wenn der Verdienst durch die Film- und Videoproduktionen nicht ausreicht, suchen sich viele zusätzliche Jobs, die mit der technischen und organisatorischen Seite, bis hin zur Regie, dieser Produktionen zusammenhängen, um ihr Einkommen zu verbessern und sich eine bessere Ausgangslage in dem Gewerbe zu verschaffen. Nach der nordamerikanischen Perspektive, laut dem Buch von Robert J. Stoller, soll es um 1990 ca. 50 langjährige männliche Pornofilmdarsteller in diesem weltweiten Business gegeben haben, von denen ca. 20 regelmäßig arbeiteten. Eine Vielzahl von Männern ist nur für kurze Zeit, für eine Filmproduktion in diesem Geschäftszweig tätig und verschwinden dann wieder von der Bildfläche. Von den Darstellern wird neben einem guten bis normalen und gesunden Aussehen, eine ausreichende Kontrolle ihrer Sexualfunktionen unter der Stresssituation einer Filmproduktion vorausgesetzt, d.h. auf Abruf eine Erektion vorweisen zu können, sie lange zu halten, bis hin, zu der auf Abruf stattzufindenden Ejakulation, wie es das alte Formula des „cum shots“ vorschreibt. Bekommt ein Schauspieler allerdings mehrmals hintereinander keine Erektion vor der Kamera, war er früher – und teilweise auch heute noch – raus aus dem Geschäft.  Dies hatte seinen Grund in den besonderen Produktionsbedingungen, bei denen ganze Filmszenen in einem Stück gedreht und Filme teilweise in wenigen Tagen produziert wurden. Heute ist es in den großen Studios inzwischen problemlos möglich mit Doubles zu drehen.

„If an actor is unable to maintain an erection, a “stud“, usually another actor on the set, may be requested to participate in the scene. Close up shots featuring the stud`s erect penis are edited with distant shots of the orginal scene”

(Zitat aus:  „Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozess“, Pastötter Jakob : 2002, Seite 93)

Auch aus diesem Grunde entwickelt sich der Sexualverkehr, der im privaten Bereich an für sich eine Quelle der Freude ist, besonders für die Männer zu einem „harten Stück Arbeit“. Alle der wichtigen männlichen Darsteller in diesem Business waren zum Zeitpunkt dieser Studie über 30 Jahre, bis über vierzig alt und einige arbeiteten schon an die 10 Jahre in diesem Bereich. Die Männer sollen in der Subkultur des Pornobusiness, die trotz des kommerziellen Erfolges und der zunehmenden öffentlichen Akzeptanz immer noch stigmatisiert ist, eine relativ isolierte Gruppe darstellen. Soziale Kontakte der männlichen zu den weiblichen Darstellern außerhalb der Arbeit sollen eher unüblich und Freundschaften selten sein.

„…I find male porn performers to be among the most close-lipped, guarded, remote individuals I´ve ever known. They really keep to themselves and each other, much more than the women, they are extremely clannish, a subculture within a subculture….I think that the most common false pretension of the male performers is that they´re just horny regular guys. A lot of false jocularity. They try to act like a bunch of fraternity brothers.”

(Zitat: B. Margold in  Stoller Robert J., 1991 : 156/8)

„9 to 5 – Days in Porn“ ist ein 2009 erschienener Dokumentarfilm über Darsteller und Macher in der Pornoindustrie. Der Regisseur Jens Hoffmann hat in der Region San Fernando Valley, einem der Zentren der US-Pornofilmproduktion, über einen Zeitraum von anderthalb Jahren zehn Akteure der Branche mit der Kamera begleitet. Zu den Porträtierten gehören u.a. Belladonna, Audrey Hollander, Otto Bauer, Sasha Grey und Roxy Deville. Ergänzt werden die zehn Geschichten, die in der Struktur eines Episodenfilms gehalten sind, durch Interviews mit Veteranen der Szene wie Dr. Sharon Mitchell, John Stagliano oder Nina Hartley. Der Regisseur nähert sich mit Respekt seinen Protagonisten und ermöglicht dem Zuschauer einen wertfreien Blick auf das normale Leben der Darsteller, ihre Hoffnungen und Träume, ohne die sonst übliche Sensationshascherei und den soziologischen Aha-Effekt. Jens Hoffmann wurde im gleichen Jahr für den deutschen Kamerapreis nominiert.

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