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Die homosexuelle Pornobranche

Ein Aspekt der in der Diskussion um Pornographie in den letzten Jahren kaum beachtet wurde, ist das des Segments der homosexuellen Pornoproduktion. Einige Marktanalysen und  Schätzungen gingen davon aus, das der Gesamtumsatz von 2,5 Milliarden  Dollar dieser Filmindustrie zu einem Drittel bis zur Hälfte aus dem Verkauf und Verleih homosexueller Produktionen kam. Aufgrund der Tatsache, dass die Pornographiedebatte zu einem Grossteil von feministischen Kreisen in der Öffentlichkeit bestritten wurde, mit dem Hauptaugenmerk auf sexuelle Ausbeutung und Gewaltverhältnisse in bezug auf Frauen, wurde der Bereich der homosexuellen Pornographie größtenteils ausgeklammert. Die homosexuelle Pornoindustrie hat viele Ähnlichkeiten, aber auch wichtige Unterschiede zum „normalen“ heterosexuellen Porno. Beide sind zur gleichen Zeit, mit der Expansion auf dem Videomarkt in den 80er Jahren, enorm angewachsen. Beide Genres haben ein klar definiertes Starsystem, welches den populären Darstellern ein höheres Einkommen und bessere Arbeitsbedingungen garantiert und beide Segmente dieser Industrie haben einen Schwerpunkt ihres Gewerbes im geographischen Raum von Los Angeles. Die homosexuelle Videobranche hat den Boom der „normalen“ Pornoproduktionen in sogenannten Nischen-Videos vollzogen. Diese beinhalten u.a. die Bereiche Amateur, Wrestling, Transsexuelle, Bondage und die Bereiche des Sadomasochismus. Ab den 90er Jahren boomte dieser hochspezialisierte „Nischenmarkt“ und hat an der Popularisierung von BDSM entscheidend mitgewirkt.

Nicht nur für die Filmbranche, auch im Internet hat sich dieses Segment zu einer kapitalkräftigen Industrie entwickelt. Laut PlanetOut haben die lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender Communities in den USA zusammen eine Kaufkraft von $485 Milliarden.  “PlanetOut Inc.” ist eine der führenden Medien- und Entertainment-Unternehmen für die lesbischen und schwulen Communities in den USA und mittlerweilen an der Börse notiert. Zu den Publikationen des Holdings gehören The Advocate, Out, The Out Traveler und HIVPlus, sowie deren Onlineausgaben und die Webportale PlanetOut.com und Gay.com mit lokalen Ausgaben in Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Das Unternehmen mit der Muttergesellschaft Online Partners ist durch den Zusammenschluss der beiden Mega-Seiten Gay.com und PlanetOut.com 2000/1 entstanden. Beide Firmen sind 1994 in San Francisco gegründet worden, wobei PlanetOut den Schwerpunkt auf die Content-Vermarktung und Gay.com (Mitbegründer Mark Elderkin) seinen Fokus auf Chat-Communities hatte. Inzwischen haben diese beiden Webseiten, die immer noch die Flagschiffe des Unternehmens darstellen, über 3,5 Millionen aktive Mitglieder. “PopcornQ”, ursprünglich eine Webseite, die um die Publikation The Ultimate Guide to Lesbian and Gay Film and Video (1996) entstanden ist und sich dann zu einem Netzwerk entwickelte welches lesbische und schwule Filmproduktionen förderte und sponserte, ist inzwischen ebenfalls Bestandteil von PlanetOut Inc.


Der hauptsächlichste Unterschied zwischen „gay“ und „straight“- Pornographie ist, dass der homosexuelle Porno fast vollständig in das Leben der Schwulen Subkultur integriert ist, während der sogenannte „straight“-Porno von einem Großteil der heterosexuellen Bevölkerung als stigmatisiert angesehen wird. Der „gay“-Porno spielt eine anerkannte und wichtige Rolle im sozialen und kulturellen Leben der schwulen Subkultur der USA. Die Filmproduktionen spiegeln oft aktuelle Trends  der Attitüden und des Lifestyles wider, bzw. iniizieren sie. Homosexuelle Pornos sind innerhalb der Subkultur mit dem Ende der 80er Jahre gesellschaftsfähig geworden. Im Zuge einer Politisierung der Gay-Szene wurde der Porno ein Vehikel um Sexualität offensiv in die Öffentlichkeit zu stellen und schwule Identität zu konstituieren, bzw. zu konstruieren. Seriöse Buchhandlungen der Community begannen Pornovideos innerhalb ihres Sortiments aufzunehmen, sie zu verleihen und zu verkaufen. In vielen Zeitungen und Magazinen der schwulen Community gibt es verschiedene Kolumnen mit Interviews der Darsteller, in denen neue Pornoproduktionen vorgestellt werden. Ein klares Zeichen der Akzeptanz von Pornovideos als Bestandteil des homosexuellen Sexuallebens. Die „Gay“-Pornoindustrie hat ihre eigenen Award-Shows, die bekanntesten sind der „Gay Erotic Video Award“(GEVA) und der „Gay Adult Video News Award“ (GAVN). Der letztere wird von dem wichtigsten Magazin der Sex-Branche gesponsert, den „Adult Video News“.

In „Straight“ Videos liegt der Focus auf den weiblichen Darsteller während es bei den homosexuellen Produktionen genau umgekehrt ist. Ein weiterer wichtiger Unterschied war das Fehlen von Soft-Core-Versionen. Während viele der normalen Filmproduktionen in zwei Versionen, einer Hardcore-Version für den Videomarkt und einer Softcore-version für die Kabelprogramme produzierten, entfiel die letztere bei den Gay-Produktionen fast völlig, da außerhalb der homosexuellen Subkultur, diese immer noch als stark stigmatisiert galt. Im Zuge der weitergehenden Kommerzialisierung werden inzwischen über Kabel schwule TV-Formate realisiert und Filme angeboten, so dass sich die Produktionsbedingungen den heterosexuellen Formaten angenähert haben. Inzwischen sind schwule Charaktere, seit Ende der 90er Jahre, ein fester Bestandteil im US-Fernsehen geworden. Die Comedy „Will&Grace“ auf NBC und die Bravo-TV-Show „Queer Eye for the Straight Guy“ verzeichnen beide hohe Einschaltquoten. Daneben gibt es Serien wie „The L Word“ und „Queer as Folk“ die ihren Focus auf die lesbische, bzw. schwule Sexualität haben. Im Oktober 2004 startete in Frankreich mit „Pink TV“ der erste Fernsehkanal für schwule Zuschauer. Im Sommer 2005 folgte in den USA Viacom (MTV) mit „Logo“, dem ersten Kabelkanal Amerikas für ein schwules Publikum. Der Kanal wird in 10 Millionen Haushalten im digitalen Kabel verbreitet und bietet eine Mischung aus Berichten, Nachrichten, Reality-Shows, Serien und Spielfilmen..

http://www.welt.de/data/2005/07/02/739852.html

Eine ähnliche Verflechtung zum sexuellen Entertainment in Nachtbars und Stripteaseclub wie bei der heterosexuellen Pornofilmproduktion, existiert auch im Gay-Segment. Die Tanzauftritte von Darstellern der Videoproduktionen in den Gay-Bars sind seit Anfang der 90er zum integralen Bestandteil der schwulen Pornoindustrie geworden und machen einen nicht unwesentlichen Teil des Einkommens der Darsteller aus. Zusätzliche Arbeit, bzw. Jobs sind für die Darsteller allerdings auch notwendig, da der Verdienst als Darsteller in den Produktionen nicht ausreicht um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Prostitution soll eine durchaus übliche Einkommensquelle vieler Performer darstellen, die üblicherweise über Escortagenturen abgewickelt wird. Die Mitwirkung an Pornovideos gilt als ein wichtiger Erfolgsgrund bei der Arbeit als Escortmodell, wo bis zu 250 Dollar die Stunde (Höchstsatz) verlangt werden können. Größere Unternehmen im schwulen Model- und Escort-Bereich, wie “Hot House”, “Steven Scarlborough” und die größte Company – “Falcon”, sind nicht im Raum Los Angeles, sondern in San Francisco beheimatet. Eine nicht-kommerzielle Organisation, die sich um die Belange von männlichen Sexarbeitern gekümmert hat, war Hook.

Hook wurde 1998 als eine nationale Graswurzelorganisation gegründet mit dem Ziel Männern, die in der Sexindustrie arbeiten, zu unterstützen, zu vernetzen, Kommunikation untereinander zu ermöglichen und Informationen zu vermitteln. Hook betrieb seit 2000 eine Webseite, die zunächst von Toronto aus gehostet wurde. Danach hatte die Organisation ihren Hauptsitz in Seattle. Die Seite bot umfangreiche Ressourcen wie Linklisten von Sex-Pro und Sexarbeiter-Initiativen, Message-Boards, Tutorials und Erfahrungsberichte von männlichen Sexarbeitern an. Als PDF-Dateien konnten Informationsbroschüren heruntergeladen werden, die sich mit den verschiedenen Bereichen der Sexarbeit auseinandersetzen, wie Escort-Service, Arbeit im Pornofilm, Strippen und BDSM. Neben einem „Client Guide“, der potentielle Kunden informiert und Adressen von Etablissements, Organisationen und Einzelpersonen vorstellte, wurde kostenlos das Handbuch „How to Hustle“ angeboten. Ein Handbuch für den männlichen Sexarbeiter mit einem kleinen Kapitel für heterosexuelle Sexarbeiter. (der überwiegende Teil der Männer sind schwul, bzw. bedienen ein homosexuelles Klientel). Neben der Webseite organisierte Hook Workshops und öffentliche Veranstaltungen und gab ein Print-Magazin heraus, das Ende 2006 zehn Ausgaben zählte. Die sechste und siebte Ausgabe ihres Magazins hatten ihren inhaltlichen Schwerpunkt auf die gleichzeitig stattfindende Kampagne „Hook-up“. Diese Kampagne fand in Zusammenarbeit mit dem Justice Resource Institute in Boston, der AIM Healthcare in Los Angeles und dem Night Ministries in Chicago statt. Ein vorrangiges Ziel war die Erstellung einer komplette Liste aller möglichen Ressourcen für männliche Prostituierte, die auf der Straße arbeiten. Hook betrieb eine Informationspolitik, die Sexarbeiter wie deren Kunden und die allgemeine Öffentlichkeit über Risiken und Vorteile der Sexindustrie informierte. Einerseits damit ein vorurteilsfreier Blick auf diese Branche möglich wird und Sexarbeiter sich nach dem peer-to-peer-Prinzip weiter qualifizieren konnten und über die Verhältnisse einzelner Segmente und Szenen dieser Branche informiert wurden, so dass ein mögliches Schadens- und Missbrauchpotential von vornerein reduziert werden konnte. Die Webseite „hookonline.org“ ist inzwischen (06.2008) inaktiv.

Stoller Robert J., 1991, „Porn – Myths for the 20. Century”,  Yale University Press, New Haven, London

Pastötter Jakob, 2003, „Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozess“, Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden

Weitzer Ronald (Hg.), 2000,  „Sex for Sale“,Routledge, New York, London

Gaffin Harris, 1997, „Hollywood Blue – The Tinseltown Pornographers“, B.T. Bratsford Ltd., London


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